Elementary

Als ich vor einigen Jahren „Elementary“ entdeckte, war ich fasziniert. Eine Adaption von Sherlock Holmes in New York ist heute nur folgerichtig. Denn New York ist heute das, was Ende des 19. Jahrhunderts London war. Und: Anders als so viele New York-Serien ist diese nicht in Los Angeles gedreht worden. Andererseits: Wenn US-Sender sich europäischen Stoffen widmen, dann wird das Ergebnis schnell banal.

Und dennoch: Was ich sah, gefiel mir. Lucy Liu als Watson war eine interessante Wahl. Sherlocks Neuerfindung als Junkie ist gerade heute sehr relevant. Die ersten Fälle waren spannend erzählt, gekonnt verwoben und die Regisseure geizten nicht mit Ausblicken auf diese faszinierende Stadt. Ich war hooked: Ich freute mich nach einer Folge schon auf die nächste. Nach zirka zwei Staffeln hatte sich mein Verhältnis zu der Serie wieder deutlich abgekühlt. Ich sah keinen Sinn mehr, die nächste Folge einzuschalten. Und tat es deshalb auch nicht mehr.

In letzter Zeit habe die Serie auf Netflix entdeckt und wieder reingeschaut. Und wieder war ich fasziniert. Diesmal nicht von der Serie an sich, sondern weil ich herausfinden wollte, was mich stört. Ich bin ein Anhänger der These, dass Fiktionen auf viele Weise unsere Realität widerspiegeln – und in der Masse verändern die Fiktionen wiederum unsere Realität. Und dass in der Realität einiges schiefgelaufen ist, steht nicht wirklich zur Debatte. Was also hat mich von der Serie abgeschreckt, obwohl sie nach kommerziellen Kriterien ein gewaltiger Erfolg ist und bald in die sechste Staffel geht?

Eine gelungene Kombination?

Fangen wir zuerst nochmal mit den positiven Aspekten an: Obwohl eine Staffel aus 24 Fällen besteht, ist Elementary clever geschrieben und schafft es immer wieder, aktuelle Themen mit den alten Geschichten von Sir Arthur Conan Doyle zu verknüpfen. Drohnen. Mrs Hudson. Das Bienensterben. Lestrade. Anonymous. Drogensucht. Dabei steht die Serie Konkurrenten wie The Good Wife, Castle oder White Collar in nichts nach. Dass Holmes nun auf Verkleidungen verzichtet und stattdessen ein unglaubliches Sprachtalent mitbekommen hat, ist nur folgerichtig. Dass die Red Headed League sich nicht mehr nach zu einem Tresor durchbuddelt, sondern zu einem Transatlantik-Datenkabel – Kudos. Dass Moriarty nun mit Irene Adler kombiniert wurde – nun, das ist zumindest wagemutig.

Doch die anfänglich Kreativität ist nach 40, oder 50 Folgen in Stagnation und Lethargie umgeschlagen. Beispielsweise war das Hacker-Kollektiv „Everyone“ mal eine anregende Idee. Zwischenzeitlich wird es aber zum Joker, der in fast jeder Folge gezückt wird, wo ein kleines Plot-Loch besteht: Sherlock müsste etwas ermitteln, was eigentlich nicht zu ermitteln ist? Keine Sorge: „Everyone“ ist unfehlbar und immer verfügbar.

Ein Grund-Defekt vieler Serien mit dem Schauplatz New York ist, dass die gezeigten Apartments immer zu groß sind. Bei Elementary fiel das zunächst nicht so auf. Mit seinem Brownstone in Williamsburg/Harlem hat sich Holmes eine extraterritoriale Oase geschaffen, seine Ermittlungen führen ihn meist an den Arbeitsplatz von Zeugen, selten mal in eine Wohnung. Doch wenn man die Serie länger schaut, erkennt man schnell: So lebt man nicht wirklich in New York. Weite Strecken sehen mittlerweile wie ein Werbespot für Luxus-Immobilien aus. Das wirkt sich irgendwann auch auf den Plot aus. In unwirklichen Wohnungen leben unwirkliche Menschen. Auf der einen Seite die besserverdienenden Abziehbilder: Anwälte, CEOs, Unternehmensberater. Auf der anderen Seite die untere Klasse, die in geradezu Dickins’scher Armut gezeigt wird. Werden sie in Apartments ermordet, fällt die Farbe von den Wänden.

