Account-Disziplin wahren!

Es gibt so viele neue Dienste, die Dir versprechen, Dein Leben besser, schneller, süßer zu machen. Ob es die neue Crowdfunding-Plattform ist, ein Dienst der Dich benachrichtigt, wenn Twitter-Accounts Dir nicht mehr folgen oder der zweifellos beste Newsletter über Nasal-Sonden. Alle wollen Deinen neuen Account mit Facebook und Twitter verknüpfen, viele wollen deine Telefonnummer oder dass du ihrer App einen ganzen Stapel von Rechten einräumst.

Ich habe festgestellt: Die meisten Dienste kommen auch ohne aus. Der ultimative Ausweis für einen neuen Online-Dienst ist nach wie vor eine E-Mail-Adresse. Und von denen könnt ihr unbegrenzt viele haben. Wenn Ihr Euch ein Domain-Paket oder einen Webhosting-Account anlegt, bekommt ihr meist kostenlos ein paar Hundert E-Mail-Adressen obenauf. Falls es denn überhaupt ein Limit gibt.

Bevor Ihr Euch also zu einem neuen Dienst anmeldet: Legt Euch schnell eine E-Mail-Adresse an. Das muss nicht mal ein vollwertiges Postfach sein. Eine Weiterleitung zu einem üblichen Postfach genügt. Das reicht auch schon meist. Zwar fragen alle Dienste reflexhaft nach dem Facebook-Login. Tatsächlich notwendig ist er jedoch meist nicht. Auch kann man auf Smartphones mit neuen Betriebssystem Apps Rechte verweigern. Wenn eine App ohne hinreichenden Grund und Vertrauen darauf besteht mein Adressbuch auszulesen, installiere ich sie nicht.

Der Vorteil der Methode ist: Der Anbieter kann Eure Daten nicht mit anderen Diensten verknüpfen. Und die Daten können nicht wirklich gestohlen werden. Falls ein Dienst plötzlich anfängt zu spammen und eine Abmeldung nicht genügt. Lösch einfach die E-Mail-Weiterleitung und Du hast deine Ruhe.

Etwas trickreicher ist es, wenn denn Dienste mit Kosten verknüpft sind. Hier lohnt etwas mehr Recherche und ein kritischer Blick in die AGB. Hier helfen zuweilen auch diese Guthaben-Karten, die ihr im Supermarkt kaufen könnt. Ein Netflix-Abo ist nicht billiger, wenn ihr dem Dienst eine Einzugsermächtigung gebt.

Das Ganze ist keine perfekte Maßnahme, um die eigene Privatsphäre zu wahren — schließlich bleiben genug Meta-Informationen übrig: IP-Adressen, Cookies, Interaktionen mit anderen Accounts. Aber es ist ein erster Schritt, die Datenflut einzudämmen.

Nein, ich bin nicht auf Xing

Heute habe ich ein Ticket für das Kölner Barcamp gekauft. Als Dienstleister kam Xing Events zum Einsatz. Nundenn, dachte ich, wenn es denn nciht anders geht.

Leider bekam ich kurz darauf eine Nachricht: Xing verkündete meinem geschäftlichen Bekanntenkreis möglichst breit, dass ich wieder ein Xing-Konto habe.

Dabei wollte ich kein Xing-Konto haben. Ich wollte nur ein Ticket.

Der Fehler, den ich gemacht habe: Ich habe im Bestellformular ein Passwort eingegeben — in der naiven Annahme, dabei gehe es nur darum, dass ich das Ticket mit dem Passwort abrufen kann. Der Infotext, den man dazu bekommt, legt diese Interpretation auch nahe. Ich meinte es ging um einen Bereich, für Barcamp-Teilnehmer. Xing meinte eine vollwertige Xing-Mitgliedschaft, bei der ich erst nachträglich festlegen kann, dass Informationen über mich nicht ausgesendet werden sollen.

Selbst schuld: Ich war wohl wieder nicht ganz aufmerksam. Als Folge hat Xing meine Daten sofort rücksichtslos verwendet, um meine vorgebliche Xing-Präsenz an andere Leute zu verbreiten. (Diese Leute sind freilich auch schuld: Schließlich haben sie ihre Adressbücher bei Xing hochgeladen ohne mich zu fragen, ob ich das will.)

Meine Antwort darauf ist natürlich klar. Mal wieder.

Ich will neue Narrative

Grade geht ja wieder eine Debatte darüber los, wie man mit der Berichterstattung um Serienmörder an Schulen umgehen soll.

Ich würde die Diskussion gerne etwas erweitern. Ich glaube ja, dass Fiktionen Realität auf verschiedene Weisen widerspiegeln und auch neue Realitäten formen. Wenn jeden Abend fünf CSI-Folgen mit jeweils mindestens einem grausamen Mord laufen, wenn Mankell seine schlechten, deprimierenden Bücher verkaufen konnte, weil er absurde Gewalttaten in ihren Mittelpunkt stellt, wenn auch die Kritikerlieblinge auf Netflix im Blut ersaufen — dann ist es kein Wunder, wenn die Mörder im realen Leben auch eine Obsession sind.

Es ist Zeit für neue Narrative. Ich wünsche mir zum Beispiel endlich mal wieder Krimiserien über Leute, die Sachen klauen. Eine provokative neue Serie aus Finnland, in der es um *trommelwirbel* die Steuerfahndung geht. Anstelle des üblichen Musters ein Mord pro Folge und ein Serienmord pro Staffel möchte ich Trickdiebe, Korruptionsermittler — vielleicht sogar eine neue Serie über Journalisten.

Anzeige wegen einer Anzeige

Ich berichte nun schon einige Jahre über Online-Werbung und manches begreife ich einfach nicht. Zum Beispiel: Warum gibt es immer noch „Rogue Redirects“ – also auf Websites eingeschmuggelte Werbeskripte, die den Nutzer auf einer fremde Betrugs-Website umleiten?

