FAQ Trump!

Die Debatte zur Trump-Präsidentschaft ist wichtig, aber oftmals erstaunlich flach. Ein Versuch einer FAQ.

Wird der Recount das Wahlergebnis ändern?

Wahrscheinlich nein. Kein öffentlich bekannter Fakt spricht dafür. Die vermeintlichen Unregelmäßigkeiten sind ohne Sabotage zu erklären.

Werden die Deligierten im Electoral College Trump verhindern?

Das ist ebenso unwahrscheinlich.

Bricht Clinton nicht das Versprechen, das Wahlergebnis anzuerkennen?

Who cares?

Wie konnte Trump fast 62 Millionen US-Bürger Wähler überzeugen?

Romney hatte nur eine Million Stimmen weniger. Und meist waren es die gleichen Leute.

Ist Hillary schuld am Sieg von Trump?

Ja.

Ist die republikanische Partei schuld am Sieg von Trump?

Klar.

Ist Gary Johnson schuld?

Unbedingt.

Ist Bernie Sanders schuld?

Ja-ha! Sind Sie schwer von Begriff?

Hey, ich stelle hier die Fragen. Und es gibt keinen Grund beleidigend zu werden.

Um es in den Worten von Bernie zu sagen: Let me just say this… Die Wahl ging in einigen Swing-States so knapp aus, dass man quasi jedem die Schuld daran geben kann. Hätte Obama einen anderen FBI-Chef ernannt, hätte Hillary Clinton keinen eigenen E-Mail-Server genutzt, hätte Jeb Bush sich für einen geeigneteren Kandidaten eingesetzt, statt für eine Bush-Dynastie, hätte Jon Stewart sich nicht auf seine Farm zurückgezogen… Hätte, hätte, Fahrradkette.

Haben „wir“ Liberalen Trump zum Präsidenten gemacht, weil wir einfach zu politisch korrekt sind?

Get over yourself. Die Trump-Wähler haben großteils nie etwas von den Debatten von „uns“ jenseits des Atlantiks gehört, die wenigsten betreiben vergleichende Textanalyse mit der New York Times. Wenn alle brav und geradezu lächerlich respektvoll sind, kommt bestimmt ein Bill Maher daher und beleidigt Rednecks, Religiöse und Radikale gleich kiloweise. Und wenn nicht der, dann 100 andere.


Aber diese Beleidigungsarien stehen doch nur in der zweiten bis fünften Reihe, wenn es um Fragen geht: Wollen wir mehr Staat oder weniger? Sind Abtreibungen erlaubt oder sollte man zumindest einen Spießrutenlauf dran knüpfen? Habe ich Angst davor, dass man — irgendwer, alle, die Gesellschaft — mir antut, was man früher Minderheiten antat? Die Crack-Epidemie heißt nun Heroin und Percocet.

Haben die Medien versagt?

100 Zeitungen sagten, ihren Lesern, dass Clinton bei weitem die bessere Wahl ist und die Wähler haben nicht auf sie gehört.

Aber die Medien haben mehr falsch gemacht, ohne Sie wäre der Schlamassel doch gar nicht denkbar gewesen?

Niemand kann ernsthaft die Entscheidung von CNN verteidigen, den Pressesprecher von Trump zu engagieren, als er noch unter Vertrag war und sichtlich keinerlei Interesse hatte irgendeine Analyse zu betreiben. Oder ein Krawall-Panel nach dem anderen zu veranstalten. Außer natürlich die Leute, die massenhaft einschalteten. Und die Eigentümer, die 100 Millionen Dollar zusätzlich verdienten.

Aber es war doch nicht nur CNN, sondern alle Mainstream Medien?

Wie viele Wählergruppen, werden „die Medien“ fälschlicherweise als Block gesehen. Wie falsch das ist merkt man schon an dem Begriff „Mainstream Media“. Fox News ist seit vielen Jahren der quotenstärkste Nachrichtensender. Wenn es einen Mainstream gibt, dann ist es Fox News. Sogar der Drudge Report ist mittlerweile sicher Mainstream. Breitbart ist es seit ein paar Jahren. Wenn man die Präsidentschaftswahl gewonnen hat, ist man nicht mehr die unterdrückte Minderheit. Und schon vorher waren sie es nicht.

