Der Clou am Targeting

Alle paar Tage sehe ich eine neue Studie zu Social Bots und Microtargeting aufpoppen. Und sie haben im wesentlichen eine gemeinsame Botschaft: Auch wenn es diese Phänomene gibt, so ist ihre Wirkung höchst zweifelhaft. So zum Beispiel in diesem Beitrag von Keno C. Potthast über „Political Microtargeting“ – kurz:PMT.

Ganz grundsätzlich stellt sich aber bereits die Frage, ob und wie PMT überhaupt wirkt. Lassen sich Wähler*innen durch eine bloße Anzeige im Netz tatsächlich beeinflussen oder werden sie dadurch vielleicht sogar zur Partizipation und der Teilnahme am öffentlichen Diskurs animiert? Gleichermaßen ist auch hier zu konstatieren: Die Wissenschaft hat noch keine Antworten auf diese Fragen. Ob PMT eine Chance oder Risiko darstellt und wie gefährlich es tatsächlich ist, lässt sich noch nicht abschließend klären.

Kann eine einzige Anzeige einen Menschen umpolen? Wie wahnsinnig überzeugend müsste eine Anzeige sein, dass jemand vom SPD- zum AfD-Wähler wird — oder umgekehrt? Selbst wenn man lügen darf, würde wohl kaum jemand behaupten, dass er eine tolle Idee hat, wie man dies erreichen soll. Und dazu das Problem: Wird das Ziel der Kampagne diese einzelne Anzeige überhaupt sehen? Die meisten Werbebanner werden ja unbeachtet weggescrollt.

Solche Fragestellungen und Betrachtungen verkennen jedoch die grundsätzliche Funktionsweise des Werbemarktes. Es geht nicht um eine einzige Anzeige. Jeder kann sich mal überlegen, wie oft wir in den letzten Tage allesamt die aktuelle MediaMarkt-Kampagne mit Barbara Schöneberger gesehen haben. Auf Plakaten, im Fernsehen, auf YouTube, auf Bannern, im U-Bahn-TV, auf Instagram, und, und, und… Werbung ist ein Spiel auf Masse.

Der Clou am Targeting: Es ist ein konstanter Prozess. Tag für Tag. Hunderte und Tausende von Anzeigen. Nicht nur von einer Kampagne, sondern von Hunderten. Der Black Friday ist vielleicht das ideale Beispiel. Denn bei jedem einzelnen User scrollen einige Anzeigen für die Sonderangebote vorbei. Wer jedoch auf Facebook oder Google eine solche Anzeige anklickt und vielleicht sogar direkt etwas bestellt, wird sofort als als ideales Ziel für Black Friday-Kampagnen markiert. Dank eines lebhaften Adtech-Marktes und einem ständigen Geiz der Auftraggeber wandert die frohe Kunde von Datendienstleister zu Datendienstleister, von Werbenetzwerk zu Werbenetzwerk, von Facebook zu Twitter, von dem Nachrichtenportal zur Porno-Website. Denn all die Werbeanzeigen werden über die Rechner von Datenbrokern umgeleitet, die ständig versuchen, das letzte bisschen an Information auszuquetschen und zu vermarkten.

Wer einen Einblick bekommen will, kann etwa sein Twitter-Werbeprofil ansehen. Hunderte vermeintliche Interessen werden mit den Interessen aus anderen Datenbanken zusammengeführt und ab und zu bindet ein besonders eifriger Werbekunde noch eine Schleife darum und bindet ein Profil an eine „maßgeschneiderte Zielgruppe“. Das ist nur die alleroberste Schicht des Targetings. Wo diese Daten überall eingesetzt werden, weiß vermutlich nicht mal Twitter. Screenshot Twitter-Werbeprofil

Zweiter entscheidender Schritt: Das Micro-Targeting beruht auf einem Auktionssystem. Das mag bestimmte Anzeigenplätze zuweilen sehr teuer machen — aber durch die Bank wird Werbung sehr, sehr billig. Ich hatte vor Jahren mal das Anzeigen-Tool von Facebook erprobt und mit einem Gesamtbudget von unter 25 Euro konnte ich gezielte Anzeigen an meinen Redakteur schicken. Wer tatächlich länger im Markt ist und sich nicht davor scheut, in zwielichtigen Kontexten aufzutauchen, kann den gleichen Effekt mit Ausgaben von einigen Cent erreichen. Mit Microtargeting wird es weitgehend irrelevant, auf welcher Website, neben welchem Inhalt man wirbt. Und wer keine ethischen Maßstäbe hat, der kann sich heute an dem reichhaltigen Buffet bedienen, das als nicht „brand safe“ gilt und die Anzeigenplätze bekommen, wo Coca-Cola, MacDonalds und Nivea keine Werbung machen wollen. Zum Spottpreis.

Was haben wir nun? Eine fast unendliche Vielfalt von Werbeplätzen, die für unglaublich billige Preise und ohne Transparenz anzusteuern sind. Nun kommt noch das Profiling. Wenn man einmal als Black-Friday-Fan markiert ist, wird man mitunter einen schlagenden Effekt bemerken. Plötzlich handeln alle Anzeigen nur noch von diesem geheiligten Tag des Konsums. Keine Werbung für Autoversicherungen, keine Werbung für Blockchain-Anlegerverladen, und erheblich weniger Werbung, um in nur acht Tagen sieben Sprachen zu lernen! Stattdessen: Black Friday en masse. Und dann Cyber Monday.

Ähnlich kann dies auch in einem Wahlkampf passieren. Der Clou — insbesondere im US-Wahlkampf: Verschiedene Kampagnen können aufeinander aufbauen. Wer beispielsweise einmal auf eine Anzeige mit einer Fake-News geklickt hat, kann plötzlich zum Ziel legitimerer Werbung eines Super-PACs werden. Oder eines Kandidaten selbst. Oder der Firmen in Mazedonien, die keinerlei Interesse an einer politischen Kampagne haben, aber entdeckt haben, dass sie nur ein paar Fake-News-Websites aufbauen müssen, um all ihre Werbeplätze automatisch zu verkaufen.

Ein AI-gestütztes Marketing-Tool kann zum Beispiel die Kategorie „Judenhasser“ schaffen. Es ist niemand nötig, der diesen Effekt durchplant. Wahrscheinlich verpufft die Fake-News-Kampagne bei den allermeisten Nutzern. Bei einigen erreichen sie jedoch wahrscheinlich eine lawinenartige Masse und Geschwindigkeit und schlägt mit voller Wucht zu. Vielleicht reicht es aus, um die gesamte Facebook-Timeline umzuprogrammieren. Vielleicht reicht es aus, einen Menschen in einen Dauer-Aktivisten zu verwandeln, der 14 Stunden am Tag bei Twitter und Facebook postet und von einem Social Bot nicht mehr zu unterscheiden ist. Denn für soziale Netzwerke ist das Werbeprofil das entscheidende Profil. Und danach werden die Beiträge sortiert, die wir tagtäglich als erstes sehen. Vielleicht geht es sogar soweit, dass „Asylkritiker“ auf Porno-Seiten maßgeschneiderte Inhalte sehen, die sie in ihren ärgsten Ängsten bestätigen.

Lange Rede, kurzer Sinn: Die wissenschaftliche Beschäftigung mit Fake-News und Social-Bots basiert weitgehend auf einem Werbesystem, das längst durch eine viel komplexere Version ersetzt wurde. Es ist nicht mehr notwendig, dass irgendjemand die Beeinflussung von Wählern zentral durchplant. Das dominierende Werbesystem hat viele verstärkende Effekte eingeführt, die so manche Kampagne unvermutet nach oben schwimmen lässt, so dass sie schließlich die komplette Online-Wahrnehmung eines Menschen prägen kann. Wer wirklich ergründen will, welchen Einfluss Micro-Targeting, Social Bots und Fake-News haben, muss daher den Werbemarkt mitanalysieren.

Wir brauchen bessere WLAN-Einstellungen

Die Süddeutsche Zeitung berichtet über eine neue Schwachstelle im Kurznachrichtendienst RCS. Darin wird der Angriffsvekor beschrieben:

Um eine solche Falle aufzustellen, brauchen Hacker wenig mehr als einen Laptop. Fake-Hotspots könnten kriminelle Hacker beispielsweise am Flughafen neben einer Airline-Lounge betreiben, um potenziell lukrative Opfer zu finden. Sobald die Zielperson in dem falschen Wlan eine Website aufruft, leiten die Hacker die Anfrage auf eine von ihnen kontrollierte Webpage. Das Opfer kann sich dagegen nicht wehren.

