Offliner-Unterdrückung ist nicht christlich

Die Konrad-Adenauer-Stiftung hat einen Beitrag von Stephan Eisel online gestellt, der viele bekannte Stichwörter zu den Piraten wiederholt: Lückenhaftes Programm, linke Protestpartei, Clowns mit Internetfixierung und Pseudo-Transparenz.

Das Fazit jedoch ein Knaller:

Gerade beim Kernthema der Internetpartei tritt dabei die problematische Grundausrichtung der Piraten offen zu Tage: Ihr Menschenbild ignoriert die Verschiedenartigkeit und Gleichwertigkeit der Menschen. Denn wer mit dem Internet nichts anfangen kann oder will, passt nicht in ihr digitales Weltbild und gehört nicht zu den „Auserwählten“ der neuen Zeit. Das Weltbild der Piraten verweigert sich zudem konsequent dem unverzichtbaren und unauflösbaren Zusammenhang von Freiheit und Verantwortung. Vor einem christlichen Menschenbild kann aber elitäres Gebaren ebenso wenig bestehen wie die bedingungslose Vergötterung eines neuen Mediums.

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34 Comments.

  1. Mich würde schon interessieren, warum Sie den letzten Absatz meines Aufsatzes für einen „Knaller“ halten – oder haben Sie den Aufsatz garnicht gelesen ? Ich kritisiere die Überhöhung des Internets, von dem die Piraten meinen, dort würden sich „die Geschicke der materiellen Welt“ entscheiden.

    Es lässt ja wohl auch nicht von der Hand weisen, dass die Piraten einen qualitativen (!) Unterschied zwischen denen machen, die sich im Netz bewegen, und denen, die das nicht wollen oder können. Das ganze Konzept der „Liquid Democarcy“ schliesst alle aus, die nicht im Internet sind.

    Sollten Sie an einem sachlichen Austausch von Argumenten interessiert sein, sind sie herzlich eingeladen: http://internetunddemokratie.wordpress.com/

    Mit freundlichen Grüßen
    Stephan Eisel

    • Hallo Herr Eisel,

      eine „Überhöhung“ und eine „Vergötterung“ sind doch gerade vor dem Hintergrund einer christlich orientierten Parteistiftung zwei Paar Schuhe, finden Sie nicht?

      Dass das Lästern über „Internetausdrucker“ ziemlich borniert ist, habe ich schon oft gesagt. Sie hingegen stilisieren dies zu einer Diskriminerungs-Frage hoch, als ob man zum Offline-Sein geboren wäre.

  2. Online crowdsourcing not democratic

    Written with a sharp pencil does Eisel put the spotlight on a very ‚right‘ issue. No matter if you’re christian, right, left, green, hippie, banker, pirate, conservative, apple-fanboi or alpha-blogger.

    The group of really active web2.0 community-members is very very small. Not as 1% as large as most people think. For instance only about 50 people decided to take Wikipedia Italia from the web in an effective try to influence the democratic lawmaking procedure.

    Citizens and policians alike must be made aware that online ‚crowdsourcing‘ is very far away from the democratic standards Western societies keep alive in analogue worlds.

    (political not from the same ‚corner‘)

  3. Äh… Also um mal was konstruktiv-nettes beizusteuern: Danke, dass Du auf diesen bizarren Beitrag aufmerksam machst.

    Dass Du es allerdings tatsächlich geschafft hast, das Teil bis zum letzten Absatz durchzulesen, verwirrt mich aber doch sehr.

  4. Ich find das zu und zu gut und muss es hier einfach noch einmal zitieren:

    Von den 15 Piraten, die jetzt ins Abgeordnetenhaus der Hauptstadt einziehen, sind nur zwei über 50 Jahre alt, zugleich sind nur fünf jünger als 30 Jahre.

    Frechheit! Diese Verbrecher sind im Mittel also alle zwischen 30 und 50! Ja, wo kommen wir denn da hin?

  5. @torsten Sie kritiseren, daß ich es „zu einer Diskriminerungs-Frage“ hochstilisiere, wenn man Leute, die nicht Im Internet sein wollen oder können, politisch und gesellschaftlich de facto ausschliesst, weil sich alles Wesentlich nur noch im Netz abspielt, weil dort – wie es die Piraten wollen, die „Geschicke der materiellen Welt“ geleitet werden. Aber was ist es denn anderes als Diskriminierung, wenn man in ausschließlicher Fixierung auf das Internet immerhin 30 Prozent der deutschsprachigen Bevölkerung über 14 Jahre ignoriert.

