Das Scheitern des Urheberrechts

Urheberrechtsvertreter feiern die Abstimmung im Europaparlament gestern als wichtigen Erfolg. Ich als Urheber sehe sie als Desaster. Denn leider hat sich die Überzeugung durchgesetzt, dass es nicht wirklich drauf ankommt, wie man das Urhebrrecht reformiert — es muss schließlich irgendetwas gemacht werden. Doch was da beschlossen wurde, ist ein Maßnahmenbündel, das aus einem Haufen falscher Annahmen und Überzeugungen beruht.

Wie das Scheitern von De-Mail ist auch die EU-Urheberrechtsreform mehr als nur ein gescheitertes Projekt. De-Mail hat das E-Government in Deutschland um Jahre zurückgeworfen, bei Artikel 13 und dem Rest gehe ich eher von einem Jahrzehnt aus.

Nicht nur, dass die meisten Urheber erst in zirka fünf Jahren feststellen müssen, dass das versprochene Geld ausbleibt. Es müssen auch mit viel Aufwand teure Strukturen geschaffen werden, die bald wieder obsolet sind. Nicht jede Verwertungsgesellschaft wird das überleben.

Unterdessen geht der Kahlschlag in den Medien weiter. Waren zu Beginn meines Berufslebens bei jedem Ortstermin mindestens drei andere Kollegen dabei, bin ich heute oft alleine. Stattdessen sitzt am Pressetisch das Content-Team eines PR-Dienstleisters.

Dabei muss Silicon Valley eigentlich nichts weiter tun, um das Projekt gegen die Wand fahren zu lassen. Facebook hat die Verlagerung auf Messenger bereits vor Jahren eingeleitet. Google hat Google+ zugemacht. Und Amazon hat eh eine Garantie bekommen, nichts zahlen zu müssen. Apple hat ein Lizenzmodell für Apple News+ aufgesetzt und beansprucht mal eben 50 Prozent des Umsatzes.

Das ist nur der Ist-Zustand – zwei Jahre bevor die Reform tatsächlich in Landesgesetzen umgesetzt sein muss. Sollte „GAFA“ hingegen aktiv gegen die Reform arbeiten, wird es sehr schmerzhaft. Die Mittel wurden ihnen gelassen. Facebook hat ja schon letztes Jahr die Verbreitung von Nachrichten eingeschränkt. Folge: Entlassungswellen bei Medien in den USA. Kleine und mittlere Anbieter haben längst das Mittel der Geosperre entdeckt. Wir müssen uns nicht mit Europa rumärgern, wenn wir nicht wollen. China ist sowieso ein viel wichtigerer Markt.

Steltermania – Über Karneval und Humor

Wir sind nun am Tag vier des üblichen Pseudo-Skandals zum Kölner Karneval angekommen. Ganz Deutschland diskutiert über die Frage: Darf man Witze über Doppelnamen machen??? Und was denkt Bernd Stelter dazu, der Nicolás Maduro der deutschen Comedy?

Was mich etwas enttäuscht: Es wurde so viel drüber geschrieben, doch irgendwie fällt es niemandem auf: Da war überhaupt kein Witz. Bernd Stelter hat den Namen von Annegret Kramp-Karrenbauer einfach nur höhnisch ausgesprochen — und das war es auch schon. Keine Pointe, nichts. Nur ein paar Prämissen: Er baute darauf, dass das schon ausreicht. Niemand im Festsaal mag die Politiker da oben, niemand mag Emanzen — und niemand will eine sein.

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Das Haupt-Problem an der Kalkulation: Wir schreiben das Jahr 2019. Und tatsächlich stand eine Zuschauerin auf und geigte Stelter für ein paar Sekunden(!) die Meinung. Wir sind wirklich in einem Humor-Entwicklungsland, wenn es uns so bemerkenswert erscheint, dass ein Comedian angeschnauzt wird. Aber nein, es war nicht einfach ein Comedian. Die Frau hat ein ein Heiligtum, den Status Quo, den Karneval beleidigt. Oder in den Worten der Geheiligten Schrift des Express:

Hätte er Witze über Religionen, Minderheiten oder unter der Gürtellinie gemacht, könnte man das Verhalten der Dame noch im Ansatz verstehen. Doch es ging schlicht: um einen Doppelnamen. Unfassbar! Der Kölner Karneval ist weltoffen, das soll auch so bleiben. Aber eines muss klar sein: Egal ob Randalierer oder Sitzungsstörer – solche Typen haben hier im Kölner Karneval nichts zu suchen.

Die katholische Gürtellinie

Um Gottes Willen – Bernd Stelter soll Witze über Religion machen? Wo er doch beabsichtigt niemanden zu beleidigen? Was soll das für ein Witz sein? Kardinal Meisner war über Jahrzehnte ein Witz – und er konnte immer versichert sein, dass der Karneval auf seiner Seite ist. Im Großen und Ganzen. Leute wie Stelter suchen lediglich den kleinsten gemeinsamen Nenner für ein Saalprogramm, das sie wortgleich fünf bis zehn Mal am Tag heraustrompeten können. Eintrittspreis: 40 Euro. Kölsch geht extra. Und ihr braucht eine Menge Kölsch.

Ich fände es wirklich komisch – in beiden Sinnen des Wortes — wenn diese Episode einen positiven Effekt hätte. Die Lehre sollte aber nicht sein: Du darfst keine Witze über Doppelnamen machen. Sondern: Du sollst richtige Witze machen. Und das ist schwere Arbeit, für die es Profis braucht.