Vielleicht sollten wir dies auch als Sicherheitslücke begreifen. Denn der normale Android-Nutzer hat keinerlei Möglichkeiten, Fake-APs zu erkennen. Schlimmer noch: Das Gerät übernimmt es für ihn, sich in ungesicherte Netze einzuwählen.

Ein Beispiel: Ich habe mich neulich an einem privaten Router eingeloggt, der noch die Standard-Kennung für das WLAN nutzte. „FRITZ!Box 6490“ oder ähnliches. Kurze Zeit später bemerkte ich, dass mein Datenverkehr beim weg durch die Stadt immer wieder mal stockte und dass unvermutet eine WLAN-Verbindung angezeigt wurde. Die Lösung: Mein Handy versuchte sich schlicht bei jedem der Router mit diesem WLAN-ID einzuloggen. Was nicht klappt, da die Netze passwortgeschützt sind. Und es gibt Tausende davon.

Ein Screenshot einer WLAN-Liste

Ich habe vergeblich nach einer Möglichkeit gesucht, dies abzuschalten. Der Android-Dialog zu WLANs bietet jedoch keinerlei Option dafür. Obwohl jeder Router eine eindeutige MAC-Adresse hat, unterscheidet Android nicht. Ich kann mir die MAC-Adresse eines Routers auch nicht anzeigen lassen, um zu entscheiden ob es der richtige ist. Erst wenn ich mich bereits verbunden habe, bietet mir Android an, die Details zu dem Netzwerk nachzulesen. Darunter sind die Geräte-IP, der Verschlüsselungs-Standard und die MAC-Adresse. Damit anfangen kann ich jedoch nichts.

Dabei wäre die Lösung relativ einfach. Neben der Option ein Netzwerk zum Autologin zu wählen oder nachträglich zu löschen, sollten wir auch die Möglichkeit haben, uns nur bei einem bestimmten Router einzuloggen. Natürlich bietet eine MAC-Adresse keinen vollendeten Schutz – ein Hacker kann sie ja beliebig manipulieren. Jedoch kann sie dem Nutzer eine Möglichkeit geben, die Gefährdung wesentlich zu reduzieren.

Neben dem Sicherheit- wäre es auch ein Komfort-Gewinn. So musste ich zum Beispiel die Freifunk-APs aus meiner WLAN-Liste nehmen, weil mir die Datenverbindung immer wieder abhanden kam. Solange eine WLAN-Verbindung erhältlich ist, krallen sich Smartphones daran und lassen den Mobilfunk außen vor. Der Empfang von Freifunk ist jedoch meist schlecht, die Datenrate unterirdisch. Und plötzlich setzen Streams aus, Chat-Nachrichten kommen nicht an, dringende Emails gelangen nicht zu mir.

Lange Rede, kurzer Sinn: wir brauchen bessere WLAN-Einstellungen. Warum hatten wir sie nicht von Anfang an?

Impeachment-Podcasts

Es gibt wohl kein besseres Themas für Podcasts als das Impeachment-Verfahren gegen US-Präsident Donald Trump. Jeden interessiert das Thema irgendwie und trotz eines Überangebots an Berichterstattung gibt ein großes Bedürfnis nach einzelnen Stimmen, die Ordnung ins Chaos bringen. Zudem: Der Werbemarkt floriert und man kann endlich gutes Geld mit Podcasts verdienen. Ergebnis: US-Medien haben in den letzten Wochen eine ganze Flut an Spezial-Podcasts gestartet – von CNN bis zu Buzzfeed. Sogar Rudy Guiliani plante einen eigenen Podcast.

Ich habe mir alle angehört und fand die Erfahrung spannend. Denn obwohl sich mittlerweile ein recht einheitliches Podcast-Format herausgebildet hat — vom musikalischen Intro über die Anzahl der Gäste bis zum Tonfall des Moderators — sind die Ansätze sehr verschieden. Sie illustrieren, wie Medienunternehmen funktionieren, wie sie mit Standpunkten und Neutralität umgehen und welches Publikum sie suchen, um Geld zu verdienen. Ein Überblick.

 

Buzzfeed und iHeartRadio: Impeachment Today

Buzzfeed und iHeart Radio haben in ihrem Impeachment-Podcast die gesammelte Kompetenz zur Millenial-Bespaßung zusammengeworfen. Moderiert wird die Sendung vom Buzzfeed-Redakteur Hayes Brown, der ständig viel zu gut gelaunt zu sein scheint. Seine Attitüde: Er trifft seine Zuhörer auf ein IPA-Bier und erzählt ihnen, was heute wieder voll krasses passiert ist. Es ist ein wenig so, als ob er dem Hörer die letzte Folge von Games Of Thrones nacherzählt. Dabei lässt er kaum ein Klischee aus. Um die Abfolge der Zeugen zu erklären, greift Brown etwa zu einem Pokémon-Vergleich.

Trotz der kumpeligen Attiüde ist der Podcast sehr professionell: prägnant, auf den Punkt, durchformatiert. Nach ein paar Minuten, in denen Brown das Tagesgeschehen zusammenfasst gibt es den „Nixon-O-Meter“, auf dem jeweiligen Tag eine Wertung verpasst wird. Dann ein Studiogespräch mit einem Reporter oder einem Experten. Oder ein Hintergrundstück zu einer Person. Am Schluss gibt es dann noch den „Kicker“, also ein Share-Quote, ein Tweet oder ein Meme, das den Tag möglichst prägnant zusammenfassen soll.

Alles in allem ist der Podcast sehr gut produziert und versucht zwischen „News“ und „Noise“ zu unterscheiden. Die allzu gute Laune, die dabei verbreitet wird — Slogan: „Impeachment. What a time to be alive! 🍑“ — stößt mit manchmal etwas störend auf. Der Informationsgehalt hält sich aber deutlich in Grenzen — viel zu bemüht, versucht das Format zu vermeiden, dass die Aufmerksamkeit abschweift und die Hörer einfach auf den nächsten Podcast wechseln. Deshalb lohnt eher für Leute, die sich noch nie mit den Unterschieden zwischen Senat und Repräsentenhaus befasst haben und dringend eine positive Attitüde suchen.

 

Washington Post: Impeachment Inquiry

Deutlich anders ist die Herangehensweise der Washington Post — wenn auch nicht weniger professionell. Die Hauptstadt-Zeitung baut hauptsächlich auf eigene Reporter und das eigene Motto: „Democracy dies in darkness“. Statt um die Unterhaltung der Zuhörer geht es um pure Information und Analyse. Wer hat was gesagt? Was bedeutet das im Kontext des Verfahrens? Welche Bezüge muss der Zuhörer ziehen, um die gesamte Tragweite zu verstehen?

Der Podcast ist deutlich mehr aktualitätsorientiert — deshalb kann es auch schon mal passieren, dass gleich zwei Folgen an einem Tag veröffentlicht werden. Zielgruppe sind offenbar die Polit-Junkies, die sich dauernd auf dem Laufenden halten wollen. Gleichzeitig muss man sagen: Die Investitionen von Jeff Bezos ins Digitale und Multimediale haben sich gelohnt. Wir haben es mit Reportern zu tun, die am Mikrofon trainiert sind, zuweilen untermalt Hintergrundmusik die aktuelle Zusammenfassung.

Während der Buzzfeed-Podcast zu gut gelaunt, kommt die Washington Post stellenweise etwas zu trocken rüber. In Gesprächen mit den eigenen Reportern wird ab und zu etwas Persönlichkeit eingebracht, was dann teilweise wieder zu Lasten der Genauigkeit geht.

 

NBC News: Article II: Inside Impeachment

Wie sehr das Ursprungs-Medium auf einen Podcast wirkt, kann man bei NBC verfolgen. Wir kennen den Vorwurf seit vielen Jahren, dass Journalisten und insbesondere Fernseh-Nachrichtenprogramme eine Pseudo-Neutralität entwickelt haben: Sie wollen grundsätzlich beide Seiten eines Konflikts darstellen — selbst wenn es eigentlich nur eine Seite gibt. Ergebnis: Experten für den Klimawandel mussten sich konstant den Bildschirm mit Leuten teilen, die aus eigener Überzeugung oder gegen Bezahlung die Realität negierten und deren einziges Arguiment daraus besteht, die andere Seite niederzuschreien. Oder anders gesagt: Good TV.

