Schildbürger zweiter Klasse

Ein bekanntes Klischee ist: In Deutschland gibt es zu viele Straßenschilder. Weil wir es viel zu genau nehmen. Der Diagnose will ich mich nicht anschließen. Wir haben zwar viele Schilder — wirklich genau sind sie aber nicht. Nicht mal auf unseren Autobahnen bekommen wir es hin, dass die Tempolimits tatsächlich an der richtigen Stelle postiert sind. Dass wir gar eine verbindliche Deutschlandkarte mit den geltenden Tempolimits hätten – pure Science Fiction.


Was für mich als Autofahrer ein mittelkleines Ärgernis ist — schließlich wird selten geblitzt, wo denn den Schilder fehlen — ist für mich als Radfahrer eine immer wieder neue Quelle von Frust. Wenn sich Leute beschweren, dass sich viele Radfahrer oft nicht an Verkehrsregeln halten — wer will widersprechen? Das Problem: Können sich Radfahrer an Verkehrsregeln halten? In Köln: Eher nicht.

Ein simples Beispiel, ein paar hundert Meter von meiner Haustür entfernt. Die Eisenbahnbrücke am Eifelwall wird langfristig saniert. Ausschüsse und Stadtrat schauen sich die Lage an und erkennen: Da können wir doch ohne Probleme eine Fahrradstraße etablieren, wenn die Autos sowieso nicht fahren können. Tolle Idee.

Das Problem: So sieht das heute aus:

Die Schilder sagen: Dies hier ist zwar ein Radweg. Aber leider ist die Durchfahrt hier verboten. Tatsächlich war das da gemeint:

Das klingt wie eine Haarspalterei. Jeder weiß doch, was gemeint ist. Das Problem: Nein, wir wissen es nicht. Die gleiche Schildkombination steht auch an Baustellen, wo Radfahrer absolut nicht durchfahren sollen. Egal in welche Richtung ich von meinem Haus aus fahre – nach spätestens zwei Minuten komme ich an eine Stelle, wo man als Radfahrer raten muss, wie man sich denn gemäß der gedachten Vorschriften verhalten kann.

Auf dem Radweg vor einer Ampel ist etwa kein Haltestreifen. Heißt das, dass ich nicht halten muss? An der einen Stelle: Halte an. Ein paar hundert Meter weiter? Fahr weiter. Manchmal erfährt man das erst, wenn man zufällig einen offiziellen Plan der Stadt sieht. Aber wer hat die schon immer zur Hand? Am Sonntag etwas stand ich in Zollstock an einer Ampel und wunderte mich: Nirgends ist irgendein Auto – warum wird die Ampel nicht grün? Die Antwort fand ich unter meinen Füßen: Dort war ein Sensor eingelassen, der die Ampel grün schaltet, wenn ein Auto wartet. Da ich ein paar Hundert Kilo zu wenig auf die Waage bringe oder einfach nicht magnetisch genug bin, blieb die Ampel halt rot. Heißt das nun: Ich kann hier gar nicht regelgerecht fahren? Ja. Ignorieren Radfahrer diese Ampel irgendwann? Aber klar! Und wahrscheinlich die nächsten fünf Ampeln ebenso.

Wo immer in der Stadt ein Loch gegraben, Asphalt gefräst oder eine neue Markierung aufgetragen wird — die Bauarbeiter haben ein Schild dabei, das den gewöhnlichen Radfahrer abschrecken soll. Schließlich will man nicht haftbar sein, wenn irgendetwas passiert. Ob es tatsächlich Sinn ergibt dass Radfahrer absteigen sollen oder ob überhaupt eine Umleitung existiert — es spielt in der Regel keine Rolle. Als die neue U-Bahn in der Südstadt gebaut wurde, habe ich mich mal auf die Suche gemacht, wie ich mit dem Fahrrad noch legal an den Rhein gelangen konnte. Es gab schlicht keinen Weg mehr. Alle Straßen wurden nach und nach für Radfahrer gesperrt und niemandem ist es aufgefallen.

Und das Schöne ist: Wenn die Baustelle abgeräumt wird — was bleibt stehen? Richtig!

Ein Baustellenschild auf dem Radweg - die Baustelle ist schon lange abgeräumt

Die Zeit schreit nach TV-Kritik

Ich liebe es ja, wenn sich Leute mit fiktiven Stoffen beschäftigen und darin Bedeutung finden. Ob eine Lektion für das Leben, eine philosophische Diskussion oder meinetwegen auch eine Leidenschaft für Skateboarding. Wichtig ist: Man schaufelt nicht einfach sinnlos Bilder und Meme in sein Großhirn, nein: man lässt sich inspirieren, anregen oder auch aufregen.

Es ist mittlerweile ein Klischee: Wir sind in einem Goldenen Zeitalter des Fernsehens. Statt der Familien-Sitcom, die immer nur nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner sucht, haben wir nun quasi alle drei Monate die nächste große HBO-Serie, die eigentlich epochemachend wäre. Wäre unsere Epoche halt nicht voll epochemachendem Fernsehen. Die Zeichen verdichten sich leider: Damit ist es eventuell vorbei. Der Disney-Nagel in den Sarg ist nur ein Indiz. Richtig traurig ist es, wie die meisten Menschen immer noch mit dem Medium Fernsehen umgehen.