Ich habe im vergangenen Jahr schon mal über die Nerv-Pop-Ups berichtet. Und viele andere haben es auch getan. Doch obwohl eigentlich jeder Marktteilnehmer über die Masche Bescheid weiß, klappt sie immer noch. Es ist auch furchtbar einfach: Man bucht unter falschem Namen Werbeplätze auf mehr oder weniger renommierten Websites und sobald die Auslieferung beginnt, schiebt man dem Werbe-Netzwerk eine kleines Zusatz-Skript unter.

Als Nicht-Branchen-Insider nahm ich an, das Thema wäre schnell gegessen. Wenn Google, Appnexus und Co endlich mal auf den Dreh gekommen sind und auf die Dringlichkeit des Problems hingewiesen werden, dann basteln sie schnell einen Filter. Dieser Filter muss ja nichts besonderes können. Er muss nur die Frage beantworten: Öffnet dieses Skript ohne Nutzerinteraktion eine neue Website, die wir nicht kennen? Doch niemand programmiert diesen Filter und schaltet ihn frei. Und so geht es immer weiter. Mal werden Schrott-Apps verhökert, mal werden die persönlichen Daten der Opfer meistbietend verkauft.

Was auch erschreckend ist: Das Schweigekartell. Ich habe Dutzende von Firmen drauf angesprochen, wieso denn solche Betrug seit Jahren toleriert wird. Auch viele Medien, die diese zutiefst rufschädigenden Skripte auf ihren Webseiten ausgeliefert hatten, schweigen zu den an sich sehr einfachen Fragen: Woher kam die Anzeige? Und was wollt ihr dagegen tun?

Heute habe ich mal eine neue Methode ausprobiert. Als ich von der Website des Kölner Stadt-Anzeigers auf eine Scareware-Website weitergeleitet wurde, die mir etwas von der Vireninfektion meines Computers vorgelogen hat und die mir irgendeine Adware installieren wollte, habe ich Strafanzeige gegen unbekannt gestellt.

Es wäre doch zu schön, wenn sich die nagelneuen auf Internetvergehen spezialisierten Kommissariate und Staatsanwaltschaften mal diesem Problem widmen, das nur existieren kann, wenn die Betrüger tagtäglich tausende Opfer finden, wenn in der langen Lieferkette der Online-Werbung niemand Identitäten der Kunden überprüft. Ich wünsche mir, dass bei den Firmen endlich Ermittler anrufen, denen es egal ist, wenn die Beihilfe zum Betrug durch Non-Disclosure Agreements abgedeckt ist. Und die auch zur Vernehmung vorladen können. Denen ein „Passiert garantiert nicht wieder“ nicht reicht, sondern ein wenig Druck machen. Es müsste ja gar nicht so viel Druck sein. Nur so viel, dass es sich nicht mehr rechnet den kriminellen Abschaum der Werbebranche auf seine Plattformen zu lassen.

Missverständnisse zur Blockchain

Die Blockchain ist in aller Munde. Während die astronomischen Schwankungen, notorischen Diebstähle, Betrugsmaschen und astronomischen Transaktionsgebühren bei Bitcoin und anderen Kryptowährungen viele inzwischen an deren Zukunft zweifeln lassen, bildet sich grade ein merkwürdiger medialer Konsens heraus. Nicht Bitcoin ist das Zukunftsmedium, die Revolution — sondern die dahinterliegende Technik Blockchain. Die EU-Kommission hat nun eine Beobachtungsstelle Blockchain eingerichtet.

Einen der schlechtesten Artikel zu diesem Thema habe ich heute im Online-Angebot der ARD entdeckt. Leider wurde der Text nach meiner Kritik auf Twitter nur unwesentlich überarbeitet. Aber was soll’s? Wenigstens ist er ein tolles schlechtes Beispiel, an dem man einige grundsätzliche Missverständnisse aufzeigen kann. Also los.

Der Artikel fängt schon mit einer revolutionären Ansage an:

Google, Facebook und Amazon verdienen an den Daten ihrer Nutzer. Doch das könnte sich durch die Blockchain ändern: Sie vernetzt eine Welt, in der jeder nur das von sich preisgibt, was er auch wirklich möchte. Was bedeutet das für die Geschäftsmodelle der Tech-Giganten?

Hier haben wir schon eine ganze Reihe von Missverständnissen.

Zum ersten Missverständnis: Es gibt nicht „die“ Blockchain. Jeder, der dazu Lust verspürt, kann heute preisgünstig seine eigene Blockchain anlegen lassen. Es gibt mittlerweile eine ganze Reihe an Anbietern und Dienstleistern, die die Programmierarbeit übernehmen, Server bereitstellen, die Mathematik bändigen. Der Prozess ist so einfach, dass es mittlerweile so viele Spaßanwendungen und Juxwährungen gibt, dass selbst Krypto-Fans den Überblick verlieren.

Bitcoin ist ein Datenschutz-Albtraum

Missverständnis Nummer 2: Es mag Anbieter geben, die behaupten dass ihre spezielle Anwendung der Blockchain-Technologie dem Datenschutz der Nutzer diene. Das mag möglich sein — in der Regel ist es aber nicht so. Die Vorzeige-Anwendung der Blockchain, nämlich Bitcoin, ist geradezu ein Datenschutz-Albtraum. Denn jede Transaktion, die man mit Bitcoins macht, wird auf ewig für alle sichtbar und öffentlich gespeichert.

Das leider überaus verbreitete Missverständnis, dass Bitcoin anonym sei, kommt daher, dass Bitcoin-Nutzer bisher nicht gezwungen sind sich ein Konto auf einen Realnamen anzulegen. Stattdessen kann man eine Art Kontonummer anlegen, die ohne weiteres nicht dem Menschen zugeordnet werden kann. Das Problem ist: Sobald man tatsächlich Bitcoins benutzen will um im Alltag Dinge zu kaufen, ist es mit dieser vorgeblichen Anonymität vorbei. Zwar gibt es Möglichkeiten, Zahlungen auf der Bitcoin-Blockchain zu verschleiern. Aber die kosten nicht nur ordentlich Geld und Zeit, sondern sind auf Dauer auch knackbar.

