Framing-Vorwürfe als Framing

Es ist wie bei so vielen Befähigungen: Ein bisschen Medienkompetenz ist manchmal schlimmer als gar keine. Gestern fiel mir zum Beispiel dieser Tweet auf, der eifrigst verbreitet wurde:

Quelle: https://twitter.com/mikofLohr/status/1071867429205229570

Die Botschaft des Tweets ist klar: Die Medien benutzen jeden Trick, um die legitimen Proteste in Frankreich als gewalttätig erscheinen zu lassen. Ein klassisches Beispiel von Framing: Jemand wählt einen Bildausschnitt so, dass ein gezielt falscher Eindruck erzeugt wird. So scheint es zumindest.

Doch auch nur eine flüchtige Betrachtung des Ganzen sollte zeigen: Beide Bilder zeigen unterschiedliche Szenen. Die Objektive der Fotografen beim Winzfeuer zeigen nach unten – jemand müsste sich schon unmittelbar vor das Feuerchen legen, um Triumphbogen und Flammen gleichzeitig auf das Bild zu bekommen. Aber selbst dann bekäme man kein annähernd scharfes Bild hin.

Das wichtigere Problem ist aber: Niemand in Paris musste in den letzten Tagen solche Tricks verwenden. Es wimmelt von Fotos, auf denen man brennende Autos sieht — und das sind keine Spielzeugautos, die mit Tele-Objektiven fotografiert wurden. Die Rauchschwaden, das Polizeiaufgebot und das Tränengas über den Champs-Élysées bestimmen die Bildberichterstattung. Und zumindest ein Teil der Demonstranten inszeniert dies absichtlich so – denn nur über drastische Bilder kann man Politiker vermeintlich zum Einlenken bewegen.

Zweites Beispiel: Die Facebook-Präsenz Perlen des Lokaljournalismus zeigt diese Ausschnitte einer ungenannten Zeitung:

Quelle: https://www.facebook.com/perlendeslokaljournalismus/photos/a.260690807442526/1099530543558544/

Ganz klar: Zwei Mal die gleiche Person, jedoch unterschiedliche Namen und Altersangaben. Der hervorgehobene Kommentar (124 Likes!) darunter weiß zwei Erklärungen zu identifizieren – beide wenig schmeichelhaft:

Ist halt die Frage, ob es sich um ein Stockfoto handelt oder der Mann jedem Reporter eine andere Story auftischt :)

Wer jedoch mit der realen Arbeit in Content-Management-Systemen vertraut ist, sollte auf eine andere Erklärung kommen. Jemand hat die „Leute heute“-Rubrik aus einer vergangenen Ausgabe kopiert, um das Format richtig hinzubekommen. Dabei vergaß diese Person jedoch das zugehörige Bild auszuwechseln. Also: Keine Manipulation, lediglich verständliche Schlampigkeit – insbesondere wenn man berücksichtigt, wie wenige Leute heute die Arbeit einer kompletten Lokalredaktion erledigen müssen.

Natürlich sind beide Beispiele keine Skandale, eher Petitessen, über die man einfach hinwegsehen kann. Mich stört jedoch wie Manipulationen als allfälliges Erklärmodell für kleinste wahrgenommene Inkonsistenzen präsentiert werden. Das Quäntchen Medienkompetenz, das in den letzten Jahren erfolgreich vermittelt wurde, dient nicht nur zur Aufklärung der Konsumenten, sondern gleichzeitig auch als willkommene Einladung zur Denkverweigerung. Irgendwer lügt eh.

PS: Die Nachrichtenagentur AFP hat sich dem Tweet gewidmet, der inzwischen auf einem anderen Account 32000 Retweets und eine Reihe irreführender Artikel angesammelt hatte. Ihr Ergebnis: Die Fotos stammen nicht mal vom selben Tag. Das gleiche Ergebnis bei T-Online.

Datenschutz-Basishygiene

Ein neuer Facebook-Hack macht die Runde. Der Clou dabei: Da die unbekannten Angreifer Zugriffs-Tokens erbeutet haben, könnten sie sich prinzipiell bei allen Diensten einloggen, bei denen sich ein Nutzer per Facebook-Login angemeldet hat. Das reicht von Facebook-eigenen Diensten wie Instagram bis zu der Website der Lokalzeitung. Online-Shops, Dating-Apps, Messenger.