The other half

Dass etwas nicht stimmt, dass das nicht reicht, haben die Autoren in Staffel 3 selbst gemerkt. Joan Watson ist hier schon kein Gegenpart mehr, die den vermeintlichen Übermenschen Sherlock auf den Boden zurückholt. Stattdessen mutiert sie immer mehr selbst zur Überfliegerin, die Wissen aus reiner Luft bezieht und jahrealte Mysterien im Handumdrehen löst.

Man kann es an der Flut neuer Figuren bemerken, die schnell eingeführt werden und wieder verschwinden. Der London-Import Kitty bleibt merkwürdig unvollständig. Grade als man in den Versuch kommen könnte, sie zu verstehen, verschwindet sie wieder. Gleiches passiert mit dem Sponsor und Autoknacker Alfredo. Mit dem Bruder von Sherlock. Mit dem Vater von Sherlock. Irene. Storybögen werden gespannt — und verschwinden im Nichts. Immer wieder verliert sich Elementary in kreativen Sackgassen. Joan zieht aus, Joan zieht wieder ein. Der Job beim NYPD ist vorbei, der Job beim NYPD ist wieder da. Sherlock wird empathisch und Sherlock kehrt wieder zu seinem rüden Selbst zurück. Sherlock beginnt eine Liebesbeziehung. Und sie verfliegt.

Gleichzeitig flüchten sich die Autoren in Narrative, die man seit Jahrzehnten erfolgreich einem nicht-denkenden Publikum verkaufen kann: Der absolut einzige Weg aus Abhängigkeit sind Selbsthilfegruppen mit dem 12-Punkte-Programm. Es gibt das absolut Böse. Braune Menschen sind kriminell oder mit Kriminellen verwandt. Folter wirkt. Wenn wir nur überall Kameras aufhängen, ist quasi jedes Problem lösbar. Der Rechtsstaat hindert nur. Superhelden stehen über dem Gesetz.

No Law, But Order

Gerade diese tiefe Verachtung für den Rechtsstaat irritiert mich zunehmend. Holmes muss nie in einem Strafprozess aussagen, er zerstört immer wieder jegliche Beweiskette, erpresst Zeugen, bricht ein. Am Anfang konnte man das noch mit seinem Außenseitertum begründen — auf die Dauer wird es jedoch ermüdend. Richtig skurril wird es, wenn Detective Bell eine Romanze mit einer anderen Polizistin entwickelt. Als er erfährt, dass seine Freundin für die Internen Ermittlungen — the rat squad — arbeitet, versteigert er sich in moralische Tiraden über Spitzel, die echte Polizisten verraten, mit voller Unterstützung von Holmes und Watson. Da stand wohl die Serie Blue Bloods Pate. Denn das Department, der ehrliche Cop hat letztlich immer recht.

Auch die Konstruktion der Fälle wird zunehmend nachlässig und simpel. Egal ob es um Diebstahl, Betrug oder Entführung geht: Es muss immer jemand ermordet werden. Echte Gründe braucht dazu kaum ein Täter. Es ist egal wie komplex die Pläne sind, die zum Erfolg führen. Wachmänner, Zeugen, Geschäftspartner und Ehepartner werden ohne Skrupel oder Reue beseitigt. Was ist das nur für ein Menschenbild?

Und hier bin ich wohl am Punkt angelangt, der mich bei Elementary zunächst unbewusst gestört hat. Aus einem intellektuell anregenden Spiel ist durch bloße Wiederholung und dem Beharren auf simplen Denkmustern etwas geworden, was nur noch dazu eignet, sein Gehirn abzuschalten. Und wenn wir unser Gehirn abschalten und uns dauernd mit Zynismus berieseln lassen, dann verschwindet dieser Zynismus nicht so einfach wieder aus unseren Köpfen. Sondern setzt sich fest. Fiktionen spiegeln auf viele Weise unsere Realität wider – und in der Masse verändern sie unsere Realität.

