Don’t blame Wikileaks

Die New York Times hat ein Portrait über Bradley Manning veröffentlicht, der mutmaßlich militärische Geheimdokumente an Wikileaks übergeben hat. Die Quellenlage ist dünn, die Reporter konnten offenbar nur Ansprechpartner aus dem weiteren Umfeld Mannings interviewen. Dennoch fügt sich ein Bild zusammen:

He spent part of his childhood with his father in the arid plains of central Oklahoma, where classmates made fun of him for being a geek. He spent another part with his mother in a small, remote corner of southwest Wales, where classmates made fun of him for being gay.

He was hired and quickly fired from a small software company, where his employer, Kord Campbell, recalled him as clean-cut and highly intelligent with an almost innate sense for programming, as well as the personality of a bull in a china shop. Then his father found out he was gay and kicked him out of the house, friends said. Mr. Clark, the Cambridge friend, said Private Manning told him he lived out of his car briefly while he worked in a series of minimum-wage retail jobs.

Meanwhile, his military career was anything but stellar. He had been reprimanded twice, including once for assaulting an officer. He wrote in e-mails that he felt “regularly ignored” by his superiors “except when I had something essential, then it was back to ‘Bring me coffee, then sweep the floor.’ ”

Ein Teenager, der nie im Leben eine wirklich feste Bindung hatte, der von einem sozialen Umfeld ins nächste gestoßen wird und offenkundige Probleme mit Autorität hat. Ein junger Mann, dessen sexuelle Identität der US-Army immer noch solche Angst einjagt, dass nicht darüber zu sprechen als die einzige Alternative erscheint. Er bekam trotz allem die Berechtigung zwischen Bodenwischen und Kaffeekochen Geheimakten einzusehen. Und das in einem Umfeld, in dem Soldaten Datenträger unbehelligt hinausschmuggeln können. Wer so mit vermeintlichen Geheimnissen umgeht, kann sie gleich im Radio verlesen lassen und darauf hoffen, dass niemand die richtige Frequenz einstellt.

Wikileaks möchte unterdessen 700.000 Dollar haben, um zu brisante Informationen aus unveröffentlichten Dokumenten zu streichen. Ein bemerkenswerter Wechsel im Business-Plan.

PS: Die US-Armee hat nun auch etwas gemerkt.

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4 Comments.

  1. Mich erinnert das an den Vortrag von Zimbardo auf: http://www.youtube.com/watch?v=BYre8SlOO_k&feature=related

    Er zeigt, wie die Situation aus ganz normalen Leuten Folterer macht. Dazu zieht er den Bogen von AbuGhureib über das MilgramExperiment, zu dem StanfordPrisonExperiment, das er selber geleitet hat.
    (Er zeigt übrigens auch Details und Variationen, die ziemlich interessant sind)

    Ganz am Schluss will er die Leute aber nicht so deprimiert nach Hause schicken, und deshalb beschreibt er, dass es auch den umgekehrten Fall gibt: GANZ NORMALE MENSCHEN, die vorher nie besonders aufgefallen sind, fassen sich ein Herz, und tun Heldentaten. Auch wenn sie große Probleme zu befürchten haben, stehen sie auf, und reagieren Heldenhaft. Es gab die schon in früheren Kriegen, wie den Vietnam-Krieg, wo einfache Leute plötzlich sagen: „Das DARF so nicht sein, ich TUE was dagegen“. Die Bilder von AbuGhureib wurden unter der Hand immer weiter gereicht, bis jemand sie veröffentlicht hat. Und auch sein StanfordPrisonExperiment wurde immer verquerer, bis ihn jemand (seine spätere Frau) klar darauf aufmerksam gemacht hat, und er das Experiment sofort abgebrochen hat.

    Bradley Manning scheint auch so einer zu sein: Ein GANZ NORMALER TYP, der es zwar gelernt hat, eine eigene Meinung zu vertreten, aber nie besonders aufgefallen ist, und wahrscheinlich auch nie mehr in die Gelegenheit kommt, hat das Richtige getan, und das trotz der zur erwartenden Strafe!!

  2. Uwe: Ich fürchte Manning ist derzeit allenfalls eine Spiegelfläche für allerlei Projektionen für alle möglichen Interessensgruppen.

    Mal eine Frage: Deine Beschreibung von Mannings Motivation passt sicherlich auch auf James O’Keefe, der die Linke in den USA enttarnen will und dazu die Mittel des Grassroot-Campaignings für sich nutzte. Zum Beispiel hier:

    http://mashable.com/2009/09/10/acorn-video/

    Ist er in Deinen Augen einer der Helden? Falls nein, weshalb nicht?

  3. Detlef Borchers

    >Er bekam trotz allem die Berechtigung zwischen Bodenwischen und Kaffeekochen Geheimakten einzusehen.

    Sehr schöne Formulierung! Nach so einem Hörensagen-Porträt der NYT kann man vielleicht verstehen, warum Manning, wenn er es denn war, vor Lamo so geprahlt hat. Ne Erklärung, wie Lamo und Manning zusammengekommen sind, fehlt immer noch.

    Aus diesem 770K-Tweet einen Business-Plan rauszulesen, ist etwas gewagt. –Detlef

  4. Detlef: Ich sehe in einem Business-Plan absolut nichts Verwerfliches. Meinetwegen können wir es auch „Mission statement“ nennen oder „Refinanzierungsmodell“.