Willkommen in der Alkoholmetropole Köln

Das Festkomitee Kölner Karneval hat einen Flyer herausgegeben, der insbesondere Flüchtlinge über den Karneval informieren soll. Ich erinnere mich noch halbwegs gut an meine Anfangszeit in Köln und glaube, dass das Komitee einen bemerkenswert schlechten Job gemacht hat, Karneval für Außenstehende zu erklären.

So erfahren die Leser, dass Karneval seit 1823 gefeiert wird, dass es über 100 Karnevalsvereine gibt und wie viel ungefähr der Eintritt für eine Karnevalssitzung kostet. Das ist für Touristen sicher interessant. Doch wer hier zum ersten Mal hier lebt, und noch nie von Karneval gehört hat, sollte meiner Meinung nach ein paar andere Dinge zuerst erfahren. Zum Beispiel wann Ämter geschlossen sind. Oder was es mit den „Alaaf“-Rufen auf sich hat. Warum die Leute Strohpuppen verbrennen.

Vor allem über ein Thema sollte man jedoch ausführlich sprechen: Alkohol. Den Punkt verschweigt das Festkomitee zwar nicht völlig, die Aufklärung lässt aber zu wünschen übrig.

Muss man Alkohol trinken, um mitfeiern zu können? Viele Kölner trinken zwar an Karneval Bier oder andere alkoholische Getränke, das ist aber natürlich keine Pflicht. Spaß haben, singen und tanzen kann man ohne Alkohol mindestens genauso gut.

.

Ich finde es nicht fair, die Leute anzulügen. Wer einmal gänzlich nüchtern in einem Raum voller Betrunkener war, kann eindrücklich bestätigen, dass das Erlebnis nicht „mindestens genauso gut“ ist. Wie wäre es mit einer etwas wahrheitsgetreueren Version, die den Leuten tatsächlich Orientierung bietet? Ein paar Vorschläge:

Der Karneval ist ein riesiges Massenbesäufnis. Leute kommen aus Hunderten Kilometern Entfernung nach Köln, um drei bis fünf Tage sich dem Alkoholrausch hinzugeben, zu singen und zu tanzen. Das ist weitgehend legal. Allerdings darf man alkoholisiert keine Autos oder Motorräder fahren, auch Fahrräder sind ab einem gewissen Alkoholpegel Tabu.
[…]
Passen Sie auf. Menschen unter Alkoholeinfluss werden oft aggressiv oder verlieren die Selbstkontrolle. Wir haben uns bemüht, Kinder vor Alkohol zu schützen, indem wir zum Beispiel Händlern bei Strafe verbieten, alkoholische Getränke an Kinder zu verkaufen. Doch es klappt nicht völlig. Jedes Jahr landen Kinder und Jugendliche wegen Alkoholvergiftung im Krankenhaus. Sollte Ihr Kind zu viel Alkohol getrunken haben und nicht mehr ansprechbar sein, wenden Sie sich an einen Arzt. Es gibt auch Veranstaltungen in denen Jugendliche beaufsichtigt ohne Alkohol feiern können. Karnevalsvereine erteilen gerne Auskunft.
[…]
Alkoholkonsum führt zu anstößigem Benehmen. Obwohl an vielen Stellen öffentliche Toiletten aufgebaut werden, urinieren manche Feiernde auf offener Straße oder übergeben sich. Bitte tun Sie es ihnen nicht gleich. Vor den Toiletten bilden sich lange Schlangen, also gehen Sie lieber zu früh als zu spät. Bedenken Sie immer: Es ist unklug, sich auf einen Streit mit alkoholisierten Menschen einzulassen. Wenn Sie in der Innenstadt wohnen, kann es bis in die Nacht laut sein. Allerdings geht das in einigen Tagen vorbei.
[…]
Ein Wahlspruch der Kölner zum Karneval ist „Trink doch ene mit“ – wenn Sie in Köln Karneval feiern, werden Sie freundlich genötigt werden, Alkohol zu trinken. Sollten Sie Alkoholkonsum nicht gewohnt sein, lehnen Sie höflich ab. Falls Mitfeiernde Sie weiter bedrängen, behaupten Sie, dass sie ein Medikament nehmen und deshalb nichts trinken dürfen. Wollen Sie dennoch mitfeiern halten Sie sich am besten an Kölsch, das relativ wenig Alkohol hat.
[…]
Der Karneval scheint omnipräsent und manchmal bedrohlich zu sein — doch keine Angst: Das normale Leben geht weiter. Busse und Bahnen fahren meist normal oder nach dem Feiertagsfahrplan. Allerdings dürfen Sie nicht damit rechnen, dass Dienstleister und Geschäfte geöffnet haben. Erkundigen Sie sich vorher, wann die Lebensmittelgeschäfte und Ämter geöffnet haben. Meist stehen die Karnevals-Öffnungszeiten auf Aushängen am Eingang.

