Das Grundproblem mit Artikel 11, Artikel 13 und dem ganzen Rest

Ich hab jetzt doch mal in die konkreten Vorschriften zu der vorgeschlagenen EU-Urheberrechtsreform geguckt — und es ist schlichtweg ein schlechtes Gesetz. Über die vielen Kompromisse, Missverständnisse und handwerklichen Fehler wurde ja genug geredet — aber ich glaube das eigentliche Problem sind die Grundannahmen. Der Gesetzestext geht davon aus es gebe hier einen Informationsmarkt im Ungleichgewicht. Man muss schlicht einer Seite etwas wegnehmen und schon pendelt sich wieder ein gesundes Gleichgewicht ein.

Die vorgeschlagene Maßnahme ist quasi ein Strafzoll — man verzeihe mir die Metapher. Das Problem: Strafzölle bringen nur Geld ein, wenn etwas importiert wird. Die Urheberrechts-Lobbyisten sagen: Da Google, Facebook und Co von Informationen leben, kommen sie ohne unsere Infos nicht aus. Wir sitzen am längeren Hebel. Wie bei Amazon und New York City stellt sich heraus: Nein.

Das kommt für niemanden überraschend, der die letzten Jahre ein wenig Aufmerksamkeit auf das Thema verwendet hat. Wir können es an so vielen Stellen sehen. Derzeit verlieren hunderte Kollegen in den USA ihre Jobs, weil Facebook ein bisschen müde war, wie viel Arbeit ihnen Nachrichten machen und wie sehr das Image der Firma leidet, weil das Management mit dem Problem ‚Fake News‘ einfach nicht umgehen kann. Zuckerberg versucht nicht mal den Journalismus abzustrafen und tut es trotzdem. Was passiert wohl, wenn man eine Steuer draufschlägt?

Nächste Woche wird die deutsche Werbewirtschaft ihre Zahlen publizieren — und ich wette die Suchmaschinen-Einahmen von Google sind wieder gestiegen. Und zwar nicht, weil sie so perfekt die besten journalistischen Produkte integriert haben, sondern weil Leute nach Bluetooth-Kopfhörern googeln und Kopfhörer-Hersteller die Gelegenheit ergreifen, dort zu annoncieren.

Wisst ihr, wer der aktuelle Star der Werbeszene ist? Amazon. Weil: Wo kann man besser seine Ware anpreisen als in einem Katalog von quasi jedem lieferbaren Produkt? Hier in Deutschland macht Otto das gleiche. Wir sind vermutlich nur wenige Jahre davon entfernt, dass ALDI Werbeschaltungen in seinem ALDI-Prospekt einführt. Es wird ziemlich schwer zu begründen sein, dass Amazon, dass ALDI Urhebern ein Stück des Geldes abgeben soll, weil die kreativ Schaffenden Musikvideos produzieren und die Äußerungen der Kanzlerin analysieren.

(BTW: Plattformen wie Amazon sind in der EU-Urheberrechtsreform ausdrücklich von der Haftung ausgeschlossen worden. Obwohl es auf diesen Marktplätzen sehr wohl substantielle Urheberrechtsprobleme gibt: Produktbeschreibungen und Produktfotos werden haufenweise geklaut.)

Wenn man über den „value gap“ reden will, muss man über den „value gap“ reden. Wie finanzieren wir die Infrastruktur, die wir für eine informierte Öffentlichkeit brauchen? Muss die Werbefinanzierund zurückgedrängt werden? Wie stellen wir dann sicher, dass nicht nur die Großverdiener wichtige Informationen erhalten? Nur an den Symptomen herumzudoktern, wie es diese Reform versucht, wird uns dabei nicht helfen.

„Ich bin kein Bot, nehmt mich ernst“

Gestern war ich mal wieder bei einer netzpolitischen Demo in Köln. Da ich offenbar der einzige Journalist vor Ort war, der für Medien jenseits von YouTube arbeitet, schreibe ich hier einige Kontexte und Eindrücke auf.

Zunächst mal: Die Demo war ein außergewöhnlicher Erfolg. Innerhalb von nur zwei Tagen hatten es die Organisatoren geschafft, ihre Botschaft zu verbreiten und ihre Follower davon zu überzeugen, dass es nicht reicht, nur eine Online-Petition zu unterschreiben oder im eigenen Kreis per WhatsApp oder TeamSpeak über die Politiker zu lästern. Auf der Straße waren schätzungsweise 1000 bis 1300 Teilnehmer. Ich habe viele Demos gesehen, die mit einem Vielfachen an Aufwand und Vorbereitungszeit lediglich 200 oder gar nur 50 Leute auf die Straße brachten – selbst wenn die Bedingungen ideal waren.

