Fundiertes zu Wikileaks

Schon vor einigen Tagen veröffentlichten Geert Lovink und Patrice Riemens zehn Thesen zu Wikileaks. Sie sind viel zu lang und komplex, um sie in 140 Zeichen zusammenzufassen – deshalb hat sie wohl kaum einer gelesen. Das sollten alle Wikileaks-Interessierten schleunigst nachholen: Lovink und Riemens schieben den Hype beiseite und klopfen Konzept und Umsetzung von Wikileaks ab.

Kurze Zusammenfassung:

  1. Das Veröffentlichen von Geheimdokumenten ist nicht neu, aber mit dem Publizieren der „Afghan War Logs“ hat Wikileaks zweifellos einen neuen Höhepunkt gesetzt. Dieses gewaltige wurde durch die dramatisch gesunkenen Kosten von Informationshaltung und Weitergabe möglich: auf der einen Seite horten Regierungen und Unternehmen riesige Aktenberge, auf der anderen Seite kann jedes kleine Leck diese Informationen offenbaren.
  2. Wikileaks ist quasi aus dem Nichts aufgetaucht und steht auf dem internationalen Parkett neben Akteuren wie dem viel größeren Pentagon. Dies sorgt bei den Aktivisten verständlicherweise für viel Selbstbewusstsein – fraglich ist jedoch, ob sich das Projekt auf Dauer hier etablieren kann.
  3. Mit seinen Angriffen auf die US-Regierung und die Kriege in Irak und Afghanistan hat Wikileaks ein dankbares Ziel ins Auge gefasst. Bereits seit Jahren wird vom Abstieg der Weltmacht USA geschrieben. Die Wikileaks-Publikationen passen prima ins Bild und werden daher von Journalisten und Öffentlichkeit begierig aufgenommen. Andere Ziele wie Russland, China oder auch Taiwan Singapur sind eine größere Herausforderung.
  4. Wikileaks zu analysieren fällt schwer, da sich auch die Aktivisten selbst noch nicht auf eine Rolle für Wikileaks geeinigt haben: publiziert man nur Informationen oder will man sie selbst analysieren?
  5. Der investigative Journalismus leidet sehr an dem im Vergleich zu früher sehr viel höheren Schritt-Tempo der Nachrichtenverarbeitung – komplizierte oder komplexe Geschichten können in kommerziellen Medien kaum noch erzählt werden. Wikileaks bietet sich hier als externe Plattform für diese Geschichten an – hat aber noch nicht wirklich einen Weg gefunden die gewaltige Aufmerksamkeit in Aufklärung umzusetzen. Tausende Dokumente stehen online, aber nur wenige werden wirklich gelesen und verstanden.
  6. Die Organisation Wikileaks ist absolut auf ihren Gründer Julian Assange zugeschnitten. Das kann ihr zum Vorteil gereichen, da Assange autonom und schnell agieren kann, als charismatischer Anführer kann er Leute begeistern. Allerdings ist dies zugleich auch eine Schwäche, da die ganze Organisation leidet, wenn ihr Gründer Fehler macht.
  7. Wikileaks ist eine Verkörperung der Hacker-Ethik der Achtziger Jahre. Die Geeks sind technisch sehr fit und idealistisch, haben aber auch den Hang zu Arroganz und Verschwörungstheorien.
  8. Das Publikum von Wikileaks ist zwar sehr enthusiastisch, wird aber bisher nicht wirklich in die Arbeit eingebunden und ist nur durch ständig neue spektakuläre Enthüllungen bei der Stange zu halten.
  9. Wikileaks ist intransparent. Das mag es einfacher machen, andere zur Transparenz zu zwingen, aber gleichzeitig wird Wikileaks selbst zum Ebenbild der Geheimniskrämer von Pentagon und Co. So bleibt die Frage offen, für welches organisatorische Modell sich die Plattform entscheiden wird – oder gar eine neue findet.
  10. Trotz aller Abwägungen und Mängel: Wikileaks hat der Transparenz, Offenheit und Demokratie einen guten Dienst geleistet.

