Trainwreck

Endlich ist Amy Schumers Film auch in deutschen Kinos angelaufen – wenn auch unter dem dämlichen Namen „Dating Queen“. Warum rede ich von einer Romantic Comedy? Nun: Trainwreck ist der „Fightclub“ einer neuen Generation – die ultimative Anleitung zur Selbstzerstörung mit Happy End. Es ist als hätten Sex and The City und Kill Bill ein Kind. Ein Kind, das zu viel trinkt und mit zu vielen Männern schläft.

Ja, ich übertreibe. Um ehrlich zu sein: Trainwreck ist zwar ein guter Film, aber eben nur doch nur eine RomCom. Und keine, aus der wir 30 Jahre später noch zitieren können. Es ist aber gutes Popcorn-Kino. Guckt den Film nicht alleine, sondern mit Freunden. Und mit Alkohol. (Idealerweise nicht den teuren Alkohol vom Popcornstand. Amy-Schumer-Fans wissen ihren Buzz zu verwalten.)

Der Film ist eine Comedy mit genialen Ideen und gewaltigen Fehlsprüngen. Und das ist gut so. Der liebenswert-ruppige Obdachlose vor Amys Wohnung ist ein Klischee, das per Zeitmaschine aus den 80er-B-Movies importiert wurde. Was die Dogwalker-Episode sollte — keine Ahnung. Colin Quinns Monologe? Hillarious.

Grade wenn man sich auf eine seicht plätschernde Allerwelts-Story eingerichtet hat, führen Schumer und Apatow uns in das Schwimmerbecken mit emotionalem Tiefgang. Auch wenn Amy Schumer keine Nacktszenen hat, sie hat sich in dem Film entblößt. Sie hat ihre Beziehung zu ihrem kranken Vater plakatiert, der auch im realen Leben ihre Mutter verlassen hat und wegen seiner fortgeschrittenen Multiplen Sklerose in einem Pflegeheim lebt. Auch die Beziehung zur eigenen Schwester, mit der sie seit Jahren zusammenarbeitet, wird hier gnadenlos seziert. In Sketchform. Das hilft den Zuschauer auch über das vorhersehbare und langatmige Finale hinweg.

Interessant ist, wie Schumer und Apatow die Filmstruktur immer wieder aufbrechen. Statt die vierte Wand einzureißen und mit dem Zuschauer zu sprechen, reißen sie die Wand zum Greenroom auf, wo die vielen Gaststars sitzen. Der Basketball-Megastar LeBron James spielt den Basketball-Megastar LeBron James. Amys Lover in Trainwreck wird von einem Wrestling-Star gespielt, weil die echte Amy bekanntermaßen eine Liaison mit einem anderen Wrestling-Star hatte. Und plötzlich sitzt Matthew Broderick als Matthew Broderick auf der Bühne, um an einer Beziehungs-Intervention teilzunehmen.

Wer eine alberne Komödie mit Twist sehen will, ist bei Trainwreck gut bedient. Wer sich ein bisschen für die Comedy-Szene interessiert, sollte den Film auf keinen Fall verpassen. Aber vergesst den Alkohol nicht.

Debatte

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Gefühle zwischen Livetickern

Ich hab gestern wenige journalistische Fehlleistungen gesehen, weil ich schlicht nicht danach gesucht habe. Ich war natürlich seit der ersten einzeiligen DPA-Meldung von dem Ereignis informiert. Sobald es eine neue Entwicklung gab, hab ich es über Twitter oder meinen normalen Nachrichtenkonsum mitbekommen. Mehr belastbare Fakten als zwei bis drei Artikel liefern können, gab es einfach nicht.

Trotzdem verstehe ich es, wenn Leute an Livetickern hängen und Sondersendungen gucken. In gewisser Weise verstehe ich es auch, wie sie offenbar wutschnaubend jede Äußerung eines Politikers als verlogen, unehrlich und charakterlos brandmarken wollen. Und auch Journalisten. Viele auf Twitter gierten geradezu auf das erste Bild der Angehörigen, auf den Johannes B. Kerner, der einem 12jährigen Mitschüler ein Mikrofon ins Gesicht hält.

