Sei kein Sonntagsfahrer

Er fährt 60 Stundenkilometer, wo andere 100 fahren, bei Tempolimit 70 bremst er runter auf 40 und innerorts bleibt er gerne unvermittelt stehen. Grade zu Pfingsten können ihr ihn in freier Wildbahn erleben: Den Sonntagsfahrer. Grade wenn ich eine lebensmüde Trantüte auf der Straße vor mir verfluchen will, kommt mir manchmal der Gedanke: Sollten wir nicht alle viel mehr wie Sonntagsfahrer sein? Uns einfach etwas mehr Zeit nehmen und Regeln Regeln sein lassen? Was kümmert es schon?

Nun – mich kümmert es. Ich bin wahrhaftig nicht mit Bleifuß geboren und ich werde mir auch keine Radarfallen-App zulegen, die mir verrät, wo ich nicht mit zu hoher Geschwindigkeit fahren darf. Meine Maxime ist: Fahr einfach überall korrekt. Oder auch langsamer. Das alleine macht jedoch keinen Sonntagsfahrer aus.

Zunächst einmal: Der Sonntagsfahrer ist nicht an ein Verkehrsmittel, Geschlecht oder Alter gebunden. Der 70jährige Mercedes-Fahrer mit Filzhut ist sicher ein ganz heißer Kandidat, daneben gibt es aber auch sonntagsfahrende Motorradfreunde, Sonntagsradfahrer und jede Menge Sonntags-Bahnfahrer. Allen gemein ist, dass sie in einer Ausnahmesituation sind, zumindest nach ihrem Gefühl. Es ist Sonntag, sie sind unterwegs zum Baggersee oder zu Kaffee und Kuchen bei den Verwandten. Sie haben die ganze Woche oder gar ein Erwerbsleben lang geschafft, und nun wollen sie sich keine Gedanken machen. Das haben sie sich verdient.

Der Sonntagsfahrer fährt nicht nur langsam, sondern auch rücksichtslos. Diese Rücksichtslosigkeit ist unbedingt gegen andere gerichtet. Der Sonntagsfahrer richtet sich nach der Devise: Ich habe Ferien und in seinen Ferien verdient es niemand überfahren zu werden. Dieses Denken ermöglicht ihm Fahrmanöver, die kaum ungefährlicher sind als das, was Cobra11 werktags vorführt. Der Blinker wird erst gesetzt, nachdem er eine Vollbremsung auf offener Straße hingelegt hat.

Und Vollbremsungen macht er oft, der Sonntagsfahrer. Denn er hat keine Zeit, 50 Meter weiter zu fahren, zu blinken, seinen Wagen auf einem Parkplatz abzustellen und dann wieder zu der Stelle zu laufen, wo man den besonders schönen Blick auf das Schloss Neuschwanstein, auf den Nibelungenfelsen, auf den Nürburgring hatte. Denn nach 30 Sekunden Staunen muss es schon weiter gehen. Impulskontrolle ist für Alltagsfahrer. Unvermittelt fährt er wieder an und setzt den Weg einen Kilometer lang auf der linken Standstreifen fort. Wenn der Warnblinker angeschaltet ist, heißt das: Aus dem Weg, ich hab Urlaub!

In gewisser Weise fühlen sich die Sonntagsfahrer sogar dem Kantschen Imperativ verpflichtet. Nur ist ihre Handlungsmaxime nicht das, was zu einem allgemeinen Gesetz werden könnte. Ihre Version lautet vielmehr so: Handle gerade so, dass Dir nach Deiner Vorstellung keine Gefängnisstrafen drohen sollte. Oder noch besser: Alle anderen sollten so handeln, dass ich nach meiner Nase Leben kann. 

Seid keine Sonntagsfahrer.

Wut reicht, Inhalt egal

Die Kollegen vom Bildblog haben grade zusammengefasst, wie bei der Huffington Post mit veralteten und halb verstandenen Schnippseln Klicks generiert werden. Es scheint inzwischen eine eigene Gattung von Nachrichten zu geben, bei denen es egal ist ob sie stimmen oder nicht. Hauptsache, es klickt gut.

Die beunruhigende Wahrheit ist: Dazu brauchen wir die Huffington Post nicht. So wurde mir grad ein Video in die Facebook-Timeline gespült, das einen Wutanfall vor laufender Kamera zeigt. Solche hatte es im vergangenen Jahr einige Male gegeben — und sie waren durchweg Klickerfolge. Und so klickte auch ich, um zu sehen, worum es dem News Anchor denn ging.

