Lamestream Media

In diesen Tagen ist es so einfach zum Medienkritiker zu werden: jeder Fernsehsender, der nicht 24 Stunden am Tag vom Gemetzel in Kairo berichtet, ist ein Relikt vergangener Tage, versündigt sich am Erbe der friedlichen Revolution in der DDR, die wir nun am Bildschirm nochmal nacherleben wollen. Live. Jeder Kommentar, jede Überschrift muss die unverbrüchliche Treue mit den Regimegegnern ausdrücken — wer immer sie sein mögen — und den Westen für seine Unterstützung Mubaraks verdammen.

Ich muss übertreiben – sicherlich. Oder etwa nicht? Zum Beispiel hat der allzeit streitsame Jens Best bei tagesschau.de einen Propaganda-Stoßtrupp des ägyptischen Regimes geortet:

Gemeint war dieser Beitrag, in dem der Autor zum Beispiel dies schreibt:

In Kairo, Suez und Alexandria gilt eine verlängerte Ausgangssperre, die um 15.00 Uhr nun eine Stunde früher beginnt und bis morgens 8.00 Uhr andauert. Diese Maßnahme wird von Beobachtern als Bestätigung für den Verdacht gewertet, dass die Plünderungen und das Chaos der vergangenen zwei Tage vom Regime bewusst verursacht worden waren, um die Demonstranten zu schwächen.

Jens Best und viele andere Twitterer haben das wohl nicht gelesen – sie nahmen die Überschrift, ergänzten sie durch ein paar Worte aus ihrer Fantasie und erregten sich. Aber gut, was will man von dem 140-Zeichen-Schnell-Schnell erwarten?

Wenden wir uns also der FAZ zu, in der Jochen Hieber den öffentlich-rechtlichen Sendern ein miserables Zeugnis ausstellt.

Nein, genau das hatten wir eben nicht – knapp elf Minuten hatte Mubaraks Rede gedauert, sie war für den Moment das Ereignis schlechthin und fand just während der Sendezeit des „Journals“ statt. Wir aber sind, Goethe abzuwandeln, eben nicht dabei gewesen, nicht in der ersten, der zweiten oder wenigstens der letzten Reihe. Dass auch die „Tagesthemen“ der ARD, die am Dienstag um 22.30 Uhr begannen, nicht in der Lage waren, die Rede ausführlich (am besten: ganz) zu dokumentieren und deren Wortlaut einer ersten Interpretation zu unterziehen, macht die Sache vollends zum Trauerspiel. Wovon erzählt es?

Nun — es erzählt davon, dass Herr Hilber seine Fernbedienung verlegt hat oder sie nicht bedienen kann. Ich wunderte mich nämlich wie er über den Mini-Ausschnitt der Mubarak-Rede im heute-journal – war aber nicht wirklich erstaunt oder sauer. Stattdessen schaltete ich auf Phoenix um, wo ich mit einigen Minuten Verzögerung die Ansprache in voller Länge sah. Ich kam zum Schluss, dass „das Ereignis schlechthin“ eine Ansammlung von Phrasen war, die nur eine wesentliche Information enthielt: Mubarak will bis September an der Macht festhalten.

Diese Staatspropaganda in voller Länge vorzuspielen gehört in meinen Augen nicht zu den vorrangigen Zielen im Programmauftrag der GEZ-finanzierten Sender, wenn mit eben diesen Gebühren bundesweit ein Nachrichtenangebot finanziert wird, das mit einem Druck auf die Fernbedienung zu erreichen ist. Mit der gleichen Berechtigung könnte man kritisieren, dass der FAZ-Artikel nicht das Nachtprogramm abdeckt. Redaktionsschluss oder Schlaf sind in diesen Zeiten der Moment-Ereignisse doch irrelevant geworden.

Die Ereignisse in Ägypten zeigen, wie viel Macht Informationen und damit auch „die Medien“ haben. Diese Macht verlangt nach Kontrolle und Kritik. Haben die Medien im Verbund mit den westlichen Regierungen ein Unrechtsregime gestützt? Sind die Journalisten so gefangen im Schema von „Die Regierung hat gesagt, die Opposition erwiderte“, dass sie vergessen, dass sie über echte Menschen, über fundamentale Umstürze berichten? Wie kann die ARD sein Korrespondentennetz effektiv nutzen, wenn das Publikum bei Revolutionen 24/7-Berichterstattung fordert, aber beim Weltspiegel oder den Hintergrundberichten von Deutschlandradio gelangweilt wegschaltet?

All dies sind legitime Fragen. Um sie zu beantworten, muss man jedoch hinsehen, hinhören und nachdenken.

P.S. Bei mir zu Hause liegt die ARD auf Programmplatz 1, arte auf der 2 und Phoenix auf der 3. Medienkompetenz fängt zu Hause an.

P.P.S.: Nach einem weiteren FAZ-Angriff schlägt ARD-Aktuell-Chefredakteur Kai Gniffke zurück:

Wir hätten die Rede von Hosni Mubarak am Dienstag live übertragen sollen, heißt es da. Meint der Autor das ernst? Das wäre so als wenn wir jetzt jede Rede von Fidel Castro live zeigen würden. Es könnte ja die letzte sein. Was würden wir den machen, wenn Husni zwei Stunden lang Parolen absondert – draufbleiben, weil’s so toll ist? Unser Job als Journalisten ist es, zu bewerten, zu gewichten, auszuwählen und nicht einfach laufen zu lassen.