    Sie meinen, es könne nicht sein, dass „man zum Offline-Sein geboren wäre.“ Übersehen Sie damit nicht, dass Menschen unterschiedliche Fähigkeiten und Talente haben – also verschiedenartig ist – dass aber diese unterschiedlichen Talente als gleichwertig zu akzeptieren sind. Wer sich mit dem Internet als Aktivitätsmedium nicht anfreunden kann oder will oder nicht zu den „Zeitreichen“ gehören kann oder will, die im Cyberspace zuhause sind, kann doch nicht deswegen als Bürger zweiter Klasse behandelt werden, weil die Internetaffinität künftig Voraussetzung für die Wahrnahme von Bürger- und Gestaltungsrechten ist. Genau diese Eindimensionalität ist das Grundproblem der Piraten, die in ihrem Programm praktisch alles um das Internet kreisen lassen oder daraus ableiten.

    • Sie sind schlecht informiert und auf einem Auge blind.

      Liquid Democracy ist derzeit lediglich ein Vorbereitungs-Tool. Hier wird noch nichts entschieden, sondern nur Programmanträge für die Parteitage vorformuliert. Zum zweiten ist grade durch das Delegationsprinzip eine Möglichkeit gegeben, auf die Offline-Mitglieder zurückgreifen können. Zudem gibt es wie in anderen Parteien die übliche Offline-Struktur: vom Stammtisch bis hin zum Parteitag. Ich glaube nicht an den durchschlagenden Erfolg von LiquidFeedback — aber nicht weil Offliner ausgeschlossen werden, sondern weil schlichtweg zu wenige Leute dauerhaft politisch engagiert sind.

      Internetzugang ist bei immer mehr Tätigkeiten Voraussetzung. Selbst der Bundespräsident hat sein Bürgerforum im Internet veranstaltet. Und das Finanzamt verlangt sogar, dass ich Online bin. Möglichst alle Deutschen online zu bringen war schon Ziel der Bundesregierung als Sie noch Bundestagsabgeordneter waren. Es wäre interessant, wenn sich die Union oder die Konrad-Adenauer-Stiftung von diesem Ziel abgewendet hätte.

      Zum zweiten: jeder politische Prozess verlangt gewisse Tätigkeiten, die nicht jedem liegen. Platt formuliert: Wer nicht aufs Oktoberfest gehen will, hat wenig Chancen Münchens Bürgermeister zu werden. Weniger platt formuliert: Allein schon die Formulierung von politischen Konzepten und Forderungen ist etwas, was de facto weite Teile der Bevölkerung ausschließt. Wie viele Prozent der Mitglieder sitzen in anderen Parteien in Programmkommissionen? Insofern baut LiquidFeedback sogar viele bestehende Diskriminierungen ab.

      Wie hoch kann man in CDU/CSU heute aufsteigen, wenn man offline ist, weil der Breitbandausbau nicht vorangeht oder dem Menschen das Talent dafür fehlt?

  6. @MH Es gehört zu den Charakteristika vieler Blog-Einträge, dass dort nicht argumentiert, sondern nur beschimpft wird. Dieses virtuelle Stammtischniveau, das sich meist im Schutz der Anonymität austobt, ist einer der Belege für die sehr ambivalenten Wirkungen des Internets. Sie liefern dafür ein Beispiel, das dem gewisser realer Stammtische entspricht

    • @Stephan Eisel: „bizarr“ und „Vergötterung“ geben sich nicht besonders viel. Nur weil Sie ihre Thesen in einem getrageneren Schriftdeutsch verfasst haben, sind sie nicht weniger beleidigend.

      Um das Missverständnis aufzuklären: die Online-Diskussionskultur ist meist(!) nicht von Anonymität geprägt, sondern an die gesprochene Sprache angelehnt. Wie hätten Sie Ihre Thesen am Rande einer Kegelbahn unter Gleichgesinnten formuliert?

    • Lieber Herr Eisel, da gebe ich Ihnen vollumfänglich recht. Kommentare im Internet gehören zum widerlichsten, was die Menschheit hervorgebracht hat. Leider ist mir aber völlig unklar, warum Sie gerade mir diese Feststellung widmen. Denn Ihr Artikel ist tatsächlich objektiv betrachtet einfach nur bizarr. Zweifellos in korrektem Hochdeutsch, zweifellos mit dem vollem Namen des Verfassers, zweifellos weit über dem Niveau der ach so bösen, bösen Stammtische, aber trotz allem: bizarr.
      Als ich Ihren Artikel las, konnte ich Sie direkt vor mir sehen. Wie sie vor Wut schäumend und mit pochendem Hals in die Tasten gehauen haben. Kann schon einmal vorkommen, dass einem bei all der Aufregung Logik und roter Faden entgleiten.