Die YouTube-Szene hat sich in den vergangenen Jahren nie wirklich für netzpolitische Themen mobilisieren lassen – und wenn sie doch aktiv wurde, tat sie das außerhalb der etablierten Strukturen. Das Medium einer Straßendemo ist für alle Beteiligten ziemlich wesensfremd. Diese machte sich schnell bemerkbar: So gab es statt des üblichen Lautsprecherwagens nur einen Lautsprecher, der von zwei Ordnern in die Höhe gehalten wurde, so dass einige Redebeiträge kaum verständlich waren. Solche Lektionen muss jede neue Bewegung lernen.

Es handelt sich augenscheinlich um eine neue Bewegung. Von den Leuten, die sich sonst keine Netzdemo entgehen lassen, waren nur einzelne vor Ort. Im ganzen Demozug habe ich zum Beispiel nur eine Flagge der Piratenpartei gesehen. Es hat wohl schlicht niemand dran gedachte, die Piraten aus dem Kölner Umland frühzeitig zu alarmieren. Die Kanäle, auf denen sich der Demo-Aufruf massenhaft verbreitete, werden von Leuten über 30 Jahren eher selten gelesen.

Das heißt auch: Die Beteiligten haben noch nicht ihre vorgefertigten Talking Points parat. Einige Teilnehmer hatten allenfalls vage Vorstellungen davon, was sie denn konkret demonstrieren. Der erste Jugendliche, den ich drauf ansprach, war tatsächlich der Auffassung, dass seine Lieblings-Youtube-Channel oder gleich die ganze Plattform geschlossen werden würden. Gleich darauf wurde er aber von vier umstehenden Mitdemonstranten korrigiert.

Auch wenn der Artikel 13 auf fast allen Bannern explizit thematisiert wurde, ging es doch um mehr. Für die meist jugendlichen Teilnehmer ist YouTube ist nicht irgendeine Plattform eines Silicon-Valley-Konzerns, sondern eine Heimat. Hier haben sie nicht nur Gleichgesinnte, sondern ihre eigene Identität gefunden. Ein paar davon versuchen damit ihren Lebensunterhalt zu verdienen, aber für die meisten ist YouTube keine Geldquelle, sondern Ursprung einer Solidarität, die sie sonst nicht im Leben erfahren. Ich lebe nicht nur mein Leben, ich lebe Deines mit, wenn Du mich dran teilhaben lässt.

Genau diesen Nerv hatten Politiker wie Sven Schulze getroffen, die darauf bestehen, dass der Widerstand gegen die Urheberrechtsreform eine externe Kampagne ist, die mit Bots und Fake-Emails agiert. Insbesondere ein Banner brachte es daher auf den Punkt: „Ich bin kein Bot, nehmt mich ernst!“ Ein anderer gern zitierter Spruch: „Warum sollen alte Männer über mein Internet bestimmen?“ Andere Botschaften waren krasser: „Artikel 13 tötet uns“. Viele befürchten, dass die Freiheiten unter denen sie aufgewachsen sind, nun wieder genommen werden sollen. Dass sie in Rollenschemata einer für sie vergangenen Welt gepresst werden sollen.

Für viele war es die erste Demo ihres Lebens. Deshalb steht es in den Sternen, wie es weitergeht. Schaffen die YouTuber — man erlaube mir hier diese Vereinfachung — den Schulterschluss mit anderen gesellschaftlichen Gruppen und Organisationen? Brauchen sie den überhaupt, damit die Abgeordneten des Europaparlaments in den protestierenden Jugendlichen eine zu wichtige Gruppe für den Wahltermin im Mai sehen und nicht nur einen Bestandteil des Lobbyings von Google? Ausgeschlossen scheint mir, dass die etablierte Politik die Jugendlichen davon überzeugt, dass die Urheberrechtsreform in ihrem Interesse ist. Dazu wurde zu viel Porzellan zerschlagen.

 

 

Russian Doll

Ihr habt es wahrscheinlich schon überall gelesen. „Russian Doll“ ist die Netflix-Serie der Stunde. Natürlich neben „Sex Education“. Fast überall, wo ihr etwas über die Serie lest, heißt es: Natasha Lyonne ist toll, genial, fantastisch und die Story ist ein bisschen wie Groundhog Day,…. blah, blah, blah…, aber wir wollen Euch nicht zuviel verraten. Wegen Spoilern. Dazu sage ich nur: Fuck that.

Let’s sit crooked and talk straight.