Stattdessen gab ein Bilder des Bürgermeisters des kleinen Städtchens in Nordrhein-Westfalen, der sichtlich um Fassung rang. Seine Job-Beschreibung sieht solche Auftritte nicht vor. Und er wurde zum emotionalen Anker für viele, die nicht wissen, wohin mit den Gefühlen.

Viele von uns sind schon mit solchen Flügen geflogen. Wir fühlten uns sicher, haben über die Sicherheitsanweisungen lustig gemacht, trockene Toastbrote gegessen und uns auf den wohlverdienten Urlaub gefreut. Dass wir ebenso gut an einem Berg zerschellen konnten, das darf nicht sein. Egal, wie sicher Fliegen statistisch ist und wie real Autounfälle. Das darf nicht sein. Wer ist schuld? Ein Jahr wollen wir nicht warten. Wir wollen keine technischen Details, nicht wissen welches Rohr verstopft gewesen sein mag. Wer ist schuld? Nun wir wissen es halt auch nicht. Gibt es Helden? Nicht so wirklich, nur Verwundete. Wer ist schuld?

Warum wir aus #varoufake nichts lernen werden

Die Schmach von Jan Böhmermann mit Ansage veräppelt worden zu sein, ist am Publikum vorbeigegangen. Stefan Niggemeier sagt, er lernt aus der Episode. Viele sagen das. Aber wir als Ganzes — als Individuen, die sich zu Timelines organisieren — wir werden nichts lernen.

Ein simples Beispiel: Zur Sonnenfinsternis hatte ich tatsächlich ein Fake-Bild retweetet, ein dämlicher Impuls. Selbst ein flüchtiger Blick hätte mir sagen müssen, dass es eigentlich nicht so sein konnte, wie das Bild zeigte. Kein Beinbruch: Sofort sagte mir jemand Bescheid, ich entfernte den Retweet und postete stattdessen den Link auf die Erklärung, was es mit dem Bild auf sich hatte.

Doch ich handelte in der Logik der Retweets und Social-Media-Rankings absolut irrational. Ich hätte beide Versionen verbreiten sollen. Guckt mal, so sieht die Sonnenfinsternis im Weltall aus. Und dann hätte ich mich darüber profilieren sollen, dass ich den Fake enttarne.

Wie es zum Beispiel Martin Oswald tat, der das Bild nicht einfach retweetete, sondern ohne Quelle mit seiner eigenen Beschreibung verbreitete. Oswalt weist sich in seiner Twitter-Biographie als Journalist, Community Manager, Dozent für New Media und obendrein als Leiter der Online bei den Schweizer Sendern SRF1 und SRF3 aus.

Wie ich wurde Oswald sofort auf den Fehler aufmerksam gemacht. Und er wurde gebeten das Bild doch zu löschen. Seine Antwort hat mich ehrlich gesagt etwas schockiert.

Selbst als er auf Twitter schließlich zustimmt, dass diese Ausrede falsch sei, gibt er sich nur einsichtig — löscht aber den Tweet nicht. Es ist schließlich schön und populär. Warum sollte sich ein Journalist also drum kümmern sein Publikum richtig zu informieren? Er hätte auf die ganzen Retweets und „Favs“ verzichten müssen, die ihn als Influencer kennzeichnen. Und der Influencer-Status ist im Was-mit-Medien-Geschäft bares Geld wert. Wenn ich kein Influencer bin, interessiert es ja keinen, wenn ich mal die Wahrheit sage.

Ein banales, alltägliches Beispiel. Aber es zeigt sehr schön, wie wir in Mechanismen gefangen sind, die Fakten als unwichtig einstufen. Sie dienen oft nur noch als Inspiration dafür, wie man Leute polarisieren, aufbringen oder begeistern kann. Was auch wieder eine polarisierende Formulierung ist — denn frei nach der Brechtschen Radio-Theorie polarisieren wir uns mittlerweile selbst.