Comedy ist vergänglich. Wer meint, dass ein Witz, der vor 50 Jahren gut war, heute noch unverändert gut ist, sollte sich in eine Humorklinik begeben. Wer meint, dass die gleichen Doofwitze der immer gleichen Nasen das sind, was den Kölner Karneval groß macht — die Technik ist inzwischen soweit, dass man ein Hologramm von Dieter Hallervorden auf die Bühne stellen kann. Palimm-Palimm! Haben sie eine Flasche Pommes? Zeitlos! Gegen Aufpreis auch mit Kölschem Akzent. Gesprochen von einem Bläck Fööss. Oder einem Kasalla.

Wer Witze machen will, sollte neugierig sein. Die Lebenswirklichkeit einatmen und ständig reflektieren. Ich erwarte von Comedians keine perfekt ausgewogenen Berichte, die uns Journalisten Konkurrenz machen. (Meta-Pointe!) Aber Comedy sollte zumindest eine emotionale Wahrheit transportieren. Und Comedy sollte ein Dialog sein. Wer mit einer Nummer nicht ab und zu Schiffbruch erleidet, traut sich einfach nichts, sondern sucht lediglich den kleinsten gemeinsamen Nenner.

Heil Alaaf!

Im Zuge der Debatte wird immer wieder ein Karnevals-Redner zitiert. 1973 schaffte es Jonny Burchhardt, dass ihm ein kompletter Saal auf sein „Sieg“ von der Bühne mit einem spontanen „Heil“ antwortete.

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Er wechselte flugs zu einem Frisör-Witz, um sein Publikum nicht zu viel Zeit zu lassen. Die durften um Gottes Willen nicht darüber nachdenken, dass der Redner da vorne sie grade als Nazis vorgeführt hatte. Ich nehme an, das ist das letzte dokumentierte Beispiel von Humor im Kölner Karneval, bei dem das Publikum tatsächlich motiviert wurde, über sich und die eigenen Lebensumstände nachzudenken.

Um Kant zu zitieren: Comedy ist der Ausgang des Menschen aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit. Einst stand Karneval für das erste, nun ist er das zweite.

Ich liebe Comedy. Ich gucke viel zu viel Comedy. Ich gehe in Comedy-Clubs. Und ich warte eigentlich darauf, dass mich Leute beleidigen. Das passiert jedoch nie. Denn ich bin die Zielgruppe, die lachen soll, weil sie den Eintritt bezahlt. Neulich versuchte ein junger Comedian, der im Ausland geboren war, eine Ungeheuerlichkeit: Er nannte uns im Publikum — ungeheuerlich! — „Kartoffeln“. Weil: Deutsche. Ich wartete verzweifelt auf die Pointe, aber es kam keine. Doch da kamen allenfalls ein paar Schocklacher: Da auf der Bühne hat jemand ein Pipi-Wort gesagt!

Comedians: Wenn ich lachen soll, strengt euch an. Stellt die Glaubenssätze meiner Existenz in Frage. Verachtet meinen Musikgeschmack. Erzählt mir über meinen Job, aber gebt mir das Gefühl, dass ihr Ahnung habt, wovon ihr sprecht.

Und Publikum: Wenn ihr 40, 60, 150 Euro für eine Eintrittskarte einer Sitzung bezahlt, dürft ihr Profis erwarten. Profis, die auch mal ein Publikum lesen und ihre Nummern anpassen können. Nicht um sie zu verschonen, sondern um den Punkt zu finden, wo es tatsächlich weh tut. Und das heißt nicht, dass das in eine Beleidigungsorgie ausarten soll. Man soll halt etwas spüren. Ein wirklicher Witz pro Stunde — ist das denn zu viel verlangt?

Falls ihr hingegen nur Blondinenwitze hören wollt, zahlt das Kölsch mit einem Aufpreis dafür, dass Ihr Euch für ein, zwei Stunden nicht mit Ehepartnern und Freunden unterhalten musstet. Und dann schwankt stillvergnügt — mit Betonung auf „still“ — nach Hause.

Das Grundproblem mit Artikel 11, Artikel 13 und dem ganzen Rest

Ich hab jetzt doch mal in die konkreten Vorschriften zu der vorgeschlagenen EU-Urheberrechtsreform geguckt — und es ist schlichtweg ein schlechtes Gesetz. Über die vielen Kompromisse, Missverständnisse und handwerklichen Fehler wurde ja genug geredet — aber ich glaube das eigentliche Problem sind die Grundannahmen. Der Gesetzestext geht davon aus es gebe hier einen Informationsmarkt im Ungleichgewicht. Man muss schlicht einer Seite etwas wegnehmen und schon pendelt sich wieder ein gesundes Gleichgewicht ein.

Die vorgeschlagene Maßnahme ist quasi ein Strafzoll — man verzeihe mir die Metapher. Das Problem: Strafzölle bringen nur Geld ein, wenn etwas importiert wird. Die Urheberrechts-Lobbyisten sagen: Da Google, Facebook und Co von Informationen leben, kommen sie ohne unsere Infos nicht aus. Wir sitzen am längeren Hebel. Wie bei Amazon und New York City stellt sich heraus: Nein.