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12 Comments.

  1. Was ich mich ja Frage: wer von den ganzen Beschwerdeführern hat in den letzten Jahren auch nur einen Beitrag zu Ägypten gehabt? Wer wird in 3 Monaten noch je einen haben?

  2. Gut geschrieben, kann mich dem ganzen Artikel nur anschließen.

  3. Die FAZ hat ja eh ein Problem mit dem ÖR.

  4. Ich kann auch nicht nachvollziehen das die Berichterstattung in ARD und ZDF so kritisiert wird. Das ist eine Erwartungshaltung die die Älteren eben noch aus den 90ern haben als ARD und ZDF noch ein bischen anders aufgestellt waren. Die jüngeren kennen die Sender nicht mehr als Sender mit tagesaktuellen Informationen sondern als Sender von Marienhof, Rote Rosen, Zoogeschichten, ARD Buffet und Brisant. Gelegentlich unterbrochen von fünf Minuten Tagesschau. Da hat man natürlich von vorneherein nur eingeschränkte Erwartungen. Dieser Wandel spiegelt sich natürlich auch in der Besetzung wieder. Das ein ARD Chefredakteur eine von Castros Wochenansprachen mit einer mit Spannung erwarteten ersten öffentlichen Reaktion des ägyptischen Präsidenten nach tagelangen Massenprotesten vergleicht wäre in der ARD wie sie die älteren unter uns noch kennen wohl nicht passiert.

  5. Das drückt genau das aus, was ich auch denke: Ägypten war den Leuten jahrelang sch…egal. Jetzt, wo es da unten richtig knallt, verlangen alle 24-Stunden-Live-Übertragung – am besten in HD mit 5.1-Ton. Und weil es das nicht gibt, werden die Medien unfähig.

    Wenn die Show da unten gelaufen ist, interessiert man sich nur noch einmal im Jahr dafür: Beim Blättern durch den Urlaubskatalog.

  6. @NetzBlogR
    Genau. Das war ja damals Ende der 80er genauso. Jahrelang hat die DDR niemanden mehr interessiert. Und kaum machen die ein bischen Montagsdemos, Revolution und Mauerfall fliegen aus allen Herren Ländern die Reporter an wie die Schmeißfliegen und die Leute hängen vor der Glotze rum und erwarten Berichterstattung. Sensationslüsternes Pack. Und die öffentlich rechtlichen Hauptsender mittendrin. Heute könnte sowas zum Glück nicht mehr passieren, den Mauerfall könnten interessierte heute ja auf Phoenix gucken, die Mehrheit will doch wissen wies bei Rote Rosen weitergeht.

  7. Wolfgang Lintl

    Danke! Danke, dass mal jemand dieses unsinnige ö-r-bashing kommentiert. Mir hat in der Berichterstattung nichts gefehlt. Nur weil ich im Internet in jeder Sekunde senden kann oder etwas Neues lesen kann, muss ich doch nicht im Fernsehen ständig mit Live-Ereignissen konfrontiert werden. Ich erwarte (auch von einer Zeitung) nicht nur die Darstellung, sondern auch die Einordnung. Dazu muss ich nicht die Rede eines Staatsmannes – auch nicht in so einer angespannten Situation – live sehen.

  8. OT: Wo ist denn hier der Flattr-Button?

  9. Jannis: gleich neben dem Facebook-Like-Button, der Amazon-Wishlist und dem „Bitte, bitte, twitter mich“-Banner :-)

    Wenn man Beiträge von mir flattern will, kann man das aktuelle beim BildBlog und auf taz.de tun.

  10. Endlich schreibt mal einer, was ich schon lange denke. Zur Zeit findet überall dieses Rumgeheule statt, obwohl in dem Nachrichten fast nur dieses Thema gefunden wird und täglich mindestens ein Spezial zusehen ist. Dazu richtig, richtig die Sender Phönix und dieser Digitalkanal, der nur Tagesschau-Nachrichten sendet. Dazu kommt die für mich mehr als zeitgemäße Nutzung des Internets, denn beim ZDF wird durch die Mediathek und Twitter schon seit Tagen ein Livestream in die Welt getragen. Also meine Frage an alle und besonders auch an die FAZ Leute: Was soll das?

  11. Ich selbst sehe selten fern und noch seltener ÖR, aber mein Vater sieht öfter fern, da er ohne Internet ist. Und er ärgerte sich dann doch darüber, dass Sendungen die er sich ansehen wollte verlegt wurden um eine für ihn schon fast übertriebene Berichterstattung über die Ereignisse in Ägypten zu bringen.

    Schlussendlich können wir auf die Ereignisse in Ägypten kaum einwirken und egal wieviel Einzelheiten kommen, es gibt auch viele Probleme in Deutschland die wir anfassen müssen. Wenigstens wird die Internetsperre die in Ägypten erfolgte auch die deutsche Debatte zu dem Thema kräftig anheizen.

    Es wird auch immer behauptet das Internet wäre schnell, es ist so schnell weil viele Menschen sich nur Bruchstücke von Informationen ansehen und dann mal schnell was raushauen, oder wer liest schon 1000 Beiträge bei Twitter durch?

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