Guttenberg entpolarisiert

„Nein, das ist nicht zuende“. Als ich am Wochenende auf einer Geburtstagsparty, war, kamen wir natürlich auch auf Guttenberg zu sprechen. Ich gab meinem Gegenüber recht, dass die mediale Berichterstattung nervt — ich gab ihm ganz und gar nicht recht, dass das Thema mit der Rückgabe des Doktortitels erledigt sei.

Was mir auffällt: es gibt kaum jemanden, mit dem man normal und reflektiert zum Thema reden kann. Als der Skandal zum ersten Mal aufkam, erwähnte ich, dass Guttenberg schon früh mit der BILD ins Bett gestiegen sei. Die Antwort verstörte mich schon fast: „Und wenn es so wäre, würde ich es nicht glauben“. Im Gegenzug schicken mir andere Freunde E-Mails mit triumphalen Betreffzeilen „Der Fatzke geht von Bord“. Ist es dem Karneval geschuldet, dass wir keinen Diskurs mehr führen können, der nicht von beiden Seiten ei n Stück Realitätsverleugnung verlangt? Versuchen wir es Mal.

Ja: Guttenberg ist ein politisches Talent. Man mag naserümpfend darüberstehen, aber Menschen für eine Sache zu begeistern ist Teil der Politik. Selbst wenn der Politiker in erster Linie sich selbst als Mission sieht – nur durch einen gewissen Populismus, lässt sich die Gesellschaft auch Mal auf einen anderen Kurs lenken. Der Krieg in Afghanistan hatte schon fast einen Anstrich, als sei dies eine Operation des Bundesverwaltungsamts, Außenstelle Hindukusch. Guttenberg hat es geschafft, den Blick zu den Soldaten zu lenken, er hat es geschafft den Menschen, die wir, beziehungsweise unsere Volksvertreter losgeschickt haben, das Gefühl zu vermitteln gehört zu werden. Und er konnte politische Erdbeben auslösen, wo sie nötig waren. Wer außer Guttenberg hätte die CSU davon überzeugen können, den seit Jahrzehnten immer absurderen Zustand der Bundeswehr neu zu überdenken?

Nein: Guttenberg war in meinen Augen kein guter Politiker. Viel weiter als bis zur Inszenierung ist Guttenberg nie gekommen. Ich glaube nicht, dass er die Bundeswehrreform auch nur ansatzweise organisieren konnte. Er hatte den Respekt der Soldaten, doch was hat das geändert? Die Soldaten beschweren sich darüber, dass sie mit Afghanen zusammenarbeiten müssen, die ihnen vielleicht in den Rücken schießen — woher wissen sie das schon? Guttenberg hat die Soldaten von sich überzeugt, aber nicht von seiner Politik. Er hielt an der Methode fest, konnte aber seinen Untergebenen auch keine Perspektive vermitteln, wo es denn hinführt. Da hört mir einer zu. Aber ändern tut sich doch nichts.

Ja: die mediale Aufarbeitung der Affäre Guttenberg erschien unverhältnismäßig. In Nordafrika wird Weltgeschichte geschrieben und wir kümmern uns nur noch um unseren eigenen Bauchnabel? Nicht nur eine, sondern zwei, gleich drei Wochen lang? Natürlich spielt eine gewisse Missgunst eine Rolle. Teilweise sind es die gleichen Leute, die Guttenberg hochgeschrieben haben, die sich nun über ihn entrüsten. Dass Guttenberg die Bundespressekonferenz vor den Kopf stieß und den Hauptstadtjournalisten beweisen wollte, dass er ohne sie auskäme — das haben sie ihm nicht verziehen. Medien sind Tendenzbetriebe, Journalisten sind Menschen. Und oft auch Akademiker.

Nein: die Journalisten haben Guttenberg nicht abgeschossen. Das war er selbst. Er muss seinen Betrug gekannt haben, hat sich aber bis heute nicht dazu bekannt, er spricht nur sehr vage von Fehlern. Jeder andere Bundesminister hätte eine Woche vor Guttenberg zurücktreten müssen. Stattdessen forderte Guttenberg Solidarität ein, verspielte politisches Kapital, über das er vor zwei Wochen noch überreichlich verfügen konnte. Doch jedes neue Bundestagsgutachten, jedes peinliche Vorschützen der Bundeswehr-Soldaten, kostete reichlich. Auch Politiker sind oft Akademiker.

Ja: natürlich überschütten Gabriel und Trittin ihn mit Häme. Aber wann hat die Opposition schon einmal so eine Einladung bekommen? Mir fällt nur das Ehrenwort Helmut Kohls ein, als der Altkanzler die Bevölkerung vor den Kopf stieß. Ja: Guttenberg die Schuhe zu zeigen, wie es die Ägypter mit Mubarak taten, war in meinen Augen lächerlich. Guttenberg war kein Mubarak, die Demonstranten mussten ihr Leben, ihre Familie nicht riskieren, um ihre Meinung zu äußern.

