Neun-Euro-Ticket – die inoffizielle FAQ

Hinz und Kunz und Onkel Paula veröffentlichen in diesen Tagen FAQs zum Neun-Euro-Ticket. Da es jedoch darum geht, Leute auf die Schiene zu führen, wäre es vielleicht besser, etwas niedrigschwelliger zu informieren. Zu den frequently asked questions sollten sich noch die viel zu wenig gestellten Fragen gesellen.

Wirklich neun Euro?

Ja, wirklich neun Euro. Aber nur pro Monat.

Wird es denn klappen?

Kommt ganz darauf an. Wenn Ihr glaubt, dass das Ticket alleine Leute massenweise und dauerhaft auf die Schiene und in den Bus bringt: Nein, das wird nicht geschehen. Dazu muss schon mehr passieren, viele Milliarden müssen investiert, viele Busfahrer gefunden werden. Wenn das passiert – prima!

Wenn Ihr hingegen die vielen Abgesänge in Pressekommentaren gesehen habt, die das Ticket in Bausch und Bogen verdammten: Ich bin nicht ganz so pessimistisch. Während sich alle Welt auf überfüllte Züge zu Ausflugsorten konzentrieren, weiß ich als vormals häufiger Bahnfahrer eins zu schätzen: Man kann auch mal eine Bahn wegfahren lassen. Und dann den nächsten Zug nehmen. Geht Euch eine Currywurst kaufen, genießt die Sonne. Fahrt Bahn, als ob es nicht wirklich wichtig ist, ob ihr exakt um 9:58 Uhr an der Burg Satzvey ankommt.

Ich bin zuletzt 1993 mit der Bahn nach Sylt gefahren.

Keine Angst. Holt tief Luft. Eins nach dem anderen.

Zum einen: Die Bahn von damals ist nicht die Bahn von heute. Auch dann, wenn es oft genug buchstäblich dieselben Züge sind. Man hat sie neu lackiert, den Interregio gibt es nicht mehr und in den Zügen, die ihr mit dem 9-Euro-Ticket benutzten dürft, gibt es keine Speisewagen. Aber erinnert Ihr Euch daran, dass es 1993 keine Klimaanlage gab? Das wird Euch helfen.

Aha? OK.

Zum zweiten: Schaut Euch das Gepäck an, das ihr mitnehmen wollt. Ist es die volle Koffergarnitur von Tchibo oder Reisenthel? Dann ist das IC/ICE-Ticket wahrscheinlich die bessere Alternative für Euch. Vorteil: Die Fernzüge werden wohl leerer sein. Und das U-Bahn-Ticket zur Berliner Museumsinsel ist inklusive.

Kinderwagen und 15 Schultertaschen? Steht sehr früh auf. Oder nutzt die Lücke, wenn die ganzen anderen Leute schon weg sind. Meidet den Berufsverkehr. Die Apps helfen Euch, aber sie liefern keine Gewissheit.

Aber es ist doch eigentlich ganz einfach: Ich guck in den Fahrplan und geh zum richtigen Zeitpunkt zum Bahnhof?

Nun. Ja. Nein. Vielleicht.

Ihr kennt doch sicher jemanden in Eurem Bekanntenkreis, die mehr Erfahrung hat. Fährt die S-Bahn-Linie S12 wirklich pünktlich? Ist an diesem Samstag vielleicht ein Bundesliga-Spiel, von dem ich wissen sollte? Seid sozial, stellt Fragen.

Und dann?

Stell Euch bei den ersten Malen auf ein Abenteuer ein. Ein Lehrer erzählte mir einst stolz von seinen Reisen: Bevor man in einem fremden Land ankommt, sollte man zumindest die Zahlen von Eins bis Zehn und ein paar Phrasen beherrschen. Im Fall des Tickets heißt das: Installiert die Apps. Mindestens den DB-Navigator und die App Eures lokalen Verkehrsverbundes. Und dann versucht, von den Einheimischen zu lernen.

Einheimische? Wovon redest Du?

Nun – es gibt Leute, die jeden verdammten Tag in die Bahn steigen. Die meisten Probleme könnt ihr vermeiden, wenn Ihr deren Verhalten imitiert oder sie fragt, falls ihr nicht weiterkommt.

Die erste Lektion, für die ihr niemanden fragen solltet: Leute können erst in einen Zug einsteigen, wenn andere ausgestiegen sind. Das heißt: Lasst diesen Leuten Platz. Und steigt nicht mit 30 anderen Passagieren an einer Tür ein, wenn 18 andere Türen am Zug sind. Ihr lernt es mit der Zeit, Euch genau zur richtigen Zeit an der richtigen Tür anzustellen.

Das klingt zu kompliziert.

Ja. Nein. Ihr müsst Euch anpassen, wenn ihr das Neun-Euro-Angebot wollt. Payback bezahlt Euch Zehntel-Cents dafür, Eure gesamte Kauf-Historie zu vermarkten, also sollte es doch möglich sein, sich anzupassen. Was an Pfingsten um 9:58 Uhr passiert, wird wahrscheinlich nicht an einem Alltags-Dienstag um 10:13 passieren. Es wäre wirklich toll, wenn uns die Apps dabei helfen würden.

Aber die Bahn… suckt?

Herzlich willkommen im Erwachsenenleben – in einer Welt, die sich verändert. Schnallt Euch an. Natürlich nur metaphorisch. In der Bahn gibt es keine Gurte.

