Wir brauchen ein Faktenschutzrecht!

Alarmierende Entwicklung — wieder einmal. Google hat semantische Techniken in seine Suche integriert. Das heißt: Der ohnehin schon parasitäre Suchkonzern begnügt sich nicht mehr nur mit Links und Snippets. Google presst den Seiten auch ihr Wichtigstes ab — ihr Wissen. Unser Wissen.

So bekommen Google-Besucher bei der Suche nach Marie Curie direkt angezeigt, wann sie geboren wurde, wen sie geheiratet hat und welche Elemente sie so erfunden hat. Früher mussten die Google-Besucher für solche Infos auf Links klicken. Und mit 10-prozentiger Wahrscheinlichkeit landeten sie nicht bei Wikipedia, sondern bei uns, den Seitenbetreibern mit humanistischer Grundbildung, den Besserwissern, die das Web von einer Pornowüste in einen Platz der Aufklärung verwandelt haben.

Das kostet uns nicht nur Werbeeinnahmen. Sondern auch die Genugtuung, dass jemand auf unser Wissen angewiesen war. Tagtäglich prüfen wir unsere Zugriffsstatistiken, um zu sehen, wem wir weiterhelfen konnten, wer sich an der Brust unserer Weisheit gesäugt hat. Das ist einer der wesentlichen Faktoren im Publikationgewerbe. Hätte Axel Springer, hätte Marion von Dönhoff nur das Geld im Sinn gehabt — sie hätten Atomstrom produziert oder ein verdauungsregulierendes Nutella. Publizisten sind Besserwisser! Was wir fordern, ist das totale Fehlen feststehender Fakten! Zumindest auf Google! Und für den Rest wollen wir Geld sehen!

Ihr lacht über uns Berufsdenker? Da lacht ihr aber zu früh. Denn glaubt ihr, Eure offensichtlichen Pointen seien vor Google auf ewig gefeit. Eure Röttgenwitze hätte Google in 0,001 Sekunden gemacht. Und Eure Tatort-Tweets. 30000 davon. Und alle besser als Eure. Also schließt Euch uns an im Kampf gegen den elektronischen Moloch, gegen das Google des Verderbens. Und — so ganz nebenbei — habt Ihr ein paar Euro für uns?

Torsten
Vrumfondel
Magikweis

Begriffsklärung

Bloggen heißt nicht, lustige Katzenbilder/Videos/Infografiken, die grade durch das Netz geistern, ins eigene Blog zu schaufeln und dann in allen sozialen Netzwerken auf den ach so mühsam geschriebenen eigenen Post zu verweisen, womöglich sogar mit der eigenen Kurz-URL.

Das Wort dafür ist SEO.

Werkzeuge der Kostenlos-Kultur

Ich hab einen Videorekorder. Und ich habe Geduld. Heute muss ich lange nicht so viel Geduld haben wie früher, und die wenigsten Filme muss man auf einer riesigen Leinwand sehen, US-Serien laufen manchmal nur mit ein paar Monaten Verzögerung zu der Erstausstrahlung. Zur Not kaufe ich Mal eben ein DVD-Set mit konkurrenzlos niedrigem Preis pro Stunde Unterhaltung.

Was ich vermisse: O-Ton. “Community” auf deutsch synchronisiert geht gar nicht. Castle geht, verliert aber an Genuss. Statt in Sky investiere ich lieber in einen VPN-Zugang nach Übersee, wo Inhalte auf der Straße liegen. Ich höre Podcasts. Und überspule allzu penetrante Werbung.

Ach ja: Statt Sonntagszeitungen zu kaufen, setze ich mich in Cafes, wo diese ausliegen.

Auch ich bin ein Urheber

Ich bin ein Urheber. Ich schreibe Texte über das Internet, meist sogar in das Internet. Damit unterscheidet sich meine Lebens- und Arbeitsrealität deutlich von der derer, die sich unter dem Slogan “Wir sind die Urheber!” zu Wort melden.

