Toxic MD

Ich habe erkältungsbedingt ein wenig mehr Zeit mit meinem neuen Fernseher verbracht. Dabei nutzte ich die Gelegenheit mit die Staffeln von Dr. House anzusehen, die mir in den vergangenen Jahren entgangen waren. Ein paar Gedanken dazu.

Zuförderst: House M.D. ist ein intelligent geschriebene Serie, ein zeitgemäße Adaption von Sherlock Holmes. Aus dieser Vorlage machen die Verantwortlichen kein Geheimnis.

House stammt aus der Periode unmittelbar vor dem „Golden Age of TV“. Es ist zudem eine Network-Serie. Das heißt: Zu viele Folgen, zu viele zu konventionell attraktive Menschen, zu kleine gemeinsame Nenner. Wer so etwas als Minus notieren will, tut der Serie unrecht.

Gleichwohl: House ist nicht sehr gut gealtert. Denn Gregory House ist eine Personifizierung dessen, was wir mittlerweile als „toxisch“ kennen. Ein Narzisst, oder ein Psychopath, der alle in seiner Umgebung manipulieren muss, um seinen Willen durchzusetzen. Während es sicher lohnt, das zu thematisieren, wird House laufend entschuldigt: Durch seine traumatische Verletzung, durch sein schmerzendes Bein, durch sein Genie, durch seine Brillanz, durch seine Umgebung. Und durch den Spaß, den es doch macht, ihm dabei zuzusehen, wie er Patienten und Kollegen demütigt.

Halt – stop! Nein, das macht mir als Zuschauer keinen Spaß mehr. Zwar ist es lustig, wenn sich House und Wilson mit Fangnetzen überlisten wollen. Wenn House jedoch Ärzte per Telefon feuert, nur um einen Punkt zu machen – what a dick! Und in der ständigen Wiederholung: laaaaaangweilig.

Die Gordon-Gecko-Falle

Doch die Inszenierung sagt: Das ist schon OK so. In Großaufnahme wird jede Gefühlsregung von House ins Astronomische aufgeblasen, der Rest des Ensembles muss sich mit Basis-Emotionen begnügen. Andere Personen interessieren nur, solange sie im unmittelbaren Kontakt zu House stehen. Wie irgendeiner seiner Patienten noch leben kann, nachdem er Blut erbrochen hat, nachdem ihm eine neue Leber implantiert wurde und ihm im Hirn rumgeschnibbelt wurde, interessiert in der ersten Staffel nicht.

Diese Mängel sind den Serienautoren auch aufgefallen. So führen sie zum Beispiel die Ex-Frau von House ein, deren neuer Ehemann für ein paar Folgen mit den Langzeitfolgen seiner Erkrankung kämpfen muss. Einmal pro Staffel muss House Wilson und Cuddy einen enormen Liebesdienst erweisen, der dem Publikum vermittelt, warum beide das Arschloch nicht längst in den Wind geschossen haben. Doch das ist zu wenig um aus den Beziehungen irgendeine Tiefe zu geben. Staffel 3 bis 5 wirken zuweilen wie Kammerspiele, die in einer metaphorischen Blase spielen. Jede Ähnlichkeit mit der Realität wird mit Verachtung gestraft. Teilweise sind die Reaktionen auf House so skurril, dass ich schon dachte, er halluziniert.

Hugh Laurie ist hier in die gleiche Zwickmühle geraten wie Michael Douglas in „Wall Street“. Beide spielen gestörte Asympathen mit solcher Bravado, dass sie vom Anti-Helden zum Helden werden. Statt ein abschreckendes Beispiel zu sehen, wird den Zuschauern vermittelt, dass es absolut OK ist, gegenüber seiner Chefin andauernd Sexpraktiken vorzuschlagen und seine Untergebenen zu auf jede erdenkliche Weise zu beleidigen – solange man halt vom Menschenschlag eines House ist und dabei absolut transparent. Es ist doch alles nur Spaß. Oder dient dem Besten. Oder es schadet nicht.

Doch die faule Ausrede, dass sich die Supermodel-Ärzte in diesem feindlichen Klima durch Witz und Toughness halten können, wäre heute kaum wohl noch als Entschuldigung zu gebrauchen. Dass die ständigen Beleidigungen zu einer kreativen Arbeitsathmosphäre gehören, schluckt heute hoffentlich niemand mehr.

Interessant finde ich es, wenn die Perspektive gewechselt wird. Eine Folge zeigt zum Beispiel einen Tag aus Sicht von Chi Park. Solche Folgen werden als Korrektur vorgeführt. So beobachtet Park zum Beispiel eine alberne Hühner-Wette von House und Wilson — und demonstriert damit, dass die Beziehung zwischen den beiden Kindsköpfen nicht so einseitig missbräuchlich ist, wie die anderen Episoden behaupteten. Aber solche Alibi-Folgen kommen nicht gegen den großen Trend an: Das Genie hat recht und wir haben uns danach zu richten.