Mehr Pseudonym wagen

Es ist allgemeiner Sprachgebrauch: Wenn mit Daten nicht unmittelbar der bürgerliche Name des Urhebers, Besitzes oder Objektes verknüpft ist, dann wird das Wort „anonym“ verwendet. Doch in einer Mehrzahl der Fälle ist dies ungenau, irreführend oder einfach falsch. Wir sollten uns endlich an das Wort „pseudonym“ gewöhnen.

Wo ist der Unterschied? Nun, es ist ein ganz gewaltiger: Anonyme Daten können nicht mehr mit einzelnen Personen verknüpft werden, pseudonyme Daten hingegen schon.

Cookies kennen Deinen Namen

Ich schreibe viel über Online-Werbung und quasi alle Daten dort sind nicht anonym, sondern pseudonym. Wenn auf Eurem Bildschirm zum nächsten Mal ein Cookie-Banner aufpoppt, klickt Euch einfach durch die Einstellungen. Ihr müsst nicht alles lesen oder verstehen, lasst einfach mal den Blick schweifen. Dort stehen so Phrasen wie „Ein personalisiertes Inhaltes-Profil erstellen“, „Personalisierte Inhalte auswählen“ oder sogar „Geräteeigenschaften zur Identifikation abfragen“.

Sprich: Die Werbeindustrie verfolgt Eure Schritte von Website zu Website, von Gerät zu Gerät, verknüpft Euer Smartphone mit Eurem Fernseher. So entsteht ein sehr vollständiges – wenn auch ein kommerziell verzerrtes – Profil. In den jeweiligen Datensätzen ist vielleicht nicht Euer Name enthalten. Vielleicht aber doch. Es reicht, dass Ihr Euch irgendwo eingeloggt habt, irgendwo etwas gekauft habt, landen auch Euer Name und Eure Adresse in einer Datenbank. Diese mögen zwar nicht immer mit Euren Cookies verknüpft sein, aber es reicht schon, wenn die verschiedenen Datenbestände nur ganz selten abgeglichen werden. Deshalb: Heute ist die meiste Werbung nicht anonym, sondern pseudonym. Erst recht, wenn Werbefirmen solche Slogans wie „privacy first“ verwenden.

Währungen mit Nummernschild

Auch Bitcoin-Halter erleben derzeit unschöne Überraschungen, wenn sie ihre Digitalware verkaufen wollen. Theoretisch kann Bitcoin verdammt anonym sein: Jeder kann beliebig viele Konten anlegen, die quasi nur durch eine Kontonummer gekennzeichnet sind. Es gibt da aber einen ganz großen Haken: Die Bitcoins selbst haben auch eine Identität. Da alle Zahlungen unlöschbar auf einer öffentlichen Blockchain stehen, ist diese Anonymität schnell verflogen. Was nützt es 2000 namenlose Konten zu haben, wenn Du Dir einen Tesla kaufen willst? Du musst das Geld wieder zusammenführen, Tesla will eine Lieferadresse, etc, pp.

Schlimmer noch: Ein deprimierend großer Teil von Kryptowährungen war mal Teil eines kriminellen Geschäfts. Wer also nach dem nächsten Kurssprung schnell Kasse machen will, könnte sich einem Dilemma gegenübersehen. Ein mit neuen Finanzregulierungen konfrontierter Bitcoin-Dienstleister sagt: Sorry, dafür können wir Ihnen keine Dollar, Yen oder Rubel geben, dieses Bitcoin ist Hehlerware. Wer so unvorsichtig war, einen „Mixer“ benutzt zu haben, könnte mit einer Wallet enden, in der haufenweise kriminelle Bitcoin-Splitter gelandet sind: Ransomware, Betrug, Staaten auf internationalen Sanktionslisten, etc pp. Das ist der Grund, warum Kriminelle früher kofferweise Bargeld transportiert haben: Woher die Geldscheine kommen, ist meist nicht mehr zu ermitteln. Was nutzt eine scheinbar anonyme Kontonummer, wenn alles Geld eindeutig identifizierbar sind? Also, merken: Die meisten Kryptowährungen sind nicht anonym, sondern pseudonym.

Damit will ich nicht sagen, dass es gar keine anonymen Daten gibt. Es gibt sie und es gibt valide technische Umsetzungen, die Anonymität von Individuen zu schützen. Bevor man das Wort verwendet, sollte man aber zumindest nachfragen, ob es sich denn tatsächlich um Anonymität handelt oder ob das Gegenüber schlicht den Unterschied nicht kennt.

Gedanken zum Schwurbeln

Die Pandemie hat viele Worte in den allgemeinen Wortschatz gespült: Inzidenzquote, Kuschelkontakt, Brauchtumszone. Viele davon werden hoffentlich mit der Pandemie verschwinden, einige werden bleiben. Dazu gehört das Wort „Schwurbeln“, das insbesondere auf die sogenannten Querdenker angewendet wird.

Im Duden steht das Wort bereits: „verschwurbelt reden; Unsinn erzählen“ – umgangssprachlich abwertend. Aber wie ein Gewitter über der Ebene hat der Begriff in den vergangenen zwei Jahren neue Energie gewonnen, einen eigenen Charakter entwickelt. Wir verstehen das Wort heute wesentlich spezifischer als früher. Also: Was heißt Schwurbeln eigentlich heute? Hier einige meiner Gedanken.