In meinem Fall sind das Null Dienste — zumindest wenn ich nicht grob irregeführt wurde. Denn ich habe mir vor vielen Jahren eine Standard-Routine angewöhnt. Wann immer ich einen neuen Dienst ausprobieren will, ignoriere ich die bequemen Buttons „Log in with Facebook“, „Log in with Google“, „Log in with Twitter“.

So viele E-Mail-Adressen

Stattdessen nutze ich das Einloggen per E-Mail-Adresse. Eigentlich jeder Dienst bietet die Option an — manchmal muss man etwas weiterscrollen, um den alternativen Login-Modus zu finden. Meist reicht es aus, eine E-Mail-Adresse und ein Passwort einzugeben — und man ist drin. Oft muss man seinen Account per Linkklick noch bestätigen, aber so viel Arbeit ist das nun auch nicht.

Meine Basis-Hygiene geht jedoch ein wenig weiter. Ich habe ein Webhosting-Paket, das mir erlaubt quasi unbegrenzt E-Mail-Adressen anzulegen. Wann immer ich einen neuen Dienst brauche, kann ich mir in einer bis zwei Minuten eine neue E-Mail-Adresse anlegen, die dann automatisch zu einer meiner anderen Adressen umgeleitet wird. Ich brauche dazu nicht mal ein neues Passwort.

Warum mache ich das? Nun — eine der beliebtesten Angriffsvarianten ist: Man sucht sich eine bereits gehackte Kundendatenbank und versucht dann mit den Zugangsdaten Zugriff auf andere Dienste zu nehmen. Menschen sind faul und sie können sich nicht unbegrenzt Passworte merken. Zudem ist es eine simple Anti-Phishing-Massnahme. Wenn ich die Nachricht bekomme, dass ich doch dringend mein Passwort für Dienst XYZ ändern soll, dann weiß ich direkt, dass die Nachricht an die falsche Adresse ging.

No Match

Zum Zweiten: Neben dem Geburtsdatum dient die E-Mail-Adresse als Match-Kriterium, um Daten zwischen unterschiedlichen Diensten auszutauschen. Wenn ich zum Beispiel etwas bei einem Versandhändler bestelle, kann er meine Adresse nehmen, um mir auf mich personalisierte Werbung bei Facebook auszuspielen.

Gleichzeitig kann aber auch ein Angreifer diese Daten nutzen. Stellt euch vor, dass alle Dienste, die ihr in den vergangen 15 Jahren genutzt habt und die gehackt wurden, Eure Daten in eine kollektive Datenbank zusammengeworfen haben, die unentwegt von 17jährigen durchforstet wird. Ziemlich beunruhigend, nicht?

Wozu denn anders?

Ich bin nicht paranoid. Glaube ich. Ich schreibe seit über 15 Jahren zu IT-Themen und mache mir nicht allzu viele Illusionen darüber, wie sicher meine Daten sind. Die oben beschriebene Routine habe ich mir nicht angewöhnt, weil ich Facebook und Google für die absolut bösesten Konzerne aller Zeiten halte. Sondern weil ich schlicht keinen Sinn daran sah, meine Login-Daten zu kombinieren.

Wenn ich mir ansehe, welche Dinge mir Google empfiehlt, trotz extensiver Daten aus meinem Google-Account – no, thanks. Netflix wird auch nicht besser, wenn man es mit Facebook kombiniert. Weniger Personalisierung ist zuweilen doch mehr. Und will ich wirklich jedem dauernd mitteilen, welche Musik ich höre?

Die oben beschriebenen Maßnahmen sind auch keine Anti-Hack-Garantie. Mit genug Hirnschmalz kann man wahrscheinlich ein enormes Datenprofil über mich zusammenführen. Aber wer macht sich schon die Arbeit?

Der Preis auf meiner Seite ist gering, aber er existiert. Zum einen ist es ein wenig lästig. Statt den neusten Bilder-/Musik-/Messenger-Service direkt auszuprobieren, sitze ich viele Trends einfach aus. Facebook hat mein Geburtsdatum nicht, also gratulieren mir jedes Jahr sehr wenige Leute zum Geburtstag. Ich bin nicht auf Tinder. Ich kann damit leben.

