Noch einige Missverständnisse zur Blockchain

Seit ich kürzlich einige Missverständnisse zur Blockchain aufgezählt habe, haben Leute eine perverse Freude daran, mir Artikel mit teils absurden Blockchain-Lobpreisungen zuzuschicken. Jemand designte sogar ein T-Shirt, das mir in den meisten Fällen angemessen angemessen erscheint.

Aber ich habe erkannt: Es gibt eine Menge weiterer Missverständnisse, und sie verbreiten sich massenhaft ohne nennenswerten Widerspruch. Es ist eine Melange aus etwas Mathematik, viel Esoterik und Wall Street-Denken entstanden. Also lege ich hier mal ein paar Erklärungen nach.

Das Dezentralitäts-Paradox

Blockchains sind — im Prinzip — eine dezentrale Technik. Das alleine scheint schon viele Leute von der Technik zu überzeugen. So fantasiert zum Beispiel Philippe Wampfler in seinem Blog über eine Bildungsrevolution — dank Blockchain. Da ich seit über 20 Jahren Dezentralität im Internet verfechte, bin ich nicht ganz so leicht überzeugt.

Zum einen: Sehr dezentral sind Blockchains in der Praxis gar nicht. Die Mining-Kapazitäten der Bitcoin-Blockchain liegen in der Hand von einer Handvoll Miner, die reichlich Kontogebühren für ihre kryptographischen Dienste verlangen. Die ganzen Tokens, die nun im ICO-Verfahren verkauft werden, sind meist furchtbar zentral. Selbst wenn die ausgebende Firma ihre Krypto-Einheit nicht völlig selbst in Eigenregie minen will, obliegt ihr die volle Kontrolle darüber, wie Geld in das System fließt, welche Preise sie setzt und wer zu welchen Bedingungen an eventuellen Umsätzen beteiligt wird. (Da es eigentlich fast nirgends echte Umsätze gibt, ist die Frage erst mal nur von theoretischer Bedeutung.)

Dezentralität bedeutet auch generell nicht, dass die Macht eines Systems automatisch in die Hände der vielen übergeht. Nein. Für den einzelnen ohne Macht hat Dezentralität viele Nachteile. Wer jemals einen Joint mit Bitcoins gekauft hat, kann sich mittlerweile ziemlich sicher sein, dass eine staatliche Stelle darüber Bescheid wissen kann. Dezentralität verhindert schnelle Updates, und die Sicherheitslücken müssen die Nutzer als erstes ausbaden. Dezentralität gibt den Leuten viel Macht, die die Imperfektionen des Ist-Zustands ausnutzen und die große Mehrheit übervorteilen wollen. (Simples Beispiel: E-Mail-Spam.)

Dezentralität alleine bietet auch keine Sicherheit. Wer gerne im dezentralen Internet Relay Chat unterwegs ist, weiß dass die Komplikationen doch um einiges höher sind als bei WhatsApp. Und von einer End-zu-End-Verschlüsselung kann man nur träumen. (Bei XMPP kann sie funktionieren, es ist aber eine Heidenarbeit.)

Dezentralität setzt meist auch eine Zentralität voraus. Jeder muss sich strikt an ein Protokoll halten, damit auch jeder Knoten in dem weiten Netz die selben Daten auf die selbe Weise interpretieren kann. Wenn zum Beispiel Philippe davon fantasiert, dass die Blockchain zentrale Institutionen im Bildungsbereich überflüssig machen kann, ist er auf dem Holzweg. Eine Dezentralität setzt sogar eine im Bildungsbereich bisher unbekannte Zentralität voraus. Wenn Bildungsabschlüsse auf der ganzen Welt in eine gemeinsame Datenbank eingespeist werden sollen, dann muss auch die ganze Welt einig sein, wann eine Prüfung bestanden ist und wann nicht. Und welche Inhalte zu jedem Abschluss gehören. Wenn das nicht gegeben ist, kann auch die Blockchain nichts ändern.

Dezentralität ist wichtig, sie ist die Grundlage des World Wide Web, des Internets. Damit sie funktioniert, darf man sie aber nicht nur als Hype, als selbst erfüllenden Slogan begreifen. Dezentralität ist viel Arbeit. Und wenn niemand wirklich ihre Notwendigkeit versteht, bleibt sie halt unerledigt. Oder man überlässt es Google, Flash abzuschaffen und Verschlüsselung durchzusetzen. Aber ich schweife ab…

Blockchains können lügen

Einer der anderen großen Marketing-Slogans der Blockchain-Gemeinde heißt: Vertrauen. Was in der Blockchain abgespeichert ist, ist mathematisch so gesichert, dass sich auch Leute darauf verlassen können, die nie voneinander gehört haben. Oder noch besser: Leute können einander vertrauen, wenn sie schon eine Menge voneinander gehört haben und dem anderen aus guten Gründen keinen Gebrauchtwagen abkaufen würden. Denn die Mathematik ersetzt das Vertrauen.

Das mag für Bitcoins einigermaßen zutreffen. Aber halt nur deshalb, weil hier schlichtweg abstrakte Zahlen anderen abstrakten Zahlen zugeordnet werden. So lange man nur dies erreichen will, ist die Blockchain wohl ein gutes Prinzip.

Doch man muss sich auch die Grenzen des Konzepts vergegenwärtigen. Zwar ist bisher ziemlich sicher, dass ein Betrag X von Konto A auf Konto B überwiesen wird. Das Konto B kann aber per Hack rückstandslos leergeräumt werden. Oder durch einen Dienstleister, der mal eben pleite macht. Oder durch eine Festplatte, die auf der Müllkippe landet. Sobald man sichergehen will, dass ein Betrag X nicht mehr nur dem abstrakten Konto B, sondern einer bestimmten Person zu Gute kommt, ist die Blockchain bisher nicht sonderlich erfolgreich.