  • Schwurbeln ist eine Form des destruktiven Diskurses. Es dient nicht dem Erkenntnisgewinn, sondern lässt alle Beteiligten im Zweifel ratloser zurück.
  • Schwurbeln basiert nicht einfach auf einem Missverständnis. Wer zum Beispiel nicht verstanden hat, wie der Treibhauseffekt funktioniert und deshalb auf Nachfrage völlig falsch erklärt, was denn die Gründe für Klimaerwärmung sind, ist nach meinem neuen Wortverständnis kein Schwurbler. Er oder sie mag zeitweise so klingen, aber Ignoranz und gezielte Ignoranz sind zwei Paar Schuhe.
  • Schwurbeln ist ein performativer Akt. Es geht nicht darum, gemeinsam ein Thema zu ergründen, sondern darum, das Gegenüber mit Worten zu überrennen. Es geht nicht darum, Fakten auszudrücken, sondern einen Gemütszustand zu inszenieren.
  • Lagerdenken ist üblich, bei Schwurblern ist es besonders ausgeprägt. Zum einen unterstützen sie jeden, der zum erwünschten Ergebnis kommt. Diese Solidarität reicht aber nur so weit, wie sie unmittelbar nützlich ist. Wer anderer Meinung ist, soll auch Leute widerlegen, die an Echsenmenschen glauben. Man selbst muss sich jedoch mit überhaupt kein Argument befassen, dass irgendwie mit dem als gegnerisch wahrgenommenen Lager verknüpft ist.
  • Schwurbler zeichnen sich durch besondere Beliebigkeit aus. Sie können in einem langen Vortrag Zitate von Sun Tsu, Karl Marx, Henry Ford, Winston Churchill, George Orwell und Richard David Precht unterbringen — als ob diese einen gemeinsamen Weltgeist verkörpern. Es ist kein Wunder, dass diese Zitate oft frei erfunden und immer vom Kontext entkernt sind.
  • Wie zwischen historischen Promis wechseln Schwurbler auch zwischen Gedankenschulen. Sie können von anarchistischem Gedankengut zur Esoterik und dann sofort zu klar faschistischem Gedankengut springen. Wenn das Gegenüber nicht darauf anspringt, wechselt man halt zum nächsten Argument, oder besser: zum nächsten Slogan. Denn selten machen Schwurbler den Eindruck, dass sie wirklich verstanden haben, woher diese Gedankenfetzen stammen. Wer versucht, diesen Kontext wiederherzustellen, verfehlt in den Augen des Schwurblers den Punkt.
  • Die Verweigerung des Diskurses geht bis hinunter auf die Wortebene. Ein richtiger Schwurbler kann sich sogar darauf versteifen, dass Wasser nicht nass ist. Aber diese Umdeutungen haben ein Muster. Worte haben keine klaren Definitionen mehr, aber sie haben einen Klang. Notzulassung. Natürlich. Experiment. Heilung. Pharma. Freiheit. Jedes Wort ist Schwarz oder Weiß und das ist auch seine zentrale Bedeutung.
  • Schwurbler stellen viele Fragen, aber nicht, um Antworten zu erhalten. Es ist eine Inszenierung: Wir können gar nicht alles wissen, deswegen müssen wir die Wahrheit in unserem Bauchgefühl suchen. Alles andere ist zum Scheitern verurteilt, eine Anmaßung.
  • Zuletzt: Schwurbeln hat eine dunkle Seite. Wer frisch verliebt oder hoffnungslos bekifft ist und in der Euphorie viele der oben geschilderten Charakteristiken aufweist, wird allenfalls rumspinnen, fantasieren, fabulieren oder wirres Zeug reden. Als Schwurbler hat man eine Agenda, selbst wenn man sie selbst nicht kennt oder artikulieren kann.

Das iPhone wurde nicht verlacht

Es ist ein beliebtes Argument von Start-ups, die ein undurchdachtes, unvollständiges, vielleicht sogar ein unmögliches Produkt herausbringen wollen: Ja, es gibt Probleme, aber schließlich wurde ja auch Steve Jobs mit seinem iPhone verlacht. Macht Euch nur lustig, übt nur Kritik, aber ich trete das Erbe von Steve Jobs an und zeige Euch Neidern schon, wie es denn funktioniert. Irgendwann. Die Begeisterung für diesen Mythos ist so hoch, dass sich Theranos-Gründerin Elizabeth Holmes sogar zu einer Steve-Jobs-Kopie umstylte, um ein nicht existentes Produkt zu vermarkten. Mit gewaltigem Erfolg.

Es ist aber eine Geschichtsfälschung, wenn man behauptet, Steve Jobs sei für sein iPhone verlacht worden. Allein schon die Prämisse ist albern: Apple war schon lange kein Start-up mehr, als das iPhone vorgestellt wurde. Es war keine vage Idee, sondern ein jahrelang gründlich vorbereiteter Produktstart eines milliardenschweren Konzerns, der seine Dominanz in bestimmten Märkten auf einen neuen Markt übertragen wollte. Damals genügte es nicht, die Baupläne an einen Auftragsfertiger in Shenzen zu schicken und dann auf einen vollen Schiffscontainer mit der Ware zu warten. Zu Innovation gehört nicht nur eine Idee und ein Design, sondern auch die Fähigkeit, diese Idee umzusetzen und zu vermarkten.

Schauen wir doch einfach mal ins Presse-Archiv, das mir meine Stadtbibliothek zur Verfügung stellt. Was schrieb die Weltpresse, nachdem Steve Jobs im Januar 2007 das iPhone der Öffentlichkeit vorgestellt hatte?

Fangen wir der Einfachheit halber an mit der Pressemeldung, die Apple selbst ausgesandt hat:

Apple(R) today introduced iPhone, combining three products-a revolutionary mobile phone, a widescreen iPod(R) with touch controls, and a breakthrough Internet communications device with desktop-class email, web browsing, searching and maps-into one small and lightweight handheld device. iPhone introduces an entirely new user interface based on a large multi-touch display and pioneering new software, letting users control iPhone with just their fingers. iPhone also ushers in an era of software power and sophistication never before seen in a mobile device, which completely redefines what users can do on their mobile phones.

