Brave: Push-Nachrichten für Cents

Ex-Mozilla-Manager und JavaScript-Erfinder Brandon Eich will mit seinem chromium-basierten Browser Brave das Web umkrempeln. Brave hat nicht nur einen Werbeblocker integriert, sondern soll auch über eine Crypto-Währung einen neuen privatsphäre-schonenden Werbemarkt aufbauen. Im Prinzip ähnelt Brave hier dem Geschäftsmodell von Adblock Plus: Der Werbeblocker verdient sein Geld mit Werbung. Dabei sollte Brave jedoch etwas weiter gehen. So beschrieb CNet.com vor drei Jahren den Plan:

Brave blocks ads from websites and eventually will insert new ads targeted toward user interests by software running in the browser itself. Those ads won’t affect page performance or come with privacy concerns. Brave will share ad revenue with publishers — and with the people using its browser.

Vor ein paar Wochen begann nun Brave in der Desktop-Version Werbung auszuliefern, nun zog die Mobil-Version nach. Die ursprünglichen Pläne musste Eich deutlich reduzieren. So hat er offenbar zu wenig Unterstützung von Publishern gefunden, die ihre existierende Werbung durch Brave-Werbung ersetzen lassen wollen. Einfach ohne Zustimmung die Werbung auszutauschen dürfte teure Klagen nach sich ziehen.

Also geht Brave den anderen Weg: Auf dem Desktop liefert der Browser Werbung in Form schmuckloser Popup-Nachrichten am unteren Bildschirm, auf Android-Smartphones erscheint die Werbung in Form von Push-Notifications. Da diese Werbung nicht auf den Websites selbst erscheint, muss Brave den Publishern auch nichts von den Einnahmen abgeben.

Problem daran: Brave würde die Publisher sehr gerne einbeziehen. Das anvisierte Geschäftsmodell basiert darauf, einen Werbemarkt auf der Kunstwährung BAT aufzubauen. Werbetreibende kaufen Werbeflächen mit BAT, Publisher und Nutzer bekommen BAT ausgezahlt. Brave könnte dann über Währungsgeschäfte ihr Geld verdienen.

In dem Browser ist auch ein Flattr-haftes Vergütungssystem eingebaut. Fernziel: In Zukunft könnten sogar Abogebühren in BAT abgerechnet werden. Ein Milliardengeschäft, bei dem Brave nur die Hand aufhalten müsste.

Momentan sieht es also so aus: Nutzer bekommen für jede aufpoppende Werbung ein paar Cents in der Kunstwährung auf ihre im Browser installierte Wallet geschrieben. Dieses Geld wird aber in der Voreinstellung direkt weiterverteilt an Publisher, die sich an dem BAT-Programm beteiligen. Ich habe aber nur zwei Medienseiten gefunden, bei denen das der Fall ist: The Guardian und die LA Times. Bei allen anderen Websites steht „not yet verified“ – sprich: Die Betreiber finden Brave nicht mal relevant, interessant oder sympathisch genug, um Geld von ihnen anzunehmen. Und das bedeutet: Viel zu wenig Geld kommt rein und viel zu wenig Geld geht raus.

Also versucht Brave den Markt anzukurbeln. Den Usern wird immer mal wieder ein Betrag in BAT auf die Wallet aufgebucht. 5 BAT hier, 10 BAT da. Doch das Geld kann ich mir als User nicht in Dollar oder Euro auszahlen lassen – die Funktion fehlt in Brave wohlweislich. Vermutlich kann ich irgendwie versuchen, die BAT aus meinem Browser herauszueisen — aber bei den geringen Beträgen ist der Aufwand wohl kaum gerechtfertigt. Die Beträge reichen aber aus, um einen Markt zu simuliert, in dem Brave-Nutzer eine nachhaltige Einkommensquelle darstellen, weil diese Geld einzahlen oder durch freiwillig angesehene Werbung relevante Beträge verdienen. Würden Brave sein Pseudo-Geld nicht verschenken, gäbe es wohl kaum Geschäftsaktivität. Die ersten Werbekunden sind folgerichtig auch meist irgendwelche Kleinfirmen, die im Markt der Pseudowährungen unterwegs sind.

Alles in allem: Ich sehe hier zwar eine Strategie, ein auf Spekulationsgewinnen aufbauende Geschäftsmodell für Brave zu etablieren. Was ich nicht sehe: Einen gangbaren Weg zu besserer und privatsphäre-schonender Werbung. Zum einen sind Pop-Ups einfach nervig, die Antithese zu besserer Werbung. Zum anderer wird mit der BAT-Wallet im Browser hat Brave den Nutzern ja eine Art Super-Tracker verpasst: Eine eindeutige ID, an die sich alle Nutzungsgewohnheiten, gesehene Werbung und schließlich auch vollzogene Käufe koppeln lassen könnten, wenn es denn so käme, wie Brave will. Nach drei Jahren sieht es aber nicht so aus, als sei dies noch eine realistische Erwartung.

Die Lachkonserven-Verschwörung

Ich mag Sitcoms. Das heißt: Ich mag nicht jede Sitcom, ich mag vielmehr das Medium.

Was mich immer wieder erstaunt: An sich intelligente und medienkompetente Menschen teilen immer wieder diese YouTube-Videos. „XYZ – No laugh track“ und meinen, sie hätten damit ihrem Umfeld eine ungeahnte Wahrheit mitgeteilt. Der Gag ist immer der gleiche: Szenen aus bekannten Comedy-Serien werden hier gezeigt, bei denen das Gelächter fehlt, das noch in der Sendefassung zu hören war.