Das kommt für niemanden überraschend, der die letzten Jahre ein wenig Aufmerksamkeit auf das Thema verwendet hat. Wir können es an so vielen Stellen sehen. Derzeit verlieren hunderte Kollegen in den USA ihre Jobs, weil Facebook ein bisschen müde war, wie viel Arbeit ihnen Nachrichten machen und wie sehr das Image der Firma leidet, weil das Management mit dem Problem ‚Fake News‘ einfach nicht umgehen kann. Zuckerberg versucht nicht mal den Journalismus abzustrafen und tut es trotzdem. Was passiert wohl, wenn man eine Steuer draufschlägt?

Nächste Woche wird die deutsche Werbewirtschaft ihre Zahlen publizieren — und ich wette die Suchmaschinen-Einahmen von Google sind wieder gestiegen. Und zwar nicht, weil sie so perfekt die besten journalistischen Produkte integriert haben, sondern weil Leute nach Bluetooth-Kopfhörern googeln und Kopfhörer-Hersteller die Gelegenheit ergreifen, dort zu annoncieren.

Wisst ihr, wer der aktuelle Star der Werbeszene ist? Amazon. Weil: Wo kann man besser seine Ware anpreisen als in einem Katalog von quasi jedem lieferbaren Produkt? Hier in Deutschland macht Otto das gleiche. Wir sind vermutlich nur wenige Jahre davon entfernt, dass ALDI Werbeschaltungen in seinem ALDI-Prospekt einführt. Es wird ziemlich schwer zu begründen sein, dass Amazon, dass ALDI Urhebern ein Stück des Geldes abgeben soll, weil die kreativ Schaffenden Musikvideos produzieren und die Äußerungen der Kanzlerin analysieren.

(BTW: Plattformen wie Amazon sind in der EU-Urheberrechtsreform ausdrücklich von der Haftung ausgeschlossen worden. Obwohl es auf diesen Marktplätzen sehr wohl substantielle Urheberrechtsprobleme gibt: Produktbeschreibungen und Produktfotos werden haufenweise geklaut.)

Wenn man über den „value gap“ reden will, muss man über den „value gap“ reden. Wie finanzieren wir die Infrastruktur, die wir für eine informierte Öffentlichkeit brauchen? Muss die durch und durch datengetriebene Werbefinanzierung zurückgedrängt werden? Wie stellen wir dann sicher, dass nicht nur die Großverdiener wichtige Informationen erhalten? Nur an den Symptomen herumzudoktern, wie es diese Reform versucht, wird uns dabei nicht helfen.

Kommt alle mal wieder runter!

Robert Habeck hat seinen Twitter- und seinen Facebook-Account gelöscht. Ich halte den Schritt mittelfristig für einen Fehler und keine wirklich durchdachte politische Botschaft, aber ich verstehe sie menschlich.

Was ich nicht verstehe, ist der riesige Bohei, der nun darum veranstaltet wird und der sogar in meine Timelines rüberschwappt. Es gibt Leute, die ihm zustimmen und Leute, die in der Löschung mehr als ein persönliches Statement sehe. Und das ist Okay so. Was ich befremdlich finde, ist die Sprache.

Zum Beispiel bei denen, die sich auf Habecks Seite schlagen:

https://twitter.com/Schroeder_Live/status/1082311198794747905

Zum Beispiel bei denen, die sich nicht auf Habecks Seite schlagen:

https://www.facebook.com/micky.beisenherz/posts/10157331324466535

Habeck wurde gelyncht? Really? Weil er einen Trip ins Alttestamentarische unternahm??? Wovon redet ihr da eigentlich?

KOMMT MAL ALLE WIEDER RUNTER. Man kann auch über Dinge diskutieren, ohne in die absurdesten Metaphern oder Superlative zu verfallen.

ApplePay – Alltagstauglich, doch kein Selbstläufer.

Da grade ApplePay in Deutschland eingeführt wird, schreiben alle über Bezahlen per Handy. Natürlich mit Vorbehalten. So heißt es auf tagesschau.de:

Richtig alltagstauglich ist mobiles Bezahlen aber noch nicht. „Das fängt schon bei den Grundvoraussetzungen an“, kritisiert Maike Strudthoff, Mobile-Payment-Expertin und Autorin für Digitalthemen. „Kunden brauchen das richtige Handy, nämlich NFC-fähig, und müssen die passende Bank haben, die wiederum eine kompatible Zahlungskarte anbietet. Das ist verwirrend und noch nicht unbedingt für die Masse nutzerfreundlich.“

In meinen Augen ist das falsch. Denn wenn die beschriebene Verwirrung erst einmal geklärt ist — fast jeder in der Zielgruppe hat bereits ein NFC-fähiges Handy — ist die Technik sehr alltagstauglich. Denn gerade im Alltag gibt es die Verwirrung nicht mehr: Wir kramen nicht in Handtaschen und Rucksäcken, welches von zehn Handies wir jetzt benutzen sollen. Und wir müssen auch nicht zwischen fünf verschiedenen Girokonten wählen. Einfach das Handy an die bezeichnete Fläche an der Supermarktkasse halten — fertig. In den viel zitierten Bäckerein müssen wir wohl weiterhin bar zahlen – big deal.

Insbesondere die Geschwindigkeit begeistert. Von alten Supermarktkassen bin ich es noch gewohnt, dass man den halben Einkauf einpacken kann, bis denn endlich der Beleg zum Unterschreiben aus der Kasse gezuckelt kommt. Diese Wartepause ist verschwunden.