Unbezahlte Spammer

Eine gern verbreitete Geschichte ist: Promi/Firma/Partei X hat Tausende Fake-Follower auf Facebook/Twitter/Instagram. Also hat er/sie wohl dafür bezahlt.

Ich hatte zu meinen Bildblog-Zeiten mal den Hinweis bekommen, dass verdächtig viele Fake-Profile die Hamburger Regional-Ausgabe der „Bild“ liketen. Als ich mir die Profile jedoch ansah, stellte ich fest, dass sie auch viele andere Hamburg-Seiten mit Likes beglückten – auch solche, bei denen man sich eine Kauf-Aktion nicht vorstellen kann. Es stellt sich heraus: Fake-Accounts liken auch Seiten, die sie nicht bezahlen. So versuchen sie reale Aktivität vorzutäuschen. Accounts, die ausschließlich Fake-Viagra-Seiten toll finden, wären auch allzu einfach auszusortieren.

Dies hat zum Beispiel Facebook grade wieder bei einer großen Lösch-Aktion festgestellt.

The accounts had been created not en masse, but through “more sophisticated means” in an attempt to disguise the link between them. Proxies were used to disguise their true location. “The apparent intent of the campaign was to deceptively gain new friend connections by liking and interacting primarily with popular publisher pages on our platform, after which point they would send spam.”

Wenn ihr also wieder die Geschichte seht, in der die schiere Existenz von Spamaccounts als Beweis für bezahlte Manipulationen verkauft wird, schenkt ihr nicht allzu viel Glauben.

Citation needed

Die erste Woche Trump war in einem Aspekt besonders erfolgreich: Er hat das Niveau der Debatte gesenkt. Habe ich früher vielleicht einmal pro Woche einen Hoax aus meinen Timelines getilgt, musste ich es in der vergangenen Woche gleich mehrfach täglich tun. Wurde das Visa Waiver-Programm für Deutsche aufgehoben? Nein. Hat Mike Pence behauptet, Frauen würden sich vergewaltigen lassen, wenn man ihnen dann Abtreibungen gewährt? Nein. Hat Trump in einem offiziellen Foto seine Hände vergrößern lassen? Wohl nicht, es spricht nichts dafür. Menschen die ich schätze, haben all das in sozialen Netzwerken verbreitet – und noch viel mehr.

Die meisten meiner Leser kennen wahrscheinlich den XKCD-Comic von dem „Wikipedian Protester“, der dem mächtigen Mann auf der fahnenstrotzenden Bühne ein simples Schild entgegenhält: [Citation needed]. Diese Warnung wurde in Wikipedia-Artikeln angebracht, wenn Behauptungen nicht belegt waren und dringend eine glaubwürdige, überprüfbare Quelle brauchten. Wurde die nicht in angemessener Zeit nachgeliefert, wurden die entsprechenden Abschnitte aus dem Wikipedia-Artikel entfernt. Die utopische Vorstellung, man könnte an die hohe Politik ähnliche Ansprüche stellen, ist mir höchst sympathisch.

SEMI-PROTECT THE CONSTITUTION

Es ist wichtig, den Mächtigen dieses Schild entgegenzuhalten. Wenn Donald Trump erst behauptet von einem — überhaupt nicht wahlberechtigten — Profi-Golfer von Wahlbetrug erfahren zu haben und sich anschließend einen Verschwörungstheoretiker als Quelle aussucht, dann müssen Journalisten festhalten, dass dies Lügen sind. Und sie müssen die Abgeordneten verantwortlich machen, die über die Gesetze abstimmen. Und die Leute, die für sie stimmen.

Das mit der Verantwortung ist aber keine Einbahnstraße. Wir dürfen uns nicht ausschließlich darauf verlassen, dass Snopes, die Washington Post oder Correctiv die Wahrheit schon zu Tage fördern wird. Denn in einem Umfeld, in dem Bullshit dominiert, ist es einfacher, weiteren Bullshit anzuhäufen. Trump mag keine Fakten auf seiner Seite haben. Die Unterstützung der meisten seiner Wähler ist ihm für Maßnahmen wie dem nun vollzogenen Einreiseverbot sicher. Zwar liefert der Präsident seinen Wählern keine unmittelbare Verbesserungen ihres Lebens, er liefert ihnen aber etwas fast Gleichwertiges: Die Leute, die systematisch als Feindbild aufgebaut wurden, regen sich furchtbar auf. Wenn „die Medien“ Trump beschimpfen, muss der ja irgendetwas richtig machen. Wenn Clinton gegen ihn ist, muss er ja etwas gegen die Korruption in Washington tun.