Political correctness für Dummies

Immer wieder wird über Gutmenschentum oder „political correctness“ gelästert. Bis zu einem Punkt kann ich das verstehen. Der Punkt ist jedoch nicht besonders fern. Inzwischen halte ich die meisten Leute, die an erster Stelle darüber lästern, für Idioten.

„Political correctness“ ist im Prinzip ein shortcut, eine Kurzanleitung mit dem Titel „Wie rede ich ohne Leute zu verletzen für Dummies“: Wenn Du Wort X statt Y verwendest, wirst Du schon keinen Anstoß erregen, steht darin. Und Du willst doch keinen Anstoß erregen?

Es ist beschämend, aber wir brauchen solche Anleitungen. Über Generationen unter der Prämisse gelebt haben, dass gewisse Gruppen keine Ohren haben. Zum Beispiel: Behinderte, Homosexuelle, Frauen in bestimmten Situationen. Sie hatten jedoch sehr wohl Ohren – sie hatten lediglich keine Stimmen. Worte wie „Spasti“ oder „Krüppel“ gehen einem leicht von den Lippen, wenn man niemanden kennt, der damit angesprochen sein könnte. „Schwul“ war in meinen Kindertagen schlicht das Gegenteil von „cool“.

Wie jeder Generalisierung generiert auch die political correctness viele Missverständnisse, sie verkauft den öffentlichen Diskurs als dümmer, als wir uns individuell fühlen. Warum soll ich ein hässliches Binnen-I verwenden, wenn doch klar ist, dass ich alle Geschlechter meine? Warum soll ich keine harmlosen schlüpfrigen Witze machen – alle meine Freundinnen sind schließlich selbstbewusste Frauen? Warum soll ich mich nicht ans Schaufenster setzen und über die lästern, die draußen vorbeigehen? Man nennt es Mode!

Wenn wir nicht über andere lästern, wie sollen wir unseren eigenen Wertekanon aufbauen? Wie kann es sein, dass jemand für einen schlechten Witz gefeuert wird? Ist nicht der Punkt erreicht, wo wir um unser Recht kämpfen müssen, schlechte Witze zu machen? Wo es die verdammte Pflicht ist den Leuten, die der political correctness aufgesessen sind, ihre Augen zu öffnen?

Nein, ist es nicht. Zum einen: Die Bürden der political correctness sind im Alltag nicht wirklich hoch. Ich verdiene meinen Lebenunterhalt mit Schreiben und niemand verlangt von mir mich als „Cis-Mann“ zu bezeichnen oder auch nur das Binnen-I zu verwenden. (Im Gegensatz zum Binnen-P in iPhone und iPad.) Zum zweiten: Ich spüre zwar, dass ich als heterosexueller weißer Mann, einfacheres Ziel eines schlechter Witze bin — aber viel beleidigender finde ich die Dieter Nuhrs der Nation, die sich scheinbar vor mich stellen.

Zum Dritten: Auch wenn viele meinen, dass die veränderte Sprache Diskurs verhindere, sehe ich in meinen Zirkeln tatsächlich noch viel Diskurs. Ein viel diskutierte These der letzten Jahre zum Beispiel war: Man darf keine Witze über Vergewaltigung machen. Nun, Bullshit. Nur die schlechten Witze zu diesem Thema müffeln schon nicht mehr, sie stinken. Es gibt Leute wie Louis CK oder Broad City, die sehr wohl noch den Witz aus den Themen rauskitzeln, ohne dass man sich dafür schämen muss. Dass Jimmy Fallon auf das Thema verzichtet, empfinde ich nicht wirklich als Verlust.

Wie veranstaltet man eine Digital-Konferenz?

Ein Teil meiner Arbeit besteht daraus, dass ich ziemlich häufig bei Branchenevents und Kongressen bin – und ich äußere in meiner Berichterstattung und auf anderen Kanälen, wie ich die Veranstaltung fand. Da ist es nur fair, wenn ich ein paar Tipps gebe, wie man bei mir gut ankommt. Keine Bange: Es geht nicht um Programmatik und Frauenanteil, sondern um einige Basis-Anforderungen.