So haben grade Forscher ein paar Datenspielereien veröffentlicht, mit denen sie die Drogenkäufe auf Silkroad nachverfolgt haben. Auch könnten die Regulierungsferien der Bitcoin-Konten bald beendet werden. Denn die Staaten sehen die grassierende Geldwäsche zunehmend ungern und wollen gerne die Spekulationsgewinne dem üblichem Steuersystem zuführen. Zudem ist die kriminelle Energie im Investment-Markt auf ein nicht mehr zu tolerierendes Maß angestiegen. Facebook hat gar beschlossen: Von diesem gewaltigen Wachstumsmarkt wollen wir kein Stück abhaben. Und das will etwas heißen.

Pseudonyme sind nicht anonym

Bitcoin ist das perfekte Beispiel, um den Unterschied zwischen anonymer und pseudonymer Nutzung zu erklären. Der anonyme Nutzer hinterlässt möglichst gar keine Datenspuren. Der pseudonyme Nutzer hingegen bietet mit seinem Pseudonym einen herrlichen Anknüpfungspunkt, all seine Aktivitäten, die für sich genommen nicht verfolgbar sein mögen, dann schließlich doch zu einem umfassenden Datenprofil zu verknüpfen. In diese Falle tappen auch immer wieder erprobte kriminelle Hacker. Denn an jedem Pseudonym hängen ja wichtige Dinge. Der eine Hacker will nicht auf seinen Ruhm verzichten, der andere Hacker hat sein Pseudonym zu Untergrund-Marke aufgebaut.

Bei Bitcoin-Besitzern ist es noch etwas extremer. Wenn man Bitcoin alleine im virtuellen Raum bestaunen will, kann man anonym bleiben. Wenn man aber einen Burger, ein Auto oder gar Drogen kaufen will, klappt das tendenziell nicht mehr. Wer heute unentdeckbar ist, ist es morgen vielleicht schon nicht mehr.

Weiter im Text.

Denn so funktioniert ihr Geschäftsmodell: Sie profitieren vom mangelnden Datenschutz im Netz und geben ihre Infos an Werbetreibende weiter. Doch die Selbstbedienung am Daten-Buffet könnte irgendwann vorbei sein.

Das ist kein Missverständnis zur Blockchain, sondern zum Internet allgemein. Google und Facebook sammeln haufenweise persönliche Daten — das ist richtig. Ihr Geschäftsmodell beruht jedoch gerade darauf, dass sie diese eben nicht weitergeben. Man kann die Online-Konzerne bezahlen, dass sie Werbung an 37jährige Volkswirte mit Katzenallergie ausliefern. Sie wären aber sehr schlecht beraten, wenn sie den Werbekunden oder Partnern verraten würden, an wen denn konkret sie die Werbungen ausliefern. Diese Daten schützen sie recht eifersüchtig — und zwar besser als Yahoo.

Die Blockchain könnte dieses Monopol auflösen – vermutlich sogar besser als manche kartellpolitische Maßnahme. Denn die Technologie eröffnet neue Möglichkeiten: Sie kann vor Überwachung, Identitätsdiebstahl und Datenmissbrauch schützen.

Revolution: Spezial-Datenbank.

Missverständnis Nummer 3: Nichts in Blockchains ist dazu geschaffen, Überwachung und Identitätsdiebstahl gleichzeitig zu verhindern. Es ist zwar alles möglich, denn schließlich kann Software immer wieder umgeschrieben werden. Aber bleiben wir doch mal in der heutigen Realität. Sicher kann man Blockchains anders gestalten als bei Bitcoin. Man kann zum Beispiel eine private Blockchain einrichten, die eben nicht alle Transaktionen für jeden veröffentlicht. Diese private Blockchain ist aber nicht per se sicherer als jede andere Datenbank.

Identitätsdiebstähle sind auf einer Blockchain tendenziell sogar einfacher als in anderen Systemen: Wer einmal den Schlüssel geklaut, erschnüffelt oder geknackt hat, ist der Eigentümer des Kontos. Der Bestohlene kann nicht mit dem Ausweis zum nächsten Bitcoin-Bank gehen und sich das Geld zurückerstatten lassen.

Überhaupt empfiehlt es sich, diesen kleinen Realitätscheck einzubauen. Wo immer ihr einen Artikel seht, wo die Blockchain einen revolutionären Anspruch verliehen bekommt, ersetzt das Wort „Blockchain“ durch das Wort „Spezial-Datenbank“. Denn Blockchains sind nichts anderes. Man kann auch ganz zentrale Datenbanken einrichten, die anonym, pseudonym oder öffentlich sind. Bei Blockchain ist es im Prinzip nicht anders. Bis auf die Tendenz, dass ganz private Daten auf einer Blockchain eher nichts verloren haben. Glaubt ihr, dass eine Spezial-Datenbank Google und Facebook bezwingen wird? Eher nicht. Und damit seid ihr im Bereich des überaus Wahrscheinlichen.

NEIN!

Weiter im Text.

Ein weiterer Vorteil ist das dezentralisierte System: Bei der Blockchain liegen die Daten auf vielen Rechnern verteilt. Hacker müssten also jeden Computer im Netzwerk einzeln anzapfen, um an möglichst viele Informationen zu gelangen. Die Blockchain verbindet dabei die Computer in ihrem Netzwerk miteinander: Sie alle prüfen, wenn jemand Informationen fälschen will. Werden Fälschungen erkannt, wird die Transaktion nicht weiter ausgeführt.

Nein. Neinneinnein. Nein. Nein! NEIN! Nein. Nein. Neinneinnein. Nein. NEIN! Und: Nein.

Missverständnis Nummer 4 ist wohl das zentrale Missverständnis: Der Unterschied zwischen „verschlüsselt“ und „kryptografisch gesichert“. Auf der Blockchain werden per se keine Nutzerdaten per Verschlüsselung versteckt — eher im Gegenteil. Die Kryptographie stellt lediglich sicher, dass die Transaktionen korrekt sind.