Steve Wozniak beschwerte sich zum Beispiel gerade, dass ihm Bitcoins gestohlen wurden. Jemand kaufte ihm die Bitcoins ab, die genutzte Kreditkarte war jedoch gestohlen. Die Blockchain hat den Kauf final registriert, die Kreditkartenfirma jedoch nicht. Ergebnis: Wozniak ist sein Geld los. Und er hat auch keine Aussicht darauf, das Geld zurückzubekommen, obwohl die Beute für jedermann sichtbar in der Blockchain ausliegt.

Dieses Problem ist nicht unbedingt spezifisch für eine Blockchain: Datenbanken vermerken nur, was man in sie eingibt. Wenn jemand bei der Eingabe lügt oder sich auch nur irrtümlich vertippt, dann kann die Datenbank nichts dafür. Die Blockchain verhindert aber recht effektiv, dass Fehler nachträglich korrigiert werden könnten.

Kurzum: Um die dezentrale Technik Blockchain nutzbar zu machen, muss man in den allermeisten Fällen so viel Zentralität voraussetzen, dass das Abspeichern in der Blockchain eh keinen Unterschied mehr macht. Man kann dann auch jede andere Datenbank einsetzen und das Ergebnis ist billiger, verlässlicher und weniger missbrauchsanfällig.

Mit der Verbreitung von „Smart contracts“ wird das Ganze noch schlimmer. Denn die Leute, die diese neuen Super-Verträge schreiben sollen, scheitern heute wahrscheinlich schon mit PHP. Und hier wie da werden Fehler ignoriert, bis es zu spät ist.

Blockchains sind kein Super-Kopierschutz

Auch diese Idee ist mittlerweile erstaunlich populär: Blockchains retten den Urheber. Dank der neuen Technik kann nun endlich Wissen sicher gehandelt werden. So hat zum Beispiel die Bundesregierung eine Studie ausgeschrieben, die die Blockchain als Grundprinzip eines Wissen-Marktplatzes erkunden soll.

Manche versuchen per Blockchain schon wieder eine art Leistungsschutzrecht zu etablieren. So schreibt die „Welt“.

Das Prinzip Blockchain dürfte das Internet grundlegend verändern. Heute können digitale Wirtschaftsgüter wie etwa Musikstücke beinahe mühelos kopiert und verteilt werden. In der Blockchain-Welt geht das nicht mehr. Alle Transaktionen werden in einem Kassenbuch abgespeichert – und dann Zeile für Zeile verschlüsselt und dabei mit den vorigen Daten verkettet. Dadurch sind einmal geschriebene Daten nicht mehr veränderbar.

Wir könnten Steuergeld sparen, wenn die Bundesregierung einfach diese Antwort akzeptierte.

Nein. Neinneinnein. Nein. Nein! NEIN! Nein. Nein. Neinneinnein. Nein. NEIN! Und: Nein.

Zum einen: Mein Broterwerb besteht daraus, urheberrechtsgeschützte Texte zu produzieren. Es kommt ganz, ganz selten vor, dass ein Urheberrechtsstreit daran scheitert, dass jemand das Entstehungsdatum eines Inhalts nicht hinreichend dokumentieren kann. Die Blockchain ist hier eine Lösung für ein Problem, dass es in der Praxis eigentlich nicht gibt.

Zum zweiten: Blockchains setzen Offenlegungen voraus. Wenn alle Geschäfte mit urheberrechtlich geschützten Material in einer öffentlich zugänglichen Plattform liegen, dann kann auch jeder sehen, welche Zwischenhändler wie viel einsteckt. Ich glaube nicht, dass dies im Sinne der Zwischenhändler ist – und in dem Fall würden sie einfach nicht mitmachen. Und falls doch: Durch die prominente Veröffentlichung numerischer Werte ohne Kontext würde das Apple-Problem verstärkt: Seit Steve Jobs beschlossen hat, im App-Store 30 Prozent Provision zu nehmen, will niemand anders weniger als 30 Prozent nehmen.

Zum dritten: Wenn man Inhalte erst registrieren muss, um Urheberrechtsschutz zu genießen, dann wird eine Menge Material nicht mehr geschützt werden, weil der Aufwand doch immer beträchtlich ist.

Zum vierten: Die Tauglichkeit der Blockchain als Kopierschutz hängt an einer simplen Tatsache: Sie ist kein Kopierschutz. Zwar könnte man zum Beispiel eine DVD-Ausgabe der Titanic auslesen und in der Bitcoin-Blockchain abspeichern. Das Problem daran ist: Jeder kann auf diese Weise den Film auslesen und den Rest der Blockchain ignorieren. Statt Raubkopien zu verhindern, liefert die Blockchain jedem Interessierten die Daten frei Haus. Zudem: Wer soll all den Kram auf Tausenden von Nodes abspeichern wollen?

Theoretisch kann man sicher ein System erdenken, dass auf jedem Blu-Ray-Player und jeder Streaming-Box installiert wird, und das Inhalte erst abspielen will, wenn eine Zahlung auf irgendeiner Blockchain registriert ist. Stattdessen kann man aber auch jeden anderen Kopierschutz nehmen, der viel einfacher zu installieren, zu updaten, zu kontrollieren ist. Hier gilt wie so oft: Wenn man es mal geschafft hat, die Blockchain zum Laufen zu bekommen, ist sie wahrscheinlich allen anderen etablierten Lösungen unterlegen.

Illegale Kopien sind gut für’s Kino

Wenn die Musik- und Internetindustrie mal wieder eine Untersuchung verbreitet, die den Weltuntergang per Bittorrent und illegalen Streams verbreitet, stöhne ich nicht mehr auf. Es ist das, was die Lobbyisten tun. Wenn man in die Untersuchungen hineinblickt, muss man sie in der Regel nur kurz antippen und das theoretisch-statistische Kartenhaus stürzt in sich zusammen. Die Realität ist nicht eindimensional. Nicht jeder Download wäre ein Kauf gewesen.