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Nachdem ich das Video gesehen habe, bin ich nicht wirklich schlauer. Der unbenannte „News Anchor“ redet sich in Rage über den gekauften US-Kongress und irgendein Problem, das die Demokraten aufschieben wollen, während die Republikaner den ganzen Laden abfackeln wollen. Es geht um trillions of dollars – aber wann geht es das nicht? Die Deutungen in den Kommentaren reichen weit. Die einen sehen darin einen Alarmruf gegen die jüdische Welt-Banken-Verschwörung, andere sehen einen Appell für eine vernünftige Parteienfinanzierung. Und Bernie-Fans sehen — natürlich — einen Wahlaufruf für Bernie.

Zwei Minuten Googeln brachten mich schließlich zur Wikipedia, wo dieser Rant in einem eigenen Absatz beschrieben wurde. Das Video ist fünf Jahre alt und hat mit der aktuellen politischen Debatte so gut wie nichts zu tun, sondern mit der Krise von 2011, als sich Obama und der von Republikanern beherrschte Kongress um die Höchstverschuldungsgrenze stritten. Erinnert Ihr Euch noch, worum es da ging? Allenfalls vage, stimmt’s? Spoiler: Obama setzte sich durch.

Aber es ist egal. Das vermutlich geklaute, gänzlich kontextbefreite Video wurde auf Facebook in den letzten drei Tagen 7,6 Millionen mal abgerufen. MassReport musste nicht mal irgendeinen skandalisierenden Zusammenhang erfinden, es reichte die Überschrift „News Anchor Completely Loses It After 3 Years With Epic Rant“. Denn Kontexte interessieren einfach nicht, wenn da nur ein sehr wütender Mann sitzt und unsere Ressentiments, unsere Ängste, unsere Wut bestätigt.

Happy Heise

Heise Online wird heute 20 Jahre alt — das ist doch Mal ein Grund zum Feiern. Ich bin nun auch fast 15 Jahre dabei: 2001 erschienen meine ersten Texte in Telepolis, kurz danach auf heise online und in der c’t.

In all der Zeit habe ich die Zusammenarbeit als höchst positiv erlebt: So kennt der Verlag keine Rücksichtnahme, wenn die Berichte Werbekunden betreffen und stellt sich hinter seine Autoren. Während man in anderen Medien nicht damit rechnen kann, in fünf Jahren noch mit dem gleichen Redakteur zusammenzuarbeiten, sind meine Gesprächspartner aus der ersten Stunde immer noch bei Heise. Statt jedes Jahr die Redaktionen mal in einen neuen Newsroom, mal in eine externe Gesellschaft mit niedrigeren Tarifen zu stecken, ist um Heise Online eine Art Familie gewachsen. Die umfasst auch die Leser. Heise-Redakteure brauchen keine Buzzfeed-Statistiken um zu erfahren, was Admins, Coder, Ingress-Spieler, iPhone-Nutzer oder Cyborgs interessiert. Denn sie selbst leben die IT. Und die Leser leben mit heise online.

Als ich damals(TM) die Verhaftung von Kim Schmitz melden konnte, hat sich ein Leser bei mir gemeldet, der das Ereignis feiern wollte und mir zu Hause Herrentorte und Eistee vorbei brachte. Eine kleine Party war das Ergebnis. Als eine Bande von Abmahnungs-Abzockern endlich von der Justiz hochgenommen wurde, füllte sich in Köln spontan ein mexikanisches Restaurant mit fröhlich feiernden Leuten. Die Zeiten waren noch einfacher: Es gab nur eine Handvoll IT-Bösewichter, die diese Rolle teilweise auch gerne übernahmen.

Heute ist die Welt komplexer. IT hat unser Leben durchdrungen — und das Leben die IT. Politik ist die Folge, mit allen Vor- und Nachteilen. Statt gegen den einen Abmahnanwalt geht es nun gegen Abkürzungen mit drei oder vier Buchstaben, die kein einzelnes Gesicht mehr haben. Konnten wir uns vor zehn Jahren noch die Illusion erhalten, unsere Systeme unter Kontrolle zu haben, haben Snowden, BadUSB und NSA, das ständige Versagen von Closed und Open Source diese Gewissheit zerstört. Facebook und Google bestimmen unser Leben und haben dabei leider nicht die Arroganz der Comic-Bösewichte, sondern die ehrliche Überzeugung, das Leben für alle besser machen zu können. Oder für die meisten. Oder zumindest für sich selbst.