Ich glaube dennoch, dass diese Zahlungsmethode nicht plötzlich von allen Deutschen adaptiert wird. Aus zwei Gründen:

Zum einen sind mittlerweile auch Kontokarten der verschnarchtesten Sparkassen mit NFC ausgestattet. Der Geschwindigkeitsgewinn ist also kein Alleinstellungsmerkmal des Handyzahlens.

Zum zweiten: Auch wenn Apple seit einem Jahr unentwegt dafür wirbt, dass sie nie, nie, niemals die Daten ihrer Kunden verkaufen (halt nur einen Milliardendeal mit Google, aber Schwamm drüber) – will man wirklich alle Käufe über Silicon Valley und deren Dienstleister abwickeln? Mit dem Hersteller, der buchstäblich den Puls vieler Kunden erfassen kann?

Bedingungsloses Grundeinkommen: Butter bei die Fische

Jeff Bezos ist der vermutlich reichste Mensch der Welt. Laut Forbes.com betrug sein Vermögen im September 167 Milliarden Dollar, also 146 Milliarden Euro. Natürlich schrumpft das Vermögen, wenn er tatsächlich Amazon verkaufen sollte – sagen wir also der Einfachheit halber: er hat 100 Milliarden Euro in bar. Das hieße, er könnte einer Stadt mit 100.000 Bewohnern auf 100 Jahre ein Bedingungsloses Grundeinkommen von 10000 Euro pro Jahr garantieren. Oder einer Stadt mit einer Million Einwohner fünf Jahre lang ein Einkommen von 20000 Euro pro Jahr. Beides – und die Zwischenstufen — wären lohnende Experimente.

Das Geld der Anderen

In der Schweiz scheitert grade ein Projekt, das 770 Einwohnern eines Dorfes ein altersabhängiges Grundeinkommen zwischen 551 und 2200 Euro auszahlen sollte. Für ein Jahr. Der Grund für das Scheitern: Es gab zu wenig Leute, die Geld verschenken wollten. Ich finde das nur allzu verständlich. Denn ein paar Dorfbewohnern Geld in die Hand zu drücken ist kein Experiment in neuen Lebensformen, es ist schlichtweg eine Werbekulisse. Als ob ein James-Bond-Film im Dorf gedreht wird und plötzlich jeder Bauer seine Scheune teuer vermieten kann und Achtjährige Statistenhonorare kassieren. Alle freuen sich, jedem geht es besser. Ist der Film abgedreht, ist das Experiment wieder vorbei, ist hoffentlich alles wieder wie vorher. Plus ein wenig Geld. Für ein neues Scheunendach oder die Ausbildung des Achtjährigen.

Ein Bedingungsloses Grundeinkommen minus Geld von anderen ergibt: Nichts.

Wenn ich von solchen Pseudo-Experimenten lese, bin ich immer etwas erstaunt: Was wollen die Leute da noch lernen? Es ist eigentlich schon gut genug dokumentiert: Wenn Leute etwas mehr Ressourcen haben, geht es ihnen besser. Sie können Investitionen tätigen, zum Beispiel in einen Karrierewechsel. Leute wissen sich zu beschäftigen. Die wenigsten werden sich für ein Jahr faul hinlegen und Playstation spielen. Selbst die Trump-Kinder haben Jobs. (Man sollte bei den Experimenten natürlich drauf achten, dass keine Heroin-Süchtigen oder Alkoholiker im Endstadium mitmachen – das gäbe mitunter unschöne Bilder. Und natürlich: Keine Trump-Kinder.)

Grundeinkommen brauchen Grundzahler

Rein auf Empfängerseite könnte man allenfalls mit langfristigen Effekten experimentieren, also wenn das Grundeinkommen für zehn Jahre und mehr garantiert ist. Welche Auswirkungen hat ein Grundeinkommen beispielsweise auf die Mieten? Müssen öffentliche Schulen schließen, weil die Kinder nun alle auf eine Privatschule gehen? Können Zugezogene auch partizipieren? Poolen die Leute ihr Geld, um Infrastrukturen wie dringend benötigte Dämme zu bezahlen? Wie sieht es aus mit der Lohnverteilung: Wenn niemand mehr für vier Euro im Schlachthaus schuften will, halbieren die Grundeinkommens-Empfänger dann ihren Fleischkonsum? Was in dem Experiment verhindert werden muss: Dass die Teilnehmer einfach in die Nachbarstadt fahren und dort Waren mitbringen, die unter Nicht-Grundeinkommens-Bedingungen entstehen.

Auch diese Experimente würden nur einen ungefähren Eindruck verschaffen. Jetzt wäre es an der Zeit richtig große Experimente anzuschieben – wenn Silicon-Valley-Milliardäre die Idee so gut finden, sollen sie die Milliarden rausrücken. Oder das kleine Alpendorf führt das Grundeinkommen ohne Geld von außen ein. Denn nur so kann ein BGE-Modell ja funktionieren: Die Gesellschaft der Empfänger muss es selbst finanzieren.

Ein kleiner Schritt von der Utopie zur Dystopie

Dann beginnen nämlich die wirklich spannenden Fragen. Will man das Modell, das die Ärmsten heftigst ausgrenzt oder die obere Einkommenklasse heftigst besteuert? Bisher tun die Fans des BGE so als sei nichts davon nötig. Nur deshalb gibt es noch eine Fangemeinde für das Grundeinkommen. Würden sie sich wirklich mit den Folgen des Modells beschäftigen, wäre diese Gemeinde hoffnungslos zerstritten. Denn ob man ein Grundeinkommen über Mehrwertsteuer, Einkommenssteuer oder eine Kapital/Maschinensteuer finanzieren will, ist keine Petitesse. Soll das Grundeinkommen gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen, oder nur die schiere Existenz oder nur ein Taschengeld? Jedem Modell liegen komplett andere Annahmen, andere Menschenbilder zugrunde und jedes hätte komplett andere Folgen.

