Signal – Meta data matters

Heute macht die neue iPhone-App “Signal” Furore, die verschlüsselte Telefongespräche für iPhone verspricht. Doch leider übersehen viele das Thema Metadaten, das eigentlich ziemlich wichtig ist. Durch Metadaten kann nachvollzogen werden, wer mit wem kommuniziert, es können Profile und Netzwerke gebildet werden.

Hat man einmal die Netzwerke, ist der nächste Schritt zum Ausforschen der Inhalte nicht weit. Metadaten reichen, um Personen auf No-Fly-Listen zu setzen, ihre Telefone anzuzapfen oder auch um ihnen schlechte Musik in Spotify vorzusetzen.

Der Betreiber Open Whisper Systems verkündet vollmundig:

Does your company have access to the data?
Absolutely not. You can read more about TextSecure’s security here.

schüsselhandy

Das ist eine Ungenauigkeit, die meines Erachtens an eine Lüge grenzt. Denn mit “the data” meint die Firma lediglich die Inhalte der Nachrichten. Damit Signal funktioniert, haben die Betreiber aber jede Menge anderer Daten. Sie wissen, wer wann mit wem telefoniert. Sie sagen, dass sie diese Daten sofort löschen — aber das hilft halt nicht, wenn staatliche Stellen vorher Abhöranweisungen geben.

Die Betreiber haben Zugriff auf die Adressbücher aller Kunden. Das ist auch ziemlich viel “the data”. Zwar heißt es in der Wikipedia (quellenlos) dass keine Kontaktdaten auf den Servern gespeichert werden. Aber um zu funktionieren, müssen die Betreiber ständig abgleichen welche Nummer in einem Telefonbuch zu einem Signal-Nutzer oder dem Nutzer eines kompatiblen Nutzers gehört.

Viele Lösungen sind denkbar, jede hätte ihre Vor- und Nachteile. Man könnte zum Beispiel bei jedem Anruf anfragen, ob der Empfänger ein Signal-User sein mag. Vorteil: Auf den Servern muss wenig gespeichert werden. Nachteil: Jeder Anruf würde an die Signal-Betreiber gesendet werden. Open Whisper Systems schweigt sich auf seiner Webseite dazu leider komplett aus — vieles scheint noch im Fluss zu sein.

Wenn ich einem Verschlüsselungsanbieter Vertrauen schenken soll — und das ist notwendig, da ich keine Quellcodes prüfen kann — sollte er mir schon die Wahrheit zumuten. Und die ist: Metadaten fallen auch bei Systemen wie Signal an allen Ecken und Enden an.

Google bzw Apple erfahren genau, wenn jemand eine verschlüsselte Nachricht bekommt, da sie die entsprechenden Push-Nachrichten an den Empfänger senden. Sie haben auch Zugriff auf das Adressbuch der User und wer wann online ist. Die beiden Konzerne könnten also mit ziemlicher Sicherheit sagen, wer wann mit wem über Signal kommuniziert. Falls es sie interessieren würde.

Sind Sender und Empfänger Kunde des gleichen Mobilfunkproviders, könnte der es sogar noch genauer wissen. Er kann loggen: Nummer A kommuniziert mit dem Signal-Server und x Millisekunden später trifft die Nachricht von Google und Apple bei Nummer B ein. Falls es ihn interessieren würde.

Die NSA und ihre Schwesterorganisationen interessiert es tatsächlich. Programme wie XKeyScore sind dafür geschaffen worden solche Infos einfach zu verknüpfen. Datenverkehr von Zielpersonen oder ganzer Länder wird erfasst und zur Auswertung gespeichert. Signal hat gegen eine solche Profilbildung keinen Schutz zu bieten.

Aber das wäre auch viel verlangt. Zwar gibt es Techniken, die sicherer sind — aber realistischerweise lassen die sich nicht in absehbarer Zeit massenweise etablieren. Es ist schon “Open Whisper Systems” positiv anzurechnen, dass sie sich das Prädikat “NSA-sicher” nicht anheften. “Signal” ist ein WhatsApp mit End-zu-End-Verschlüsselung, ein Skype mit OpenSource. Also besser als vieles andere. Doch um mich zu überzeugen, müssten sie schon klar darlegen, welche Daten wo anfallen. So schwer ist das nicht.

Mehr Kästner!

Ich bin leider eben erst bei den Kollegen vom DLF drüber gestolpert: Erich Kästner ist vor 40 Jahren gestorben. Bis heute ist Kästner einer meiner Lieblingsautoren.

Natürlich fing es in Kindertagen an. “Der kleine Mann” war eins meiner ersten Lieblingsbücher, später kamen “das Fliegende Klassenzimmer” und “Emil und die Detektive” hinzu. Ich verstand nicht einmal die Hälfte, was Kästner mit spitzer Feder (oder eher: mit der Schreibmaschine auf der Fensterbank) in seinen Büchern alles unterbrachte. Aber die Geschichten standen für sich und überdauerten die Zeit.

Dass Mädchen Streichhölzer verkaufen und Jungen mit einer Hupe durch die Straßen laufen war für mich als Kind keinesfalls erstaunlich — auch wenn es so gar nicht meiner Lebenswelt entsprach. Zwar war Kästner als Lehrer vor einem Klassenraum gescheitert, doch ein Lehrer ist er geblieben. In einem bedeutend größeren Klassenzimmer, mit seinen Büchern als Tafel. Sein Fach: Menschlichkeit und die Zweifel an derselben.