Um das zu erklären, greifen wir zum Beispiel zu httpS://www.tagesschau.de. Das S steht für „secure“, es ist eine kryptografische Anwendung. Wer über diese Https-Verbindung die Website der Tagesschau aufruft, verschlüsselt einerseits die Datenübertragung. Der Provider kann nicht mehr ohne weiteres mitlesen, welche Artikel wir auf Tagesschau.de lesen. Der Inhalt der Tagesschau-Webseite ist aber dadurch nicht geheim. Jeder kann die Artikel aufrufen und nachlesen, was dort steht.

Was Https-Verbindungen auch können: Sie sichern den Sender kryptografisch ab. Das heißt: Aufgrund der sehr komplexen Schlüsselinfrastruktur kann ich mit meinem aktuellen Browser ziemlich sicher sein, das die Inhalte tatsächlich von den Servern der ARD stammen, die von der Tagesschau-Redaktion bestückt werden. Mein Provider kann nicht plötzlich beschließen, dass er mir andere Nachrichten ausliefern will und darauf hoffen, dass ich nicht merke, dass seine gefälschten Nachrichten nicht wirklich die Inhalte der Tagesschau sind. Das ist eine kryptografische Absicherung: Der Inhalt ist öffentlich, nichts daran ist wirklich geheim — und dennoch wird komplexe Verschlüsselungstechnik eingesetzt. Darum geht es im Wesentlichen bei der Blockchain-Technologie. Die Idee, dass eine Blockchain automatisch private Daten verstecke, ist pure Fantasie.

Liberté, égalité, blockchainité

Missverständnis Nummer 5: Dezentralität ist nicht gleichbedeutend mit Datensicherheit. Wenn man Daten auf 15 Rechnern abspeichert, dann gibt es 15 Mal mehr Gelegenheit, diese Daten abzuschöpfen. Und im Falle von Bitcoin werden die privaten Daten nicht mal versteckt, weil man eben ein sehr dezentrales System wollte. Jeder kann sich alle Kontoauszüge aller Bitcoin-Konten im Volltext herunterladen. Wenn man nur genug Festplattenkapazität hat.

Missverständnis Nummer 6: Die Blockchain wird als eine egalitäre Technik vermarktet, die den kleinen Mann bevorzugt. Doch das ist sie nicht. Im Gegenteil. Sobald sich endlich eine Geschäftsidee findet, die tatsächlich nachhaltig Sinn ergibt, dann werden gerade die IT-Giganten wie Google, Facebook und Amazon sie in Windeseile übernehmen können. Sie haben Rechenkraft ohne Ende, Rechenzentren weltweit. Sie kontrollieren Hardware in unseren Wohnungen und Hosentaschen, die ihre Blockchain zur populärsten Blockchain aller Zeiten machen könnten. Dass sie es jedoch nicht tun, sollte den Enthusiasten zu denken geben.

Die Wahrheit ist: Es gibt nicht wirklich viele Anwendungen, wo eine Blockchain tatsächlich Sinn ergibt. Ein Dieselmotor mag für die Fortbewegung furchtbar praktisch sein, er ist aber ein furchtbar schlechter Taschenrechner. Sicher kann ein findiger Ingenieur ohne weiteres eine dieselbetriebene Rechenmaschine bauen. Sie ist halt teuer, nicht besonders leistungsfähig. Und sie stinkt.

Weltweit wird grade viel mit der Blockchain-Technik experimentiert — ob im Diamanten- oder im Energie-Handel. Ein großer Teil dieser Experimente sind aber alleine aus dem Hype gespeist. Wer behauptet, dass er an Blockchains forscht, wird am Kapitalmarkt belohnt. Aber in den meisten Fällen könnten die Firmen jede beliebige andere Datenbanktechnik einsetzen und könnten zu gleichen, meist sogar besseren Ergebnissen gelangen.

Wird die Blockchain die Welt erobern? Nichts ist unmöglich. Derzeit versinkt die Technik aber im Bullshit.

Mittwoch ist mein Hobby

In den Facebook-Werbeeinstellungen kann jeder Nutzer zumindest einen Teil der Kriterien nachschlagen, mit denen die Werbung personalisiert wird. Meine Hobbies sind demnach unter anderem Mittwoch, Metalle und der Universal Serial Bus.

Welche Eure Hobbys laut Facebook sind, könnt ihr hier nachschlagen. Die Google-Variante gibt es hier.

Missverständnisse zu Bitcoins und Geld

Grade ist der Hype um die „Cryptowährung“ Bitcoin besonders hoch. Was mir auffällt: Selbst die größten Fans haben einige sehr vage Vorstellungen, was Bitcoin überhaupt ist. Oder was Geld ist. Damit unterscheiden sie sich freilich nicht von den meisten anderen Leuten.

Gerade das Durchbrechen der 10000-Dollar-Marke wird von vielen als unumstößlicher Erfolg der Währung gesehen. Doch eigentlich ist es das nicht — im Gegenteil. Denn Geld ist nicht aus einem Selbstzweck da. Es dient dazu, dass man handeln kann.

Ganz simpel gesagt: Wer das Gut X braucht und dafür seine Arbeitskraft Y anbieten kann, ist dank Geld nicht darauf angewiesen, dass sein Arbeitgeber das Gut X hat, um es dann bei ihm abzuarbeiten. Der Bauer muss dank Geld keinen Autohändler suchen, der Wirsingköpfe gegen Winterreifen eintauscht. Durch ein funktionierendes Geldsystem ist sichergestellt, dass sich Handel an Handel an Handel reiht, so dass möglichst viele Geschäfte gemacht werden können, die — so zumindest das Ziel der Volkswirtschaftslehre — dazu führen soll, dass möglichst viele Güter verteilt werden können. Wer ein Gut X loswerden will, soll möglichst einen zahlungskräftigen Interessenten finden. Wer eine gewinnbringende Idee hat, soll die Gelegenheit bekommen, an das notwendige Kapital zu gelangen.