Realitätsblindheit

Mutig finde ich die Entscheidung, House mit Konsequenzen zu konfrontieren. Dass er zuerst in einer psychiatrischen Anstalt und dann sogar im Knast landet, ist für eine Comedy erstaunlich konsequent. Doch Lehren werden daraus ja grade nicht gezogen. Nach ein paar Folgen ist House wieder er selbst. Und er lacht über jeden, der glaubt sich zum besseren ändern zu können.

Was mit dem Wissen von heute auch etwas enttäuscht, ist die Blindheit für die Zeitentwicklung: Die Hauptfigur ist abhängig von Pillen. Während im ganzen Land tausende Menschen an Opioiden sterben, ist House allenfalls mit spannenden Halluzinationen gestraft. Behandlungskosten sind noch weniger Thema als in „Scrubs“ — in den Jahren vor Obamacare eine merkwürdige Entscheidung. Auch die Tabuisierung von psychischen Erkrankungen ist zuweilen atemberaubend. In einer Folge entdeckt House, dass er mit Methadon ein zufriedenes, schmerzfreies Leben führen kann — aber da er damit seinen „Edge“ verliert, ist die Droge plötzlich kein Thema mehr. Während er am Anfang ein paar Mal als Narzisst gescholten wird, ist davon bald keine Rede mehr. House ist ein Held, aber kein psychisch kranker Loser.

Schade drum. So viel verschenktes Potenzial.

Assange und die Pressefreiheit

Nach all den Jahren des Wartens hat die US-Justiz heute nach der Verhaftungs Julian Assanges endlich die Anklage veröffentlicht, die auf den Australier wartet. Und es sieht nicht gut für ihn aus.

Es geht um seine Zusammenarbeit mit Chelsea Manning, die unter anderem in der Veröffentlichung „Collateral Murder“ gemündet ist. Und wenn die Ankläger ihre Beschuldigungen beweisen können — und die Chancen stehen dafür gut, da die Ankläger offenbar den kompletten Chatverlauf zwischen Manning und Assange haben — sieht es nicht gut für den Wikileaks-Gründer aus.

Laut Anklage hat sich Manning mit einem Linux-System Zugang zu seinem Arbeitsrechner verschafft, der ihr eigentlich nicht zustand. Damit hat sie dann den Hashwert eines Passwortes eines anderen Nutzers ausgelesen, um Zugriff auf größere Dokumentenmengen zu erlangen, als Manning bereits übermittelt hatte. Und jetzt kommt der wichtige Part: Die Entschlüsselung dieses Hashwertes sollte Assange übernehmen.

Es scheint trivial, aber dieser Vorwurf ist vermutlich der, der juristisch jede Frage nach der Pressefreiheit beiseite wischen wird.

Ich bin Journalist, Artikel 5 garantiert mir Pressefreiheit. Dazu gehört auch der Informantenschutz. Das heißt: Ich kann zum Beispiel Dokumente annehmen, die aus nicht-legaler Quelle stammen. Ich kann auch drüber schreiben, solange ich sorgfältig arbeite und beispielsweise die Dokumente soweit wie möglich verifiziere. Und ich muss dem Staat nicht dabei helfen, meine Quelle zu finden.

Dieser Quellenschutz hat aber Grenzen. Wenn ich beispielsweise die Motorwerte von Volkswagen haben will, darf ich mich natürlich nicht in die internen Volkswagen-Server hacken, um die Dokumente zu bekommen. Ich darf nicht heimlich Mailboxen von VW-Mitarbeitern abhören. Ich darf auch keine aktive Hilfe leisten, wenn jemand anders diese Dokumente hackt, um sie mir zu übermitteln.

Am einfachsten ist diese Trennung für Journalisten, wenn sie die Dokumente im berühmten braunen Briefumschlag in ihrem Briefkasten finden – ohne Nennung der Quelle. Wenn ich meinen Informanten nicht kenne, kann ich ihn nicht verraten. Eigentlich nicht. Problem dabei: Woher weiß ich, dass da jemand nicht totalen Unsinn zusammengeschrieben hat?

Woher weiß ich, dass die Dokumente authentisch sind? Also ist es gut, wenn ich dem Informanten dazu einige Fragen stellen kann. Mittlerweile haben einige Redaktionen digitale Briefkästen für Informanten eingerichtet. Diese ermöglichen einerseits die anonyme Übermittlung von Dokumenten, aber auch den direkten Kontakt mit recherchierenden Journalisten.

Hier kommt aber die rote Linie: Wenn ich mit Informanten im Gespräch bin, darf ich sie nicht auffordern, das Gesetz zu übertreten. Und erst recht darf ich ihnen nicht dabei aktiv Hilfe leisten. Die Pressefreiheit wird natürlich in jedem Land anders gehandhabt — aber die rote Linie muss überall existieren.

Wenn Assange wie dargestellt diese rote Linie überschritten hat, dann hat er den Anklägern ein riesiges Geschenk gemacht. Denn es ermöglicht ihnen — Pressefreiheit oder nicht — Assange wie einen gewöhnlichen Computer-Einbrecher zu behandeln.