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Später entdeckte ich das Gesamtwerk von Kästner. Seine Arbeit bei der Weltbühne, seine “Gebrauchslyrik”, die Schilderungen aus seinem Leben. Natürlich ging mir seine Schilderung der Bücherverbrennungen nahe, wo er selbst in Berlin betrachtet, wie unter Hassparolen auch seine Bücher in Flammen aufgingen. Wie er sich wegduckt, als er erkannt wird und sich in ein Leben flüchtet, wo man besser die Klappe hält. Und die Todesnachrichten von Freunden zählt.

Den großen Kriegsroman hat Kästner nicht geschrieben. Aber mit “Fabian” ist ihm schon vorher eine eindrucksvolle Schilderung des Berlins gelungen, das von den Goldenen Zwanzigern in den Terror abgleitet. Fabian, der nur als Beobachter daneben stehen will und dann doch hineingezogen wird in eine verdorbene Welt, in die Heimat flieht und dort sang- und klanglos ertrinkt. Keine Weltliteratur, aber ein für mich sehr eindrucksvoller Blick in die Zeit der Verwirrung, in das Denken von Kästner.

Kästners Texte sind im guten Sinne verkopft. Er wollte verstehen wie die Menschen funktionieren und verpackte diese Erkenntnis in seine Texte. Über das , was er schreibt, hat er lange nachgedacht — auch ein Grund, warum er keine Dialoge schreiben konnte. Alle Charaktere sprechen, als hätten sie ein paar Stunden über den nächsten Satz nachgedacht, an ihm gefeilt und ihn in die rechte Form gezogen. Gleichzeitig lässt uns Kästner an seinem Schmerz teilnehmen, seiner Angst — und an seinen Freuden. Die Verachtung hob er für die Verachtenswertesten auf.

Dies wünsche ich mir auch zuweilen: Einen Schritt zurücktreten, nachdenken und dann die heiteren Seiten des Lebens finden. Mehr Kästner tut uns vielleicht allen ganz gut.

Die Nivea-Nationalmannschaft

Zuvörderst: Die WM hat mir mehr Spaß gemacht als die letzte. Der wichtigste Grund: Ich habe keinen Piep von Xavier Naidoo vernommen. Ich war sogar bei einem public viewing. Das war ganz lustig und unhysterisch. Es hat Spaß gemacht mit einem Dreijährigen das begeisterte Abklatschen zu üben — aber insgesamt interessierte mich das Spiel wie experimentelle Orgelmusik im Dom. Kann man mal machen, aber dann doch eher nicht.

Dass sich meine Twitter-Timeline so über den Gaucho-Tanz der Nationalmannschaft aufregte, überraschte mich ein wenig. Nicht wirklich viel, weil auch in meiner durchgesiebten Twitter-Timeline Shitstorms zum Alltag gehören. Wenn sich die Leute über nichts aufregen können, werden sie nervös. Innerhalb und außerhalb meiner Timeline.

Ich verstehe die Empörung über die Petitesse als Überreaktion — allerdings kommt diese Reaktion nicht unprovoziert. Denn die FIFA hat die Nationalmannschaft medial zur Nivea-Nationalmannschaft gemacht. Alles glatt, alles perlt ab. Alle Spieler sind gut rasiert, nicht homophob und haben Freundinnen, die in der Gala gut aussehen. Und sie werben nicht etwa für Bier, sondern nur für Bitburger Alkoholfrei. Im Supermarkt um die Ecke bekommt das doch einige Regalmeter weniger als Bitburger mit Alkohol. Die Fans wissen schon, wofür eigentlich geworben wird.

Der alkoholfreie Fußball

Doch der klinisch reine Fußball ist eine Illusion, Marketing, Kommerz. Jeder Bahnfahrer weiß das, wenn er am Wochenende unterwegs ist und die Fußballfraktion mit einem Biervorrat einsteigt, der sie ins Koma stürzen könnte. Und es am Ende des Tages oft genug tut. Da werden leider nicht nur lustige Songs zum Besten gegeben und die Toilette in einen Saustall verwandelt. Alkohol macht viele Menschen aggressiv.

Aus meinem Bekanntenkreis bekam ich immer wieder irritierende Nachrichten. Die Fußball-Fans, die Fähnchen an ihren Autos hatten, fühlten sich von nicht mitfeiernden Menschen angemacht. Und machten sie dann an. Aggressiv. Mir wurden auf dem Fahrrad auch Sachen nachgerufen, nachdem ich in einen “Deutschland!-Gesang nicht spontan einstimmte, aber ich hatte meine Kopfhörer auf und kann nicht wirklich wiedergeben, was die sichtlich schwankenden Fans denn mitteilen wollten. Sollten sie doch feiern, ich würde sie gewiss nicht hindern.

Ich nehme an, der Gaucho-Tanz hat viele eben an dieses Missverhältnis des medial präsentierten und des real erlebten Fußballs erinnert. Denn nach einer ausführlichen Serie von Enthüllungen über die unglaubliche Korruption, der Begünstigung, der kommerziellen Selbstverliebtheit bei der FIFA — das heißt: sie wäre unglaublich, wenn die FIFA eine andere Organisation wäre und nicht schon ewig so funktionieren würde — scheint nun alles vergeben und vergessen. WM in Katar? Nur zu. Brasilien war ja auch ein Erfolg. Für unsere Jungs. Und damit für Brasilien und alle anderen.

Hypertropher Anspruch und Realität

Dass ich ausgerechnet an Frank Lübberdings FAZ-Text der Unmut gegen die Gutmenschen erregt fand ich etwas verwunderlich. Wie kommen die 400000 taumelnden Fans in Berlin ausgerechnet zur FAZ? Und was erregt sie dort?