Die meisten Modelle, die sich überhaupt mit der Finanzierung beschäftigen, setzen auf eine Entsolidarisierung und die fiktive Einsparung Einsparung von Bürokratiekosten, die dann schließlich von den Ärmsten getragen werden müssten. Was bedeuten 1000 Euro pro Monat, wenn die Mehrwertsteuer durch die Decke schießt und Wohngeld und Krankenversicherung wegfallen? Enorme Armut. Das vermeintliche Paradies entpuppt sich immer wieder als Dystopie. Man sehe sich nur an, was die Mini-Auszahlung der Ölindustrie an die Bewohner von Alaska mit dem politischen System dort angestellt hat. Wer meint, er habe die Lösung gefunden, sollte mehr tun als sich Filmkulissen zu suchen. Wenn ihr wirklich an ein Grundeinkommen glaubt, dann tut endlich Butter bei die Fische.

Die Radfahrer und die Ampeln

Wann immer die Rede auf die Anpassung der Verkehrs-Infrastruktur an den Radverkehr kommt, schäumen die Kommentarspalten vor gerechtem Zorn. Die Radfahrer! Fordern und fordern — dabei halten die sich eh nie an die Regeln! Sollen sie doch schieben!!!

Tatsächlich kann man es in vielen deutschen Städten kaum leugnen: Viele Radler halten sich nicht an viele Regeln. Wie zum Beispiel rote Ampeln. Hier in Köln haben sich viele gar angewöhnt, vor der Ampel stehenzubleiben. Da sie eh losfahren, wie sie lustig sind, brauchen sie das grüne Licht ja gar nicht abzuwarten. Also erübrigen sich Umbauarbeiten, um bessere Radwege und fahrradgerechtere Ampelschaltungen zu etablieren? Absolut nicht.

Bonus für Rotfahrer

Fangen wir von vorne an. Warum fahren so viele Radfahrer bei rot? Eine Antwort ist ganz einfach: Weil sie es können. Sie werden nicht nur selten von der Polizei kontrolliert, sondern sie beschleunigen auf der kurzen Strecke auch deutlich schneller als Autos, brauchen dabei wesentlich weniger Platz und haben den besseren Überblick. Sprich: bevor sie jemandem im Weg sein können, sind sie auch schon wieder weg. Wem ist damit geschadet? (Dazu später mehr.)

Das Vertrackte an der Situation: Radfahrer, die sich nicht an rote Ampeln halten, werden strukturell belohnt. Denn in der Regel sind Ampelschaltungen ganz auf den Autoverkehr ausgerichtet, der ohne Probleme auf 50 Stundenkilometer beschleunigt. Radfahrer sind deutlich langsamer unterwegs. Folge: Insbesondere wo der Durchgangsverkehr eine möglichst grüne Welle hat, hangeln sich Radler von Rot zu Rot zu nochmal Rot.

Insbesondere wo die Rechtsabbiegerspur dem motorisierten Verkehr eine Extra-Grünphase spendiert, ist der Unterschied enorm. Wer hingegen taktisch geschickt jede zweite oder dritte Ampel ignoriert, kann hingegen diesen Takt durchbrechen. Wer einmal bei Rot fährt, hat plötzlich eine grüne Welle. So etwas merken sich Leute. Und so sehe ich viele Radler, die sich nicht mehr um Ampeln scheren, sondern sich davor stellen. Wenn die Verkehrssituation günstig aussieht, fahren sie halt.

Der Radweg führt ins Nichts – wo geht es nun weiter?

Der Unwillen sich an rote Ampeln zu halten hängt auch daran, dass die Verkehrsplaner eine ganz ähnliche Attitüde haben. In den letzten zwei Jahren hat sich in Köln zwar viel verbessert — aber immer noch komme ich alltäglich an Stellen vorbei, wo Radfahrer schlichtweg raten sollen, wie sie sich denn verkehrsgerecht verhalten sollen. Radwege enden unvermittelt, Haltestreifen werden nach dem Zufallsprinzip platziert und Ampeln sind so angebracht, dass sie vom Fahrradsattel nicht zu sehen sind. Baustellen werden präventiv mit Fahrrad-Verbotsschilder ausgeliefert — selbst wenn es dazu offensichtlich keinen Grund gibt.

Es ist wie ein ungeschriebener Vertrag: Ja, das Schild ist sinnlos, die Rotphase ist inakzeptabel lang — wir machen das nur wegen des Anscheins. Ihr braucht Euch ja nicht wirklich dran zu halten. So wie das Ordnungamt auf vielen Straßen Falschparker toleriert.

Das skaliert nicht!

Das Problem daran: Das Fahrrad leidet unter dem eigenen Erfolg. Wo früher ab und zu mal ein Radfahrer alleine unterwegs war, zieht sich jetzt oft eine lange Karawane von Radlern hintereinander die Radwege entlang. Wenn der einzelne Radfahrer immer noch meint, dass er sich schadlos durchschlängeln kann, klappt das in der Masse nicht mehr. Man kann diesen Effekt auch schön bei Fußgängerampeln sehen. Wenn die Ampel ewig auf Rot steht, drängt sich plötzlich ein einzelner Fußgänger auf die Straße – weil er eine Lücke im Verkehr gesehen hat. Und plötzlich laufen alle Fußgänger los obwohl da überhaupt keine Lücke mehr ist. Gehupe. Gemecker. Frust.