But she is Madonna!

Fakten zu delegitimisieren ist relativ einfach. Millionen Menschen beteiligen sich am Women’s March? Eine dumme Rede von Madonna reicht für viele vermeintlich Konservative aus, um dieses Ereignis als irrelevant, gar als Bestätigung von Trumps Politik zu betrachten. Zeigt man ihnen unwiderstreitbar, dass eine ihrer Überzeugungen falsch ist, zucken sie mit den Achseln und verweisen auf zehn andere Fake-Stories, die die „liberals“ erfunden haben. Ab einem gewissen Punkt kann man diese Leute nicht mehr erreichen. Aber die Leute, die noch nicht so abgestumpft sind, kann man nicht erreichen, wenn man mit schlechtem Beispiel vorangeht.

Statt nur von den Mächtigen Quellen und Glaubwürdigkeit zu verlangen, müssen wir uns auch mehr auf unsere eigene Glaubwürdigkeit Gedanken machen. Gerade das mediale Stille-Post-Spiel kostet unendlich viele Ressourcen und führt die Debatte immer wieder auf Abwege. Gerade bei Journalisten sehe ich immer mehr die Unart, dass Textausschnitte getwittert werden, die irgendein skandalöses Zitat oder eine Schlussfolgerung enthalten – der Kontext oder die Quelle fehlen jedoch. Zwar mag das Zitat am Tag des Tweets noch einfach auffindbar sein, verschwindet es mit immer größerer Wahrscheinlichkeit schon bald hinter einer Paywall. Die GIF-Sucht hat auch andere Folgen. Mehrfach habe ich in den vergangenen Tagen gesehen, dass jemand einen falschen Tweet korrigiert und das falsche Original sogar gelöscht hat – doch jemand anders hatte das GIF mit der Falschbehauptung schon kopiert und unter eigenem Namen weiter verbreitet.

Stille Post mit Photoshop

Unsere Erinnerung macht Nichtigkeiten groß. In einem Jahr werden sich noch viele Leute an die Geschichte erinnern, wie Trump seine Hände vergrößern ließ — sie ist einfach zu sexy. Gerade dieses Beispiel zeigt auch, wie wichtig Quellenkritik geworden ist. Mit viel Energie hatten Trump-Gegner Fotos verglichen und kleine sogar Animationen daraus gebaut, um die empörende und absolut sinnlose Manipulation zu beweisen. Die Washington Post ist der Sache nachgegangen, und hat festgestellt dass das Bild, das auf Twitter so viel Verbreitung fand, gar nicht aus dem Weißen Haus selbst stammte. Wer die Quelle mit Verstand und Hintergrundwissen betrachtete, musste das bemerken. Wer nur retweetet, sieht hingegen nur die Story, die so sexy erscheint.

Lange Rede, kurzer Sinn:

Retweetet nicht alles, was Euch grade am Empörendsten vorkommt. In den meisten Fällen reicht eine Minute, um einen Gegenbeleg zu finden.

Wenn ihr Zitate als Grafik teilt, gebt bitte auch eine Quelle an. Retweetet keine Zitate ohne Quelle.

Wenn ihr einen Fehler macht — und das ist in dem Klima nur allzu verständlich — dann korrigiert den transparent. Es reicht nicht aus, einen Tweet oder ein Posting hinterherzuschicken. Löscht Eure Falschbehauptungen unmissverständlich. Und informiert Eure Quellen. Wenn die darauf bestehen ihren Irrtum online zu lassen, sind sie es nicht wert, dass man sie weiter anhört.

Eternal September, Wahlkampf edition

„Online-Wahlkampf“ klang mal gut. Die wichtigen Leute nehmen unseren Lebensraum wichtig. Und das Web kann politischen Diskurs auf neue Höhen bringen. Wo jeder alles googeln kann, gibt es keine Lügen mehr.