Diese Haltung merkt man auch noch im Jahr 2019 und auch in einem Podcast, der sich ja nicht an die Konventionen des Bildschirms halten müsste. Schließlich gibt es hier auch keine Splitscreens wo bis zu acht Leute durcheinander reden. Dennoch zeigt sich der Gedanke, dass sich journalistische Fairness in Sendeminuten manifestiert, auch hier. Oft hören wir etwa erstaunlich lange die Einlassungen von Devin Nunes, selbst wenn der absolut nichts Erhellendes sagt. Denn schließlich hat auch der Podcast lange O-Töne von den Zeugen und Demokraten.

Immerhin: Im Podcast tut niemand mehr so, dass alles legitime Standpunkte wären. In einer Episode rechtfertigt sich der für das Weiße Haus zuständige Korrespondent Geoff Bennett sogar, dass seine Analyse so einseitig ausfällt.

And when I say that, I realize that we live in an era in which the President has cast the pursuit of truth as a partisan enterprise. And so saying things that are steeped in my own reporting and my own just knowledge of how this whole thing has worked because I’ve been so close to it for three months, it sounds as if I’m editorializing. It sounds as if I’m being partisan. But it really is not. It’s a reflection of the now 15 witnesses who have provided 112 hours of testimony, our reporting based on that testimony, and then the 11 transcripts that we’ve read so far.

Man kann aus dem Eingeständnis eine positive und eine negative Erkenntnis ziehen. Über Jahrzehnte haben Medien aus falsch verstandener, institutionalierter und ineffektiver Neutralität immer extremeren Positionen eine Plattform geboten, während der gesellschaftliche Diskurs immer mehr von Leuten bestimmt wird, die keinerlei Neutralitätsgebot mehr kennen. Der Impeachment-Prozess ist auf viele Weise das Ergebnis dieser Entwicklung: So sind es auch Artikel in etablierten Medien wie Politico, The Hill und The New York Times, auf die sich die Verschwörungstheorien stützen, die Trump und Konsorten zu ihrem Vorgehen in der Ukraine inspiriert haben. Die positive Nachricht: Die institutionalisierten Journalisten bemerken es nun.

CNN: The Daily DC: Impeachment Watch

CNN hatte dieses Neutralitätsproblem in den vergangenen Jahren auf die Spitze getrieben. Man lädt nicht nur die eifrigsten und lautesten Partisanen in die eigenen Sendungen ein, man engagiert sie direkt. Dies gipfelte in einem Anstellungs-Vertrag für Trumps Kampagnen-Manager Corey Lewandowski, obwohl der eine Breitbart-Reporterin sogar physisch angegriffen haben soll und offensichtlich keinerlei Interesse an einer faktenbasierten oder ehrlichen Berichterstattung hat.

Screenshot CNN-Podcast

In „Impeachment Watch“ zeigt CNN, das eine solche Drehtür zwischen Politik und Massenmedien nicht nur Schreihälse nach vorne holt, sondern auch institutionelles Gedächtnis nutzbar macht. Dies wird zum Beispiel klar, wenn Samantha Vinograd auftritt, die unter Obama im National Security Council gearbeitet hat. Diese Perspektive bietet durchaus interessante Punkte. So kennen die ehemaligen „political operatives“ das Geschäft und verschwenden keine Zeit damit, sich darüber zu amüsieren, dass Republikaner einem Zeugen wie David Holmes keine Fragen stellen, sondern die TV-Übertragungen lieber für eigene Statements nutzen. Denn natürlich spielt der Zeitablauf des Verfahrens eine große Rolle und man will der amerikanischen Öffentlichkeit über Thanksgiving die wichtigsten Talking Points mitgeben.

 

Vox: Impeachment, Explained

Ezra Klein hat einen ähnlichen Weg gewählt. Seine Karriere startete er als Wahlkämpfer für die Demokraten, sattelte aber recht schnell zum Politjournalismus über. Mit VOX.com hat er das onlinejournalistische Äquivalent der TED-Talks geschaffen: Hier bietet er dem Publikum nicht nur einen Point Of View an, sondern erklärt auch in langen Hintergrundstücken, wie man zu diesem Standpunkt gelangen musste. Wöchentlich spricht Klein in seinem Podcast mit Autoren über ihre neuen Bücher über Politik und Gesellschaft, indem er über mehr als eine Stunde den Eindruck erweckt, jedes Buch tatsächlich gelesen zu haben. Kleins Fairness-Doktrin lässt sich so beschreiben: Wer ein Argument vorzubringen hat, hat einen Platz im öffentlichen Diskurs. Dabei lädt er auch konservative Denker ein, zieht dort aber eine Grenze zum „Denker“. Sprich: Trump-Fans wird man bei ihm nicht hören. Klein hat die These der Demokraten, dass „government“ eine positive Kraft ist, die das Leben der Menschen verbessern soll, auf seinen Journalismus übertragen.

In Impeachment, Explained gibt es zirka einmal pro Woche einen Podcast, der die Hintergründe des Impeachment-Prozesses erläutert. Es ist in gewisser Weise ein Best Of der Berichterstattung der vergangenen Woche bei VOX. So erklärt Klein in „What’s wrong with the Republican Party?“ eine seiner liebsten Thesen: Der politische Prozess hat sich hauptsächlich geändert, weil sich die republikanische Partei geändert hat — von einer werteorientierten Partei nach europäischem Vorbild zu einem prinzipienfreien Kampagnentool, das mal von Abtreibungs-Gegnern, mal von der NRA, mal von radikalen Steuer-Gegnern genutzt wird und sich zu ständig neuen Extremen aufschaukelt.

Klein beleuchtet die Situation aus demokratischer Perspektive, separiert sich aber klar von den institutionellen Demokraten selbst. Dadurch, dass er immer einen Schritt vom aktuellen Geschehen zurücktritt, kann er Unterschiede klarer benennen. So wird bei ihm deutlicher als bei anderen, dass EU-Botschafter Gordon Sondland, einen wichtigen Punkt für eine Impeachment-Anklage gerade nicht unterstützt wollte — nämlich, dass die Militärhilfe für die Ukraine aus politischen Gründen zurückgehalten werden sollte.

 

Crooked Media: Rubicon – The Impeachment of Donald Trump.

Ein Gegenstück zu Ezra Klein ist Crooked Media. Doch statt sich dem Journalismus zu verschreiben, haben die Gründer, die allesamt Posten in der Obama-Regierung hatten, eine andere Strategie gewählt: Sie betreiben politischen Aktivismus mit den Mitteln des Journalismus. So wie Trump-Anhänger sich einst stolz als „deplorables“ präsentierten, hat „Crooked Media“ den Vorwurf angenommen, dass die Medien immer auf Seiten der Demokraten seien. Und produziert Shows, die sich durchweg an „the Resistance“ reden.

Immerhin macht Chefredakteur Brian Beutler aus diesem Umstand kein Geheimnis. Trumps Getreue werden etwas durchweg als „henchmen“ bezeichnet. Wenn er einen O-Ton von David Nunes einspielt, blendet er auch gleich künstliches Gelächter ein, um keinen Zweifel daran zu lassen, wie lächerlich er die Argumente der Gegenseite findet. Das zentrale Thema des Podcasts ist eine unbändige Wut. Wie der Titel sagt: Donald Trump hat den „Rubicon“ überschritten. Und wie vermutlich jeder mit großem Latinum weiß, war das der Punkt, als Julius Caesar mit seiner Armee die römische Republik beendete und aus dem Imperium ein Kaiserreich machte.

Die Wut ist das Erfrischende an dem Podcast. Zuweilen machen Beutler und sein Gast einen Punkt, der im Wirrwarr der aktuellen Berichterstattung unterging. Etwas lähmend wird es dann jedoch meist im zweiten Teil der Sendung, wenn es nicht mehr um Empörung geht, sondern um eine Art Brainstorming: Wie kann man die Blöße des Präsidenten am effektivsten im politischen Prozess gegen ihn einesetzen? Es ist eine kleine Planungs-Session inoffizieller demokratischer Strategen. Und wenn man Wut im Bauch hat — will man dann wirklich durch den legislativen Kalender blättern? Hier zeigt sich, dass Crooked Media nicht etwa das Geschöpf von Aktivisten wie AOC ist, sondern eine Bastion im Clinton-Lager darstellt: Zentristisch, institutionell, leidenschaftlich und zutiefst awkward.

 

WNYC: Impeachment: A Daily Podcast

Brian Lehrer ist ein Urgestein des NPR-Rundfunks in den USA. Seit 1989 hat er eine Call-In-Show, in der die insbesodnere politischen Themen des Tages besprochen werden. Dabei hat er Autoren zu Gast, Experten und einmal die Woche den Bürgermeister von New York City Bill de Blasio. Die Gesprächspartner dürfen zuerst über ihre Arbeit sprechen und müssen sich dann einigen Hörerfragen stellen.