Die Clipshow-Kritiker

Ich bin ja immer wieder entgeistert davon, was YouTube mir aufgrund meines extensiven Nutzer-Profils in meine Playlisten spült. Als meine Lieblings-Shows in Sommerpause gingen, spulte mir Googles Plattform immer wieder Pseudo-TV-Kritiken vor, die eigentlich nur nach einem Rezept verfahren: So viele Szenen von Parks&Rec, The Office oder Star Trek wie möglich in fünf bis sieben Minuten quetschen und keine Lizenzgebühren zahlen zu müssen.

Dass es wirklich schlimmer geht, merkte ich vor ein paar Tagen als ich ahnungslos dieses Video anklickte. Hier bespricht jemand Star Trek: Voyager und es ist eine Rezension aus der Trump-Ära.

Es beginnt recht harmlos mit einem recht guten Punkt: Voyager — oder: ST:VOY — operiert immer wieder von einer ziemlich snobistischen moralischen Warte aus. Zwar steht die Serie in diesem Punkt The Next Generation — sorry: ST:TNG — in nichts nach, aber die Diagnose ist zunächst einmal richtig. Egal was passiert – am Ende jeder Episode wird wieder fast alles auf Null gestellt und wir haben in der kommenden Folge ein blütenreines Raumschiff wie aus dem Ei gepellt. Deep Space Nine war in punkto seriellem Erzählen doch wesentlich weiter.

Dann driftet die Rezension aber schnell ab. Das moralische Dilemma in der besprochenen Folge ist: Darf die Mannschaft des Raumschiffs Equinox andere Lebewesen einfach töten, um eine Chance zu haben nach Hause zu gelangen? Der Youtuber Dave Cullen sagt: Klar. Die Aliens, die haben ja keine Arme und Beine und sprechen nicht wirklich. „I don’t see them writing any great works of literature or making significate contributions to science or philosophy any time soon.“ Also sind sie im Prinzip entbehrlich.

Technically wrong, the worst kind of wrong

Fangen wir mal mit dem technischen Argument an, weil ich dann nicht schreien muss. Wie gesagt — es ist zweifellos korrekt, dass Voyager oft genug moralisch simplifiziert und Risiken scheut. Aber da in der Rezension grade Folgen wie „Year of Hell“ referenziert werden, sollte doch auffallen: Für die vermeintlich eitlen moralischen Prinzipien ist Janeway durchaus bereit ihr eigenes Leben zu opfern. Dass die Story sie nachher dafür belohnen wird, das weiß sie ja nicht.

Gerade in der Equinox-Episode bekommt Janeways Image erhebliche Schrammen verpasst. Sie zerstreitet sich mit Chakotay, sie foltert Gefangene, sie bringt ihre eigene Crew im Gefahr, um den unbotmäigen Captain der Equinox zu jagen. Dave Cullen misst dem keinerlei Bedeutung zu, weil Captain Ransom ja so ein viel abgefeimterer und damit vermeintlich interessanterer Charakter ist.

Zum Zweiten: Das moralische Argument sollte keinen Star Trek-Fan irgendwie überraschen. Die Frage nach der Gleichwertigkeit außerirdischen Lebens wird immer wieder thematisiert. Zum Beispiel, als die Mutter eines Opfers des Kristallinwesens Rache sucht. Da spricht Picard vom Wal, der Millionen Lebewesen auffrisst, um zu überleben. Die Mutter reagiert nicht besonders positiv auf die Metaper.

Aber alles in allem: Die Sternenflotte hat einen recht gut etablierten Standard: Wenn wir mit dem Alien kommunizieren können, dann sind wir im Prinzip gleichwertig. Selbst wenn es Naniten sind. Oder merkwürdige Muster im Sand. Oder Borg. Oder halt die Aliens, die von der Equinox getötet werden.

Zum Dritten: Janeways Haltung wird in der Folge immer wieder in Frage gestellt. Sie kann diese Bedenken auch nicht einfach wegwischen, sondern sie wird in dieser Sache als fanatisch porträtiert, sie fängt an andere Menschen zu foltern. Dass dies dem Rezensenten entgangen ist, ist höchst merkwürdig. Er tut so, als ob dies zum normalen Führung eines Sternenflottenschiffs gehört. Wie gesagt: Die Trump-Ära mag da zu einer Verschiebung der Optik beigetragen haben.

The worstest kind of wrong

Was mich richtig schockiert, ist die Rechtfertigung des Rezensenten, wenn er seine moralischen Vorstellungen aufzählt. Sein Basis-Argument ist: Du und Deine Crew zuerst zuerst, alle anderen sind Sucker. Der Sprachgebrauch ist zum Fremdschämen. Erst vergleicht er die Equinox-Aliens mit Delphinen, dann sogar mit Ratten. Ja, „fying rats“. Sorry, da hat er schlicht zu oft Nazis zugehört. Und erkennt ein moralisches Argument nur noch daran, dass es ihm Unwohlsein verursacht. Foltereien fallen nicht wirklich ins Gewicht, wenn es einen Superschurken gibt, den man anhimmeln kann.

Die Prämisse der Kritik ist: „Aber Moment mal: das hieße ja, dass ich nicht einfach machen soll, was mir im Augenblick am vorteilhaftesten erscheint? Ich verstehe nicht. Das ist doch absolut unmöglich.“ – Wie kann man Star Trek nur gucken, ohne das elementarste Prinzip der Völkerverständigung zu akzeptieren? Selbst wenn das andere Volk nicht exakt so aussieht wie Dein eigenes?