Zurück zu #varoufake: Auch mehrere Tage nach dem Ereignis schwirrt immer nur dieser Finger durch meine Timelines. Obwohl sich alle einig sind, dass der Finger ein Nicht-Thema ist, scheint die Debatte nur noch um ihn zu kreisen. Die griechische Regierung hat die Troika aus dem Land gewiesen. Nun beginnt endlich die schmerzhafte Auseinandersetzung, wie Varoufakis ein Steuersystem schaffen will, das den Abzockern keine freie Hand mehr gibt. Auf Plattformen wie rivva.de habe ich dazu keinerlei Debatte gesehen.

Stattdessen finde ich hier grade eine ganze Reihe von Artikeln, die sich mit dem aktuellen Spiegel-Cover beschäftigen. Und obwohl wir wissen, dass das Diskussionen sind, die nur ablenken, obwohl Günther Jauch mit viel Kopfnicken als Symbol der Überforderung identifiziert wird, werden auch heute abend viele einschalten, um sich polarisieren zu lassen.

Salute to Sam

Automatisch schnellt die Hand von Hauptmann Mumm Sir Samuel Vimes zur unteren Schublade, umschließt den Hals einer Flasche. Ohne sein Großhirn zu bemühen entkorkt Vimes die Flasche, seine Nase kostet den verführerischen Hauch von Jimkin Bearhugger’s Whiskey und in einer fließenden Bewegung wirft sein Arm die Flasche an die Wand. Morgen wird er das Büro nicht betreten können, weil der Geruch des Fusels unerträglich sein wird. Unerträglich zu ertragen und gleichzeitig unerträglich zu widerstehen. Aber Vimes wird sowieso nicht hier sein. Denn er hat einen Termin auf dem Friedhof der Geringen Götter.

Ich weiß nicht mehr genau, wann ich zum ersten Mal zu einem Buch von Terry Pratchett gegriffen habe. Es war „Das Licht der Fantasie“, die deutsche Version. Und als alter H2G2-Fan fühlte ich mich sofort zu Hause. Ich fand jemand, der die alten, überkommenen Fantasy-Schinken auf die Schippe nahm, der sich nicht zu schade war, auch mal offen albern zu sein. Und ein erstaunliches Talent hatte, nicht auf seinen Witzen auszurutschen.

Fasziniert verfolgte ich, wie da ein Polizeireporter aus England sich anschickte eine Welt zu bauen. Sein Fundament war eine Schildkröte, sein Baumaterial waren Stein und Gold und Klischees. Mit seinem analytischen Verstand hat Pratchett ständig versucht die Welt zu verstehen. Und scheiterte an den Menschen. Kurzerhand griff er sich die Klischees und warf sie an die Wand. Und erkannte verzückt, dass sich da ein Gemälde bildete.

Manche Bücher mochte ich mehr, manche mochte ich weniger. Hohe Literatur war sicher keins von ihnen, aber Pratchett schaffte es seinen Figuren eine Menschlichkeit zu geben, die viele vermeintlich ernsthaftere Autoren vermissen lassen. So wie der scheinbar simple Carrot Ironfoundersson in jedem Band unvermutete Tiefen zeigt, bekommen alle Charaktere immer mal wieder neue Seiten. Mit kleinen Ausnahmen. Colon ist immer fett und langsam, der Butler Willikins wird zwischenzeitlich durch einen geläuterten Psychopathen ausgetauscht. Aber insgesamt bewahrte Pratchett eine erstaunliche Konsistenz für diese Welt im Turbo-Durchgang. In einem Band wird die Presse erfunden, im nächsten eine Proto-Version des Internets. Samt seiner Nerds.

So wie Terry Pratchett seine Fantasiewelt erschaffen hatte, hat er auch sein eigenes Leben kontrolliert. Wut war seine innere Triebfeder, aber auch Neugierde, Verständnis und ein gutes Stück Albernheit. Er ließ sich ein Oberservatorium auf sein Grundstück bauen und trug zu PR-Terminen schwarze Kleidung und alberne Hüte. Ridcullyous. Seine Tiefen wollte er uns nicht zeigen. Als sich die Nicht-Scheibenwelt unerträglich aufdrängte, ging er in die Offensive und ließ uns teilhaben an seiner Krankheit.