Der hypertrophe Anspruch auf Sinnstiftung, der seit Sonntag die Berichterstattung in den Medien prägt, geriet dabei unter die Räder. Oder will jemand das deutsche Wir-Gefühl in einem Video namens „So gehen Deutsche“ verkörpert sehen?

Das schrieb Luebberding. Nichts von Nazis, nichts von überschäumendem, alkohisiertem und berauschendem Nationalismus, sondern eben das: Die Nivea-Nationalmannschaft ist eine Illusion. Dass Lübberding meinte, der Auftritt habe “alle Grenzen” überschritten, mag der Eiligkeit des Textes geschuldet sein. Er überschritt eben nur die ungeschriebenen Richtlinien der Werbeikonen. Mal ehrlich: Wer sich ausgerechnet über den Text mokiert, der hat etwas gesucht, worüber er sich erregen kann. Wie auch sicher manche Fußball-Kritiker.

Das “Wir-Gefühl” braucht vielfach immer noch ein “Die”-Gefühl. “Wir” sind besser als “die”. Und “die” sind einfach furchtbar doof, nicht männlich/weiblich genug und können nicht mal im Looping spucken. Das ist bei Volksparteien, Kleingartenvereinen und sogar bei Ingress so. Problem ist: “Die” hören den “Wir” nun ständig zu, denn “die” haben auch Fernsehen, Radio, Internet. “Wir sind toll. Und ihr seid auch toll” ist halt kein populärer Kampfruf. 

Sich über Argentinier lustig zu machen, macht nicht wirklich Spaß. Sie sind hierzulande nicht laut genug, dass man sich von ihnen absetzen könnte. Stattdessen sind nun die Leute, die #gauchogate als Skandal sehen plötzlich die willkommenen Buhmänner. Weil sich ja sonst niemand findet, der “unsere Jungs” nicht mag. Gegen Nivea kann sich der Zorn ja nicht richten. Denn irgendwer hat die Party ja bezahlt.

Ingress für iPhone-Nutzer

Lieber iPhone-Nutzer,

Bald Jetzt ist es soweit: Ingress ist auch für iOS verfügbar. Das bedeutet Dir wahrscheinlich nichts und ich weiß spontan auch nicht, wie ich es Dir erklären soll. Ingress ist so überhaupt nicht wie Angry Birds. Es ist nicht wie Fruit Ninja. Versuchen wir es so: Es ist wie Foursquare. Mit einer Weltverschwörung. Und Burstern. Kawumm.

Vielleicht hast Du uns schon in der Stadt gesehen: Wir sind die Leute, die auf ihre Smartphones starren, wenn sie vor einer Kirche, einem Graffiti oder einer Bahnstation stehen. Ach nein: Das machen alle. Wir sind die, die zu zehnt mit Bier und Smartphones durch die Südstadt ziehen. Okay, das sind auch nicht wenige. Also glaub mir einfach: Es gibt uns.

Genug der Vorrede: Ingress ist ein Augmented Reality Game. Das heißt: Statt nur zu Hause oder unterwegs für dich selbst zu spielen, musst Du für Ingress zu Orten hingehen, um an dem Spiel teilzunehmen. Du hast vielleicht schon von Geocaching gehört. Ein bisschen wie das. Nur nicht so langweilig.

In Köln zum Beispiel sind derzeit zirka 2500 Portale zu finden. So gut wie jede Straßenbahn-Haltestelle ist ein Portal, jede Kirche und fast jedes Denkmal sind Portale. Bei Ingress gehen wir zu diesen Portalen hin, hacken sie um neue ‘Items’ zu bekommen, erobern sie und verbinden sie untereinander um die Welt mit blauen und grünen Feldern zu überziehen. Und wer die meisten und größten Felder hat, gewinnt. Bis die Felder abgerissen werden. Oder nach drei Tagen ihre Energie verloren haben.

Frösche und Schlümpfe

Es gibt weltweit genau zwei Teams. Die grüne Mannschaft ist auch bekannt als “Enlightened” oder “Frösche”. Und es gibt die blaue Mannschaft, die auch als “Resistance” oder “Schlümpfe” bekannt ist. Es gab Diskussionen, ob iPhone-User ein drittes Team stellen sollten — aber Ingress hat dann wohl doch beschlossen Euch bei den etablierten Teams mitspielen zu lassen. Ihr hättet sonst keine Chance.

Das ist nicht bloße Herablassung, denn der Einstieg für Anfänger ist schwer. Alle Spieler teilen sich ein Spielfeld — und es gibt unterschiedliche Level. Level 8-Spieler können mit einem Burster ein halbes Dutzend Portale gleichzeitig angreifen. Level 1-Spielern hingegen bleibt wenig anderes übrig als von Portal zu Portal zu wandern und aufzulesen, was bei den großen Spielern übrig blieb. Aber keine Bange: Die Ingress-Betreiber von Niantic haben für Euch eine Art Schonzeit eingerichtet. Portale verfallen derzeit in nur drei Tagen. Dass heißt: Du wirst in Deiner Umgebung wahrscheinlich genug Portale finden, die nicht besetzt sind, die Du erobern kannst. Und wenn Du mal wirklich anfängst zu spielen, bist Dur schnell auf Level 4.