Ob die Vorwürfe reichen, eine Auslieferung zu erreichen und am Ende dann eine Verurteilung — das steht allerdings noch in den Sternen. Mit großem Misstrauen sehe ich zum Beispiel den Part der Pressemitteilung der US-Regierung, in der die Höchststrafe von fünf Jahren für das vorgeworfene Verbrechen angemerkt wird. Denn wenn Assange sich einmal im Zugriff der US-Justiz befindet, gibt es wenige Hindernisse, die eine Erweiterung der Anklage ausschließen könnten.

Nachtrag: Tatsächlich ist das Auslieferungsabkommen zwischen UK und USA ein großes Hindernis, weswegen das US-Justizministerium schließlich doch mit der kompletten Anklage herausrücken musste, bevor die Auslieferung verhandelt werden konnte. Und bei den nachgereichten Punkten ist ziemlich klar, dass die Anklage auch die allgemeine Pressefreiheit angreift.

Das Scheitern des Urheberrechts

Urheberrechtsvertreter feiern die Abstimmung im Europaparlament gestern als wichtigen Erfolg. Ich als Urheber sehe sie als Desaster. Denn leider hat sich die Überzeugung durchgesetzt, dass es nicht wirklich drauf ankommt, wie man das Urhebrrecht reformiert — es muss schließlich irgendetwas gemacht werden. Doch was da beschlossen wurde, ist ein Maßnahmenbündel, das aus einem Haufen falscher Annahmen und Überzeugungen beruht.

Wie das Scheitern von De-Mail ist auch die EU-Urheberrechtsreform mehr als nur ein gescheitertes Projekt. De-Mail hat das E-Government in Deutschland um Jahre zurückgeworfen, bei Artikel 13 und dem Rest gehe ich eher von einem Jahrzehnt aus.

Nicht nur, dass die meisten Urheber erst in zirka fünf Jahren feststellen müssen, dass das versprochene Geld ausbleibt. Es müssen auch mit viel Aufwand teure Strukturen geschaffen werden, die bald wieder obsolet sind. Nicht jede Verwertungsgesellschaft wird das überleben.

Unterdessen geht der Kahlschlag in den Medien weiter. Waren zu Beginn meines Berufslebens bei jedem Ortstermin mindestens drei andere Kollegen dabei, bin ich heute oft alleine. Stattdessen sitzt am Pressetisch das Content-Team eines PR-Dienstleisters.

Dabei muss Silicon Valley eigentlich nichts weiter tun, um das Projekt gegen die Wand fahren zu lassen. Facebook hat die Verlagerung auf Messenger bereits vor Jahren eingeleitet. Google hat Google+ zugemacht. Und Amazon hat eh eine Garantie bekommen, nichts zahlen zu müssen. Apple hat ein Lizenzmodell für Apple News+ aufgesetzt und beansprucht mal eben 50 Prozent des Umsatzes.

Das ist nur der Ist-Zustand – zwei Jahre bevor die Reform tatsächlich in Landesgesetzen umgesetzt sein muss. Sollte „GAFA“ hingegen aktiv gegen die Reform arbeiten, wird es sehr schmerzhaft. Die Mittel wurden ihnen gelassen. Facebook hat ja schon letztes Jahr die Verbreitung von Nachrichten eingeschränkt. Folge: Entlassungswellen bei Medien in den USA. Kleine und mittlere Anbieter haben längst das Mittel der Geosperre entdeckt. Wir müssen uns nicht mit Europa rumärgern, wenn wir nicht wollen. China ist sowieso ein viel wichtigerer Markt.

Steltermania – Über Karneval und Humor

Wir sind nun am Tag vier des üblichen Pseudo-Skandals zum Kölner Karneval angekommen. Ganz Deutschland diskutiert über die Frage: Darf man Witze über Doppelnamen machen??? Und was denkt Bernd Stelter dazu, der Nicolás Maduro der deutschen Comedy?

Was mich etwas enttäuscht: Es wurde so viel drüber geschrieben, doch irgendwie fällt es niemandem auf: Da war überhaupt kein Witz. Bernd Stelter hat den Namen von Annegret Kramp-Karrenbauer einfach nur höhnisch ausgesprochen — und das war es auch schon. Keine Pointe, nichts. Nur ein paar Prämissen: Er baute darauf, dass das schon ausreicht. Niemand im Festsaal mag die Politiker da oben, niemand mag Emanzen — und niemand will eine sein.

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Das Haupt-Problem an der Kalkulation: Wir schreiben das Jahr 2019. Und tatsächlich stand eine Zuschauerin auf und geigte Stelter für ein paar Sekunden(!) die Meinung. Wir sind wirklich in einem Humor-Entwicklungsland, wenn es uns so bemerkenswert erscheint, dass ein Comedian angeschnauzt wird. Aber nein, es war nicht einfach ein Comedian. Die Frau hat ein ein Heiligtum, den Status Quo, den Karneval beleidigt. Oder in den Worten der Geheiligten Schrift des Express:

Hätte er Witze über Religionen, Minderheiten oder unter der Gürtellinie gemacht, könnte man das Verhalten der Dame noch im Ansatz verstehen. Doch es ging schlicht: um einen Doppelnamen. Unfassbar! Der Kölner Karneval ist weltoffen, das soll auch so bleiben. Aber eines muss klar sein: Egal ob Randalierer oder Sitzungsstörer – solche Typen haben hier im Kölner Karneval nichts zu suchen.