Screenshot Brian Lehrer Podcast

Lehrers Heimatstation WNYC ist grade voll auf den Podcast-Zug aufgesprungen und hat auch meinen Lieblings-Podcasts-Client Pocket Casts gekauft. Deshalb gibt es nun einen eigenen Impeachment-Podcast. Der ist freilich nur eine Auskopplung aus Lehrers täglichen Sendung, die sich in mindestens einem Segment mit der Amtsenthebung und dem Neuen aus Washington beschäftigt.

Wer wissen will, was an dem Tage grade die Geschichte ist, über die jeder sagt, dass jeder über sie spricht, ist bei Brian Lehrer richtig. Seine väterliche, immer freundliche Stimme geht leicht ins Ohr, er leitet die Gäste gekonnt durch alle wichtigen Argumente und bringt auch mal Widerspruch an, wenn dieser bereits medial hörbar war. Beim Anruf-Part muss man sich aber auch auf Schocks gefasst machen. Denn wie die scheinbar so klaren Narrative bei dem anrufenden Publikum aufgenommen werden, ist oft genug überraschend. Hier hat die Redaktion sogar eine neue Form der Interaktion gefunden: Hörer sollen ihren eigenen „Article Of Impeachment“ gegen Trump schreiben, auf die dann die Trump-Unterstützer und Konservative schließlich live auf Sendung antworten können sollen.

Der wichtigste Werbemarkt

Es gibt zwei gänzlich verschiedene Werbemärkte. Der vielleicht unwichtigere Teil des Geschäfts ist, wenn Kunden überzeugt werden für ein Produkt Geld auszugeben. Die Milliarden Dollar Werbeumsätze kommen aber zusammen, weil die Werbetreibenden überzeugt werden, für Werbung Geld auszugeben. The Correspondent hat einen schön zu lesenden Artikel über die Welt der Onlinewerbung veröffentlicht. Kurzum: Die Zahlen, die aufgeregt herumgereicht werden, sind oft wertlos. Das kann ich absolut unterschreiben.

Leider wird der Artikel in der zweiten Hälfte etwas über-aufgeregt. Aus Anekdoten wird geschlossen, dass es quasi unmöglich ist, Werbeausgaben rational zu verteilen. Und es wird der Eindruck erzeugt, dass quasi alle Zahlen wertlos sind. Was natürlich nicht stimmt, weil die Kronzeugen des Artikels ja selbst Zahlen errechnen – nur halt andere.

Die Anekdote, dass Ebay viel Geld verschwendet hat, indem Manager Suchanzeigen für den eigenen Markennamen gekauft haben, ist anschaulich und zeigt die Lächerlichkeit des Geschäfts. Wenn man keine Werbung kauft, dann zeigt Google den Link zur eigenen Website schließlich umsonst an. Ha, was für Idioten!

Mit etwas Kontext wird das vermeintlich idiotische Geschäft von Ebay weniger lächerlich: In den Anfangszeiten des Suchmaschinenmarketings konnte ein Ebay-Konkurrent einfach das Suchwort Ebay kaufen und Werbung für die eigene Plattform darüberschalten. Über die Rechte an Keywords wurde hart und lange gerichtlich gestritten. Wenn Ebay nicht Anzeigen mit dem eigenen Namen kaufte, machte es womöglich jemand anders. Zudem lieferte sich Ebay mit Amazon über Jahre einen Anzeigenkrieg um die bloße Sichtbarkeit. Egal welche Ware man suchte, man sollte zuerst zu Ebay gelangen. Zudem operieren viele Unternehmen auch mit der Annahme, dass ein großes Werbebudget ihnen den guten Willen Googles oder Facebooks erkaufen kann.

Die Grundthese des Artikels ist, dass sie verschiedenen Marketing-Verantwortlichen durchweg davon profitieren, von viel zu hohen Zahlen auszugehen. Selbst wenn man für die Firma arbeitet, die Millionen Euro an Werbebudget verschwendet, ist das nicht unbedingt das Problem des zuständigen Managers. Denn mit dem Etat steigt seine Bedeutung. Von diesem Phänomen wurde mir schon öfters berichtet.

„Bad methodology makes everyone happy,” said David Reiley, who used to head Yahoo’s economics team and is now working for streaming service Pandora. „It will make the publisher happy. It will make the person who bought the media happy. It will make the boss of the person who bought the media happy. It will make the ad agency happy. Everybody can brag that they had a very successful campaign.“

Ja, die Werbebranche operiert mit schamlosen Übertreibungen. Sie operiert aber auch recht schamlos mit Adtech, mit der es möglich ist, Nutzer ziemlich weit zu verfolgen. Die im Artikel beschriebenen Werbemethoden sind eigentlich völlig veraltet. Heute versuchen Giganten wie Google nicht einfach nur darauf zu gucken, wo ein Nutzer auf einen Link geklickt hat. Google erfasst auch, wie oft der Kunde die Anzeige im eigenen Netzwerk vorher schon gesehen hat. Wenn der Werbetreibende entsprechende Dienstleister hat, geht das sogar über die Grenzen von Googles Werbenetzwerk hinweg.

Zudem gehören A/B-Tests zur Branchenpraxis und sind keine Geheimpraxis von wenigen eingeweihten Ökonomen. Wer wissen will, ob eine Anzeigenkampagne wirkt, kann zum Beispiel nur Nutzer in Düsseldorf buchen und anschließend schauen, was sich in den lokale Filialen tut. Anschließend werden die Daten es mit anderen Fillialen verglichen. Wenn man das Experiment nicht in Düsseldorf, sondern zum Beispiel in Albuquerque startet, kann man zudem einige interessante zusätzliche Daten auswerten. Zum Beispiel kann das Shopsystem die Blootooth-ID des Handies des Kunden identifizieren. Seinen kompletten Weg durch den Laden erfassen. Seine Kreditkartendaten gehen an einen Dienstleister, der die Daten wieder der Werbeindustrie zur Verfügung stellt.

Natürlich kommt man mit all den Daten nicht gänzlich um die Kausalitätslücke herum. Vielleicht kauft der Kunde ja nicht wegen der Anzeigen, sondern zum Beispiel weil es grade regnet. Das ist sicher möglich — aber natürlich wird längst auch schon das lokale Wetter für Werbenetzwerke erfasst.

Neben der Vielzahl an Datenquellen gibt es auch eine Vielzahl von Geschäftsmodellen. Wenn man ein Handelskonzern ist, der drei Radiokampagnen und 15 Online-Kampagnen parallel laufen hat, wenn man ein weltweites Netz von 5000 Filialen hat, ist es natürlich unmöglich den genauen Nutzen eines Werbe-Dollars zu errechnen. Doch die meisten Unternehmen sind viel, viel kleiner.

Wir können uns beispielsweise an die Groupon-Hysterie erinnern, wo Restaurants und kleine Onlineshops weltweit von der Wirksamkeit des Portals schockiert waren und die buchstäblich pleite gingen, weil die viel zu hohen Rabatte viel zu häufig in Anspruch genommen wurden. Es herrschte keine Verwirrung woher die Kunden kamen — schließlich hatten sie Gutscheine. Ob die Kunden dann zurückkamen, war im Extremfall nicht mehr wichtig. Denn der Laden war ja bereits pleite. Werbung wirkt manchmal sogar zu viel.

Fight Club – ein gewaltiger Film

Ich habe den Film mindestens vier Mal gesehen — und immer entdecke ich neue Details. Doch „Fight Club“ hat derzeit keinen guten Ruf. So hat „The New Yorker“ den Film als ein Indiz toxischer Männlichkeit geoutet und schreibt über „The Men Who Still Love Fight Club“:

In the years that followed, I became a regular lurker on message boards not just in the PUA world but also across the networks of male resentment to which pickup artistry frequently functioned as a gateway drug: “men’s rights” activists, the anti-feminist hive called the Red Pill, incels, the amorphous “alt-right.” Browsing through this world, I saw “Fight Club” references and offhand worship of Brad Pitt’s character, Tyler Durden, all the time. Tyler is an alpha male who does what he wants and doesn’t let anyone stand in his way; “Fight Club,” then, was a lesson in what you had to do to stop being a miserable beta like the film’s other main character, a frustrated white-collar office worker played by Edward Norton.

Es ist kaum abzustreiten. In jeder Online-Community tauschen unweigerlich Leute auf, die sich „Tyler Durden“ nennen. Und Leute, die seine Tiraden begeistert zitieren. Und — ich wag mich mal auf ein ganz breites Brett — diese Leute kommen nicht immer sympathisch rüber.

