Audacity of Streaming

Die GVU wedelt mit einem Damoklesschwert über den Köpfen der Nutzer von Kino.to und anderen Streamingseiten.

Beim Streaming werden in der Regel Zwischenspeicherungen auf dem eigenen Rechner durchgeführt, um den Film störungsfrei wiedergeben zu können. Das ist rechtlich eine Kopie. Eine Kopie von einer illegalen Vorlage – worum es sich bei den Filmen über kino.to regelmäßig gehandelt hat – ist selbst auch immer illegal. Die Nutzung von illegalen Streams über illegale Portale wie kino.to ist somit selbst illegal.

Die Diskussion, ob Kopien im Flash-Zwischenspeicher illegal sind, ist sicher juristisch hoch spannend. Aber ich glaube nicht, dass die GVU oder die Filmindustrie mittelfristig zu dem Mittel greifen, die Nutzer von Streaming-Portalen wie kino.to zu belangen. Ein Grund: der Schaden ist viel zu gering. Bei der Nutzung von Tauschbörsen lädt der Nutzer die Dateien, die er herunterlädt gleichzeitig wieder ins Internet hoch. So konnten die Rechteverfolger absurd anmutende Schadenssummen konstruieren, die als Abschreckung fungieren sollten und gleichzeitig die Unterstützung der Justiz sicherte.

Doch was soll man für jemanden berechnen, der sich eine Folge von The Big Bang Theory angesehen hat? 2,49 € kostet die Folge im iTunes Store, aber das ist kein guter Vergleichspreis. Denn die iTunes-Datei steht mir zum beliebigen Ansehen bereit, dank iCloud sogar auf unterschiedlichen Geräten, auf dem HD-Fernseher genauso wie auf dem iPad. Was also kostet das einmalige Ansehen der einen Folge im Browser? 99 Cent? Nein, das ist der Preis für das Streamen eines ganzen Films bei iTunes. Also 30 Cent? Das klingt realistisch. Wenn Richter für diese Schadenssummer des eindeutig privaten nicht-gewerblichen Gebrauchs eines Trivialprodukts die IP-Adressen von Nutzern herausrücken, dann können wir das Telekommunikationsgeheimnis ganz abschaffen.

Wichtiger aber ist: Woher weiß der Nutzer heute noch, was denn ein illegaler Stream ist? Ich hab kurz vor der Abschaltung nur einmal auf kino.to geguckt. Die direkt aufpoppende Sexcam-Werbung war sicher ein Indiz für ein unseriöses Angebot. Aber seien wir ehrlich: das Nachtprogramm der völlig legalen Privatsender sieht nicht besser aus.

Argumentieren wir mit dem gesunden Menschenverstand: Ein Stream einer TV-Sendung völlig umsonst, das kann doch nicht legal sein? Oder um es mit dem §53 des Urheberrechts zu sagen:

Zulässig sind einzelne Vervielfältigungen eines Werkes durch eine natürliche Person zum privaten Gebrauch auf beliebigen Trägern, sofern sie weder unmittelbar noch mittelbar Erwerbszwecken dienen, soweit nicht zur Vervielfältigung eine offensichtlich rechtswidrig hergestellte oder öffentlich zugänglich gemachte Vorlage verwendet wird.

Doch was ist offensichtlich illegal? Muss der Nutzer annehmen, dass das, was in den USA auf Hulu.com legal ist, hierzulande offensichtlich illegal ist? Hier in Deutschland darf man US-Serien nur sehen, wenn man Apple dafür bezahlt. Oder Amazon. Punkt.