Lenken Sie nicht ab. Was ist mit den liberal media? Die sind doch gleichgeschaltet?

Nein. „Gleichschaltung“ heißt, dass allen Medien vorgegeben wird, was sie zu berichten haben. Dass so viele Medien scheinbar das selbe berichten liegt auch an ein paar nicht unwichtigen Faktoren:

1. Medien, und gerade nationale Medien arbeiten mit dem gleichen Material. Die gleichen Pressekonferenzen, die gleichen Pressemeldungen, die gleichen Autoren, die Interviews geben wollen, um ihre Bücher zu bewerben.
2. Und wenn sie nicht mit dem gleichen Material arbeiten, ist es auch weitgehend egal. Was die Washington Post exklusiv recherchiert hat, steht ein paar Minuten später bei Huffington Post, ein paar Stunden später in der New York Times.
3. Journalisten lesen den ganzen Tag Nachrichten. Während andere Leute Donuts verkaufen oder Häuser planen, lesen Journalisten Nachrichten, Berichte und Reportagen. Und ihre Arbeitgeber lesen über Auflagenzahlen, Klicks und Einschaltquoten. Alles was funktioniert, wird kopiert.
4. Es ist oft viel effektiver ein System aus ökonomischen Anreizen zu schaffen, als Leuten Anweisungen zu geben. Niemand hat die Finanzkrise von 2008 geplant. Es war halt im Interesse aller Beteiligten, so lange wie möglich wegzusehen. Und so wie es sich lohnte, schlechte Hypotheken zu verkaufen, lohnt sich schlechter Journalismus. Mehr als guter. 

Aber die Journalisten haben das „Heartland“ ignoriert, haben arrogante Witze gemacht über die „Flyover states“. Das ist doch ihre Verantwortung?

Diese Ignoranz ist auch darauf zurückzuführen, dass es kaum noch Journalisten im Heartland gibt. Zeitungen haben massenhaft geschlossen. Wer seinen Lebensunterhalt mit Journalismus bestreiten will, muss wahrscheinlich an die Ost- oder die Westküste ziehen.

Die Wähler hatten also keine Chance?

Wer lesen und klicken kann, wer ein Radio hat, wer seine Fernbedienung beherrscht, hatte eine Chance. Aber in der Masse heißt das: Den meisten gelang es nicht oder sie haben nie den Versuch unternommen.

Stammen alle Fake-News aus Russland?

Nein.

Aber viele?

Ja.

Die Wahrheit und die Algorithmen

Tim O’Reilly erklärt warum Facebook schuld an der Desinformation und Google so viel besser ist.

For the better part of two decades, Google has worked tirelessly to thread the needle between curating an algorithmic feed of a firehose of content that can be created by anyone and simply picking winners and losers. And here’s the key point: they do this without actually making judgments about the actual content of the page. The “truth signal” is in the metadata, not the data.

Die in dem Artikel zitierte Kritik an Facebook ist in meinen Augen valide. Und es ist sicher wahr: Und Google war im US-Wahlkampf eine weniger toxische Umgebung für Informationen als viele andere Plattformen. Das liegt allerdings zum guten Teil daran, dass Google nicht das primäre Ziel der Bullshit-Artisten war. Man kann über Monate versuchen auf Platz 1 der Suchergebnisse zu kommen. Man kann aber auch in Minuten eine möglichst irreführende Meldung posten und sie per Facebook, Reddit oder Twitter verbreiten lassen. Manche machten daraus sogar ein Geschäft daraus vermeintlichen Idioten immer neue Idiotien aufzutischen.

Google News hat seine Quellen handverlesen und dennoch rutscht in meinem Suchalltag eine Menge schlichter Falschinformationen durch, — sei es von reputablen Quellen oder sei es von Quellen, die Desinformation aus politischen oder kommerziellen Gründen zum Alltag machen. Clickbait und gezielte Desinformation haben oft ähnliche Effekte.

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Zwar kennzeichnet Google manche Quellen nun als „Opinion“ oder gar als „fact check“. Wer aber zur rechten Zeit sucht, findet auch hier Quellen dafür, dass zum Beispiel die Anti-Trump-Demonstranten bezahlt sind — ein Missverständnis, das sehr schnell zur orchestrierten Lüge wurde. Und wenn der Präsident diese Lüge verbreitet, müssen sich alle Medien mit dem thema befassen. In den Reigen der etablierten Medien aufgenommen zu werden, ist auch gar nicht so kompliziert. Es reicht, ab und an eine Newsagentur-Meldung zu posten, um von den Google-Algorithmen als einigermaßen vertrauenwürdige Quelle angesehen zu werden. Denn schließlich steht dort, was auch die bekannten reputablen Quellen schreiben.