  7. wie wäre es denn wenn die piratenpartei sich verstärkt um brückenbildung zwischen offline und online kümmern würde? so dass eben nicht menschen, die offline sind, ausgeschlossen werden.

    • Machen sie ja schon – vom Infostand bis zum Stammtisch.

      Aber sobald sie tatsächlich Politik machen werden, werden die Piraten merken, wie groß die Gräben zwischen denen sind, die bereits Mitglieder sind. Da wird das Brückenbauen schon schwer genug.

  8. Ich kann mich nicht erinnern, dass das Opus Dei sich jemals beklagt hätte, dass Wahlzettel, mit denen man alleine in eine Kabine gehen muss, Analphabeten von der Demokratie als unchristlich ausgrenzen würde. Das wurde von den Christen immer mit klammheimlicher Freude geduldet. Aber wenn es der CDU an die Stimmen geht, weil man die Bürgerbeschnüffelung mit dem *C*SU-Bayerntrojaner oder die Vollüberwachung des Web mit dem *C*DU-Zensurla-Megaschnüffel nicht will, dann entdeckt man plötzlich das Christentum scheinheilig wieder. Unglaubwürdige Trolle. Sollten sich lieber um politische Ziele als den politischen Wettbewerb kümmern.

    Die „christliche“ Doro Bär hat für die verfassungswidrige Vorratsdatenspeicherung und für die Bürgertotalüberwachung mit dem Zugangserschwerungsgesetz gestimmt. Das hat mit Christentum nichts zu tun, das ist primitivster Prospektbetrug und absolute Internetfeindlichkeit.

    Böse Zungen sagen, dass Ursula von der Lyen gebeten wurden, den Kinderpornografie-Dreck im Netz lassen sollte und mit einem roten Vorhang gut sichtbar markieren sollte, statt der Klerus, der sich gegen die göttliche Gebote des „seid fruchtbar und mehret Euch“ unchristlich stemmt und lieber Kinder schändet, auch weiterhin gut mit Bildern versorgt wird.

    Es wäre gut, wenn der Klerus erst mal in sich die Worte Christi beherzigen würde, wie Luther es auch schon gefordert hat. So aber sind das unglaubwürdige Trolle.

    • Das ist nun wirklich alberner Populismus. Konrad-Adenauer-Stiftung == Opus Dei == Kinderschänder?

      Wer schreibt „böse Zungen sagen“ ist meist schlichtweg zu feige, selbst zu seinen Unterstellungen zu stehen.

      • Gibt es auch Sachargumente, warum den Christen es vorher bei den Analpaheten völlig egal war, dass die die Wahlzettel nicht lesen konnten? Oder bleibt es bei billigen Vorwürfen statt Sachargumenten? Ist die Angst schon so groß?

      • Jan Dark: Ich habe keine Ahnung von welchen Christen und Wahlzetteln Du redest. Wahlzettel sind meines Wissens kein übergroßes Problem für Analphabeten und das Christentum hält als solches keine Wahlen ab. Wenn Du Deine Vorwürfe konkretisieren würdest und den Bezug zur Konrad-Adenauer-Stiftung und den Piraten herstellen könntest, gäbe es einen Ansatzpunkt für sachliche Debatte.

      • „Ich habe keine Ahnung von welchen Christen und Wahlzetteln Du redest. “

        Du hast das Problem gut beschrieben. Die KAS wird der CDU nahestehend bezeichnet. Die CCD führt den Namen Christlich in der Marke. Den Christen, weder der CDU, noch der KAS, noch dem Opus Dei war es je ein Anliegen, Probleme der Analalphabeten mit Wahlzetteln empirisch zu untersuchen. Im Zweifelsfall waren die Leseunkundigen CDU-Wähler. Jetzt aber, wio in dramatischen Ausmassen der CDU die Wähler und den Christen die Gläubigen schwinden, machen sich plötzlich die Betroffenen große Sorge. Diese populistische Heuchelei in Zusammenhang mit Jesus Christus zu bringen ist geschmacklos und blasphemisch. Ohne Empirie gibt es keine sachliceh Diskussion. Dass Du *glaubst*, Wahlzettel wäre für Analphabeten kein Problem, ist unempirischer, zynischer Populismus.

      • Du willst die KAS für alles mitverantwortlich machen, das irgendwie von anderen Christen oder dem Christentum verbunden Organisationen irgendwann begangen wurden. Und Du scherst Dich einen Dreck darum, ob Dein Vorwurf irgendwie zum Thema passt. Wenn Du das „C“ durch „Islam“ ersetzt, stellst du Dich auf eine Argumentationsstufe mit passionierten Islamhassern. Willst Du auf dieser Stufe stehen?

