P.S. Datenbrief

Hal Faber hat meinen Vorschlag eines Datenbrief-Kompromisses aufgegriffen:

Noch steckt der Text des CCC-Mitgliedes Frank Rieger hinter einer Paywall, doch das Konzept des Datenbriefes, das er im Blatt noch einmal erläutert, soll einen Weg ins Bundesinnenministerium gefunden haben. Natürlich gibt es Spötter, die diesen Brief für ausgemachten Schwachsinn halten. Wenn der Datenbrief dabei hilft, dass sich Firmen Gedanken darüber machen, ob man nicht mit ein „bisschen weniger Suchgenauigkeit oder etwas wilderen Buchempfehlungen“ leben kann, ob man auf Daten verzichten kann, weil die Auskunftskosten und das Drumherum die Sache nicht wert sind, dann hat er sich schon gelohnt und war das Nachdenken über eine solche Konstruktion, sein Porto wert.

Nun, eigentlich zielte mein Spott eher auf Gremien, Kompromisse und der Kreativität der werbetreibenden Wirtschaft. Aber mal im Ernst: Ich halte den Datenbrief in der Realität für nicht durchsetzbar und – sofern man sie denn wirklich umsetzen wollte – eine schlechte Idee dazu.

Richtig gut ist der Datenbrief als Kampagnenidee: plakativ, sofort einsichtig und er jagt der Industrie einen gehörigen Schrecken ein. Wenn am Verhandlungstisch nicht mehr nur in dreißig Jahren Behördeneinsatz zerschlissene Datenschützer und die Funktionäre des Geschäftsbetriebs sitzen, ist das zu begrüßen. Neue Ideen sind gefragt.

In der Realität jedoch wäre ein Datenbrief, wie er bisher vom CCC skizziert wurde, in meinen Augen verheerend. Denn die oben skizzierten Ziele würden nicht erreicht, eher im Gegenteil.

  • Die Bösewichter der Branche, die sich hinter Briefkästen in Liechtenstein verstecken oder alle halbe Jahre einen neuen Namen haben, wären durch den neuen Datenbrief nicht zu erreichen. Ich habe in den Vorschlägen bisher nichts gesehen, was über die bestehenden Gesetze hinaus ginge, um diesen Kreis der Datenschleudern zu erfassen.
  • Für den Kleinhändler ist es aber sehr wohl ein Problem. Gesetzlich ist er zur mehrjährigen Speicherung von Rechnungsdaten verpflichtet, die Laufkundschaft des Internets belästigt er in der Regel nicht weiter. Wenn man einem Kunden einmal eine Druckerpatrone für zehn Euro verkauft hat, fällt das Porto für einen Datenbrief schwer ins Gewicht. E-Mail ist da leider keine Lösung – denn um eine Software zu installieren, die diese Aufgabe allein erledigt, werden wohl ein paar Hundert bis Tausende Euro fällig. Noch kann man ohne Lexware und SAP Dinge verkaufen, mit dem Datenbrief wäre das schon erheblich schwerer.
  • Folge: statt selbst zu kaufen, bedient man sich der Plattform-Anbieter wie Amazon oder Ebay, die zentralisiert die Daten der kleinen Händler erfassen und dann auch zentralisiert die Datenbriefe versenden könnten. Folge: Statt auf Suchgenauigkeit zu verzichten, hätten Amazon und Ebay plötzlich viel mehr Kundendaten in ihren Datenbanken. Und das ganz legal.
  • Der Gesetzgeber hat ein geübtes Händchen dafür, einfache Sachverhalte in furchtbar komplizierte Gesetze zu gießen. Hier eine Ausnahme für Kleinhändler mit bis zu 149 Datensätzen, dort das Medien-Privileg, das auch die GEZ nutzt, dort der Katalog mit den zu übermittelnden Daten, die so gar nicht zur Praxis der Händler passt – und schon haben wir ein Ungetüm, das in erster Linie Arbeitsbeschaffung für die Abmahnindustrie ist.
  • Datenschutzbewusstsein mit Dutzenden, Hunderten oder gar Tausenden standardisierten Nachrichten fördern zu wollen ist ein Ansatz, der sich ebenfalls ins Gegenteil verkehren kann. Heute schon bekomme ich pro Online-Kauf in einem neuen Shop drei bis vier E-Mails. Eine fünfte, sechste und siebte E-Mail werde ich schlichtweg nicht lesen. Datenschutz wird damit so lästig wie das Kleingedruckte in den Verträgen. Datenschutz? Ach, lass mich damit doch in Ruhe!