Lange Rede, kurzer Sinn. TV-Kritik ist wichtig. Wir sollten nicht nur immer neuen Content in uns reinschaufeln, in der Hoffnung, dass wir ein paar Stunden unterhalten sind. Fernsehen gehört zum Leben, Netflix gehört zum Leben. Und wenn wir leben, lohnt es sich darüber nachzudenken wie wir leben. Und gegebenenfalls auch drüber zu streiten. Nicht nur darum, ob ihr mehr eine Carrie oder eine Miranda seid. Sondern auch, wie ihr Euren moralischen Kompass eichen könnt.

Die Legende von der personalisierten Werbung

Ich habe seit ein paar Wochen einen neuen Fernseher. Mein erster Fernseher mit Internetanschluss. Dabei habe ich etwas Kurioses festgestellt: Wenn ich Videos mit der vorinstallierten YouTube-App ansehe, wimmelt es von Werbung. Rufe ich die Video hingegen mit meinem Handy ab und übertrage sie per Chromecast auf meinen Fernseher sind exakt die gleichen Videos fast werbefrei. Ernsthaft: Es können Wochen vergehen, bis ich einen Werbespot sehe.

Wie kann das sein? Ein Werbeblocker ist nicht involviert. Jeder Part der Kette ist unter der Kontrolle von Google: YouTube, die Apps, Android auf dem Telefon und auf dem Fernseher. Warum bekommme ich also keine Werbung ausgespielt? Nun – die technischen Hintergründe sind mir noch unklar, aber dieses kleine Detail zeigt mir: Die Welt der Onlinewerbung ist weit weniger ausgefeilt, als es immer wieder dargestellt wird.

Personalisierte Werbung ist der ökonomische Pfeiler des heutigen Internets. Und gleichzeitig ist sie ein Mythos: So spricht Apple-Chef Tim Cook zum Beispiel vom „daten-industriellen Komplex“. Mehr als einmal wurde ich etwas in dieser Art gefragt: „Gestern habe ich mich mit Kollegen über Kopfschmerzen unterhalten. Und heute bekomme ich auf Facebook Werbung für Kopfschmerz-Tabletten. Hört Facebook mein Handy ab?“

Auch wenn das theoretisch und sogar praktisch denkbar wäre — die Realität ist doch eine ganz andere. Facebook hört Eure Gespräche nicht ab, weil es schlichtweg keinen Markt dafür gibt. Zumindest heute noch. Überlegt es Euch: Wo immer wir im Internet unterwegs sind, werden wir mit Werbebannern überschüttet. Und wie viel Prozent davon sind wohl tatsächlich auf Euch angepasst? Wenn ihr Euch wirklich jede einzelne Werbung anseht, werdet ihr merken: Erstaunlich wenig. Und die angepasste Werbung wird Euch meist nach den gröbsten Kategorien angezeigt: Kölner bekommen Werbung für Kölner Fußball-Vereine. Frauen bekommen Werbung für die Bikini-Figur. Männer für den Baumarkt. Braucht es dafür tatsächlich einen daten-industriellen Komplex, der uns quer durch das Internet folgt, und dafür Tausende verschiedener Cookies und Skripte einsetzt?

Katzen würden mit Persil waschen

Ein verbreiteter Sinnspruch ist: Wenn ihr nicht für das Produkt zahlt, seid ihr das Produkt. Die wahren Kunden sind also die Werbetreibenden, die versuchen uns ihre Produkte und Dienstleistungen anzudrehen. Denkt mal nach: Wie oft habt ihr beworbene Produkte gekauft? Haben die Werbekunden Euch wirklich voll im Griff? Werbung wirkt. Wie viele würden wohl Persil kaufen, wenn der Name nicht so allbekannt wäre? Aber von der vollkommenenen Gedankenkontrolle sind die Werber weit entfernt.

Die Wahrheit ist: Es gibt zwei verschiedene Werbemärkte. Auf dem einen Werbemarkt wird versucht uns Konsumenten zu überreden Waschmittel, Limonaden und Autos zu kaufen. Dieser Werbemarkt funktioniert leidlich gut. Wenn Du Leuten 15 Mal vorhälst, was sie bei Amazon oder Zalando angesehen und nicht gekauft haben, wird nach einer Weile einer von hundert Kunden doch schwach. Da Onlinewerbung spottbillig ist, rechnet sich das irgendwann.

Der wichtigere Werbemarkt ist jedoch der andere, auf dem den Herstellern der Waschmittel, Limonaden und Autos überredet werden, Werbung zu kaufen. Und man ist versucht zu sagen: Junge, sind diese Leute naiv…! Zum einen fließen Milliarden ihrer Gelder in die Taschen von Betrügern, die keinerlei Absicht haben die Werbung an tatsächliche lebende, atmende Kunden auszuliefern. Zum anderen schlucken die Markenartikler auch die Versprechen der Werbeanbieter, die ihnen die Früchte der Totalüberwachung der Kundschaft versprechen. Immer wieder höre ich Beschwerden von Werbetreibenden, dass die Facebook-Werbung nicht so gut funktionieren soll. Doch wenn man mit Facebook-Werbung angeblich den US-Präsidenten bestimmen kann — wer will da ernsthaft kein Stück von diesem Kuchen?

Aber ihr könnt die Gegenprobe machen. Schaut Euch mal Eure Werbeprofile bei Facebook, Google, Instagram oder Twitter an. Ich habe dies kürzlich bei Twitter getan und war doch sehr erstaunt, was meine Interessen so sein sollen.

