Embracing Post Privacy – Datendienstleister

Ich hab mir eben per Stream plomlompoms Vortrag Embracing Post Privacy angehört. Grundthese: Die Privatsphäre ist nicht mehr zu retten – das sollten wir jedoch als Chance sehen und die neuen Möglichkeiten der allumfassenden Information. Ganz nette Ideen – manche vielleicht etwas sehr naiv, alle leider viel zu theoretisch.

Schon heute lernen wir immer mehr Möglichkeiten, ungehobene Datenschätze zu nutzen. Warum zum Beispiel aufwändige Verkehskontrollsysteme installieren, wenn quasi jeder Autofahrer einen Peilsender – ob Handy oder Bordcomputer – bei sich hat, der als Abfallprodukt Auskunft über Verkehrsflüsse geben kann?

Wenn wir schon Daten konsequent nutzen, ist es Zeit für ein neues Berufsfeld. Der Datendienstleister. Und zwar ein Dienstleister, der nicht nur im Auftrag von Versicherungen und Direktmarketing-Unternehmen arbeitet, sondern für mich, den Kunden. So könnten zum Beispiel die aussterbenden Videotheken in diese Lücke vorstoßen. Statt nur physische Datenträger zu bevorraten könnte sich jede Videothek einen Datenschrank einbauen, der meine Kundendaten verwertet und mir andere Daten zugänglich macht. Simples Beispiel: Wir haben immer mehr Musik ohne physischen Datenträger. Ein Blitzeinschlag zur falschen Zeit und Tausende Euro an Informationen sind weg. Wenn ich hingegen die Musiksammlung bei meiner Videothek um die Ecke sicher verwahren kann, wäre das eine interessante Dienstleistung.

Ich sehe großes Potenzial in dezentralen oder lokal verankerten Datendienstleistert. Last.FM beweist, das das Verknüpfen möglichst vieler oberflächlicher Daten eben nicht zum ultimativen Musikgenuss führt. Nebeneffekte wie die Kleinigkeit der Finanzierung solcher Dienste spielen natürlich auch eine Rolle. Ich zahle in der Regel lieber direkt als über versteckte Provisionen.

Wie wäre es also, wenn man lokal seinen Multi-Media-Dienstleister hat? Man zahlt pro Monat wie im Fitness-Club – dafür kann man zu den Öffnungszeiten hineinschneien und fragen wie das Lied mit dem „laaalaaalaaa love youuuuuu – siewissenschon“ heißt. Und bei dem sich die Tatort-Fans versammeln können, die dann – dank Koordination des Datendienstleisters – jeden Sonntag abend eine Premiere-Bar erobern und dort das Erste einschalten. Der Vorlieben erkennen kann und sie jenseits einer SQL-Datenbank verknüpfen kann.

Idiotensteuer?

Die taz interviewt Lotto-Forscher Mark Lutter:

Lotterien sind staatliche Veranstaltungen, bei denen 39 Prozent der Einnahmen garantiert einbehalten werden. Der Staat hält das Lottomonopol, er stellt das Spiel sogar unter Strafe, wenn er selbst nicht beteiligt ist. Nur die Hälfte des Erlöses schüttet er wieder aus, 13 Prozent gehen in die Verwaltung, den Rest behalten die Finanzminister. Man kann das Lotto als Steuer ansehen.

Interessanter Ansatz. Gleichzeitig führt Lutter aber auch aus, dass sich die meisten Spieler mit einem Lotto-Los ganz bewusst den Eintritt in eine Fantasiewelt erkaufen. Eigentlich ist das ein ganz rationales Geschäft: Kino kostet ja auch Geld und wir bekommen dort nicht wirklich radioaktive Spinnenmenschen und Laserschwerter zu sehen. Und wenn der Glücksspiel-Anbieter die Adresse der Spieler nicht an 1000 Adresskarteien verkauft, ist der Lottoschein sogar ein Schnäppchen.

Allerdings verhält sich die staatliche Seite auch allzu rational. Zwar schreiben sich die staatlichen Glücksspielveranstalter vor allem den Schutz vor der Spielsucht auf die Fahnen, ihr primäres Interesse gilt jedoch den eigenen Annahmen. In einer Pressemitteilung beklagten sie vor kurzem den Rückgang der Spieleinsätze:

Im Jahresverlauf 2008 ist bislang kein einziger Lotto-Jackpot über 20 Millionen Euro zu verzeichnen. 2007 sorgte insbesondere der Jackpot in Höhe von 45,3 Millionen Euro im November und Dezember für eine Steigerung der Spieleinsätze, die nun niedriger ausgefallen sind.