(Vorsicht, Selbstbeweihräucherung!) Diese Komplexität verlangt von Journalisten einen langen Atem, damit wir erklären können, wie die ständigen Neuigkeiten einzuordnen sind, wohin die IT uns steuert. Wir müssen von unseren Schreibtischen aufstehen, um nicht nur ständig zu berichten, was grade auf Twitter als Skandal vermarktet wird. Wir müssen den Leuten ins Gesicht sehen, wenn sie erklären, wie sie das Leben von uns allen verändern wollen, und wir müssen selbst Gesicht zeigen. Und da ist es gut, wenn man sich auf seine Familie verlassen kann.

Auf 20 weitere Jahre, heise online.

Bekenntnis zum Satire-Standort Deutschland

Pünktlich um 13 Uhr trat Hape Kerkeling im Kanzlerinnen-Kostüm vor die versammelte Presse. „Wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute ihre Satire…“ Der Saal tobte und der Rest war nicht zu verstehen.

Schaut The West Wing!

Plötzlich interessieren sich wieder alle für US-Politik. Die ist zwar nie aus den Hauptnachrichten verschwunden, aber das Interesse an Wahldeligierten, Super-PACs und der berühmten brokered convention, die Donald Trump schließlich die Kandidatur verweigern könnte, ist im Vergleich zu den vorherigen Wahljahren enorm gestiegen. Vor diesem Hintergrund empfehle ich: Schaut Euch nicht nur die Berichterstattung über den täglichen Ausraster von Donald J. Drumpf an oder die Facebook-Artikel der Bernie-Fans an. Wartet nicht auf die neue Staffel von „House of Cards“. Schnappt Euch stattdessen die DVDs oder einen Stream der Serie „The West Wing“ und lernt.

Die von Aaron Sorkin ersonnene Serie lief von 1999 bis 2006 bei NBC und schaffte — gewollt und ungewollt — ein positives Gegenbild zur ausgehenden Präsidentschaft Bill Clintons und der beginnenden Bush-Administration. Hauptsächlich geht es um Josh Lyman, der als stellvertretender Stabschef im Weißen Haus für Präsident Josiah Bartlet arbeitet, der zudem Wirtschafts-Nobelpreisträger ist. Mit ihm muss die ganze Führungsmannschaft des Weißen Hauses – die hier im Wesentlichen aus neun Personen besteht — jede Folge eine neue politische Herausforderung überwinden: Mal verlangen Evangelikale die Entlassung von Josh, mal kommt es zu einer Flüchtlingswelle aus Kuba, mal geht es auch nur um die technischen Details einer Volkszählung. Das sind alles Dinge, mit denen sich ein Frank Underwood nicht herumschlagen muss – dazu wird bei The West Wing auch niemand vom Präsidenten eigenhändig ermordet. Und dennoch ist die Serie faszinierend.

Die Serie schafft es Regierungsarbeit trotz allem Zynismus als Bemühen zu sehen, Dinge zu lösen. Zum anderen werden die vielen Zwänge durchexerziert, unter denen das Regierungshandeln — insbesondere in den USA — unterliegt. Für quasi jedes Gesetz muss eine neue Allianz geschmiedet werden, jedes öffentliche Wort des Präsidenten wird auf die Goldwaage gelegt und quasi jede Interessengruppe fühlt sich dauernd ungerecht behandelt. Anhand der Gilmore-Girls-langen Dialoge, den so genannten walk-and-talks, wird der Zuschauer durch jeden Schritt des politischen Prozesses geführt.

Der Blickpunkt ist hoffnungslos hoffnungsvoll – wir wissen natürlich heute, dass der Dialog im Weißen Haus keinesfalls so gesittet abläuft. Dennoch: Obwohl The West Wing durchweg fiktiv ist, kann man viele alltägliche Meldungen durch The West Wing besser einsortieren. So wurde die am Anfang erwähnte brokered convention in Staffel 6 von The West Wing schon durchexerziert. Ein Polizist erschießt einen schwarzen Jungen, weil der eine Spielzeugpistole in der Hand hatte? Josh’s Chef muss die gewaltige Frustration der black community schultern. Der jährliche Machtkampf um das Budget der USA? The West Wing hat dazu eine wunderschön dramatisierte Episode. Und dann gibt es natürlich die Szenen, in denen der wortgewaltige Präsident den Verlogenen, den Hassgetriebenen und Ignoranten eine Abfuhr erteilt.