Wie sieht das aus? Ich bekomme kein Geld von der GEMA und meine Werke sind nicht bei thepiratebay.org aufgelistet. Private Kopien schrecken nicht wirklich, denn für die bekomme ich Pauschalentschädigungen von der VG Wort. Eine willkommene Ergänzung des Einkommens, aber nicht mehr.

Zwischen meinen Verwertern und mir gibt es auch keine großen Differenzen. Total-Buy-Out ist heute kein riesiges Problem mehr, da ich meine Arbeiten eh nicht mehr zwei Mal verkaufen kann. Und meine Auftraggeber auch nicht. Wer bitteschön zahlt 650 Euro, um einen FAZ-Text ein halbes Jahr zu publizieren? Vor Jahren waren Zweitverwertungen für freie Journalisten noch eine substantielle Einnahmequelle, der Markt ist aber tot. Wer früher zum Beispiel Hörfunkbeiträge an fünf ARD-Veranstalten verkaufte, muss nun mit einem Honorar auskommen. Nicht das Netz ist schuld, aber die Vernetzung hat gewaltige Umwälzungen zur Folge. Wer glaubt, dass solche Umwälzungen ohne Verlierer stattfinden können, lügt sich selbst an.

Probleme bereiten mir die vielen, die meine Recherchen einfach umformulieren und abschreiben, vielleicht noch eine skandalisierende Überschrift darüber setzen. Gleichzeitig kann ich ohne die Offenheit der Fakten nicht arbeiten. Recherche baut fast immer auf den Recherchen anderer auf. Und eine “Edelfeder” bin ich weiß Gott nicht.

Sorgen habe ich, dass jeder zwar den neutralen Journalismus beschwört, aber dann doch lieber tendenziöse Stücke liest, die der eigenen Meinung entsprechen. Oder dem Gegenteil. Was denkt der Schmierfink sich eigentlich!! Das ist weiß Gott nicht neu, Medien sind vor dem deutschen Recht “Tendenzbetriebe”, bei denen die Unternehmensspitze die Leitlinien vorgibt. Bisher war ich aber in der privilegierten Situation, dass meine Auftraggeber vor allem sauberen Journalismus von mir verlangten.

Dankbar bin ich, dass ich davon leben kann, darüber zu schreiben, was mich interessiert — ohne PR-Aufträge nebenher. Das erlaubt mir auch, meine eigenen Blogs ohne Gewinnabsicht zu führen oder für Redaktionen zu arbeiten, die nicht viel zahlen können. Dankbar bin ich auch für die gute Zusammenarbeit mit vielen Redaktionen. Zwei standen mir kürzlich auch bei einem Rechtsstreit beiseite und hielten den Rücken frei. Ohne solche Deckung ist das Publizieren heute ein russisches Roulette. Ob berechtigt oder unberechtigt: motivierte und finanzstarke Kläger können immer Ärger machen. Dagegen hilft nur Rückgrat, eine Haltung. In den letzten 10 Jahren musste ich es aber schon mehrfach erleben, dass solche Redaktionen geschlossen wurden, weil sich ihr Journalismus nach Auffassung der Verleger nicht lohnte.

Sorgen macht mir auch, wenn unreflektiert die Verschärfung oder die Reduzierung von Urheberrechtsdurchsetzungen gefordert werden. Was 70 Jahre nach meinem Tod mit meinen Texten passiert, die oft schon nach einem Tag nicht mehr vermarktbar sind, weil sie aktuell geschrieben wurden, ist jenseits jeder rationellen Überlegung. Dass man heute immer noch nicht Kästners Augenzeugenbericht der Bücherverbrennung zum Jahrestag wiedergeben kann, ist nicht erst durch das Internet widersinnig geworden. Gleichzeitig sehe ich auch auf der Gegenseite wenig valide Konzepte. Eine reine Pauschalfinanzierung ist gerade in Zeiten des Internets nicht durchsetzbar, da die Urheberrechtsmärkte nicht mehr fein säuberlich getrennt sind. Und Konstrukte, die auf die Unterscheidung zwischen “kommerziell” und “privat” aufbauen, sind im Zeitalter der Aggregation weitgehend sinnlos. Dieser Punkt betrifft genau so die Vorstellungen der Piratenpartei wie die der Leistungsschutzrechtslobby.