„iPhone is a revolutionary and magical product that is literally five years ahead of any other mobile phone,“ said Steve Jobs, Apple’s CEO. „We are all born with the ultimate pointing device — our fingers — and iPhone uses them to create the most revolutionary user interface since the mouse.“

Was auffällt: Viele Features, die wir heute mit dem iPhone verbinden, kommen nicht vor. Etwa ist der App Store nicht erwähnt, dafür aber einige wenige Programme wie Google Maps und die eingebaute Suchfunktion von Google und Yahoo. Apple schließt mit einem wichtigen Absatz: Die Firma ist kein Anfänger, sondern hat die Kompetenz, Neuerungen nicht nur zu denken, sondern auch umzusetzen. Und sie hat eine kampferprobte Rechtsabteilung:

Apple ignited the personal computer revolution in the 1970s with the Apple II and reinvented the personal computer in the 1980s with the Macintosh. Today, Apple continues to lead the industry in innovation with its award- winning desktop and notebook computers, OS X operating system, and iLife and professional applications. Apple is also spearheading the digital music revolution with its iPod portable music players and iTunes online store.
NOTE: Apple, the Apple logo, Mac, Mac OS, Macintosh, iPod, iTunes, Apple TV and Safari are trademarks of Apple. Other company and product names may be trademarks of their respective owners.

Die Financial Times schrieb am 10. Januar 2007:

Apple yesterday laid out ambitious plans to broaden its early lead in the digital entertainment business, announcing an iPod mobile phone and an Apple TV set-top box that together could extend the US technology company’s reach into big new consumer electronics markets.
Speaking at Apple’s annual MacWorld trade show in San Francisco, Steve Jobs, chief executive, claimed the widely anticipated cellular device, the iPhone, represented a breakthrough.
„Apple is going to reinvent the phone,“ he declared, showing off a thin, handheld device with a3.5-inch screen that displays touch-screen controls.

Der britische Guardian:

An sleek black device, almost certain to be found in thousands of handbags and pockets before the end of the year was seen for the first time yesterday when Apple unveiled its widely anticipated iPhone.
The touchscreen handset will combine internet access and iPod music with a built-in 2 megapixel digital camera and video playback features.
Apple’s chief executive, Steve Jobs, launched what he called a „magic“, „super-smart“, super-hyped device, which also provides the more mundane functions of the traditional phone.

Die New York Times:

With characteristic showmanship, Steven P. Jobs introduced Apple’s long-awaited entry into the cellphone world Tuesday, pronouncing it an achievement on a par with the Macintosh and the iPod.
The creation, the iPhone, priced at $499 or $599, will not be for everyone. It will be available with a single carrier, Cingular Wireless, at midyear. Its essential functions — music player, camera, Web browser and e-mail tool as well as phone — have become commonplace in hand-held devices.
But it was the ability to fuse those elements with a raft of innovations and Apple’s distinctive design sense that had the crowd here buzzing.

Schauen wir nach Deutschland:

Heise:

Apple steigt mit dem iPhone in einen Markt ein, der im Gegensatz zu den Musikplayern bei Einführung des iPod bereits viele starke Konkurrenten aufweist und streckenweise nahezu gesättigt erscheint. Marktbeobachter glauben dennoch, Apple könne auf dem Handymarkt zu einem wichtigen Faktor werden – und nicht nur hier Maßstäbe setzen. Die neuartige Bedienoberfläche, bei der offenbar einige Neuentwicklungen zum Tragen kommen, die in den vergangenen Monaten beispielsweise als Patentanmeldungen bekannt wurden, eignet sich nicht nur für Mobiltelefone.

Der Spiegel:

Noch ist Apples neue Umsatz-Geheimwaffe (wenn sie denn dazu wird) nur ein Prototyp. Was man anderen Herstellern als zu früh angekündigte heiße Luft vorwerfen würde, wirkt auf Apple-Fans wie eine die Konsumlust befeuernde Verheißung.

Etc, pp, usw.

Wichtiger jedoch als die anfänglichen Berichte war die Intensität der Berichterstattung. In den kommenden Wochen erschien kaum eine Ausgabe irgendeines Print-Massenmediums, in der das iPhone nicht thematisiert wurde. Nicht alles davon war positiv: Cisco stritt sich mit Apple um den Namen iPhone. Es gab einige ungeklärte Probleme mit der Börsenaufsicht SEC. Und einige Analysten bezweifelten, dass das iPhone den erfolgreichen Blackberry sofort wegfegen würde. Überhaupt bemühte sich jeder Hersteller von Mobiltelefonen darum, Hoffnung zu verbreiten: Ja, das iPhone ist spannend, aber und unsere Produkte sind solide. Was für sich genommen schon ein riesiges Kompliment für Apple war: Bisher hatte man das mysteriöse iPhone schließlich nur in der Hand des Chefverkäufers gesehen, während die Geräte von Nokia, Blackberry und sonstigen überall auf der Welt von Millionen Leuten benutzt wurden. Warum sollten sie überhaupt über ein Produkt reden, das nicht am Markt war?