Russian Doll ist tatsächlich wie der Film Groundhog Day, der auf vier Stunden ausgewalzt wurde. Und das ist ein sicheres Rezept für ein Desaster. Wer kann schon mit Bill Murray konkurrieren? Und wird aus der Prämisse nicht ein Hindernis, wenn man sich allzu lange mit ihr beschäftigt? Braucht man nicht irgendwann einen Gott oder eine Wunderdroge, die diese merkwürdige Zeitschleife erklärt? Stellt sich heraus, die Antworten sind: Natasha kann. Und: Ja, aber nein. Aber ich komme gleich dazu.

Fangen wir mit einer Handlung an: Die Hauptfigur heißt Nadia, und sie lebt das New Yorker leben. Sie trinkt wie ein Loch, sie raucht wie zwei und ihre Unabhängigkeit geht ihr über alles. Ihre Katze teilt sie mit dem Diner nebenan, ihr Ex-Freund durfte ihr nicht mal seine Tochter vorstellen und selbst beste Freundinnen müssen sich auf Kommando auf Armlänge distanzieren.

Wir schreiben Nadias 36. Geburtstag und sie ist in das Loft einer Freundin zu ihrer eigenen Geburtstagsparty eingeladen. Es ist eine wilde Szenerie, über 50 Leute drängen, tratschen und tanzen sich durch die Wohnung, die früher eine jüdische Schule war. Nadia angelt sich einen Mann, nimmt ihn mit nach Hause und auf dem weiteren Weg durch die Nacht wird sie von einem Taxi überfahren. Schnitt. Nadia steht wieder in dem abgefahrenen Badezimmer und weiß nicht, was mit ihr geschieht.

Ich mag es, wie Nadia mit der Situation umgeht. Erst freakt sie aus, dann versucht sie zielstrebig sich in der neuen Situation zurechtzufinden. Es muss eine neue Partydroge sein. Doch nein, im Joint ist nur Ketamin. Dann ist es vielleicht ein religiöser Fluch. Wir sind schließlich in einer alten jüdischen Religionsschule. Wieder eine Sackgasse. Also versucht Nadia – wie einst Phil der Wettermann – die Situation zu genießen. Doch es ist schwer. Denn die Früchte verfaulen.

Nothing in the world is easy. Except pissing in the shower.

Ich mag die Szenerie. Wie fast jede gute New Yorker Fiktion spielt die Serie nicht in einem vagen New-York-Verschnitt, der irgendwo zwischen Brooklyn und Wall Street mäandert. Russian Doll ist nachbarschafts-spezifisch. Nadia lebt im East Village – nur ein paar Block entfernt von Richard und Rachel. Wenn ihr Euch in Google Streetview durch Avenue A und Avenue B klickt, werdet ihr viele der Drehorte finden.

Auch die Menschen sind stilecht, wenn auch idealisiert: Eine party hard crowd, die sich am morgen in einen fuck pile verwandelt hat, Künstler, Coder, Literaten, Immobilienmakler. Der ständige Zustrom neuer Neu-New Yorker sorgt dafür, dass hier jeder mit jedem schlafen kann – die meisten sind nach zwei, drei, fünf oder zehn Jahren eh nicht mehr da. Aber: Nadia ist noch da. Und deshalb lieben wir sie.

Nadia ist zum Teil wie Phil, sie hat etwas von jedem Raubein, das in Romantic Comedies immerzu gezähmt wird. Wie einst Schimansky frühstückt sie mal eben ein rohes Ei aus dem Glas, weil es halt weniger Arbeit macht und Nadia meint, dass sich Leute generell nicht so viel Mühe um sie geben sollten. Denn sie wird sie sonst enttäuschen.

Ich mag es, wie die Autorinnen das Konzept der Loop weiterentwickelt haben. Anders als in Groundhog Day reden die Figuren nicht jedes Mal exakt dasselbe. Das wäre auf die Dauer wirklich nervig. Es ist zwar dieselbe Nacht, aber mit Unterschieden. Der Gasofen wird nicht jedes Mal explodieren. Stattdessen lernen wir eine Figur nach der anderen endlich besser kennen. So den Obdachlosen im Park, der ein anderes Leben als kompetenter Friseur hatte. Oder den sexsüchtigen College-Professor. John, der sich so rettungslos in Nadia verliebt hat. Und Alan. Alan ist anders.

Mit der vierten Folge kippt die Serie. Plötzlich ist da ein zweiter Charakter, der ebenfalls in der Loop ist. Alan ist das Gegenteil von Nadia: ordnungsorientiert, in einer langjährigen Beziehung und vor allem: diagnostiziert. Sobald Alan auftritt merken wir: Russian Doll ist nicht einfach die Erzählung, wie ein oder zwei Asympathen plötzlich das Bessere in sich entdecken und den perfekten Tag plötzlich zum perfekten Leben umgestalten. Es geht um Geisteskrankheit, Traumata und Selbstzerstörung. Die Botschaft ist so einfach wie intensiv: Lass Dir helfen.