Ich finde immer noch, Fight Club ist ein gewaltiger Film. Nicht nur gewalttätig, sondern ikonisch. Es ist glaube ich bis heute der einzige Mainstream-Film, der mir eine wirklich überraschende Wendung vorgesetzt hat, die ich nicht zum Fremdschämen empfand. Und der Einsatz der Filmmusik erst, der Rhythmus, die Szene mit dem begehbaren Ikea-Katalog… Einfach Klasse! I am Jack’s inflamed sense of fandom.

Doch mit der oben genannten Szene der Fight Club-Fans habe ich sonst eher nichts gemein. Denn für mich war Tyler Durden immer eine lächerliche Figur. Ein Primitivling, dessen Bravado abgeschmackt und pathetisch klingt. Der sich als Opfer geriert und Gefühlskälte zum Leistungssport stilisiert. Weil sein Papa nie zu Hause war.

Der Film funktioniert tatsächlich auf mehreren Ebenen. Einerseits kann man sich mit der Hauptfigur in diesen Testosteron-Rausch reinziehen lassen. Ha, Kapitalismus. Jetzt kommen die Aushilfskellner und räumen auf! Halbnackte Körper, von der verweichlichten Zivilisation befreit. Die reine Seife mischen. Und schließlich Nitroglycerin. Weil ihnen die Gesellschaft… ähm… weil sie in ihrem Leben… ähm…Weil halt. Frag nicht so doof.

Man kann den Film aber auch interessiert bestaunen. So zum Beispiel die Techniken der Gehirnwäsche, die hier besonders dicht erzählt werden. Natürlich bange ich im Film mit dem namenlosen Charakter von Edward Norton. Der wird zuerst von seinem Lebensumfeld isoliert: Erst fliegt die Wohnung in die Luft, dann verlangt Tyler, dass er seine Arbeit aufgibt. Er verliert jeden Halt und wird mit Schlafentzug, Schmerz und Gaslightning dazu gebracht, eine widersinnige Realität zu akzeptieren. Ein abgeschmackter Zeitschriften-Text wird plötzlich zu seinem Mantra, das ihm vermeintlich Halt gibt. „I am Jack’s Medulla Oblongata. I Am Jack’s inflamed sense of rejection.“ Tatsächlich ist er im freien Fall.

Und nicht nur ihm geht es so. Als schließlich ein ganzer Raum von Tylers Anhängern „His name is Robert Paulson“ skandiert, war das für mich der Punkt, wo sich Tyler Durden mit all seiner Bravado ins Nichts manövriert hat. Er hat zwar einen Haufen fanatischer Follower, hat ihnen aber nichts Bleibendes anzubieten. Er hat keine Mission, er hat keine Gegner. Außer vielleicht aufgeblasenen Chefs, die dienstags kornblumen-blaue Krawatten tragen. Oder Marla? Ja. Nein! — Kein Wunder, dass wir auf ein schnelles und drastisches Ende zusteuern.

Dass viele Leute quasi die gegenteilige Botschaft aus dem Film ziehen, ist kein Zufall. „The Matrix“ kann relativ wenig dafür, dass der Begriff „redpilled“ zu einem Meme für die ekligsten Verschöwungstheoretiker des Netzes wurde. David Fincher hingegen zelebriert in Fight Club die vermeintlich überschäumende Männlichkeit in mal überästhetisierten und mal drastischen Bildern. Damals sprach man noch nicht von „toxischer Maskulinität“, aber wer hat sie seither eindrucksvoller im Bild eingefangen?

Dem vermeintlich prototypischen Fan von Fight Club ist ein ganzes Genre gewidmet. Boxer, Kämpfer, Krieger en masse. Clint Eastwood-Filme. Bruce Willis-Filme. Sylvester Stallone-Filme. Full Metal Jacket. American Psycho. Goodfellas. Clockwork Orange. V for Vendetta. Taxi Driver. Scarface. The Joker. Der Mann wird durch Leiden zum Helden gestählt und gebiert einen Übermenschen.

Vielleicht sind diese Helden aber alle eher so etwas wie Don Quichotte. Forrest Gumps mit mehr Muskeln, traurige Hulks. Wenn man diese Möglichkeit nicht mehr sehen kann, handelt es sich vermutlich um keinen besonders guten Film. Bei Fight Club sehe ich sie allenthalben.

Mehr Spoiler wagen

Am Wochenende wurde der dritte Trailer zur StarTrek-Serie auf Amazon Prime veröffentlicht. Wieder überraschen uns die Macher damit, dass sie Figuren aus der TNG-Serie zumindest für ein paar Szenen reaktiviert haben. Einige sind begeistert. Für mich läuft diese PR-Strategie jedoch in der verkehrten Reihenfolge.

Wenn mich eine Serie tatsächlich gewinnen will, möchte ich nicht nur Zuschauer sein. Und ich verkleide mich garantiert nicht als Klingone. Um aber tatsächlich über eine Serie als handwerkliches Produkt zu sprechen, gibt es kaum noch öffentliche Räume. Das große Spoiler-Tabu hat Plattformen wie Twitter und Facebook übernommen. Bei der Star Trek-Serie von Netflix gab es wenigstens im Anschluss an die Folgen noch eine Aftershow. Hier wurde den Leuten die die Folge supergeil fanden ein wenig erzählt, wie die Story denn zustande kam wurde. Leider war die Sendung aufgrund des aufgesetzten Zwangs-Enthusiasmus unerträglich. Wenn ich die Ankündigungen von Netflix richtig verstehe, wird in Zukunft auch das wegfallen. Man überlässt das Feld einfach YouTube-Amateuren, die keine Ahnung haben und keinen Zugang zu den richtigen Informationen.

Das ist ein merkwürdiger Umgang mit kreativer Arbeit. Ich als Kunde mag es sehr, wenn ich in einem Podcast oder in einem Interview von den Machern höre, wie sie dann an einer Vision gearbeitet haben und was sie sich bei der Umsetzung gedacht haben. Dann kaufe ich gerne ein Buch oder eine Serie oder gehe ins Kino.

Das wird jedoch zunehmend selten. Man sah es zum Beispiel bei den ganzen Avenger-Filmen. Es gab Interviews über Interviews, bei denen alle Beteiligten im wesentlichen nur sagen durften, wie viel Spaß sie hatten. Alle Autoren, Schauspieler, sogar die Konstümbildner stehen unter strenger NDA. Stattdessen wird der absolut kleinste gemeinsame Nenner als Trailer abgegeben. Selbst auf stundenlangen Comicon-Panels wird quasi gar nichts mehr erzählt. So hat ein Stoff keine Chance mich reinzuziehen.

Von einer Serie wie Breaking Bad habe ich durch Interviews erfahren, die keine künstlichen Informationssperren enthielten. Während der ersten zwei Staffeln war Vince Gilligan quasi in jedem Podcast, den ich abonniert hatte. Vom neuen Breaking Bad-Film durften wir jedoch erst erfahren, als er schon abgedreht war.

Oder High Maintenance. Die Macher haben ihre Vision klar erklärt und wie sie daran arbeiteten, das Ganze auf ein HBO-Fundament zu setzen. Das fand ich spannend, die Umsetzung war gelungen. Und so habe ich mir die Serien gekauft. Mehr noch: Weil in der Serie dann die Dokumentation „One of Us“ thematisiert wurde, habe ich mir diese auch auf die Liste gesetzt.

Mein Wunsch: Wir müssen von der Spoiler/NDA-Hysterie wieder etwas abrüsten. Kreative sollten über ihren kreativen Prozess erzählen, dass wir teilnehmen können, wenn wir mehr sein wollen als dumpfe Zuschauer, denen das schmeckt was man ihnen vorsetzt oder eben nicht. Wenn das im Milliardengeschäft der Blockbuster nicht klappt, wenn der Konkurrenzkampf der Streaming-Plattformen nur noch auf Masse um jeden Preis setzt, dann sehe ich darin einen kulturellen Rückschritt.

Gerade im Comedy-Bereich scheint es hier eine Gegenbewegung zu geben. Comedians berichten in eigenen oder fremden Podcasts sehr ausgiebig über die Entstehungsgeschichte ihre Comedy-Specials. Und obwohl die Leute dadurch einen guten Teil der Witze schon kennen, bleiben sie nicht weg. Sondern sie wissen das Gesamtprodukt um so mehr zu schätzen.

Wenn man auf Kunden wie mich wert legt: Wagt etwas. Schließt die Zuschauer in euren kreativen Prozess wieder ein. Und tut nicht so als seien wir Siebenjährige, denen man nicht verraten soll, dass es keinen Osterhasen gibt.