Kurzum: Das iPhone war ein unbeschreiblicher Medienhype. Dass man heute ohne Probleme Kolumnen und Analysen von damals findet, die das iPhone kleinredeten und Steve Jobs überhaupt sehr fragwürdig fanden, liegt daran, dass quasi alles Vertretbare gedruckt wurde, solange nur der Publikumsliebling iPhone in der Schlagzeile erwähnt werden konnte. Sie waren jedoch krasse Außenseitermeinungen – zu einer Zeit, als krasse Außenseitermeinungen noch nicht der Kern vieler Geschäftsmodelle waren, aber in der sich neue Blogs irgendwie vom Mainstream abheben mussten.

Wenn Euer Pläne und Visionen also verlacht oder schlicht ignoriert werden, ist Steve Jobs und das iPhone so relevant für Euch wie Mahatma Gandhi.

NFTs und magisches Denken

Es fällt schwer, DAS eine Problem von NFTs zu benennen. Oft konzentrieren sich Leute darauf, dass es eine CO2-verschwendende, umweltschädliche Technologie ist. Doch ich glaube, dieser Vorwurf geht viel zu kurz. NFTs sind eine Querschnitts-Technologie, die eine ganze Reihe von Gesellschaftsproblemen vereint. Man kann sie vielleicht unter dem Schlagwort institutionalisierte Ignoranz oder magisches Denken zusammenfassen.

Der immer wieder vorgebrachte Glaube ist: NFTs werden immer im Wert steigen und gleichzeitig eine neue Egalisierung der Kreativen und ihrer Fans erzeugen. Diese beiden Ziele weisen jedoch in fundamental andere Richtungen: Kunstwerke, die immer mehr an Wert gewinnen, schließen natürlich die Schöpfer weitgehend von diesen Erträgen aus. Irgendwann müssen sie ihr Gemälde, ihre Skulptur, ihr pandimensionelles Fraktal verkaufen, um Miete und Essen zu zahlen – und ab diesem Zeitpunkt sind sie an der Wertentwicklung nicht mehr beteiligt. Van Gogh verstarb in bitterer Armut, seine Werke werden heute für über 100 Millionen Dollar gehandelt.

Es ist kein Zufall, dass der Kunstmarkt explodiert, wenn ein Künstler stirbt. Ein naheliegender Grund: Er kann nicht keine neuen Werke mehr produzieren, sodass jede Nachfrage auf ein Angebot stößt, dass nicht mehr wachsen kann. Ein anderer Faktor ist: Der Künstler kann keine Anteile mehr verlangen. Der Gewinn durch Preissteigerungen geht somit komplett in die Kasse der Händler und sie müssen nicht befürchten, dass der Künstler beim nächsten Werk einen kräftigen Aufschlag verlangt.

Zum anderen: Der Kunstmarkt, der sich nun vermeintlich der breiten Öffentlichkeit öffnet, zeichnet sich vor allem durch eins aus: Die prominentesten als NFT verkauften JPEGs sind von ausgesuchter Hässlichkeit. Es handelt sich wohlgemerkt um keine Hässlichkeit, die den Zustand der Welt oder einen Gemütszustand widerspiegelt. Sie sind unkreativ, massenproduziert, beliebig und… nunja… hässlich. Sicher: Es gibt sicher auch tolle Werke, die als NFT gehandelt werden. Nur wissen die Künstler nicht unbedingt davon.

Die Hässlichkeit ist Teil des Konzepts. Wenn niemand wirklich begreifen kann, ob sich etwas um eine gedankenlose Schmiererei oder um das geilste Kunstwerk der Welt handelt, liegt die komplette Werkschöpfung beim Marketing, beim Händler. Man muss keinen Künstler bezahlen, der sich ständig was Neues ausdenkt, der irgendetwas von sich preisgibt. Das kommerziell ideale NFT hat alle Eigenschaften eines einzelnen Zeichentrickfilm-Blattes: Sie sind sofort wiedererkennbar, liegen zu Zehntausenden vor und wer auch immer sie gezeichnet hat, hat niemals individuelle Rechte daran erworben. Die kämen der Spekulation nur in die Quere.

Nun zum zweiten Ziel: Werden NFTs nicht immer im Wert steigen? Spezifischer: Wird das Werk, das ich als NFT vermeintlich kaufe, nicht immer weiter im Wert steigen? Ich habe noch irgendwo ein Album mit wirklich schönen, limiertierten und ungenutzten Telefonkarten liegen, das sagt: Nein.

Die zentrale Säule für vermeintliche Gewinne in vielen Crypto-Anlagen ist: „Scarcity“ – zu Deutsch: Knappheit. Die Idee ist: Solange man etwas wirklich Einzigartiges oder zumindest Seltenes hat, muss es wertvoller werden. Leute sind mit dieser Idee zu Milliardären geworden. Etwa Ty Warner, der mit seinen „Beanie Babies“ in den USA eine wilde Spekulationsblase ausgelöst hatte. Viele Leute haben ihre Ersparnisse verloren, Warner hingegen ist Milliardär. Und so einige werden einen guten Schnitt gemacht haben, die früh in den Trend eingestiegen und ebenso früh wieder ausgestiegen sind.

Es ist nicht ausgeschlossen, dass man die oben beschrieben widerstreitenden Ziele der Egalisierung und des Wertgewinns irgendwie vereint oder einen Kompromiss findet. Twitter zum Beispiel nutzt NFTs, um für den kostenpflichtigen Twitter-Blue-Account zu werben. 3 US-Dollar pro Monat – das klingt nicht wirklich nach einem hyperkapitalistischen Plot, oder? Nun: Würden die Leute auch ihre NFTs für 3 oder gar 20 Dollar kaufen, gäbe es kein Problem, das ich entdecken kann.