Einladung

Die E-Mail ist das Mittel der Wahl. Bitte teilt in den ersten drei Sätzen genau mit, wann und wo das Event stattfindet. Merke: Nicht jeder wohnt in Berlin oder München – die Städtenamen gehören dazu. Die Einladung sollte mich mindestens zwei Wochen vorher erreichen und auch einen Einblick bieten, worum es wirklich geht. Wenn die Konkurrenzveranstaltung die gleichen 12 Buzzwords um sich wirft, warum sollte ich zu Deiner Veranstaltung kommen? Wesentlich sind detailgenaue Infos zur Anfahrt mit ÖPNV und Auto und die Information, ob ein Event aufgezeichnet oder gar gestreamt wird.

Programm

Die Porträtfotos der Speaker sind toll – aber würde ich jeden kennen, wäre es ein Familientreffen und kein Kongress. Schreibt bei jedem Speaker dazu, wieso er eingeladen wurde und zu welchem Thema er spricht. Wenn seine Qualifikation in erster Linie aus einem Firmenposten besteht, sollte die Beschreibung unmissverständlich klar machen, warum der Vortrag keine plumpe Werbung ist. Kennzeichnet, welche Vorträge gestreamt werden.

Veranstaltungsort

Wer will, dass über seine Veranstaltung berichtet wird, sollte den Berichtenden einen Arbeitsplatz bieten. Tische für zumindest einen Teil der Zuhörer sind schön, flexible Sitzplätze in der Nähe von Steckdosen sind elementar. Es ist mir unbegreiflich wie zum Beispiel die Köln-Messe heute noch Kongresse veranstaltet, bei denen für das Publikum keinerlei Stromversorgung vorgesehen ist. Falls sich kein geeigneter Veranstaltungssaal findet: Führt Mehrfachsteckdosen von der Veranstaltungstechnik in den Raum.

Vernetzung

WLAN, WLAN, WLAN. Am liebsten ohne 12stellige Passwörter oder zweiseitige Einlog-Anleitungen. Wenn ein Hashtag vorgegeben wird, dann haltet ihn kurz und eindeutig. #messexyz2015 ist zu lang, #messe ist zu kurz.

Verpflegung

Leicht, aber bitte keine Brezel. Ein nahrhafter Eintopf minimiert das Besteckproblem und erlaubt Menschen beim Essen zusammenzustehen. Fast immer ein Fehler sind 0,2-Liter-Flaschen mit Getränken. Um sich über acht Stunden hydriert zu halten, muss man sechs Mal Nachschub holen. Besser: Gläser, in die man sich selbst Wasser einschenken kann. Frisches Obst ist nicht nur Dekoration, sondern eine beliebte Alternative zum krümelnden und fetten Kuchen. Kaffee ist Standard, aber bitte denkt auch an die Milch. Echte Milch, nicht diese Kaffeesahnepäckchen.

Trainwreck

Endlich ist Amy Schumers Film auch in deutschen Kinos angelaufen – wenn auch unter dem dämlichen Namen „Dating Queen“. Warum rede ich von einer Romantic Comedy? Nun: Trainwreck ist der „Fightclub“ einer neuen Generation – die ultimative Anleitung zur Selbstzerstörung mit Happy End. Es ist als hätten Sex and The City und Kill Bill ein Kind. Ein Kind, das zu viel trinkt und mit zu vielen Männern schläft.

Ja, ich übertreibe. Um ehrlich zu sein: Trainwreck ist zwar ein guter Film, aber eben nur doch nur eine RomCom. Und keine, aus der wir 30 Jahre später noch zitieren können. Es ist aber gutes Popcorn-Kino. Guckt den Film nicht alleine, sondern mit Freunden. Und mit Alkohol. (Idealerweise nicht den teuren Alkohol vom Popcornstand. Amy-Schumer-Fans wissen ihren Buzz zu verwalten.)

Der Film ist eine Comedy mit genialen Ideen und gewaltigen Fehlsprüngen. Und das ist gut so. Der liebenswert-ruppige Obdachlose vor Amys Wohnung ist ein Klischee, das per Zeitmaschine aus den 80er-B-Movies importiert wurde. Was die Dogwalker-Episode sollte — keine Ahnung. Colin Quinns Monologe? Hillarious.