Antiheld

Es wird wieder viel diskutiert zum Thema Antihelden, weil „The Joker“ ins Kino kommt. Kann man einen Menschen abfeiern, der amoralisch handelt, der mordet, der eine Stadt in Flammen steckt, weil er sein Ego über alles stellt? Ich habe den Film noch nicht gesehen — deshalb hier ein paar Gedanken zu „Breaking Bad“ und Antihelden. Auch hier ist ja ein neuer Film im Kommen.

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Mörder und Verbrecher in Filmen gibt es viele. Wie kann man aber dafür sorgen, dass das Publikum ehrlichen Anteil an ihrem Schicksal nimmt? Dass sie zu Helden, zu Anti-Helden werden? Eine Methode ist: Man sorgt dafür, dass sich der Betreffende gegen eine größere Ungerechtigkeit zur Wehr setzt. Wenn ich an Antihelden in Breaking Bad denke, kommt mir als erstes nicht Walter White in den Sinn, sondern sein Schwager Hank Schrader.

Hank, Hank, Hank!

Hank ist ein Widerling von der ersten Folge an. Hank macht andere nieder, weil er selbst einen Minderwertigkeitskomplex hat. Er ist eine Litfasssäulenwerbung für toxische Männlichkeit. Seinen Partner und besten Freund deckt er konstant mit rassistischen Beleidigungen ein. Hank nimmt zwar kein Geld von Drogenbossen, aber er ist dennoch vor unser aller Augen korrupt. Seine Familie holt er aus dem Knast, den kleinen Junkie sperrt er ohne zu zögern und ohne Grund ein. Und wenn er sich prügeln will, geht er eine Bar und provoziert, um sich dann hinter dem Schutz seiner Behörde zu verstecken. Ich bin die DEA, ich bin Gott.

Und dennoch schafft es Vince Gilligan, dass ich plötzlich zum Hank-Fan wurde. Nunja – für eine Minute. Die Szene ist klar: Hank musste seine Marke und Waffe abgeben und sitzt in seinem Auto, als er eine Warnung erhält. Ein Mordanschlag auf ihn steht unmittelbar bevor. Nun sitzt er da. Unbewaffnet. Verängstigt. Und er schafft es dennoch, die beiden Cousins zu besiegen, die sein Leben auslöschen wollten. Hank klammert sich ans Leben. Und wir klammern uns an Hank.

Damit das klappt, wurden wir vorher auf Hank neu eingepegelt. Denn in der Folge vorher haben wir gesehen, dass da ein guter Kern in dem Ekelpaket steckt. Als etwa Walter Hank ausrichten ließ, dass seine Frau Marie im Sterben liegt, war all sein Testosteron-Gehabe plötzlich weg. Er liebt seine Frau über alles. Und sie liebt ihn, weil sie all seinen Bullshit durchschaut. Als er im Fahrstuhl zusammenbricht, hält sie ihn wie ein kleines Kind. Und als die Tür aufsteht, stehen beide da und halten die Fassade wieder hoch. Hank ist nicht mehr nur der eindimensionale Unsympath, das wir in der ersten Folge kennengelernt haben. Er ist plötzlich ein Mensch. Nur so konnte er zum Helden/Antihelden werden.

Schlau mit Defiziten

Eine weitere Methode, einen Antihelden aufzubauen: Die Zuschauer müssen sich mit ihm identifizieren können. Also siedelt man sie in der Ebene an, wo der Charakter schlauer ist als seine Umstehenden — denn wer ist davon in seinem eigenen Kopf nicht überzeugt? — aber doch nicht zu schlau. Hier sind Walter und Jessie das perfekte Gespann. Ein anschauliches Beispiel ist, als sie das Fass aus dem Chemielager stehlen. Einerseits bringt Walter sein überlegenes Chemie-Wissen aus dem Lehrplan der neunten Klasse mit: Thermit-Gemisch, das jede Tür aufschweißen kann. Zum anderen sind die beiden so unbedarfte Verbrecher, dass sie nur mit Glück einen Wachmann in einem Klohäuschen einsperren können und dann das Fass unter enormen Anstrengungen durch die Gegend tragen, wo sie es einfach hätten rollen können.

Vince Gilligan spielt dieses Spiel sehr intensiv am Anfang. Walter ist kein Verbrecher, er rutscht einfach nur in eine Situation hinein, aus er dann einen Ausweg gemäß seinen Möglichkeiten sucht. Und dann gerät er in die nächste Situation. Er musste Crazy Eight ermorden. Denn Crazy Eight hätte sonst ihn ermordet. Und er hat es ja per Münzwurf mit Jesse ausgemacht. Coin flip is sacred!

Als diese Erzählstruktur, diese Lawine an Rechtfertigungen nicht mehr aufrechtzuerhalten sind, greift Gilligan zu einem Trick — oder besser gesagt: zu einem Hut. Der böse Walter White, der Morde plant und ausführt, ist nicht mehr Walter White, der liebende Familienvater, der intelligente Tollpatsch. Er ist sein Alter Ego, Heisenberg. Kühl, berechnend, bedrohlich. Wir sehen zwar immer wieder, dass der Hut nur ein Hut ist. Dass es nur eine Rolle ist, die Walter spielt, um andere einzuschüchtern. Wenn er sich zum Beispiel mit Tuco auf dem Schrottplatz trifft, ist er eigentlich nur ein zitterndes Etwas. Aber dennoch. Wir können die vermeintlich guten Aspekte von Walter von dem Monster trennen, während es ihn immer weiter in Besitz nimmt.

Say my name

Doch auch das Monster Heisenberg gewinnt die Begeisterung des Publikums. Hier verwenden die Autoren zwei Mechanismen. Zum einen: Das Publikum respektiert Heisenberg, weil immer wieder wiederholt wird, wie respektabel er doch ist. Tuco erkennt den Newbie im Drogengeschäft als gleichberechtigten Partner an, weil der sein Hauptquartier in die Luft jagt. Gustavo Fring erkennt Heisenberg an, weil er ein Genie ist und die richtigen Familienwerte vertritt. Und der profillose Vollbart-Drogenhändler erkennt Walter an, weil er Fring ermordet hat. „Say my name!“

„Say my name“ – Klick zum Video

Gleichzeitig wird Walter als eine Art Ehrenmann präsentiert. Anstatt noch auf einer moralischen Ebene zu spielen, die der durchschnittlicher Zuschauer auf irgendeine Weise nachvollziehen könnte, spielt der Antiheld auf dieser Ebene „nach seinen eigenen Regeln“, er hat seinen „eigenen moralischen Code“. Natürlich wollen wir die Morde nicht beklatschen, aber er hatte ja keine andere Wahl. Denn ihm wurde so viel Unrecht getan. Und seht alle her, was für ein toller Vater er immer noch ist. Für Walter Junior und für Jesse.

Das Problem daran: Natürlich ist das Bullshit. In Staffel vier und fünf sehen wir die Fassade zusammenbrechen. Etwa als er Skyler anfährt: „I am the danger…. I am the one who knocks“. Oder als er Jesse aufklärt, dass es schon lange nicht mehr darum geht, seine Familie zu versorgen, sondern dass er seine frühe Liebe Gretchen ausstechen will. „You asked me if I was in the meth business or the money business. Neither. I’m in the empire business.“

Eigentlich hätte Walter White an der Stelle alle Sympathien verlieren müssen. Es war aber zu spät und zu wenig. Anstatt Walter White als skrupellosen Verbrecher zu verachten, postet das Publikum begeistert Share-Pics mit den schlimmsten Zitaten. Heisenberg ist kein Monster. Heisenberg ist cool. Er zeigt dieser ungerechten Gesellschaft, dass er doch überlegen ist. Dass man so nicht mit uns… ähm… dass man so nicht mit ihm umspringen kann, ohne dafür zu büßen. Fuck, yeah!

Wo sind die Antihelden?

Letztlich ist Breaking Bad daran gescheitert, Walter White wirklich zum Antihelden werden zu lassen. Er hinterlässt zwar ein Schlachtfeld. Leichen ohne Ende. Und er hat das Leben seiner Familie und aller in seinem Umfeld ruiniert. Aber er ist kein wirklicher Antiheld, sondern ein Gescheiterter. Um dieses Kunststück zu schaffen, wurden in der letzten Iteration der Serie neue Bösewichter eingeführt, die keine zweite Ebene mehr haben. Todd — oder „Ricky Hitler“, der ohne sichtbare Gefühlsregung Leute und sogar Kinder abknallt. Oder sein White-Supremacy-Onkel, der 80 Millionen Dollar abkassiert und dann einfach mit dem Morden weitermacht wie bisher. Beide verkörpern das absolut Böse, gegen das es sich zu kämpfen lohnt. Und Walter stellt sich nun dem absolut Bösen entgegen, um Absolution, um unsere Sympathie wiederzugewinnen. Er gewinnt. Und stirbt in Frieden.