Here it comes, a cure for the night

Es ist kein wirklicher Spoiler, wenn ich sage: Beide finden aus der Todesschleife heraus, beide finden plötzlich Trost in ihrem Leben. Macht Euch nicht allzu viele Gedanken drüber: Einen Sinn wird die Story nie ergeben. Aber wir fiebern mit Nadia und Alan, dass sie endlich an den Punkt kommen, an dem sie erkennen, wo der offene Bruch in ihrem Leben liegt.

Und man kann ihnen das Happy End vergeben, nachdem wir so viele dunkle Seiten gesehen haben. Horse ist nicht nur ein wundervoller Obdachloser, er hat auch keinerlei Hemmungen einen Betrunkenen auszurauben. Ruth ist nicht nur die sassy, sie ist auch gebrechlich, hilfsbedürftig und verängstigt. Wie wir alle irgendwie. Und alle um uns herum.

Kurzum: Daumen hoch. Anschauen.

Private Life

Ich liebe diesen Film. Ich hatte ihn schon vor Monaten auf meine „List“ auf Netflix gesetzt, aber kam erst jetzt dazu ihn anzusehen. Und… einfach wow.

Die Geschichte ist schnell erzählt: Ein Paar in New York will ein Kind bekommen. Und es klappt einfach nicht. Bis dann die Nichte in ihr Leben schneit. Eine Romantic Comedy – ja. Aber eine, die so wenig jennifer-aniston-y ist, wie sie nur sein kann.

In kaum einer Stadt spielen so viele Filme, Serien, Romane. Und doch: Wirklich wenige zeigen mehr als eine Hochglanz-Version des Lebens in einer durchweg fiktiven Stadt, wo alle attraktiven Leute den Karrierepfad nach oben schießen, wo Geld keine wirkliche Rolle spielt, wenn man nur gut genug drauf ist.

Schon die ersten Einstellungen zeigen, dass „Private Life“ nicht in diese Schublade gehört. Ein Ehepaar auf ihrem Wohnbett — und er setzt ihr eine Fruchtbarkeits-Spritze. Die ganze Wohnung ist mit Büchern und Krimskrams vollgestopft, sogar die Fensternische hinter dem Bett ist ein Behelfs-Bücherregal. Diese Details zeigen, dass wir uns hier nicht in einer abgefeimten Fantasie bewegen wie zum Beispiel „Friends from College“, die genausogut in L.A. hätte gedreht werden können. Hier wird die Geschichte von echten Menschen erzählt, wie man sie tatsächlich in der Stadt treffen kann.

Richard ist 47 Jahre und hat eigentlich mit dem Literaten- und Theaterleben abgeschlossen. Sein Geld verdient er mit einer Firma – „The Pickle Guy“. Nichts besonderes, aber es finanziert die Miete und ein einigermaßen sicheres Leben. Rachel ist ein paar Jahre jünger als er und veröffentlicht nun endlich ihren Roman, der sie so viele Jahre gekostet hat.

An sich sind sie ein arriviertes, in gewisser Weise erfolgreiches Paar — und dennoch sitzen sie in ihrer engen Wohnung an der Avenue A, und müssen sich mit lärmenden Nachbarn herumplagen, mit vollen Wartezimmern, mit einem Leben, das durch und durch von Notwendigkeiten geprägt ist. Im Gegensatz dazu steht die Familie von Richards Bruder, die ein gutes Stück außerhalb wohnt, wo für Normalverdiener ganze Häuser zu haben sind — und wo man beim Trip nach Manhattan eben den besonderen Käse oder den Everything-Bagel mit nach Hause bringt.

Als ihre Nichte Sadie in die Stadt kommt und in ihr Leben tritt, bringt sie wieder einen neuen Blick auf diesen faszinierenden Moloch und lässt die beiden teilhaben. „Oh, ich dachte, hier ist inzwischen alles gentrifiziert“, sagt sie, als sie eintrifft. Und Richard entgegnet, dass diese Entwicklung ihre Nachbarschaft noch nicht eingeholt hat. Dass der Balkon aus einer Feuerleiter besteht, ist für Sadie kein Nachteil, sondern ein Teil des Abenteuers New York.