Von wegen. Onlinewahlkampf heißt: Deine Timeline verwandelt sich in eine Bundestagsdebatte. Jeder beklagt dass niemand über die Themen redet und sucht Satz-Versatzstücke, die den politischen Gegnern entlarven soll. „Hast Du das gehört? Hast Du? Hast Du? Retweet!“ Und die Bundestagsabgeordneten sitzen neben Dir im Bus, in Deinem Wohnzimmer, auf der Nachbartoilette und finden sich ganz toll und die anderen ganz doof. Und sie machen Wortspiele.

Es gibt zwei Möglichkeiten, das zu überleben. Entweder man ignoriert jeden politisch interessierten Mensch für die nächsten drei Monate oder man nimmt sie einfach nicht ganz so ernst. Man kann ihre Nachrichten sogar remixen.

Volker Jarzombek

jazo2

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Google — der freundliche Monopolist?

Es ist kaum möglich in Deutschland sachlich über Google zu diskutieren. Nicht erst seit dem Leistungsschutzrecht ist die Diskussion für meinen Geschmack zu polarisiert. Entweder man ist für Google oder man ist gegen Google. Je nachdem, wer gerade die Definitionsmacht ergreift, ist Google der Innovator, die Zukunftsmaschine, der freundliche benevolente Diktator, der uns Deutsche in die Wissensgesellschaft führt, nachdem wir grade dem Gilb des bundesdeutsch-vermieften Bildschirmtextes BTX entronnen sind. Oder Google ist der Milliardenkonzern, der sich nicht um unsere rechtsstaatlichen, moralischen oder geldbörslichen Werte schert. Der abkassiert. Der unseren Digitalwirtschaft keine Chance gibt zu konkurrieren. Und der uns zusammen mit Twitter, Facebook und Co zu degenerierten Klicksklaven macht, unfähig einen klaren Gedanken zu fassen ohne nach E-Mails und Likes zu checken.

Ich stehe da vermeintlich auf beiden Seiten. Wie fast jeder, der über zehn Jahre online ist, bin ich Google-Fan. Die Suchmaschine war ein Quantensprung für das Netz. Das Unternehmen hat so viel richtig gemacht, dass einige Fehltritte kaum ins Gewicht fallen. Google setzt auf Standards. Google lässt mich die Personalisierung der Werbung abschalten. Google hat einen wirklich guten Browser entwickelt. Und Android-Smartphones kann man rooten. Gleichzeitig verschließe ich jedoch nicht die Augen vor den negativen Aspekten. In der Auseinandersetzung um das Netz hat Google mit seiner „Verteidige Dein Netz“-Kampagne skurrilerweise die Gegenseite mit maßgeschneiderten Argumenten bedient, indem der Konzern seine Meinungsmacht auf Tausenden von Webseiten ausspielte. Und auch wenn 200000 für Unterstützung geklickt haben, kam bei der Legislative nichts davon an. Zudem ist die Entwicklung bei den Google-Produkten für mich als Konsumenten nicht ideal: Die Werbung auf YouTube ist mir inzwischen viel zu aggressiv, die Websuche und ihre vielen Schwestern sind viel zu unpräzise für meinen Geschmack.

Patrick Bernau hat eine Diskussion um Monopole angestoßen, was ich sehr richtig und wichtig finde. Wir sollten einen Schritt zurücktreten, die Lage betrachten und uns überlegen, wo wir hinwollen. Das Leistungsschutzrecht ist in meinen Augen ein Reflex, dem Web-Giganten mal so richtig gegen das Schienbein zu treten, um ihm zu sagen „So geht es nicht“. Wie es denn gehen soll — diese Perspektive fehlte. Warum das Gesetz eher das Gegenteil des erwünschten Zustandes herstellen wird, haben ich und andere oft genug aufgeschrieben.