Doch in letzter Zeit häufen sich die Untersuchungen in anderer Richtung, die von Torrentfreak, Gulli und Co begeistert herumposaunt werden. Wer Dateien über Bittorrent illegal lädt, zahlt mehr für Unterhaltungsprodukte. Ein eindeutiger Freispruch für alle Freeloader, sie sind die wahren Stützen der kreativen Gesellschaft. Der Gedankengang ist klar: Wenn die Fans bei dem Konzert das Lied mitsingen können, obwohl fast niemand die CD gekauft hat und das Lied nie im Radio kam — dann haben sie immerhin Eintritt bezahlt. Aber wie viele Menschen passen in einen bezahlbaren Konzertsaal und wie viele haben im Gegensatz dazu Internetanschlüsse? Wenn die Vielzahler zu Bittorrent und Streams abwandern, ist das nicht besonders schädlich?

Ein Beispiel für die Unlizensierte-Kopien-sind-gut-These habe ich nun bei TheNextWeb gesehen: „Researchers find Megaupload shutdown hurt box office revenues„. Hier untersuchen die beiden Autoren die Effekte der Schließung von Megaupload auf die Umsätze an den Kinokassen. Zwar ist die Studie nicht so einseitig wie viele: Die Autoren haben verschiedene Filmarten unterschieden und unterschiedliche Effekte ausgemacht. Aber dennoch stürzt das Kartenhaus zusammen, wenn man es antippt.

Denn das Quasi-Experiment ist kein Experiment. Die Kinobranche ist wie die gesamte Medienbranche im Wandel. Welche Entwicklung die Autoren auch immer feststellen: Megaupload mag höchstens einer von mehreren Faktoren gewesen sein. Da fallen mir viele ein. Meine drei spontanen Highlights:

  • In den fünf Jahren der Untersuchung haben sich große Flachbildfernseher massiv verbreitet und gleichzeitig sind die DVD-Versionen viel früher da. Online-Videotheken haben aufgemacht oder sind richtig populär geworden. Kurzum: Kinofilme bekommen wir einfacher, schneller, billiger und besser im Wohnzimmer als je zuvor.
  • Das Fernsehen hat dem Kino Stoffe, Personal und Publikum streitig gemacht: Sollte der Megaupload-Knick tatsächlich stärker sein als der Game-of-Thrones-Knick? Zudem: 2012 war kein tolles Kinojahr.
  • Und dann sind da noch so Kleinigkeiten wie die Unterhaltungsbudgets der Konsumenten. 20 Minuten unüberspringbare Werbung auf 100 Minuten Film – und dafür soll ich 15 Euro zahlen? — Ja, aber dafür bleiben Deine Schuhe am Boden kleben! Ein tolles Angebot für den Elterngeldempfänger im Zeitarbeitsvertrag.

Ein zentraler Schwachpunkt der Untersuchung ist IMO die Ausdehnung der Untersuchung auf die 35. Woche 2012. Alle Konsumenten von Kinofilmen per Stream die ich kenne, hatten in der Zeit andere Quellen als Megaupload gefunden. Teilweise mussten sie auch gar nicht suchen, da die Linkseiten immer auch andere Quellen hatten. Wenn ich mich auf Seiten wie sidereel.com umsehe, ist da einfach keine Megaupload-Lücke erkennbar. Eine Traffic-Studie legt nahe, dass meine Bekannten keinen Sonderfall darstellen. Wenn also ein negativer Effekt so lange nach dem Ereignis vorliegt, vermute ich, dass er unabhängig von diesem Ereignis ist. Vielleicht gab es einen kurzfristigen Megaupload-Effekt. Aber sollte der nicht in der anderen Richtung ausgeschlagen haben — und zwar in den paar Wochen, in denen die Schließung relevant war?

Neulich berichtete ich einem Bekannten, dass ein Mensch, der mir ein Video auf YouTube zeigte, dass eben der Mansch, der auf dem YouTube-Video zu sehen war in wenigen Wochen live, keine zwei Kilometer von der Wohnung meines Bekannten auftrat. Die Antwort: Och nö. YouTube ist ihm genug. Ich hingegen schwärme ja immer von dem WTFPod von Marc Maron, einem einst abgehalfterten Komiker mit Drogenvergangenheit, der von seinem letzten Job als Radiomoderator entlassen wurde und dann in die Studios schlich, um seinen Podcast aufzuzeichnen. Neulich hat er ein neues Comedy-Album herausgebracht, ich überlegte es zu kaufen. Doch dann sah ich: Bei Simfy kann ich mir alle möglichen Comedyalben von Marc Maron oder Monty Python anhören — zu einem Bruchteil des Preises. Legal. Marc Maron geht es trotzdem nicht schlecht.

Die Wahrheit (TM) ist: Die neuen Verbreitungswege — legal oder illegal — haben Effekte in beide Richtungen. Manche Leute können nicht mehr von Kunst leben, andere hingegen finden bessere Wege dies zu tun. Wer einen Film kostenlos im Internet guckt, sollte sich nicht vormachen, dass er den Filmemachern einen Gefallen getan hätte.

Update: Ich habe einen der Autoren der Studie kontaktiert und ihn befragt, wie er diese Studie andere Effekte auf die Kinoumsätze ausschließt. Seine Antwort war, dass dies durch die Kontrollgruppe gewährleistet sei. Auf Nachfrage erklärte er, dass als Kontrollgruppe Filme dienten, die vor dem Schließen von Megaupload liefen. Sprich: Die beiden Autoren haben nichts anderes gemacht, als die Situation vor und nach dem Januar 2012 zu vergleichen und alle Änderungen Megaupload zuzuschreiben.

Doch das ist eine irrige Annahme. Denn die fundamentalen Änderungen der Kinobranche, von denen ich oben ein paar skizziert habe, sind nicht zu übersehen — und wurden doch übergangen. Was nun der Effekt von Schließung von Megaupload war, ist aus diesem Datenmaterial nicht zu entnehmen. Alles was man sagen kann: Die Kinoumsätze unterscheiden sich von denen der Vorjahre. Da längst andere Streamingdienste die Lücke von Megaupload übernommen haben, ist sogar auszuschließen, dass die festgestellten Effekte irgendetwas mit Megaupload zu tun hatten. Hierzu müsste man die wenigen Wochen unmittelbar nach der Schließung beobachten. Da aber Kinoumsätze sehr stark schwanken, kann man hier auch kaum eine Aussage treffen, welcher Faktor nun welche Auswirkung hatte.