Die katholische Gürtellinie

Um Gottes Willen – Bernd Stelter soll Witze über Religion machen? Wo er doch beabsichtigt niemanden zu beleidigen? Was soll das für ein Witz sein? Kardinal Meisner war über Jahrzehnte ein Witz – und er konnte immer versichert sein, dass der Karneval auf seiner Seite ist. Im Großen und Ganzen. Leute wie Stelter suchen lediglich den kleinsten gemeinsamen Nenner für ein Saalprogramm, das sie wortgleich fünf bis zehn Mal am Tag heraustrompeten können. Eintrittspreis: 40 Euro. Kölsch geht extra. Und ihr braucht eine Menge Kölsch.

Ich fände es wirklich komisch – in beiden Sinnen des Wortes — wenn diese Episode einen positiven Effekt hätte. Die Lehre sollte aber nicht sein: Du darfst keine Witze über Doppelnamen machen. Sondern: Du sollst richtige Witze machen. Und das ist schwere Arbeit, für die es Profis braucht.

Comedy ist vergänglich. Wer meint, dass ein Witz, der vor 50 Jahren gut war, heute noch unverändert gut ist, sollte sich in eine Humorklinik begeben. Wer meint, dass die gleichen Doofwitze der immer gleichen Nasen das sind, was den Kölner Karneval groß macht — die Technik ist inzwischen soweit, dass man ein Hologramm von Dieter Hallervorden auf die Bühne stellen kann. Palimm-Palimm! Haben sie eine Flasche Pommes? Zeitlos! Gegen Aufpreis auch mit Kölschem Akzent. Gesprochen von einem Bläck Fööss. Oder einem Kasalla.

Wer Witze machen will, sollte neugierig sein. Die Lebenswirklichkeit einatmen und ständig reflektieren. Ich erwarte von Comedians keine perfekt ausgewogenen Berichte, die uns Journalisten Konkurrenz machen. (Meta-Pointe!) Aber Comedy sollte zumindest eine emotionale Wahrheit transportieren. Und Comedy sollte ein Dialog sein. Wer mit einer Nummer nicht ab und zu Schiffbruch erleidet, traut sich einfach nichts, sondern sucht lediglich den kleinsten gemeinsamen Nenner.

Heil Alaaf!

Im Zuge der Debatte wird immer wieder ein Karnevals-Redner zitiert. 1973 schaffte es Jonny Burchhardt, dass ihm ein kompletter Saal auf sein „Sieg“ von der Bühne mit einem spontanen „Heil“ antwortete.

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Er wechselte flugs zu einem Frisör-Witz, um sein Publikum nicht zu viel Zeit zu lassen. Die durften um Gottes Willen nicht darüber nachdenken, dass der Redner da vorne sie grade als Nazis vorgeführt hatte. Ich nehme an, das ist das letzte dokumentierte Beispiel von Humor im Kölner Karneval, bei dem das Publikum tatsächlich motiviert wurde, über sich und die eigenen Lebensumstände nachzudenken.

Um Kant zu zitieren: Comedy ist der Ausgang des Menschen aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit. Einst stand Karneval für das erste, nun ist er das zweite.

Ich liebe Comedy. Ich gucke viel zu viel Comedy. Ich gehe in Comedy-Clubs. Und ich warte eigentlich darauf, dass mich Leute beleidigen. Das passiert jedoch nie. Denn ich bin die Zielgruppe, die lachen soll, weil sie den Eintritt bezahlt. Neulich versuchte ein junger Comedian, der im Ausland geboren war, eine Ungeheuerlichkeit: Er nannte uns im Publikum — ungeheuerlich! — „Kartoffeln“. Weil: Deutsche. Ich wartete verzweifelt auf die Pointe, aber es kam keine. Doch da kamen allenfalls ein paar Schocklacher: Da auf der Bühne hat jemand ein Pipi-Wort gesagt!

Comedians: Wenn ich lachen soll, strengt euch an. Stellt die Glaubenssätze meiner Existenz in Frage. Verachtet meinen Musikgeschmack. Erzählt mir über meinen Job, aber gebt mir das Gefühl, dass ihr Ahnung habt, wovon ihr sprecht.

Und Publikum: Wenn ihr 40, 60, 150 Euro für eine Eintrittskarte einer Sitzung bezahlt, dürft ihr Profis erwarten. Profis, die auch mal ein Publikum lesen und ihre Nummern anpassen können. Nicht um sie zu verschonen, sondern um den Punkt zu finden, wo es tatsächlich weh tut. Und das heißt nicht, dass das in eine Beleidigungsorgie ausarten soll. Man soll halt etwas spüren. Ein wirklicher Witz pro Stunde — ist das denn zu viel verlangt?