Richtig übel fand ich meine YouTube-Timeline während des Wahlkampfes. Insbesondere CNN-Videos wurden mir haufenweise empfohlen, wo es niemals um Information ging, sondern immer nur darum, wer wen am angeschrien, wer das dümmste Argument vor laufenden Kameras verbreitet hat. Google+ ist ebenfalls zum Austauschplatz für jede Art von Bullshit geworden — von den Reichsbürgern bis zu den Impfgegnern findet sich hier alles. Ich habe die „recommended“-Funktion hier schon lange deaktiviert.

Algorithmen können helfen den übelsten Informationsabfall zum Beispiel von der New York Times zu trennen und sie in ein Ranking einzuordnen. Allerdings kann schon Personalisierung diese Bemühungen Effekt komplett aufheben. Was wirklich die „Truth“ ist, weiß Google nicht. Wenn nun der Präsident selbst im Mediengeschäft mitmischt, werden die Metadaten zunehmend machtlos. Wenn Informationen über die offizielle Regierungspolitik an eine bestimmte Auswahl von Medien gegeben werden, werden die im Google-Ranking aufsteigen. Wenn die New York Times nur oft genug schreibt „Wie Breitbart berichtet“ – welche Schlussfolgerung über die Glaubwürdigkeit von Breitbart sollen die Algorithmen da schon ziehen? Es bräuchte schon einen Menschen, der diese Einschätzung wieder korrigiert.

Lange Rede, kurzer Sinn: Algorithmen können einiges. Sie können aber keine Wahrheit erkennen. Und sie sind von ihrer Umgebung, sehr menschlichen Entscheidungen und ihrem Rohmaterial abhängig.

Zehn Zukunftsvisionen schlimmer als President Trump

  1. Terminator
    Bewaffneter Chatbot.
  2. Looper
    Wie lange muss Bruce Willis das noch machen?
  3. Matrix
    Humans are terrible batteries. Elon Musk, übernehmen Sie.
  4. Star Wars Episode 2
    Die Republikaner unter Obama waren Episode 1.
  5. 2001
    Ein Chatbot ermordet dich.
  6. Jeder Zombie-Film
    They are after brains. Trump is after brainless.
  7. Sex and the City 3
    Mr. Big ist Donald Trump. Mit besseren Haaren, Charme und einem Hirn.
  8. Clockword Orange
    Wir können wenigstens wegsehen. Außerdem: Orange.
  9. Soylent Green
    „Das Essen schmeckt ja wie Opas alte Schuhe.“ „Nicht wie seine Schuhe. Und nun iss!“
  10. Jeder Film von Til Schweiger
    I’ve got the best words.

Pokémon Go ist Pokémon Go ist Pokémon Go

Das Hypethema Pokémon Go ist immer noch erstaunlich lebendig. Großkonzerne und Armeen geben Regeln für das Smartphone-Spiel heraus, Düsseldorf ringt mit einer vermeintlich verkehrs- oder gar zivilisationsbehindernden Spieler-Schar. Überhaupt haben alle Leute in meiner Umgebung eine festgefügte Meinung zum Jagen virtueller Tierchen entwickelt. Es ist Sonntagmorgen und ich versuche Mal ein wenig die Gedanken zu sortieren.

1. Pokémon Go ist ein Spiel und kein Faschismus.

2. Dass ich den Satz überhaupt aufschreiben muss, ist sehr deprimierend. Versuchen wir mal die optimistischste Deutungsart: Es ist gut, dass Leute über Pokémon Go reden. Allerdings nur, wenn sie nicht nur über Pokémon Go reden. Unser Leben ist radikalen Wandeln unterzogen. Und es passiert so schleichend, so unwiderstehbar, dass uns oft die Zeit fehlt mal innezuhalten und uns zu fragen: Was bedeutet es jetzt, dass ich mein neues Smartphone mit Fingerabdruck entsperren kann? Warum hat sich mein Arbeitsleben komplett geändert? Brauch ich wirklich WhatsApp um ein Sozialleben zu haben?

