Glaube, Liebe, Hoffnung

Es gibt ja dieses geflügelte Wort: „Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht.“ Da jeder von uns täglich in mehr oder minder schwerer Weise lügt, habe ich dem nie besonders viel Bedeutung beigemessen. Und dazu schaffen es manche Menschen immer wieder Vertrauen zu gewinnen, obwohl sie dem Publikum riesige Bären aufgebunden haben.

Ein Artikel im Lawblog zeigt, dass man das Ganze aus einem anderen Blickwinkel sehen kann. Wenn man jemandem vertraut, so investiert man sozusagen in ihn. Eine desaströse Lüge kann das Vertrauen erschüttern – aber so ganz möchte man sich von seinem Investment nicht verabschieden. Betrüger machen sich das zu Nutze, in dem sie ihrem Opfer erst eine falsche Prämisse verkaufen und darauf dann – Stein für Stein – ein ganzes Lügengebäude errichten.

Daher könnte man das Sprichwort umdrehen:

Wem man einmal glaubt, dem glaubt man auch ein zweites Mal.

Netzneutralität? Gesundheit!

Die Pressearbeit der Deutschen Telekom hat sich zur Verteidigung des Angriffs auf die Netzneutralität ein schönes Thema ausgesucht: Gesundheitsanwendungen über das Internet. Wer würde auch gegen Gesundheit sein wollen?

Wo könnte latenzfreie Verbindungen wichtiger sein als bei Herz-OPs, bei denen der Operateur ein paar Tausend Kilometer entfernt ist, wie es in den weiten Steppen Deutschlands immer wieder der Fall ist. Wo?

Richtig: im Finanzsektor. Hier wird Diskriminierungsfreiheit und Latenz so groß geschrieben, dass die New Yorker Börse die Länge der Netzwerkkabel überprüfen muss, damit niemand eine Millisekunde mehr herausschlagen kann.

Warum hat die Finanzbranche also noch nicht den Abbau der Netzneutralität verlangt? Sonst sind die Ackermänner doch gar nicht schüchtern, wenn es um Forderungen geht.

Nun, einen Hinweis bietet eine Pressemitteilung von Level3, die mich heute erreichte.

Frankfurt/Main, 17. August 2010 – Level 3 bietet ab sofort eine direkte Anbindung an BATS Europe, den Betreiber einer europäischen Multilateral Trading Facility (MTF). Damit erhalten Level 3-Kunden aus der
Finanzdienstleistungsbranche Zugang zum internationalen Tier-1 Glasfasernetz von Level 3 und profitieren von niedrigen Latenzzeiten bei der Ausführung von europäischen Aufträgen in Nordamerika.

„Bei Finanztransaktionen zählen häufig Bruchteile von Sekunden, deshalb haben wir unsere Lösungen so ausgerichtet, dass sie auch den extrem hohen Ansprüchen der Finanzindustrie genügen“, erklärt James Heard, President European Markets bei Level 3. „Die an BATS angeschlossenen Händler haben jetzt Zugang zu Lösungen, die neun von zehn Top-Banken im Tagesgeschäft nutzen. Dazu gehören der Handel mit geringer Verzögerung, skalierbare Hochgeschwindigkeitszugänge und die Datenübertragung auf einem Sicherheitsniveau, das die wichtigen Industriestandards erfüllt.“

Aber über dieses Netz kann man sicher keine Herz-OPs ausführen. Welches Herz ist auch so viel wert, wie eine Million Finanzobligationen, die man 20 Sekunden später für einen Cent mehr weiter verkaufen kann?

Netzneutralität für Fortgeschrittene

Drüben auf dem Planeten Rot-Grün gibt es grade eine Petition Unterschriftenliste Pro Netzneutralität. Und es geht um wichtiges:

Ein freies und barrierefreies Internet ermöglicht es, dass innovative Produkte und Dienstleistungen überall auf der Welt angeboten werden können. Dies fördert Innovationsprozesse.

Das ist zwar korrekt – ohne Netzneutralität hätten wir heute in Deutschland vielleicht ein stark ausgebautes BTX an Stelle des Internets. Niemand will das. Aber Netzneutralität kann man auf so viele Weisen interpretieren, dass letztlich auch René Obermann den Appell unterschreiben könnte. Machen wir es daher etwas konkreter: Statt dem gefälligen „Seid ihr für Netzneutralität?“ sollte man vielleicht spezifischer fragen:

  • Wer soll ein Internet „ohne staatliche oder wirtschaftliche Eingriffe“ durchsetzen, wer entscheidet wann sie von einem Provider gebrochen wurde? Die Bundesnetzagentur nach den Vorgaben von Enquette-Kommission, Bundestag und Wirtschaftsministerium? Eine amerikanische Regierungsbehörde?
  • Darf die Telekom Bandbreite für ihr T-Entertain-Multicast reservieren oder soll im Zweifel das Fernsehbild gestört werden, wenn ein besonders großer Download läuft?
  • Darf mein Voice-over-IP-Telefon meinem Provider signalisieren, dass ein Telefongespräch unfreundlicher auf Verzögerungen im Datenfluss reagiert als die E-Mail, die ich parallel abschicke?
  • Darf ein Mobilfunkprovider gesonderte Datentarife für das neuste iPhone erheben? (Zusatzfrage: wenn ihr dagegen seid, warum kauft ihr es dann massenhaft?)