Ich will neue Narrative

Grade geht ja wieder eine Debatte darüber los, wie man mit der Berichterstattung um Serienmörder an Schulen umgehen soll.

Ich würde die Diskussion gerne etwas erweitern. Ich glaube ja, dass Fiktionen Realität auf verschiedene Weisen widerspiegeln und auch neue Realitäten formen. Wenn jeden Abend fünf CSI-Folgen mit jeweils mindestens einem grausamen Mord laufen, wenn Mankell seine schlechten, deprimierenden Bücher verkaufen konnte, weil er absurde Gewalttaten in ihren Mittelpunkt stellt, wenn auch die Kritikerlieblinge auf Netflix im Blut ersaufen — dann ist es kein Wunder, wenn die Mörder im realen Leben auch eine Obsession sind.

Es ist Zeit für neue Narrative. Ich wünsche mir zum Beispiel endlich mal wieder Krimiserien über Leute, die Sachen klauen. Eine provokative neue Serie aus Finnland, in der es um *trommelwirbel* die Steuerfahndung geht. Anstelle des üblichen Musters ein Mord pro Folge und ein Serienmord pro Staffel möchte ich Trickdiebe, Korruptionsermittler — vielleicht sogar eine neue Serie über Journalisten.

Sommerloch geht immer

Ich bin wirklich beeindruckt. Trotz politischer Dauerkrise in Europa, Sicherheitsbehörden, Bundestag und -regierung, trotz Naturkatastrophen, Syrien, iranischen Viren, trotz Steuer-CDs, Amokläufen und dem kapitalistischen Gesellschaftssystem in Flammen, trotz alledem haben wir immer noch Zeit für das Sommerloch.

Wir suchen Geschichten hinter „shitstorms“ — und selbst wenn wir sie nicht finden, drucken wir sie ab und debattieren sie erregt. Wir erregen uns, wenn jemand in einer Talkshow etwas sagt, statt nur zu sprechen. Und die großen politischen Skandale sind Sitzordnungen und Sommerfeste.

Ach ja: Die trivialste Story im Sommerloch sind Beschwerden über das Sommerloch.

Die sind nicht gaga bei Kress

Eben geht die Nachricht durch sämtliche Timeline: Bild.de wurde bei den Awards des Branchendienstes Kress ausgezeichnet. Typische Reaktion hier von Jürgen Kuri:

Nein, Kress ist nicht gaga. Die Entscheidung ist nur konsequent. Denn die Awards-Gala dient vor allem einem Zweck: Sie soll Gewinne einspielen. Ein festlicher Saal muss mit gut zahlenden Gästen gefüllt werden. Deshalb ersinnt man ganze 18 Preiskategorien, für die man jeweils bis zu sechs Finalisten einlädt.

Nun – das mit der Einladung ist so eine Sache: Umsonst kam nämlich niemand zu dem hochklassigen Branchenevent:

Sprich: Sogar die Finalisten mussten ihr Essen selbst bezahlen. Und den Saal. Und die Unterhaltung. Und wer richtig was zu präsentieren hatte, buchte am Besten gleich einen Achtertisch. Dafür gab es immerhin einen satten Rabatt von knapp unter 10 Prozent. Für einen repräsentablen Auftritt macht das immer noch 1808 Euro. Plus Anfahrt, Übernachtung und die sonstigen Annehmlichkeiten einer Firmensause kommt man durchaus auf einen nicht unerheblichen Betrag. Wenn dann ein Außenseiter mit dem Preis nach Hause fährt, sparen sich die Verlage eine solche Ausgabe.