        BTW: Analphabeten sind bei der jetzigen Umsetzung von LiquidFeedback extrem benachteiligt. Bei einfachen Wahlzetteln kann man durch Symbole oder durch das Durchnummerieren der Wahlvorschläge auch Analphabeten die Teilnahme ermöglichen.

  9. Bei „bedingungsloser Vergötterung eines Mediums” muss ich immer an Leute denken, die ihre Texte für etwas Besonderes halten, weil sie auf toten Bäumen veröffentlicht wurden.

  10. Die meisten der Kommentare, die ich hier lese, versuchen sich auch nicht ansatzweise mit den Argumenten in meinem Artikel auseinander zusetzen. Das entspricht leider der verbreiteten Dialogunfähigkeit in Teilen der Netz-Community. Manche scheinen sich wohlzufühlen in kleinen Echogruppen, in denen Gleichgesinnte sich selbst bestätigen und die Tore fest verschließen, damit ihr festgefügtes Weltbild nicht in Frage gestellt wird. Schade, dass hier soviel Furcht vor anderen Meinungen vorherrscht und so wenig Bereitschaft zur Sachdebatte ,,,

    • Versuchen sie es doch Mal mit den wenigen Beiträgen, die sich Ihrer Meinung nach mit Ihren Argumenten auseinandersetzen.

      Ist „Vergötterung“ wirklich eine angemessene Wortwahl? Haben Sie die Online-Fixierung und die Effekte von LiquidFeedback nicht falsch dargestellt? Ist die Parteiarbeit in der Union (oder einer anderen Partei) wirklich so inklusiv und barrierefrei, dass tatsächlich 100 Prozent der Bevölkerung in den Gremien mitarbeiten können? Oder wenigstens die 70 Prozent, die sie den Piraten zugestehen? Sollen 30 Prozent der Deutschen auf Dauer offline bleiben?

  11. @torsten, aber gerne doch:
    – am Begriff „Vergötterung“ hänge ich nicht, kritisiere aber sehr wohl die Heilserwartungen, die mit dem Internet verbunden werden. Da führt eine ziemlich direkte Linie von John Perry Barlow (Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace 1996) zu den Netzthesen der Piraten (z.B. Es gebe im Internet keine Schwerverbrechen)
    – „liquid democracy“ wird von den Piraten als neue Demokratieform gefordert ( der entsprechende Verein spricht sogar von einer neuen Staatsform), funktioniert aber nur bei Internetnutzung. Das schließt große Teile der Bevölkerung aus, die das
    Internet nicht nutzen wollen oder können – ich halte das für höchst problematisch
    – „liquid Feedback“ als parteiinterne Internetpartizipation ist selbst bei den Piraten nur ein Elitenspielzeug: Nur etwa 5 Prozent der Parteimitglieder stimmen ab. Die tatsächliche Unübersichtlichkeit des Verfahrens lässt von der propagierten Transparenz wenig übrig
    – Zur Notwendigkeit der Reform der Parteiarbeit habe ich mich vielfach geäußert und in meinen Parteiämtern manches bewegt. mehr dazu finden ie unter http://www.stephaneisel.de
    – die Frage ist nicht, ob 30 Prozent der Bevölkerung offline bleiben „sollen“. Es geht um „können“ und „wollen“. Man kann nicht alle Menschen über den gleichen Internetkamm scheren, sondern sollte ihre Verschiedenartigkeit akzeptieren. Manche können mit dem Medium nichts anfangen, andere wollen dafür nicht soviel Zeit einsetzen wie es das Konzept der „Liquid Democracy“ erwartet.
    – Mir fällt in Diskussionen mit Piraten und bei Lektüre ihrer Texte immerbwieder auf, dass Öfteren ideologische Verhärtung Eintritt, wenn man auf die Ambivalenz des Internets hinweist. Im Unterscheid zu den Piraten halte ich das Internet weder für „gut“ noch für „böse“. Es hat positive und negative Seiten, die beide weder negiert noch verabsolutiert werden dürfen. Darum geht es in meinem Buch „Internet und Demokratie“, aber eine solche differenzierte Betrachtung ihres Lieblingsmediums fällt vielen Piraten offenbar schwer.

    • Ja, davon sind einige Kritikpunkte angebracht. Aber sie machen das, was sie den Piraten vorwerfen: sie scheren alles über einen „Offline-Kamm“.

