Warum wir aus #varoufake nichts lernen werden

Die Schmach von Jan Böhmermann mit Ansage veräppelt worden zu sein, ist am Publikum vorbeigegangen. Stefan Niggemeier sagt, er lernt aus der Episode. Viele sagen das. Aber wir als Ganzes — als Individuen, die sich zu Timelines organisieren — wir werden nichts lernen.

Ein simples Beispiel: Zur Sonnenfinsternis hatte ich tatsächlich ein Fake-Bild retweetet, ein dämlicher Impuls. Selbst ein flüchtiger Blick hätte mir sagen müssen, dass es eigentlich nicht so sein konnte, wie das Bild zeigte. Kein Beinbruch: Sofort sagte mir jemand Bescheid, ich entfernte den Retweet und postete stattdessen den Link auf die Erklärung, was es mit dem Bild auf sich hatte.

Doch ich handelte in der Logik der Retweets und Social-Media-Rankings absolut irrational. Ich hätte beide Versionen verbreiten sollen. Guckt mal, so sieht die Sonnenfinsternis im Weltall aus. Und dann hätte ich mich darüber profilieren sollen, dass ich den Fake enttarne.

Wie es zum Beispiel Martin Oswald tat, der das Bild nicht einfach retweetete, sondern ohne Quelle mit seiner eigenen Beschreibung verbreitete. Oswalt weist sich in seiner Twitter-Biographie als Journalist, Community Manager, Dozent für New Media und obendrein als Leiter der Online bei den Schweizer Sendern SRF1 und SRF3 aus.

https://twitter.com/oswaldmartin/status/578846689500536832

Wie ich wurde Oswald sofort auf den Fehler aufmerksam gemacht. Und er wurde gebeten das Bild doch zu löschen. Seine Antwort hat mich ehrlich gesagt etwas schockiert.

Hier klicken, um den Inhalt von Twitter anzuzeigen.

Selbst als er auf Twitter schließlich zustimmt, dass diese Ausrede falsch sei, gibt er sich nur einsichtig — löscht aber den Tweet nicht. Es ist schließlich schön und populär. Warum sollte sich ein Journalist also drum kümmern sein Publikum richtig zu informieren? Er hätte auf die ganzen Retweets und „Favs“ verzichten müssen, die ihn als Influencer kennzeichnen. Und der Influencer-Status ist im Was-mit-Medien-Geschäft bares Geld wert. Wenn ich kein Influencer bin, interessiert es ja keinen, wenn ich mal die Wahrheit sage.

Ein banales, alltägliches Beispiel. Aber es zeigt sehr schön, wie wir in Mechanismen gefangen sind, die Fakten als unwichtig einstufen. Sie dienen oft nur noch als Inspiration dafür, wie man Leute polarisieren, aufbringen oder begeistern kann. Was auch wieder eine polarisierende Formulierung ist — denn frei nach der Brechtschen Radio-Theorie polarisieren wir uns mittlerweile selbst.

Zurück zu #varoufake: Auch mehrere Tage nach dem Ereignis schwirrt immer nur dieser Finger durch meine Timelines. Obwohl sich alle einig sind, dass der Finger ein Nicht-Thema ist, scheint die Debatte nur noch um ihn zu kreisen. Die griechische Regierung hat die Troika aus dem Land gewiesen. Nun beginnt endlich die schmerzhafte Auseinandersetzung, wie Varoufakis ein Steuersystem schaffen will, das den Abzockern keine freie Hand mehr gibt. Auf Plattformen wie rivva.de habe ich dazu keinerlei Debatte gesehen.

Stattdessen finde ich hier grade eine ganze Reihe von Artikeln, die sich mit dem aktuellen Spiegel-Cover beschäftigen. Und obwohl wir wissen, dass das Diskussionen sind, die nur ablenken, obwohl Günther Jauch mit viel Kopfnicken als Symbol der Überforderung identifiziert wird, werden auch heute abend viele einschalten, um sich polarisieren zu lassen.