Es gibt verschiedenste Spieler-Typen. Es gibt durchaus einige Leute, die man als hauptberufliche Ingress-Spieler bezeichnen kann und gegen die man keine Chance hat, wenn sie grade in der Gegend sind. Es gibt viele Schönwetter- und Gelegenheitsspieler. Es gibt Planer und Koordinierer, Programmierer. Es gibt Leute, die am Tag 100 Kilometer von Portal zu Portal radeln und es gibt solche, die Ingress spielen, wenn sie ihren Nachwuchs zum Kindergarten bringen. Spieler, die versessen auf die Regionen-Ranglisten gucken und andere, die mit ihren Freunden um die Häuser ziehen und Rangliste Rangliste sein lassen. Das alles gleicht sich halbwegs aus, da ja Tausende Spieler verschiedenster Art in den beiden Teams zusammen kommen. Aber wichtig ist: Ingress ist ein Teamsport.

There is no ‘I’ in ‘Ingress’

Du kannst zwar alleine in den ersten Level für Dich hinwursteln. Aber um richtig effektiv zu spielen, musst Du Dich mit anderen Spielern absprechen. In fast jeder Stadt gibt es entsprechende Gruppen. Ingress-Spieler lesen die Intel-Map wie auf den Wetterbericht und behalten so immer im Auge wie es in der Nachbarschaft aussieht. Und wie im Fußballverein geht es im Teamgespräch natürlich nicht immer nur um das Spiel.

Dabei gilt aber trotzdem: du kannst, musst aber nicht. Wer will kann Ingress auch einfach nur nutzen neue Ecken in seiner Stadt kennenzulernen, mehr Zeit im Freien zu verbringen oder als Eine-Mann-Verschwörung (oder natürlich: Eine-Frau-Verschwörung) riesige Felder zu bauen. Und ganz zufällig begegnest Du dann auch anderen Spielern. Du erkennst sie an den Akku-Packs.

Ingress ist nicht besonders fair — Du musst immer wieder mit Widrigkeiten außerhalb seiner Kontrolle kämpfen. Ein Update vernichtet Deine Strategie, ein Nachbar erreicht von seinem Wohnzimmer drei Portale und Du nicht mal eins. Davon darf man sich aber nicht stoppen lassen. Die “Enlightened” haben zum Beispiel den Nachteil, dass der Teamname gerade im Deutschen etwas dämlich klingt — und deshalb sind sie eher in der Minderzahl. Wenn Du Herausforderungen suchst, bist Du deshalb eher ein Kandidat für grün. Hätte ich von Anfang an blau gespielt, wäre ich wohl nicht mehr dabei.

Was bleibt zu sagen? Guck es Dir mal an. Wenn Du zum Ingress-Menschenschlag gehörst, wirst Du es bald merken. Und falls Du am Anfang nicht weiterkommst — Tausende Spieler sind bereit Dir weiterzuhelfen, wenn Du Dich auf das Spiel einlässt.

Missverständisse zur Netzneutralität

Ich habe in den letzten Jahren und besonders in letzter Zeit einige Diskussionen zur Netzneutralität verfolgt und bin etwas müde, dass immer noch um den heißen Brei herumgeredet wird, dass immer noch von Klischees statt von echten Problemstellungen gesprochen wird.

So bekam ich mehrmals die Empörung von manchen Provider-Vertretern zu hören, dass das EU-Parlament für Sonderdienste separate Strukturen voraussetzt. Wie soll das denn gehen, fragen die Interessenvertreter. Das ist doch enorme Ressourcenverschwendung! Doch würden sie sich mal in den eigenen Maschinenräumen umhören, würden sie erfahren, dass genau dies das derzeitige Geschäftsmodell vieler Endkundenprovider ist:Ein Teil des Datenstroms auf der letzten Meile wird exklusiv für bestimmte Dienste wie Fernsehen oder eine Telefonverbindung reserviert. Wer hier überrascht tut, hat an einer Debatte nicht wirklich viel Interesse.

Richtig ist: Die geplante EU-Regulierung beschränkt Provider in ihren neuen Geschäftsmodellen enorm. Richtig ist aber auch: Bis heute legen sie diese Geschäftsmodelle nicht auf den Tisch, die eine solche Regulierung verhindern würde. Telemedizin ist es nicht.

Es geht nicht um Quality of Service und Deep packet inspection

Sowohl Gegner als auch Befürworter der Netzneutralität verbreiten eine Legende offensiv: Wenn die Netzneutralität abgeschafft ist, schalten die Provider die (ganz, ganz schlimme) Deep Packet Inspection an, beziehungsweise schaffen sie (ganz unverzichtbare und super-verlässliche) Diensteklassen.

Das ist zwar technisch möglich, aber nicht wirklich Gegenstand der Debatte. Nun — fast nicht. Zum einen: Die jetzigen Modelle wie der Comcast-Netflix-Deal oder die nicht angerechnete Spotify-Flatrate für Telekom-Kunden kommen hervorragend ohne Deep-Packet-Inspection aus. Statt in jedes Datenpaket reinzugucken, werden einfach alle Pakate aus einer bestimmten Quelle zu einer gesonderten Provider-Infrastruktur im Backbone geleitet. Sind die Daten einmal da, müssen sie nicht groß bevorzugt werden.

Zum anderen: Der lukrativste Content zur Zeit — Video On Demand — ist nicht besonders qualitätsfixiert. Dem Videoplayer ist es egal, ob ein paar Datenpakete 500 Millisekunden später ankommen. Voice-over-IP oder Onlinegaming hätten da ihre Probleme, aber nicht-lineare Videos eher nicht. Die Computer, Tablets und Smartphones packen alle Daten in einen Zwischenspeicher und spielen die Daten ab, die schon eingetroffen sind. Hauptsache ist, dass es viele Daten sind und dass die Anlieferung einigermaßen regelmäßig ist.

It’s the economy, stupid.