Was bleibt? Nein, seine Scheibenwelt wird nicht sterben — auch wenn ich wohl keines der Nachfolger-Bücher anfassen werde. Was bleibt, ist es einen Meister des Klischees zu ehren.

„KNOCK KNOCK!“
„Who’s there?“
„DEATH!“
„Death who?“
„DEATH YOU, TERRY!“

Rest in peace. Or don’t. If you like.

Wie ich mich mit De-Mail anfreunden kann

1. Macht es kompatibel.

Ich verstehe: De-Mail kann nicht voll kompatibel zur E-Mail sein. Sonst könnte das System seine Vorteile nicht ausspielen und müsste mit allen Nachteilen der E-Mail leben. Aber es gibt meines Erachtens keinen Grund, warum mein E-Mail-Programm keine De-Mails lesen können soll. Authentifizierungen oder Lesebenachrichtigungen können hier ohne große Probleme nachgerüstet werden. Und wenn mein Desktop-Client De-Mail kann, brauche ich zum Beispiel auch keine Browser-Plugins für PGP.

2. Macht es grenzübergreifend

Ich kommuniziere nicht allzu viel mit Menschen aus den Nachbarländern, aber ab und zu schon. Was spricht dagegen, dass neben De-Mail ein FR-Mail, ein Be-Mail und ein UK-Mail aufmacht, die alle miteinander reden können? Wenn so gar kein anderes Land mit einsteigt, ist die Idee wohl noch schlechter als die Beibehaltung der Sommerzeit. Bei den Chips auf dem E-Perso wurde schließlich auch Kompatibilität vorausgesetzt. Ein durchgehender Open-Source-Ansatz ist hier natürlich Voraussetzung.

3. Seid Dienstleister für den Empfänger

Bisher sehe ich De-Mail nur als Dienstleitung für den zahlenden Kunden: Die Versicherer und Behörden, die Millionen von Briefen versenden müssen in der vagen Hoffnung, dass sie im richtigen Briefkasten landen. Für sie ist De-Mail ein doppelter Gewinn: Sie sparen Kosten und die Schreiben gelten darüberhinaus als rechtssicher zugestellt.

Für mich als Empfänger jedoch bietet De-Mail nichts. Ich bin dafür verantwortlich, mich regelmäßig einzuloggen und nicke alles ab, was ich übersehe. Um mich zu überzeugen: Wie wären ein paar gute Filtermechanismen? Automatische Abmeldeknöpfe in Newslettern und flexible Benachrichtigungsoptionen. Schafft die Zustellungsfiktion ab, wenn ihr ganz genau wisst, dass ich eine Mail nicht gelesen habe. Wer hingegen kommerziell De-Mails versenden will, muss auch Vertragskündigungen über De-Mail annehmen.

4. Verabschiedet Euch von der Insel

Statt einen Dienst zu schaffen, der verschiedenste Systeme verbindet, ist De-Mail als Insel konzipiert. Mein Finanzamt beispielsweise — eine der wenigen Behörden mit denen ich tatsächlich regelmäßig korrespondiere, hat keine De-Mail-Adresse, sondern ein separates sicheres E-Mail-System.

Das liegt nicht nur an der mangelnden Adaption von DeMail und der Inkompatibilität mit allen anderen Systemen — auch dem Finanzbeamten bringt De-Mail nichts. Er muss sich im Zweifel immer noch durch einen Wust von Zahlen wühlen. Stattdessen könnte De-Mail auch neue, maschinenlesbare Formate zum Einsatz bringen. Alle Rechnungen die ich zur Einkommenssteuererklärung einreiche, könnten mit der passenden Kategorienbezeichnung, Steuersätzen und Absetzbarkeitsbestimmungen direkt in meinem Auftrag ans Finanzamt geschickt werden. Eigentlich bräuchte ich gar keine Steuererklärung mehr zu machen — nur in absoluten Ausnahmefällen mal einen Papierbeleg einscannen und hinterher schicken. Stattdessen sammle ich nun Belege im echten und im digitalen Schuhkarton.