Twitter-Werbeprofil

Ich, der Sport-Fan

Twitter erzählt seinen Werbekunden nicht nur, dass ich Formel 1-Fan bin, sondern hat auch ein sehr differenziertes Bild von mir als Fußball-Fan. Viele der Namen, für die ich mich angeblich interessiere, musste ich googeln und es stellte sich heraus: Es sind Profi-Fußballer. Das klitzekleine Problem dabei: Ich bin kein Sportfan. Ich schau mir nicht mal die Schachweltmeisterschaft an. Natürlich kann ich mich durch das Twitter-Profil wühlen und die wildesten Fehleinschätzungen korrigieren — doch wer macht sich schon den Stress? Es ist für beide Seiten einfacher, wenn Twitter mir fußballbasierte Werbung ausspielt, die ich dann ignoriere. Falls Twitter noch einen Werbekunden findet, der Fidget Spinner loswerden will – ich bin Euer Mann. Was in den Profilen nicht steht: „Würde niemals einen VW kaufen“. Denn wozu sollte man den Werbeetat von Volkswagen künstlich beschränken?

Dieses Werbeprofil ist nicht unbedingt mal das Ergebnis böser Absichten. So funktioniert das Geschäft halt. Denn woher glaubt die Werbeindustrie zu wissen, was mich interessiert? Ein Mittel ist die sogenannte „lookalike audience“. Ihr erinnert Euch vielleicht, das Facebook kürzlich einen Skandal hatte, weil sie die Handydaten von Kunden und insbesondere Teenagern über einen Datenfilter leiteten und haarklein auswerteten. Facebook hat dabei kaum ein Interesse an den Teenagern selbst — sie liefern lediglich ein Datengerüst. Leute, die morgens um 5 Uhr auf Snapchat aktiv sind, mögen Frühstückscerealien der Marke X. Wer Signal installiert hat, ist ein Tech-Freak. Wer Verschwörungstheorien teilt, isst zwei Mal mehr Süßigkeiten und hat keinen Fitbit. All diese Beziehungen werden in Datenmodelle gegossen, die dann darüber entscheiden, welche Werbung Dir ausgespielt werden soll. Ob diese Annahmen stimmen, interessiert nicht wirklich — Hauptsache die magischen Kenngrößen, die KPI, stimmen. Irgendwie.

Die große Schubladisierung

Die Realität heute ist: Es gibt personalisierte Werbung — sicherlich. Das große Geschäft ist aber ein anderes: Statt die Werbung auf uns anzupassen, werden wir in die größtmöglichen Schubladen einsortiert, die der Werbeindustrie den meisten Profit versprechen. Mann über 40. Handy-Nutzer in Köln. Der Dude, der neulich 20 Minuten auf eine Turnschuh-Werbung gestarrt hat. Schwangere Frau. Schwangere Frau! Ernsthaft, die Werbeindustrie fällt in einen kollektiven Zuckerrausch, wenn sie meint, dass Du schwanger bist. Sie tragen Dich auf Händen und treten dich mit Füßen. Denn das ist der auslösende Mythos der personalisierten Werbung: Die Leute mit den großen Datenbanken wissen früher von einer Schwangerschaft als die Familie selbst.

Personalisierte Werbung ist Realität, aber personalisierte Werbung ist als Mythos viel größer. Der Mythos entscheidet, wer im Internet Geld verdient. Ob Podcasts ein Beruf sind oder Hobby bleiben. Ob unsere Timelines Katzenbilder ausspucken oder Nachricht. Die Realität ist aber: Dahinter steckt meist nur eine riesige Sammlung von Schubladen.

Toxic MD

Ich habe erkältungsbedingt ein wenig mehr Zeit mit meinem neuen Fernseher verbracht. Dabei nutzte ich die Gelegenheit mit die Staffeln von Dr. House anzusehen, die mir in den vergangenen Jahren entgangen waren. Ein paar Gedanken dazu.

Zuförderst: House M.D. ist ein intelligent geschriebene Serie, ein zeitgemäße Adaption von Sherlock Holmes. Aus dieser Vorlage machen die Verantwortlichen kein Geheimnis.

House stammt aus der Periode unmittelbar vor dem „Golden Age of TV“. Es ist zudem eine Network-Serie. Das heißt: Zu viele Folgen, zu viele zu konventionell attraktive Menschen, zu kleine gemeinsame Nenner. Wer so etwas als Minus notieren will, tut der Serie unrecht.

Gleichwohl: House ist nicht sehr gut gealtert. Denn Gregory House ist eine Personifizierung dessen, was wir mittlerweile als „toxisch“ kennen. Ein Narzisst, oder ein Psychopath, der alle in seiner Umgebung manipulieren muss, um seinen Willen durchzusetzen. Während es sicher lohnt, das zu thematisieren, wird House laufend entschuldigt: Durch seine traumatische Verletzung, durch sein schmerzendes Bein, durch sein Genie, durch seine Brillanz, durch seine Umgebung. Und durch den Spaß, den es doch macht, ihm dabei zuzusehen, wie er Patienten und Kollegen demütigt.

Halt – stop! Nein, das macht mir als Zuschauer keinen Spaß mehr. Zwar ist es lustig, wenn sich House und Wilson mit Fangnetzen überlisten wollen. Wenn House jedoch Ärzte per Telefon feuert, nur um einen Punkt zu machen – what a dick! Und in der ständigen Wiederholung: laaaaaangweilig.