Die Urheberrechtsfriktion der Piraten

Da ich grade schon beim Thema Schramm-Buch bin: Nachdem sich beide Seiten genug angeschrien haben, könnte man ja nun in die Sachdiskussion übergehen. Die Kritiker Schramms haben natürlich recht damit, dass es einer prominenten Vertreterin der Piratenpartei gut angestanden hätte, den Zugang zu ihrem Werk freier zu gestalten. Gleichzeitig haben ihre Unterstützer damit recht, dass man auch dann wenn man Veränderungen durchsetzen will, irgendwie im bestehenden System leben muss. Konkreter: Verlage wären sicher nicht abgeneigt, ein Prestige-Projekt unter Creative Commons zu veröffentlichen. Dann aber hätte der Vorschuss für das Buch nahe Null gelegen. Und irgendwie müssen auch Piraten ihren Lebensunterhalt finanzieren.

So hatte Wikimedia Deutschland auch ein Buch im etablierten Verlag Hoffmann und Campe unter Creative-Commons-Lizenz herausbringen können, dazu habe sogar ich einen meiner Texte gestiftet. Das Projekt erhielt ein wenig Anfangsapplaus, die versprochene erweiterte Digitalversion ist jedoch nie erschienen. Schließlich habe ich das Buch selbst eingescannt und gemäß der Lizenz kostenlos veröffentlicht.

Heute hat der Landesverband der Piratenpartei einen laut eigener Mitteilung mutigen Vorschlag für das Urheberrecht, der nach ihrer Auffassung die Quadratur des Kreises schafft: Einerseits sollen die Rechte des Urhebers gestärkt werden, andererseits sollen Nutzer entkriminalisiert werden. Zentraler Punkt deshalb: Privater Dateitausch soll künftig legal sein.

Nun gibt es wohl kaum jemanden, der annimmt, der Verlag hätte das Buchprojekt von Julia Schramm auch nur angefasst, hätte es jeder kostenlos herunterladen können. Die Zielgruppe ist netzaffin, hat Tablets und Kindles. Zudem macht das Netz macht keinen großen Unterschied zwischen privaten und nicht-privaten Dateientausch: Wenn ich die Datei googlen kann, dann ist es egal, wer das Buch denn hochgeladen hat und wie viele Werbebanner auf der Seite sind. Creative Commons hat es in meinen Augen nie geschafft vernünftig zwischen kommerziell und unkommerziell zu unterscheiden – ach deshalb wird die Abschaffung der NC-Klausel immer wieder gefordert. Die von den Piraten als Alternative genannten Abomodelle gibt es schon in Form der mächtigen Plattformanbieter, die sich als Tummelplatz der Netznutzer anbieten und überall Geld kassieren, wo sie es problemlos können. Die Masse verdient das Geld für Google, Apple, Amazon — der Großteil der Contentlieferanten sieht jedoch nie auch nur einen Cent, stattdessen allzu oft ein Fehlermeldung, dass ihr Content zum Schutz der Konzerninteressen gesperrt wurde.

Nun haben die Piraten vorgeschlagen, den großen Schalter umzulegen. Julia Schramm und nach und nach alle anderen Autoren bekommen in der Folge keine Vorschüsse mehr — und davon leben nun einmal die meisten Buchautoren in Deutschland. Es ist eine in meinen Augen elementare Existenzberechtigung der ach so überkommenen Buchverlage. Man könnte sie freilich durch Kickstarter-Plattformen ersetzen, die Paul Coelho sicher Millionen und Jeff Jarvis Hunderttausende einspielen werden. Doch wie sieht es für Publizisten wie Julia Schram aus? Immerhin: Zumindest ein MacBook bekäme sie wohl auch sicher schnell.

Dies ist nicht das Ende der Diskussion. Es ist der Anfang. Wie geht es weiter nach dem großen Schalter umlegen?

In der Bibliothek 2015

„Guten Tag.“
„Guten Tag.“
„Entschuldigen Sie bitte, ich bin zum ersten Mal in einer Bibliothek.“
„Kein Problem. Die Bücher sind dort, den Katalog finden Sie dort drüben. Wenn Sie Fragen haben, kommen sie einfach zu mir.“
„Ja, eine hätte ich direkt.“
„Fragen Sie nur.“
„Sind die Bücher denn auch alle in meinem Land erhältlich?“
„Wie gesagt: die Bücher stehen dort drüben.“
„Prima….“
„Ja?“
„…aber sind die auch alle kompatibel? Wissen Sie, ich wollte meinem Neffen diesen Batman-Klassiker schenken. Aber dann war der nur für das iPad geeignet und der Junge hat doch nur Nintendo“
„Es sind Bücher. Wir haben zwar auch einige E-Books im Angebot, aber damit kennt sich nur der Kollege aus. Aber die normalen Bücher sind für jeden lesbar“
„Aber das sind sie auch?“
„Was?“
„Na, lesbar. Ich hatte da letzte Woche so eine Datei bekommen, aber die war nur mit diesem komischen Adobe-Dings lesbar“
„Es sind Bücher. Sie können doch lesen?“
„Ja, sicher.“
„Dann mach ich einen Vorschlag: Leihen Sie sich ein Buch aus, gehen nach Hause und probieren es mal aus.“
„Ich kann das Buch einfach so nach Hause nehmen?“
„Klar.“
„Umsonst?“
„Nun, pro Jahr erheben wir natürlich eine Gebühr von 30 Euro.“
„Ha! Fast hätten Sie mich reingelegt. Ich geb Ihnen meine Kontodaten und nachher werden Hunderte Euro abgebucht.“
„Sie können auch bar zahlen.“
„Nee, so kriegen Sie mich nicht! Ich lese Zeitung. Wenn das Angebot nämlich verdächtig billig ist, dann darf man nicht zugreifen! Sonst wird man abgemahnt und das kostet Tausende! So kriegen Sie mich nicht! Eine Schande ist das!“
(Kunde ab)
„Mist, beinahe hätte es geklappt.“

Postpiracy?