Der Jury Bestechlichkeit vorzuwerfen, wäre ein billiger Reflex. Aber natürlich ist ein auf Ertrag angelegter Award, der beim Kress-Eigentümer Haymarket ein etabliertes und wahrscheinlich lukratives Geschäftsmodell ist, einer anderen Dynamik als die Preise, die durch Sponsoren ohne Preisambitionen, Spenden oder gar öffentliche Gelder finanziert werden. Die Veranstalter von Preisverleihungen sind nie altruistisch, sondern wollen immer etwas erreichen: Eine Botschaft in die Medien bringen, eine Branche in eine bestimmte Richtung beeinflussen, für Öffentlichkeit sorgen. Und im Fall Kress ist das Ziel die Rentabilität. Und niemand ist rentabler als Bild.de.

Medienethik zum Sonntag

Ein Promienter ist tot. Freitod. Selbstmord.

Verschweigt man den Menschen, was nicht zu leugnen ist?

Oder ignoriert man, dass nach prominenter Selbstmord-Berichterstattung die Zahl der Nachahmer sprunghaft ansteigt?

Es gibt natürlich auch Abstufungen: die taz klemmt die Todesart in den letzten Absatz des Artikels.

Bild.de hingegen:

Und Express.de:

A Punkt. Das ist keine medienethische Übersprungshandlung, um wenigstens ein Detail nicht auf die Titelseite zu setzen. Es ist ein Zitat aus dem Abschiedsbrief. Die Botschaft: wer Alzheimer hat, wer Worte verliert, sollte sein Gut bestellen, reinen Tisch machen, den Schlussstrich ziehen. Solange er noch kann.

Sprachverlust, diese Diagnose muss die Redakteure bei Express.de hart treffen. Denn unter dem Screenshot des Briefes lesen wir die Aufforderung: ZUM LESEN GROSS KLICKEN.

Keine Bange, es handelt sich nicht um Alzheimer. Diese Leute gehen mit der Sprache immer so um. Es ist kein Symptom, es ist ihr Broterwerb.

PS: Es geht immer etwas schlimmer.

Das ist wirklich unterhaltsam. Entertainment!

Das Gutten-Fake-Mysterium – eine einfache Erklärung

In den letzten Tagen möchte ich immer mal wieder Schläge auf Hinterköpfe verteilen. Die Pro-Guttenberg-Gruppen auf Facebook beschäftigt viele Köpfe, nur das Denken scheint dabei etwas kurz zu kommen.

So gibt es die Guttenberg-Kritiker, die mit durchweg unstichhaltigen Argumenten Indizien für einen großen Fake herbeireden wollen und damit viel Applaus bekommen. Dann gibt es Leute wie Sascha Lobo und Marcus Schwarze, die zwar lobenswerterweise Fragen stellen, aber schon an der Fragestellung scheitern. Sascha Lobo wird mit seinem Crowdsourcing-Experiment lediglich zeigen können, wie wenig seine Leser mit Guttenberg, BILD und Merkel sympathisieren. Und Marcus Richter Schwarze hat letztlich nur festgestellt, dass die Facebook-Statistik weder Fakes noch gekaufte Accounts ausweist.

Nachdem die meisten groß angekündigten Pro-Guttenberg-Demonstrationen im wohl verdienten Gelächter untergegangen sind, ist die Fraktion, die mit dem Brustton der Überzeugung vom Facebook-Fake spricht wieder besonders lautstark. Problem: diese Leute haben so wenige Beweise oder Indizien wie vorher.

Versuchen wir es einfach mal mit einer einfachen Erklärung, beziehungweise mit drei Thesen:

  • Die meisten Leute, die bei „Pro Guttenberg“ auf den Like-Knopf geklickt haben, sind keine fanatischen Guttenberg-Fans. Sie haben schlichtweg genug von der andauernden Berichterstattung. Dem leidigen Thema noch einen Samstagnachmittag hinterherzuwerfen, fällt ihnen nicht ein. Der Pro-Guttenberg-Klick ist ein Klick gegen Massenmedien, Politik-Betrieb und Sensationslust. (Das muss aber nichts heißen: in sozialen Netzwerken beschweren sich viele Leute über die bösen Medien, die Charlie Sheen immer neue Gelegenheit geben sich zu demontieren. Dennoch hatte er auf Twitter an nur einem Tag eine Million Follower oder genauer: Gaffer gefunden.)
  • Demonstrationen zu organisieren benötigt Zeit. Netzwerke aufzubauen benötigt Zeit. Eine diffuse Masse ist eine diffuse Masse. Wer am Samstag auf Abruf bereit steht, ist vielleicht nicht der fotogenste Streiter für die eigene Sache.
  • Facebook ist ein lausiges Medium für politischen Diskurs. Statt Vielfalt abzubilden, ist Facebook das Äquivalent zum US-Fernsehmarkt geworden. Extrempositionen werden gepusht, weil sie Klicks und Zuschauer bringen. Hintergründe, Zusammenhänge oder gar Sacharbeit sind auf der Plattform kaum möglich – und werden auch nicht gefördert. Besonders in der Masse wird die individuelle Initiative beerdigt. Wer soll 5 Stunden Arbeit in etwas investieren, was im Zweifel nach fünf Minuten weggescrollt ist?

Lamestream Media

In diesen Tagen ist es so einfach zum Medienkritiker zu werden: jeder Fernsehsender, der nicht 24 Stunden am Tag vom Gemetzel in Kairo berichtet, ist ein Relikt vergangener Tage, versündigt sich am Erbe der friedlichen Revolution in der DDR, die wir nun am Bildschirm nochmal nacherleben wollen. Live. Jeder Kommentar, jede Überschrift muss die unverbrüchliche Treue mit den Regimegegnern ausdrücken — wer immer sie sein mögen — und den Westen für seine Unterstützung Mubaraks verdammen.

Ich muss übertreiben – sicherlich. Oder etwa nicht? Zum Beispiel hat der allzeit streitsame Jens Best bei tagesschau.de einen Propaganda-Stoßtrupp des ägyptischen Regimes geortet:

Gemeint war dieser Beitrag, in dem der Autor zum Beispiel dies schreibt:

In Kairo, Suez und Alexandria gilt eine verlängerte Ausgangssperre, die um 15.00 Uhr nun eine Stunde früher beginnt und bis morgens 8.00 Uhr andauert. Diese Maßnahme wird von Beobachtern als Bestätigung für den Verdacht gewertet, dass die Plünderungen und das Chaos der vergangenen zwei Tage vom Regime bewusst verursacht worden waren, um die Demonstranten zu schwächen.

Jens Best und viele andere Twitterer haben das wohl nicht gelesen – sie nahmen die Überschrift, ergänzten sie durch ein paar Worte aus ihrer Fantasie und erregten sich. Aber gut, was will man von dem 140-Zeichen-Schnell-Schnell erwarten?

Wenden wir uns also der FAZ zu, in der Jochen Hieber den öffentlich-rechtlichen Sendern ein miserables Zeugnis ausstellt.

Nein, genau das hatten wir eben nicht – knapp elf Minuten hatte Mubaraks Rede gedauert, sie war für den Moment das Ereignis schlechthin und fand just während der Sendezeit des „Journals“ statt. Wir aber sind, Goethe abzuwandeln, eben nicht dabei gewesen, nicht in der ersten, der zweiten oder wenigstens der letzten Reihe. Dass auch die „Tagesthemen“ der ARD, die am Dienstag um 22.30 Uhr begannen, nicht in der Lage waren, die Rede ausführlich (am besten: ganz) zu dokumentieren und deren Wortlaut einer ersten Interpretation zu unterziehen, macht die Sache vollends zum Trauerspiel. Wovon erzählt es?

Nun — es erzählt davon, dass Herr Hilber seine Fernbedienung verlegt hat oder sie nicht bedienen kann. Ich wunderte mich nämlich wie er über den Mini-Ausschnitt der Mubarak-Rede im heute-journal – war aber nicht wirklich erstaunt oder sauer. Stattdessen schaltete ich auf Phoenix um, wo ich mit einigen Minuten Verzögerung die Ansprache in voller Länge sah. Ich kam zum Schluss, dass „das Ereignis schlechthin“ eine Ansammlung von Phrasen war, die nur eine wesentliche Information enthielt: Mubarak will bis September an der Macht festhalten.