Gerade jetzt ist eine gute Gelegenheit einzusteigen. So haben ist mit The West Wing Weekly ein hörenswerter Podcast gestartet, an dem auch West-Wing-Darsteller Joshua Malina teilnimmt. Ebensogut finde ich die West Wing History Class, bei denen einer der beiden Podcasterdie serie noch nie zuvor gesehen hat und alten West-Wing-Buffs einen anderen Blickwinkel verschafft.

Die Kunst Jan Böhmermann zu gucken ohne durchzudrehen

Zunächst Mal: Ich bin kein großer Fan von Jan Böhmermann. Ab und zu werden mir seine Videos in die Streams gespült, und dann finde ich sie oft gut. Richtig gut. Aber seine Sendung ist nicht so wirklich mein Ding, weil ich viele seiner popkulturellen Referenzen nicht (er-)kenne und er für meinen Geschmack etwas zu krawallig ist. Zudem hatte ich keine Ahnung wer Dendemann ist. Kurzum: Ich finde Böhmermann gut, schalte ihn aber eher selten ein.

Ein schönes Beispiel ist das aktuelle Video „Be deutsch“, das ich so gut fand, dass ich es auch teilte. Am Tag darauf stellte ich erstaunt fest, dass viele Leute das Video offenbar als kraftvolle und gänzlich unironische Gegenhyme zu Pegida und Co verstanden. Das führte dann zu Gegenstimmen wie die von Sascha Lobo und Anke Groener, die darauf aufmerksam machten, dass Böhmermann da mit deutschtümelnden Klischees gespielt hatte, die uns aus gutem Grund Unwohlsein verursachen sollten. „Wir sind die Deutschen, nicht ihr!“ brüllt der bunte, tolerante Mob den Klischee-Pegidisten am Schluss zu. Aber Moment mal, wie passt ein solcher Spruch mit dem Angedenken an die Nazizeit zusammen, das am Anfang beschworen wurde als Schöpfungsmypthos des toleranten, vermeintlich besseren Deutschen?

Einerseits: Gar nicht. Es ist ein direkter Widerspruch. Wer Gruppen gewaltsam ausschließen will und in Form eines Mobs angreift, wie es in dem Video geschieht, hat die Lektionen aus dem Holocaust nun wirklich nicht tief verinnerlicht. Andererseits: Es passt perfekt. Denn viele übersehen eine Prämisse. Jan Böhmermann ist nicht der Bundespräsident, sondern Comedian. Und zwar einer, der sein Handwerk versteht.

Und er verlangt etwas Aufmerksamkeit von seinem Publikum. Grade das „Remember, remember“ am Anfang war für mich ein klares Zeichen. Es ist der Erkennungs-Slogan des Films „V as Vendetta“, der einen geheimen Rächer zur Ikone erhebt. Der Film wird oft missverstanden, da er ein reines Schwarz-Weiß-Bild des Guten und Bösen darstellt. Der Comic von Alan Moore bietet ein paar mehr Nuancen, aber es reicht auch ein Blick in die Wikipedia: Das historische Vorbild Guy Fawkes taugt nicht wirklich als Held. Und so geht es mir mit Böhmermanns Video. Der vermeintlich geläuterte Klischee-Deutsche ist ein Zerrbild, das eigentlich für jeden erkennbar sein sollte.

Ich hab „Be deutsch“ daher primär als Parodie auf mein Millieu gesehen. Fast alle meiner Freunde haben studiert, Geburtstags-Buffets sind großteils vegan und ich hab mir grade einen neuen Fahrradhelm gekauft. Ein offen Strapse tragender Pfarrer gehört aber dennoch nicht zu meinem erlebten Deutschlandbild, ebensowenig umarmen sich in meiner Nachbarschaft Juden und Araber. Wir können zwar alle einen bis zwei Sätze Kant zitieren, aber richtig gelesen haben wir ihn nicht.

Und was mach ich nun mit dieser Erkenntnis? Welche Botschaft hat das Video nun? Meine Antwort: Es ist Comedy.