Die Pizza-Theorie des Geldes

The Coinspondent verlinkte kürzlich einen lustigen kleinen Twitter-Account: @bitcoin_pizza. Hier wird tagtäglich verzeichnet, wie viel 10000 Bitcoins wert sind. Zu diesem Betrag hatte nämlich im Jahr 2010 jemand Pizza gekauft. Hätte er auf den Kauf verzichtet, besäße er heute — theoretisch — den Gegenwert von über 100 Millionen US-Dollar. Für nur acht Jahre ist das eine erstaunliche Rendite bei einem quasi nicht vorhandenem Risiko. Weder Apple-Aktien, noch Amazon-Seedfunding können da mithalten.

Wer diese Geschichte hört und selbst Bitcoin besitzt, wird daraus zunächst mal eine Lehre ziehen: Es ist höchst dumm, Bitcoins für den täglichen Bedarf auszugeben. Denn morgen könnte das Geld, das man für schnöden Hunger ausgegeben hat, schon 20 Prozent mehr wert sein. Nächsten Monat: das Dreifache. Vielleicht. Seine normalen Besorgungen erledigt man also mit ganz normalem Geld, die Kryptowährung kommt nur in groben Ausnahmefällen zum Einsatz. Bitcoin ist also prima als Spekulationsobjekt, aber derzeit ein lausiges Geld.

Durch diesen Motivator haben wir auch derzeit keine wirkliche Bitcoin-Ökonomie. Wenn eine Pizzeria ihre Speisen gegen Bitcoin anbietet, muss sie ihre Lieferanten doch weiterhin in Euro bezahlen und auch die Angestellten haben ein Anrecht auf ihr Gehalt in einer Währung, die ihr Vermieter in Rechnung stellt. So kommt der Waren-Geld-Kreislauf nicht wirklich in Schwung. Das Geschäft mit Bitcoin ist daher meist ein Umtausch von Geld zu Geld. Man verdient Bitcoins nicht, man muss sie meist kaufen. Und wer nur Bitcoins einnimmt, muss sie größtenteil wieder verkaufen, um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Das ist teuer, ineffizient und macht vermeintliche Vorteile der Dezentralität zunichte.

Die hohe Volatilität verhindert auch, dass ein Kreditgeschäft entsteht. Wie viel Prozent Zinsen würdest Du verlangen, um jemandem Bitcoin für ein Jahr zu leihen? 100 Prozent? 300? Das sind keine attraktiven Zinssätze. Stattdessen werden ständig neue Währungen geschaffen, die widerum als Spekulationsobjekte angepriesen werden. Und die meisten Leute, die ihr Geld in ICOs stecken, werden es wohl verlieren. Das vorherrschende Erfolgsmodell derzeit ist: Kaufe früh und finde rechtzeitig vor dem Absturz jemand Dümmeren, der dir die Tokens abkauft. Das mag eine individuelle Erfolgsstrategie sein, insgesamt betrachtet zahlen aber die meisten Leute drauf.

Bitcoin rettet Venezuela nicht

Gestern hatte ich mich in eine kleine Diskussion mit Leuten gestürzt, die tatsächlich der Auffassung waren, dass Bitcoin ein effektives Gegenmittel gegen die Wirtschaftskrise in Venezuela seien. Dies zeigte mir, wie wenig Basis-Zusammenhänge der Ökonomie erkannt werden.

Um die Situation in Venezuela äußerst kurz zu schildern. Hugo Chávez hatte ein sozialistisches Regime geschaffen, das im Wesentlichen darauf beruhte, die gewaltigen Ölgewinne des Landes insbesondere für die Millionen Armen des Landes umzuverteilen. Nun ist Chavez tot, die Ölgewinne großteils verschwunden und das Land in einer so gewaltigen Wirtschaftskrise, dass es selbst für klassische Mittelstandsberufe schwer geworden ist, genügend Nahrung zu erhalten. Ein Symptom für den gewaltigen Niedergang der Wirtschaft ist die Hyperinflation der Landeswährung Bolívar.

In Zeiten von Hyperinflation suchen sich Menschen naturgemäß Ersatzwährungen. Die Regierung in Venezuela hat das jedoch weitgehend verhindert: Der Handel zum Beispiel mit US-Dollar ist streng reglementiert. Die Regierung hat mehrere viel zu niedrige Wechselkurse festgesetzt, die von unterschiedlichen Bevölkerungsteilen in Anspruch genommen werden können. Das ist natürlich eine Einladung für Korruption, für Schwarzmärkte und Kriminelle, die diese künstlichen Wechselkurse ausnutzen und damit Geld verdienen. Der Effekt: Normalbürger kommen nicht an US-Dollar — zumindest nicht in ausreichendem Maße, um ihre Bedürfnisse zu decken. Zudem: Der Dollarstrom kann nicht im Lande bleiben, da viele lebenswichtige Güter nicht mehr im Lande transportiert werden. Und die Importeure können mit dem immer wertloseren Bolívar nicht arbeiten.

Die Realität der Korruption

Natürlich liegt die Idee nahe, dass Bitcoins nun die ideale Lösung sind. So könnte beispielsweise jemand eine große Mining-Operation anwerfen und die Leute mit Bitcoins als Ersatzwährung versorgen. Schließlich weiß doch jeder, dass Energie in Venezuela fast kostenlos ist. Problem daran: Das ist nur die halbe Wahrheit. Zwar werden Energieformen heftig subventioniert, aber auch rationiert. Schon vor anderthalb Jahren hat die Regierung Maduro eine Zwei-Tage-Woche für Staatsdiener eingeführt und dies mit der Energieknappheit begründet. Schon damals sah es so aus, als müsse die Regierung stürzen – wie kann ein Land unter solchen Bedingungen weiter existieren? Die Regierung ist noch im Amt und die Bedingungen sind immer schlimmer geworden. Bitcoin-Farming klappt nicht, wenn man nur stundenweise Strom hat. Und um mit Bitcoins zu bezahlen, braucht man neben Strom auch viele Geräte, die für teure Dollar zu importieren wären.

Um es auf ein Beispiel runterzubrechen, das vielleicht auch Digital-Begeisterte verstehen, die nie Mangel erlebt haben: Wenn genug Leute tatsächlich die kostenlosen Nachladestationen für Elektro-Autos zum Bitcoin-Mining verwenden, werden diese Stationen nicht lange kostenfrei bleiben. Da hilft kein persönlicher Freiheitsdrang – jemand verhält sich asozial, und alle müssen schließlich dafür bezahlen.