„Wir durchleben schwierige Zeiten. Die Finanz- und Wirtschaftskrise geht auch am Glücksspiel nicht spurlos vorbei“, sagte Dr. Friedhelm Repnik, Geschäftsführer der Staatlichen Toto-Lotto GmbH Baden-Württemberg und derzeitiger Federführer des Deutschen Lotto- und Totoblocks. „Die Höhe der Spieleinsätze hängt zu einem großen Teil vom Lotto-Jackpot ab. Und ob der Jackpot geknackt wird oder über 20 Millionen Euro steigt, ist rein zufallsabhängig“, so Repnik weiter.

Nunja – nicht ganz zufällig. Denn just die umsatzfördernde Gewinnsumme von 20 Millionen Euro gibt es zu Silvester im Extra-Lotto zu gewinnen.

Für ein sicheres Internet – Pornokurse an der VHS

Gestern war ich bei einer Veranstaltung des Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik. Mein Eindruck: So ganz genau wissen selbst die Experten nicht, wie man die Nutzer dazu bringt, ihren Rechner sicher zu halten. Der Psychologe Werner Degenhardt plädierte dafür, die Aufklärung weniger steif zu gestalten, den Nutzer da abzuholen, wo er ist. Nur wenn man konkretes Verhalten trainiere, wenn man dem Nutzer Anreize gibt, könne man von ihm eine Verhaltensänderung erwarten.

Der Gedanke ist sicher richtig. Verbinden wir das mit Erfahrungen aus der Praxis: Ein Rechner kann heute zwar auf Tausende Arten verseucht werden – von verseuchten PDF-Dateien bis zu Festplatten, die mitsamt Virus ausgeliefert werden. In der Praxis sind die Ursachen jedoch nicht so vielfältig: Wenn ein Rechner so richtig schön voll mit Trojanern ist, findet man in der Browserhistorie meist Dutzende von Pornoseiten. Oder der Betreffende hat ein halbes Dutzend Filesharing-Programme am Laufen, um sich immer die neuste Musik herunterzuladen.

Sicher ist das eine Pauschalisierung, aber solche Fälle sind nicht gerade selten. Was also tun? Dem Usern noch ein paar Tausend Mal dazu anraten, alle Sicherheitsmaßnahmen anzuhalten? Ihm das Pornosurfen verbieten? Seien wir ehrlich: wir haben es probiert, und es funktioniert einfach nicht.

Logische Konsequenz: wir sollten jeden Porno-und-Warez-Surfer richtig ausbilden. Statt die Pornografie hinter immer höheren Jugendschutz-Mauern zu verstecken, öffnen wir die wunderbare Welt des ewigen In-and-Out, der 18 verschiedenen Stellungen in 10 Minuten, der ach so glaubwürdigen Geschichten der girls next door. Lasst uns Volkshochschulkurse einrichten, in denen Porno-Surfen gelehrt wird. Und dazu ein Lehrgang im Raubkopieren für Anfänger und Fortgeschrittene. Nur so können wir den Spam und die Botarmeen vielleicht auf ein erträgliches Maß reduzieren.

Headhunting anders herum

StudiVZ hat einige Stellenanzeigen auf seiner Webseite. Zum Beispiel suchen sie einen Vice president Sales. Aus dem Profil:

Der richtige Kandidat gehört zu den ausgewiesenen Top 20 Online-Werbevetriebsprofis im deutschen Internet. Sie/Er ist zzt. in führender Vertriebs- und Umsatzverantwortung bei einem großen, werbefinanzierten Online-Medium oder bei einem der großen Vermarkter

Wäre es nicht effektiver die Top 20 der Branche direkt anzusprechen als darauf zu warten, dass die bei StudiVZ vorbeischauen?

PS: Bei einem Vertriebsleiter „truth-seeking“ zu verlangen ist entweder Ironie oder ein mir unbekannter Fachterminus. Die höchsten Prioritäten kommen wie bei den AGB am Ende:

Hunger und Lust auf ehrgeizige (Umsatz-)Ziele und deren unbedingtes Erreichen

Für YouTube sterben

Tagesschau.de berichtet über einen Angestellten einer Fast-Food-Kette, der einen bewaffneten Räuber mit einer Tasse voll Kleingeld in die Flucht schlug.