Nein: Guttenbergs Doktorarbeit ist keine harmlose Schummelei in der Mathe-Arbeit und auch kein schwerer Raub. Es ist einen jahrelanger, kalkulierter Betrug — vermeintlich ohne Opfer. Keinesfalls ein Einzelfall, aber selbst in der Masse werden die Missetäter schnell abgeurteilt.

Nein: Bisher gibt es keinerlei Indiz, dass die Pro-Guttenberg-Gruppen zusammengekauft wurde. GZSZ-Fans versammeln sich bei RTL.de und Facebook hat den Netzwerk-Effekt auf die Spitze getrieben: Gruppen, die viel Zulauf haben, tauchen besonders häufig im Live Feed auf. Auch die enorme Anzahl alleine ist noch kein Indiz für faules Spiel. Zum Vergleich: die Holofernes-Absage an BILD und Jung von Matt erhielt 54000 Facebook-Likes – und konnte nicht eine Woche lang Fahrt aufnehmen. Facebook polarisiert gerne, um Klicks zu generieren.

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18 Comments.

  1. Viel ack, bis auf:

    Ja: Guttenberg die Schuhe zu zeigen, wie es die Ägypter mit Mubarak taten, war in meinen Augen lächerlich. Guttenberg war kein Mubarak, die Demonstranten mussten ihr Leben, ihre Familie nicht riskieren, um ihre Meinung zu äußern.

    Versteh ich das richtig, dass man jemandem nur die Schuhe zeigen darf, wenn irgendjemandes Leben bedroht ist?

    • mike: Ich wohne in Köln: hier darf man grade heute vieles. Ich muss es dennoch nicht gutheißen.

      Ich finde die Symbolik einfach fehl am Platze. Hier haben ein paar Leute die Demokratiebewegung in Ägypten und anderen Längern genutzt, um ihr Anliegen zu überhöhen. Fassadenarbeit, wie man sie zu Recht bei zu Guttenberg kritisiert.

      • Ich glaube da kommen wir auf keinen grünen Punkt, genau die Symbolik finde ich nämlich brauchbar.
        Zugegeben, die Schuhgeschichte funktioniert hier nur im Kontext, da sie nicht so religiös/emotional beladen ist, wie in anderen Ländern, sicher gehörte da auch eine Menge Spass dazu das zu verwenden, aber ein Missbrauch der am Leben bedrohten Demonstranten kann ich partout nicht finden.
        Ich bin mir nicht einig, ob es nicht sogar im Gegenteil eine Solidarisierung ist.

      • Zum Glück bedeutet eine gesittete Diskussion nicht, dass nachher alle der selben Meinung sein müssen. Ich sehe es halt so, Du siehst es anders – keiner von uns muss deshalb Realitätsverweigerung betreiben :-)

  2. Anerkennung, einer der leider viel zu seltenen Kommentare. Das Zeigen der Schuhe finde ich billig. Es gehört nicht zu unserem Kulturkreis, auch wenn man sich vielleicht in einer immer stärker global handelnden und denkende Welt anderen Kulturen öffnen sollte.

    Als Missfallensausdruck könnte ich es akzeptieren, aber nicht als Beleidigung. Auch ein gestrauchelter Minister / Politiker hat ein Recht auf Menschenwürde und respektvolle Behandlung.

    • Thomas: Er bekommt einen Großen Zapfenstreich in der kommenden Woche – da machen ein paar Spaßdemonstranten nicht wirklich viel aus.

      Gegen ein bisschen kreative Beleidigung habe ich nichts. Wer so hochgejubelt wird, und so gerne austeilt, muss auch einstecken können. Mich stört eher der mangelnde Respekt vor den Demokratiebewegungen in Nordafrika.

    • Du verwechselst da was Entscheidendes. Bzw. wirfst Du Dinge zusammen, die nicht zusammen gehören.
      Die Schuhe wurden nicht nach dem Straucheln gezeigt, sondern nach dem Lügen und Denunzieren.

  3. Danke Torsten,
    endlich mal eine persönliche Analys, die mehr als den Lieblingsaspekt des Analysten beleuchtet.

    In Bezug auf die Schuhaktion geb ich dir insofern recht, dass die Protestierenden hier bei einem Protest abgekupfert haben der deutlich mehr Courage erforderte und dem weit mehr Lügen, Leid und Unterdrückung vorausgingen. Die von dir angeführte Lächerlichkeit liegt in dieser offensichtlichen Diskrepanz. Aber, das Schuhe -Zeigen ist eine alte arabische Tradition seine Mißbilligung auszudrücken und somit hier nicht unangebracht. Zumal die Beziehung Schuhe-Fußnoten doch recht nahe lag. Nur ohne die ägyptische Bewegung wären die Organisatoren wohl nicht auf die Idee gekommen. Den Schuhwurf auf Busch hatte sicher niemand mehr auf der Liste …

  4. Nichts geleistet, nur Show.

    Und vielleicht sollte man sich mal langsam fragen, warum JETZT eine Freiwilligenarmee aufgebaut wird. In anderen kapitalistisch geprägten sogenannten Demokratien ist stellt eine Freiwilligenarmee nicht Menge den Querschnitt durch die Bevölkerung dar, meist sind es minderausgebildete Kreise. Diese Art von Armee lasst sich besser kontrollieren, wird unkontrollierbarer durch die Öffentlichkeit.
    Guttenebrg steht für eine Re-Imperialisierung Deutschlands mit einem Volk, das bereitwillig hinter Särgen läuft.
    Das pazifistische Deutschland, das sich nicht in die Propaganda gegen/für/wieauchimmer Terror einspannen lässt.