Ein Comedian geht dahin, wo es die Leute kitzelt, oder wo es ihnen sogar weh tut. Und das tut Böhmermann auf intelligente Art. Wer meint, er habe die eigene Position uneingeschränkt unterstützt, muss oft feststellen, dass er eigentlich das Ziel des Spottes war. So war es beim Varoufakis-Finger, so ist es beim rassistischen Erdogan-Gedicht. Böhmermann operiert auf einer Meta-Ebene. Oft ist der Witz nicht in der Mediathek zu sehen, die eigentlich Pointe ist die Reaktion des Publikums, der Medien, des Senders.

Zudem hat Böhmermann ein vermeintlich revolutionäres Konzept ins Fernsehen gebracht. Ein Witz ist ein Witz, weil er witzig ist. Dieses eher US-Amerikanische Verständnis von Comedy fehlt uns in Deutschland bisher. Zwischen den verkopften Comedians, die immer auf der vermeintlich richtigen Seite sein wollen und den Mario Barths und Oliver Pochers, die sich schon präventiv auf die moralisch falsche Seite stellen, gibt es kaum bekannte Namen. In den USA hingegen drängen sich in dieser Nische haufenweise Comedians. So finde ich viele Nummern von Louis CK genial. Der Streitfrage, ob man Witze über Vergewaltigung machen darf, setzt er sogar Witze über Kindesmissbrauch entgegen — aber eben auf intelligente Weise.

Was machen wir nun mit der Erkenntnis? Entzieht sich Comedy jeder Bewertung, weil ja alles nur ein Witz ist? Natürlich nicht. Kann auch schlechte Comedy die gesellschaftliche Diskussion eröffnen und die Welt zum Besseren ändern? Möglicherweise ja. Möglicherweise auch das Gegenteil. So habe ich neulich das Interview einer Frauenrechtsaktivistin gehört, die über den desaströsen Effekt eines Sketches von Saturday Night Life von 1993 die Vorstellung von „date rape“ lächerlich machte und die öffentliche Diskussion zum Thema eher abwürgte. Auch in den Folgejahren wurde SNL in diesem Punkt nicht wirklich zum Vorkämpfer im bereich Frauenrechte – trotz starker Frauen wie Amy Poehler und Tina Fey.

Also: Schaut Comedy. Denken müsst ihr aber weiterhin selbst.

Willkommen in der Alkoholmetropole Köln

Das Festkomitee Kölner Karneval hat einen Flyer herausgegeben, der insbesondere Flüchtlinge über den Karneval informieren soll. Ich erinnere mich noch halbwegs gut an meine Anfangszeit in Köln und glaube, dass das Komitee einen bemerkenswert schlechten Job gemacht hat, Karneval für Außenstehende zu erklären.

So erfahren die Leser, dass Karneval seit 1823 gefeiert wird, dass es über 100 Karnevalsvereine gibt und wie viel ungefähr der Eintritt für eine Karnevalssitzung kostet. Das ist für Touristen sicher interessant. Doch wer hier zum ersten Mal hier lebt, und noch nie von Karneval gehört hat, sollte meiner Meinung nach ein paar andere Dinge zuerst erfahren. Zum Beispiel wann Ämter geschlossen sind. Oder was es mit den „Alaaf“-Rufen auf sich hat. Warum die Leute Strohpuppen verbrennen.

Vor allem über ein Thema sollte man jedoch ausführlich sprechen: Alkohol. Den Punkt verschweigt das Festkomitee zwar nicht völlig, die Aufklärung lässt aber zu wünschen übrig.

Muss man Alkohol trinken, um mitfeiern zu können? Viele Kölner trinken zwar an Karneval Bier oder andere alkoholische Getränke, das ist aber natürlich keine Pflicht. Spaß haben, singen und tanzen kann man ohne Alkohol mindestens genauso gut.