Als ich vor mehr als fünf Jahren noch von den ersten Next-Generation-Network-Plänen berichtete, waren die Provider noch der Auffassung, dass sie Diensteklassen tatsächlich universell umsetzen könnten. Das hieße: Was im Netz der Telekom mit hoher Priorität abgesendet wird, käme auch bei Comcast oder einem bulgarischen Regionalprovider mit hoher Priorität an. IPv6 hat diese Option schließlich eingebaut.

Problem dabei: Die Provider schaffen es nicht. Das Netz der Netze ist technisch erstaunlich stabil, aber der betriebswirtschaftliche Hintergrund ist es nicht. Alle Provider hängen zusammen und sie müssen sich irgendwie einig werden, wer wen für welche Daten bezahlt.

Das ist nicht immer einfach und oft historisch bedingt. Während Kabelbetreiber hierzulande von TV-Sendern für den Transport kassierten, war es in den USA genau umgekehrt: Kabelbetreiber zahlten Sender für den mehr oder weniger wertvollen Content. Das Internet basiert auf Peering-Agreements, die — wollte man sie heute komplett neu verhandeln — niemals zustande kämen, weil sich die größten Provider niemals einig würden wer wen und dann noch wie viel bezahlen muss. Der Status Quo, das “best effort net”, bleibt deshalb ohne übergreifende Diensteklassen. Statt dessen will jeder Massen-Provider seine Dienste separat vermarkten.

Das Netz ist nicht neutral, so what?

Ein Argument, das nun mit vermeintlicher Empörung vorgebracht wird: Das Internet ist nicht neutral. YouTube ist nur weltweit so gut verfügbar, weil Google Milliarden in die Infrastruktur gesteckt hat. Andere zahlen teure Content Delivery Netzwerke, damit ihre Inhalte nicht als Daumenkino beim Kunden ankommen. Das Netz ist halt nur so neutral wie der Journalismus objektiv, wie Zynismus wirklich ist: Nämlich in bestimmten Grenzen.

Und diese Grenzen verschieben sich nun. Nicht etwa, weil Telekom und Co plötzlich ganz gierig geworden sind. Es ist ein elementarer und eigentlich kaum vermeidbarer Branchenwandel eingetreten. Der reine DSL-Provider wird abgeschafft und durch vertikale Datentransportkonzerne ersetzt. Sprich: All die Transportwege von Daten: Fernsehen, Mobil, DSL, Kabel, Satellit, etc werden zusammengefasst. Und es ist ja auch nur folgerichtig: Warum soll ich für jede Daten-Geschmacksrichtung einen separaten Vertrag abschließen?

Das Problem dabei ist, dass in den bisher getrennten Branchen unterschiedliche Abrechnungsmodelle existieren. Warum soll der Kabelbetreiber nicht ein Paket zusammenschnüren wie er es schon bisher macht? Das Frauen-Serien-Paket in HD für 12 Euro 95 im Monat. Das Männer-Sport-Porno-Action Paket für 14 Euro 95. Nach sechs Monaten das Doppelte. Warum soll das nicht beim Internet erlaubt sein, wo es doch über genau die gleichen Leitungen ins Haus kommt?

Auf der anderen Seite haben die Content-Konzerne sich auch “vertikal” aufgestellt. Google hat so viele Netze, Netflix hat so viel Traffic, dass es sich für diese Unternehmen lohnt die Mittelsmänner zu umgehen. Facebook kann sogar für den Aufbau von Netzinfrastruktur in der dritten Welt zahlen in der Hoffnung, dass sich dies in börsenrelevanter Geschwindigkeit in Werbeerlösen auszahlt.

Wer bezahlt wen?

Käme es wirklich zum Äußersten und die Provider würden in offene Marktverhandlungen mit den oft geschmähten US-Konzernen treten, sie würden wohl draufzahlen. Statt Geld in die europäische Infrastruktur und die Dividendenkassen zu leiten, könnten Google, Facebook, Apple und Amazon eine Silicon-Valley-Steuer verlangen. Was sie aus nachvollziehbaren Gründen nicht wollen.

Die vielen, vielen anderen Provider und Content-Anbieter hingegen haben diese Möglichkeiten nicht. Hier kann die Debatte ansetzen: Ist der jetzige Zustand wirklich so innovationsfördernd? Welche Geschäftsmodelle wollen die Provider nun wirklich anbieten? Schaffen sie es, die Peering-Agreements von gestern tatsächlich zu verbessern, so dass der Netzausbau lohnt statt einfach nur abzukassieren?

Plädoyer für unlikebaren Journalismus

Karsten Lohmeyer schreibt:

Wo jede einzelne Seite zur Titelseite wird. Der Anspruch eines modernen (Digital-)Journalisten sollte sein, den Leser zu begeistern und ihm ein Like oder einen Tweet zu entlocken – aber mit hochwertigen journalistischen Inhalten und nicht nur mit lustigen Katzen-Gifs und Viral-Headlines im heftigen Clickbaiting-Stil.

Nein. Der Anspruch eines modernen und eines unmodernen Journalisten sollte sein, seine Leser zu informieren. Sicherlich sind Auflage und Likes sehr hilfreich die Leser zu Informationen zu lotsen. Doch klappt das eben nur bei einem Bruchteil von Informationen. Wer eine Zeitung aufschlägt, bekommt jede Menge Informationen, die eben nicht aufsehenerregend oder besonders likebar sind, aber sie sind dennoch in ihrer Gesamtheit wichtig und bemerkenswert.