      Sie schreiben zum Beispiel, dass Sie in Ihren Parteiämtern „manches bewegt“ haben. Sprich: die Union ist zu Reformen fähig.

      Gleichzeitig gehen sie aber davon aus, dass die zweifellos bestehenden Mängel in dem gerade Mal eingeführten und keineswegs unumstrittenen System LiquidFeedback bei der Piratenpartei Ausdruck ihres elitären Menschenbilds sind.

      Desweiteren ist ihre Quellenarbeit dürftig. Warum soll Liquid Democracy auf Internetnutzung angewiesen sein – also in größerem Umfang als die Steuererklärung? LiquidFeedback ist nur eine erste Ausformung des Konzepts und die Piratenpartei arbeitet an (verspricht es zumindest) wesentlichen Vereinfachungen.

      Nimmt man das zusammen, fällt ihr Fazit und der Text davor in sich zusammen. Keine „Vergötterung“, kein Gegensatz zum christlichen Menschenbild (das im übrigen viele Menschen weniger inklusiv wahrnehmen als Sie es tun), keine prinzipiellen Gegensätze von Freiheit und Verantwortung, mit denen sich nicht jede Partei herumschlagen müsste. Bleibt der Stichwort-Zoo, den ich oben zitiert habe und der nun wirklich schon überall zu lesen war.

  12. Schade, dass Sie nur oberflächlich auf meine Kritik eingehen, allgemeine Verdikte („alles fällt in sich zusammen“) reichen da nicht aus. Im einzelnen:

    – „Liquid Feedback“ ist nicht „gerade Mal“ eingeführt, sondern wird seit Gründung der Piratenpartei dort praktiziert – mit dem geschilderten Resultat, dass es keineswegs transparent, sondern sehr unübersichtlich ist und selbst bei den Piraten nur 5 Prozent der Parteimitglieder dadurch einbezogen werden. Eine nennenswerte kritische Diskussion über dieses Problem habe ich in der Piratenpartei noch nicht entdeckt – im Gegenteil wird eine Übertragung auf die ganze Gesellschaft empfohlen.

    – Das die Praxis von LiquidFeedback grundlegende politische Fragen aufwirft, zeigt das folgende aktuelle Beispiel:Der Spitzenkandidaten /!) der Piratenpartei zur Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern Matthias Bahner hat im Landkreis Vorpommern-Greifswald ein Kreistagsmandat errungen. Wegen seiner früheren NPD-Mitgliedschaft musste er als Beisitzer des Landesvorstands der Piratenpartei Mecklenburg-Vorpommern und Schatzmeister des Kreisverbandes der Region Greifswald zurücktreten. Sein Kreistagsmandat wollte er nicht abgeben, sondern von der Reaktion der Piraten in LiquidFeedback anhängig machen.Suchen Sie mal danach, geschehen ist nichts !

    – Es ist ein elitäres Menschenbild, wenn man von allen Mitbürgern verlangt, dass Internetaffinität Voraussetzung für Partizipation ist. Ein Vorschlag von Liquid Democracy ohne das Internet ist mir nicht bekannt, das Internet ist ja mit seinen Möglichkeiten gerade der konstitutive Kern des Konzepts. Es gibt übrigens auch keinen Zwang die Steuererklärung online abzugeben, das wäre ähnlich problematisch.

    – Das christliche Menschenbild ist klar definiert und sieht den Menschen ausdrücklich als Geschöpf Gottes und bekennt sich deshalb zu seiner Einmaligkeit und Begrenztheit. Unveräußerliche Würde, Gleichwertigkeit, Verschiedenartigkeit und Unvollkommenheit zeichnen alle Menschen aus
    und beschreiben das christliche Menschenbild. Daraus leiten sich die Grundwerte Freiheit,
    Gerechtigkeit und Solidarität ab. Diese Grundwerte stehen in einem Spannungsverhältnis, dürfen einander aber nicht verdrängen. Natürlich lassen sich ein solches Menschenbild und diese Grundwerte auch aus anderen Traditionen als der des Christentums begründen, aber der Ursprung liegt im Christentum.

    – Was ihre Kritik an ungenügender Quellenarbeit betrifft, schauen Sie einfach in mein Buch, in einem Zeitungsaufsatz lässt sich verständlicherweise nicht alles aufführen

    Es wäre schön, wenn die Piraten bei den angesprochenen Punkten ihre Position überdenken – das ist doch der Sinn solcher Debatten. Dass aber dort wenig Bereitschaft zu einer sachlichen Debatte besteht, können Sie an Reaktionen bei Twitter usw. auf meinen Artikel sehen und ich bekomme ja entsprechend beleidigende und niveaulose mails. Gelegentlich werde ich das mal veröffentlichen, damit man sich ein Bild über die dort gepflegte „Diskussionskultur“ machen kann.