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Ich finde es nicht fair, die Leute anzulügen. Wer einmal gänzlich nüchtern in einem Raum voller Betrunkener war, kann eindrücklich bestätigen, dass das Erlebnis nicht „mindestens genauso gut“ ist. Wie wäre es mit einer etwas wahrheitsgetreueren Version, die den Leuten tatsächlich Orientierung bietet? Ein paar Vorschläge:

Der Karneval ist ein riesiges Massenbesäufnis. Leute kommen aus Hunderten Kilometern Entfernung nach Köln, um drei bis fünf Tage sich dem Alkoholrausch hinzugeben, zu singen und zu tanzen. Das ist weitgehend legal. Allerdings darf man alkoholisiert keine Autos oder Motorräder fahren, auch Fahrräder sind ab einem gewissen Alkoholpegel Tabu.
[…]
Passen Sie auf. Menschen unter Alkoholeinfluss werden oft aggressiv oder verlieren die Selbstkontrolle. Wir haben uns bemüht, Kinder vor Alkohol zu schützen, indem wir zum Beispiel Händlern bei Strafe verbieten, alkoholische Getränke an Kinder zu verkaufen. Doch es klappt nicht völlig. Jedes Jahr landen Kinder und Jugendliche wegen Alkoholvergiftung im Krankenhaus. Sollte Ihr Kind zu viel Alkohol getrunken haben und nicht mehr ansprechbar sein, wenden Sie sich an einen Arzt. Es gibt auch Veranstaltungen in denen Jugendliche beaufsichtigt ohne Alkohol feiern können. Karnevalsvereine erteilen gerne Auskunft.
[…]
Alkoholkonsum führt zu anstößigem Benehmen. Obwohl an vielen Stellen öffentliche Toiletten aufgebaut werden, urinieren manche Feiernde auf offener Straße oder übergeben sich. Bitte tun Sie es ihnen nicht gleich. Vor den Toiletten bilden sich lange Schlangen, also gehen Sie lieber zu früh als zu spät. Bedenken Sie immer: Es ist unklug, sich auf einen Streit mit alkoholisierten Menschen einzulassen. Wenn Sie in der Innenstadt wohnen, kann es bis in die Nacht laut sein. Allerdings geht das in einigen Tagen vorbei.
[…]
Ein Wahlspruch der Kölner zum Karneval ist „Trink doch ene mit“ – wenn Sie in Köln Karneval feiern, werden Sie freundlich genötigt werden, Alkohol zu trinken. Sollten Sie Alkoholkonsum nicht gewohnt sein, lehnen Sie höflich ab. Falls Mitfeiernde Sie weiter bedrängen, behaupten Sie, dass sie ein Medikament nehmen und deshalb nichts trinken dürfen. Wollen Sie dennoch mitfeiern halten Sie sich am besten an Kölsch, das relativ wenig Alkohol hat.
[…]
Der Karneval scheint omnipräsent und manchmal bedrohlich zu sein — doch keine Angst: Das normale Leben geht weiter. Busse und Bahnen fahren meist normal oder nach dem Feiertagsfahrplan. Allerdings dürfen Sie nicht damit rechnen, dass Dienstleister und Geschäfte geöffnet haben. Erkundigen Sie sich vorher, wann die Lebensmittelgeschäfte und Ämter geöffnet haben. Meist stehen die Karnevals-Öffnungszeiten auf Aushängen am Eingang.

Political correctness für Dummies

Immer wieder wird über Gutmenschentum oder „political correctness“ gelästert. Bis zu einem Punkt kann ich das verstehen. Der Punkt ist jedoch nicht besonders fern. Inzwischen halte ich die meisten Leute, die an erster Stelle darüber lästern, für Idioten.

„Political correctness“ ist im Prinzip ein shortcut, eine Kurzanleitung mit dem Titel „Wie rede ich ohne Leute zu verletzen für Dummies“: Wenn Du Wort X statt Y verwendest, wirst Du schon keinen Anstoß erregen, steht darin. Und Du willst doch keinen Anstoß erregen?

Es ist beschämend, aber wir brauchen solche Anleitungen. Über Generationen unter der Prämisse gelebt haben, dass gewisse Gruppen keine Ohren haben. Zum Beispiel: Behinderte, Homosexuelle, Frauen in bestimmten Situationen. Sie hatten jedoch sehr wohl Ohren – sie hatten lediglich keine Stimmen. Worte wie „Spasti“ oder „Krüppel“ gehen einem leicht von den Lippen, wenn man niemanden kennt, der damit angesprochen sein könnte. „Schwul“ war in meinen Kindertagen schlicht das Gegenteil von „cool“.