Die Gordon-Gecko-Falle

Doch die Inszenierung sagt: Das ist schon OK so. In Großaufnahme wird jede Gefühlsregung von House ins Astronomische aufgeblasen, der Rest des Ensembles muss sich mit Basis-Emotionen begnügen. Andere Personen interessieren nur, solange sie im unmittelbaren Kontakt zu House stehen. Wie irgendeiner seiner Patienten noch leben kann, nachdem er Blut erbrochen hat, nachdem ihm eine neue Leber implantiert wurde und ihm im Hirn rumgeschnibbelt wurde, interessiert in der ersten Staffel nicht.

Diese Mängel sind den Serienautoren auch aufgefallen. So führen sie zum Beispiel die Ex-Frau von House ein, deren neuer Ehemann für ein paar Folgen mit den Langzeitfolgen seiner Erkrankung kämpfen muss. Einmal pro Staffel muss House Wilson und Cuddy einen enormen Liebesdienst erweisen, der dem Publikum vermittelt, warum beide das Arschloch nicht längst in den Wind geschossen haben. Doch das ist zu wenig um aus den Beziehungen irgendeine Tiefe zu geben. Staffel 3 bis 5 wirken zuweilen wie Kammerspiele, die in einer metaphorischen Blase spielen. Jede Ähnlichkeit mit der Realität wird mit Verachtung gestraft. Teilweise sind die Reaktionen auf House so skurril, dass ich schon dachte, er halluziniert.

Hugh Laurie ist hier in die gleiche Zwickmühle geraten wie Michael Douglas in „Wall Street“. Beide spielen gestörte Asympathen mit solcher Bravado, dass sie vom Anti-Helden zum Helden werden. Statt ein abschreckendes Beispiel zu sehen, wird den Zuschauern vermittelt, dass es absolut OK ist, gegenüber seiner Chefin andauernd Sexpraktiken vorzuschlagen und seine Untergebenen zu auf jede erdenkliche Weise zu beleidigen – solange man halt vom Menschenschlag eines House ist und dabei absolut transparent. Es ist doch alles nur Spaß. Oder dient dem Besten. Oder es schadet nicht.

Doch die faule Ausrede, dass sich die Supermodel-Ärzte in diesem feindlichen Klima durch Witz und Toughness halten können, wäre heute kaum wohl noch als Entschuldigung zu gebrauchen. Dass die ständigen Beleidigungen zu einer kreativen Arbeitsathmosphäre gehören, schluckt heute hoffentlich niemand mehr.

Interessant finde ich es, wenn die Perspektive gewechselt wird. Eine Folge zeigt zum Beispiel einen Tag aus Sicht von Chi Park. Solche Folgen werden als Korrektur vorgeführt. So beobachtet Park zum Beispiel eine alberne Hühner-Wette von House und Wilson — und demonstriert damit, dass die Beziehung zwischen den beiden Kindsköpfen nicht so einseitig missbräuchlich ist, wie die anderen Episoden behaupteten. Aber solche Alibi-Folgen kommen nicht gegen den großen Trend an: Das Genie hat recht und wir haben uns danach zu richten.

Realitätsblindheit

Mutig finde ich die Entscheidung, House mit Konsequenzen zu konfrontieren. Dass er zuerst in einer psychiatrischen Anstalt und dann sogar im Knast landet, ist für eine Comedy erstaunlich konsequent. Doch Lehren werden daraus ja grade nicht gezogen. Nach ein paar Folgen ist House wieder er selbst. Und er lacht über jeden, der glaubt sich zum besseren ändern zu können.

Was mit dem Wissen von heute auch etwas enttäuscht, ist die Blindheit für die Zeitentwicklung: Die Hauptfigur ist abhängig von Pillen. Während im ganzen Land tausende Menschen an Opioiden sterben, ist House allenfalls mit spannenden Halluzinationen gestraft. Behandlungskosten sind noch weniger Thema als in „Scrubs“ — in den Jahren vor Obamacare eine merkwürdige Entscheidung. Auch die Tabuisierung von psychischen Erkrankungen ist zuweilen atemberaubend. In einer Folge entdeckt House, dass er mit Methadon ein zufriedenes, schmerzfreies Leben führen kann — aber da er damit seinen „Edge“ verliert, ist die Droge plötzlich kein Thema mehr. Während er am Anfang ein paar Mal als Narzisst gescholten wird, ist davon bald keine Rede mehr. House ist ein Held, aber kein psychisch kranker Loser.

Schade drum. So viel verschenktes Potenzial.

Das Scheitern des Urheberrechts

Urheberrechtsvertreter feiern die Abstimmung im Europaparlament gestern als wichtigen Erfolg. Ich als Urheber sehe sie als Desaster. Denn leider hat sich die Überzeugung durchgesetzt, dass es nicht wirklich drauf ankommt, wie man das Urhebrrecht reformiert — es muss schließlich irgendetwas gemacht werden. Doch was da beschlossen wurde, ist ein Maßnahmenbündel, das aus einem Haufen falscher Annahmen und Überzeugungen beruht.

Wie das Scheitern von De-Mail ist auch die EU-Urheberrechtsreform mehr als nur ein gescheitertes Projekt. De-Mail hat das E-Government in Deutschland um Jahre zurückgeworfen, bei Artikel 13 und dem Rest gehe ich eher von einem Jahrzehnt aus.