Eben hab ich mir eine Folge „Castle“ auf DVD angesehen. Ich musste nicht Mal auf einen Grauimport zurückgreifen um die Staffel 3 zu kaufen, während gerade Mal die Staffel 4 grade in den USA läuft. Früher musste man jahrelang warten und bekam dafür nicht einmal einen ordentlichen Audio-Kommentar.

Auf meinem Handy habe ich Simfy installiert und zwei Radio-Apps. Der Podcast-Client schaufelt mir jede Woche zwei Folgen des WTFPods, eine von The Moth, eine von This American Life und unzählige von Dradio auf das Handy.

Mein DVD-Festplattenrekorder hat mit Basis-DVB-T-Empfang so viele Sendungen abgespeichert, dass ich eine Woche Urlaub bräuchte, um alles Sehenswerte tatsächlich anzusehen. Vier Mal pro Woche kann ich kostenlos die aktuellen Folgen von Stephen Colbert und Jon Stewart online ansehen, heute show und extra drei sowieso — falls ich dazu noch die Zeit finden sollte.

Es hat sich einiges getan in den letzten Jahren. Wenn ich Mal auf Thepiratebay gucke, dann nicht um etwas herunterzuladen, sondern um nachzusehen wie populär gewisse Dateien sind. Oder ob es blockiert ist. Vergangene Woche habe ich sogar dort nachgesehen, wie lange wohl die Spielzeit eines Hörbuchs ist, weil Amazon in seiner unerfindlichen Weisheit diese Information Käufern vorenthält. Heruntergeladen habe ich es mir nicht. Mein Bittorrent-Client hat mir zuletzt 20 Vorträge von Chaos Communication Congress heruntergeladen. Und die neue Version von OpenSuSE.

Aber ob die Medienindustrie sich ohne „Piraten“ so schnell verwandelt hätte? Garantiert nicht. Ich persönlich brauche ihre Dienste nicht. Aber dennoch sind sie nicht obsolet. Die Geräte in unseren Händen verwandeln sich in Medien-Eunuchen: glitzernd, glatt und unfähig über die Monopolgrenzen hinwegzusehen. Statt die Kostenlos-Konkurrenz von Piraten zu entledigen, wollen sich die Medienkonzerne gleichzeitig auch der legalen Konkurrenz entledigen.

Ist das Postpiracy-Zeitalter angebrochen? Noch nicht.

FDP-Adventskalender: Plagiate statt Schokolade

Gestern habe ich auf aktuellem Anlass Mal auf die Webseite der FDP geschaut und erfreut festgestellt: Die Partei hat einen Online-Adventskalender. Statt der Rücktritte des jeweiligen Tages gibt es dort Interviews mit FDP-Funktionären, Grußbotschaften oder einfach nur wohltuend-labende Texte zur Weihnachtszeit.

Und so klickte ich auf die Tür Nummer „14“ und las:

„Auf Island sind in der Weihnachtszeit zwischen dem 12. und 24. Dezember 13 Kobolde unterwegs, um die Kinder zu beschenken. Diese „Weihnachtskerle“ ( Jólesveinar) füllen die bereitgestellten Schuhe mit Süßigkeiten. Weniger braven Kindern legen sie zur Strafe ein paar alte Kartoffeln hinein. Diese Weihnachtskerle haben Ähnlichkeit mit Knecht Ruprecht aus dem Walde. Sie gehören zur alt-isländischen Sagenwelt. Denn obwohl nominell 96 Prozent der Isländer der christlichen Religion angehören, sind doch noch weit mehr als nur Reste des alten „Asatru“, der vorchristlichen Mythologie der Isländer vorhanden.“

Eine kleine Google-Suche führte mich zum Eurasiatischem Magazin. Dort steht dies:

„Auf Island sind in der Weihnachtszeitzwischen dem 12. und 24. Dezember 13 Kobolde unterwegs, um die Kinder zu beschenken.Diese „Weihnachtskerle“ ( Jólesveinar)füllen die bereitgestellten Schuhe mit Süßigkeiten. Wenigerbraven Kindern legen sie zur Strafe ein paar alte Kartoffeln hinein. DieseWeihnachtskerle haben Ähnlichkeit mit Knecht Ruprecht aus dem Walde. Siegehören zur alt-isländischen Sagenwelt. Denn obwohl nominell 96 Prozentder Isländer der christlichen Religion angehören, sind doch nochweit mehr als nur Reste des alten „Asatru“, der vorchristlichen Mythologieder Isländer vorhanden.“

Ich habe den Autoren des Ursprungstextes kontaktiert: Er wusste von nichts und wurde natürlich nicht gefragt, ob er seinen Text zum Adventskalender der FDP beitragen wollte, geschweige denn, dass er dafür bezahlt wurde.

Europäische Urheberrechtsreform: Was heißt hier kommerziell?

Jubel bei den Piraten: die Grünen im Europäischen Parlament haben die Position der Politik-Neulinge in Sachen Urheberrecht übernommen. Andere haben hingegen keinerlei Grund zum Jubeln. Denn die Piraten haben ihre Hausaufgaben nicht gemacht und die Grünen haben es nicht gemerkt.

Distinction between commercial and non commercial use of copyright material always needs to be made: users making financial benefits from the exploitation of copyrighted works should remunerate right holders accordingly, while users making no financial benefits should be free to use copyrighted works provided that they quote the authors.

Das klingt logisch, das klingt hoffnungsvoll. Endlich wird die Fehlentwicklung der vergangenen 20 Jahre zurückgedreht, die die boomende Internetbranche ausbremst und jeden Blogger, eigentlich jeden Internetnutzer kriminalisiert!