Radler müssen sich neu orientieren. Wir sind nicht nur viel mehr, wir sind auch wesentlich schneller als früher. Wer auf ein E-Bike steigt und plötzlich mit einem Schnitt von 25 Stundenkilometern im Berufsverkehr unterwegs ist, muss sich andere Bremspunkte angewöhnen, insbesondere wenn man bisher eher nur am Wochenende in Naherholungsgebieten spazierengefahren ist. Wer an Radfahrer an einer roten Ampel steht, muss sich klarmachen, dass er nicht mehr nur auf den Autoverkehr achten muss. Slalomfahren auf dem Radweg ist auch kein akzeptables Verhalten mehr – also holt die Hände aus den Jackentaschen und zieht Euch Handschuhe an. Der Schulterblick ist wichtiger als jemals zuvor.

Das gilt natürlich auch für die anderen Verkehrsteilnehmer. Wer auf einen Radweg tritt oder fährt, muss wissen: Das ist eine Hauptverkehrsstraße, keine ruhige Raucher-Ecke. Und erst recht keine erweiterte Abbiegespur.

Die Blockchain und die Zensur

Ich mach mich ja oft über Blockchain-Enthusiasten lustig — und ab und zu denke ich: Ja, absolut zurecht. Jetzt springt auch noch die US-Bürgerrechtsbewegung ACLU auf den Blockchain-Zug auf — und lässt Edward Snowden erklären, warum die Technik so super ist.

Einer der Punkte, der aufkommt: Die Zensurresistenz der Blockchain. Wenn einmal ein Artikel mit der Technik veröffentlicht ist, kann er nicht mehr getilgt werden.

Ben Wizner: So even if Peter Thiel won his case and got a court order that some article about his vampire diet had to be removed, there would be no way to enforce it. Yes? That is, if Blockchain Magazine republished it.

Edward Snowden: Right — so long as Blockchain Magazine is publishing to a decentralized, public blockchain, they could have a judgment ordering them to set their office on fire and it wouldn’t make a difference to the network.

Peter-Thiel-resistant?

Das ist natürlich Quark. Gerichte stecken keine Büros in Brand. Sie können aber Leute zu Geldstrafen verurteilen oder sogar ins Gefängnis stecken. Nehmen wir an, es gäbe ein Blockchain-Magazin, das total dezentralisiert ist. (Eine theoretische Annahme, denn die meisten Blockchains sind sehr zentralisiert oder tendieren nach kurzer Zeit dorthin.) Die Technik verhindert nicht wirklich, dass ein Artikel herausgestrichen werden. Es ist halt schwer und teuer. Und zwar teuer für die Leute, die diese Blockchain betreiben. Sie müssen quasi alle Blöcke löschen, die seit dem zu zensierenden Artikel herauskamen und dann die Blockchain neu berechnen.

Der Blockchain-Idealist sagt nun: Ha, aber niemand kann sie zwingen! Es ist ja dezentral!!

Dazu sagt der hypothetische Peter Thiel aber: Das ist mir ziemlich egal.

Wir erinnern uns, wofür der reale Peter Thiel der Allgemeinheit bekannt wurde. Er hatte einen Konflikt mir dem Klatsch-Portal Gawker, fand einen Schwachpunkt und stellte seine enormen Ressourcen der Klage von Hulk Hogan zur Verfügung. Ergebnis: Gawker existiert nicht mehr.

Wie würde der hypothetische Kläger gegen den Artikel im Blockchain-Magazin vorgehen? Nun, er würde einfach alle die verklagen, die mit dem Blockchain-Magazin assoziiert sind. Den Autor des Artikels, den Betreiber der Website, den Payment-Provider, die Anzeigenkunden des Magazins. Er würde in London Klagen, in Delaware, in Hamburg. Er könnte auch eine PR-Agentur engagieren, die ein paar Artikel in das Blockchain-Magazin stellen, die in China wirklich nicht gut ankommen. Und die Behörden dort ihren Job machen lassen.

Dezentralität als Stärke?

Dezentralität mag als Stärke erscheinen — die Kehrseite ist aber: Der Einzelne in diesem Netz ist verdammt schwach. Die einzelnen Nodes haben keine Rechtsabteilung mit Millionenbudget. Hat ein Kläger einen Schwachpunkt gefunden, kann er so viele Beteiligte des Netzes sehr effektiv attackieren und ausschalten. Er kann jedem Autoren und Redakteur klarmachen: Sobald du dich mit diesem Magazin assoziierst, wird es verdammt teuer für Dich.

Die Argumentation beißt sich an allen Punkten selbst in den Schwanz. Wenn die Gemeinschaft des Blockchain-Schwarms den einzelnen Nodes einen Anwalt zur Verfügung stellen würde, die die Kläger in die Knie zwingen kann, wäre das Blockchain-Magazin gerettet – aber gleichzeitig auch wieder überflüssig.