Nicht nur, dass die meisten Urheber erst in zirka fünf Jahren feststellen müssen, dass das versprochene Geld ausbleibt. Es müssen auch mit viel Aufwand teure Strukturen geschaffen werden, die bald wieder obsolet sind. Nicht jede Verwertungsgesellschaft wird das überleben.

Unterdessen geht der Kahlschlag in den Medien weiter. Waren zu Beginn meines Berufslebens bei jedem Ortstermin mindestens drei andere Kollegen dabei, bin ich heute oft alleine. Stattdessen sitzt am Pressetisch das Content-Team eines PR-Dienstleisters.

Dabei muss Silicon Valley eigentlich nichts weiter tun, um das Projekt gegen die Wand fahren zu lassen. Facebook hat die Verlagerung auf Messenger bereits vor Jahren eingeleitet. Google hat Google+ zugemacht. Und Amazon hat eh eine Garantie bekommen, nichts zahlen zu müssen. Apple hat ein Lizenzmodell für Apple News+ aufgesetzt und beansprucht mal eben 50 Prozent des Umsatzes.

Das ist nur der Ist-Zustand – zwei Jahre bevor die Reform tatsächlich in Landesgesetzen umgesetzt sein muss. Sollte „GAFA“ hingegen aktiv gegen die Reform arbeiten, wird es sehr schmerzhaft. Die Mittel wurden ihnen gelassen. Facebook hat ja schon letztes Jahr die Verbreitung von Nachrichten eingeschränkt. Folge: Entlassungswellen bei Medien in den USA. Kleine und mittlere Anbieter haben längst das Mittel der Geosperre entdeckt. Wir müssen uns nicht mit Europa rumärgern, wenn wir nicht wollen. China ist sowieso ein viel wichtigerer Markt.

Steltermania – Über Karneval und Humor

Wir sind nun am Tag vier des üblichen Pseudo-Skandals zum Kölner Karneval angekommen. Ganz Deutschland diskutiert über die Frage: Darf man Witze über Doppelnamen machen??? Und was denkt Bernd Stelter dazu, der Nicolás Maduro der deutschen Comedy?

Was mich etwas enttäuscht: Es wurde so viel drüber geschrieben, doch irgendwie fällt es niemandem auf: Da war überhaupt kein Witz. Bernd Stelter hat den Namen von Annegret Kramp-Karrenbauer einfach nur höhnisch ausgesprochen — und das war es auch schon. Keine Pointe, nichts. Nur ein paar Prämissen: Er baute darauf, dass das schon ausreicht. Niemand im Festsaal mag die Politiker da oben, niemand mag Emanzen — und niemand will eine sein.

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Das Haupt-Problem an der Kalkulation: Wir schreiben das Jahr 2019. Und tatsächlich stand eine Zuschauerin auf und geigte Stelter für ein paar Sekunden(!) die Meinung. Wir sind wirklich in einem Humor-Entwicklungsland, wenn es uns so bemerkenswert erscheint, dass ein Comedian angeschnauzt wird. Aber nein, es war nicht einfach ein Comedian. Die Frau hat ein ein Heiligtum, den Status Quo, den Karneval beleidigt. Oder in den Worten der Geheiligten Schrift des Express:

Hätte er Witze über Religionen, Minderheiten oder unter der Gürtellinie gemacht, könnte man das Verhalten der Dame noch im Ansatz verstehen. Doch es ging schlicht: um einen Doppelnamen. Unfassbar! Der Kölner Karneval ist weltoffen, das soll auch so bleiben. Aber eines muss klar sein: Egal ob Randalierer oder Sitzungsstörer – solche Typen haben hier im Kölner Karneval nichts zu suchen.

Die katholische Gürtellinie

Um Gottes Willen – Bernd Stelter soll Witze über Religion machen? Wo er doch beabsichtigt niemanden zu beleidigen? Was soll das für ein Witz sein? Kardinal Meisner war über Jahrzehnte ein Witz – und er konnte immer versichert sein, dass der Karneval auf seiner Seite ist. Im Großen und Ganzen. Leute wie Stelter suchen lediglich den kleinsten gemeinsamen Nenner für ein Saalprogramm, das sie wortgleich fünf bis zehn Mal am Tag heraustrompeten können. Eintrittspreis: 40 Euro. Kölsch geht extra. Und ihr braucht eine Menge Kölsch.

Ich fände es wirklich komisch – in beiden Sinnen des Wortes — wenn diese Episode einen positiven Effekt hätte. Die Lehre sollte aber nicht sein: Du darfst keine Witze über Doppelnamen machen. Sondern: Du sollst richtige Witze machen. Und das ist schwere Arbeit, für die es Profis braucht.

Comedy ist vergänglich. Wer meint, dass ein Witz, der vor 50 Jahren gut war, heute noch unverändert gut ist, sollte sich in eine Humorklinik begeben. Wer meint, dass die gleichen Doofwitze der immer gleichen Nasen das sind, was den Kölner Karneval groß macht — die Technik ist inzwischen soweit, dass man ein Hologramm von Dieter Hallervorden auf die Bühne stellen kann. Palimm-Palimm! Haben sie eine Flasche Pommes? Zeitlos! Gegen Aufpreis auch mit Kölschem Akzent. Gesprochen von einem Bläck Fööss. Oder einem Kasalla.