Wie jeder Generalisierung generiert auch die political correctness viele Missverständnisse, sie verkauft den öffentlichen Diskurs als dümmer, als wir uns individuell fühlen. Warum soll ich ein hässliches Binnen-I verwenden, wenn doch klar ist, dass ich alle Geschlechter meine? Warum soll ich keine harmlosen schlüpfrigen Witze machen – alle meine Freundinnen sind schließlich selbstbewusste Frauen? Warum soll ich mich nicht ans Schaufenster setzen und über die lästern, die draußen vorbeigehen? Man nennt es Mode!

Wenn wir nicht über andere lästern, wie sollen wir unseren eigenen Wertekanon aufbauen? Wie kann es sein, dass jemand für einen schlechten Witz gefeuert wird? Ist nicht der Punkt erreicht, wo wir um unser Recht kämpfen müssen, schlechte Witze zu machen? Wo es die verdammte Pflicht ist den Leuten, die der political correctness aufgesessen sind, ihre Augen zu öffnen?

Nein, ist es nicht. Zum einen: Die Bürden der political correctness sind im Alltag nicht wirklich hoch. Ich verdiene meinen Lebenunterhalt mit Schreiben und niemand verlangt von mir mich als „Cis-Mann“ zu bezeichnen oder auch nur das Binnen-I zu verwenden. (Im Gegensatz zum Binnen-P in iPhone und iPad.) Zum zweiten: Ich spüre zwar, dass ich als heterosexueller weißer Mann, einfacheres Ziel eines schlechter Witze bin — aber viel beleidigender finde ich die Dieter Nuhrs der Nation, die sich scheinbar vor mich stellen.

Zum Dritten: Auch wenn viele meinen, dass die veränderte Sprache Diskurs verhindere, sehe ich in meinen Zirkeln tatsächlich noch viel Diskurs. Ein viel diskutierte These der letzten Jahre zum Beispiel war: Man darf keine Witze über Vergewaltigung machen. Nun, Bullshit. Nur die schlechten Witze zu diesem Thema müffeln schon nicht mehr, sie stinken. Es gibt Leute wie Louis CK oder Broad City, die sehr wohl noch den Witz aus den Themen rauskitzeln, ohne dass man sich dafür schämen muss. Dass Jimmy Fallon auf das Thema verzichtet, empfinde ich nicht wirklich als Verlust.

Wie veranstaltet man eine Digital-Konferenz?

Ein Teil meiner Arbeit besteht daraus, dass ich ziemlich häufig bei Branchenevents und Kongressen bin – und ich äußere in meiner Berichterstattung und auf anderen Kanälen, wie ich die Veranstaltung fand. Da ist es nur fair, wenn ich ein paar Tipps gebe, wie man bei mir gut ankommt. Keine Bange: Es geht nicht um Programmatik und Frauenanteil, sondern um einige Basis-Anforderungen.

Einladung

Die E-Mail ist das Mittel der Wahl. Bitte teilt in den ersten drei Sätzen genau mit, wann und wo das Event stattfindet. Merke: Nicht jeder wohnt in Berlin oder München – die Städtenamen gehören dazu. Die Einladung sollte mich mindestens zwei Wochen vorher erreichen und auch einen Einblick bieten, worum es wirklich geht. Wenn die Konkurrenzveranstaltung die gleichen 12 Buzzwords um sich wirft, warum sollte ich zu Deiner Veranstaltung kommen? Wesentlich sind detailgenaue Infos zur Anfahrt mit ÖPNV und Auto und die Information, ob ein Event aufgezeichnet oder gar gestreamt wird.

Programm

Die Porträtfotos der Speaker sind toll – aber würde ich jeden kennen, wäre es ein Familientreffen und kein Kongress. Schreibt bei jedem Speaker dazu, wieso er eingeladen wurde und zu welchem Thema er spricht. Wenn seine Qualifikation in erster Linie aus einem Firmenposten besteht, sollte die Beschreibung unmissverständlich klar machen, warum der Vortrag keine plumpe Werbung ist. Kennzeichnet, welche Vorträge gestreamt werden.

Veranstaltungsort

Wer will, dass über seine Veranstaltung berichtet wird, sollte den Berichtenden einen Arbeitsplatz bieten. Tische für zumindest einen Teil der Zuhörer sind schön, flexible Sitzplätze in der Nähe von Steckdosen sind elementar. Es ist mir unbegreiflich wie zum Beispiel die Köln-Messe heute noch Kongresse veranstaltet, bei denen für das Publikum keinerlei Stromversorgung vorgesehen ist. Falls sich kein geeigneter Veranstaltungssaal findet: Führt Mehrfachsteckdosen von der Veranstaltungstechnik in den Raum.

