Die Radfahrer und die LKWs

Derzeit gibt es immer wieder Meldungen über LKW-Abbiegeassistenten. Und leider immer neue Meldungen von Radfahrern, die von LKWs getötet wurden. Wann immer ich solche Meldungen auf Facebook oder anderen sozialen Medien sehe, bemerke ich viele Kommentare, dieser Art. „Kein Wunder! Die Radfahrer fahren auch ständig bei Rot! Die können doch einfach warten!“ Besonders gehässige Zeitgenossen kommentieren die Todesnachrichten sogar mit Smileys.

Augenscheinlich meinen viele Leute, dass die getöteten Radfahrer den LKWs den Weg abschneiden und sich leichtsinnig in Gefahr bringen. Dass die Opfer zumindest zu einem guten Teil mit Schuld sind. Dass mit etwas defensiver Fahrweise und kluger Rücksicht alle diese Unfälle vermeidbar seien. Leute, die so kommentieren, verkennen das Problem extrem. Das Gegenteil ist der Fall: Radler, die bei Rot fahren, die sich mitten auf die Straße stellen, sind vor solchen Unfällen ziemlich geschützt. Die regelgerechten und wartenden Radler jedoch nicht. Ich versuche es hier mal zu erklären.

Wie also passieren diese tödlichen Unfälle? (Vorsicht: Diese Schilderung wird etwas drastisch.)

Stellt Euch vor, ihr steht auf dem Radweg an einer Kreuzung an einer roten Ampel. Neben Euch ist ein LKW. Vielleicht seid ihr auf dem Radweg neben dem LKW gefahren. Vielleicht kam er aber auch erst nach Euch und hat sich neben Euch gestellt. Egal. Die Ampel springt auf grün.

Ihr wollt losfahren, bemerkt aber plötzlich, dass der LKW-Fahrer Euch nicht gesehen hat und einfach abbiegt. Ihr seid erst überrascht, verärgert, bleibt stehen — und dann geht es sehr schnell. Denn während das Führerhaus in der Straße nach rechts abbiegt, schwenkt der Auflieger hinter Euch ein. Auf Arm- oder Schulterhöhe berührt Euch der LKW erst und schmeißt Euch dann um.

Grund ist die sogenannte Schleppkurve. Weil LKWs sehr lang sind, haben sie eine deutlich andere Fahrphysik als normale PKW. Während das Führerhaus bei Kreuzungen einen großen Kreis fahren muss, fahren die Hinterräder eine deutlich kleineren Radius. Das Ergebnis heißt Schleppkurve, wie in diesem Video sehr anschaulich demonstriert wird. (Ignoriert die Kommentierung, dazu später mehr.)



Bildquelle: SafetyFirstTV – https://youtu.be/7epEGszJ3TM

Ihr liegt nun weitgehend bewegungsunfähig unter dem LKW auf der Straße. Vielleicht habt Ihr euch die Schulter gebrochen, vielleicht habt ihr durch den Aufprall eine schwere Kopfverletzung. Das Rad hindert Euch schnell wegzulaufen. Wenn der LKW-Fahrer immer noch nicht merkt, was da passiert ist, wird es richtig schlimm. Denn die Hinterräder überrollen den Radler samt Rad.

Die Überlebenschancen sind an diesem Punkt nur noch gering. Kein Helm kann helfen. Und das neue Verkehrsopfer hat genau das getan, was andauernd als mögliche Lösung präsentiert wird: Einfach neben dem LKW warten, wenn der sich die Vorfahrt nimmt.

Natürlich läuft nicht jeder Unfall genau so ab. Etwas ganz ähnliches ist aber mir schon im Kölner Straßenverkehr passiert. Ein LKW nahm einfach Radfahrern die Vorfahrt — der Radweg war voll, kein Missverständnis wegen eines toten Winkels war möglich. Der wollte einfach nicht warten und fuhr ohne Rücksicht los.

Wir Radfahrer kamen schnell zum Stehen. Und dann plötzlich kam der Aufleger rapide auf uns zu, erst einen, dann zwei Meter. Er hätte die Radfahrerinnen vor mir fast erwischt, die nicht einfach zurückweichen konnten.Ich glaube, ich habe nie in meinem Leben so laut geschrien. Der LKW hielt grade noch rechtzeitig.