Lange Rede, kurzer Sinn: der Datenbrief ist ein prima Mittel, um sich an den Verhandlungstisch zu begeben. Wenn man vom Verhandlungstisch aufsteht, sollte aber alles andere als ein Datenbrief das Ergebnis sein.

Datenbrief-Kompromissvorschlag

Einzug in die Realpolitik: Die Datenbrief-Idee des Chaos Computer Clubs wird ernsthaft beraten:

Noch gibt es keine konkreten Pläne, das vorweg. Gleichzeitig aber wirkt es, als sei man auf dem Weg zu einem Kompromiss, mit dem viele leben können.

Wie könnte so ein Kompromiss aussehen? Ich habe da so eine Idee:

Sehr geehrter Herr Mustermann,

nach dem NzDBDA-Verordnung vom 11.11.2010 sind wir verpflichtet Ihnen folgende Mitteilung zu machen.

Zum Stichtag 1.1. 2012 haben wir folgende Daten von Ihnen gespeichert:

Max Mustermann
Musterstraße 33
12345 Musterhausen

Geburtsdatum: 13.5.1975
Facebook-Profil: Pervertsexboy55
Käuferprofil: enthusiastischer Technik-Fan

Ihre Käufe im Kalenderjahr 2011:

ACHTUNG ACHTUNG: DATENRABATT

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Und wer in geistiger Umnachtung bei der auf bild.de beworbenen „Volks-Umfrage“ mitmacht, bekommt diese Briefe ganze 62 Mal. Jedes Jahr.

Gewöhnt Euch dran!

Am Rande der re:publica hatte ich ein sehr interessantes Gespräch mit Edward Hasbrouck, der mir einen beunruhigenden Ausblick in die Zukunft gab. Grundthese: Es gibt keine Flugzeuge, die mit alternativen Energien fliegen. Wenn die Erdöl-Preise steigen, wenn eine angemessene CO2-Steuer durchkommt, wird nicht nur die Zeit der Billigflieger vorbei sein – das Reisen per Flugzeug wird zum absoluten Luxusgut.

Wir erleben grade, wie ein paar Tage Flugausfall wie der Untergang des Abendlandes gefeiert werden: eine Kanzlerin im Bus, Kondensstreifen, Milliardenschäden nicht nur für die Luftfahrtunternehmen. Stellt Euch vor, das wird zum Dauerzustand. Was wird aus Hawaii, wenn der Massentourismus nicht mehr ein paar Tausend Meilen überbrücken kann? Was wird aus philipinischen Gastarbeitern, die sich keinen Heimflug mehr leisten können? Wann wird das Wort „Fernbeziehung“ zu einem beschönigenden Wort für „Zölibat“?

Auf der anderen Seite: Flughafen-Hopping wird unbezahlbar. Wenn wir also in die USA reisen, dann fliegen wir nicht zurück bevor der Jetlag abgeklungen ist, sondern bleiben mindestens drei Wochen da. Und die Schiffsreise wird zur Norm, das leicht wogende Unterdeck zum neuen Lebensraum, die Reise zum nächsten Kontinent wird selbst zum achten Kontinent.

Buchhandel: Teure Kundenbindung

Der deutsche Buchhandel hat wieder eine tolle Idee:

Mit E-Books neue Kunden gewinnen: Am 18. März startet libreka! die E-Book-Aktion „E-Tüpfelchen“, bei der Buchhandlungen bundesweit bis zum 9. April kostenfreie E-Books an ihre Kunden verschenken können. „Mit ,E-Tüpfelchen‘ möchten wir den Verkauf von E-Books über das Sortiment ein großes Stück voranbringen“, sagt Ronald Schild, Geschäftsführer der MVB Marketing- und Verlagsservice des Buchhandels GmbH, die libreka! betreibt.