Der Effekt ist enorm und eigentlich ganz lehrreich: Was vorher wie eine halbwegs natürliche Dialogsituation erscheint, wirkt nun plötzlich wie das Schulungsmaterial für Leute, die sich beruflich mit psychotischen Episoden und Zwangsstörungen befassen müssen. Die Leute auf dem Bildschirm pausieren plötzlich alle paar Sekunden nicht nachvollziehbaren Gründen und starren sich für unkomfortabel lange Zeitspannen in die Augen. Oder sie wiederholen ihre Gesten drei, vier Mal — ohne jeden ersichtlichen Grund.

Die Lehre, die man daraus ziehen kann: Timing spielt eine enorme Rolle, ob ein Witz funktioniert oder nicht. Du kannst Dir den besten Witz der Welt ausgedacht haben — wenn Du ihn auf der Bühne mit einer leicht falschen Betonung, mit einer falsch gesetzten Pause präsentierst, ist er plötzlich nicht mehr halb so witzig. Oder sogar: gar nicht mehr witzig. Nichts ist auf einer Bühne so schlimm wie eine lange Stille, wo du eigentlich mit großem Gelächter gerechnet hast.

Sitcoms sind eine Lüge!

Die Lehre, die jedoch die meisten daraus ziehen, ist jedoch eine ganz andere: Sitcoms sind eine Lüge! Niemand lacht in TV-Studios und die Witze, die wir auf dem Bildschirm sehen, sind überhaupt nicht witzig! Wir lachen einfach nur, weil andere lachen. Wir sind halt soziale Wesen und TV-Sender sind Lügner. Doch tatsächlich sind diese „No laugh track“-Videos eine Lüge, die den Zuschauer auf eine falsche Spur schicken.

Um es klar zu sagen: Ja, es gibt Lachkonserven. Und ja, insbesondere wenn wir die deutsche Synchronisation einer US-Sitcom sehen — vermeidet das, wenn immer möglich — hören wir Gelächter aus der Dose. ABER: Bei den großen Produktionen wie Friends oder The Big Bang Theory ist das Lachen eben nicht nur eine Akustiktapete, die dem Publikum zu Hause etwas vormachen soll. Nein, diese Shows werden tatsächlich vor einem Live-Publikum aufgezeichnet. Das ist auch der Grund, warum die Leute in Sitcoms so oft auf ihrem Sofa im Wohnzimmer sitzen. Das Sofa steht auf einer Bühne vor Zuschauerrängen. Und darauf sitzen — wie der Name sagt — Zuschauer und lachen sich einen Ast ab, sie jauchzen, manchmal stöhnen sie sogar vor Sympathie.

Die Wahrheit ist: Sitcoms sind eine Art Broadway-Show. Das ist tatsächlich so, denn genau hier entstand das moderne Fernsehen. Und die Produktionsweise hat nicht nur historische Gründe. Es ist die Live-Performance, die vielen Schauspielern überhaupt die Energie bringt, um eine tolle Performance zu bieten. Sie lesen die Stimmung des Publikums, sie verbessern ihr Timing, sie probieren Grimassen und lustige Tänze aus. Sie sind da ähnlich wie Late Night Shows oder Saturday Night Live. Es ist — wie hier sehr schön beschrieben wird — theater with do-overs.

tl;dr: Sitcoms sind eine Kunstform. Und die vielen „No laugh track“-Videos sind ein billiger Taschenspielertrick, der das Gegenteil von Medienkompetenz vermittelt.

Verlage in der Tracking-Falle

Website-Betreiber, die Umsätze erwirtschaften müssen, befinden sich zunehmend in einer schwierigen Lage. Während das Publikum Werbeblocker und Anti-Tracking-Techniken einsetzen, verlangen Werber und Werbeindustrie immer mehr Daten, Skripte und Kontrolle. Nach der Verleihung des Big Brother Awards an Zeit Online hat Mathias Eberl bei Verlagen für das Magazin des DJV Hessen nachgefragt, wie sie es denn mit dem Tracking halten. Und tatsächlich antwortete ein Verlag ziemlich offen:

Die überraschendste Antwort kam vom Ippen-Verlag, der auch die HNA-Website verantwortet: Man gab unumwunden zu, dass man technisch und juristisch nicht mehr die Kontrolle über alle eingebetteten Skripte von Drittanbietern habe. Die Kritik sei richtig. Der Verlag wies darauf hin, dass man bereits seit Jahren versuche, gegen die Unart sogenannter Parasiten-Skripte vorzugehen.

Das zeigt: Nach Jahren der Debatte um bessere Werbung sind wir immer noch am Punkt Null. Google hatte mit der Coalition For Better Ads einen Schulterschluss der gesamten Industrie versucht. Doch augenscheinlich ist die Offensive für bessere Werbung im Sande verlaufen. Zwar habe ich schon ewig keine Werbung mehr gesehen, die ungefragt laute Werbespots ausspielt. Aber andere Werbeformen kommen zurück – wie zum Beispiel das Banner, das sich beim Scrollen über den gesamten Handybildschirm legt.

Wie geht es weiter: Einerseits wurde eine neue Organisation gegründet, die sich nun ganz auf die Bedürfnisse der Werbekunden spezialisiert. Zum anderen macht Google sich nun ohne die Allianz daran, Werbeauswüchse in Chrome zu bekämpfen. So soll verlleicht ein neuer Adblocker eingebaut werden, der allzu fette Skripte ratzeputz rausfiltert. Und die Datenschützer werden sich auch noch melden.

Für Verlage heißt das auch: Wenn sie nicht in den Griff bekommen, was über ihre Webseiten ausgeliefert wird, könnte das recht bald zu teuren Umsatzverlusten führen.