Blickkontakt und Toter Winkel

Auch Radfahrer kommentieren solche Unfälle immer wieder mit Appellen, dass Radfahrer defensiv fahren sollten, dass sie mehr Rücksicht auf LKWs nehmen sollten, weil diese ja einen Toten Winkel hätten. Doch solche Vorschläge sind fehlgeleitet und potenziell tödlich. Auch in dem oben erwähnten Video wird das Überwalzen des Radfahrers lapidar kommentiert: „Also auch bei Grün lieber mal vor der Ampel warten“. Denn: Der Radfahrer ist im Fahrweg des LKWs – nicht etwa umgekehrt.

Im Stadtverkehr sind solche Ratschläge zum einen unrealistisch. Als etwa vor ein paar Wochen eine Radfahrerin am Friesenplatz überrollt und getötet wurde, war sie sehr defensiv unterwegs. Sie kreuzte erst als klar war, dass der LKW für zwei andere Fahrradfahrer stoppte, den Radweg also gesehen hatte. Dass der LKW plötzlich anfahren würde, konnte sie schlichtweg nicht ahnen.

Zum anderen: Auch das Stoppen hilft nicht unbedingt. Denn Radfahrer kontrollieren nicht ob ein LKW neben ihnen hält. Und je nach Kreuzung kann die Schleppkurve auch einen Radfahrer erwischen, der vor der Ampel steht.

Viele verweisen auf den toten Winkel — doch den darf es laut Gesetz eigentlich schon lange nicht mehr geben. Ganze sechs Rückspiegel sind gesetzlich vorgeschrieben, die den LKWs vollen Blick auf jeden Winkel bieten müssen. Was hingegen durch die Rückspiegel nicht möglich ist: Radfahrer können keinen Blickkontakt mit dem Fahrer aufbauen, um zu kommunizieren oder sicherzugehen, dass man selbst gesehen wird. Es ist schlichtweg physisch unmöglich.

Natürlich wäre es töricht, die Beschränkungen nicht realistisch einzuschätzen. Wenn ein LKW-Fahrer 6 Rückspiegel zu kontrollieren hat, benötigt das Zeit. Und wenn der LKW-Fahrer dazu noch den Verkehr von links im Auge haben muss, ist es für ihn nicht möglich alle Wege gleichzeitig im Blick zu halten. Und genau deshalb ist ein wartender Fahrradfahrer ein zusätzliches Risiko.

Stellt euch die Situation an der Kreuzung nochmal vor. Diesmal seid ihr aber der LKW-Fahrer. Und ihr gehört nicht zu der Sorte, die anderen Leuten die mutwillig und gewohnheitsmäßig die Vorfahrt nehmen. Ein Fahrer, der nicht übermüdet ist. Ihr blickt also in die Rückspiegel rechts und seht dort einen Radfahrer, der eindeutig Vorfahrt hat. Alles klar, ihr müsst also ein paar Sekunden warten. Nun kontrolliert ihr den entgegenkommenden Verkehr. Wenn sich dort eine Lücke auftut, kontrolliert ihr nochmal die Rückspiegel rechts: Da ist ja schon wieder ein Radfahrer. Also könnt ihr immer nicht losfahren. Wieder ein Blick nach links. Bis tatsächlich klar ist, dass der Radfahrer Euch die Vorfahrt überlassen will, ist für beide schon wieder rot. Oder beide entscheiden sich gleichzeitig, die scheinbar angebotene Vorfahrt anzunehmen. Und dann passiert genau das, was wir oben schon durchgespielt haben.

Radfahrer nach vorne!

Was können Radfahrer also tun? Nun, es hängt doch sehr von den Gegebenheiten ab. Hier zum Beispiel eine Kreuzung am Kölner Militärring, wo es keinen Radweg gibt — zumindest nicht in dieser Richtung. Hier stelle ich mich möglichst mittig. Und in diesem Fall bleibe ich hinter dem LKW. Und wenn ein LKW sich neben mich stellen wollte, könnte er das nicht tun. Leider ist dies nicht bei allen Kreuzungen so. Oft werden Radfahrer mit Schutzstreifen oder nutzungspflichtigen Radwegen genau in die Gefahrenzone gezwungen.