Doch – Moment Mal: Was heißt eigentlich kommerziell? Vor 20 Jahre war das noch sehr einfach zu beantworten, als es nur ein paar Tausend Firmen weltweit gab, die professionell mit Musik- oder Filmrechten handelten. Ein Musikstück für einen Werbespot? Bitte zahlen! Musik von Radio auf die eigene Audiokassette überspielen? Unkommerziell. Wer würde für das Gerausche und das Reingequatsche in die tollsten Intros auch Geld bezahlen?

Das ist aber die Vergangenheit. Die ist unwiderbringlich weg. Heute wird quasi jeder zum Publizierenden. Aber wir verdienen ja kein Geld, damit – also, kein Problem, oder? Falsch! Denn durch die Vielzahl von vernetzten Diensten ist es längst nicht mehr einfach zu unterscheiden, wer jetzt was veröffentlicht. Dienste wie Kino.to haben es sich in den letzten Jahren ein Spiel draus gemacht, scheinbar unkommerzielle Strohmänner vorzuschieben, die angeblich alles mögliche hochgeladen haben. Die Wahrheit war aber eine andere. Und im Gegenzug haben deutsche Gerichte jedem 12jährigen, der ein ganzes Album(!) im Filesharing-Ordner hatte, zum gewerblichen Urheberrechtsverletzer gemacht.

Wenn man Kommerzialität zum zentralen Unterscheidungskriterium macht, muss man die Frage konsistent beantworten können: Was ist kommerziell? Sind es die Bilder auf Siegfried Kauders Website? Der verdient ja kein Geld damit. Du hingegen hast ein paar Google-Anzeigen auf Deinem Blog und verdienst 2,50 Euro pro Monat? Eindeutig kommerziell! Öffentlich-rechtliches-Radio? Kommerziell! Ähm, nein. Nein! Doch! Oder wie? Häh?

Legt man die Hürden für die Unkommerzialität hoch, dann vernichtet man viel kreative Energie im Internet und nimmt Enthusiasten die Möglichkeit nach Refinanzierungswegen zu schauen. Denn mit dem ersten Euro, den sie einstecken, müssten sie einen ganzen Wust an Lizenzanforderungen erfüllen. Eine Konzentration auf wenige große Player wäre die Folge, die Musiklizenzen als industriell gefertigte Bitware handeln. Kunst wird nach Megabyte abgerechnet, nicht nach Inhalt. Der Künstler verkauft zum Einheitspreis oder verzichtet halt!

Legt man die Hürde der Unkommerzialität hingegen niedrig, wer sollte da überhaupt noch zahlen? Leute, die physische Datenträger verkaufen? Die Großḱonzerne wie Google und Apple passen halt ihr Geschäftsmodell an und verkaufen ihre Dienstleistung rund um die „soziale“ Musik, lassen den Künstler aber weitgehend leer ausgehen. Der versprochene Interessensausgleich zwischen Künstlern und Konsumenten fiele flach.

Die Europäischen Grünpiraten sind offenbar davon ausgegangen, dass die Arbeit schon schon von anderen gemacht wurde:

§22. We do support Creative Commons as a good possibility for creatives to share their works when ever wanted.

Im Gegenteil: auch die Creative-Commons-Bewegung hat auf diese Frage keine befriedigenden Antworten auf die Frage nach Kommerzialität gefunden. Wenn man die Akteure der CC-Musikszene zum Beispiel nach der Ausstrahlung auf öffentlich-Rechtlichen Radiosendern fragt, gucken sie verblüfft und laufen dann schnell weg. Auf die Publicity des Radios wollen sie nicht verzichten, auch wenn es streng genommen gegen die Lizenzen verstößt. Sie hoffen halt darauf, dass die Musik dann in Werbespots verwendet wird, und massig Geld einspielt.

Deswegen ist die Verwendung der NC-non-commercial-Klausel auch unter den Anhängern freier Lizenzen sehr unbeliebt geworden. NC zum Grundgedanken eines Gesetzesrahmens zu machen, erscheint mir da nicht zielführend zu sein.

Auch das Problem der „orphaned works“ wollen die Verfasser des Papiers angehen. Das Problem: sie begreifen das Problem nicht wirklich. Denn mögen die Werke ohne ermittelbare Urheber aus der Vergangenheit ein veritabler Schatz für Biliothekare und Historiker zu sein — es kommt grade eine riesige Welle neuer orphaned works auf uns zu. Man muss sich nur bei soup.io oder Facebook umsehen. Haufenweise Katzenfotos, Mitschnitte aus US-Fernsehsendungen, lustige Infografiken. Doch von wem stammen sie? Der Urheber verliert sich in einem Gewirr aus „via“-Links. Ich hab das hier Bild bei X gefunden, X hat es von Y kopiert, Y hat ein Werk von Z bearbeitet und Z hat es geklaut. Ob die URL, die unter einem Bild klebt einem Urheber oder einem fleißigen Bildchen-Sammler gehört — keine Ahnung.

Auch dies ist eine der Antworten, die Creative Commons bisher nicht geben konnte: wie verweise ich verlässlich auf den Urheber? Eingebürgert hat sich die unkomplizierte Variante: Ich verlinke einfach auf die Fundstelle und schreibe einen Namen dazu, den ich dort gesehen habe. Doch wie man kürzlich beim Wikipedia-Streik gesehen hat: es gibt keinerlei Garantie, dass die Links auch weiterhin die Informationen zum Urheber bereit halten. Wenn Flickr dicht gemacht wird sein URL-Schema oder die Name-Policy ändert, sind plötzlich Millionen oder gar Milliarden Bilder orphaned works. Wer soll unter diesen Umständen schon wissen, ob die Werke vor fünf Jahren oder weniger entstanden sind? Doch genau diese Grenze schlagen die Grünen in dem Positionspapier vor.

Lange Rede, kurzer Sinn: Wer die Probleme mit dem Urheberrecht lösen will, muss neue Lösungen finden. Man kann nicht davon ausgehen, dass Creative Commons bereits die Arbeit gemacht hat und man kann auch nicht in Konzepten von 1955 denken, um die Probleme von 2020 zu lösen.