Falls ihr hingegen nur Blondinenwitze hören wollt, zahlt das Kölsch mit einem Aufpreis dafür, dass Ihr Euch für ein, zwei Stunden nicht mit Ehepartnern und Freunden unterhalten musstet. Und dann schwankt stillvergnügt — mit Betonung auf „still“ — nach Hause.

Das Grundproblem mit Artikel 11, Artikel 13 und dem ganzen Rest

Ich hab jetzt doch mal in die konkreten Vorschriften zu der vorgeschlagenen EU-Urheberrechtsreform geguckt — und es ist schlichtweg ein schlechtes Gesetz. Über die vielen Kompromisse, Missverständnisse und handwerklichen Fehler wurde ja genug geredet — aber ich glaube das eigentliche Problem sind die Grundannahmen. Der Gesetzestext geht davon aus es gebe hier einen Informationsmarkt im Ungleichgewicht. Man muss schlicht einer Seite etwas wegnehmen und schon pendelt sich wieder ein gesundes Gleichgewicht ein.

Die vorgeschlagene Maßnahme ist quasi ein Strafzoll — man verzeihe mir die Metapher. Das Problem: Strafzölle bringen nur Geld ein, wenn etwas importiert wird. Die Urheberrechts-Lobbyisten sagen: Da Google, Facebook und Co von Informationen leben, kommen sie ohne unsere Infos nicht aus. Wir sitzen am längeren Hebel. Wie bei Amazon und New York City stellt sich heraus: Nein.

Das kommt für niemanden überraschend, der die letzten Jahre ein wenig Aufmerksamkeit auf das Thema verwendet hat. Wir können es an so vielen Stellen sehen. Derzeit verlieren hunderte Kollegen in den USA ihre Jobs, weil Facebook ein bisschen müde war, wie viel Arbeit ihnen Nachrichten machen und wie sehr das Image der Firma leidet, weil das Management mit dem Problem ‚Fake News‘ einfach nicht umgehen kann. Zuckerberg versucht nicht mal den Journalismus abzustrafen und tut es trotzdem. Was passiert wohl, wenn man eine Steuer draufschlägt?

Nächste Woche wird die deutsche Werbewirtschaft ihre Zahlen publizieren — und ich wette die Suchmaschinen-Einahmen von Google sind wieder gestiegen. Und zwar nicht, weil sie so perfekt die besten journalistischen Produkte integriert haben, sondern weil Leute nach Bluetooth-Kopfhörern googeln und Kopfhörer-Hersteller die Gelegenheit ergreifen, dort zu annoncieren.

Wisst ihr, wer der aktuelle Star der Werbeszene ist? Amazon. Weil: Wo kann man besser seine Ware anpreisen als in einem Katalog von quasi jedem lieferbaren Produkt? Hier in Deutschland macht Otto das gleiche. Wir sind vermutlich nur wenige Jahre davon entfernt, dass ALDI Werbeschaltungen in seinem ALDI-Prospekt einführt. Es wird ziemlich schwer zu begründen sein, dass Amazon, dass ALDI Urhebern ein Stück des Geldes abgeben soll, weil die kreativ Schaffenden Musikvideos produzieren und die Äußerungen der Kanzlerin analysieren.

(BTW: Plattformen wie Amazon sind in der EU-Urheberrechtsreform ausdrücklich von der Haftung ausgeschlossen worden. Obwohl es auf diesen Marktplätzen sehr wohl substantielle Urheberrechtsprobleme gibt: Produktbeschreibungen und Produktfotos werden haufenweise geklaut.)

Wenn man über den „value gap“ reden will, muss man über den „value gap“ reden. Wie finanzieren wir die Infrastruktur, die wir für eine informierte Öffentlichkeit brauchen? Muss die durch und durch datengetriebene Werbefinanzierung zurückgedrängt werden? Wie stellen wir dann sicher, dass nicht nur die Großverdiener wichtige Informationen erhalten? Nur an den Symptomen herumzudoktern, wie es diese Reform versucht, wird uns dabei nicht helfen.

„Ich bin kein Bot, nehmt mich ernst“

Gestern war ich mal wieder bei einer netzpolitischen Demo in Köln. Da ich offenbar der einzige Journalist vor Ort war, der für Medien jenseits von YouTube arbeitet, schreibe ich hier einige Kontexte und Eindrücke auf.

Zunächst mal: Die Demo war ein außergewöhnlicher Erfolg. Innerhalb von nur zwei Tagen hatten es die Organisatoren geschafft, ihre Botschaft zu verbreiten und ihre Follower davon zu überzeugen, dass es nicht reicht, nur eine Online-Petition zu unterschreiben oder im eigenen Kreis per WhatsApp oder TeamSpeak über die Politiker zu lästern. Auf der Straße waren schätzungsweise 1000 bis 1300 Teilnehmer. Ich habe viele Demos gesehen, die mit einem Vielfachen an Aufwand und Vorbereitungszeit lediglich 200 oder gar nur 50 Leute auf die Straße brachten – selbst wenn die Bedingungen ideal waren.