Ist Google, wie Patrick Bernau meint, ein natürlicher Monopolist? Ist es Facebook, Amazon? Vielleicht. Wobei ich nicht die hohen Investitionskosten als ausschlaggebenden Faktor ansehen will, sondern den Netzwerkeffekt. Wir sind bei Facebook, weil andere bei Facebook sind. Wir kaufen bei Amazon, weil man auf Amazon alles kaufen kann. Und man kann so toll alles bei Amazon kaufen, weil alle bei Amazon kaufen. Jeder will bei Google gefunden werden und öffnet die Tore für den Google-Bot weit. Deshalb haben Konkurrenten wie zum Beispiel Bing es schwer dagegen anzukommen. Während die Microsoft-Suchmaschine mit Milliardenmacht crawlt, schenkt der deutsche Nahverkehr Google seine Fahrpläne. Und Millionen Android-Handies erfassen den Verkehrsfluss.

Die Diskussion, was nun mit den Monopolen ist, erscheint mir nicht so spannend, wie man mit Plattformen umgehen. Monopolisten haben Marktmacht. Und sie können ihre Monopolgewinne im einen Bereich dazu nutzen, andere Märkte zu erobern. Siehe Microsoft und Browser-Krieg. Doch das Internet-Explorer-Monopol wurde gestürzt, heute ist der Windows-Standardbrowser der Underdog, der standardkonform und schnell sein will. Der Markt funktioniert also, oder?

Statt Monopole zu betrachten, würde ich lieber einen Blick auf Plattformen werfen. Denn wer eine Milliarde User hat, kann auch ohne Monopole andere Märkte jenseits des Wettbewerbs erobern. Vor und nach dem Börsengang haben Journalisten alle paar Wochen eine neue verwegene These auf den Markt geworfen: Will Facebook den Musikmarkt erobern? Will Facebook den Gutschein-Markt erobern? Wird Facebook schlichtweg den Werbemarkt für alles übernehmen?

Nichts davon wurde wahr, aber die Befürchtungen sind sicher nicht aus der Luft gegriffen. Denn so verhielten sich die Monopolisten, die wir bis dahin kannten. Die neuen vermeintlichen Web-Monopolisten haben sich erstaunlich unmonopolistisch verhalten. Bei der Suche nach „Suchmaschine“ konnte und kann man bei Google als Top-Treffer immer Links zu Konkurrenten finden — ich habe es eben ausprobiert und Google selbst war nicht mal auf der ersten Ergebnisseite. Das wäre der Bundespost oder der Telekom kaum passiert. Google und Facebook haben nie den Ehrgeiz gezeigt, die Daten, die wir ihnen vermeintlich so leichtsinnig anvertrauten, wirklich gegen uns zu verwenden.

Und doch: Google baut fleißig immer weitere Wissensmacht auf. Habe ich vor Jahren noch mit Entgeisterung zugesehen, wie Nutzer teilweise jede einzelne Webadresse in Google eintippten, statt sie direkt in die Browserzeile einzutragen, hat Chrome das Prinzip zum Normalzustand erhoben. Browser und Suchmaschine sind eins geworden. Smartphone und Google sind eins geworden. Und Google profitiert: durch Werbung, durch verkaufte Apps, bald durch die Handy-Geldbörse. Im „Fegefeuer der Eitelkeiten“ wurde das Geschäft eines Wall-Street-Brokers mit jemandem verglichen, der einen riesigen Kuchen zerteilt und von den Krümeln lebt. Google ist Krümel-Milliardär. Ist das schlimm?

Und doch: Die Dominanz der wenigen Konzerne hat handfeste Nachteile. Der Markt funktioniert in Teilen nicht. Google hat wegen der — ob aus Geiz oder wegen der überzogenen Forderungen — keine Musikvideos online? Das wäre doch ein sehr breites Feld für einen Konkurrenten, der mit einem vernünftigen Kompromiss vormachen könnte, wie es geht. Doch wo ist der? Was hält uns Deutschen ab ein GEMA-lizensiertes Musikportal online zu stellen? Wo ist die präzise Suchmaschine, die ich mir wünsche. Sicher gibt es Aufsätze und Kleinkonkurrenten. Die leiden jedoch daran, dass sie doch nicht so viele Seiten so aktuell in ihren Datenbanken haben — oder das gefundene nicht so gut sortieren wie Google.

Ist Google ein Monopolist? Unklar. Hätte ich gerne mehr Konkurrenz? Auf alle Fälle.