Wer Witze machen will, sollte neugierig sein. Die Lebenswirklichkeit einatmen und ständig reflektieren. Ich erwarte von Comedians keine perfekt ausgewogenen Berichte, die uns Journalisten Konkurrenz machen. (Meta-Pointe!) Aber Comedy sollte zumindest eine emotionale Wahrheit transportieren. Und Comedy sollte ein Dialog sein. Wer mit einer Nummer nicht ab und zu Schiffbruch erleidet, traut sich einfach nichts, sondern sucht lediglich den kleinsten gemeinsamen Nenner.

Heil Alaaf!

Im Zuge der Debatte wird immer wieder ein Karnevals-Redner zitiert. 1973 schaffte es Jonny Burchhardt, dass ihm ein kompletter Saal auf sein „Sieg“ von der Bühne mit einem spontanen „Heil“ antwortete.

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Er wechselte flugs zu einem Frisör-Witz, um sein Publikum nicht zu viel Zeit zu lassen. Die durften um Gottes Willen nicht darüber nachdenken, dass der Redner da vorne sie grade als Nazis vorgeführt hatte. Ich nehme an, das ist das letzte dokumentierte Beispiel von Humor im Kölner Karneval, bei dem das Publikum tatsächlich motiviert wurde, über sich und die eigenen Lebensumstände nachzudenken.

Um Kant zu zitieren: Comedy ist der Ausgang des Menschen aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit. Einst stand Karneval für das erste, nun ist er das zweite.

Ich liebe Comedy. Ich gucke viel zu viel Comedy. Ich gehe in Comedy-Clubs. Und ich warte eigentlich darauf, dass mich Leute beleidigen. Das passiert jedoch nie. Denn ich bin die Zielgruppe, die lachen soll, weil sie den Eintritt bezahlt. Neulich versuchte ein junger Comedian, der im Ausland geboren war, eine Ungeheuerlichkeit: Er nannte uns im Publikum — ungeheuerlich! — „Kartoffeln“. Weil: Deutsche. Ich wartete verzweifelt auf die Pointe, aber es kam keine. Doch da kamen allenfalls ein paar Schocklacher: Da auf der Bühne hat jemand ein Pipi-Wort gesagt!

Comedians: Wenn ich lachen soll, strengt euch an. Stellt die Glaubenssätze meiner Existenz in Frage. Verachtet meinen Musikgeschmack. Erzählt mir über meinen Job, aber gebt mir das Gefühl, dass ihr Ahnung habt, wovon ihr sprecht.

Und Publikum: Wenn ihr 40, 60, 150 Euro für eine Eintrittskarte einer Sitzung bezahlt, dürft ihr Profis erwarten. Profis, die auch mal ein Publikum lesen und ihre Nummern anpassen können. Nicht um sie zu verschonen, sondern um den Punkt zu finden, wo es tatsächlich weh tut. Und das heißt nicht, dass das in eine Beleidigungsorgie ausarten soll. Man soll halt etwas spüren. Ein wirklicher Witz pro Stunde — ist das denn zu viel verlangt?

Falls ihr hingegen nur Blondinenwitze hören wollt, zahlt das Kölsch mit einem Aufpreis dafür, dass Ihr Euch für ein, zwei Stunden nicht mit Ehepartnern und Freunden unterhalten musstet. Und dann schwankt stillvergnügt — mit Betonung auf „still“ — nach Hause.

Das Grundproblem mit Artikel 11, Artikel 13 und dem ganzen Rest

Ich hab jetzt doch mal in die konkreten Vorschriften zu der vorgeschlagenen EU-Urheberrechtsreform geguckt — und es ist schlichtweg ein schlechtes Gesetz. Über die vielen Kompromisse, Missverständnisse und handwerklichen Fehler wurde ja genug geredet — aber ich glaube das eigentliche Problem sind die Grundannahmen. Der Gesetzestext geht davon aus es gebe hier einen Informationsmarkt im Ungleichgewicht. Man muss schlicht einer Seite etwas wegnehmen und schon pendelt sich wieder ein gesundes Gleichgewicht ein.

Die vorgeschlagene Maßnahme ist quasi ein Strafzoll — man verzeihe mir die Metapher. Das Problem: Strafzölle bringen nur Geld ein, wenn etwas importiert wird. Die Urheberrechts-Lobbyisten sagen: Da Google, Facebook und Co von Informationen leben, kommen sie ohne unsere Infos nicht aus. Wir sitzen am längeren Hebel. Wie bei Amazon und New York City stellt sich heraus: Nein.

Das kommt für niemanden überraschend, der die letzten Jahre ein wenig Aufmerksamkeit auf das Thema verwendet hat. Wir können es an so vielen Stellen sehen. Derzeit verlieren hunderte Kollegen in den USA ihre Jobs, weil Facebook ein bisschen müde war, wie viel Arbeit ihnen Nachrichten machen und wie sehr das Image der Firma leidet, weil das Management mit dem Problem ‚Fake News‘ einfach nicht umgehen kann. Zuckerberg versucht nicht mal den Journalismus abzustrafen und tut es trotzdem. Was passiert wohl, wenn man eine Steuer draufschlägt?

Nächste Woche wird die deutsche Werbewirtschaft ihre Zahlen publizieren — und ich wette die Suchmaschinen-Einahmen von Google sind wieder gestiegen. Und zwar nicht, weil sie so perfekt die besten journalistischen Produkte integriert haben, sondern weil Leute nach Bluetooth-Kopfhörern googeln und Kopfhörer-Hersteller die Gelegenheit ergreifen, dort zu annoncieren.