Medienkompetenz, Lektion 2

Erstaunlich wenige Menschen wollen Dich tatsächlich anlügen. Das bedeutet aber nicht, dass sie die Wahrheit sagen.

Sie werten anders, sie priorisieren Informationen, die aus ihren Augen zu kurz kommen, sie schwimmen gegen den Strom. Und die Wahrheit – das ist ja schließlich mehr als die Summe der Fakten, oder? Aus der Wahrheit wird die einzige Wahrheit(TM).

In den allermeisten Fällen irren sich die Menschen aber auch schlicht.

Die Leaks der anderen

Whistleblower sind Vorbilder, Vorreiter der Demokratie, Helden – solange man selbst nicht betroffen ist. Auf der Antragsseite zur Piratenpartei-Vorstandssitzung von gestern zeigt sich diese Dualität sehr schön:

Antrag Nummer 1:

Der Bundesvorstand möge beschließen, Wikileaks Unterstützung anzubieten und dementsprechend auch eine Pressemitteilung rauszubringen.

Begründung

Die schwedische Piratenpartei bietet mittlerweile Unterstützung für Wikileaks an [1]. Würden wir dasselbe machen, würden wir einerseits auch das Projekt unterstützen und andererseits auch unseren Programmpunkt „Whistleblowing“ aktiv besetzen.

Wie die Unterstützung genau dann ablaufen soll/wird, müsste geklärt werden. Wichtig ist jedoch, dass wir nicht noch weiter warten können, bis das Rechtliche/Technische „Gebilde“ steht, wir müssen aktiv werden. Es reicht doch schon nur seine Unterstützung zuzusagen und entsprechend eine Pressemitteilung rauszubringen. Der Rest sollte dann allerdings nicht in Vergessenheit geraten!

Antrag Nummer 2:

Hier beantrage ich gegen den Beisitzer im Bundesvorstand Christopher Lauer, eine Verwarnung gemäß §6(1) Bundessatzung der Piratenpartei Deutschland auszusprechen.

Begründung

Christopher Lauer hat mich am 28. Juli um 21:14 in meiner Eigenschaft als Richter am BSG gebeten, ihm ein Urteil vorab zukommen zu lassen um sich einen persönlichen Vorteil zu verschaffen. Er sandte mir dazu eine Direktnachricht per Twitter mit dem Wortlaut „also vielleicht könntest du mir dann das Urteil leaken, damit wir wissen welcher Server am Start sein muss“.
Gerade für ein Mitglied des Bundesvorstandes ist es eine Ungeheuerlichkeit, entgegen besseren Wissens zu versuchen, ein Urteil vorab erhalten zu wollen. Er ist aufgrund dieses Verhaltens zu verwarnen.

Zukunftsplanung mit Ulfkotte

Wer ist Deutschlands führender Autor im Bereich „Städtebau & Stadtplanung“? Nun – laut Amazon ist es Udo Ulfkotte:

Autor und Leser sind aber augenscheinlich nicht an architektonische Debatten oder kommunaler Verwaltung interessiert. So schaltet Ulfkottes Verlag – der auch andere prominente und ähnlich rational argumentierende Autoren publiziert – offenbar auch Anzeigen bei Google:

Endlich Wut! Endlich Bürgerkrieg! Endlich!

De-Fax

De-Mail ist die Antwort auf die Frage: Wieso sind wir in Deutschland heute immer noch im Fax-Zeitalter? Warum gilt eine pixelige Unterschrift in Schwarz-Weiß als rechtsverbindlich, wenn sie über einen durchweg manipulierbaren Kommunikationsweg übertragen wird? Warum soll ich 24 Stunden am Tag einen Stromfresser betreiben, weil mir vielleicht zwei Mal im Jahr jemand ein Fax schickt?

Die typisch deutsche Antwort: wenn wir elektronische Kommunikation auch etwas unbequemer machen, dann darf auch E-Mail rechtsverbindlich sein. Also: keine normalen Mailprogramme mehr, es muss Geld kosten und die Allgemeinen Geschäftsbedingungen müssen die Sehnsucht nach dem guten alten Thermo-Papier wieder erwecken. Sicherheit ist nicht zentral, die Unbequemlichkeit ist offenbar das Haupt-Kriterium.