The Daily Show With Jon Stewart Mon – Thurs 11p / 10c
C#@k-Blocked Roundup – Yemen
www.thedailyshow.com
Daily Show Full Episodes Political Humor & Satire Blog The Daily Show on Facebook

Hoppla, wie konnte ich also wagen, diese aktuelle Folge von „The Daily Show with Jon Stewart“ hier in mein Blog zu packen? Ganz einfach: Es ist legal. Und wenn man hier klickt, bekommt man alle Southpark-Folgen umsonst auf den Rechner gestreamt. Warum ist das so? Weil die Sendungen von Comedy Central stammen, die offenbar ein Geschäftsmodell um die freie Verfügbarkeit der Streams gestrickt haben. Muss der Nutzer also immer ein Verzeichnis der Sender parat haben, die ihre Sendungen nicht streamen? Die auch nicht Mal eben bei Amazon ein paar Folgen kostenlos veröffentlichen, um die DVD-Verkäufe anzukurbeln?

Nun – hier könnte man wiederum argumentieren: Kino.to war offensichtlich nicht Southpark.de. Einige Portale machen sicher kein Geheimnis draus, wie illegal sie doch sind. Was ist jedoch, wenn die Streamportale es nicht so offensichtlich machen, wie die Betreiber von Kino.to, die — so denn die Vorwürfe stimmen — vor allem mit dreistem Userbetrug Geld verdient haben. (Geile Girls in meiner Umgebung warten auf mich? Come on, ich wurde schon besser verarscht.)

Ein Beispiel für ein besser gemachtes Portal ist Sidereel:

Professionelle Aufmachung, Präsenz bei Twitter und Facebook, Links zu Amazon, iTunes, CBS — wie soll der Nutzer erkennen, ob das Portal illegal ist? Oder halblegal? Die Betreiber haben sogar Geld investiert, um den Nutzern Mehrwert zu bieten, statt sie wie bei kino.to zu verarschen. Jede Woche berichten Sidereel-Kommentatoren, was denn die Stars einer Serie aktuell so tun, welche Gerüchte diskutiert werden und welche Quoten die Serie eingespielt hat. Das ist ein Service, den deutsche Privatsender schon lange nicht mehr leisten. Ist einmal eine Serie gekauft, läuft sie halt in der Endlosschleife bis niemand mehr zusieht. Die redaktionelle Begleitung reicht offenbar schon lange nicht mehr, auch nur korrekte oder gar ansprechende Beschreibungen der Serien in das EPG oder in den Videotext zu packen. Sidereel wirkt da seriöser als Pro7. Woher soll der Nutzer also wissen, ob die Links auf Sidereel nach GVU-Interpretation legal oder illegal sind?

Kurz zusammengefasst: die Bekämpfung der Nachfolger von Kino.to kann ein in die Länge gezogener Kampf werden, der aussichtsloser ist als der Krieg gegen Marihuana. Oder man schafft Konkurrenzangebote zu Hulu, die auch hierzulande abrufbar sind.

Leave a comment

13 Comments.

  1. […]Kurz zusammengefasst: die Bekämpfung der Nachfolger von Kino.to kann ein in die Länge gezogener Kampf werden, der aussichtsloser ist als der Krieg gegen Marihuana.[…]

    würde mir da mal nicht ganz so sicher sein, denn selbst in diesem Fall finden sich verrückte Richter die für mikroskopische Mengen Strafen von mehreren hundert Euros verteilen

    • Ein paar hundert Euro würde ich nicht als „mikroskopisch“ bezeichnen. Aber das ist ja auch die Situation beim Kampf gegen das Kiffen: Lauter Mini-Strafen und trotzdem ist das Zeug überall.

  2. Wie ist das eigentlich bei Filmen und Serien, bei denen jemand die Fernsehausstrahlung aufgenommen hat und diese zum Stream oder als Download anbietet? Bei einem aktuellen Kinofilm ist die Definition von „offensichtlich rechtswidrig“ sicher erfüllt, aber was ist bei einer Quelle, bei der Millionen von Menschen sich eine legale Kopie erstellen können? Ist die Weitergabe dort auch „offensichtlich rechtswidrig“, nur weil die Rechteinhaber parallel kostenpflichtige Verbreitungswege anbieten? Ist die Ausstrahlung eine „öffentlich zugänglich gemachte Vorlage“ nach §53 Abs. 1 UrhG (wobei dann jeder Recorder illegal sein müsste)? Gilt eine aktuelle Fernsehserie als „Unterrichtung über Tagesfragen“? Was ist der Unterschied zwischen einer „durch einen anderen“ hergestellten Kopie nach Abs. 1 und einer „Verbreitung“ nach Abs. 6? Und warum verströmt das ganze Urheberrecht den lieblichen Duft von Hektographen und Wählscheibentelefonen?