Wenn man sich auf Likes fixiert, ist man versucht eben den langweiligen Kram wegzulassen. Ein Beispiel: Vor einiger Zeit las ich in der Lokalzeitung einen Kommentar, dass die Stadtverwaltung höchst alberne Vorschriften aufstellt und das Balancieren auf Seilen verbietet, die zwischen zwei Bäumen gespannt sind. Für viele sind Botschaften wie “die ausgeflippten Bürokraten da oben sind Spaßbremsen” sehr like-bar.

Der Kommentar war aber Blödsinn: Tatsächlich hatten die Seile am Grüngürtel beträchtliche Schäden an Bäumen ausgelöst und die Stadtverwaltung hatte sich sogar um Ersatz gekümmert und eigens Pfosten aufstellen lassen, die dem Balancier-Sport entgegenkommen, einige Bäume bekamen auch einen Schutz verpasst. Die Bürokraten waren also weder ausgeflippt noch waren sie Spaßverderber. Doch die Meldung, was sie tatsächlich getan haben, war schlichtweg eine, die keinerlei Begeisterung auslöst, die eben im Allgemeinen nicht geliket wird.

Wenn man das weiterdenkt, kann man die Journalisten aus so langweiligen Gremien wie dem Stadtrat ganz abziehen. Das bringt ja keine Klicks und Likes. Wenn dann eine Mannschaft anrückt um einen Park abzuholzen und kein Anwohner Bescheid wusste, kann man ja schließlich viel einfacher “Skandal” schreien. Und bekommt Likes en masse. 

Dem Volk aufs Maul geschaut

Boulevardzeitungen rühmen sich ja gerne, dass sie die Stimme des Volkes sprechen. Nur lauter. Und wie beim Volk im Biergarten kommt die laute Stimme auch oft mit einer Alkoholfahne.

Im Kölner Kommunalwahlkampf wurde unter anderem von den Piraten eine ÖPNV-Flatrate für alle vorgeschlagen. Der Express machte daraus vergangene Woche diese Schlagzeile über den “irren Nahverkehrsplan”.

Express irre

Offenbar kam der Vorschlag so gut an, dass sich der Biergarten die Redaktion flugs umentschied. Wenige Tage später war es kein irrer Plan mehr, sondern ein EXPRESS-Vorschlag.

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Was ein Pech, dass man den Express am Sonntag nicht wählen konnte. Obwohl: Am Samstag verschenkte der Verlag die Zeitung bei mir im Supermarkt. Ich sah nicht viele, die zugriffen.

Bullshit, Teil 1

Ich habe in der vergangenen Woche auf der re:publica einen Vortrag zum Thema Bullshit als künftiges Geschäftsmodell des Journalismus gehalten. Ich will hier nochmal meine Thesen etwas genauer aufarbeiten.

Bullshit ist bei weitem kein neues Geschäftsmodell. Wir müssen nur auf das Zeitschriftenregal neben der Supermarktkasse gucken, wo dutzendfach die Ausgaben der Regenbogenpresse aufgestapelt sind. Krebs-Drama bei Promi X, Babygerüchte bei Promi Y, Trennungsgerüchte bei eigentlich jedem. Alle diese Meldungen haben gemein: Sie haben nichts mit der Lebenswelt der Leser zu tun und es ist eigentlich egal ob sie wahr sind oder nicht. Sie sind schreiend laut und oft irreführend. Promi X ist gar nicht krebskrank, sondern nur sein Schwager. Der Babybauch ist zwei Jahre alt. Und steht auf der Titelseite eines solchen Magazins eine Frage, kann man sie getrost mit “Nein” beantworten — oder mit “Wissen wir auch nicht”. Diese Blätter sind die Clickbaiter der Print-Branche.

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Auch bei seriöseren Tageszeitungen kommt das Bunte nicht zu kurz. Auf der Titelseite verkünden diese zwar Steuerschätzungen und Ukraine-Krise. Doch jede Zeitung hat einen Teil der “Panorama” oder “Aus aller Welt” heißt, wo die bunten Meldungen stehen: Der Leguan im Baggersee, der Schluckauf der Queen, ein nackter Dieter Bohlen. Und da die Zeitungsleute 200 Jahre Erfahrung haben, muss man nicht aufwändig blättern, um diese Seite zu finden. Man dreht einfach die Zeitung um — und da steht das, worüber man sich in der Kaffeepause unterhalten kann. “Hast Du schon gehört?”

Unterhaltsames schlichtweg “Bullshit” zu nennen wäre übertrieben. Die Welt ist kurios, wir sind an kuriosen Dingen interessiert. Warum also die Nase rümpfen? Der Grund: Das Internet. Wie wir die Folgen der Klimaerwärmung anerkennen müssen, müssen wir auch sehen, dass das Verlagsgeschäft, der Markt der Nachrichten verändert hat. Es gibt viele Veränderungen zum Besseren und viele Veränderungen zum Schlechteren. Und viele Entwicklungen, bei denen wir die Bilanz noch nicht kennen. Eine davon ist die Fragmentarisierung. Sie ist Lebensgrundlage für die Bullshitter, deren Existenz ich als Journalist beklage.

Warum nicht einfach bullshitten?

Früher waren Zeitungen und Zeitschriften auf vielfache Weise darin begrenzt, hemmungslos irreführende und emotionalisierende Texte zu verbreiten. Wer zum Beispiel das lukrative Geschäft mit den Staatsanzeigen machen wollte, musste staatstragene Nachrichten verbreiten. Wer Promi-Kitsch verbreitet, braucht eine große Rechtsabteilung, da sich die Prominenten eben nicht mehr alles bieten lassen. Der werbetreibende Möbelhändler möchte nicht mit einem Revolverblatt verbunden werden. Und nicht zu vergessen: Der Leser möchte nicht veräppelt werden.