10 Punkte für Erfolg auf Twitter, Facebook und Orkut2

    • War mal ein Punk-Musiker. Damit hast Du Rhythmus, Timing und Deine Leber trainiert. Und: Wer sich schon einmal den Weg von der Bühne herunter freiprügeln musste, ist durch einen Shitstorm nicht zu erschüttern.
    • Sei ein Egomane. Diese Einerseits-Andererseits-Typen nerven.
    • Sei authentisch. Lass Dir ein halbnacktes Model auf den Rücken schnallen, wenn man Dich fotografiert.
    • Schwimm nicht mit dem Strom. Schwimm vor dem Strom. Wenn er anders strömt, wende graziös.
    • Sei streitbar. Aber streite mit den richtigen Leuten.
    • Streite nur um Dinge, die das Publikum nicht überfordern. Das von Mario Barth.
    • Sei nett zu den richtigen Leuten. Die meiste Zeit.
    • Gestehe Fehler ein. Aber nicht zu oft.
    • Alle sechs Monate muss eine Fleißarbeit kommen. Häng Dich rein. Und dann verlinke immer wieder darauf, so dass es niemand vergisst.
    • Oft genug ignoriert: Sei Britney Spears.

    Crowd-Verkehrsservice

    Die Online-Redaktion des Kölner Stadtanzeigers hatte vor ein paar Monaten eine pfiffige Idee: Sie führte auf Twitter das Hashtag #koelnverkehr ein und postete immer mal wieder einige Verkehrsmeldungen. Eigentlich eine tolle Idee: die Verkehrsmeldungen im Radio sind schlichtweg nervig. Das Echtzeitmedium Twitter doch viel besser geeignet relevante Informationen zu mir zu transportieren.

    Doch das Ergebnis ist bisher nicht sehr ermutigend.

    Sicher: über die üblichen Informationswege, hätte ich nicht von der Fahrkartenkontrolle erfahren. Aber ich war nicht dort unterwegs und wäre auch nicht ohne Fahrschein angetroffen worden.

    Aber viel wichtiger: Der Zündfunke reicht nicht aus. Einfach einmal täglich ein paar Warnmeldungen zu schicken, reicht nicht aus eine kritische Masse von Nachahmern zu gewinnen. Und ich als Leser will auch nicht unbedingt alle Verkehrsmeldungen rund um Köln in Echtzeit mitgeteilt bekommen, während ich hinter meinem Schreibtisch sitze.

    Twitter als Kommunikations-Überholspur? Oder eine Gated Community?

    Viel Häme haben sich die Hauptstadtjournalisten mit der wirklich skurrilen Fragestunde zu den Twitter-Aktivitäten im Bundespresseamt eingehandelt. Wie kann man im Jahr 2011 Twitter nicht kennen? Was sollen die albernen Fragen? Da wird die Regierung mal etwas offener und die Hauptstadtjournalisten fürchten um ihr Herrschaftswissen!

    So nachvollziehbar die Reaktion auf die Vorstellung aus dem „Raumschiff Berlin“ ist, nach ein paar Tagen sollte man anfangen Mal etwas darüber nachzudenken. Natürlich ist Hauptstadtjournalismus ein extrem arbeitsteiliges Geschäft. Die Personen, die in der Bundespressekonferenz sitzen, müssen in der Regel nicht mit Twitter arbeiten. In meinen Augen sollten sich Kommunikationsarbeiter mit neuen Medien auseinandersetzen, aber ich will mir da kein abschließendes Urteil erlauben. Vor fünf Jahren wurde ihnen erzählt, sie müssten Second Life lernen. Ein gewisses Misstrauen, eine gewisse Trägheit ist verständlich.