    • Hallo nochmal Herr Eisel,

      ich habe drei Argumente erwähnt, und daraus eine Schlussfolgerung gezogen. Dies ist kein „allgemeines Verdikt“.

      Ihre Aussage zu LiquidFeedback ist falsch. Das System war erst Jahre nach Gründung der Piratenpartei für den Probebetrieb bereit, die bundesweite Instanz wurde vom Bundesvorstand sogar blockiert.

      Der NPD-Fall sagt über LiquidFeedback rein gar nichts aus. Hier zeigt sich stattdessen ein Problem, die eigenen Grundsätze in Prozesse zu gießen und durchzusetzen. Wäre der Abgeordnete für die CDU gewählt worden — und da gab es diverse Fälle — wäre zu diesem Zeitpunkt ein Parteiausschlussverfahren wahrscheinlich noch nicht einmal in Gang gekommen. Hier messen sie also wieder mit doppelten Standards und ziehen unlogische Schlussfolgerungen, um ihre Grundthese zu rechtfertigen.

      Zu den beleidigenden Reaktionen auf den Artikel – wie oben praktiziert, weise ich billige Anwürfen und Beleidigungen zurück. Die sind aber keineswegs auf das Netz beschränkt.

  13. – Ich kenne die Diskussion um die Einführung von LiquidFeedback bei den Piraten im Einzelnen. Da ging es aber nie um die Frage, was das für Leute bedeutet, die nicht im Netz sind. Dieser Fall ist in der Vorstellungswelt der Piraten offenbar nicht vorgesehen.
    – Beim NPD-Fall spielt LiquidFeedback sehr wohl eine Rolle, weil sich Herr Bahner darauf ausdrücklich beruft, aber die Mitglieder der Piraten dort bisher die angekündigte Abstimmungsmöglichkeit zu seinem Verbleib im Mandat nicht haben.
    – Herr Bahner ist zwar von einigen Ämtern zurückgetreten. Von einem Parteiausschlussverfahren ist mir nichts bekannt, der Bundesvorsitzende sprach ja von „Jugendsünden“. Im übrigen müssen Parteiausschlussverfahren nach dem Parteiengesetz und rechtsstaatlichen Grundsätzen abgewickelt werden und dauern ihre Zeit, weil Betroffene ein Anhörungs- und Widerspruchsrecht haben. das gilt für alle Parteien.
    – Ich kenne keinen Fall, wo ein früheres NPD-Mitglied für die CDU ein Mandat erhalten hätte, Kreisvorsitzender (wie bei den Piraten in Freising) oder gar Spitzenkandidat bei einer Landtagswahl war. Behaupten Sie also so etwas bitte nicht, ohne Fakten nennen zu können.
    – Die beleidigenden Reaktionen auf meinen Artikel habe ich erwähnt, weil sich viele auf ihren Blog beziehen und wohl die Überschrift Ihres Eintrags, aber nicht meinen Artikel gelesen haben. Vielleicht schauen Sie sich das unter diesem Gesichtspunkt nochmal selbstkritisch an.

    • Lieber Herr Eisel,

      ich kenn die Diskussionen in der Piratenpartei ein paar Jahre länger als Sie. Das Offline-Problem war immer wieder Teil der Debatte, aber wurde als vorerst nicht vermeidbar angesehen ist — wie es auch nicht vermeidbar ist, dass zu einem Bundesparteitag einer Volkspartei eben nicht alle Mitglieder anreisen können. Das ist heute nicht mehr alles nachzuvollziehen – die Dokumentation der Piratenpartei ist wie sie selbst sagen alles andere als übersichtlich. Ich habe oben aber einen Link eingebaut, der zeigt, dass ihre Aussagen zu LiquidFeedback nicht stimmten.

      Herr Ahner kann fordern was er will, bevor er von allen Ämtern zurücktritt. Er ist gewählt und kann daher sein Mandat behalten — auch wenn sich die Piratenpartei auf den Kopf stellt. Ob die Frage nun auf einer Online-Plattform oder einer Bezirksversammlung gelöst werden soll, ist ohne Belang. Die Piratenpartei kennt im Übrigen auch ganz konventionelle Schiedsgerichte und Parteiausschlussverfahren.