Eine Seite wie heftig.co hat alle diese Probleme nicht. Der Online-Werbemarkt in seiner derzeitigen Funktion kennt keine Qualitätskriterien. Klicks, Verweildauer, Aufmerksamkeit. Warum soll man über teure deutsche Prominente schreiben, wenn es da draußen sechs Milliarden Menschen gibt, die niemals in Deutschland klagen könnten? Warum soll man nicht hemmungslos unseriös werden, wenn kein Werbetreibender jemals zu Gesicht bekommt, wo er da sein Geld ausgibt. Und: Die Texter müssen nicht mehr raten, was der Leser will. Jede manipulative Überschrift kommt mit einer sofortigen Erfolgskontrolle über Klicks und Likes. Und wenn der Domainname schließlich verbraucht und verrufen ist, macht man einen neuen auf.

Lektion Bullshit

Es ist wahr, dass seriöser Journalismus neben der Regenbogenpresse bestehen kann. Doch wie viel davon? Ich habe eine Journalistenschule besucht — mehr als die Hälfte meiner Kommilitonen macht keinen Journalismus mehr, sie sind in die PR gegangen, schreiben für Firmen und Organisationen und nicht für den Leser. Die publizistischen Firmen schauen derweil sehr genau auf die Erfolge von Buzzfeed und Co. Und versuchen die Rezepte nachzuahmen. Jedes Onlinemedium hat heute Liveticker, fast jedes hat “Listicles”, also Artikel, die nur noch aus Aufzählungen bestehen. Journalisten publizieren bevor sie prüfen könnten.

Aktuell lässt sich das zum Beispiel beim Nachrichtensender CNN sehen. Der Anbieter leidet seit Jahren unter einer chronischen Quotenschwäche — was garantiert nicht an übersteigertem Qualitätsbewusstsein lag. Doch mit der Suche nach dem verschwundenen Flugzeug der Malaysian Airlines hatte der Sender einen hemmungslosen Tiefpunkt zelebriert.

Dave Pell fasst die tatsächliche Nachrichtenlage so zusammen:

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Trotzdem füllte CNN sein Programm Stunde um Stunde mit neuen Nicht-News. So wird die Erkenntnis, dass ein Flugzeug nicht unbegrenzt ohne Treibstoff fliegen kann zur aufregenden Neuigkeit stilisiert, Experten werden allen Ernstes befragt, ob ein schwarzes Loch das Flugzeug und seine Passagiere verschlungen habe. Der betreffende Moderator schämt sich noch ein bisschen, aber die Quoten werden ihm das schon austreiben. Denn die gingen durch die Decke.

Im nächsten Beitrag widme ich mich der Frage: Was ist Bullshit eigentlich?

Kurz-FAQ zu #Heartbleed

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Keine Zeit für Fragen, tut es jetzt.

Netz- gegen Kinder-Lobby?

Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung macht heute mit dem Thema Jugendmedienschutz-Staatsvertrag auf. (Der Artikel ist inzwischen online.) Ich bin überrascht, denn das Thema ist trocken, komplex und interessiert eigentlich niemanden so recht. Kinderschutz ist sicher interessant, aber wer will dafür Paragraphen wälzen? Doch mit den Thesen der Autorin Florentine Fritzen wird es etwas interessanter.

2010 war eine Novelle des Staatsvertrags zum Jugendmedienschutzgesetz gescheitert, nachdem sich Blogger und Netzaktivisten vehement dagegen ausgesprochen hatten. Insbesondere wehrten sie sich gegen den Plan, freiwillige Alterskennzeichnungen für Internetseiten einzuführen: Das sei Zensur.

Die zuständige Rundfunkkommission der Länder macht jetzt, schon zum zweiten Mal, einen zag haften Versuch, den Staatsvertrag zu überarbeiten. Betonung auf zag haft, vor einer echten Reform schrecken die Verantwortlichen zurück. Das liegt an der Macht der Internetkonzerne und der „Netzgemeinde“ – eine unheilvolle Allianz.

Die unsichtbare Allianz

Die Macht dieser unheilvollen Allianz sabotiert den Kinderschutz? Das klingt nach einem spannenden Drehbuch, ist aber doch meilenweit von unserer bundesdeutschen Realität entfernt.

Der Jugendmedienschutz-Staatsvertrag ist 2010 nicht an einer ominösen Netz-Lobby gescheitert. Die ach so mächtigen Konzerne Facebook und Google ließen damals so gut wie nichts von sich hören. Interessiert war eine kleine und immer mehr irrelevante Industrie von “Erotik-Anbietern”, die sich in den üblichen Anhörungen zu Wort meldete und mit dem Vorschlag schließlich halbwegs gut leben konnte. Diese Erotikanbieter hätten gerne eine unwirksame Alterskennzeichnung über ihre Seiten gesetzt, um die umsatztötende Ausweiskontrolle abzuschalten zu können.

Die “Netzgemeinde” hingegen hat tatsächlich alle Hebel in Bewegung gesetzt, die sie erreichen konnte. Und das reichte nicht. Wie sollte es auch? Es waren ein paar wenige Engagierte, deren Antrieb im Wesentlichen war, dass sie glaubten es besser wissen. So wie sie es auch besser wussten, als Kinderschutzverbände Netzsperren gegen Kinderpornografie forderten. Hier hatten die Netzlobbyisten tatsächlich gewonnen — und wie sich herausstellt, war das gut so. Denn ihre Position diente dem Kindeswohl — wie sich jetzt auch bestätigt hat — während die Pläne der Kinderschutz-Lobbyisten den Schutz geschwächt hätten, weil sie empört irgendetwas tun wollten.