Was bewog den Angestellten nun, sein Leben für die Tageseinnahmen zu riskieren? Die Antwort gab Hoffmann der Zeitung „The Record“: „Ich wollte gut aussehen, falls das Überwachungsvideo auf YouTube auftauchen sollte.“ Die Furcht, auf der beliebten Heimvideo-Internetseite als Feigling zu erscheinen, war größer als die Angst vor dem Verbrecher. Zum Glück überlebten der Held und seine treue Tasse den Vorfall ohne größere Blessuren Zwar konnte der Räuber mit 290 Dollar ca. 200 Euro fliehen, Hoffman gelang es aber immerhin, ihm vorher noch seine Baseballmütze zu entreißen und ein paar blaue Flecken zu verpassen.

Hardware auf Abo-Basis

Gizmodo ist enttäuscht vom iPhone. Doch eins hält der Autor Apple zu Gute:

It’s understandable for Apple to wage a war on unlocking the iPhone, since the company shares revenue from fees with AT&T.

Es mag verständlich sein, dass eine Firma viel Geld verdienen will. Dass eine Hardware-Firma einen Computer – nichts anderes ist das iPhone – so verdongelt, dass selbst die treuesten Fans die Schnauze voll haben, ist weniger verständlich.

Hätte Apple mit dem reinen Geräteverkauf keinen ordentlichen Schnitt machen können?

Geschichte wiederholt sich

Aha. Firefox-Nutzer sollen wegen Werbeblockern geblockt werden. Tolle Aktion.

Gabs aber schon 2001:

Wer Werbung blockt, wird nach den Plänen der Firma mediaBeam GmbH in Zukunft selbst geblockt und darf keine kostenlosen werbefinanzierten Angebote mehr sehen. „In Zeiten von ISDN und DSL dürften die echten Gründe für das Unterdrücken von Werbung wirklich der Vergangenheit angehören!“ meint die Firma.
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[….]In ihrem Kampf, die Werbung auf den Schirm und in das Hirn des Surfers zu schieben, konnten sie bereits einen ersten Erfolg erringen: DirectBox, der eigene Freemailer in der Art von Web.de oder GMX, versagt Werbeverweigerern den Dienst. Dort wird diesen freundlich mitgeteilt, dass sie ihre Tore bitte ganz schnell wieder für die Werbefluten öffnen sollen. Auch wer keine Bilder anzeigt, bleibt außen vor. Die Software prüft also anscheinend, ob die Bannerbilder übertragen wurden.

Mediabeam gibt es immer noch. Vielleicht können die ja Mal den Firefox-Blockern auf die Finger klopfen. Schließlich hatten sie die Werbeblockerblockade durch ein Geschmacksmuster schützen lassen.

PS: Ich habe Mediabeam um Stellungnahme gebeten. Die wurde zugesagt, verschoben und dann offenbar vergessen.

Was spricht gegen die Schriftform?

Günter Wallraff erzählt in der Zeit noch einmal das Elend des Call-Center-Wesens. Drogenmissbrauch, Ausbeutung – entweder geht der Kunde oder der Käufer bankrott. Und er hat eine Lösung parat:

Wallraff: Ich schließe mich den Forderungen der Verbraucherverbände an: Verkaufsabschlüsse am Telefon dürfen nicht rechtswirksam sein, sondern bedürfen der Schriftform.

Was spricht eigentlich dagegen? Weniger Umsätze beim Teleshopping?

Ein Sendeplatz für Sat1 am Mittag

ARD und ZDF haben heute die Berichterstattung von der Tour de France eingestellt. Tja. Trotzdem läuft grade im Ersten noch die angekündigte Sportschau – vier Stunden, die jetzt wohl mit Doping-Berichten gefüllt werden. Hauptsache, es sind keine radelnden Apotheken zu sehen. Das ist nicht etwa lächerlich, sondern konsequent.

Da jetzt kurzfristig viel Sendeplatz frei wird, könnte man der entlassenen Redaktion von Sat1 am Mittag doch ein Asyl geben. Die engagierten Mitarbeiter haben sich noch ein paar Straps-Tests vorproduziert und können sicher kurzfristig für das angeblich ältere öffentlich-rechtliche Publikum über Themen wie „Kamasutra bei Blasenschwäche“ improvisieren.