Zurück zu Venezuela: Schwarzmarkt-Handel ist nicht unbedingt ein Aufbäumen gegen das Regime. Staatdiener und Militärs verdienen prächtig daran, dass sie wegsehen, wenn sie bei illegalen Geschäften wegsehen oder Güter wie Strom illegal umleiten. Wer meint, dass niemand den Handel mit der dezentralen Währung Bitcoin unterbinden könne, kennt leider — oder: zum Glück — die Realität in autokratischen Regimen nicht. Natürlich lässt sich Schwarzhandel nicht völlig vermeiden. Regierungen können ihn aber verdammt teuer machen. So hat Venezuela sogar die Kontrolle über Bäckereien übernommen. Wer Brot will, muss halt in der offiziellen Währung bezahlen. Oder ein Vielfaches in einer anderen Währung. Und nach Jahren der Misswirtschaft haben nicht mehr allzu viele Menschen die Wahl, ein Vielfaches auszugeben. Und wer es dennoch tut, stützt sogar das System, das den Handel eigentlich verbietet.

Keine Ersatzwährung

Um aus einer Hyperinflation herauszukommen, benötigt man gewöhnlich eine neue Währung. In Deutschland war dies beispielsweise die Rentenmark, in Brasilien der Real. In Venezuela wird es nicht Bitcoin sein.

Zum einen: Das Blockchain-System wäre sofort überlastet, wenn jeder Brotkauf eines Landes in der Blockchain abgelegt werden müsste. Zum zweiten: Als Land, das aus einer Wirtschaftskrise kommt, wäre es eine verdammt unkluge Wahl sich an eine Währung zu hängen, die international als Spekulationsobjekt gesehen wird. Wenn sich der Bitcoin-Kurs mal wieder verdoppelt – was mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit passieren wird — müssten sich dann auch die Preise der venezulanischen Exporte wieder verdoppeln oder die Export-Güter in einer endlosen Preisspirale nach unten immer weiter nach unten angepasst werden – das Ausbluten des Landes ginge schlichtweg weiter. Zudem ist es für ein Land, das hoffentlich grade eine Autokratie überwunden hat, eine verdammt schlechte Idee ein Geldsystem einzuführen, das sämtliche Kontenbewegungen für jeden offen ausstellt. Neue Autokraten würden diese Möglichkeit, die Ausgaben der Bevölkerung komplett zu kontrollieren, vermutlich dankbar und ohne Skrupel ausnutzen.

Kurzum: Wer mit Bitcoin Millionen oder vielleicht nur Tausende verdient hat, kann sich freuen. Ein anderes oder gar besseres Währungssystem hat er jedoch noch lange nicht geschaffen.

„Radfahrer können doch schieben“

Ich bin Mitglied in ein paar hyperlokalen Facebook-Gruppen und dort wurde eine Aktion von Polizei und dem ADFC diskutiert, bei der so genannte „Geisterradler“ angesprochen wurden, wenn sie die Rheinbrücke auf der falschen Seite überqueren.

Ich kenne das Problem. Ich fahre zwar nicht täglich, aber relativ oft über die Kölner Brücken. Gerade auf der Deutzer Brücke ist die Anzahl der in Gegenrichtung kommenden Radler enorm. Und da sie mal komplett links, mal in der Mitte, mal auf dem Fußweg fahren, ist das durchaus nicht ungefährlich. Insofern ist es schön, wenn aufgeklärt wird. (Update: zumindest auf einer Seite darf man in beide Richtungen fahren.)

Was mir aber in der Diskussion mehrfach aufgefallen ist, waren Äußerungen wie diese: „Also ich habe früher auch gelernt, dass man sein Rad notfalls auch mal schieben muss, um eine Straße zu überqueren.“ Die erschienen mir etwas merkwürdig, da mir nicht ganz klar wurde, was Schieben mit dem Fahren auf der falschen Brückenseite zu tun hat. Doch waren mehrere Leute über solche Kommentare sehr begeistert, und ich begriff: Das Schieben ist nur eine Metapher. Sie steht für: „Radfahrer können sich gefälligst verpfeifen.“

    Ich steh hier mal eben mit Warnblinker in zweiter Reihe auf der Radspur. Ist ja nicht schlimm – notfalls können die Radfahrer ja schieben.
    Eine Baustelle blockiert völlig unnötig den Radweg? Ist ja nicht schlimm – notfalls können die Radfahrer ja schieben.
    Radfahrer sind keine richtigen Verkehrsteilnehmer. Ist ja nicht schlimm – notfalls können die Radfahrer ja schieben.

Und so langsam geht mir das auf den Keks.

Die Haltung kommt nicht von ungefähr. Dass irgendwer freiwillig oder gar als Berufstätiger mit dem Fahrrad den Rhein überquert, war für die Stadtplaner vor 30 oder 40 Jahren allenfalls eine Ausnahme. Verständlich — denn kaum jemand tat es. Und seien wir ehrlich: Die Radfahrer beschwerten sich auch weniger über Behinderungen, weil sie sie schlichtweg ignorieren. Schon lange bevor in meinem Viertel die Einbahnstraßen für Radfahrer in Gegenrichtung freigegeben wurden, fuhren Radfahrer bereits gegen den Autoverkehr. Das war auch kein riesiges Problem. Doch diesen Luxus können wir uns allesamt nicht mehr leisten. Die Zahl der Radfahrer hat sich vervielfacht, die Autos verbreitert und das Blinken ist irgendwann 2014 aus der Mode gekommen.

Für erstaunlich viele ein Albtraum: Radfahrer erobern die Straße.

Ich verstehe die Frustration vieler Leute. Ich muss nur mal eine halbe Stunde um den Block gehen, um mehrere Fahrradfahrer zu sehen, die sich scheinbar an keine Regel halten. Wenn ich gleich den Fußweg auf der Luxemburger Straße entlang gehe, kommt mir unter Garantie ein Radfahrer auf einem relativ engen Bürgersteig entgegen — ohne jedes Schuldbewusstsein. Abends wimmelt es von Radfahrern ohne Licht. Bringdienst-Fahrer starren auf ihr Smartphone, während sie im Affentempo mit ihrer riesigen Warmhaltebox auf dem Rücken zum nächsten Kunden jagen.