Ein anderer Punkt: Das Blockchain-Magazin löst vermeintlich ein Problem, das wir derzeit effektiv nicht haben. Mit mittlerem finanziellen Aufwand wäre es kein Problem, einen Gawker-Mirror mit allen Geschichten der Klatschseite online zu stellen. Einige haben sogar damit angefangen. (PS: Ein archiv von Gawker Valleywag ist tatsächlich noch unter der Urspungs-Domain online.) Nur wer interessiert sich wirklich für den Quatsch und Tratsch von vor drei Jahren? Wer wühlt sich durch die Textberge und entscheidet nachträglich: Dies hier war korrekt, dies hingegen nicht? Wenn wir optimistisch sind: Ein paar Historiker. Gawker ist jedoch nach wie vor tot und Vergangenheit.

(Hier sollte ich noch ergänzen: Die Blockchain selbst ist kein zensurresistentes Kommunikationsprotokoll wie beispielsweise Tor. Die vermeintliche Dezentralität beruht darauf, dass jeder Teile der Blockchain abrufen und auf eigenen Ressourcen neu veröffentlichen kann. Wenn das allerdings nur normale Websites sind, können sie auch genau so einfach gesperrt werden, wie gewöhnliche Websites. Gegen die Große Firewall von China ist die Blockchain deshalb absolut kein Rezept.)

No crypto for you!

Zur Ehrenrettung von Snowden muss man aber sagen. In dem vom ACLU promoteten Interview sagt er, auf die Frage, dass die Ablösung von Technikgiganten durch die Blockchain-Technik „wishful thinking“ ist. Dann aber kommt es nochmal dicke.

If a teenager in Venezuela wants to get paid in a hard currency for a web development gig they did for someone in Paris, something prohibited by local currency controls, cryptocurrencies can make it possible. Bitcoin may not yet really be private money, but it is the first “free” money.

Snowden mag zurecht frustriert darüber sein, dass US-basierte oder von den USA abhängige Zahlungsprovider Spenden für Organisationen wie Wikileaks sehr schwer machen. Das Problem ist aber: Der Teenager in Venezuela hat von den Cryptocurrencies ziemlich wenig zu erwarten. Denn seine Regierung kontrolliert die Bäckereien. Und sie hat eine eigene Krypto-Währung, den Petro. Und sie hat sich ein Ausweis-System aus China eingekauft, mit dem kontrolliert werden kann, was der Teenager kauft – und ob er es überhaupt kaufen darf.

Am Schluss sagt Snowden etwas, dem ich mich anschließen kann.

The hype is a world where everything can be tracked and verified. The question is whether it’s going to be voluntary.

Anders formuliert: Dass Blockchain Probleme wie Zentralität und Zensur lösen, ist in etwa so wahrscheinlich wie eine Lösung des Klimawandels durch Carsharing. Die Technik mag funktionieren und zuweilen sogar einen positiven Effekt haben — dazu müssen aber verdammt viele Rahmenbedingungen stimmen. Technik alleine kann soziale Probleme nicht lösen.

PS: Nach viel Kritik auf Twitter hat sich die ACLU entschlossen, den Tweet zu löschen und durch eine bullshitfreie Version zu ersetzen.

Die Legende von mythischen Datenschätzen

Gestern bin ich auf Twitter in eine interessante Diskussion geraten: Soll man Geschäftsmodelle wie Uber und AirBnB erlauben, wenn diese Unternehmen dafür versprechen, ihre Daten öffentlich freizugeben? Schließlich kann man so vieles mit öffentlichen Daten machen. Denn Daten sind Wissen. Und Wissen ist Macht. Und all die innovativen deutschen Startups, die niemals an Google und Facebook verkauft werden, könnten so die Wertschöpfung vom Silicon Valley zurückholen.

Obwohl ich offene Daten, bzw Open Data prinzipiell sehr unterstütze, muss ich hier sagen: Nein!

Erstens: Man gibt Unternehmen keinen Bonus, wenn sie Transparenzpflichten erfüllen. Man sorgt für vernünftige Regulierungen und dann haben sich die Unternehmen dran zu halten. Punktum.

Regulieren, aber richtig

Neulich habe ich mal die AirBnB-Hilfsseiten durchstöbert, wie denn Gastgeber dabei unterstützt werden, sich an örtliche Regulierungen zu halten. Und das Ergebnis war: fast gar nicht. Es gibt ein paar schwer auffindbare und kaum verständliche Hilfstexte und den ultimativen Hinweis, dass das der Gastgeber doch bitte selbst mit den Behörden zu klären habe.

Nein, AirBnB — wenn ihr Provision kassiert, solltet ihr hier eine aktive Rolle übernehmen. Zumindest eine kostenlose Hotline, wo juristisch gebildete Mitarbeiter Einzelfälle kompetent bewerten können und auch im Zweifelsfall eine Haftung von AirBnB auslösen. Das ist meine persönliche Meinung, die konkrete Umsetzung wäre eine Sache der Politik. Denn mein Anspruch kollidiert natürlich mit solchen Dingen wie dem Rechtsberatungsgesetz.

Der zweite Punkt ist aber: Ich möchte AirBnBs Daten nicht. Ich will auch nicht wirklich dringend die Daten von Uber haben. Denn: Diese Daten mögen höchst praktisch für die Marktaufsicht sein, um eben diese Unternehmen zu überprüfen und nachzufragen, ob auch jeder Teilnehmer seine Steuern brav bezahlt. Ansonsten sind sie weitgehend nutzlos für die Allgemeinheit.

Marketing, nicht Daten!