Diese Staatspropaganda in voller Länge vorzuspielen gehört in meinen Augen nicht zu den vorrangigen Zielen im Programmauftrag der GEZ-finanzierten Sender, wenn mit eben diesen Gebühren bundesweit ein Nachrichtenangebot finanziert wird, das mit einem Druck auf die Fernbedienung zu erreichen ist. Mit der gleichen Berechtigung könnte man kritisieren, dass der FAZ-Artikel nicht das Nachtprogramm abdeckt. Redaktionsschluss oder Schlaf sind in diesen Zeiten der Moment-Ereignisse doch irrelevant geworden.

Die Ereignisse in Ägypten zeigen, wie viel Macht Informationen und damit auch „die Medien“ haben. Diese Macht verlangt nach Kontrolle und Kritik. Haben die Medien im Verbund mit den westlichen Regierungen ein Unrechtsregime gestützt? Sind die Journalisten so gefangen im Schema von „Die Regierung hat gesagt, die Opposition erwiderte“, dass sie vergessen, dass sie über echte Menschen, über fundamentale Umstürze berichten? Wie kann die ARD sein Korrespondentennetz effektiv nutzen, wenn das Publikum bei Revolutionen 24/7-Berichterstattung fordert, aber beim Weltspiegel oder den Hintergrundberichten von Deutschlandradio gelangweilt wegschaltet?

All dies sind legitime Fragen. Um sie zu beantworten, muss man jedoch hinsehen, hinhören und nachdenken.

P.S. Bei mir zu Hause liegt die ARD auf Programmplatz 1, arte auf der 2 und Phoenix auf der 3. Medienkompetenz fängt zu Hause an.

P.P.S.: Nach einem weiteren FAZ-Angriff schlägt ARD-Aktuell-Chefredakteur Kai Gniffke zurück:

Wir hätten die Rede von Hosni Mubarak am Dienstag live übertragen sollen, heißt es da. Meint der Autor das ernst? Das wäre so als wenn wir jetzt jede Rede von Fidel Castro live zeigen würden. Es könnte ja die letzte sein. Was würden wir den machen, wenn Husni zwei Stunden lang Parolen absondert – draufbleiben, weil’s so toll ist? Unser Job als Journalisten ist es, zu bewerten, zu gewichten, auszuwählen und nicht einfach laufen zu lassen.

Die Presse ist gar nicht so

Nachdem Jon Stewart unter anderem den Medien am Wochenende so phänomenal die Leviten gelesen hat, fühlen sich einige Medienvertreter zu Unrecht angegriffen.

So schreibt David Carr in der New York Times:

So instead the host of “The Daily Show” took steady aim on the one American institution that everyone can agree to hate: The Media. Within the first minute of his deft, very articulate stump speech at the end of the rally, Mr. Stewart turned his gun sights on the, um, fake news, which he called, “the country’s 24-hour political pundit perpetual panic conflictinator,” which, he added, “did not cause our problems, but its existence makes solving them that much harder.”

Dem mag sich Carr nicht ganz verschließen — er sieht die Prioritäten aber falsch gesetzt. Schließlich haben Medien doch nur einen so beschränkten Einfluss:

But here’s the problem: Most Americans don’t watch or pay attention to cable television. In even a good news night, about five million people take a seat on the cable wars, which is less than 2 percent of all Americans. People are scared of what they see in their pay envelopes and neighborhoods, not because of what Keith Olbermann said last night or how Bill O’Reilly came back at him.

Warum also hat Jon Stewart die Medien attackiert? Sie sind – so argumentiert Carr – willkommene Sündenböcke für eine Realität, die den Menschen nicht gefällt. In dem Jon Stewart die pundits beschimpfte, musste er nichts über Arbeitslosigkeit, Staatsschulden und Kriegen sagen.

His barrage against the news media Saturday stemmed from the fact that, on this day, attacking the message would have been bad manners, so he stuck with the messengers.

