Personalisierte Werbung oder werbonalisierte Personen?
Grade habe ich Jan Schmidt im ZDF-Interview zu Selbstdarstellung im Internet gehört. In einem Nebensatz ging er kurz auf personalisierte Werbung ein und erklärte, dass die Werbung an die Bedürfnisse des Nutzers angepasst wird.
Ist nicht schon der Begriff “personalisierte Werbung” eine ganz große Lüge? Denn in Wahrheit läuft es ja genau andersherum. Die werbenden Unternehmen suchen sich die Beworbenen aus, nicht umgekehrt. Wenn ich einen Werbevermarkter einschalte, kann ich auswählen, ob sie akademisch gebildete Menschen zwischen 23 und 30 Jahren im Großraum Köln ansprechen will. Wenn ich als Kunde hingegen ein starkes Interesse am nächsten Ipod-Update habe, muss ich mich schon selbst bei Apple informieren. Oder die Fachpresse studieren.
Lange Rede, kurzer Sinn: der Begriff personalisierte Werbung ist eine Marketing-Lüge, es existiert bisher allenfalls Mikrotargeting. Wir Konsumenten sind Zielscheiben, keine Geschäftspartner.
Echte personalisierte Werbung wäre doch mal ein Geschäftsmodell. Aber das verlangt Arbeit. Und solche Werbungen wie “Sie wurden auserwählt!!!!11!!!” kann man dann nicht mehr verkaufen.
Es wird natürlich nicht so sein, dass ein Team in einer x-beliebigen Werbeagentur sich jetzt hinsetzt und exakt auf Ulli Mustermann aus Dingensstadt ausgerichtete Anzeigen erstellt. Dass man das unter dem Begriff personalisierter Werbung verstehen sollte, würde ich allerdings auch nicht erwarten. ;-)
Das realistische Potenzial dessen, was praktisch unter dem Begriff zu verstehen sein wird, dürfte denke ich erst mal nicht mehr sein als die berühmt berüchtigten “Kunden, die dieses Buch/diese CD gekauft haben, interessierten sich auch für…”-Vorschläge. Das wird letztendlich immer etwas unscharf sein - es ist allerdings wohl schon ein Stück “individualisierter” als die starre Plakatwand, oder sagen wir, die Anzeigen in der gedruckten Zeitung, die ja für alle Leser identisch sind.
Ob das werbetechnisch der Stein der Weisen ist, kann man sicherlich auch bezweifeln.
shraggy:
Auf Deutsch: Mehr als Kontext-Werbung hat die Werbewirtschaft im letzten Jahrzehnt nicht zustande gebracht.
Nicht der Werbetreibende, sondern der Werbevermarkter erstellt die personalisierte Werbung. Natürlich bist Du für den Werbetreibenden bloß eine Zielscheibe, aber z.B. Google guckt Deine Mails an (so Du denn einen GMail-Account nutzt) und erstellt daraus eine Zusammenstellung aus Anzeigen — und diese Zusammenstellung ist sehr wohl eine personalisierte Werbung.
Auch wenn es “nur” Kontext-Werbung ist, ja.
“Der Begriff personalisierte Werbung ist eine Marketing-Lüge, es existiert bisher allenfalls Mikrotargeting. Wir Konsumenten sind Zielscheiben, keine Geschäftspartner.”
Das ist ein interessanter Punkt; ich hab ehrlich gesagt an der Stelle im Interview beim Sprechen noch ganz kurz drüber nachgedacht, ob ich dazu noch mehr sagen soll, habs dann aber gelassen (man wird ja angehalten, kurz und knapp zu antworten.. :)). Immerhin konnte ich den Punkt mit der “Kolonialisierung persönlicher Kommunikationsräume” unterbringen.
Jan: War kein Vorwurf - mit ist das Wort in dem Augenblick nur zum ersten Mal richtig bewusst geworden :-)
Oh, ich hab es auch nicht als Vorwurf verstanden.. :)