Man könnte nun meinen, dass die Stadt die Hauptrolle spielt – aber nein. Sie ist der Rahmen, der alles zusammenhält. Paul Giamatti und Kathryn Hahn zeigen existenzielle Verzweiflung, eine unendliche Müdigkeit, aber gleichzeitig Liebe, Humor und einen immer noch ungestillten Hunger aufs Leben. Und – das geschieht selten — in der allerletzten Einstellung hoffe ich richtig, dass sich die Tür öffnet. Ihr werdet sehen, was ich meine.

Den Trailer gibt es hier:

Hier klicken, um den Inhalt von YouTube anzuzeigen.

Wer den Film mag, kann sich auch Tallulah mit Ellen Page und Allison Janney ansehen, die auf einigen der gleichen Saiten spielt. Die sehr männliche Variante mit Dustin Hoffman, einem überraschenden Adam Sandler und Ben Stiller heißt „The Meyerowitz Stories“ und erforscht ebenfalls das Getriebene im Leben der New Yorker. Kommerzieller und klamaukiger ist „Thanks for Sharing“ mit Mark Ruffalo, Tim Robbins, Gwyneth Paltrow. Wer eher das Melancholische mag, sollte einen Blick auf „The Visitor“ von 2007 werfen, in dem Richard Jenkins einen Professor spielt, der über einen jungen Immigranten wieder ein Leben entdeckt, in dem er noch zählt. Und wer auf Jennifer Aniston steht: In „The Switch“ wird auch sie in New York künstlich befruchtet. Aber der Streifen ist mehr ein Trinkspiel denn ein Film. Frohes Schauen.

Kommt alle mal wieder runter!

Robert Habeck hat seinen Twitter- und seinen Facebook-Account gelöscht. Ich halte den Schritt mittelfristig für einen Fehler und keine wirklich durchdachte politische Botschaft, aber ich verstehe sie menschlich.

Was ich nicht verstehe, ist der riesige Bohei, der nun darum veranstaltet wird und der sogar in meine Timelines rüberschwappt. Es gibt Leute, die ihm zustimmen und Leute, die in der Löschung mehr als ein persönliches Statement sehe. Und das ist Okay so. Was ich befremdlich finde, ist die Sprache.

Zum Beispiel bei denen, die sich auf Habecks Seite schlagen:

https://twitter.com/Schroeder_Live/status/1082311198794747905

Zum Beispiel bei denen, die sich nicht auf Habecks Seite schlagen:

https://www.facebook.com/micky.beisenherz/posts/10157331324466535

Habeck wurde gelyncht? Really? Weil er einen Trip ins Alttestamentarische unternahm??? Wovon redet ihr da eigentlich?

KOMMT MAL ALLE WIEDER RUNTER. Man kann auch über Dinge diskutieren, ohne in die absurdesten Metaphern oder Superlative zu verfallen.

Baut größere Briefkästen

Zu Weihnachten ist meine Timeline geradezu angefüllt mit dem Paket-bezogenen Problemen. Von geklauten Paketen mit Glitterbomben über Amazon-Abgesänge bis hin zu dem Paketboten, der es unmöglich schafft, seine Tour zu absolvieren. Leute denken über neue Monopole nach, sie wollen Drohnen losschicken oder Amazon-Besteller finanziell zur Kasse bitten. Amazon hingegen hätte gerne, dass wir seinen Boten einen elektronischen Nachschlüssel zu unseren Kofferräumen oder gar zu unseren Wohnungen geben.

Was ich quasi nie sehe, ist dieser absolut verrückte Lösungsvorschlag: Baut größere Briefkästen.

Wann immer ich an Neubauten vorbeigehe — und die Neubauten hier in Köln sind richtig, richtig teuer — sehe ich, dass das Problem ignoriert wird. Auch die Nobel-Briefkästen sind allenfalls dafür angelegt, dass eine Tageszeitung darin Platz findet – und eine Wochenzeitung nur reingeknuddelt werden kann. Dabei wäre schon ein etwas größerer Briefkasten mit einem deutlich größeren Schlitz ausreichend für einen Großteil der Lieferungen: Ein neuer Pullover von Zalando, eine Schachtel Pralinen vom Weihnachtsversand, die Back-Box mit allen Zutaten für einen Chia-Möhren-Kuchen. Das passt ohne Probleme ihn einen Briefkasten, den man einfach in beliebigen Hauseingängen platzieren könnte. Wenn man denn wollte.

Jedem wäre damit gedient: Die Paketboten müssten nicht klingeln oder Nachbarn suchen und der Empfänger hätte das Paket direkt bei der Heimkehr zur Hand. Amazon hätte einen Anreiz nicht immer den größten Karton im Lager zu verwenden, wenn auch nur ein Lippenstift mit Wmverpackung geliefert werden soll. Wenn ihr den Zustellern nicht vertrauen wollt, dann packt einen kleinen NFC-Chip in den Briefkasten. Einmal kurz den Zustellcomputer vorhalten ist besser als eine Unterschrift, die eh niemand entziffern kann.