Wenn ich überlege, fällt mir kein richtig gutes Beispiel ein, wo ein Antiheld wirklich in letzter Konsequenz vorgeführt wurde, so dass sich das Publikum kurz selbst anekeln muss. In Goodfellas muss Henry Hill für seine jahrelangen Verbrechen dadurch büßen, dass er als Niemand in der Provinz schlechte Pasta serviert bekommt. Aber schließlich war er mal jemand! American Psycho Patrick Bateman schlachtet eine Protstituierte ab, indem er eine Kettensäge durchs Treppenhaus wirft. Wie krass ist denn das!?! Sogar Brad Pitts Charakter in Fight Club, der sich als Wahnfigur eines Geisteskranken entpuppt, wird geliebt. Es gibt kein erfolgreiches Multiplayer-Game, kein neues Social Network gibt, ohne dass sich Hunderte Nutzer Tyler Durden nennen.

Antiheld oder Held. Wo ist der Unterschied?

CAPTCHA

„Guten Tag Herr Schniekenpoop. Mein Name ist Wassner, ich bin der Redaktionsleiter von ‚Hart, aber Willberger'“

„Schönen guten Tag. Ich freue mich schon auf meinen Auftritt. Ein paar Kleinigkeiten müssten wir noch regeln. Wann etwa muss ich in der Maske sein?“

„Nun – das klären wir vielleicht besser später. Sie wissen, worum es bei diesem Treffen geht?“

„Mein Büro sagte mir, es wäre ein Vorgespräch.“

„In gewisser Weise. Sie kennen CAPTCHAs?“

„Was bitte?“

„Nun, sie kennen doch die kleinen Bildchen, die auf vielen Webseiten erscheinen, wenn man irgendetwas posten will. Man schreibt den verschwommenen Text ab und beweist damit, dass man kein Spam-Roboter ist.“

„Aha?“

„Nun, wir haben uns nach der herben Zuschauerkritik dazu entschieden, eine Art CAPTCHA einzuführen. Schließlich sollen nur Leute auftreten, die tatsächlich wissen, wovon sie reden.“

„Ich weiß zwar nicht, wovon Sie hier reden, aber nur zu…“

„Sie wissen wahrscheinlich, warum wir Sie eingeladen haben?“

„Nun, das ist ja nicht schwer zu erraten. Entweder war es mein Gastbeitrag in der ‚Zeitigen Allgemeinheit‘ oder mein Interview bei ‚Ablage Rundfunk‘.“

„Genau. Es geht um in unserer kommenden Ausgabe um Verkehrspolitik.“

„Das dachte ich mir schon. Wann muss ich nun in der Maske sein?“

„Gemach. Lassen Sie mich ihre Beiträge rekapitulieren.“

„Nur zu.“

„Sie haben sich für ein Totalverbot von E-Scootern in deutschen Städten und vergleichen die Anbieter mit einer Heuschreckenplage.“

„Ja, können Sie das aus dem Intro rauslassen? Die Zeile bringt mir live immer am meisten Gelächter.“

„Desweiteren fordern sie, die KFZ-Steuer auf Radfahrer auszudehnen.“

„Richtig. Schließlich zahlen wir Autofahrer auch für die Radwege!“

„Und Greta Thunberg nannten sie…“

„Neidlich, Neidisch, Neuroleptisch!“

„Wissen Sie überhaupt, was ’neuroleptisch‘ heißt?“

„Nun, Sie ist doch ein Psycho, oder?“

„Eine Autistin.“

„Eben. Niedlich. Neidisch. Ne Autistin.“

„Eigentlich sind meine Fragen schon beantwortet, Herr Schniekenpoop. Aber lassen Sie mich noch ein paar anfügen. Der Vollständigkeit halber.“

„Ja?“

„Wissen Sie, wie viel Deutschland für den Bau von Straßen Jahr für Jahr ausgibt?“

„Nun, mein Büro kann sicher etwas zusammenstellen…“

„Wir sind hier nicht bei Jauch — hier gibt es keine Telefon-Joker. Lassen Sie mich eine andere Frage probieren: Wir wissen alle, dass E-Scooter auf dem Fahrradweg fahren müssen, wenn einer vorhanden sind. Wo müssen sie fahren, wenn kein Radweg vorhanden ist?“

„Auf dem Fußweg natürlich. Sonste käme ich mit dem Auto ja gar nicht mehr vorwärts.“

„Sind Sie jemals im Berufsverkehr Rad gefahren?“

„Nein, ich hole mein Rad nur am Sonntag mal raus, wenn die Sonne scheint. Wie normale Menschen.“

„Danke, das wäre es dann.“

„In Ordnung. Wann muss ich dann zur Maske?“

„Gar nicht. Sie haben keine Ahnung von Verkehrspolitik, sie kennen die Verkehrsregeln nicht, sie haben nicht mal Verkehrserfahrung aus erster Hand, wie es ist, wenn man nicht in einer Limousine sitzt. Alls was sie mitbringen, sind schlechte Wortspiele und Ressentiments. Warum sollen wir Sie auf Sendung lassen?“

„Aber…aber… sie brauchen mich. Ich bringe mindesten eine halbe Million neuer Zuschauer, die mich lieben. Und eine Million, die sich grün- und schwarz-ärgern. Nach meinem Auftritt bei Ablage Rundfunk gab es sogar einen eigenen Twitter-Hashtag.“

„Einschaltqupoten sind nicht alles. Guten Tag.“

SUVs sind einfach zu breit

Ich wurde herausgefordert, die Probleme von SUVs zu benennen. Nun – das könnte ein längerer Text werden. Um nicht allzu sehr auszuufern, beschränkte ich mich hier auf die Probleme, die ich aus unmittelbarer Anschauung in meiner Nachbarschaft mit bloßem Auge beobachten kann.

Zum ersten: Ich verstehe die Motivation, sich einen SUV zu kaufen. Es erscheint einfach sicherer. Obwohl man als Autofahrer im Stadtverkehr kaum noch Unfälle mit Verletzungen zu befürchten hat, ist ein Sports Utility Vehicle einfach besser. Selbst für die Leute, die weder Sports, noch Utilities benötigen: Mit der erhöhten Sitzposition schaut man einfach weiter. Und: Es gibt innen wahnsinnig viel Platz. Gleichwohl: Kratzer an der Stoßstange und ähnliches sind keine Risiken mehr, sondern Gewissheit. Zum einen, weil andere Verkehrsteilnehmer die Übergröße nicht gewöhnt sind. Viel wahrscheinlicher: Weil die Fahrer selbst die Übergröße nicht gewöhnt sind.

Wenn man mit einem normalen Auto oder Fahrrad auf den Straßen unterwegs ist, ist ein SUV ein Sichthindernis wie ein Linienbus oder ein LKW. Das ist ein Problem. Wer etwa im Berufsverkehr hinter einem SUV an einer Ampel steht, müsste eigentlich an der Haltelinie warten, bis absolut sicher ist, dass es hinter der Kreuzung weitergeht. Das ist einerseits Gesetz, andererseits unrealistisch. Der Verkehr käme zum Erliegen, wenn sich jeder wirklich daran hielte. Der einzige Weg für den Einzelnen: Man kauft sich ebenfalls ein SUV, um sich mehr Überblick zu verschaffen.

Das Problem: SUVs sind einfach zu groß und vor allem breit für die bestehende Verkehrsinfrastruktur in Köln. Wenn man einparken will, gibt es vorne und hinten zwar hilfreiche Piepstöne. Die Sensoren an der Seite fehlen jedoch meist. Wenn ich etwa auf der Luxemburger Straße in Köln unterwegs bin, begegne ich immer wieder Autos, die auf beiden Fahrbahnen gleichzeitig unterwegs sind. Vor dem SUV-Boom habe ich so etwas vielleicht einmal im Jahr beobachtet. Nun ist es eine alltägliche Erscheinung.