Die YouTube-Szene hat sich in den vergangenen Jahren nie wirklich für netzpolitische Themen mobilisieren lassen – und wenn sie doch aktiv wurde, tat sie das außerhalb der etablierten Strukturen. Das Medium einer Straßendemo ist für alle Beteiligten ziemlich wesensfremd. Diese machte sich schnell bemerkbar: So gab es statt des üblichen Lautsprecherwagens nur einen Lautsprecher, der von zwei Ordnern in die Höhe gehalten wurde, so dass einige Redebeiträge kaum verständlich waren. Solche Lektionen muss jede neue Bewegung lernen.

Es handelt sich augenscheinlich um eine neue Bewegung. Von den Leuten, die sich sonst keine Netzdemo entgehen lassen, waren nur einzelne vor Ort. Im ganzen Demozug habe ich zum Beispiel nur eine Flagge der Piratenpartei gesehen. Es hat wohl schlicht niemand dran gedachte, die Piraten aus dem Kölner Umland frühzeitig zu alarmieren. Die Kanäle, auf denen sich der Demo-Aufruf massenhaft verbreitete, werden von Leuten über 30 Jahren eher selten gelesen.

Das heißt auch: Die Beteiligten haben noch nicht ihre vorgefertigten Talking Points parat. Einige Teilnehmer hatten allenfalls vage Vorstellungen davon, was sie denn konkret demonstrieren. Der erste Jugendliche, den ich drauf ansprach, war tatsächlich der Auffassung, dass seine Lieblings-Youtube-Channel oder gleich die ganze Plattform geschlossen werden würden. Gleich darauf wurde er aber von vier umstehenden Mitdemonstranten korrigiert.

Auch wenn der Artikel 13 auf fast allen Bannern explizit thematisiert wurde, ging es doch um mehr. Für die meist jugendlichen Teilnehmer ist YouTube ist nicht irgendeine Plattform eines Silicon-Valley-Konzerns, sondern eine Heimat. Hier haben sie nicht nur Gleichgesinnte, sondern ihre eigene Identität gefunden. Ein paar davon versuchen damit ihren Lebensunterhalt zu verdienen, aber für die meisten ist YouTube keine Geldquelle, sondern Ursprung einer Solidarität, die sie sonst nicht im Leben erfahren. Ich lebe nicht nur mein Leben, ich lebe Deines mit, wenn Du mich dran teilhaben lässt.

Genau diesen Nerv hatten Politiker wie Sven Schulze getroffen, die darauf bestehen, dass der Widerstand gegen die Urheberrechtsreform eine externe Kampagne ist, die mit Bots und Fake-Emails agiert. Insbesondere ein Banner brachte es daher auf den Punkt: „Ich bin kein Bot, nehmt mich ernst!“ Ein anderer gern zitierter Spruch: „Warum sollen alte Männer über mein Internet bestimmen?“ Andere Botschaften waren krasser: „Artikel 13 tötet uns“. Viele befürchten, dass die Freiheiten unter denen sie aufgewachsen sind, nun wieder genommen werden sollen. Dass sie in Rollenschemata einer für sie vergangenen Welt gepresst werden sollen.

Für viele war es die erste Demo ihres Lebens. Deshalb steht es in den Sternen, wie es weitergeht. Schaffen die YouTuber — man erlaube mir hier diese Vereinfachung — den Schulterschluss mit anderen gesellschaftlichen Gruppen und Organisationen? Brauchen sie den überhaupt, damit die Abgeordneten des Europaparlaments in den protestierenden Jugendlichen eine zu wichtige Gruppe für den Wahltermin im Mai sehen und nicht nur einen Bestandteil des Lobbyings von Google? Ausgeschlossen scheint mir, dass die etablierte Politik die Jugendlichen davon überzeugt, dass die Urheberrechtsreform in ihrem Interesse ist. Dazu wurde zu viel Porzellan zerschlagen.

 

 

Russian Doll

Ihr habt es wahrscheinlich schon überall gelesen. „Russian Doll“ ist die Netflix-Serie der Stunde. Natürlich neben „Sex Education“. Fast überall, wo ihr etwas über die Serie lest, heißt es: Natasha Lyonne ist toll, genial, fantastisch und die Story ist ein bisschen wie Groundhog Day,…. blah, blah, blah…, aber wir wollen Euch nicht zuviel verraten. Wegen Spoilern. Dazu sage ich nur: Fuck that.

Let’s sit crooked and talk straight.

Russian Doll ist tatsächlich wie der Film Groundhog Day, der auf vier Stunden ausgewalzt wurde. Und das ist ein sicheres Rezept für ein Desaster. Wer kann schon mit Bill Murray konkurrieren? Und wird aus der Prämisse nicht ein Hindernis, wenn man sich allzu lange mit ihr beschäftigt? Braucht man nicht irgendwann einen Gott oder eine Wunderdroge, die diese merkwürdige Zeitschleife erklärt? Stellt sich heraus, die Antworten sind: Natasha kann. Und: Ja, aber nein. Aber ich komme gleich dazu.