Wenn jedoch magisches Denken hinzukommt, ist da plötzlich ein Problem. Wer sich ein Angebot auf Opensea ansieht und dort entdeckt, dass ein hässliches Bild eines hässlichen Turnschuhs erst zum Gegenwert von 2000 US-Dollar, dann für 5000 Dollar, dann für 10000 Dollar weiterverkauft wurde – und das alles in nur einem Monat! – dann extrapolieren wir natürlich. Im nächsten Monat ist es sicher 20000 Dollar wert. Schließlich haben wir mit Covid Exponentialfunktionen gelernt.

Wenn man jedoch einen Schritt zurücktritt und sich fragt: Warum sollte jemand dieses, und nicht eins der 50000 gleichwertigen NFTs kaufen, dann weiß niemand eine Antwort. Dann beginnen die Ausflüchte: Du hast NFTs eigentlich nicht verstanden. Sieh doch nur. 10000 US-Dollar. Die Underpants Gnomes hatten keine Ahnung. FOMO!

Das ist auch vermutlich der Grund, warum NFTs nicht zu einem umweltschonenderen Verfahren umgestiegen sind, was technisch absolut kein Problem wäre. Nur wenn man das Erstellen von NFTs ins Astronomische künstlich verteuert, kann man das Angebot klein genug halten. Doch ein Echtheitszertifikat kann jeder kostenfrei mit Open-Source-Mitteln erstellen.

Deswegen führt auch die Frage, ob nun die Blockchains zentral (sie sind es) oder dezentral sind (sie könnten es sein), nicht wirklich weiter. Das Wertvollste an einem Opensea-Item ist nicht der Link auf irgendein JPG, es ist die Kaufhistorie. Hier steckt der ganze Wert eines NFT. Hier steckt die ganze Fantasie. Hier steckt die ganze Magie.

Glaubt ihr an Magie? Dann spielt Quidditch.

PS: Ich wurde auf Gegenbeispiele aufmerksam gemacht, die auf der anderen Grundprinzipien basieren als OpenSea und daher für einige meiner Kritikpunkte oben nicht anfällig sind. Sie basieren beispielsweise auf der Tezos-Plattform, die pro Mint-Vorgang nicht unheimliche Mengen CO2 verbraucht und auch für Künstler sehr günstige Tarife anbietet.

Das Problem mit diesen Beispielen ist: Der Tezos-Kurs hat laut Coinbase am 4. Oktober 2021 einen Peak erlebt und war da umgerechnet 7,86 Euro wert. Heute sind es 2,65 Euro, ziemlich genau ein Drittel. Der real existierende NFT-Markt hat also eine klare Präferenz gegen diese Modelle, die nach oben skizzierten Gesichtspunkten günstiger für Künstler wären.

Freiheit für Typhoid Mary

In diesen Tagen wird viel über Freiheit und die Pandemie gesprochen — und viel davon ist deprimierend falsch. Kein Wunder: Nicht jeder, den man sprichwörtlich ins tiefe Wasser wirft, lernt sofort zu schwimmen. Das Thema ist viel zu komplex, als dass man aus dem Stegreif erkenntnisbringend argumentieren könnte. Man kann spontan seine Wünsche oder persönlichen Erfahrungen austauschen, aber nicht verantwortungsvoll Entscheidungen für andere treffen. Und das ist der Kern der Pandemie: Die Entscheidungen, die man scheinbar nur für sich trifft, trifft man auch für andere.

Wer über Freiheit nachdenken will — und ich empfehle das Denken vor dem Sprechen oder dem Schreiben — kann sich zum Beispiel diesen Fall vornehmen: Eine Frau hat eine ansteckende, potenziell tödlich Krankheit, ist aber selbst völlig symptomfrei. Als man sie findet, sind bereits viele Menschen erkrankt und wohl einige gestorben. Sie wird ermahnt, Hygienevorschriften einzuhalten und nur noch ordentlich durchgegarte Nahrung zu servieren. Was sie nicht tut.

Die Krankheitsträgerin arbeitet weiter als Köchin. Irgendwann wird es den Behörden zu viel. Die Frau wird zwangsweise in Quarantäne gesteckt und immer wieder getestet. Drei Jahre lang. Und als man sie entlässt, verbietet man ihr als Köchin zu arbeiten. Sie jedoch sieht sich zu Unrecht verurteilt. Sie hat ja nichts gemacht. Und nach einer Unterbrechung, in der sie einen anderen schlecht bezahlten Job ausübt, arbeitet sie unter anderem Namen wieder als Köchin, in Restaurants und sogar in einem Krankenhaus. Wo es zu einem neuen Ausbruch kommt, der Ermittler und schließlich auch die Polizei auf den Plan ruft.

Was soll man mit dieser Person tun? Die Antwort damals war: Man schickt sie wieder in Quarantäne. 23 Jahre lang, bis zu ihrem Tod. Zwar bekommt sie ein eigenes kleines Häuschen, einen neuen Job und kann Tagesausflüge in die Stadt machen — doch das sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie eine Gefangene war. Und bald darauf fand man neue symptomfreie Überträger, die man jedoch nicht in Gefangenschaft schickte.

Es handelt sich hier nicht um einen hypothetischen Fall, sondern um das Leben von Mary Mallon, auch bekannt als Typhoid Mary. In der Wikipedia steht einiges, etwas mehr erfahrt ihr in diesem Podcast.

Man kann den Fall nicht im Nachhinein lösen, die Frau nicht rehabilitieren oder sie nachträglich überreden, man kann ihr auch nicht eine heute bekannte Medizin verabreichen. Man kann die New Yorker Behörden von damals nicht von Rassismus und Korruption befreien. Aber man kann ein wenig nachdenken.