Sprich: der Kunde soll seine E-Books nicht einfach über das Internet suchen und herunterladen. Die 4500 stationären Buchhändler müssen auch einbezogen werden – schließlich sind sie ja im Prinzip Miteigentümer von Libreka. Aber wie läuft die Aktion konkret?

Mit jedem neuen E-Book-Kunden profitiert auch der Buchhändler: Ist er libreka!-Partnerbuchhändler und damit kostenlos als E-Book-Verkäufer in libreka! gelistet, erhält er bei jedem weiteren E-Book-Kauf dieser Neukunden die jeweilige Verkaufsprovision.

Sprich: wenn ich einmal einen Gutschein von Händler X bekommen habe, bekommt er für alle weiteren elektronischen Bücherkäufe eine Provision. Obwohl er mich weder beraten hat, noch ein Buch bestellt oder irgendetwas beigetragen hat zum Buchkauf.

Ob das so tatsächlich im Sinne der Kreativen ist, für deren Schutz doch das Urheberrecht ständig verschärft werden soll? Und die eher selten ein so gesichertes Auskommen haben wie ein etablierter Buchhändler? Aber auch die Buchhändler sollten sich Sorgen machen: wie viele Jahre zahlt Libreka wohl, wenn denn die Kunden nicht mehr in die Läden kommen? Wie lange kann eine überkommene Vertriebsstruktur durch Quersubventionierung aufrecht erhalten werden?

Die Alternative klingt aber auch nicht so toll: die Kunden laden Bücher direkt auf ihren Kindle und Amazon steckt die Provision ein, die sonst der Buchhändler bekommen würde. Und der Preis ist gedeckelt, um den – ebenfalls weitgehend beratungsfreien – Massenverkauf zu fördern.

Proselyten

Jürgen Kuri hat einen interessanten Artikel über die notwendige Aufklärung im digitalen Zeitalter geschrieben.

Die ideologiegetränkten Debatten Internet-Versteher vs. Endzeit-Propheten unter gelegentlichen Einwürfen eines Internet-Ausdruckers vulgo: Internet-Nichtverstehers sind nur noch langweilig. Und letztlich selbstreferentiell – stehen doch auf beiden Seiten selbst ernannte Eliten, die den Mob lediglich als positiv besetztes oder schrecklich dräuendes Proselyten-Material ansehen. Der Mob schaut verwundert ob der Misse- oder Wundertaten, die ihm da zugeschrieben werden. Seiner Wege zu ziehen aber fällt ihm schwer: In dieser digitalen Welt fehlen allzu oft genau die Informationen, um die Entscheidung fällen zu können, welche Misse- oder Wundertat denn nun als nächstes zu vollbringen ist.

Für die Feuilleton-Nichtversteher eine kurze Erklärung: Die Proselyten sind die total Überzeugten, die dennoch nicht ganz verstanden haben, was der Kern der Sache ist. Diejenigen, die jedem ein Du hast das Internet nicht verstanden ins Gesicht schleudern, wenn sie mit einer Ansicht konfrontiert werden, die in Ihrem selbst gewählten Twitter-Umfeld sonst nicht gepflegt wird. Die ein Argument nicht von einer Ansicht unterscheiden können. Die zum Beispiel „Respekt vor dem Selbstmord“ fordern, da sie nicht verstehen, was simpler Anstand bedeutet aber irgendwo mal etwas von „Respekt“ und „Tod“ gehört haben.

Statt mentale Filter einzurichten, die Sinn von Unsinn, Banalität von Relevanz, Provokation von Argumentation trennen, ist es viel bequemer sich einen Filter nach dem Weltbild einzurichten. Es ist nicht wichtig, was genau jemand gesagt hat, wichtig ist zuerst die Haltung. Ist ein Artikel für oder gegen die Piratenpartei? Geht es um menschengemachte globale Erwärmung oder Klimaverschwörung? Ist Apple das Beste der Welt oder ihr Untergang? ARD == GEZ. Und die Politiker sind alle Gauner! Schublade auf, Denken ist optional.