Fangen wir mit einer Handlung an: Die Hauptfigur heißt Nadia, und sie lebt das New Yorker leben. Sie trinkt wie ein Loch, sie raucht wie zwei und ihre Unabhängigkeit geht ihr über alles. Ihre Katze teilt sie mit dem Diner nebenan, ihr Ex-Freund durfte ihr nicht mal seine Tochter vorstellen und selbst beste Freundinnen müssen sich auf Kommando auf Armlänge distanzieren.

Wir schreiben Nadias 36. Geburtstag und sie ist in das Loft einer Freundin zu ihrer eigenen Geburtstagsparty eingeladen. Es ist eine wilde Szenerie, über 50 Leute drängen, tratschen und tanzen sich durch die Wohnung, die früher eine jüdische Schule war. Nadia angelt sich einen Mann, nimmt ihn mit nach Hause und auf dem weiteren Weg durch die Nacht wird sie von einem Taxi überfahren. Schnitt. Nadia steht wieder in dem abgefahrenen Badezimmer und weiß nicht, was mit ihr geschieht.

Ich mag es, wie Nadia mit der Situation umgeht. Erst freakt sie aus, dann versucht sie zielstrebig sich in der neuen Situation zurechtzufinden. Es muss eine neue Partydroge sein. Doch nein, im Joint ist nur Ketamin. Dann ist es vielleicht ein religiöser Fluch. Wir sind schließlich in einer alten jüdischen Religionsschule. Wieder eine Sackgasse. Also versucht Nadia – wie einst Phil der Wettermann – die Situation zu genießen. Doch es ist schwer. Denn die Früchte verfaulen.

Nothing in the world is easy. Except pissing in the shower.

Ich mag die Szenerie. Wie fast jede gute New Yorker Fiktion spielt die Serie nicht in einem vagen New-York-Verschnitt, der irgendwo zwischen Brooklyn und Wall Street mäandert. Russian Doll ist nachbarschafts-spezifisch. Nadia lebt im East Village – nur ein paar Block entfernt von Richard und Rachel. Wenn ihr Euch in Google Streetview durch Avenue A und Avenue B klickt, werdet ihr viele der Drehorte finden.

Auch die Menschen sind stilecht, wenn auch idealisiert: Eine party hard crowd, die sich am morgen in einen fuck pile verwandelt hat, Künstler, Coder, Literaten, Immobilienmakler. Der ständige Zustrom neuer Neu-New Yorker sorgt dafür, dass hier jeder mit jedem schlafen kann – die meisten sind nach zwei, drei, fünf oder zehn Jahren eh nicht mehr da. Aber: Nadia ist noch da. Und deshalb lieben wir sie.

Nadia ist zum Teil wie Phil, sie hat etwas von jedem Raubein, das in Romantic Comedies immerzu gezähmt wird. Wie einst Schimansky frühstückt sie mal eben ein rohes Ei aus dem Glas, weil es halt weniger Arbeit macht und Nadia meint, dass sich Leute generell nicht so viel Mühe um sie geben sollten. Denn sie wird sie sonst enttäuschen.

Ich mag es, wie die Autorinnen das Konzept der Loop weiterentwickelt haben. Anders als in Groundhog Day reden die Figuren nicht jedes Mal exakt dasselbe. Das wäre auf die Dauer wirklich nervig. Es ist zwar dieselbe Nacht, aber mit Unterschieden. Der Gasofen wird nicht jedes Mal explodieren. Stattdessen lernen wir eine Figur nach der anderen endlich besser kennen. So den Obdachlosen im Park, der ein anderes Leben als kompetenter Friseur hatte. Oder den sexsüchtigen College-Professor. John, der sich so rettungslos in Nadia verliebt hat. Und Alan. Alan ist anders.

Mit der vierten Folge kippt die Serie. Plötzlich ist da ein zweiter Charakter, der ebenfalls in der Loop ist. Alan ist das Gegenteil von Nadia: ordnungsorientiert, in einer langjährigen Beziehung und vor allem: diagnostiziert. Sobald Alan auftritt merken wir: Russian Doll ist nicht einfach die Erzählung, wie ein oder zwei Asympathen plötzlich das Bessere in sich entdecken und den perfekten Tag plötzlich zum perfekten Leben umgestalten. Es geht um Geisteskrankheit, Traumata und Selbstzerstörung. Die Botschaft ist so einfach wie intensiv: Lass Dir helfen.

Here it comes, a cure for the night

Es ist kein wirklicher Spoiler, wenn ich sage: Beide finden aus der Todesschleife heraus, beide finden plötzlich Trost in ihrem Leben. Macht Euch nicht allzu viele Gedanken drüber: Einen Sinn wird die Story nie ergeben. Aber wir fiebern mit Nadia und Alan, dass sie endlich an den Punkt kommen, an dem sie erkennen, wo der offene Bruch in ihrem Leben liegt.