5. Nehmt das Verzeichnis ernst

Einer der großen Vorteile von De-Mail ist ein Nutzerverzeichnis, ein Telefonbuch für gültige Adressen. Doch bisher macht ihr nichts damit. Ich kann keine Opt-Ins im Adressbuch hinterlegen, ich kann nicht festlegen, dass ich nicht ohne ausdrückliche Anforderung keine Werbebotschaften will. Ich kann auch nicht meine Schlüssel-IDs hinterlegen, sodass mir tatsächlich jemand gesicherte Botschaften zukommen lassen kann. Was für ein enormes Potenzial liegt hier brach.

Wo sind die Ergebnisse?

Liebe Geheimdienste,

ihr wiederholt gebetsmühlenhaft, dass es vollkommene Sicherheit nicht gibt. Doch wenn man sich ein bisschen den Teppich anhebt, sieht man, dass ihr in den letzten Jahren vollkommene Kontrolle angestrebt habt. SIM-Karten, Viren in der Festplatten-Firmware, Industriespionage, Big-Data-Analysen ganzer Bevölkerungen. An der Politik vorbei und erst recht am Bürger vorbei.

Nundenn. Schwamm drüber. Wir können Euch eh nicht zur Verantwortung ziehen. Seien wir praktisch. Nennen wir es ein Experiment. Die ganzen Überwachungsbefugnisse, die ihr immer wieder fordert und nur zu 90 Prozent bekommt, habt Ihr Euch heimlich zu 99 Prozent gesichert. Wir sehen also heute das Ergebnis, wenn jeder Politiker auf der ganzen Welt immer nur „Ja“ zu euch gesagt hätte.

Und was ist das Ergebnis? ISIS taucht aus dem Nichts auf und setzt die lustigen kleinen Gadgets ein, auf die ihr Eure kleinen lustigen Wanzen installiert habt, und lockt Teenager in den Krieg. Knastbrüder — und zwar exakt die Sorte, die ihr so gerne im Auge habt –  marschieren mit automatischen Waffen durch europäische Städte. Flugzeuge verschwinden und irgendjemand in einem Wohnzimmer in Großbritannien wertet Luftbilder aus, um ein wenig mehr Infos zu bekommen als durch die Propagandakanäle dringt. Und 14jährige in Syrien filmen, was wir sonst nie erfahren würden.

Mal ehrlich: Ist das Experiment gelungen? Seid ihr mit den Ergebnissen wirklich so zufrieden? Meint ihr wirklich, ihr habt mehr vorzuweisen als — verzeiht die Metapher — einen Großflughafen ohne Passagiere und Eröffnungsdatum? War es das, ist es das wirklich wert?

Bad Data

Es ist eine von vielen Stories, die heute zum Thema big data verbreitet werden. Spotify weiß, welche Musik läuft, wenn Du Sex hast. Ach was? Leute speichern Playlists unter Titeln wie „Sex“ oder „Love“ ab und schon hat der mächtige Cloud-Anbieter einen Blick in unser Schafzimmer geworfen. Denn wie einst Kästner fomulierte: „Wer zu Bett geht, pflanzt sich auch schon fort!“

Sorry, aber das ist kein big data, das ist big bullshit. Als Spotify-User kann ich versichern: Die Cloud hat keinerlei Ahnung, welche Musik ich mag und was ich dabei mache. Ich muss schon mindestens zehn Titel vorgeben, damit Spotify annehmbare Vorschläge auf die Playlist setzt. Das kann auch ein besoffener 20-jähriger, der nicht weiß, auf welcher Party er grade gelandet ist und plötzlich vor dem iTunes-Computer sitzt. Spiel die Titel, die jeder kennt. Wenn sich jemand beschwert, klick weiter. Unterdessen empfiehlt mir Spotify die tolle Schunkel-Karnevals-Playliste. Go figure.