Grade wenn man sich auf eine seicht plätschernde Allerwelts-Story eingerichtet hat, führen Schumer und Apatow uns in das Schwimmerbecken mit emotionalem Tiefgang. Auch wenn Amy Schumer keine Nacktszenen hat, sie hat sich in dem Film entblößt. Sie hat ihre Beziehung zu ihrem kranken Vater plakatiert, der auch im realen Leben ihre Mutter verlassen hat und wegen seiner fortgeschrittenen Multiplen Sklerose in einem Pflegeheim lebt. Auch die Beziehung zur eigenen Schwester, mit der sie seit Jahren zusammenarbeitet, wird hier gnadenlos seziert. In Sketchform. Das hilft den Zuschauer auch über das vorhersehbare und langatmige Finale hinweg.

Interessant ist, wie Schumer und Apatow die Filmstruktur immer wieder aufbrechen. Statt die vierte Wand einzureißen und mit dem Zuschauer zu sprechen, reißen sie die Wand zum Greenroom auf, wo die vielen Gaststars sitzen. Der Basketball-Megastar LeBron James spielt den Basketball-Megastar LeBron James. Amys Lover in Trainwreck wird von einem Wrestling-Star gespielt, weil die echte Amy bekanntermaßen eine Liaison mit einem anderen Wrestling-Star hatte. Und plötzlich sitzt Matthew Broderick als Matthew Broderick auf der Bühne, um an einer Beziehungs-Intervention teilzunehmen.

Wer eine alberne Komödie mit Twist sehen will, ist bei Trainwreck gut bedient. Wer sich ein bisschen für die Comedy-Szene interessiert, sollte den Film auf keinen Fall verpassen. Aber vergesst den Alkohol nicht.

Debatte

krawalldebatte2

Gefühle zwischen Livetickern

Ich hab gestern wenige journalistische Fehlleistungen gesehen, weil ich schlicht nicht danach gesucht habe. Ich war natürlich seit der ersten einzeiligen DPA-Meldung von dem Ereignis informiert. Sobald es eine neue Entwicklung gab, hab ich es über Twitter oder meinen normalen Nachrichtenkonsum mitbekommen. Mehr belastbare Fakten als zwei bis drei Artikel liefern können, gab es einfach nicht.

Trotzdem verstehe ich es, wenn Leute an Livetickern hängen und Sondersendungen gucken. In gewisser Weise verstehe ich es auch, wie sie offenbar wutschnaubend jede Äußerung eines Politikers als verlogen, unehrlich und charakterlos brandmarken wollen. Und auch Journalisten. Viele auf Twitter gierten geradezu auf das erste Bild der Angehörigen, auf den Johannes B. Kerner, der einem 12jährigen Mitschüler ein Mikrofon ins Gesicht hält.

Stattdessen gab ein Bilder des Bürgermeisters des kleinen Städtchens in Nordrhein-Westfalen, der sichtlich um Fassung rang. Seine Job-Beschreibung sieht solche Auftritte nicht vor. Und er wurde zum emotionalen Anker für viele, die nicht wissen, wohin mit den Gefühlen.

Viele von uns sind schon mit solchen Flügen geflogen. Wir fühlten uns sicher, haben über die Sicherheitsanweisungen lustig gemacht, trockene Toastbrote gegessen und uns auf den wohlverdienten Urlaub gefreut. Dass wir ebenso gut an einem Berg zerschellen konnten, das darf nicht sein. Egal, wie sicher Fliegen statistisch ist und wie real Autounfälle. Das darf nicht sein. Wer ist schuld? Ein Jahr wollen wir nicht warten. Wir wollen keine technischen Details, nicht wissen welches Rohr verstopft gewesen sein mag. Wer ist schuld? Nun wir wissen es halt auch nicht. Gibt es Helden? Nicht so wirklich, nur Verwundete. Wer ist schuld?

Warum wir aus #varoufake nichts lernen werden

Die Schmach von Jan Böhmermann mit Ansage veräppelt worden zu sein, ist am Publikum vorbeigegangen. Stefan Niggemeier sagt, er lernt aus der Episode. Viele sagen das. Aber wir als Ganzes — als Individuen, die sich zu Timelines organisieren — wir werden nichts lernen.