Ich weiß – das ist nicht alles. Ab und zu bestellt man ein paar größere Sachen, die auch nicht in einen größeren Briefkasten passen. Und was mag da wohl die Lösung sein? Ein noch größerer Paketkasten. Schon als ich zu Zeiten der New New Economy ein Praktikum machte — also zu der Zeit als schwarze Socken im Abo der letzte Schrei waren — landete eine Pressemitteilung auf meinem Schreibtisch, in der eine Wohnungsbaugesellshaft ankündigte, dass sie jede Wohnung mit einem Zwei-Wege-Schrank ausstatten wollten. In dem sollten Lieferanten quasi alles deponieren, während der Hausherr in seinem Büro 13-Stunden-Schichten abriss: Von der frisch gereinigten Wäsche bis zum Wocheneinkauf. Ich weiß nicht, was daraus wurde, aber das Konzept sollte sich heute ohne weiteres verkleinern lassen. Eine mittelgroße Paketbox pro zwei Haushalte, ein paar NFC-Chips und vielleicht ein wenig Nachbarschaftkommunikation, wenn zu Weihnachten tatsächlich eine Paketflut anlanden sollte. Baut größere Briefkästen!

ApplePay – Alltagstauglich, doch kein Selbstläufer.

Da grade ApplePay in Deutschland eingeführt wird, schreiben alle über Bezahlen per Handy. Natürlich mit Vorbehalten. So heißt es auf tagesschau.de:

Richtig alltagstauglich ist mobiles Bezahlen aber noch nicht. „Das fängt schon bei den Grundvoraussetzungen an“, kritisiert Maike Strudthoff, Mobile-Payment-Expertin und Autorin für Digitalthemen. „Kunden brauchen das richtige Handy, nämlich NFC-fähig, und müssen die passende Bank haben, die wiederum eine kompatible Zahlungskarte anbietet. Das ist verwirrend und noch nicht unbedingt für die Masse nutzerfreundlich.“

In meinen Augen ist das falsch. Denn wenn die beschriebene Verwirrung erst einmal geklärt ist — fast jeder in der Zielgruppe hat bereits ein NFC-fähiges Handy — ist die Technik sehr alltagstauglich. Denn gerade im Alltag gibt es die Verwirrung nicht mehr: Wir kramen nicht in Handtaschen und Rucksäcken, welches von zehn Handies wir jetzt benutzen sollen. Und wir müssen auch nicht zwischen fünf verschiedenen Girokonten wählen. Einfach das Handy an die bezeichnete Fläche an der Supermarktkasse halten — fertig. In den viel zitierten Bäckerein müssen wir wohl weiterhin bar zahlen – big deal.

Insbesondere die Geschwindigkeit begeistert. Von alten Supermarktkassen bin ich es noch gewohnt, dass man den halben Einkauf einpacken kann, bis denn endlich der Beleg zum Unterschreiben aus der Kasse gezuckelt kommt. Diese Wartepause ist verschwunden.

Ich glaube dennoch, dass diese Zahlungsmethode nicht plötzlich von allen Deutschen adaptiert wird. Aus zwei Gründen:

Zum einen sind mittlerweile auch Kontokarten der verschnarchtesten Sparkassen mit NFC ausgestattet. Der Geschwindigkeitsgewinn ist also kein Alleinstellungsmerkmal des Handyzahlens.

Zum zweiten: Auch wenn Apple seit einem Jahr unentwegt dafür wirbt, dass sie nie, nie, niemals die Daten ihrer Kunden verkaufen (halt nur einen Milliardendeal mit Google, aber Schwamm drüber) – will man wirklich alle Käufe über Silicon Valley und deren Dienstleister abwickeln? Mit dem Hersteller, der buchstäblich den Puls vieler Kunden erfassen kann?

Framing-Vorwürfe als Framing

Es ist wie bei so vielen Befähigungen: Ein bisschen Medienkompetenz ist manchmal schlimmer als gar keine. Gestern fiel mir zum Beispiel dieser Tweet auf, der eifrigst verbreitet wurde:

Quelle: https://twitter.com/mikofLohr/status/1071867429205229570

Die Botschaft des Tweets ist klar: Die Medien benutzen jeden Trick, um die legitimen Proteste in Frankreich als gewalttätig erscheinen zu lassen. Ein klassisches Beispiel von Framing: Jemand wählt einen Bildausschnitt so, dass ein gezielt falscher Eindruck erzeugt wird. So scheint es zumindest.