Einen Staatsvertrag abzuschließen ist ein hochkomplexes Thema. Landesregierungen haben Fachabteilungen, die sich treffen müssen, die sondieren, und dann mit Parteifachpolitikern Rücksprache halten, mit dem einen oder anderen Industrievertreter und den Stakeholdern. Dann mischt man das alles zusammen und lässt es von den Landesparlamenten abwinken. Wenn die Landesparlamente richtig mitbestimmen wollen, gibt es eben keinen Staatsvertrag — wir haben das zum Beispiel bei den Glücksspielen gesehen. Ein Staatsvertrag klappt eben nur, wenn er nicht politisiert wird. Und dazu gehört mehr als der “Aufschrei”.

Keine Stimmen, keine Kekse

Die “Netzaktivisten” konnte den Landespolitikern nicht damit drohen, dass sie Stimmen verlieren würden, sie konnten auch keine Arbeitsplatzverluste androhen — denn die waren schon vor Jahren verschwunden und die Aktivisten keine Arbeitgeber. Der Netzprotest war meiner Meinung nach nur ein willkommener Vorwand, ein Projekt gegen die Wand fahren zu lassen, an dessen Sinn eh niemand wirklich glaubte. Eine bundesrepublikanische Pflichtübung im Schulterschluss wurde nach einer verlorenen Wahl und einer Minderheitsregierung in Nordrhein-Westfalen mit einem Tritt ans Schienbein beendet.

Warum auch nicht? Denn wer sich erhoffte, den Kinderschutz zu verbessern, musste die Augen ziemlich fest verschlossen haben. Denn erinnern wir uns: Bis dahin gab es nicht ein einziges Jugendschutzprogramm, dass die Kommission für Jugendmedienschutz zertifiziert hatte. Die Sendezeitbeschränkung, die auch Florentine Fritzen als “Unsinn” bezeichnet, war hingegen Realität. Auf der Pro-Seite: Man macht irgendetwas, weil man es eben so macht. Contra-Seite: Eine politische Ohrfeige für den Gegner. Die Entscheidung in NRW fiel leicht.

Gegen nackte Brathähnchen!

Wichtiger noch: Der Jugendmedienschutz-Staatsvertrag scheiterte damals und scheitert in Zukunft daran, dass man das Internet nicht sinnvoll auf Basis eines überkommenen föderalen Konstrukts regulieren kann. SchülerVZ ist Vergangenheit und Wer-kennt-wen schließt bald die Pforten. Für wen sollen die Gesetze noch gelten, die die Bundesländer nun über soziale Netzwerke beschließen? Was erreichen wir, wenn wir dem Forum von Chefkoch.de Vorschriften machen? Soll Thilo Weichert nach seiner Zeit als Datenschutzbeauftragter Facebook in Zukunft als Kinderschutzbeauftragter verklagen? Und dann verlieren?

Wenn ein Staatsvertrag durchgewunken wird — wie er auch immer aussehen mag — dann haben wir ein Gesetz, dass von 16 verschiedenen Behörden durchgesetzt werden soll. Die jeweils nur auf ihrem kleinen Flickenteppich entscheiden müssen, was nun den schwammigen Regeln entspricht und was nicht. Beim Jugendmedienschutz ist es nochmal komplexer — ein zur Selbstblockade neigendes System aus Bundesgesetzen, Landesmedienanstalten, Selbstregulierern, Amtsrichtern und sonstigen Stellen produziert irgendetwas, dessen Erfolg niemals überprüft wird.

Filterklasse durch Filtermasse?

An dieser Stelle setzt Fritzen an, um ihre Forderung zu formulieren:

Jugendschützer hielten für sinnvoll, wenn jeder Nutzer beim Installieren eines Computers gefragt würde, ob er ein solches Programm laden möchte. Dann würden Eltern automatisch auf dessen Existenz aufmerksam gemacht – und müssten sich, wenn sie es nicht nutzen wollen, bewusst dagegen entscheiden. [...]

Wären solche Programme weiter verbreitet, könnten sich die Gewichte zwischen Anbietern und Nutzern verschieben. Aber nur dann, wenn man gleichzeitig die Anbieter zwänge, ihre Inhalte zu kennzeichnen (zum Beispiel „ab 12“) – und selbst zu kontrollieren ob jemand etwas auf der Seite hinterlässt, das der eigenen Einstufung widerspricht.

Das klingt sinnvoll, hat aber einen Haken. Facebook und Google haben diese Kennzeichnung in ihren Diensten längst drin. Natürlich nicht in Form eines bundesdeutsch zertifizierten Digital-Siegels, sondern einfach in ihren Nutzungsbedingungen. Wer keine 12 Jahre alt ist, darf eigentlich nicht rein. Und zum Jugendschutz wird dann prophylaktisch jede Brustwarze gelöscht. Das ist nicht der Jugendschutzstandard von Sachsen-Anhalt? Bitte stellen Sie sich hinten an, die Türkei hatte einen Termin vor Ihnen gemacht.

Wer sich nicht die Arbeit mit dem Jugendschutzsiegel machen wird: Der Inhaber dieses Blogs. Ich wäre schön blöd, wenn ich mich auf eine Alterstufe festlege und mir dann ein Leserkommentar durchrutscht, der dem nicht entspricht. Ich kann ohne Leser unter 12, 14 oder 18 leben. Ob die jedoch mit einem Internet zufrieden sind, wo sie nur Inhalte von Anbietern sehen können, die sie heute schon per De-Mail erreichen können? Ich glaube ja nicht.