3. Mit „Innehalten“ meine ich nicht, dass wir im Kreis herumrennen, die Hände am Kopf, und dabei laut „Oh wei, oh wei, oh wei“ rufen. Auch das Feuilleton-Äquivalent dieser Verhaltensweise ist nicht erquickend.

4. Pokémon Go ist ein Spiel. Nur als Erinnerung zwischendurch.

5. Es ist ein Spiel, das auf Daten basiert. Das weckt berechtigte Befürchtungen. Wer nutzt diese Daten zu welchen Zwecken? Ich bin Ingress-Spieler und habe gelernt: Die Daten die bei meinen Ingress-Touren anfallen, taugen im Wesentlichen nur für Ingress. Niantic Labs erfährt nicht wirklich viel darüber, was ich außerhalb von Ingress mache. Sie haben sicher Daten zu meinem Tagesablauf, sie wissen, wann ich die Schlüssel aussortiere, die ich nicht mehr brauche. Damit anfangen konnten sie nichts. Stattdessen haben sie Sponsorenverträge geschlossen und Leute motivieren öfter an AXA-Versicherungsbüros vorbeizugehen. Ich habe die Versicherung nicht gewechselt.

6. Pokémon Go ist nicht ganz so daten-agnostisch. Soweit ich das gelesen habe, werden Lokalisierungsdaten auch an dritte Firmen weitergegeben, die dann daraus Umsätze generieren wollen. Dies könnte zum Beispiel so aussehen: Wenn ein Pokemon-Spieler an einem Laden vorbeikommt, wird ihm angezeigt: Hey, da ist ein tolles Sonderangebot für Dich. Und wir haben freies WLAN. Schon heute bezahlen einige Geschäfte für virtuelle Gegenstände im Shop von Niantic Labs, um potenzielle Kunden anzulocken. Wenn 200 Jugendliche zusammenkommen, wollen sie bald Burger, Limonade, Kaffee. Mein Smartphone ist viel zu langsam für Pokémon Go. Meine Eltern sollten mir bald ein neues kaufen! Wie das, dort im Schaufenster!

7. Viel mehr Daten fallen jedoch außerhalb des Spiels an. Wer Pokemon Go auf einem Android-Smartphone benutzt, teilt seinen Standort wahrscheinlich auch Google Maps mit. Daraus werden zum Beispiel Stauvorhersagen generiert. Oder Marktanalysen. Jeder kann das beobachten: Wenn man zum Beispiel einen Laden in Google Maps anklickt, dann sieht man mittlerweile auch, wann dort viel Betrieb ist. Wer mit Datentarif und Akkupack herumläuft, ist wahrscheinlicher über WhatsApp zu erreichen als über das Festnetztelefon. Milliardenumsätze verschieben sich.

8. Lasst uns zum Beispiel darüber reden, wann wir unsere Daten zur Verfügung stellen wollen. Lasst uns aber auch über positive Effekte von Datendiensten sprechen. Und über die negativen. Aber wir sollten mittlerweile über die echten Effekte sprechen können, nicht nur über die ausgedachten Folgen, die viel virtueller sind als ein Pokemon auf Deinem Sofa.

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9. Pokémon Go ist ein Spiel.

10. Ein faszinierender Aspekt von Pokémon Go und Ingress ist: Man kann es spielen, wenn man grade Zeit hat. Mein Gegenspieler muss nicht zur gleichen Zeit an der Arena stehen, damit wir unsere Spielfiguren gegeneinander antreten lassen können. Dass wir eine solche Spielweise zunehmend als notwendig erachten, liegt auch an unserem Alltag, der nicht mehr so reglementiert ist wie vor 20 Jahren. Fast jeder in der Medienwelt ist selbständig oder muss regelmäßig Überstunden schieben. Der REWE nebenan hat bis 23 Uhr offen, nicht mehr nur bis 18 Uhr. Das wöchentlich Fußballspiel dienstags Punkt 18:30 Uhr ist schwerer realisierbar als einst. Zumindest in meinem Umfeld.