Ein simples Beispiel: Zur Sonnenfinsternis hatte ich tatsächlich ein Fake-Bild retweetet, ein dämlicher Impuls. Selbst ein flüchtiger Blick hätte mir sagen müssen, dass es eigentlich nicht so sein konnte, wie das Bild zeigte. Kein Beinbruch: Sofort sagte mir jemand Bescheid, ich entfernte den Retweet und postete stattdessen den Link auf die Erklärung, was es mit dem Bild auf sich hatte.

Doch ich handelte in der Logik der Retweets und Social-Media-Rankings absolut irrational. Ich hätte beide Versionen verbreiten sollen. Guckt mal, so sieht die Sonnenfinsternis im Weltall aus. Und dann hätte ich mich darüber profilieren sollen, dass ich den Fake enttarne.

Wie es zum Beispiel Martin Oswald tat, der das Bild nicht einfach retweetete, sondern ohne Quelle mit seiner eigenen Beschreibung verbreitete. Oswalt weist sich in seiner Twitter-Biographie als Journalist, Community Manager, Dozent für New Media und obendrein als Leiter der Online bei den Schweizer Sendern SRF1 und SRF3 aus.

Wie ich wurde Oswald sofort auf den Fehler aufmerksam gemacht. Und er wurde gebeten das Bild doch zu löschen. Seine Antwort hat mich ehrlich gesagt etwas schockiert.

Selbst als er auf Twitter schließlich zustimmt, dass diese Ausrede falsch sei, gibt er sich nur einsichtig — löscht aber den Tweet nicht. Es ist schließlich schön und populär. Warum sollte sich ein Journalist also drum kümmern sein Publikum richtig zu informieren? Er hätte auf die ganzen Retweets und „Favs“ verzichten müssen, die ihn als Influencer kennzeichnen. Und der Influencer-Status ist im Was-mit-Medien-Geschäft bares Geld wert. Wenn ich kein Influencer bin, interessiert es ja keinen, wenn ich mal die Wahrheit sage.

Ein banales, alltägliches Beispiel. Aber es zeigt sehr schön, wie wir in Mechanismen gefangen sind, die Fakten als unwichtig einstufen. Sie dienen oft nur noch als Inspiration dafür, wie man Leute polarisieren, aufbringen oder begeistern kann. Was auch wieder eine polarisierende Formulierung ist — denn frei nach der Brechtschen Radio-Theorie polarisieren wir uns mittlerweile selbst.

Zurück zu #varoufake: Auch mehrere Tage nach dem Ereignis schwirrt immer nur dieser Finger durch meine Timelines. Obwohl sich alle einig sind, dass der Finger ein Nicht-Thema ist, scheint die Debatte nur noch um ihn zu kreisen. Die griechische Regierung hat die Troika aus dem Land gewiesen. Nun beginnt endlich die schmerzhafte Auseinandersetzung, wie Varoufakis ein Steuersystem schaffen will, das den Abzockern keine freie Hand mehr gibt. Auf Plattformen wie rivva.de habe ich dazu keinerlei Debatte gesehen.

Stattdessen finde ich hier grade eine ganze Reihe von Artikeln, die sich mit dem aktuellen Spiegel-Cover beschäftigen. Und obwohl wir wissen, dass das Diskussionen sind, die nur ablenken, obwohl Günther Jauch mit viel Kopfnicken als Symbol der Überforderung identifiziert wird, werden auch heute abend viele einschalten, um sich polarisieren zu lassen.

Salute to Sam

Automatisch schnellt die Hand von Hauptmann Mumm Sir Samuel Vimes zur unteren Schublade, umschließt den Hals einer Flasche. Ohne sein Großhirn zu bemühen entkorkt Vimes die Flasche, seine Nase kostet den verführerischen Hauch von Jimkin Bearhugger’s Whiskey und in einer fließenden Bewegung wirft sein Arm die Flasche an die Wand. Morgen wird er das Büro nicht betreten können, weil der Geruch des Fusels unerträglich sein wird. Unerträglich zu ertragen und gleichzeitig unerträglich zu widerstehen. Aber Vimes wird sowieso nicht hier sein. Denn er hat einen Termin auf dem Friedhof der Geringen Götter.

Ich weiß nicht mehr genau, wann ich zum ersten Mal zu einem Buch von Terry Pratchett gegriffen habe. Es war „Das Licht der Fantasie“, die deutsche Version. Und als alter H2G2-Fan fühlte ich mich sofort zu Hause. Ich fand jemand, der die alten, überkommenen Fantasy-Schinken auf die Schippe nahm, der sich nicht zu schade war, auch mal offen albern zu sein. Und ein erstaunliches Talent hatte, nicht auf seinen Witzen auszurutschen.