    • jens best: wie viele bei Google Street View verpixelte Fassaden hast Du in diesem Jahr denn so befreit? Ein Showtalent bist Du ja auch.

      Aber zum Thema: Die Bundeswehr ist heute kein Querschnitt der Bevölkerung, schon seit 20 Jahren nicht mehr. Das System war aber so erstarrt, so interessebeladen, dass eine Änderung — egal in welche Richtung — kaum noch möglich schien.

      • Verkneife mir längere Ausführung zur Frage, warum das Plakative Häuserfotografieren besser transportiert wird als die wichtigere Diskussion über die dialektische Herausforderungen bei der Datennutzung im öffentlichen Raum.

        Merkwürdig ist es dann aber schon, dass eine populistische imperialistische Deutung des deutschen Wehrauftrages (zzgl. Verkaufsförderung des Eurofighters an kriegsgefährtete Staaten) eingeschlagen wird.
        Ein nicht-freiwilliges Jahr für alle Jugendlichen mit den Möglichkeiten sozial, ökologisch oder militärisch zu dienen wäre z.B. gerechter gewesen und hatte nixht zur Folge gehabt, dass ein kaum öffentlich kontrollierter Militärkörper in BRD entsteht. Die Remilitarisierung in D geht voran (Soldaten präsentieren ohne ausbalancierende Friedensaktivisten an deutschen Schulen das Militär), und Guttenberg war/ist der Posterboy des neuen deutschen Wesens, an dem die Welt genesen soll. Der militärisch-industrielle Komplex und die Atlantik-Kreise werden ihn weiter stützen.

      • Mir geht es um die Frage: Ist Guttenberg in der Lage, Themen zu setzen, Mehrheiten zu organisieren und die getroffenen Entscheidungen effektiv umzusetzen.

        Die Ausrichtung seiner Politik ist eine andere Frage. Hier kann man zu Guttenberg lange und legitim kritisieren – das hat aber nichts damit zu tun, ob er ein „politisches Talent“ ist.

      • Merkwürdig, dachte gerade bei solchen Verführern, oder wie du es nennst „politischen Talenten“ sollte man ganz genau auf die eigentlichen Pläne und Absichten achten. Die Show und das, was man zahlt, um eine Eintrittskarten zu bekommen, sind untrennbar verbunden.

      • Genau deswegen widerspreche ich Leuten, die Guttenberg politisches Talent absprechen. Warum sollte man ihn genau beobachten, wenn er doch nur ein talentloser Blender ist?

  5. Christian K.

    „nur durch einen gewissen Populismus, lässt sich die Gesellschaft auch Mal auf einen anderen Kurs lenken“

    Die Regierung ist die Vertretung des Volkes. Und die hat nicht das Volk über Populismus umzudrehen oder zu lenken, sondern auf das zu hören, was das Volk will.
    Für den Fall, dass die Politik es wirklich besser wissen, dann haben sie das Volk entsprechend transparent aufzuklären.

    Ja, Populismus ist leider ein Handwerkszeug der Politik, hat aber dort nichts zu suchen.

    • Du hast grade ein richtig schönes Beispiel für eine populistische These gegeben. Nicht sehr faktenorientiert, aber publikumswirksam. Du verwechselst nämlich etwas. Das Parlament ist die Vertretung des Volkes, die Regierung arbeitet für sie. Und im Arbeitsvertrag des Kanzlers stehen so interessante Dinge drin wie die „Richtlinienkompetenz“.

      Eine Lenkung des öffentlichen Diskurses ist in einem Stimmengewirr von 80 Millionen Menschen unverzichtbar. Das bedeutet nicht, dass eine Kraft alleine am Steuer sitzt und es bedeutet auch nicht, das alles der Diskussionslenker sich am Schluss auch durchsetzen kann. Demokratie braucht Moderatoren, keine „Führer“.

  6. Vielleicht lassen wir diesen „politisches Talent“-Begriff einfach mal weg. Der ist viel zu subjektiv. Sagen wir einfach, zu Guttenberg kann Leute für sich einnehmen.

    • Deine Alternativformulierung ist mindestens genau so subjektiv, nur negativ konnotiert.

      Neutraler wäre: Guttenberg kann verkaufen, begeistern. Und das ist IMHO wesentlicher Teil des politischen Handwerks. Ein guter Politiker ist er in meinen Augen dennoch nicht – siehe oben.