11. Wenn Leute sich in einer virtuellen Welt verlieren, weil sie in der realen Welt den Anschluss verloren haben – welches davon ist das Problem? Gibt es überhaupt diese Kausalität? Oder gibt die virtuelle Welt neuen Anschluss? Lasst uns drüber reden. Brauchen wir ein neu strukturiertes Freizeitangebot für Leute, die bis 23 Uhr hinter der Kasse im Supermarkt sitzen? Wenn Leute per Pokémon Go in gefährliche Gegenden gelockt und überfallen werden – sind No-Go-Areas OK, sofern nur niemand hingeht, der nicht dort leben muss?

12. Pokémon Go ist ein Spiel.

13. Ein weiterer faszinierender Aspekt von Pokémon Go ist: Code is Law. Je nachdem, wie man die Regeln in der Fantasiewelt aufstellt, werden sich reale Verhaltensformen ändern. Und es ist nicht immer vorherzusagen, was passieren wird. Ich habe Volkswirtschaftslehre studiert und das ist die größte Erkenntnis, die mir die Professoren vermitteln konnten: Man kann aus Erfahrungen Schlüsse ziehen, man kann Effekte messen. Man kann aber nicht in die Zukunft sehen.

14. Bei Pokémon Go kommen größere Menschenmassen zusammen als bei Ingress – zumindest wenn grade keine Anomaly veranstaltet wird. Wie kommt das? Lasst uns drüber reden. Nun, zum einen hat Ingress keine Pokémon. Wichtiger Punkt. Zum zweiten: Es gibt seltene Pokémon, die nur an bestimmten Orten gefangen werden können. Also kommen Spieler aus einem größeren Umkreis an ganz bestimmten Orten zusammen.

15. Dann gibt es aber auch die kostenpflichtigen Mods, mit denen man Pokemon anlocken kann. Wenn ein Spieler sie zündet, können viele andere Spieler profitieren. Wie gesagt: Geschäfte können das nutzen, oder sogar die Polizei. Wenn Niantic zu große Menschenmassen vermeiden wollte, könnten sie die PokeStops ab einer gewissen Überlastung ausbrennen lassen. Was unvorhergesehene Konsequenzen hätte. Und nicht unbedingt umsatzfördernd wäre. Bei Ingress wurden die Spielregeln immer wieder angepasst, um sich an die Gegebenheiten anzupassen. Um dem Spiel mehr Reiz zu geben. Oder die Cheater abzuschrecken. Lasst uns drüber reden.

16. Pokémon Go ist ein Spiel.

17. Es gibt keine Fairness bei Pokémon Go. Wer acht Stunden täglich spielen kann, hat nichts von einem Mitspieler zu befürchten, der berufstätig ist. Entweder lernen die Gelegenheitsspieler damit umzugehen, indem sie ihre Motivation beispielsweise aus dem netten Spaziergang ziehen. Oder man etabliert ein Teamleben, wo alle drei Teams ungefähr die gleiche Anzahl von Vollzeitspielern abbekommt. Wie regeln wir das? Wie etabliert man ein Teamleben?

18. Ich kenne Ehen und Kinder, die durch Wikipedia zu Stande gekommen sind. Das Internet ist ein Lebensraum. Und nicht jeder, den wir dort treffen, ist auch ein Creep. Lasst uns drüber reden.

19. Pokémon Go ist ein Spiel.

20. Lasst uns drüber reden. Aber richtig.

Summer in the City

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Sei kein Sonntagsfahrer

Er fährt 60 Stundenkilometer, wo andere 100 fahren, bei Tempolimit 70 bremst er runter auf 40 und innerorts bleibt er gerne unvermittelt stehen. Grade zu Pfingsten können ihr ihn in freier Wildbahn erleben: Den Sonntagsfahrer. Grade wenn ich eine lebensmüde Trantüte auf der Straße vor mir verfluchen will, kommt mir manchmal der Gedanke: Sollten wir nicht alle viel mehr wie Sonntagsfahrer sein? Uns einfach etwas mehr Zeit nehmen und Regeln Regeln sein lassen? Was kümmert es schon?

Nun – mich kümmert es. Ich bin wahrhaftig nicht mit Bleifuß geboren und ich werde mir auch keine Radarfallen-App zulegen, die mir verrät, wo ich nicht mit zu hoher Geschwindigkeit fahren darf. Meine Maxime ist: Fahr einfach überall korrekt. Oder auch langsamer. Das alleine macht jedoch keinen Sonntagsfahrer aus.