Fasziniert verfolgte ich, wie da ein Polizeireporter aus England sich anschickte eine Welt zu bauen. Sein Fundament war eine Schildkröte, sein Baumaterial waren Stein und Gold und Klischees. Mit seinem analytischen Verstand hat Pratchett ständig versucht die Welt zu verstehen. Und scheiterte an den Menschen. Kurzerhand griff er sich die Klischees und warf sie an die Wand. Und erkannte verzückt, dass sich da ein Gemälde bildete.

Manche Bücher mochte ich mehr, manche mochte ich weniger. Hohe Literatur war sicher keins von ihnen, aber Pratchett schaffte es seinen Figuren eine Menschlichkeit zu geben, die viele vermeintlich ernsthaftere Autoren vermissen lassen. So wie der scheinbar simple Carrot Ironfoundersson in jedem Band unvermutete Tiefen zeigt, bekommen alle Charaktere immer mal wieder neue Seiten. Mit kleinen Ausnahmen. Colon ist immer fett und langsam, der Butler Willikins wird zwischenzeitlich durch einen geläuterten Psychopathen ausgetauscht. Aber insgesamt bewahrte Pratchett eine erstaunliche Konsistenz für diese Welt im Turbo-Durchgang. In einem Band wird die Presse erfunden, im nächsten eine Proto-Version des Internets. Samt seiner Nerds.

So wie Terry Pratchett seine Fantasiewelt erschaffen hatte, hat er auch sein eigenes Leben kontrolliert. Wut war seine innere Triebfeder, aber auch Neugierde, Verständnis und ein gutes Stück Albernheit. Er ließ sich ein Oberservatorium auf sein Grundstück bauen und trug zu PR-Terminen schwarze Kleidung und alberne Hüte. Ridcullyous. Seine Tiefen wollte er uns nicht zeigen. Als sich die Nicht-Scheibenwelt unerträglich aufdrängte, ging er in die Offensive und ließ uns teilhaben an seiner Krankheit.

Was bleibt? Nein, seine Scheibenwelt wird nicht sterben — auch wenn ich wohl keines der Nachfolger-Bücher anfassen werde. Was bleibt, ist es einen Meister des Klischees zu ehren.

„KNOCK KNOCK!“
„Who’s there?“
„DEATH!“
„Death who?“
„DEATH YOU, TERRY!“

Rest in peace. Or don’t. If you like.

Wie ich mich mit De-Mail anfreunden kann

1. Macht es kompatibel.

Ich verstehe: De-Mail kann nicht voll kompatibel zur E-Mail sein. Sonst könnte das System seine Vorteile nicht ausspielen und müsste mit allen Nachteilen der E-Mail leben. Aber es gibt meines Erachtens keinen Grund, warum mein E-Mail-Programm keine De-Mails lesen können soll. Authentifizierungen oder Lesebenachrichtigungen können hier ohne große Probleme nachgerüstet werden. Und wenn mein Desktop-Client De-Mail kann, brauche ich zum Beispiel auch keine Browser-Plugins für PGP.

2. Macht es grenzübergreifend

Ich kommuniziere nicht allzu viel mit Menschen aus den Nachbarländern, aber ab und zu schon. Was spricht dagegen, dass neben De-Mail ein FR-Mail, ein Be-Mail und ein UK-Mail aufmacht, die alle miteinander reden können? Wenn so gar kein anderes Land mit einsteigt, ist die Idee wohl noch schlechter als die Beibehaltung der Sommerzeit. Bei den Chips auf dem E-Perso wurde schließlich auch Kompatibilität vorausgesetzt. Ein durchgehender Open-Source-Ansatz ist hier natürlich Voraussetzung.

3. Seid Dienstleister für den Empfänger

Bisher sehe ich De-Mail nur als Dienstleitung für den zahlenden Kunden: Die Versicherer und Behörden, die Millionen von Briefen versenden müssen in der vagen Hoffnung, dass sie im richtigen Briefkasten landen. Für sie ist De-Mail ein doppelter Gewinn: Sie sparen Kosten und die Schreiben gelten darüberhinaus als rechtssicher zugestellt.