Allerdings bin ich auch selbst Radfahrer und ich weiß: Es ist einfach, Gesetze zu missachten — es ist hingegen gar nicht so einfach, sich an das Gesetz zu halten. An vielen Stellen in Köln wird es uns Radfahrern geradezu unmöglich gemacht. Radwege sind in einem unbenutzbaren Zustand oder enden einfach im Nichts. Zweispurige Hauptverkehrsstraßen werden zur unfreiwilligen Mutprobe, wenn SUVs mit 30 Zentimeter Abstand vorbeibrausen. Selbst Fahrradständer werden mit hohen Bordsteinen umgeben. Ist ja nicht schlimm – notfalls können die Radfahrer ja schieben.

Der Radweg führt ins Nichts – wo geht es nun weiter?

Es stimmt: Wir Radfahrer schieben nicht gerne. Wir tun sogar alles mögliche, um nicht abzusteigen. Das Schieben ist nicht nur sehr viel mühsamer, als eben mal mit dem Auto zu stoppen. Es macht auch meist keinerlei Sinn. Ein Radfahrer, der sein Fahrrad durch eine Baustelle schiebt, benötigt wesentlich mehr Platz als ein Radfahrer auf seinem Sattel. Und wen stören wir schon, wenn Verkehrsschwellen kurz auf dem Fußweg umgehen? Die wurden ja eh nur für Autofahrer eingerichtet.

Wenn man will, dass sich Radfahrer an die Regeln halten, muss man ihnen auch Gelegenheit geben, dies zu tun. Radfahrer sind wie Fußgänger und Autofahrer Verkehrsteilnehmer — und keine Lückenbüßer zweiter Klasse. Es hat knapp fünf Jahre gedauert, bis ich in meiner Umgebung alle Tricks und Wege gefunden habe, um mich in den allermeisten Fällen an die Verkehrsregeln zu halten. Ich weiß genau, wie schnell ich an welcher Stelle fahren muss, um an der Inneren Kanalstraße nicht an jeder einzelnen Ampel warten zu müssen. Ich weiß, an welcher Stelle ich mit dem Fahrrad auf einen Parkplatz ausweichen kann, um mir 600 Meter regelgerechten Umweg plus vier Ampeln zu ersparen. Ich kenne die Schleichwege, die mich auf die richtige Seite einer Brücke bringen.

Doch nicht jeder hat fünf Jahre Erfahrung. Und nicht jeder will Schleichwege suchen.

Gerade die Kölner Brücken sind ein Albtraum. Wer zum Beispiel aus Richtung Südstadt auf die Severinsbrücke fahren will, darf auf keinen Fall den Schildern Richtung Severinsbrücke folgen. Denn die führen für Radfahrer in eine Sackgasse. Stattdessen muss man am Blaubach links statt rechts abbiegen. Was kein Vergnügen ist, da man auf einer viel und schnell befahrenen vierspurigen Straße an einer unübersichtlichen Stelle auf eine der linken Spuren wechseln muss. Dann fährt man zum Waidmarkt, biegt in die Severinsstraße ab, die nicht Richtung Rhein führt. Dann überquert auf einer Brücke die Auffahrt zur Severinsbrücke, um dann in einer Unterführung eine andere Auffahrt zur Severinsbrücke zu unterqueren, um dann die doppelt so steile Auffahrt für Radfahrer zu nehmen.

Aber macht ja nichts, wir können ja schieben.

I don’t like Mondays

And he can see no reason
‚Cause there are no reasons
What reason do you need to be sure.

Heute fand ich mich an „I don’t like Mondays“ von den Boomtown Rats erinnert. Ich hab sehr spät erfahren, dass dieses ja eher heiter anmutende Lied sich um eine 16jährige dreht, die von ihrem Fenster aus auf eine Schule schoss, zwei Menschen tötete und neun verletzte. Der noch junge Bob Geldof hörte die Berichte und fand sich zu dem Lied inspiriert. Aus der Wikipedia zitiert: „Während ich dort saß, lehnte ein junges Mädchen namens Brenda Spencer mit einer Pistole aus ihrem Schlafzimmerfenster und schoss auf Leute in ihrer Schule auf der anderen Straßenseite. Was dann passierte, erschien mir als einzigartig amerikanisch. Ein Journalist rief sie an. Sie nahm den Hörer ab, an und für sich schon eine bizarre Unterbrechung, wenn man dabei ist, wildfremde Menschen umzubringen. Er fragte sie, warum sie das tut. Sie überlegte kurz und sagte dann: ‚Nichts los. Ich mag keine Montage.‘

Heute morgen haben wir immer noch keine Ahnung von den Motiven des Mannes, der gestern in Las Vegas über 60 Menschen getötet und Hunderte verletzt hat. Und diese Unwissenheit nagt an der Öffentlichkeit. Wir sind es nicht mehr gewohnt.

Tatsächlich haben wir äußerst selten eine Ahnung, was einen Menschen wirklich dazu treibt, andere zu töten und den eigenen Tod mitzuplanen. Oder Bomben zu legen, Dutzende zu erschießen und sich dann schnell zu verstecken. Wir stecken den Wahnsinn stattdessen in Schubladen. Der Täter war radikalisiert. Der Täter gehörte der IS an. Der Täter war ein Opfer von Bullies. Der Täter war traumatisiert und geistesgestört. In den USA ist eine Schublade besonders groß: Es war ein Angriff auf unsere Freiheit. Wenn einmal eine solche Schublade gefunden ist, sind wir, ist die Öffentlichkeit beruhigt. Man muss sich nicht mehr wirklich viele Gedanken machen. Alles geht seinen Gang. Und wir können mental wieder genau dahin zurückkehren, wo wir vorher waren. Mit ein wenig mehr Angst. Und Ressentiments.