Wie gesagt: das ist eine kurze Zusammenfassung – das Original ist hier.

P.S.Zugegeben: die Thesen sind weder spektakulär, noch gehen sie sehr weit in die Tiefe – sie sind aber immerhin ein Beginn. Sie gewinnen viel an Wert, wenn man sie mit dem vergleicht, was derzeit sonst zu Wikileaks publiziert wird.

So schreibt der NBC „National investigative correspondent“ Michael Isikoff:

Nearly 40 years before the Obama White House denounced the WikiLeaks website for publishing classified documents, another president, Richard Nixon, was even more obsessed with the same phenomenon.

Hier sehen wir sehr schön These 5 am Zug. Einer sehr gut bezahlter Journalist verweist auf Wikileaks, weil er sich nicht mehr an Journalisten erinnert, die ihre Arbeit machen. Oder glaubt er lediglich, dass sich sein Publikum nicht erinnert? Aber nein, er treibt den Vergleich weiter:

The White House obsession with Anderson — whose „Washington Merry Go-Round“ column was the WikiLeaks of its day

Ja, eine Zeitungskolumne war genau das gleiche wie Wikileaks – bis auf die Tatsache, dass sich Wikileaks in so ziemlich allen relevanten Kriterien (wie zum Beispiel Arbeitsweise, Erscheinungsform, Struktur, Anspruch und Wirkung) fundamental von einer Zeitungskolumne unterscheidet. Aber wenn man davon absieht, sind beide Dinge so gut wie identisch. Geheimnisse und so.

Aber wie sehr der Aktualitätsdruck das Hirn dieses Investigaten vernebelt hat, offenbart sich aber zwei Absätze später:

As Feldstein writes, the plot was the culmination of a 40-year feud that dated back to the early 1950s, when Anderson uncovered a secret slush fund that wealthy backers had set up to financially support Nixon. That discovery led to Nixon’s nationally televised “Checkers” speech, in which he vowed to keep the new cocker spaniel he had bought for his daughters.

Man muss kein allzu großer Kenner amerikanischer Geschichte sein, um zu wissen, dass Nixon den Hund eben nicht gekauft hatte, sondern das Geschenk eines Nixon-Fans war. Der Politiker benutzte den niedlichen Hund, um Berichte über illegale Vorteilnahmen zu zerstreuen. Eine Sternstunde der manipulativen Wirkung des Fernsehens: die Zuschauer saßen den niedlichen jungen Hund mit Nixons Töchtern – und alles war vergessen. Tricky Dick trug seinen Namen zu recht. Und auch 40 Jahre später zeigt die Methode noch Wirkung – bedauerlicherweise bei Leuten, die das Wort „investigative“ im Jobtitel führen.

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13 Comments.

  1. das ist jetzt nicht verkehrt, aber wirklich vom hocker reist es mich nicht, was die beiden an thesen aufstellen. ich frage mich, ob wl wirklich so auf assange zugeschnitten ist. das wirkt derzeit so und das bild wird vornehmlich von den medien auch reproduziert bis zum geht nicht mehr. aber aus den erklärungen von schmidt bei küchenradio beispielsweise entsteht ein anderes bild der organisationsstruktur.
    interessanter aber noch fände ich eine einordnung dessen, was leaking politisch leisten kann und welche rolle die medien dabei spielen. der wikileaksdiskurs impliziert nämlich, dass die welt besser würde, wenn man *die bösen* daran hindert, weiterhin die wahrheit zu vertuschen. das halte ich für fragwürdig.
    danke jedenfalls für die zusammenfassung.