Zunächst einmal: Der Sonntagsfahrer ist nicht an ein Verkehrsmittel, Geschlecht oder Alter gebunden. Der 70jährige Mercedes-Fahrer mit Filzhut ist sicher ein ganz heißer Kandidat, daneben gibt es aber auch sonntagsfahrende Motorradfreunde, Sonntagsradfahrer und jede Menge Sonntags-Bahnfahrer. Allen gemein ist, dass sie in einer Ausnahmesituation sind, zumindest nach ihrem Gefühl. Es ist Sonntag, sie sind unterwegs zum Baggersee oder zu Kaffee und Kuchen bei den Verwandten. Sie haben die ganze Woche oder gar ein Erwerbsleben lang geschafft, und nun wollen sie sich keine Gedanken machen. Das haben sie sich verdient.

Der Sonntagsfahrer fährt nicht nur langsam, sondern auch rücksichtslos. Diese Rücksichtslosigkeit ist unbedingt gegen andere gerichtet. Der Sonntagsfahrer richtet sich nach der Devise: Ich habe Ferien und in seinen Ferien verdient es niemand überfahren zu werden. Dieses Denken ermöglicht ihm Fahrmanöver, die kaum ungefährlicher sind als das, was Cobra11 werktags vorführt. Der Blinker wird erst gesetzt, nachdem er eine Vollbremsung auf offener Straße hingelegt hat.

Und Vollbremsungen macht er oft, der Sonntagsfahrer. Denn er hat keine Zeit, 50 Meter weiter zu fahren, zu blinken, seinen Wagen auf einem Parkplatz abzustellen und dann wieder zu der Stelle zu laufen, wo man den besonders schönen Blick auf das Schloss Neuschwanstein, auf den Nibelungenfelsen, auf den Nürburgring hatte. Denn nach 30 Sekunden Staunen muss es schon weiter gehen. Impulskontrolle ist für Alltagsfahrer. Unvermittelt fährt er wieder an und setzt den Weg einen Kilometer lang auf der linken Standstreifen fort. Wenn der Warnblinker angeschaltet ist, heißt das: Aus dem Weg, ich hab Urlaub!

In gewisser Weise fühlen sich die Sonntagsfahrer sogar dem Kantschen Imperativ verpflichtet. Nur ist ihre Handlungsmaxime nicht das, was zu einem allgemeinen Gesetz werden könnte. Ihre Version lautet vielmehr so: Handle gerade so, dass Dir nach Deiner Vorstellung keine Gefängnisstrafen drohen sollte. Oder noch besser: Alle anderen sollten so handeln, dass ich nach meiner Nase Leben kann. 

Seid keine Sonntagsfahrer.

Wut reicht, Inhalt egal

Die Kollegen vom Bildblog haben grade zusammengefasst, wie bei der Huffington Post mit veralteten und halb verstandenen Schnippseln Klicks generiert werden. Es scheint inzwischen eine eigene Gattung von Nachrichten zu geben, bei denen es egal ist ob sie stimmen oder nicht. Hauptsache, es klickt gut.

Die beunruhigende Wahrheit ist: Dazu brauchen wir die Huffington Post nicht. So wurde mir grad ein Video in die Facebook-Timeline gespült, das einen Wutanfall vor laufender Kamera zeigt. Solche hatte es im vergangenen Jahr einige Male gegeben — und sie waren durchweg Klickerfolge. Und so klickte auch ich, um zu sehen, worum es dem News Anchor denn ging.

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Nachdem ich das Video gesehen habe, bin ich nicht wirklich schlauer. Der unbenannte „News Anchor“ redet sich in Rage über den gekauften US-Kongress und irgendein Problem, das die Demokraten aufschieben wollen, während die Republikaner den ganzen Laden abfackeln wollen. Es geht um trillions of dollars – aber wann geht es das nicht? Die Deutungen in den Kommentaren reichen weit. Die einen sehen darin einen Alarmruf gegen die jüdische Welt-Banken-Verschwörung, andere sehen einen Appell für eine vernünftige Parteienfinanzierung. Und Bernie-Fans sehen — natürlich — einen Wahlaufruf für Bernie.