Einfach kaudern

Da lacht das Netz und die CDU wundert sich. Grade noch hat der CDU-Abgeordnete Siegfried Kauder über Urheberrechtsverletzungen gelästert und wollte Download-Sündern den Daten-Hahn abdrehen, da wurde er auch schon als Urheberrechts-Verletzer entlarvt und bloßgestellt.

Wir dürfen in den nächsten Wochen und Monaten noch Hunderte ähnlicher Entlarvungen erwarten, denn es geht einfacher als je zuvor. Man geht einfach auf die Webseite der Zielperson, lädt ein paar verdächtige Bilder herunter und geht anschließend in die Bildersuche von Google. Dort gibt es jetzt nämlich seit kurzem eine neue Funktion. Statt Bilder nach Titeln und anderen Kriterien zu suchen, kann man Bilder hochladen, sie identifizieren lassen und andere Fundstellen des gleichen Fotos anzeigen.

Da die wenigsten Politiker ihren Homepage-Erstellungsprozess mit Argusaugen und moralischem Kompass überwachen, wird man oft fündig werden. Aber Vorsicht: natürlich können Bilder ordentlich lizensiert worden sein ohne dass dies sichtbar ist. Und viel zu oft stellen Menschen Bilder bei Flickr ein, an denen sie keine Rechte haben. Eine Fundstelle allein reicht also nicht aus, um einen Urheberrechtsverstoß festzustellen.

Viel Spaß damit — was auch immer ihr damit beweisen oder prokrastinieren wollt.

Leistungsschutzrecht und elektronische Pressespiegel

Das viel diskutierte Leistungsschutzrecht könnte eingedampft werden. Das legt jedenfalls ein Interview mit der Bundesjustizministerin nahe, die keine Internet-GEZ für Büro-PCs will, sondern von einer Vergütungspflicht für gewerbliches Verlinken spricht.

Durch Twitter und Blogs erschallt der Spott: diese Verleger haben noch nichts von robots.txt gehört. Wenn sie nicht von Google ausgewertet werden wollen, können sie Google doch ganz einfach aussperren. Das Blöde daran ist: zumindest einige der Leute, die so etwas äußern, scheinen das durchaus ernst zu meinen. Dabei sollte der gesunde Menschenverstand und ein halbwegs waches Ohr zur unweigerlichen Erkenntnis führen, dass die Verleger (zumindest die große Mehrheit) absolut nichts gegen Google haben, wenn es denn zu neuen Einnahmen führt. Da Google im Bereich Online-Werbung eine durchaus bestimmende Marktstellung hat, haben die Verleger eigentlich einen legitimes Grund zur Beschwerde, zumindest zur rationalen Kritik des Ist-Zustandes.

Während einige Leute nun die Kommunikationsfreiheit als solche gefährdet sehen, hilft vielleicht einfach Mal ein entspannter Blick auf das jetzt geltende Recht. Denn Pressespiegel und elektronische Pressespiegel sind bereits heute kostenpflichtig, entsprechende Lizenzen werden von der Verwertungsgesellschaft Wort vermarktet. Während das Leistungsschutzrecht nach der Lesart von Keese und Co einer kaum zu begründeten GEZ-Gebühr für Büro-PCs gleich käme, die Online-Distribution gegenüber Offline-Distribution stark reglementiert, haben wir im durch den neuen Vorstoß der Bundesjustizministerin eine Chance über übergreifende Vorschriften nachzudenken, die das Urheberrecht modernisieren.

Ich glaube zwar nicht daran, dass dies passieren wird — aber die Chance will ich dem Justizministerium durchaus zugestehen.

PS: Um es nochmal klarer zu formulieren: Als es keine Links und Internetverwertung gab, entschloss sich der Gesetzgeber eine Möglichkeit zur niedrigschwelligen Nutzung von Inhalten der aktuellen Berichterstattung zu schaffen, die einerseits die Urheber und Verleger entschädigt und gleichzeitig die Weiterverbreitung der Information selbst rationalisiert. Wie würde man diesen Paragraph 49 des Urheberrechts heute formulieren, in einer Zeit, in der Pressespiegel durch Snippets und Links abgelöst wurden und die Verwertungskette nahtlos in den privaten Bereich übergeht?

Nachtrag: Thomas Stadler deutet Leutheusser-Schnarrenbergers Vorschlag in eine allgemeine Zahlpflicht für Links jeder Art um und findet das Ergebnis nicht gut. Verfassungsrechtlich ist er damit auf der sicheren Seite — nur mit der Realität hat diese Uminterpretation nichts zu tun. In dem Interview sagt die Bundesjustizministerin klar, dass es bei dem Vorschlag alleine um die Vermarktung von Inhalten geht, bei denen eine Verlinkung eines von mehreren Elementen sein kann. Wie gesagt: ich glaube derzeit nicht, dass diese Initiative erfolgreich sein wird. Um so wichtiger ist es, keine Worte aus dem Kontext zu reißen. Eine fundierte und ehrliche Debatte tut von beiden Seiten not.

Kulturwertmark – 20 Jahre zurück

Der CCC hat heute ein „zeitgemäßes Vergütungsmodell“ für Kreative vorgestellt. „Zeitgemäß“ heißt hier aber: Wir wollen 20 Jahre zurück und hoffen, dass wir die Fehler nicht wiederholen.

Schon der Name „Kulturwertmark“ ist ein Zeichen dafür. Wir haben die Mark vor 10 Jahren abgegeben,. Ab und an inseriert ein Teppichhändler oder ein Resteverkauf, dass er an einem Wochenende tatsächlich noch die gute alte Deutsche Mark als Zahlungsmittel akzeptieren will – und dann werden Schubladen durchwühlt und mäuseangefressene Geldscheine hervorgeholt. Die Mark ist eine ferne Erinnerung, sie steht für eine gute alte Zeit, in der das Geld stabil und unsere Lebensentwürfe in Stein gemeißelt waren. In der ein Sparbuch und eine Arbeitsstelle auf 40 Jahre sicher waren.