Doch auch nur eine flüchtige Betrachtung des Ganzen sollte zeigen: Beide Bilder zeigen unterschiedliche Szenen. Die Objektive der Fotografen beim Winzfeuer zeigen nach unten – jemand müsste sich schon unmittelbar vor das Feuerchen legen, um Triumphbogen und Flammen gleichzeitig auf das Bild zu bekommen. Aber selbst dann bekäme man kein annähernd scharfes Bild hin.

Das wichtigere Problem ist aber: Niemand in Paris musste in den letzten Tagen solche Tricks verwenden. Es wimmelt von Fotos, auf denen man brennende Autos sieht — und das sind keine Spielzeugautos, die mit Tele-Objektiven fotografiert wurden. Die Rauchschwaden, das Polizeiaufgebot und das Tränengas über den Champs-Élysées bestimmen die Bildberichterstattung. Und zumindest ein Teil der Demonstranten inszeniert dies absichtlich so – denn nur über drastische Bilder kann man Politiker vermeintlich zum Einlenken bewegen.

Zweites Beispiel: Die Facebook-Präsenz Perlen des Lokaljournalismus zeigt diese Ausschnitte einer ungenannten Zeitung:

Quelle: https://www.facebook.com/perlendeslokaljournalismus/photos/a.260690807442526/1099530543558544/

Ganz klar: Zwei Mal die gleiche Person, jedoch unterschiedliche Namen und Altersangaben. Der hervorgehobene Kommentar (124 Likes!) darunter weiß zwei Erklärungen zu identifizieren – beide wenig schmeichelhaft:

Ist halt die Frage, ob es sich um ein Stockfoto handelt oder der Mann jedem Reporter eine andere Story auftischt :)

Wer jedoch mit der realen Arbeit in Content-Management-Systemen vertraut ist, sollte auf eine andere Erklärung kommen. Jemand hat die „Leute heute“-Rubrik aus einer vergangenen Ausgabe kopiert, um das Format richtig hinzubekommen. Dabei vergaß diese Person jedoch das zugehörige Bild auszuwechseln. Also: Keine Manipulation, lediglich verständliche Schlampigkeit – insbesondere wenn man berücksichtigt, wie wenige Leute heute die Arbeit einer kompletten Lokalredaktion erledigen müssen.

Natürlich sind beide Beispiele keine Skandale, eher Petitessen, über die man einfach hinwegsehen kann. Mich stört jedoch wie Manipulationen als allfälliges Erklärmodell für kleinste wahrgenommene Inkonsistenzen präsentiert werden. Das Quäntchen Medienkompetenz, das in den letzten Jahren erfolgreich vermittelt wurde, dient nicht nur zur Aufklärung der Konsumenten, sondern gleichzeitig auch als willkommene Einladung zur Denkverweigerung. Irgendwer lügt eh.

PS: Die Nachrichtenagentur AFP hat sich dem Tweet gewidmet, der inzwischen auf einem anderen Account 32000 Retweets und eine Reihe irreführender Artikel angesammelt hatte. Ihr Ergebnis: Die Fotos stammen nicht mal vom selben Tag. Das gleiche Ergebnis bei T-Online.

Bedingungsloses Grundeinkommen: Butter bei die Fische

Jeff Bezos ist der vermutlich reichste Mensch der Welt. Laut Forbes.com betrug sein Vermögen im September 167 Milliarden Dollar, also 146 Milliarden Euro. Natürlich schrumpft das Vermögen, wenn er tatsächlich Amazon verkaufen sollte – sagen wir also der Einfachheit halber: er hat 100 Milliarden Euro in bar. Das hieße, er könnte einer Stadt mit 100.000 Bewohnern auf 100 Jahre ein Bedingungsloses Grundeinkommen von 10000 Euro pro Jahr garantieren. Oder einer Stadt mit einer Million Einwohner fünf Jahre lang ein Einkommen von 20000 Euro pro Jahr. Beides – und die Zwischenstufen — wären lohnende Experimente.

Das Geld der Anderen

In der Schweiz scheitert grade ein Projekt, das 770 Einwohnern eines Dorfes ein altersabhängiges Grundeinkommen zwischen 551 und 2200 Euro auszahlen sollte. Für ein Jahr. Der Grund für das Scheitern: Es gab zu wenig Leute, die Geld verschenken wollten. Ich finde das nur allzu verständlich. Denn ein paar Dorfbewohnern Geld in die Hand zu drücken ist kein Experiment in neuen Lebensformen, es ist schlichtweg eine Werbekulisse. Als ob ein James-Bond-Film im Dorf gedreht wird und plötzlich jeder Bauer seine Scheune teuer vermieten kann und Achtjährige Statistenhonorare kassieren. Alle freuen sich, jedem geht es besser. Ist der Film abgedreht, ist das Experiment wieder vorbei, ist hoffentlich alles wieder wie vorher. Plus ein wenig Geld. Für ein neues Scheunendach oder die Ausbildung des Achtjährigen.