Zu breit

Am einfachsten kann man das Problem zum Beispiel auf dem ALDI-Parkplatz an der Dürener Straße sehen, wo die Autos gerne 20 Zentimeter über dem Trennstreifen parken. Theoretisch passen die Autos auf den eingezeichneten Platz. Dann müssten die Fahrer jedoch aus dem Schiebedach aussteigen. Noch extremer ist es bei den Tiefgaragenplätzen. Die werden von Supermärkten, Fitnesstudios oder medizinischen Einrichtungen immer öfters kostenlos bereitgestellt. Trotzdem werden diese Plätze von SUV-Fahrern immer wieder ignoriert. Drei Minuten von hier sind zwei Bio-Supermärkte. Eine beträchtliche Anzahl der Kunden parkt in zweiter Reihe statt einfach ins Parkhaus zu fahren. Wie gesagt: Es sind kostenlose Parkplätze. Die Fahrer trauen es sich halt nicht zu, hier zu parken. Denn neben jedem dritten Parkplatz ist eine Betonsäule, die teure Schrammen verursachen kann. Oder ein anderer SUV.

Ein Teufelskreislauf. Die SUVs fahren nicht in Tiefgaragen, also bleiben sie die Parkplätze dort leer, also werden sie Straßen noch voller. Volle Straßen bestärken Auto-Käufer, nach einem robusteren PKW zu suchen. Der höchstwahrscheinlich viel zu groß ist für Kölner Straßen.

Legal ist doch legal?

Wenn ich behaupte, dass Autos „zu groß“ sind, hangle ich natürlich an einem fragwürdigen Konzept entlang. Wie groß ist „zu groß“? Die Leute haben von einem amtlich zugelassenen Händler ein Fahrzeug erworben, das vom Kraftfahrbundesamt genehmigt wurde. Dass der Gesetzgeber und die Ämter wegsehen, wenn ein Auto nicht mehr in eine Waschanlage passt, können sie ja nicht verantworten. Außer wenn sie mit offenen Augen durch die Straßen gehen und bemerken, dass Rollator- oder Rollstuhl-Nutzer nicht mehr den Fußweg vor ihrem Haus benutzen können.

Ach, da passt ein Fußgänger doch prima durch!

Wie rapide sich der Verkehr in Köln-Sülz verändert hat, war extrem beeindruckend. Als etwa die neue U-Bahn gebaut wurde, stellte ich zum Beispiel überrascht fest, dass schlichtweg alle Straßen von meiner Wohnung in Richtung der anderen Rheinseite für Radfahrer gesperrt waren. Für Autofahrer wurden Umleitungen eingerichtet, für Radfahrer gab es hingegen nur zusätzliche Verbotsschilder bis schließlich keine einzige Straße übrig war. Die einzige logische Erklärung: Verwaltung und die Straßenarbeiter gingen schlichtweg davon aus, dass Radfahrer die Schilder sowieso ignorieren. Ein inoffizielles Arrangement: Die Polizei und Ordnungsamt sehen weg, wenn Radfahrer verkehrt fahren, da sie selbst bei der Planung der Straße und der Baustellen weggesehen haben.

Mehr Blech gewinnt

Problem: Dieses Arrangement konnte spätestens seit den Nullerjahren nicht mehr aufrecht erhalten werden. Zu viele Leute sind als Radfahrer unterwegs. Zu viele Leute sind mit dem Auto unterwegs. Und die Leute reagieren mittlerweile sehr massiv darauf, wenn vor ihrer Haustür Leute totgefahren werden. Also wurden etwa die Einbahnstraßen von Sülz für Radfahrer zu Zweibahnstraßen.

Problem gelöst? Nein. Denn wann immer ich eine dieser Einbahnstraßen mit dem Fahrrad benutze, kommt mir ein Auto entgegen, das schlichtweg nicht genug Platz für mich lässt, weil es zu breit ist und die am Straßenrand parkenden Autos ebenfalls zu breit sind. Zwanzig Zentimeter hier, zwanzig Zentimeter dort — und schon klappt der kalkulierte Verkehrsweg nicht mehr. Wie zuvor bei den Radlern hat die Stadtverwaltung eine Laissez-faire-Haltung entwickelt. Regelt das doch unter Euch. Wer mehr Blech hat, gewinnt.

Sobald Fahrradwege auf die Fahrbahn gezeichnet werden, werden sie rücksichtlos zugeparkt. Das passiert nicht nur aus purer Not, sondern weil die Fahrer der Auffassung sind, dass sie ein Recht dazu haben. Im fließenden Verkehr schneiden insbesondere SUV-Fahrer Radler regelmäßig — teils unbewusst, teils sogar absichtlich. Neulich hat mich ein BMW-Fahrer in einer Tempo-30-Zone ausgehupt und beschimpft, weil ich auf der Fahrbahn fuhr. Seiner Meinung nach gehörte ich auf den Fußweg nebenan. Selbst wenn nur ein Prozent der Autofahrer dieser Auffassung sind — wenn ich einmal die Luxemburger Straße entlangfahre, werde ich von mehr als 100 Autos überholt. Die Erwartungshaltung im Straßenverkehr genötigt zu werden, ist mittlerweile so hoch, dass ich mir einen extrabreiten Fahrradkorb zugelegt habe, damit ich ein imposanteres Profil aufbiete. Viele Radler haben aber aufgegeben und fahren gleich auf dem Bürgersteig. Was dann die Fußgänger zu verständlichen Protesten antreibt.

Auch die Autofahrer sind zunehmend frustriert. Wenn ich als Kind mit unserem Familienauto unterwegs war, war das eine einfache Sache. Ich öffnete die Autotür und stieg ein. In meiner Kölner Nachbarschaft ist das allzu oft keine Option mehr. Die Kinder dürfen die Türen nicht selbst öffnen, da viel zu wenig Platz zum Nebenauto bleibt und sie Lackschäden verursachen würden, wenn die Tür ungehindert aufschwingt. Also muss Papa oder Mama Chauffeur spielen, und jedem Kind die Tür genau den richtigen Spalt offen halten. Oder sie parken aus, bleiben auf Gehweg oder Straße stehen und beginnen dann eine mehrminütige Verlade-Aktion. Ein neuer Verleihauto-Anbieter parkt neuerdings seine Wagen mit dicken Werbesprüchen in der Nachbarschaft: Man zahlt nicht mehr für den Stau, sondern nur für die gefahrene Strecke. Dass man staufrei zum Einkaufen fahren kann, scheint eine Erinnerung an ferne Zeiten.

Die kritische Masse

Ein Geländewagen alleine ist noch kein Problem. Eine Stadt muss schließlich auch für Lieferwagen, Busse oder LKWs befahrbar sein. Das Problem ist die kritische Masse an übergroßen PKWs, die in meiner Nachbarschaft inzwischen weit überschritten wurde. Was sollen wir also tun? Die Straßen im gleichen Ausmaß verbreitern wie die Autos? Das wäre sicher schön, doch wie soll das gehen? Reißen wir alle Häuser ab und bauen sie dreißig Zentimeter schmaler neu auf? Oder einigen wir uns auf Regeln, die SUVs auf ein verträgliches Maß reduzieren?

Ich habe Volkswirtschaft studiert. Ein Konzept, das wir damals als erstes lernten, war das der „externen Kosten“. Wer ein überbreites, überlanges und überhohes Autos kauft, verursacht wahrscheinlich viele Probleme für andere Verkehrsteilnehmer. Weit mehr Probleme, als durch die zusätzlichen Steuern und Gebühren abgedeckt sind. Um diesen Mißstand zu lösen, müsste man die externen Kosten internalisieren. Das macht jedoch niemand. Ein SUV ist für den Gesetzgeber trotz Klimapaket bis heute nichts prinzipiell anderes als ein Renault Twizy, der weniger als 1,20 Meter breit ist und kein Benzin tanken kann.

In den letzten Tagen sind mit immer wieder Tweets von Kollegen aufgefallen, die sich darüber echauffieren, dass SUV-Fahrern mittlerweile ab und zu die Meinung gesagt wird. Diskriminierung! Ein Auto, auf dem gar ein paar harmlose Sticker geklebt wurden, wird gar zum Schauplatz krimineller Sachbeschädigung.

Diese Dünnhäutigkeit ist wirklich bemerkenswert. Wenn man diese Maßstäbe anlegt, hätte man etwa Fortuna Köln vor Jahrzehnten als kriminelle Organisation verbieten müssen. Aber solche Vergleiche sind natürlich albern. Diese Dünnhäutigkeit ist Ausdruck eines Verteilungskampfes um den öffentlichen Raum. Wer mehr Blech hat, gewinnt. Dieser Grundsatz ist zwar nirgends aufgeschrieben, er gilt dennoch vielen als eine Grundfeste unserer Gesellschaft.

Nun. Wer die Augen ab und zu mal aufmacht, muss einsehen, dass es so nicht mehr geht. Nur wie finden wir einen neuen Kompromiss, wenn man nicht mal das Verhalten Einzelner öffentlich kritisieren und hinterfragen soll?