Schubladendenken und Golden Oldies

Ich will nicht leugnen, dass Facebook, Google und Co eine Menge über mich herausfinden können. Simples Beispiel: Ich hab Facebook nie gesagt, dass ich heterosexuell bin. Trotzdem bekam ich lauter Single-Frauen-Dating-Scams angezeigt. Aber das war auch schon die höchste Annäherung, die Facebook an mein persönliches Interessenprofil geschafft hat. Ich musste über ein halbes Jahr jeden einzelnen Anbieter von Dating-Apps mehrfach als unerwünscht wegklicken, damit das endlich aufhörte.

Nach den ersten drei unerwünschten Anbietern hätte die allwissende Facebook-Cloud erkennen können: Der Torsten mag keine Dating-Apps. Doch warum sollte Facebook das machen? Die Dating-Börsen bezahlen gut, dass ihre Werbung angezeigt wird. Und wenn Facebook vermeintliche Interessenten streicht, dann werben die Börsen halt im Fernsehen.

Heute zeigt mir Facebook im wesentlichen Werbung für Produkte an, die ich mir vorher schon auf Amazon angesehen habe. Und für einen Kabel-Anbieter, der meine Wohngegend nicht bedient. Ab und zu eine Werbung für Autos — und ich werde in den kommenden fünf Jahren keinen Neuwagen kaufen — oder für Eigentumswohnungen in Monschau. Damit verdient Facebook ein paar Euro im Jahr. Die Inserenten haben das Geld jedoch rausgeschmissen.

In guten Daten ist kein Geschäft

Google ist nicht wesentlich mehr an mir interessiert. Bei Google+ werden mir die doofsten Verschwörungstheorien und die schmalzigsten HDR-Fotografien in die Timeline gespült. Einer der erste Kategorien der YouTube-Startseite ist „Erneut ansehen“, die mir Videos empfiehlt, die ich schon angesehen habe. Wiederholungen als Erfolgsmodell, Olden Goldies. Der Rest bezieht sich auf eine simple Titelauswertung. Ich habe ein Video mit Jim Fallon gesehen? Hier sind weitere Video im Fallon.

Das Interesse von Google an meiner Person ist weitgehend erschöpft, wenn mein Werbeprofil ausgefüllt ist. Welcher Altersgruppe gehöre ich an? Welche vermarktbare Themengebiete interessieren mich? Welche Sprache spreche ich und in welcher Metropolregion lebe ich? Genauer wird es nicht. Dabei könnte Google dank GPS genau wissen, wo ich tatsächlich einkaufe. Doch wer sollte Google dafür bezahlen?

Es ist ein Paradoxon: Facebook, Google und Co wollen mich mit Daten möglichst genau erfassen. Doch ihr Geld verdienen sie damit, mich möglichst ungenau zu kennen. Sonst könnte man mir ja nichts verkaufen. Über mein Datenprofil wird ein Weichzeichner gelegt, der mich unkenntlich macht. Ob privat-kommerziell oder staatlich: Die Technik mag big data sein, das Geschäftsmodell ist aber bad data.

Big government

Gerade im staatlichen Bereich ist der Umgang mit big data oft noch schlimmer. Denn hier gibt es nicht einmal die Kontrolle durch den Markt der Werbekunden. Bestes Beispiel sind die berühmten No-Fly-Listen und die Einreisekontrollen an Flughäfen. Eine von vielen Anekdoten kam diese Woche an die Öffentlichkeit: Ein Niederländer wird als Verdächtiger eingestuft und gleich zweifach verhört und durchsucht, weil er sein Einreiseformular aus Jordanien bearbeitet habe. Wahrscheinliche Erklärung: die US-Behörden haben die IP-Adresse falsch zugeordnet.

Was diesen Vorfall von Tausenden ähnlicher Vorfälle unterscheidet: Die Behörden ließen sich in die Karten sehen, was denn der Verdachtsmoment gewesen sein mag. Eine formelle Überprüfung, warum die Grenzschützer daneben lagen, wird es wohl nicht geben. Ein Reisender ist als Risiko eingestuft worden, in der Statistik wird ein Niederländer als potenzieller Terrorist auftauchen, sodass der Austausch von Fluggastdaten unbedingt notwendig erscheint. Der Fahndungs-Fehlschlag war aus statistischer Sicht ein Erfolg.