Supermärkte: Lasst uns mehr abholen

Es wird zurzeit viel über Gorillas und Co geschrieben, aber kaum jemand beachtet einen Dienst, den ich für wegweisend halt: Onlinebestellung mit Selbstabholung.

Seit Beginn der Pandemie erledige ich einen Großteil meiner Einkäufe auf diese Weise. Zwei Supermärkte in meiner Umgebung bieten einen richtigen Abholservice an. Das heißt: Ich muss nicht in den Supermarkt, sondern kann an einem separaten Eingang meine Ware abholen, die dort fachgerecht gekühlt auf mich wartet. Pro Abholung kostet mich das zwei Euro.

Abgesehen von Corona sollte alleine der gesparte Aufwand diesen Preis wert sein. Zum einen spare ich eine Menge Zeit. Zum anderen kann ich über die Onlinebestellung deutlich rationaler Einkaufen: Ich muss keine Sonderangebote suchen und ich stehe weniger in Versuchung, Dinge zu kaufen, die ich eigentlich nicht benötige. Besonders gefällt mir das Bestellportal von Rewe, dass mir die passenden Sonderangebote gemäß meiner Einkaufshistorie hervorhebt.

vorgeschlagene Artikel auf rewe.de

Die Abholung ist dennoch nicht gleichwertig zum normalen Einkaufen. Zum einen ist das Angebot eingeschränkt. Viele Artikel sind nicht bestellbar. Insbesondere frisches Brot fehlt mir immer wieder, obwohl einer der Supermärkte eine ausgezeichnete Bäckertheke hat. Zum anderen kann ich die Ware vor dem Kauf nicht begutachten. Aber hier gibt es in der Regel keine Probleme: Mir wurden niemals welker Salat oder matschige Tomaten angeboten.

Das System leidet aber unter der geringen Nachfrage. Oft muss ich klingeln, damit jemand kommt, um mir die Ware auszuhändigen. Lediglich in Ausnahmefällen gibt es eine minimale Schlange. Das ist einerseits positiv für mich, zum anderen aber auch hinderlich. Solange die Online-Abholung nur eine Fußnote im Geschäftsmodell ist, wird das Angebot nicht verbessert.

Dabei gibt es hier reichlich Potenzial. Heute funktioniert es so: Die Ware wird erst in die Regale eingeräumt und dann wieder von anderen Mitarbeitern aus den Regalen herausgenommen. Man kann diese Mitarbeiter in den Supermärkten sehen, wie sie mit speziellen Einkaufswagen gleichzeitig sechs oder zehn Einkäufe gleichzeitig erledigen. Gäbe es hingegen eine große und stetige Nachfrage, könnten sich die Supermärkte sparen, die Waren erst einzuräumen. Auch die Abholung könnte rationalisiert werden. Noch muss man eine relativ lange Vorlaufzeit akzeptieren, Spontaneinkäufe sind nicht möglich. Zudem muss ich notgedrungen eine personalisierte Einkaufshistorie hinterlassen.

Ich bemerke aber auch schon Besserungen. So ist den Supermärkten aufgefallen, dass sie die Mengenangaben anpassen müssen: Fleisch lässt sich 100-Gramm-weise kaufen, statt in den üblichen Packungen, die rein zufällig immer deutlich mehr enthalten, als man für eine oder zwei Portionen braucht.

Konsequent umgesetzt könnte man so auch Unverpackt-Läden realisieren. Oftmals sind Waren wie Salatgurken nur in Plastik eingeschweißt, um Bio- von anderen Waren zu unterscheiden. Wenn der Supermarkt selbst sortiert, ist das unnötig. Wäre das nicht super? Man kommt von der Arbeit oder vom Kindergarten und holt seine Einkäufe in dem idealen Behältnis ab – etwa eine Klapp-Kiste, die genau in ein Lastenfahrrad passt.

Diese Lösung hätte zumindest in meinem Umfeld viele Vorteile: Sie kommt mit einem Minimum von Arbeit aus: Der Supermarkt muss keine Fahrer suchen, ich muss nicht in einem stundenlangen Zeitfenster auf die Lieferung warten. Zum zweiten habe ich volle Autonomie, da ich mir selbst aussuchen kann, wann ich Zeit habe. Zudem kann ich die Angebote besser vergleichen.

Kurzum: Zehn-Minuten-Lieferdienste sind zwar ein scheinbar innovatives Modell, lösen aber tatsächlich kein Problem: Niemand kann seinen ganzen Bedarf damit decken, es entsteht auch keine Infrastruktur, die mehr als einem Unternehmen dienen kann. Die engagierten Fahrer müssen sich drauf gefasst machen, gefeuert zu werden, sobald die Investoren ein anderes Spielzeug gefunden haben. Der Abholsupermarkt kann hingegen den Ressourcenverbrauch in der Stadt reduzieren und gleichzeitig ein nachhaltigeres Einkaufen fördern.

Werbelinks 1

Es passiert grade sehr viel in Sachen Werbung. — also packe ich interessante Links und Schnippsel in mein Blog.

1. Das politische Narrativ ist: Wenn man nur etwas gegen die datenverschlingenden Konzerne aus dem Silicon Valley aktiv wird, ist nicht nur dem Datenschutz gedient, sondern automatisch auch dem Wettbewerb. Doch dies ist falsch und irreführend. Denn grade sind es ja die Konzerne aus dem Silicon Valley, die die Datenhaltung zurückfahren wollen. Gilad Edelman dröselt das bei Wired auf: Antitrust and Privacy Are on a Collision Course

Sometimes, however, the privacy and competition relationship is inverted: As you turn the privacy dial up, you get less variety in the market. This is increasingly the case now that the most monopolistic companies are often the ones making the most extensive and lucrative use of personal data.