Zwei Minuten Googeln brachten mich schließlich zur Wikipedia, wo dieser Rant in einem eigenen Absatz beschrieben wurde. Das Video ist fünf Jahre alt und hat mit der aktuellen politischen Debatte so gut wie nichts zu tun, sondern mit der Krise von 2011, als sich Obama und der von Republikanern beherrschte Kongress um die Höchstverschuldungsgrenze stritten. Erinnert Ihr Euch noch, worum es da ging? Allenfalls vage, stimmt’s? Spoiler: Obama setzte sich durch.

Aber es ist egal. Das vermutlich geklaute, gänzlich kontextbefreite Video wurde auf Facebook in den letzten drei Tagen 7,6 Millionen mal abgerufen. MassReport musste nicht mal irgendeinen skandalisierenden Zusammenhang erfinden, es reichte die Überschrift „News Anchor Completely Loses It After 3 Years With Epic Rant“. Denn Kontexte interessieren einfach nicht, wenn da nur ein sehr wütender Mann sitzt und unsere Ressentiments, unsere Ängste, unsere Wut bestätigt.

Happy Heise

Heise Online wird heute 20 Jahre alt — das ist doch Mal ein Grund zum Feiern. Ich bin nun auch fast 15 Jahre dabei: 2001 erschienen meine ersten Texte in Telepolis, kurz danach auf heise online und in der c’t.

In all der Zeit habe ich die Zusammenarbeit als höchst positiv erlebt: So kennt der Verlag keine Rücksichtnahme, wenn die Berichte Werbekunden betreffen und stellt sich hinter seine Autoren. Während man in anderen Medien nicht damit rechnen kann, in fünf Jahren noch mit dem gleichen Redakteur zusammenzuarbeiten, sind meine Gesprächspartner aus der ersten Stunde immer noch bei Heise. Statt jedes Jahr die Redaktionen mal in einen neuen Newsroom, mal in eine externe Gesellschaft mit niedrigeren Tarifen zu stecken, ist um Heise Online eine Art Familie gewachsen. Die umfasst auch die Leser. Heise-Redakteure brauchen keine Buzzfeed-Statistiken um zu erfahren, was Admins, Coder, Ingress-Spieler, iPhone-Nutzer oder Cyborgs interessiert. Denn sie selbst leben die IT. Und die Leser leben mit heise online.

Als ich damals(TM) die Verhaftung von Kim Schmitz melden konnte, hat sich ein Leser bei mir gemeldet, der das Ereignis feiern wollte und mir zu Hause Herrentorte und Eistee vorbei brachte. Eine kleine Party war das Ergebnis. Als eine Bande von Abmahnungs-Abzockern endlich von der Justiz hochgenommen wurde, füllte sich in Köln spontan ein mexikanisches Restaurant mit fröhlich feiernden Leuten. Die Zeiten waren noch einfacher: Es gab nur eine Handvoll IT-Bösewichter, die diese Rolle teilweise auch gerne übernahmen.

Heute ist die Welt komplexer. IT hat unser Leben durchdrungen — und das Leben die IT. Politik ist die Folge, mit allen Vor- und Nachteilen. Statt gegen den einen Abmahnanwalt geht es nun gegen Abkürzungen mit drei oder vier Buchstaben, die kein einzelnes Gesicht mehr haben. Konnten wir uns vor zehn Jahren noch die Illusion erhalten, unsere Systeme unter Kontrolle zu haben, haben Snowden, BadUSB und NSA, das ständige Versagen von Closed und Open Source diese Gewissheit zerstört. Facebook und Google bestimmen unser Leben und haben dabei leider nicht die Arroganz der Comic-Bösewichte, sondern die ehrliche Überzeugung, das Leben für alle besser machen zu können. Oder für die meisten. Oder zumindest für sich selbst.

(Vorsicht, Selbstbeweihräucherung!) Diese Komplexität verlangt von Journalisten einen langen Atem, damit wir erklären können, wie die ständigen Neuigkeiten einzuordnen sind, wohin die IT uns steuert. Wir müssen von unseren Schreibtischen aufstehen, um nicht nur ständig zu berichten, was grade auf Twitter als Skandal vermarktet wird. Wir müssen den Leuten ins Gesicht sehen, wenn sie erklären, wie sie das Leben von uns allen verändern wollen, und wir müssen selbst Gesicht zeigen. Und da ist es gut, wenn man sich auf seine Familie verlassen kann.