Doch über den Namen hinaus zeugt der CCC-Entwurf von der Sehnsucht nach vergangener Zeit. Der institutionelle Hintergrund der neualten Währung sieht so aus:

Wir schlagen vor, das System als eine vom Staat initial finanzierte, aber vollständig unabhängige Stiftung zu realisieren, die von den Ländern Hilfe beim Erheben der Beiträge erhält (oder alternativ mit den ISPs Verträge über Einzug und Weiterleitung abschließt). Die Besetzung des Exekutivgremiums der Stiftung sollte hälftig per allgemeiner Wahl unter den Teilnehmern und Künstlern erfolgen, so daß die Interessen beider Seiten adäquat repräsentiert sind. Stimmberechtigt ist, wer mindestens für eine festzulegende Zeit (etwa drei Monate) in das System eingezahlt hat. Wenn die Anzahl der Benutzer um eine signifikante Zahl gestiegen ist, sind Neuwahlen durchzuführen. Eine Besetzung analog der Quotenregelung wie bei den Rundfunkräten hat sich nicht bewährt und ist undemokratisch.

Stiftungsposten sollten zeitlich beschränkt werden. Das Budget der Stiftung soll schmal gehalten und auf die technische Durchführung ausgerichtet sein. Der Verwaltungs-Overhead sollte aus den Zinsgewinnen des Stiftungsvermögens gedeckt werden, so daß eine hundertprozentige Auszahlungsquote der erhobenen Beiträge an die Künster erreicht wird und keine Transaktionsgebühren erhoben werden müssen. Eine privatwirtschaftliche Lösung ist nicht erstrebenswert, Interessenskonflikte wären hier vorprogramiert, die Auszahlungsquote sänke.

Eine zinsfinanzierte Stiftung in demokratischer Hand. Vor 20 Jahren hätte ich das vielleicht toll gefunden, als ich noch keine Ahnung hatte, wo die Zinsen denn her kamen. Als die zwei Prozent auf dem Sparbuch sicher und die Inflation kaum vorhanden waren. Doch gerade die letzten Jahre haben uns gezeigt: Zinsen kommen nicht aus dem Nichts. Wer sich vom Geldmarkt abhängig macht, kann darin umkommen. Und: Woher kommt das Stiftungsvermögen, dass die Zinsen abwerfen soll? Vom reinen Umlaufvermögen kann das nicht abgezweigt werden, schließlich soll ja eine hundertprozentige Auszahlung garantiert werden. (Und eine staatliche Anschubfinanzierung kommt letztlich auch nur aus den Taschen des Kulturvolks.)

Der institutionelle Rahmen ist von der Illusion geprägt, dass wir das Erfolgsmodell parlamentarischer Demokratie (O-Ton Bundespräsident Christian Wulff) verlustfrei ausdehnen können. Der CCC schlägt eine neue GEMA vor, eine bessere GEMA, in der die Interessen von Künstlern und Nutzern unbestechlich und ohne Reibungsverluste vertreten werden. Die dann entscheidet, wie die Leistung eines kompletten Orchesters gegen das eines lispelnden 16jährigen Superstar-Gewinners abzuwägen ist. Doch wer heute durch die Straßen deutscher Städte geht, sieht die Plakatwände vollgepflastert mit dem Aufruf zur Sozialwahl. Kennt ihr irgendjemanden, der sich dort informiert hat, um eine kompetente Wahlentscheidung zu treffen?

Doch auch an anderer Stelle ist der Vorschlag durchdrungen von einer Rückwärtsgewandtheit, einer Sehnsucht nach der guten alten Zeit, als die Welt noch in Ordnung war:

Wir wollen an dieser Stelle voraussetzen, daß ein zukünftiges System kein Recht auf Reichtum impliziert. Es geht nicht darum, den Britney Spears dieser Welt ihre zukünftigen Millionengagen zu sichern. Es geht um den Erhalt einer breiten, bunten, schöpferischen Kulturlandschaft mit möglichst großer Vielfalt. Und es geht um den möglichst niederschwelligen, für alle erschwinglichen Zugang zu den Werken, die in dieser Landschaft erblühen.

Es ist fast deprimierend zu sehen, dass es nicht Mal zur Nennung von Lady Gaga gereicht hat – der aufreizende Kostüme und Vermarktungs-Maschinerie sind doch der viel größere Schrecken für die Spießbürger. Wann war Britney Spears ein Skandal? Vor 10 Jahren? Als man „dass“ noch mit ß schrieb?

Aber im Ernst: die Kulturwertmark ist ein nationalstaatliches Konzept, dass das Ausscheren Deutschlands aus dem internationalen Kreativmarkt vorschlägt. Wir wollen uns nicht von US-Mayors die Preise diktieren lassen. Wir wollen, dass unsere Bürger nicht verfolgt werden können, wenn sie Britney Spears herunter- und hochladen. Und wir wollen ein gesondertes, inkompatibles Urheberrecht. Denn wenn Britney und Gaga ihre Tantiemen aus Deutschland abholen wollen, sagen die demokratischen Kulturräte: wie steht es denn mit der Allmende? Entweder ihr gebt Eure Musik kostenfrei heraus oder wir bezahlen Euch nichts. Wohin solche Regelungen führen, wissen wir leider zur Genüge: „Dieses Video ist in Deinem Land nicht verfügbar“.

Aber vielleicht ist genau das das Ziel des CCC-Modells. Drehen wir Globalisierung und Kulturimperialismus zurück. Sie haben versagt. Lasst uns etwas neues aufbauen — ohne Rücksicht auf Verluste. Oder einfacher: gehen wir 20 Jahre zurück. Nach dem Ende des Kalten Krieges hätten wir die Systemfrage stellen müssen um das Beste aus Kapitalismus und Sozialismus zu vereinen. Für ein besseres, gerechteres Heute.

Wer baut die Zeitmaschine?