    • Da ist die Rechtslage AFAIK ziemlich eindeutig. Was Du von Deinem Videorekorder aufnimmst, darfst Du natürlich im Rahmen der Privatkopie weitergeben. Es jedoch jedermann verfügbar zu machen ist eine Verletzung des Urheberrechts.

  3. Nehmen wir mal an, dass alle großen Streamingseiten in den nächsten Jahren „bekämpft“ werden. Dann kann man wirklich davon ausgehen, dass genauso wie im Kampf gegen Marihuana immer neue kleine Plantagen in Deutschland aus dem Boden sprießen,die das Zeug illegal nach Holland schaffen, nur damit deutsche Touristen es wieder zurück über die Grenze holen, wird das auch mit den Streamingseiten geschehen. Immer neue kleine Streamingpilze werden aus dem Boden schießen, weil die Nachfrage einfach da ist. Auch wenn ich mir vorstellen könnte, dass die Qualität nicht mit der von „Sidereel“ zu vergleichen sein wird. Ich sehe das also genauso.

  4. was sollen die ständigen vergleiche zwischen streamingseiten und drogen? zu viel gekifft?

    • Lieber mördan. Ein Vergleich bietet sich aufgrund der Verbreitung des Konsums in der bevölkerung trotz Illegalität an. Ich denke auch nicht, dass schriftliche Erzeugnisse in einem direkten kausalen Zusammenhang zu Drogenkonsum stehen, sonst wäre man geneigt, diesen zu befürworten. Warum schreiben Sie eigentlich klein? Keinen kleinen Finger an der linken Hand?

      • Um es klarzustellen: ich habe nicht Streamingseiten mit Drogen verglichen, sondern die staatlichen Strategien zur Bekämpfung des jeweils Unerwünschten.

        Wenn es besser gefällt, kann ich auch einen Autovergleich machen. Die sind ja nie falsch und niemals richtig.

  5. wie sollen eigentlich die nutzer belangt werden? soweit ich weiss ist die vorratsdatenspeicherung doch abgeschafft worden, (oder unterbrochen) sodass die polizei oder wer auch immer das verfolgt bei den internetanbietern nicht den namen der ip-adresse zuorden können.

    • Das ist mir auch nicht ganz klar. Wie oben geschrieben: selbst wenn die Provider die Daten hätten, würden die vermeintliche Schwere der Verstöße kaum zu einer Auskunft berechtigen.

      Aber angeblich hat Kino.to auch Direkt-Zugang zu den Streams vermarktet, daher kann zumindest die zahlende Kundschaft potenziell ermittelt werden.

  6. „die Bekämpfung der Nachfolger von Kino.to kann ein in die Länge gezogener Kampf werden, der aussichtsloser ist als der Krieg gegen Marihuana.“

    geilster Satz über das Thema.

    Erinnert mich an die NATO, die mit Drohnen gegen Hacker vorgehen will…

  7. Word @ Vorredner; den letzten Satz fand ich auch am geilsten, da 100% wahr. Wie uns unsere Urenkel dafür auslachen werden ^^

    Aber toller Artikel, macht noch mal ganz klar deutlich, dass wir „simple Users“ nichts zu befürchten haben.

  8. Kim Rodenberry

    Ich bezweifel das die GVU die reinen „Stream-Zuschauer“ belangen möchte, stattdessen eher die Uploader, die dafür Geld kassierten. Das käme wieder den Tauschbörsen gleich – was offensichtlich illegal ist. Das blosse anschauen von Streams wird sich weiterhin in der Grauzone befinden, solange hierbei keine Klarheit herscht.

    In der Schweiz ist das anschauen von Streams nicht strafbar.