Hass lernen

Manche Dinge versöhnen einen sogar mit Johannes B. Kerner und dem Dschungelcamp. Das da zum Beispiel:

Auf den ersten Blick wirkt alles wie in einer gewöhnlichen Kindersendung. Eine fröhliche Moderatorin, vielleicht zwölf Jahre alt, die in einem bunten Studio vor himmelblauem Hintergrund sitzt. Und ein fröhlicher Komoderator, der sich ein rosa Hasenkostüm aus Plüsch übergezogen hat, so dass er wie ein lebensgroßer Bugs Bunny aussieht. Gemeinsam gestalten sie die Kindersendung „Pioniere von morgen“ und beantworten Fragen von Kindern.

[…]

Dieser Satz scheint sein Markenzeichen zu sein, Assud ist der neue Star der Sendung „Pioniere von morgen“; schon bei seinem ersten Auftritt hat er angekündigt, „alle Juden aufzufressen“. Der neue Plüsch-Hassprediger war nötig geworden, weil die Sendung solche Figuren verschleißt. Vor Assud gab es die Biene Nahoul und eine Maus namens Farfour. Beide sind inzwischen gestorben – natürlich den Märtyrertod, der grausam inszeniert wurde

Das Blog als Monster

Die taz schreibt über die Schließung von „Schwedens populärstem Blog“.

Sein Blog lag unter dem Portal der Online-Ausgabe dieser Zeitung und schaffte es fast ein Jahr lang die landesweite Blog-Topliste anzuführen. Mit einem Inhalt, der zu einem grossen Teil darin bestand, sich über Personen des öffentlichen Lebens nicht nur lustig zu machen, sondern diese aufs Gröbste zu verunglimpfen und zu beleidigen. Schulman: „Je härter und gefühlloser – desto grösser die Begeisterung meines Publikums.“ Rückblickend – das muss man aber nicht unbedingt für bare Münze nehmen -, stellt der Journalist seinen Blog als „strategisches Experiment“ dar. Er habe Grenzen testen wollen. Dafür wo das zulässige Mass an Zynismus und Mobbing überschritten werde in einer Zeit, in der es für den Inhalt von Medien und speziell Blogs offenbar keine Grenzen gebe.

Die Brutalisierung des Meinungsklimas am Beispiel des Schulman-Blogs hatte in letzter Zeit in Schweden eine Grundsatzdebatte ausgelöst, in die sich auch die schwedische Presse-Ombudsfrau Yrsa Stenius eingeschaltet hatte. Von einem „unerhört beunruhigenden Zeichen“ sprach und an das Verantwortungsbewusstsein der zuständigen Redakteure appellierte. Sonst laufe die Presse noch Gefahr vom Gesetzgeber an die Leine genommen zu werden.

Cross-Marketing bei der Netzeitung

Ich schätze ja die Rubrik „Altpapier“ im Medien-Teil der Netzeitung. Doch heute stutze ich, als ich auf den Artikel unter der Überschrift Motor FM jagt die großen Radiosender stieß:

Internet- und Analog-Radio – für den Berliner Sender 100.6 Motor FM hat das von Anfang zusammen gehört. Das zukunftsorientierte Denken hat sich bereits ausgezahlt.

Gerade einmal ein Jahr ist der Radiosender Motor FM in Berlin und Brandenburg auf der Frequenz 100,6 zu hören – und schon kennt ihn jedes Kind. Aus der jüngsten Analyse der TNS Emnid über die Marktanteile im Radiosektor geht Motor FM als Senkrechtstarter hervor. In der Zielgruppe der unter 30-Jährigen erzielte der Sender aus dem Stand Marktanteile, die einem Viertel derer der Marktführer Energy, Fritz oder Kiss entsprechen.

Wie kommt so eine Null-News im reißerischen PR-Stil in den redaktionellen Teil der Netzeitung? Nun, ein Blick in das Impressum von Motor FM legt einen bösen Verdacht nahe:

100,6 Motor FM ist ein Gemeinschaftsprojekt des Plattenlabels „Motor“ und der NETZEITUNG.

1. VERANSTALTER und WORTREDAKTION:

NZ Netzeitung Hörfunk GmbH
Albrechtstraße 10
10117 Berlin

Zwar wurde diese GmbH im Zuge des Verkaufs der Netzeitung ausgegliedert, nach wie vor kooperiert die Netzeitung aber mit Motor FM. Das sind keine guten Aussichten für die Zukunft der Netzeitung.

PS: Andere Medien wie Horizont oder der Tagesspiegel schaffen es über die Reichweiten gleich mehrere Sender zu berichten – ohne werbliche Anpreisung. Aber vielleicht hat Motor FM die Begeisterung der redaktionellen Schwester auch nötiger: Die Medienanstalt Berlin-Brandenburg hat nämlich die Frequenz neu ausgeschrieben.