In Wahrheit ist das Fax den deutschen Regulatoren und Gesetzgebern wohl einfach nur durchgerutscht – vielleicht wollte man auch der Telekom in jungen Jahren noch etwas mehr Anschub in die schöne neue Welt von BTX und ISDN verschaffen? Ich weiß es nicht. Würde man die angeblich so notwendigen Regularien von De-Mail, bzw dem Vorläufer-Service E-Postbrief auf das Fax zurückportieren, müsste das wohl so aussehen:

  • Nur staatlich zertifizierte Hersteller dürfen Faxgeräte vertreiben. Das sorgt für eine enorme Markttransparenz, weil sich eh nicht mehr als drei bis vier Konzerne und Konsortien die Zertifizierung antun werden.
  • Statt dem Empfänger direkt zu faxen, sendet man alle Faxe zuerst an die staatlich zertifizierte Fax-Zentrale, die kostengünstig privat betrieben wird. Dort wird das Fax wie gewohnt ausgedruckt und danach an den Empfänger weiter geschickt.
  • Jeder Fax-Käufer muss sich mit Ausweis identifizieren, wenn er das Gerät in Betrieb nehmen will. Vorher klappt das Gerät nicht.
  • Vor jedem Fax-Versand muss eine TAN angefordert werden.
  • Faxe werden separat abgerechnet: Du magst eine Telefonflatrate haben, aber für jedes Fax zahlst Du extra. Und zwar nicht die billigen Telefonübertragungskosten, sondern das Snail-Mail-Porto. Mindestens. Wegen der Authentizität.

Lasst es uns so machen.

Netz der Netze

Vielleicht hat Obermann ja recht: der Telekom-Backbone ist leidlich gut und YouTube verbraucht eine Menge Traffic. Das muss doch bezahlt werden!

Aber eine Frage: YouTube-Videos abzuspielen verbraucht auch massig Strom, ohne Strom klappt weder T-Entertain noch das iPhone. Was zahlt die Telekom an RWE und Konsorten für den Stromverbrauch ihrer Kunden?

Wozu wir einen Personalausweis brauchen

Der Chaos Computer Club hat 11 Forderungen für ein lebenswertes Netz veröffentlicht. Jetzt kann die Diskussion darum beginnen. Also los – unter Forderung Nummer 8 steht dies:

Auch bestehende Regelungen müssen geprüft werden. Andere Länder kommen ganz ohne Personalausweis aus, etwa die USA und Großbritannien. Wieso brauchen wir einen Personalausweis, zumal einen mit biometrischen Daten und Online-Zugriff der Behörden auf die Ausweisdaten? Wieso darf unser Paß biometrische Daten enthalten? Biometrische Ausweisdokumente mit funkendem Mikrochip sind nicht sinnvoll begründet, daher soll ihre Verbreitung nicht fortgeführt werden.

Gerade die Länder, die auf Ausweise verzichten, haben uns in den letzten Jahren gezeigt, dass dieser Verzicht nicht für eine größere Freiheit und weniger Bürokratie sorgt. Im Gegenteil: So muss man in Großbritannien alle möglichen Unterlagen wie Gas- und Wasser-Rechnungen vorlegen, um beispielsweise die British Telecom von seiner Existenz und Adresse zu überzeugen. Dass dabei erheblich mehr private Daten als mit einem Ausweis offenbart werden, ist unvermeidlich. Und in Arizona wurde grade der Ausweisverzicht ad absurdum geführt: Niemand muss Ausweise bei sich haben, aber wenn ein potenzieller Einwanderer einem Polizisten auf Verlangen keine Visapapiere vorlegen kann, wird er eingesperrt. Auch wenn er gar kein Einwanderer ist. Und das ist nur ein Auswuchs von vielen.

Halten wir fest: ein zuverlässiger Ausweis kann(!) tatsächlich private Daten schützen und staatliche Willkür einschränken. Bleibt die Frage: warum biometrische Daten und was immer der CCC mit „Online-Zugriff auf Ausweisdaten“ meint. Bei einer so geringen Verbreitung von falschen Ausweise wie in Deutschland bestand in meinen Augen nicht wirklich ein Bedarf für zusätzliche Authentifizierung. Während ein E-Ausweis mit nutzerautonom implementierten qualifizierten Signaturen durchaus seinen Reiz hat, sind Fingerabdrücke oder die notorisch unzuverlässigen biometrischen Bilder weder für Komfort, noch für Sicherheit ein Gewinn.

Reception issue

Einige Menschen haben heutzutage Probleme mit dem Empfang, deshalb die Botschaft nochmal hier:

Man sollte keine High-Tech-Produkte am ersten Tag kaufen, bevor die ersten Praxis-Tests draußen sind. Erst dann kann man einigermaßen informiert entscheiden, ob man mit neu entdeckten Mängel – und die gibt es immer und bei jedem Hersteller – leben kann oder auf eine überarbeitete Version warten will. Wer unbedingt ein early adaptor adopter sein will, zahlt fast immer einen Preis dafür.