      Bei den „diversen Fällen“ bezog mich nicht auf eine spezifische Mandatskonstellation, ich meinte eher Fälle wie zum Beispiel diesen hier. Oder diesen hier. Oder den Fall des Ortsbürgermeisters in meinem Heimatdorf, der einen Brief an Herrn Bubis schrieb, in dem er seiner Befriedigung Ausdruck verlieh, dass in unserer Gemeinde keine Juden mit ihrem Hass-Stachel (oder eine ähnlich abstruse Formulierung) lebten. Die Klärung dauerte jeweils trotz jahrzehntelanger Erfahrung der Union mit Schiedsgerichtsverfahren doch erheblich länger als zwei Wochen.

      Und zu den beleidigenden Äußerungen: ich glaube diese Leute beziehen sich nicht auf meine Überschrift, sondern auf Ihre Worte. Ich sehe nicht, dass „Das Fazit ist jedoch ein Knaller“ da irgendwelche Effekte hat. Ich hätte den Absatz auch ohne jegliche Erläuterung posten können und es hätte so ziemlich den selben Effekt.

  14. Zunächst einmal: Da Sie kräftig über unseren Dialog twittern, grüßen Sie bitte Sabria David: ich bin auf ihre Frage in Stuttgart gespannt.

    Da das frühere NPD-Mitglied Bahner immer noch Mitglied der Piratenpartei ist, hat die Partei auch mit ihm zu tun. Er hat als Parteimitglied angekündigt, für ihn sei Abstimmung über LiquidFeedback entscheidend dafür, ob er das Mandat behält. Das ist jetzt eine Woche her, bei LiquidFeedback habe ich immer noch nichts gefunden. Im übrigen hatte ich ja geschrieben, das Parteiauschlussverfahren länger dauern, daraus mache ich niemandem einem Vorwurf. Aber meines Wissens ist im Fall Bahner bisher garkein Ausschlussantrag gestellt.

    Sie werden doch nicht ernsthaft die frühere NPD-Mitgliedschaft des Spitzenkandiaten bei einer Landtagswahl mit einem Beisitzer in einem Ortsverband vergleichen. Herr Nitzsche wurde im übrigen aus der CDU ausgeschlossen.

    Da Sie es immer wieder bestreiten, zitiere ich gerne noch einmal wörtlich, was die Piratenpartei zu Liquid Democracy schreibt: „Unabhängig von einem Einsatz der Konzepte der Liquid Democracy innerhalb der Piratenpartei, gibt es auch die Idee, das Parteiensystem durch eine Liquid Democracy abzulösen. Somit könnte der eigentliche Anspruch der Demokratie verwirklicht werden: Demokratie bedeutet, zu jeder Zeit gezielt zu einzelnen Themen verbindlich Stellung beziehen zu können und nicht nur alle vier Jahre die Wahl zwischen Parteien mit unverbindlichen Parteiprogrammen zu haben. Im Informationszeitalter haben sich die Voraussetzungen so verändert, dass demokratischer Diskurs auch in großen Gesellschaften potentiell möglich ist.“

    Und da meinen sie immer noch, es ginge nur um ein parteiinternes Instrument und das Internet sei dafür nicht zwingende Voraussetzung….

    • 1. Herr Bahners Fall hat nichts mit der Funktionsweise von LiquidFeedback zu tun. Ich kenne die Details des Falls nichts, aber sie haben auch beim dritten Mal keinen Bezug herstellen können.

      2. Herr Nitzsche ist ausgetreten und hat sein Mandat behalten. Das hat ebenfalls nichts mit dem Verzicht der CDU auf LiquidFeedback zu tun.

      3. Da steht „Gibt es auch die Idee, das Parteisystem…abzulösen“ – das ist weder eine programmatische Aussage der Partei, noch ist irgendeine Aussage darin getroffen, dass Offliner ausgeschlossen sind oder sein sollen. Sie haben schlichtweg wahllos einen Satz aus dem unübersichtlichen Piratenpartei-Wiki herausgegriffen und tun so, als hätten mich widerlegt…

    • PS: Bevor — oder besser: nachdem — wir uns im Kleinklein verloren haben, möchte ich Ihre Aufmerksamkeit auf eine Textpassage aus der Rezension ihres Buches aus der Feder eines Parteifreundes lenken:

      Nicht nur das mobile Internet widerlegt die absurde These, das Internet biete nur „Zeitreichen“ eine Möglichkeit zur Partizipation. Wer heute den Ortsverband einer Partei besucht, muss wirklich ein „Zeitreicher“ sein, wenn er politisch etwas bewegen will. Durch Skatabende, Radtouren und Grillfeste gestählt, kann er vielleicht ein- oder zweimal jährlich bei einer Diskussionsrunde seines Ortsverbandes inhaltlich etwas beitragen. Aber, Achtung: Nicht immer zu dem Thema, das ihn interessiert oder bei dem er sich auskennt. Stefan Hennewig bilanziert: „Politische-Partizipation im Netz (und offline) ist gut und richtig, wird aber immer nur für einen kleinen Teil der Menschen interessieren.“ Die Zukunft der Volksparteien kann damit gestaltet werden. Auch ohne Internet war immer nur ein kleiner Teil der Menschen in einer Partei. Früher sogar häufiger wegen der spannenden Debatte – nicht nur wegen des geselligen Beisammenseins.