Denn diese Unternehmen sind nicht so groß geworden, weil sie Datenanalyse auf einen neuen Gipfel gehoben hätten. Uber zum Beispiel hat es geschafft, sich als billige und gastfreundliche Alternative zum Taxi zu etablieren — mit Marketing. (Und mit den verbrannten Milliarden von Investoren, die diese beim baldigen Börsengang zurückhaben wollen.) AirBnB hat auch keinen geheimen Algorithmus, der neue Wohnungen generiert – Leute melden sich freiwillig auf der Plattform an, weil mittlerweile keine US-Sitcom mehr ohne eine Folge über die erstaunlichen Verdienstmöglichkeiten auskommt.

Wenn ihr Ubers Daten haben wollt, um mehr über den Verkehr in Eurer Stadt zu erfahren, kann ich nur sagen: Ihr seid auf dieses Marketing reingefallen. Denn Uber ist nur ein vergleichsweise kleiner Over-the-top-Player, der einen winzigen Ausschnitt des Verkehrsgeschehens wahrnimmt und sich auf Daten von anderen verlässt. Wisst ihr, wer sehr viel mehr Daten über innerstädtischen Verkehr erfasst? Busse. Denn sie müssen fast überall hin und sind nicht bevorzugt unterwegs um Millennials vom Club nach Hause zu bringen.

Die Daten liegen näher als das Silicon Valley

Aber selbst die Busse sind eine unterlegene Datenquelle. Wenn ihr heute zum Beispiel das WDR-Radio einschaltet, werdet ihr alle halbe Stunde die Verkehrsnachrichten überhören. Falls ihr aber mal wirklich zuhört, wird Euch auffallen, dass dort nicht mehr nur die physische Länge eines Staus durchgegeben wird, sondern auch wie lange die Verzögerung voraussichtlich dauern wird. Diese Daten werden aus den Bewegungsdaten errechnet, die notwendigerweise in Mobilfunknetzen anfallen. Denn fast jeder Autofahrer hat ein Handy dabei, das konstant seinen Standpunkt an die umliegenden Funkmasten sendet.

Oder anders formuliert: Alle Daten, die bei Uber anfallen, fallen auch bei Apple, Google und den Mobilfunkherstellern an. Also: Wozu soll Uber zur Verfügung stellen, was sie eh nur nachnutzen? Sicher: Wenn man sie bekommen kann und ihre systematischen Mängel berücksichtigt – warum nicht? Aber: Wollen wir wirklich, das all unsere Bewegungsdaten öffentlich werden? Zwar kann man Daten aggregieren und verschleiern, aber gerade in Randbereichen ist die nachträgliche Identifikation nicht hundertprozentig zu vermeiden.

Unterirdische Datenqualität

Eine weitere These: Die Datenqualität von kommerziellen Unternehmen ist oft unterirdisch. Schaut mal in Eure Werbeprofile bei Facebook und Google. Darunter wird vieles sein, was erstaunlich korrekt sind: Alter, Geschlecht, Interessen. Doch wann immer ich in solche Profile gucke, sind lächerliche Fehlannahmen darunter. Facebook meinte zum Beispiel, ich höre als liebstes Blues-Musik. Was nicht stimmt. Facebook ist das jedoch ziemlich egal. Aufgrund meiner vermeintlichen Vorlieben wird mir Werbung gezeigt. Wenn mir eine Werbung angezeigt wird, die mich nicht wirklich interessiert, muss sie dennoch bezahlt werden. Und selbst wenn nicht: Ab einem gewissen Punkt rechnet sich die Optimierung auf meine tatsächlichen Interessen nicht mehr.

Es ist aber nicht nur das Desinteresse von kommerziellen Entitäten an durchweg korrekten Daten – der profitorientierte Ansatz produziert andere Daten als Entitäten, die das Gemeinwohl im Blick haben. Beispielsweise veröffentlichte Forbes neulich einen Artikel darüber, wie Fodoora entdeckt hat, das Fahrräder das effizientere Verkehrsmittel sind, weil sie im Stadtverkehr Autos und sogar Motorroller hinter sich lassen.

Dabei darf man jedoch nicht vergessen, worum es hier geht. Die Lieferfahrer haben ein sehr spezielles Bewegungsprofil. Zum einen: Sie fahren immer nur wenige Kilometer. Wenn jemand vom anderen Ende der Stadt eine Pizza bestellt, wird sie auch von dort geliefert. Für mich als Radfahrer in Köln sind diese Daten nur beschränkt übertragbar. Denn ich kann mich nicht in die nächste Lieferpizzeria teleportieren lassen, um von dort meinen Weg zu meinem Ziel fortzusetzen.

Gut genug ist nicht genug

Doch die Daten, die ein Unternehmen produziert, sind auch auf andere Weise verzerrt. Wenn ich in den Straßenverkehr schaue, wird recht deutlich, dass sich Lieferfahrer deutlich anders verhalten als andere Verkehrsteilnehmer. So sind sie ökonomisch motiviert, jede Art von Abkürzung zu nehmen, sie wissen besser als andere, wo sie was können. Dadurch werden die Daten sozusagen verseucht: Nur weil ein Lieferfahrer eine Straße langgefahren ist, ist es noch lange kein Beweis dafür, dass es sich um keine Einbahnstraße in anderer Richtung handelt — nicht einmal, wenn es 100 Lieferfahrer machen. Eine Navigation, die auf solchen Daten aufzusetzen versucht, wird notwendigerweise Probleme bekommen.

Kurzum: Für Privatunternehmen ist die Maxime: Es reicht, wenn Daten gut genug für meinen Zweck sind. Öffentliche Daten sollten jedoch einem höheren Anspruch genügen.