Und man kann ihnen das Happy End vergeben, nachdem wir so viele dunkle Seiten gesehen haben. Horse ist nicht nur ein wundervoller Obdachloser, er hat auch keinerlei Hemmungen einen Betrunkenen auszurauben. Ruth ist nicht nur die sassy, sie ist auch gebrechlich, hilfsbedürftig und verängstigt. Wie wir alle irgendwie. Und alle um uns herum.

Kurzum: Daumen hoch. Anschauen.

Private Life

Ich liebe diesen Film. Ich hatte ihn schon vor Monaten auf meine „List“ auf Netflix gesetzt, aber kam erst jetzt dazu ihn anzusehen. Und… einfach wow.

Die Geschichte ist schnell erzählt: Ein Paar in New York will ein Kind bekommen. Und es klappt einfach nicht. Bis dann die Nichte in ihr Leben schneit. Eine Romantic Comedy – ja. Aber eine, die so wenig jennifer-aniston-y ist, wie sie nur sein kann.

In kaum einer Stadt spielen so viele Filme, Serien, Romane. Und doch: Wirklich wenige zeigen mehr als eine Hochglanz-Version des Lebens in einer durchweg fiktiven Stadt, wo alle attraktiven Leute den Karrierepfad nach oben schießen, wo Geld keine wirkliche Rolle spielt, wenn man nur gut genug drauf ist.

Schon die ersten Einstellungen zeigen, dass „Private Life“ nicht in diese Schublade gehört. Ein Ehepaar auf ihrem Wohnbett — und er setzt ihr eine Fruchtbarkeits-Spritze. Die ganze Wohnung ist mit Büchern und Krimskrams vollgestopft, sogar die Fensternische hinter dem Bett ist ein Behelfs-Bücherregal. Diese Details zeigen, dass wir uns hier nicht in einer abgefeimten Fantasie bewegen wie zum Beispiel „Friends from College“, die genausogut in L.A. hätte gedreht werden können. Hier wird die Geschichte von echten Menschen erzählt, wie man sie tatsächlich in der Stadt treffen kann.

Richard ist 47 Jahre und hat eigentlich mit dem Literaten- und Theaterleben abgeschlossen. Sein Geld verdient er mit einer Firma – „The Pickle Guy“. Nichts besonderes, aber es finanziert die Miete und ein einigermaßen sicheres Leben. Rachel ist ein paar Jahre jünger als er und veröffentlicht nun endlich ihren Roman, der sie so viele Jahre gekostet hat.

An sich sind sie ein arriviertes, in gewisser Weise erfolgreiches Paar — und dennoch sitzen sie in ihrer engen Wohnung an der Avenue A, und müssen sich mit lärmenden Nachbarn herumplagen, mit vollen Wartezimmern, mit einem Leben, das durch und durch von Notwendigkeiten geprägt ist. Im Gegensatz dazu steht die Familie von Richards Bruder, die ein gutes Stück außerhalb wohnt, wo für Normalverdiener ganze Häuser zu haben sind — und wo man beim Trip nach Manhattan eben den besonderen Käse oder den Everything-Bagel mit nach Hause bringt.

Als ihre Nichte Sadie in die Stadt kommt und in ihr Leben tritt, bringt sie wieder einen neuen Blick auf diesen faszinierenden Moloch und lässt die beiden teilhaben. „Oh, ich dachte, hier ist inzwischen alles gentrifiziert“, sagt sie, als sie eintrifft. Und Richard entgegnet, dass diese Entwicklung ihre Nachbarschaft noch nicht eingeholt hat. Dass der Balkon aus einer Feuerleiter besteht, ist für Sadie kein Nachteil, sondern ein Teil des Abenteuers New York.

Man könnte nun meinen, dass die Stadt die Hauptrolle spielt – aber nein. Sie ist der Rahmen, der alles zusammenhält. Paul Giamatti und Kathryn Hahn zeigen existenzielle Verzweiflung, eine unendliche Müdigkeit, aber gleichzeitig Liebe, Humor und einen immer noch ungestillten Hunger aufs Leben. Und – das geschieht selten — in der allerletzten Einstellung hoffe ich richtig, dass sich die Tür öffnet. Ihr werdet sehen, was ich meine.

Den Trailer gibt es hier:

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Wer den Film mag, kann sich auch Tallulah mit Ellen Page und Allison Janney ansehen, die auf einigen der gleichen Saiten spielt. Die sehr männliche Variante mit Dustin Hoffman, einem überraschenden Adam Sandler und Ben Stiller heißt „The Meyerowitz Stories“ und erforscht ebenfalls das Getriebene im Leben der New Yorker. Kommerzieller und klamaukiger ist „Thanks for Sharing“ mit Mark Ruffalo, Tim Robbins, Gwyneth Paltrow. Wer eher das Melancholische mag, sollte einen Blick auf „The Visitor“ von 2007 werfen, in dem Richard Jenkins einen Professor spielt, der über einen jungen Immigranten wieder ein Leben entdeckt, in dem er noch zählt. Und wer auf Jennifer Aniston steht: In „The Switch“ wird auch sie in New York künstlich befruchtet. Aber der Streifen ist mehr ein Trinkspiel denn ein Film. Frohes Schauen.