2. In einem Punkt ist der vorige Artikel jedoch falsch: „But since Apple doesn’t make its money by selling personalized ads based on surveilling user behavior, it’s harder to argue that it is hoarding access to user data for its own purposes.“ Tatsächlich macht Apple eine Menge Geld mit personalisierter Werbung. Indirekt, weil Apple beträchtliche Provisionen etwa von Google kassiert und weil ein großer Teil der für Apple-Kunden kostenfreien Apps werbefinanziert sind. Aber Apple hat auch ein direktes Werbegeschäft, wie Valentino Volonghi auf Twitter anmerkt:

(Ihr wollt keine Cookie-Banner für Tweets in Euer Blog einbauen? Link und Screenshot!)

3. Das ist auch den Aufsichtsbehörden in Frankreich aufgefallen. Zwar darf Apple die Datensammlung im Interesse seiner Kunden reduzieren, ist dann aber auch rechenschaftspflichtig, wie Dusan Zivadinovic in der c’t schreibt:

Damit ist der Fall aber noch nicht abgeschlossen. Die Behörde will Apples Datenschutzinitiative näher beleuchten und sicherstellen, dass sie keine „Form der Diskriminierung“ oder gar Selbstbevorzugung darstellt. Apple betonte nach der Entscheidung erneut, dass Datenschutz ein „fundamentales Menschenrecht“ sei. Die ATT-Regeln seien auch für Apple selbst bindend.

4. Parallel hat die Datenaufsichtsbehörde CNIL in Frankreich zum April die Übergangsphase für korrekt gesetzte Cookie mit korrekt erhobenen Zustimmung der Kunden für beendet erklärt und will Verstöße nun endlich verfolgen. Dies ist vermutlich ein Grund, warum Google seine eigenen Cookie-Banner bereits etwas aufgepimpt hat.

Google-Cookiebanner

Alarmstufe Beige

Wir sind verwirrt. Sind wir nun in einem Lockdown, einem Halb-Lockdown oder einem Zwei-Drittel-Lockdown? Was sind eigentlich Ruhetage. Dürfen wir trotz Tanzverbot nun Life Of Brian schauen? Was ist los? Wir brauchen neue Wörter, neue Begriffe um zu begreifen.

Alarmstufe Beige.

Jeder kennt Alarmstufe Rot. Rot ist sexy, Rot ist laut. Tausende Tonnen Lava stürzen auf das Bergdorf zu, Zerstörer werfen Wasserbomben auf uns ab oder da versuchen U-Boote unseren Konvoi zu versenken. Alarmstufe Rot ist gekennzeichnet von einer klaren Bedrohung, einem klaren Kurs.

Doch während die aktuelle Bedrohung eigentlich recht klar ist, finden wir keine Richtung, aus der sie kommt. Jeder erzählt, dass sein Bereich kein „Treiber“ der Pandemie sei. Nicht die Schulen, nicht der Handel, nicht die Hotels und nicht die Mama.

Also vielleicht Alarmstufe Gelb? Gelb ist nicht so sexy, nicht so laut, aber so ein bisschen ätzend. Wir müssen die Augen offen halten. Die romulanischen Kriegsschiffe sind getarnt, aber sie werden jeden Moment angreifen. Oder in ein paar Stunden. Oder morgen, wenn Botschafter Spock erwartet wird. Bis dahin bleibt jeder auf seinem Posten, die Phaser sind gut geölt und einsatzbereit.

Doch sollen wir wirklich wochenlang auf unserem Posten bleiben? Und wo ist der Posten? Auf dem Sofa, auf der Impfzentrum-Warteliste, in einem Zoom-Meeting mit einer Ziege? Wird uns bis zum Ende des Sommers ein Angebot gemacht, das wir nicht ablehnen können, wenn wir die Sinne beisammen haben?
Nein, vielleicht, siebenundachtzig, kann ich den Telefon-Joker gegen eine 50:50-Joker eintauschen?

Deshalb brauchen wir Alarmstufe Beige. Niemand mag wirklich Beige, aber man kann es großflächig verstreichen. Beige legt sich auf unsere Sinne, Beige ist ein Nebel, durch den wir unseren Weg navigieren müssen.

Für Leute wie mich heißt Alarmstufe Beige mehr Homeoffice, mehr Stress, mehr Ungewissheit, mehr Mutanten. Für andere heißt es: Konstanter Stress, lange Tage, kurze Nächte. Beige ist ein konstanter Drang zur Paranoia, zum Meckern, zum Zynismus. In Beige finden Wahlkämpfe statt, Regierungsbildungen. In Beige werden Kinder eingeschult, in Beige lernen wir erste Basis-Lektionen Finnisch, in Beige treten wir eine neue Stelle an. Tofu-Fertigungsstätten und Tesla-Fabriken werden gebaut. Beige ist Tofu: Eigenschaftslos und höchst konsequent.

In Beige sind wir nah am Wasser gebaut und verletzlich — aber wer ist schon da, uns zu verletzen? Nur die alten Bekannten, Gesichter, Geliebten. Wenn wir gemeinsam durch Beige kommen, wird uns nichts mehr trennen.

Alarmstufe Beige heißt: Wir müssen noch warten. Wir müssen schuften. Und hoffen, dass die, die den Alarm verwalten, sich nicht im Nebel verirren.