Ähnlich argumentiert Hamilton Nolan bei Gawker:

The media does not have the power to convince liberals or conservatives that their position is incorrect. The media does have the power to do this: draw a box, and say, „This box represents the boundaries of acceptable opinions.“ The boundaries of this box are arrived at by sampling a small range of politically acceptable pundits—say, from Arianna Huffington to Charles Krauthammer—and declaring them to represent the absolute extremes of rationality. Any opinions that fall outside of this box are dismissed as lunacy, and may be freely ignored.

Nicht Schreihälse wie Glenn Beck oder Keith Olbermann seien die Wurzel des Übels, sondern Journalisten, die Wischi-waschi-Standpunkte vertreten, um nicht aus dem Rahmen zu fallen. Der Konsens — wie auch anderswo — sei Gift.

Fuck bipartisanship. Politics is about different ideas, and many of them are irreconcilable. You have to choose one or the other. Jon Stewart is right to call for civility, but he should recognize that the real enemy is agreement, rather than disagreement. Social niceties blunt honesty, which renders our public dialogue coded and often worthless. Democracy thrives on the thesis-antithesis-synthesis process of open and uninhibited discussion and, yes, argument.

Der demonstrativ linke Talkmaster Keith Olbermann sieht sich zu Unrecht angeprangert. Stewart sei naiv — die anderen hätten schließlich angefangen. Wer zuerst aufhöre zu schreien,habe den meinungskampf verloren. Und wohin so etwas führt, wissen wir doch alle, oder?

P.S.: Olbermann will nun zumindest nicht mehr regelmäßig die „worst persons of the world“ küren — und Jon Stewarts Rede wurde autotuned:

I have a… point

If we amplify everything, we hear nothing.

Danke, Jon!



P.S.

I can only tell you my intentions. This was not a rally to ridicule people of faith or people of activism or to look down our noses at the heartland or passionate argument or to suggest that times are not difficult and that we have nothing to fear. They are and we do. But we live now in hard times, not end times. And we can have animous and not be enemies.

But unfortunately one of our main tools in delineating the two broke. The country’s 24 hour political pundit perpetual panic conflinctinator did not cause our problems but it’s existence makes solving them that much harder. The press can hold it’s magnifying glass up to our problems bringing them into focus, illuminating issues heretofore unseen or they can use that magnifying glass to light ants on fire and then perhaps host a week of shows on the sudden, unexpected dangerous flaming ant epidemic.

If we amplify everything we hear nothing. There are terrorists and racists and stalinists and theocrats. But those are titles that must be earned. You must have a resume. Not being able to distinguish between real racists and Tea Partiers or real bigots and Juan Williams and Rick Sanchez is an insult — not only to those people but to the racists themselves who have put in the exhausting effort it takes to hate. Just as the inability to distinguish terrorists from Muslims makes us less safe not more. The press is our immune system. If we overreact to everything we actually get sicker and perhaps eczema.

And yet with that being said I feel good — strangely, calmly good. Because the image of Americans that is reflected back to us by our political and media process is false. It is us through a fun house mirror and not the good kind that makes you look slim in the waist and maybe taller, but the kind where you have a giant forehead and an ass shaped like a month old pumpkin and one eyeball.

So — why would we work together? Why would you reach across the aisle to a pumpkin-assed forehead eyeball monster? If the picture of us were true of course our inability to solve problems would actually be quite sane and reasonable. Why would you work with Marxists actively subverting our constitution or racists and homophobes, who see no ones humanity but their own? We hear every damn day about how fragile our country is—on the brink of catastrophe—torn by polarizing hate and how it’s a shame that we can’t work together to get things done, but the truth is we do. We work together to get things done every damn day!

The only place we don’t is here or on cable TV. But Americans don’t live here or on cable TV. Where we live our values and principles form the foundation that sustains us while we get things done not the barriers that prevent us from getting things done. Most Americans don’t live their lives solely as Democrats, Republicans, Liberals or Conservatives. Americans live their lives more as people that are just a little bit late for something they have to do—often something that they do not want to do — but they do it. Impossible things every day that are only made possible by the little reasonable compromises that we all make.