Wisst ihr, wer der aktuelle Star der Werbeszene ist? Amazon. Weil: Wo kann man besser seine Ware anpreisen als in einem Katalog von quasi jedem lieferbaren Produkt? Hier in Deutschland macht Otto das gleiche. Wir sind vermutlich nur wenige Jahre davon entfernt, dass ALDI Werbeschaltungen in seinem ALDI-Prospekt einführt. Es wird ziemlich schwer zu begründen sein, dass Amazon, dass ALDI Urhebern ein Stück des Geldes abgeben soll, weil die kreativ Schaffenden Musikvideos produzieren und die Äußerungen der Kanzlerin analysieren.

(BTW: Plattformen wie Amazon sind in der EU-Urheberrechtsreform ausdrücklich von der Haftung ausgeschlossen worden. Obwohl es auf diesen Marktplätzen sehr wohl substantielle Urheberrechtsprobleme gibt: Produktbeschreibungen und Produktfotos werden haufenweise geklaut.)

Wenn man über den „value gap“ reden will, muss man über den „value gap“ reden. Wie finanzieren wir die Infrastruktur, die wir für eine informierte Öffentlichkeit brauchen? Muss die durch und durch datengetriebene Werbefinanzierung zurückgedrängt werden? Wie stellen wir dann sicher, dass nicht nur die Großverdiener wichtige Informationen erhalten? Nur an den Symptomen herumzudoktern, wie es diese Reform versucht, wird uns dabei nicht helfen.

Kommt alle mal wieder runter!

Robert Habeck hat seinen Twitter- und seinen Facebook-Account gelöscht. Ich halte den Schritt mittelfristig für einen Fehler und keine wirklich durchdachte politische Botschaft, aber ich verstehe sie menschlich.

Was ich nicht verstehe, ist der riesige Bohei, der nun darum veranstaltet wird und der sogar in meine Timelines rüberschwappt. Es gibt Leute, die ihm zustimmen und Leute, die in der Löschung mehr als ein persönliches Statement sehe. Und das ist Okay so. Was ich befremdlich finde, ist die Sprache.

Zum Beispiel bei denen, die sich auf Habecks Seite schlagen:

https://twitter.com/Schroeder_Live/status/1082311198794747905

Zum Beispiel bei denen, die sich nicht auf Habecks Seite schlagen:

https://www.facebook.com/micky.beisenherz/posts/10157331324466535

Habeck wurde gelyncht? Really? Weil er einen Trip ins Alttestamentarische unternahm??? Wovon redet ihr da eigentlich?

KOMMT MAL ALLE WIEDER RUNTER. Man kann auch über Dinge diskutieren, ohne in die absurdesten Metaphern oder Superlative zu verfallen.

ApplePay – Alltagstauglich, doch kein Selbstläufer.

Da grade ApplePay in Deutschland eingeführt wird, schreiben alle über Bezahlen per Handy. Natürlich mit Vorbehalten. So heißt es auf tagesschau.de:

Richtig alltagstauglich ist mobiles Bezahlen aber noch nicht. „Das fängt schon bei den Grundvoraussetzungen an“, kritisiert Maike Strudthoff, Mobile-Payment-Expertin und Autorin für Digitalthemen. „Kunden brauchen das richtige Handy, nämlich NFC-fähig, und müssen die passende Bank haben, die wiederum eine kompatible Zahlungskarte anbietet. Das ist verwirrend und noch nicht unbedingt für die Masse nutzerfreundlich.“

In meinen Augen ist das falsch. Denn wenn die beschriebene Verwirrung erst einmal geklärt ist — fast jeder in der Zielgruppe hat bereits ein NFC-fähiges Handy — ist die Technik sehr alltagstauglich. Denn gerade im Alltag gibt es die Verwirrung nicht mehr: Wir kramen nicht in Handtaschen und Rucksäcken, welches von zehn Handies wir jetzt benutzen sollen. Und wir müssen auch nicht zwischen fünf verschiedenen Girokonten wählen. Einfach das Handy an die bezeichnete Fläche an der Supermarktkasse halten — fertig. In den viel zitierten Bäckerein müssen wir wohl weiterhin bar zahlen – big deal.

Insbesondere die Geschwindigkeit begeistert. Von alten Supermarktkassen bin ich es noch gewohnt, dass man den halben Einkauf einpacken kann, bis denn endlich der Beleg zum Unterschreiben aus der Kasse gezuckelt kommt. Diese Wartepause ist verschwunden.

Ich glaube dennoch, dass diese Zahlungsmethode nicht plötzlich von allen Deutschen adaptiert wird. Aus zwei Gründen:

Zum einen sind mittlerweile auch Kontokarten der verschnarchtesten Sparkassen mit NFC ausgestattet. Der Geschwindigkeitsgewinn ist also kein Alleinstellungsmerkmal des Handyzahlens.

Zum zweiten: Auch wenn Apple seit einem Jahr unentwegt dafür wirbt, dass sie nie, nie, niemals die Daten ihrer Kunden verkaufen (halt nur einen Milliardendeal mit Google, aber Schwamm drüber) – will man wirklich alle Käufe über Silicon Valley und deren Dienstleister abwickeln? Mit dem Hersteller, der buchstäblich den Puls vieler Kunden erfassen kann?