Diese Schubladen sind hochpolitisch. Ich bin gestern zufällig auf einen Artikel in der Everipedia gestoßen, wo ein ganzer Artikel zu einem Mann aus Arkansas erschien, der ihn — fälschlicherweise — als mutmaßlichen Täter vorstellte. Flugs suchten viele Leute nach Informationen über diesen Mann und konzentrierten sich darauf: Wen hat er auf Facebook geliket? Wen hat er gewählt? Es kam nicht drauf an, die Tat aufzuklären oder zu begreifen, die Nutzer suchten nur schnellstmöglich eine Schublade. Und gezielt wurde einer Frage nachgegangen: War er für Trump oder gegen ihn?

Der Mann ist offenbar Wähler der Demokraten und er klickte auf Facebook-Gruppen, die Donald Trump des Amtes entheben wollen. Flugs verbreitete sich die triumphierende Nachricht: Der Mörder ist ein Trump-Hasser. Trump-Anhänger haben also die moralische Oberhand. Auch nachdem sich herausgestellt hat, dass der Mann eben überhaupt nichts mit den Morden zu tun hatte, obwohl Klicks auf paar Facebook-Gruppen noch weit vom Fanatismus entfernt sind, wird die Nachricht immer weiter verbreitet. Hätte der Mann Trump gewählt, wäre diese Nachricht wahrscheinlich auch schnell weitergetragen worden.

Noch immer wissen wir nicht, was die 16jährige 1979 dazu bewog, auf eine Schule zu schießen. Noch immer wissen wir nicht, warum der Mörder von Las Vegas schoss. Doch eine Schublade wird man sicher bald schon finden.

And he can see no reason
‚Cause there are no reasons
What reason do you need to be sure.

This Week in Comedy

Ich guck zu viele amerikanische Comedy-Videos. Wenn ihr jedoch auch mehr davon guckt, fällt es nicht mehr so auf.

Das heiße Thema diese Woche waren natürlich der Streit Donald Trumps mit protestierenden Athleten. Hier war der Late-Night-Außenseiter Jim Jeffries der etablierten Konkurrenz eine Knielänge voraus. That just does prove their point, doesn’t it?

The Important

Angesichts der medialen Glaubwürdigkeitskrise haben es viele Comedians übernommen, lange Erklärstücke zu senden. Sehr schön diese Woche war zum Beispiel — wie so oft — John Oliver mit seinem Stück über Corporate Consolidation, indem der er sich auch sehr explizit über seine künftige Konzernmutter auslässt.

Mindestens ebenso wichtig und nicht mal halb so lange ist Samantha Bee mit ihrem Stück über die Federalist Society, die derzeit quasi ohne Mitwirkung des Weißen Hauses Bundesrichter in Amt und Würden bringt.

Auch gut: Trevor Noah und Seth Meyers über Trumpismus ohne Trump.

The Silly

Manchmal mag man vergessen, dass Comedy ja in erster Linie zum Lachen da ist und nicht nur ein alternatives Nachrichtenformat. Welcher Komiker kann schon an einem solchen Satz vorbeigehen? „The president went to bed, embarrassed…. and pissed.“ Trevor Noah kann es nicht.

Noch alberner ist aber Conan O’Brien mit einem ganzen Feuerwerk an Masturbationswitzen. Und er erwähnt nicht mal Anthony Weiner.

Tipp an Comedy-Zuschauer: Sitzt niemals in der ersten Reihe.

The New

Neuzugang diese Woche ist Jordan Klepper mit seiner eigenen Show: The Opposition. Darin macht er den Colbert und spielt einen Alt-Right-Blowhard, den er teilweise schon bei Jon Stewart zum Besten gegeben hatte. Noch ist das etwas holprig, aber er hat durchaus Potenzial. Während sich die Kollegen ganz auf den gescheiterten Obamacare-Repeal stürzen, spricht er über den Silent Repeal.

Neu ist auch Jerry Seinfelds Netflix Special, indem er beweist, dass er ein verdammt privilegiertes, aber langweiliges Leben führt und sehr charmant darüber erzählen kann. A Show about nothing — und was ist daran schon so schlimm? Dämlich: Sein Witz „Jeder, der Präsident werden will, ist ein Psychopath“. Der ist nicht nur uralt, sondern geradewegs aus der Zeit gefallen und ein unnötiger Hinweis, dass Jerry um Gottes Willen nicht „politisch“ sein will. Als ob das zu vermeiden wäre.

The Ugly

Wie schon im April befürchtet, tritt so langsam ein lähmender Effekt ein. Comedians aller Kategorien sprechen jede Woche über Trump und in gewisser Weise langweilt es sie zu Tode und zermürbt sie zugleich. Da ist es doch nur verständlich, wenn man mal einen Kontrapunkt machen will. So macht Trevor Noah einen Witz daraus, dass er Trump wegen der Hurrican-Hilfe in Puerto Rico verteidigt. Dabei schluckt er nur das Narrativ, dass posiitives Regierungshandeln ohne persönliche Intervention des Präsidenten gar nicht denkbar ist.

Richtig negativ sind mir derzeit die Häufung von Witzen aufgefallen, die Hillary Clinton als Alkoholikerin porträtieren. Die Überlegung mag sein: Wenn man das Publikum aufstehen lässt, um Trump auszubuhen, muss es doch auch erlaubt sein, die Konkurrenz auch ab und zu mal abzuwatschen. Sicher ist es das — aber muss man dafür ein Alt-Right-Meme einsetzen? Und by the way: Die Tiffany-Witze sind mittlerweile auch alle mehr als abgestanden.


The Meta

PS: Sehr sehenswert: Jerry Seinfeld und Stephen Colbert sprechen über Bill Cosby, der mit seinem Vorbild so viele Comedians inspiriert hatte, sich wegen aber des reihenhaften Missbrauchs von Frauen zum Pariah wurde. Kann man nun noch über seine alten Witze lachen, so wie man es damals tat? Jeder US-Comedian musste die Debatte in den vergangenen drei Jahren mit sich führen. Seinfeld meint erst, man könne beide Seiten von Cosby trennen, entscheidet sich dann aber um.