Wer viele Daten hat, so heißt es oft, hat heute die Macht. Doch mächtiger ist, der die Daten auslegen kann, wie es ihm grade in den Kram passt.

Eilmeldungsrausch

Als ich die Meldung von einem Anschlag auf die Redaktion eines französischen Satire-Magazins mit mehr als 10 Toten las, habe ich mich entschlossen, Twitter erst Mal eine Stunde sein zu lassen. Eine Stunde später sieht es aus, als ob ich es besser noch eine Stunde sein zu lassen.

Ich war, ich bin ein Newsjunkie. Ich kenne den Rausch sehr gut, wenn man sich von einer Meldung zur nächsten hangelt, wenn man das Puzzle des Unbegreiflichen Stück für Stück zusammensetzt und schließlich zu einem Bild gelangt, mit dem man umgehen kann. Doch das Bild ist immer falsch. Oder es besteht aus gerade mal vier Puzzleteilen.

In der ersten Stunde nach einer solchen Katastrophe weiß eigentlich niemand genaues. Die ersten Opferzahlen sind immer falsch. Liveschaltungen nach Paris können nur zu Tage fördern, was über die Agenturticker gelaufen ist. Dazu ein wenig Hintergrund, der auch in der Wikipedia steht. Zu schnell.

Aus der Wahrscheinlichkeit, dass es sich um islamistische Angreifer handelt, ist auf Twitter eine Gewissheit geworden. Schließlich gab es zuvor Anschläge und der letzte Tweet aus der Redaktion zeigte den Anführer der IS. Das kann doch kein Zufall sein. Wahrscheinlich ist es das auch nicht. Irgendjemand hat ein Video verbreitet, das die Erschießung eines Polizisten zeigt. Ich hab es nicht geklickt, will es auch nicht klicken. Noch eine Stunde Pause. Oder zwei.

Willkommen in Gotham

In diesem Blog war es in den vergangenen Monaten etwas ruhig — gelinde gesagt. Ein Grund: Ich wollte mal etwas Neues ausprobieren. Und das könnt ihr nun lesen. Es ist ein neues Blog und heißt „Willkommen in Gotham„. Das Thema: New York.

Keine Bange, ich werde Euch nicht mit meinen tollen Fotos von meinem 10-Tages-Trip nach New York nerven, ich werde nicht Dutzende von Street-Art-Bildern posten, die ich dort an jeder Ecke sah. Denn ich war noch niemals in New York. Ich war nicht mal in den USA. Und dennoch kenne ich New York. Einst habe ich Friends verschlungen, ich habe neun Jahre Colbert Report gesehen, ich kenne jede Folge von This American Life und vom Podcast The Bowery Boys. Glaube ich deshalb schon, ich kenne New York? Aber ja.

Ich verfolge mit dem Projekt eine einfache These: Die Realität bildet sich in unseren Fiktionen von ihr ab. Und diese Fiktionen beeinflussen wieder die Realität. Kann man also aus den Fiktionen die nackte Realität wieder herausdestillieren? Natürlich nicht. Und: Ja, klar. Einen Teil der Realität. Ein Lebensgefühl. Tausende kleiner Details. Klischees sind geronnene Realität.

Es ist ein kleines Experiment, das ich nun wage. Wer mich kennt, weiß dass ich auch an Fiktionen mit erstaunlichem Ernst herangehe. Und in unserem Kulturkreis ist New York nun einmal die unbestrittene Hauptstadt der Geschichten, der Kulminationspunkt von Kultur, Wirtschaft, Gesellschaft. Statt nun darüber zu diskutieren, wie doof die letzte Folge von HIMYM war, welche Charakter in CSI NY der attraktivste ist oder welcher der Peniswitze von Two Broke Girls lustiger war als die anderen, will ich sehen, was sich mehr mit den Fiktionen anstellen lässt.

Wohin die Reise geht weiß ich nicht. Falls ihr über die Feiertage Zeit und Lust habt, lest mal rein. Die ersten drei Texte sind nun online:

Have fun.