Vernetzung

WLAN, WLAN, WLAN. Am liebsten ohne 12stellige Passwörter oder zweiseitige Einlog-Anleitungen. Wenn ein Hashtag vorgegeben wird, dann haltet ihn kurz und eindeutig. #messexyz2015 ist zu lang, #messe ist zu kurz.

Verpflegung

Leicht, aber bitte keine Brezel. Ein nahrhafter Eintopf minimiert das Besteckproblem und erlaubt Menschen beim Essen zusammenzustehen. Fast immer ein Fehler sind 0,2-Liter-Flaschen mit Getränken. Um sich über acht Stunden hydriert zu halten, muss man sechs Mal Nachschub holen. Besser: Gläser, in die man sich selbst Wasser einschenken kann. Frisches Obst ist nicht nur Dekoration, sondern eine beliebte Alternative zum krümelnden und fetten Kuchen. Kaffee ist Standard, aber bitte denkt auch an die Milch. Echte Milch, nicht diese Kaffeesahnepäckchen.

Trainwreck

Endlich ist Amy Schumers Film auch in deutschen Kinos angelaufen – wenn auch unter dem dämlichen Namen „Dating Queen“. Warum rede ich von einer Romantic Comedy? Nun: Trainwreck ist der „Fightclub“ einer neuen Generation – die ultimative Anleitung zur Selbstzerstörung mit Happy End. Es ist als hätten Sex and The City und Kill Bill ein Kind. Ein Kind, das zu viel trinkt und mit zu vielen Männern schläft.

Ja, ich übertreibe. Um ehrlich zu sein: Trainwreck ist zwar ein guter Film, aber eben nur doch nur eine RomCom. Und keine, aus der wir 30 Jahre später noch zitieren können. Es ist aber gutes Popcorn-Kino. Guckt den Film nicht alleine, sondern mit Freunden. Und mit Alkohol. (Idealerweise nicht den teuren Alkohol vom Popcornstand. Amy-Schumer-Fans wissen ihren Buzz zu verwalten.)

Der Film ist eine Comedy mit genialen Ideen und gewaltigen Fehlsprüngen. Und das ist gut so. Der liebenswert-ruppige Obdachlose vor Amys Wohnung ist ein Klischee, das per Zeitmaschine aus den 80er-B-Movies importiert wurde. Was die Dogwalker-Episode sollte — keine Ahnung. Colin Quinns Monologe? Hillarious.

Grade wenn man sich auf eine seicht plätschernde Allerwelts-Story eingerichtet hat, führen Schumer und Apatow uns in das Schwimmerbecken mit emotionalem Tiefgang. Auch wenn Amy Schumer keine Nacktszenen hat, sie hat sich in dem Film entblößt. Sie hat ihre Beziehung zu ihrem kranken Vater plakatiert, der auch im realen Leben ihre Mutter verlassen hat und wegen seiner fortgeschrittenen Multiplen Sklerose in einem Pflegeheim lebt. Auch die Beziehung zur eigenen Schwester, mit der sie seit Jahren zusammenarbeitet, wird hier gnadenlos seziert. In Sketchform. Das hilft den Zuschauer auch über das vorhersehbare und langatmige Finale hinweg.

Interessant ist, wie Schumer und Apatow die Filmstruktur immer wieder aufbrechen. Statt die vierte Wand einzureißen und mit dem Zuschauer zu sprechen, reißen sie die Wand zum Greenroom auf, wo die vielen Gaststars sitzen. Der Basketball-Megastar LeBron James spielt den Basketball-Megastar LeBron James. Amys Lover in Trainwreck wird von einem Wrestling-Star gespielt, weil die echte Amy bekanntermaßen eine Liaison mit einem anderen Wrestling-Star hatte. Und plötzlich sitzt Matthew Broderick als Matthew Broderick auf der Bühne, um an einer Beziehungs-Intervention teilzunehmen.

Wer eine alberne Komödie mit Twist sehen will, ist bei Trainwreck gut bedient. Wer sich ein bisschen für die Comedy-Szene interessiert, sollte den Film auf keinen Fall verpassen. Aber vergesst den Alkohol nicht.