Ein Bedingungsloses Grundeinkommen minus Geld von anderen ergibt: Nichts.

Wenn ich von solchen Pseudo-Experimenten lese, bin ich immer etwas erstaunt: Was wollen die Leute da noch lernen? Es ist eigentlich schon gut genug dokumentiert: Wenn Leute etwas mehr Ressourcen haben, geht es ihnen besser. Sie können Investitionen tätigen, zum Beispiel in einen Karrierewechsel. Leute wissen sich zu beschäftigen. Die wenigsten werden sich für ein Jahr faul hinlegen und Playstation spielen. Selbst die Trump-Kinder haben Jobs. (Man sollte bei den Experimenten natürlich drauf achten, dass keine Heroin-Süchtigen oder Alkoholiker im Endstadium mitmachen – das gäbe mitunter unschöne Bilder. Und natürlich: Keine Trump-Kinder.)

Grundeinkommen brauchen Grundzahler

Rein auf Empfängerseite könnte man allenfalls mit langfristigen Effekten experimentieren, also wenn das Grundeinkommen für zehn Jahre und mehr garantiert ist. Welche Auswirkungen hat ein Grundeinkommen beispielsweise auf die Mieten? Müssen öffentliche Schulen schließen, weil die Kinder nun alle auf eine Privatschule gehen? Können Zugezogene auch partizipieren? Poolen die Leute ihr Geld, um Infrastrukturen wie dringend benötigte Dämme zu bezahlen? Wie sieht es aus mit der Lohnverteilung: Wenn niemand mehr für vier Euro im Schlachthaus schuften will, halbieren die Grundeinkommens-Empfänger dann ihren Fleischkonsum? Was in dem Experiment verhindert werden muss: Dass die Teilnehmer einfach in die Nachbarstadt fahren und dort Waren mitbringen, die unter Nicht-Grundeinkommens-Bedingungen entstehen.

Auch diese Experimente würden nur einen ungefähren Eindruck verschaffen. Jetzt wäre es an der Zeit richtig große Experimente anzuschieben – wenn Silicon-Valley-Milliardäre die Idee so gut finden, sollen sie die Milliarden rausrücken. Oder das kleine Alpendorf führt das Grundeinkommen ohne Geld von außen ein. Denn nur so kann ein BGE-Modell ja funktionieren: Die Gesellschaft der Empfänger muss es selbst finanzieren.

Ein kleiner Schritt von der Utopie zur Dystopie

Dann beginnen nämlich die wirklich spannenden Fragen. Will man das Modell, das die Ärmsten heftigst ausgrenzt oder die obere Einkommenklasse heftigst besteuert? Bisher tun die Fans des BGE so als sei nichts davon nötig. Nur deshalb gibt es noch eine Fangemeinde für das Grundeinkommen. Würden sie sich wirklich mit den Folgen des Modells beschäftigen, wäre diese Gemeinde hoffnungslos zerstritten. Denn ob man ein Grundeinkommen über Mehrwertsteuer, Einkommenssteuer oder eine Kapital/Maschinensteuer finanzieren will, ist keine Petitesse. Soll das Grundeinkommen gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen, oder nur die schiere Existenz oder nur ein Taschengeld? Jedem Modell liegen komplett andere Annahmen, andere Menschenbilder zugrunde und jedes hätte komplett andere Folgen.

Die meisten Modelle, die sich überhaupt mit der Finanzierung beschäftigen, setzen auf eine Entsolidarisierung und die fiktive Einsparung Einsparung von Bürokratiekosten, die dann schließlich von den Ärmsten getragen werden müssten. Was bedeuten 1000 Euro pro Monat, wenn die Mehrwertsteuer durch die Decke schießt und Wohngeld und Krankenversicherung wegfallen? Enorme Armut. Das vermeintliche Paradies entpuppt sich immer wieder als Dystopie. Man sehe sich nur an, was die Mini-Auszahlung der Ölindustrie an die Bewohner von Alaska mit dem politischen System dort angestellt hat. Wer meint, er habe die Lösung gefunden, sollte mehr tun als sich Filmkulissen zu suchen. Wenn ihr wirklich an ein Grundeinkommen glaubt, dann tut endlich Butter bei die Fische.