Ach ja: Das Leistungsschutzrecht hilft mir nicht und selbst wenn es das ein bisschen täte, würde ich es immer noch ablehnen. Aber da ich nicht für Springer arbeite, ist auch das kein wirklicher Gegensatz zu meinen “Verwertern”.

Tarif gilt Mo. bis Fr. von 06 – 07 Uhr

Kleingedrucktes im Fernsehen…

Generation Hektographiegerät

In meiner Grundschulzeit hatten wir zunächst keine Kopierer. Stattdessen gab es ein Hektographiergerät, das speziell vorbereitete Matritzen vervielfältigen konnte. Dieses Gerät wurde mit einer Handkurbel angetrieben. Kamen die Kopien mit der typischen blauen Schrift aus dem Gerät, rochen sie penetrant nach Lösungsmitteln. Wie viele Grundschulkinder verdanken ihr erstes Drogenerlebnis dieser knuffigen Maschine? Das half uns vielleicht darüber hinweg, dass Lehrfilme mit einem Filmprojektor gezeigt wurden und wahrscheinlich aus den 60er Jahren stammten. 

Den Overheadprojektor lernte ich IIRC erst in der weiterführenden Schule kennen. Wahrscheinlich war schon damals für alle anderen ein alter Hut. 

(Das Bild stammt von Appaloosa aus der deutschsprachigen Wikipedia und steht unter der Creative Commons-Lizenz Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Unported.)

You are not Gandhi

Seriously, check Wikipedia.

Conversation starter

Providerprobleme sind das Band, das uns alle verbindet. Wir sind mehr als enttäuschte Kunden, wir sind eine Bewegung, eine Generation.

Wer auf Parties landet, wo plötzlich über Heidi Klums Models geredet wird, muss nur das Thema anschneiden und wird sofort reichlich Zuspruch finden.

“Ja, ich war letzte Woche auch zwei Tage offline. Ein Albtraum”

“Nicht nur das Internet. Auch das Telefon und der Fernseher. Ich hab versucht Fußball auf dem iPhone zu gucken, aber das Datenlimit!”

“Unsere Kinder wollten gar nicht mehr aus der Schule nach Hause kommen.”

“Also ich finde, so ein gewisser Verzicht ist auch notwendig” “Ja, die Wand anstarren, ist ja so alternativ!” “Günter, werd jetzt nicht unhöflich!” “Schon gut. Schon gut. Welche Schnepfe hat jetzt den Modelwettbewerb gewonnen?” “Günter!”

Der Mensch und das Monster in ihm

Menschen wären nicht so wie sie sind, wenn sich in diesen Momenten nicht irgendwo im Netz ein Breivik-Fanclub treffen würde.

Nach zwei Bier sitzt er vor dem Computer und liest alles nach. Wie verlogen die Gesellschaft doch ist. Wie hinterhältig die Medien. Die Wahrheit, sie steht im Netz und wird nur flüsternd erzählt. Aber er kann es hören. Tag und Nacht. Er macht ein weiteres Bier auf.

Sie hat das Bild dieses starken jungen Mannes gesehen, gegen den alle sind. Sie haben ihm zum Monster abgestempelt. Es war schrecklich, was er getan hat, sicher. Aber die Toten sind tot. Ganz klar: Strafe gab es genug, seine Seele ist zersprungen. Jetzt brauch er Hilfe, der Mensch in dem Mörder.