Wenn man sieht, welche Links in Twitter ständig weitergereicht werden, was ganz oben auf der Linksuppe schwimmt, wird man wenig optimistisch. Denn wer geklickt werden will, sollte sich ins Extrem flüchten. Auf die größten Peinlichkeiten der Gegenseite zeigen und den Rest tunlichst ignorieren. Das ist nicht nur einfach, es will plötzlich auch jeder mitreden. Und ganz langsam ist das Extrem der Debatte dann der Konsens des eigenen Umfelds. Und mit den Leuten am anderen Ende der Debatte, da wollen wir erst gar nicht reden. Das sind Internetausdrucker, die sind einfach #fail.

Vor ein paar Wochen hatte ich die Gelegenheit mit Jimmy Wales zu sprechen. Der schlug einen einfachen ersten Schritt auf dem Weg zu einer gesitteten Debatte vor:

Man darf nicht nur die Leute zurechtweisen, die anderer Meinung sind. Ab und zu sollte jeder sagen: Ich stimme Dir sachlich zu, aber Du solltest andere Leute nicht so anfahren. Es gibt aber kein Allheilmittel, kein Computerprogramm, das erregte Debatten findet. Im Wesentlichen müssten wir alle uns darum kümmern, eine gesittete Debatte zu führen.

Koschere Handies sind offline

Man denkt ja zuweilen, das Internet deckt alle kulturellen Unterschiede zu, bis wir alle unter dem Banner der LOLCats vereint sind.

Dass es in anderen Ländern tatsächlich noch andere Sitten gibt, zeigt dieser Artikel der israelischen Tageszeitung Haaretz über den Kampf ultraorthodoxer Rabbiner gegen das Internet

The Israeli rabbis first came out against Internet use in January 2000, when more than 30 Haredi leaders forbade Internet connections at home. Back then, the main concern was the easy availability of online pornography. The ban was not particularly controversial, as Israeli Haredim had long accepted a similar ban on owning television sets.

Many Haredim, however, circumvented the ban by using 3G phones, which allowed Internet access – until the rabbis forced them to buy „kosher-certified“ sets in which the Internet feature was disabled.

Damit hatten sie aber keinen Erfolg, was zum Beispiel am rasanten Aufstieg von Online-Angeboten speziell für ultraorthodoxe Juden (Haredi) zu sehen ist, auf denen doch tatsächlich über die Sinnhaftigkeit solcher Vorschriften diskutiert wird. Also ziehen die religiösen Führer die Daumenschrauben an:

The December order from senior rabbis – including top Haredi authorities like Yosef Sholom Elyashiv and Aharon Leib Shteinman – instructed their followers not to visit Haredi Web sites, which they said were full of „lies,“ „gossip“ and „abominations.“ Crucially, they also instructed Haredi schools not to admit any child whose parents are involved in such Web sites.

(Danke, Mathias)

Verbotsvermehrung

Bereits 2007 verbot Zürich Handies auf dem Schulhof, weil sich die Kinder ja mit Handykameras mobben könnten.

Ein toller Erfolg, wenn man nach dem Schuldepartment geht – heute zweifelt niemand mehr dieses Handyverbot an. Sagt das Department. Nur ein kleines Problem gab es da: woher soll der Lehrer wissen, ob der Schüler ein iPhone oder einen iPod touch hat? Man kann ja nicht erst warten, bis das Kind vom Happy-Slapping-Drang getrieben seine Mitschüler vermöbelt und dann einschreiten.

Fürwahr – eine knifflige pädagogische Frage. Doch die Lösung liegt so nah:

Die neue Hausordnung verbietet in den Stadtzürcher Schulen ab Sommer alle elektronischen Geräte. Grund für diese Ergänzung ist, dass sich die Geräte optisch immer ähnlicher werden, ein MP3-Player heute also wie ein Mobiltelefon aussieht.

Das verbot beseitigt nicht nur die Zweifel über die Art eines Geräts, sondern ist auch pädagogisch wertvoll.

«Die Kinder sollen miteinander reden, sich entspannen», sagte Caprez weiter. Elektronische Geräte seien dabei nicht förderlich.

Nächste Folge: Schokoriegel sehen doch verdächtig nach kleinen MP3-Playern aus. Und sie sind der gesunden Ernährung Heranwachsender sicher nicht förderlich.