    Journalisten als „vierte Gewalt“ haben die Aufgabe, die Regierung zu überwachen. Eine wesentliche Voraussetzung ist, dass die Journalisten die notwendigen Informationen bekommen. Wenn also Reisen von Angela Merkel zuerst über Twitter angekündigt werden, mag das für uns Außenstehende wie eine Petitesse erscheinen – sie sorgt aber dafür, dass komplette Arbeitsprozesse umgelegt werden müssen. Die Journalisten, die im Zweifel am Samstagabend alleine am Schreibtisch sitzen, müssen die Nachrichten aus den verschiedensten Kanälen abgleichen. Gehen relevante Informationen über einen neuen Kommunikationskanal, müssen sie diesen in ihre Arbeitsmittel integrieren. Mit einem Twitter-Account alleine ist es da nicht getan – die Medien müssen auch ständig einen aktuellen Überblick haben welcher Politiker tatsächlich twittert, welche Fake-Accounts unterwegs sind. Noch schlimmer: Sie müssen sich mit ironischen Kommentaren, schlechten Wortwitzen und haufenweise uninformierten Missverständnissen herumschlagen. Und das für ein nicht greifbares Endergebnis: Ich als Leser blättere weiter, wenn ein Zeitungsjournalist Twitter-Anekdoten zum Besten gibt.

    Gleichzeitig nutze ich Twitter intensiv und gerne. Grade eben habe ich mit einem Tweet eine Frage an DradioWissen geschickt, die wenige Minuten später auf Sendung beantwortet wurde. Früher hätte ich womöglich eine Hörer-Hotline anrufen müssen und meine Frage wäre vielleicht ans Ende der Sendung gestellt worden, wo sie dann natürlich aus dem Kontext gerissen worden wäre. Ebenfalls kann ich Mal eben einem Spitzenpolitiker einen kleine Frage an den Kopf werfen und bekomme tatsächlich sofort eine Antwort von ihm. Das Zeitalter der neuen Offenheit ist da. Jeder aus dem Volk kann die Regierenden endlich zur Rede stellen. Yay!

    Das Problem: nicht jeder kann es. Auf dem Web Content Forum in Köln sagte der General Manager von Welt Online: Das iPad ist noch kein Massenmedium, es ist noch nicht in der U-Bahn, nicht auf dem Spielplatz angekommen. Selbst wenn jeder ein iPad hätte und von dort seine Twitter- und Facebook-Aktivitäten steuern würde – wer würde es für einen direkten Dialog mit „der Politik“ nutzen. Wer aggregiert sich den Reiseplan von Frau Merkel zusammen und lässt das in seine Wahlentscheidungen einfließen? Entsteht über die Kurz-Kurz-Echtzeit-Kommunikation ein wirklicher Dialog?

    Vorläufige Diagnose: Wir „Twitter-Kinder“ (so nannte es Julia Seeliger eben auf DradioWissen) sind noch ein ziemlich kleiner Haufen — und ziemlich homogen dazu. Akademiker-Kinder unter sich. Wir repräsentieren das Volk besser als jeder Deutschlandtrend und wissen besser Bescheid als jeder Fachmann. Über alles. Und je nach politischer Meinung und persönlichen Vorlieben bilden wir Blasen, in denen wir nur mit Gleichgesinnten zu tun haben. Ein bisschen Widerspruch mag vorkommen, aber das nur am Rande, als intellektuelle Herausforderung. Wer nicht in unser Schema passt, wird entfollowt. Twitter ist das Äquivalent einer „gated community“, in der sich die Wohlhabenden eines Landes von der normalen Bevölkerung abgrenzen. Doch statt elektrischen Zäunen, Wachmännern und Videoüberwachung benötigen wir nur unsere Kommunikationsfilter. Ist das die Zukunft der Kommunikation?

    Nachtrag: Stefan Niggemeier hat für die FAZ bei den Hauptstadtjournalisten nachgefragt:

    Sarah Palin ist eine Warnung dafür, wie Politiker, die etwa über Facebook direkt mit den Wählern kommunizieren, sich kritischer Nachfragen durch Journalisten entziehen können. Am vergangenen Mittwoch zeigte sich der israelische Premierminister Benjamin Netanjahu auf Youtube und beantwortete dort vorher ausgewählte Fragen von Bürgern. Die Presse meint, er tue das auf Kosten klassischer Interviews. „Er versucht die ganze Zeit, uns zu umgehen“, sagt der Sprecher des Journalistenverbandes. „Wir glauben, dass jeder Staatsbedienstete sich Journalisten und ihren Fragen stellen muss.“

    Es ist ein schmaler Grat zwischen dem Beleidigtsein von Journalisten, die ihrem Informationsmonopol nachtrauern, und der berechtigten Sorge, ob Politiker sich ihrer Rechenschaftspflicht entziehen.