Über 70 Tote. Eine Rohrbombe im Regierungsviertel. Wumm! Was für eine Leistung. Ein Mann allein gegen alle. Wie sie wohl gelaufen sind. Und der Staat, der rafft es nicht. Bamm. Bamm. Bamm. Und wieder drei Streber weniger. Er hat trainiert, wie Breivik. Mit dem iPod im Wald. Und kleine Sprengfallen gebaut. Wumm! Ein Baum ist umgefallen. Ein geiles Gefühl. Die YouTube-Videos hat er aber wieder gelöscht.

Moslems. Da waren schon wieder drei in der U-Bahn. Lange Bärte. Und geguckt haben sie als ob Ihnen das Land gehört. Aber das ist unser Land! Ihre Freundinnen tun so betroffen über die Toten auf der Insel. Aber nachts alleine rauszugehen trauen sie sich nicht. Weil sie Angst vor den Moslems haben. Erst schlagen sie ihre Frauen und dann sind sie hinter uns her. Aber sie ist stark. Sie denkt nicht dran, klein beizugeben.

Er hat das Internet ausgelesen. YouTube? 60 Stunden werden pro Sekunde hochgeladen und 20 direkt wieder gelöscht. Der Rest? Blah! Pornos? Immer das gleiche. Aber die Wahrheit. Die geht immer runter wie Öl. Habt ihr das Manifest überhaupt gelesen? Sicher: da waren ein paar Schwachpunkte. Aber ich habe die richtigen Links gefunden. Wikileaks, sag ich nur. Und lamestream media. Anonymous. Der Mossad. We didn’t start the fire. George Bush. Dabbelyou. 9/11 was an inside job. It was always burning since the world’s been turning.

Der Breivik ist ein Freak. Geil! Sie dreht die Musik lauter, bis sie nicht mehr hören kann, was sie denkt.

Falscher Flatrate-Hase

Unzählbar sind die Beschwerden, über Mobilfunkprovider, die groß “Internet-Flatrates” bewerben, die sich dann als doch sehr beschränkte Angebote erweisen, die nach 100, 500 oder 1000MB Traffic auf den Daten-Kriechmodus GPRS umschalten. Kein Unterschied beim neuen Billigheimer Yourfone:

Wir müssen nicht einmal mehr, die “Rechtlichen Hinweise” am Boden der Seite aufklappen, um zu erfahren, wo der Haken der Fußnote 2 hängt. Nach 500 MB wird der Datenfluss zwar nicht abgedreht, nur halbwegs fest zugedreht, sodass die Bytes nur noch tröpfeln. Keine Skype-Gepräche, kein YouTube, keine aufwändigen Webseiten mehr – nur noch das Internet, das auf die Rückseite einer Briefmarke passt.

Natürlich ist das Angebot im Wortsinne eine Flatrate. Denn die “rate”, also der zu zahlende Betrag bleibt “flat”, also gleich. Wenn man 200 Stunden online ist und alles rausholt, was aus GPRS rauszuholen ist, bleibt der Rechnungsbetrag gleich. Dass das Wort in allen anderen Zusammenhänge etwas anderes bedeutet, dafür können die Werber ja nichts, oder? Alle machen das so. Und deshalb muss man das im Kleingedruckten verbergen. Weil: Kunden sind doof.

Aber Yourfone ist einen Link weiter erfrischend ehrlich. In den Tarifdetails gibt es eine besondere Option zum Dazubuchen:

Wenn man tatsächlich unbegrenzt SMS versenden kann und die Nachrichten nicht nach der Tausendsten Nachricht von 160 auf 16 Zeichen gekürzt werden oder erst nach zwei Stunden zugestellt werden, dann ist das eine “echte Flatrate”. Im Gegensatz dazu ist die “normale” Flatrate immer mit Fallstricken versehen, seien es astronomische Auslandstarife, Geschwindigkeitsbeschränkungen oder Tethering-Verbote.

Statt “Flatrate” könnte man auch “Falsche Flatrate” sagen. Aber das wäre ja zu lang und zu verwirrend für Kunden, die das Kleingedruckte nicht lesen. Nennen wir es einfach: “Falschrate”.