  2. Julian Assange ist NICHT der der gründer, er ist einer der gründer, dass hat er in einigen interviews betont

  3. Detlef Borchers

    Müssen Thesen immer vom Hocker reißen? Es sind erste Diskussionsansätze, die man vor allem im Lichte solcher Verklärungen wie „unser Kapitän Neo Assange“ lesen sollte.

    http://www.counterpunch.org/shamir09142010.html

    Drei Dinge sind richtig und genannt: die herkunft aus der Hacker-Kultur, die fast schon obzöne Diskrepanz zwischen fehlendem Crowd-Sourcing und unkritischer Bewunderung, die US-amerikanische Fixierung bedingt durch den NetOpFü-Ansatz des Militärs.

    Hm, werde wohl auch einen Artikel dazu schreiben…

  4. Anonymous: Ja, das hat er in der Vergangenheit gesagt.

    Heute sagt Wikileaks aber: Assange ist der Gründer und einer mehrerer Projekt-Sprecher.

    Quelle: http://blog.wikileaks.org/2010/08/allegations-against-wikileaks-founder-and-spokesperson-julian-assange.html

  5. Nette Thesen, die nicht einen einzigen wirklich kritischen Punkt an Wikileaks aufgreifen.

    Ist es tatsächlich demokratisch, wenn alles, wirklich alles, veröffentlicht wird, dass als authentisch gilt?
    Welchen aufklärerischen Nutzen haben Dokumente, deren Kontext nicht erklärt wird?
    Was an Wikileaks ist bitte Wiki?

    Es ist nicht schlimm, wenn es nicht vom Hocker reißt, aber es ist schlimm, wenn man so tut, als gäbe es nichts Tiefgreifenderes zu sagen.

  6. VonFernSeher: Das mag an meiner Zusammenfassung liegen. Hast Du das Original gelesen?

    Dein erster und zweiter Punkt kommt in These 5 zur Sprache:

    Traditional investigative journalism consisted of three phase:
    unearthing facts, cross-checking these and backgrounding them into an
    understandable discourse. Wikileaks does the first, claims to do the
    second, but leaves the issue of the third completely blank. This is
    symptomatic of a particular brand of the open access ideology, whereby
    the economy of content production itself is externalized to unknown
    entities ‚out there‘. The crisis in investigative journalism is
    neither understood nor recognized. How the productive entities are
    supposed to sustain themselves is left in the dark. It is simply
    presumed that the analysis and interpretation will be taken up by the
    traditional news media but this is not happening automatically. The
    saga of the Afghan War Logs demonstrates that Wikileaks has to
    approach and negotiate with well-established traditional media to
    secure sufficient credibility. But at the same time these also prove
    unable to fully process the material.

    Deinen dritten Punkt finde ich in These 8 wieder.

  7. Ja, ich habe das Original gelesen und die – zugegebenermaßen scharfe Kritik – richtet sich an dieses. Die Punkte werden angeschnitten, das stimmt.

    Mir geht es aber darum, dass so etwas wie Wikileaks (oder eben genau nicht so etwas) am Ende einer Auseinandersetzung mit Themen wie Informationsfreiheit, Bürgerrechte, Privatsphäre und Datenschutz stehen sollte.

    Wikileaks wird genau andersherum aufgenommen und für seine unbestreitbaren Erfolge als guter David gefeiert. Ich möchte nicht, dass solche Resultate wieder verschwinden. Aber ich möchte über die gesellschaftlichen Grundlagen, aufgrund derer Wikileaks so erfolgreich ist, diskutieren und sehe sie nicht mit denen, die Deutschland und Europa seit der Mitte des 20. Jahrhunderts kennzeichen, in Einklang.

    Ich weiß auch, dass das jetzt alles sehr hochgestochen klingt, aber für mich ist Wikileaks ein Symptom seiner Gesellschaft und das zeigt sich auch in seinen Prinzipien und Widersprüchen.

  8. Im Original ist im Punkt 3 von Singapur die Rede, nicht von Taiwan.

    „Captain Neo“ – Verklärung geht noch ganz anders: http://www.flickr.com/photos/denesamy/4868315559/in/photostream/

  9. HaeB – thx, fixed

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