RAF und RTL

Medien sind etwas Tolles. Besonders wenn man die kleinen Mechanismen kennt, die einfach unvermeidbar sind. Man drückt auf einen Knopf und schon springt der Teufel aus der Kiste. Obwohl er das immer wieder tut, können sich Kinder über Stunden über den Springteufel amüsieren.

Das funktioniert auch ohne Kisten und Teufel. Ein Beispiel: Man macht geschmacklose RAF-Scherze und schon kommt RTL und berichtet. Tolle Sache, das.

Das Problem: Ich glaube kaum, dass der Trainingsanzug-tragende RTL-Zuschauer zum Kiosk stapfen wird, um dort den Spruch „Gib mal taz!“ abzulassen. Da hat die NRW-Redaktion wohl dem eigenen Kinospot geglaubt.

Paris – eine für alle

Paris Hilton ist wirklich für jeden was.

Der eine kann sich das Maul über das Hotel-Luder selbst zerreißen, der nächste ist empört über die interessiert an der Berichterstattung von CNN & Co und liest deshalb notgedrungen alle Details.

Wer intellektuell gesehen ein gutes Gewissen haben will: natürlich dient der Fall auch für eine exemplarische Analyse des US-Justizsystems. Außerdem dauert es bestimmt noch zwei bis drei Tage bis zum nächsten Skandal um Harry Potter.

Säzzer 2.0?

Erinnert sich noch jemand an die „Säzzer“? Nun: Die Setzer waren ein altertümlicher Berufszweig, die die Textergüsse der Redakteure in Zeitungsform gegossen haben. Bei der jungen taz hatten diese Setzer manchmal eine ganz eigene Vorstellung von den Artikeln, die sie eigentlich nur ins Blatt heben sollten. Und die Revolution: sie schrieben das auch in die Artikel rein. Aus dem Setzer war der Säzzer geworden. Die eigenartige Unart der Sätzer wurde zum Teil der jungen taz-Kultur und schlief folglich in den 90er Jahren ein. (Mehr findet sich zum Beispiel hier.)

säzzer

 

Heute morgen dachte ich, dass diese Tradition wieder aufgelebt sei, als ich auf der Titelseite der Frankfurter Rundschau (sorry – ich meinte natürlich: der neuen FR) den Satz „Diese Zeitung wird bestreikt“ fand. Und das ganze noch auf rotem Grund.

Aber Fehlalarm: Es waren keine Säzzer, noch die streikenden Druckereiangestellten, sondern die Redaktion. Die hat ein Tabu gebrochen und berichtet tatsächlich halbwegs ausführlich über die Druckerstreiks. Sonst vermeiden Verleger eine solche Berichterstattung – schließlich will man dem Tarifgegner keine kostenlose Publicity bringen.

Lieber Graf Nayhaus

Wahrscheinlich lesen viele ihre Politik-Kolumne bei der Netzeitung mit Faszination. Aber Ihr größter Fan, so scheint es, das sind Sie selbst. Mit Spannung verfolgen Sie die Schilderung Ihrer journalistischen Heldentaten, hinter denen Politik und Welt lediglich zur Kulisse verkommen. Anders kann ich mir die aktuelle Kolumne Wenn man beim Seitensprung erwischt wird nicht erklären.

Ich hatte mir gestern die Frage gestellt, ob Seehofer eigentlich auch etwas zu seinem außerehelichen Verhältnis gesagt hat oder ob das im Mediengewitter untergegangen ist. Diese Frage haben Sie tatsächlich beantwortet. Was darauf folgt, ist lediglich eine Reminiszenz an die Vergangenheit. Sie empfehlen Seehofer sich wie ihr alter Freund Horst Ehmke zu verhalten. Der hatte als Geheimdienstbeauftragter ein Verhältnis mit einer 25jährige Tschechin und – das war der kluge Schachzug – hat einen Deal mit Ihnen, lieber Graf Nayhaus, abgeschlossen. Die Geschichte brachten Sie erst, als der Minister seine Freundin geheiratet hatte.

Dieses Verhalten empfehlen Sie Seehofer allen Ernstes als Vorbild für seine Informationspolitik zu diesem Zeitpunkt. Nun – es mag Ihrer Aufmerksamkeit entgangen sein – aber für einen solchen Deal längst zu spät ist. Seehofer ist schon bloßgestellt, kein Deal der Welt kann das mehr verhindern. Er scheint seine Geliebte auch nicht heiraten zu wollen. Dazu hat er gerade seinen Hut für den Parteivorsitz in den Ring geworfen. Meinen Sie wirklich, dass Seehofer jetzt ganz dringend mit Ihnen über eine Homestory verhandeln sollte? Oder wollten Sie nur berichten, wie Sie einmal von einem Ministerverhältnis erfahren haben? Und dass Sie im Februar mit richtig wichtigen Leuten eine Party feiern?