Für mich als Empfänger jedoch bietet De-Mail nichts. Ich bin dafür verantwortlich, mich regelmäßig einzuloggen und nicke alles ab, was ich übersehe. Um mich zu überzeugen: Wie wären ein paar gute Filtermechanismen? Automatische Abmeldeknöpfe in Newslettern und flexible Benachrichtigungsoptionen. Schafft die Zustellungsfiktion ab, wenn ihr ganz genau wisst, dass ich eine Mail nicht gelesen habe. Wer hingegen kommerziell De-Mails versenden will, muss auch Vertragskündigungen über De-Mail annehmen.

4. Verabschiedet Euch von der Insel

Statt einen Dienst zu schaffen, der verschiedenste Systeme verbindet, ist De-Mail als Insel konzipiert. Mein Finanzamt beispielsweise — eine der wenigen Behörden mit denen ich tatsächlich regelmäßig korrespondiere, hat keine De-Mail-Adresse, sondern ein separates sicheres E-Mail-System.

Das liegt nicht nur an der mangelnden Adaption von DeMail und der Inkompatibilität mit allen anderen Systemen — auch dem Finanzbeamten bringt De-Mail nichts. Er muss sich im Zweifel immer noch durch einen Wust von Zahlen wühlen. Stattdessen könnte De-Mail auch neue, maschinenlesbare Formate zum Einsatz bringen. Alle Rechnungen die ich zur Einkommenssteuererklärung einreiche, könnten mit der passenden Kategorienbezeichnung, Steuersätzen und Absetzbarkeitsbestimmungen direkt in meinem Auftrag ans Finanzamt geschickt werden. Eigentlich bräuchte ich gar keine Steuererklärung mehr zu machen — nur in absoluten Ausnahmefällen mal einen Papierbeleg einscannen und hinterher schicken. Stattdessen sammle ich nun Belege im echten und im digitalen Schuhkarton.

5. Nehmt das Verzeichnis ernst

Einer der großen Vorteile von De-Mail ist ein Nutzerverzeichnis, ein Telefonbuch für gültige Adressen. Doch bisher macht ihr nichts damit. Ich kann keine Opt-Ins im Adressbuch hinterlegen, ich kann nicht festlegen, dass ich nicht ohne ausdrückliche Anforderung keine Werbebotschaften will. Ich kann auch nicht meine Schlüssel-IDs hinterlegen, sodass mir tatsächlich jemand gesicherte Botschaften zukommen lassen kann. Was für ein enormes Potenzial liegt hier brach.

Wo sind die Ergebnisse?

Liebe Geheimdienste,

ihr wiederholt gebetsmühlenhaft, dass es vollkommene Sicherheit nicht gibt. Doch wenn man sich ein bisschen den Teppich anhebt, sieht man, dass ihr in den letzten Jahren vollkommene Kontrolle angestrebt habt. SIM-Karten, Viren in der Festplatten-Firmware, Industriespionage, Big-Data-Analysen ganzer Bevölkerungen. An der Politik vorbei und erst recht am Bürger vorbei.

Nundenn. Schwamm drüber. Wir können Euch eh nicht zur Verantwortung ziehen. Seien wir praktisch. Nennen wir es ein Experiment. Die ganzen Überwachungsbefugnisse, die ihr immer wieder fordert und nur zu 90 Prozent bekommt, habt Ihr Euch heimlich zu 99 Prozent gesichert. Wir sehen also heute das Ergebnis, wenn jeder Politiker auf der ganzen Welt immer nur „Ja“ zu euch gesagt hätte.

Und was ist das Ergebnis? ISIS taucht aus dem Nichts auf und setzt die lustigen kleinen Gadgets ein, auf die ihr Eure kleinen lustigen Wanzen installiert habt, und lockt Teenager in den Krieg. Knastbrüder — und zwar exakt die Sorte, die ihr so gerne im Auge habt –  marschieren mit automatischen Waffen durch europäische Städte. Flugzeuge verschwinden und irgendjemand in einem Wohnzimmer in Großbritannien wertet Luftbilder aus, um ein wenig mehr Infos zu bekommen als durch die Propagandakanäle dringt. Und 14jährige in Syrien filmen, was wir sonst nie erfahren würden.

Mal ehrlich: Ist das Experiment gelungen? Seid ihr mit den Ergebnissen wirklich so zufrieden? Meint ihr wirklich, ihr habt mehr vorzuweisen als — verzeiht die Metapher — einen Großflughafen ohne Passagiere und Eröffnungsdatum? War es das, ist es das wirklich wert?