Auf 20 weitere Jahre, heise online.

Bekenntnis zum Satire-Standort Deutschland

Pünktlich um 13 Uhr trat Hape Kerkeling im Kanzlerinnen-Kostüm vor die versammelte Presse. „Wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute ihre Satire…“ Der Saal tobte und der Rest war nicht zu verstehen.

Schaut The West Wing!

Plötzlich interessieren sich wieder alle für US-Politik. Die ist zwar nie aus den Hauptnachrichten verschwunden, aber das Interesse an Wahldeligierten, Super-PACs und der berühmten brokered convention, die Donald Trump schließlich die Kandidatur verweigern könnte, ist im Vergleich zu den vorherigen Wahljahren enorm gestiegen. Vor diesem Hintergrund empfehle ich: Schaut Euch nicht nur die Berichterstattung über den täglichen Ausraster von Donald J. Drumpf an oder die Facebook-Artikel der Bernie-Fans an. Wartet nicht auf die neue Staffel von „House of Cards“. Schnappt Euch stattdessen die DVDs oder einen Stream der Serie „The West Wing“ und lernt.

Die von Aaron Sorkin ersonnene Serie lief von 1999 bis 2006 bei NBC und schaffte — gewollt und ungewollt — ein positives Gegenbild zur ausgehenden Präsidentschaft Bill Clintons und der beginnenden Bush-Administration. Hauptsächlich geht es um Josh Lyman, der als stellvertretender Stabschef im Weißen Haus für Präsident Josiah Bartlet arbeitet, der zudem Wirtschafts-Nobelpreisträger ist. Mit ihm muss die ganze Führungsmannschaft des Weißen Hauses – die hier im Wesentlichen aus neun Personen besteht — jede Folge eine neue politische Herausforderung überwinden: Mal verlangen Evangelikale die Entlassung von Josh, mal kommt es zu einer Flüchtlingswelle aus Kuba, mal geht es auch nur um die technischen Details einer Volkszählung. Das sind alles Dinge, mit denen sich ein Frank Underwood nicht herumschlagen muss – dazu wird bei The West Wing auch niemand vom Präsidenten eigenhändig ermordet. Und dennoch ist die Serie faszinierend.

Die Serie schafft es Regierungsarbeit trotz allem Zynismus als Bemühen zu sehen, Dinge zu lösen. Zum anderen werden die vielen Zwänge durchexerziert, unter denen das Regierungshandeln — insbesondere in den USA — unterliegt. Für quasi jedes Gesetz muss eine neue Allianz geschmiedet werden, jedes öffentliche Wort des Präsidenten wird auf die Goldwaage gelegt und quasi jede Interessengruppe fühlt sich dauernd ungerecht behandelt. Anhand der Gilmore-Girls-langen Dialoge, den so genannten walk-and-talks, wird der Zuschauer durch jeden Schritt des politischen Prozesses geführt.

Der Blickpunkt ist hoffnungslos hoffnungsvoll – wir wissen natürlich heute, dass der Dialog im Weißen Haus keinesfalls so gesittet abläuft. Dennoch: Obwohl The West Wing durchweg fiktiv ist, kann man viele alltägliche Meldungen durch The West Wing besser einsortieren. So wurde die am Anfang erwähnte brokered convention in Staffel 6 von The West Wing schon durchexerziert. Ein Polizist erschießt einen schwarzen Jungen, weil der eine Spielzeugpistole in der Hand hatte? Josh’s Chef muss die gewaltige Frustration der black community schultern. Der jährliche Machtkampf um das Budget der USA? The West Wing hat dazu eine wunderschön dramatisierte Episode. Und dann gibt es natürlich die Szenen, in denen der wortgewaltige Präsident den Verlogenen, den Hassgetriebenen und Ignoranten eine Abfuhr erteilt.

Gerade jetzt ist eine gute Gelegenheit einzusteigen. So haben ist mit The West Wing Weekly ein hörenswerter Podcast gestartet, an dem auch West-Wing-Darsteller Joshua Malina teilnimmt. Ebensogut finde ich die West Wing History Class, bei denen einer der beiden Podcasterdie serie noch nie zuvor gesehen hat und alten West-Wing-Buffs einen anderen Blickwinkel verschafft.