      So gerne ich die Piraten kritisiere — wegen ihrer Naivität, wegen ihrer mehr als lückenhaften Konzepte, wegen ihrer Borniertheit — sie versuchen es wenigstens. Nicht Exklusion ist der Gedanke hinter LiquidFeedback, sondern Inklusion.

  15. Leider reicht es Ihnen aus, eigene Statements zu wiederholen und eine argumentative Auseinandersetzung ist Ihnen offenbar zu mühsam. Ihre zeitgleiche Twitterei hat diesen Eindruck noch verstärkt. Diese Art des „copy&paste“ ist einfach nur langweilig und hat mit ernsthafter intellektueller Debatte nichts zu tun. Ich finde das schade.

    Aber weil das zu nichts führt, hier ein letzter Beitrag:

    1)Der Fall Bahner ist nur ein kleines Beispiel dafür, wie LiquidFeedback in der Theorie als Legitimationsgrundlage herangezogen wird, um eigenes Verhalten zu rechtfertigen. In diesem konkreten Fall folgte der Ankündigung schlichtweg nichts, ansonsten beteiligen sich an diesem Minderheitenspielzeug selbst bei den Piraten nur fünf Prozent der Mitglieder. Ich würde das garnicht so hart kritisieren, wenn es von den Piraten nicht als neue Form der Demokratie überhöht würde.

    2) Wie Sie ohne Internet an LiquidFeedback teilnehmen wollen, bleibt ihr Geheimnis. Bei diesem Konzept sind Offliner per se ausgeschlossen.

    3) Gegen Herrn Nitzsche waren Partei- und Fraktionsauschlussverfahren eingeleitet, er kam dem Unvermeidlichen durch Austritt vor. Beim ehemaligen NPD-Mitglied Bahner ist mir bisher eine solche Reaktion der Piratenpartei nicht bekannt.

    4) Glauben Sie wirklich, die Qualität einer Buchbesprechung hängt von der Parteizugehörigkeit des Rezensenten ab ? Die zitierte Passage hat mit dem entsprechenden Kapitel in meinem Buch jedenfalls nichts zu tun. Lesen Sie selbst nach. Die Besprechung erschien schon wenige Stunden nach der Vorstellung des Buches, der Rezensent hat in den 360 Seiten allenfalls geblättert, aber er wollte wohl der erste sein. Das ist eines der Probleme im Netz: Schnelligkeit ist die zentrale Währung, Substanz kommt dabei oft zu kurz.

    5)Da Sie mich ja von vorne herein in eine Schublade gesteckt hatten, die Ihnen wohl helfen sollte, Argumente nicht zu nahe an sich heranzulassen, fällt es vielleicht leichter sich mit dem auseinanderzusetzen, was auf der Homepage einer Ihrer Twitterparterinnen (slow-media)zu lesen ist:
    „Es ist also kein Wunder, dass uns das Netz manchmal geradezu messianische Züge annehmen mag, der Ort, an dem alles besser wird.“ Und da ist die Rede von „wie bei allen Utopien fragwürdigen Heilsversprechen der digitalen Welt“. Bei mir hat Sie diese Aussage aufgeregt, vielleicht können Sie es aus dieser Quelle leichter ertragen …

  16. Vorbemerkung: Sie werden keinerlei copy&paste bei mir finden.
    1.) Nein. (Allein schon weil ein Parteitag versprochen wurde. Offline.)
    2.) Papier. Draufschreiben. Abgeben. Oder: Menschen treffen. Sprechen. Deligieren.
    3.) Ja. Meine Darstellung war korrekt, ihre nicht.
    4.) Nein. Die Qualität war auch nicht der Punkt — haben Sie verstanden, was der Rezensent meint?
    5.) Frau Blum hat mit mir ein paar Worte ausgetauscht und ist damit meine „Partnerin“? Interessanter Sprachgebrauch. Aber nein: mit Frau Blums Aussage habe ich keinerlei Problem. Überzogene Netzutopien kritisiere ich seit zehn Jahren. Und die Piraten seit knapp fünf.