Look on the screen this is where we are this is who we are. (points to the Jumbotron screen which show traffic merging into a tunnel. These cars—that’s a schoolteacher, who probably thinks his taxes are too high. He’s going to work. There’s another car — a woman with two small kids who can’t really think about anything else right now. There’s another car swinging I don’t even know if you can see it—the lady’s in the NRA. She loves Oprah. There’s another car—an investment banker, gay, also likes Oprah. Another car’s a Latino carpenter. Another car a fundamentalist vacuum salesman. Atheist obstetrician. Mormon Jay-Z fan. But this is us.

Everyone in the cars in D.C. is filled with individuals with strong believe and principles they hold dear. Often principles and believes in direct opposite to their fellow travellers. And yet this million cars have to find a way to squeeze one bye one in a mile long 30 foot wide tunnel, carved underneath a mighty river. Carved By people by the way who had their differences. And they do it. Concession by concession. You go, then I’ll go. You go, then I’ll go. Oh, is that an NRA sticker on your car? Is that an Obama sticker on your car? But thats OK. You go, then I’ll go.

And sure — at some point there will be a selfish jerk who zips up the shoulder and cuts in at the last minute, but that individual is rare and he is scorned and not hired as an analyst. Because we know instinctively as a people that if we are to get through the darkness and back into the light we have to work together and the truth is, there will always be darkness. And sometimes the light at the end of the tunnel isn’t the promised land. Sometimes it’s just New Jersey. But we do it anyway, together. If you want to know why I’m here and want I want from you I can only assure you this: you have already given it to me. You’re presence was, what I wanted.

Sanity will always be and has always been in the eye of the beholder. To see you here today and the kind of people that you are has restored mine. Thank you.

BILD kämpft für SIE (oder sich?)

Kai Diekmann ist in ein ausgezeichnet vernetzter Mann. Kaum berichten die Medien über seinen Versuch, einen Nachlass auf seine enorme Telefonrechnung herbeizumauscheln, hat er offenbar zur Gegenoffensive ausgeholt. Heute erschien ein vermeintlicher Spiegel-TV-Beitrag auf YouTube, in dem Diekmann als Roaming-Opfer „Kai D. aus Brandenburg“ posiert:

Wir sehen ihn mit LIDL-Tüten auf dem Weg zu der Springer-Zentrale, die Sprecherin erzählt über die vermeintlichen Ehe-Probleme durch die Rechnung und Kai D. räsonniert: „…und dann hat es auch noch dauernd geregnet“. Gekonnt gemacht.

Gut verdienende PR-Facharbeiter lachen sich eins, wie der mächtige BILD-Chefredakteur sich da als Hinz und Kunz inszeniert. Der Angestellte, dessen Ehefrau dauernd die Telefonrechnung hochtreibt, der Pauschalurlauber, der sich über das Wetter mokiert. Ehen, die durch fünfstellige Beträge ruiniert werden können. Die alberne Anonymisierung, die durch das riesige BILD-Logo im Hintergrund ad absurdum geführt wird.

Doch: ist das Selbstironie? Oder zeigt da nur jemand, was er von den Leuten hält, die er mit Slogans wie „BILD kämpft für Sie!“ einzuwickeln versucht? Die Leute, die nicht den Telekom-Chef persönlich um Nachlässe angehen können. Angestellte, deren Arbeitgeber nicht Mal eben einen fünfstelligen Betrag zahlt, um deren Ego-Eskapaden zu bezahlen.

Diekmann ist sich selbst in die Fall gegangen: Hätte er sein Roaming-Malheur gleich thematisiert, hätte er ja sogar noch als glaubwürdiger Anwalt derer fungieren können, die auf die unverschämt hohen Roaming-Tarife hereingefallen sind. Dass er es erst einmal hinterrücks beim Telekom-Chef versuchte und sich dann keinesfalls hinten anstellen will, zeigt hingegen, dass BILD sich zunächst um sich selbst kümmert und vielleicht dann mal anfängt an die Leser zu denken.

Aber das YouTube-Filmchen ist eh nicht für den BILD-Leser gedacht. Hier zeigt ein Alpha-Tier lediglich, dass die kleinen Pinscher aus den kaputtgesparten oder trivialisierten Medienressorts nicht an seinem enormen Ego kratzen können.