Die konsequente Lösung heißt: Radfahrer gehören nach vorne. Denn hier gibt es keinen toten Winkel. Man kann sie schlichtweg nicht übersehen. Das haben mittlerweile auch die Verkehrsplaner in Köln eingesehen und bauen immer mehr von diesen Haltezonen exklusiv für Radfahrer vor Ampeln. Dazu gehört an großen Kreuzungen auch oft eine eigene Ampel, die Radfahrern einen minimalen Vorsprung gibt. Zwar starten Radler in der Regel eh deutlich schneller als Autos — aber der Vorsprung verhindert, dass die Leute mit Gaspedal noch mitten auf der Kreuzung überholen wollen. Statt eines Vorfahrtsrecht, das den Fahrradfahrern faktisch über die Macht der PS wieder ausgetrieben wird, gibt es für Radfahrer einfach eine echte Vor-Fahrt. Es wäre klasse, wenn es auch anders ginge, aber leider ist es nun mal nicht so.

Falls sich einige nun fragen, was diese Aufstellflächen sollen, wenn die Radfahrer eh nicht dort hingelangen können — selbst unser autobegeisterter Gesetzgeber hat eingesehen, dass Radfahrer nach vorne gehören. Und deshalb gibt es den Paragraph 5, Absatz 8 der Straßenverkehrsordnung.

(8) Ist ausreichender Raum vorhanden, dürfen Rad Fahrende und Mofa Fahrende die Fahrzeuge, die auf dem rechten Fahrstreifen warten, mit mäßiger Geschwindigkeit und besonderer Vorsicht rechts überholen.

Ich hoffe, dass dieser Text einigen vielleicht die Augen öffnet. Gute Fahrt.

Lets Play Call Of Duty Mobile.

Willkommen bei Call Of Duty Mobile. Ich bin noch neu in dem Geschäft, also verzeiht, wenn ich meinen Twitch-Channel in Textform abliefere. Und eine Einführung für Germanisten abgebe. Videospiele sind vielleicht nicht Shakespeare, aber… vielleicht doch.

Sein oder Nichtsein; das ist hier die Frage:
Obs edler im Gemüt, die Pfeil und Schleudern
Des wütenden Geschicks erdulden oder,
Sich waffnend gegen eine See von Plagen,
Durch Widerstand sie enden? Sterben – schlafen –
spielen.

Wo könnte man das besser ergründen als in einem zünftigen Battle Royale? Tatsächlich ist jede Runde ein kleines Drama, mit Mut und Verrat, mit Schicksalsschlägen und unerwarteten Wenden.

Keine Bange, ich kann spielen. Level 150, ich bin in den Top 5 Prozent der Spieler weltweit. Denn es gibt nur eine Liga für alle. Dabei war ich nie ein Gamer, und ich werde wohl auch nie einer werden. Aber spielt für ein paar Wochen einmal am Tag und ihr könnt die meisten besiegen.

Dazu gehören ein paar Punkte:

1. Besorgt Euch einen guten Kopfhörer

Call Of Duty ist zwar ein First Person Shooter, aber der Blickwinkel auf einem Handydisplay ist naturgemäß minimal. Statt den Gegner von weitem zu sehen, nimmt man ihn meist über sein Schrittgeräusch zuerst wahr. Wenn ihr keinen Kopfhörer oder noch schlimmer laute Musik laufen lasst, seht ihr die Gegner erst, wenn sie Euch die erste Salve in den virtuellen Leib gejagt haben. Und mehr als 20, 30 Schuss überlebt man nicht ohne eine 10 Sekündige Behandlung durch einen Teamkameraden. Wie ihr seht: Realismus wird hier groß geschrieben. Es muss kein 200-Euro-Gamer-Kopfhörer mit 5 Dimensionen sein. Aber es sollte ein Kopfhörer sein, der Euch in die Gamewelt eintauchen lässt, ohne dass ihr den Kühlschrank rattern hört. Schlichte Lautstärke hilft da nicht.

2. Guckt zu

Ein richtiger Gamer braucht nicht lange, um sich mit einem neuen Spiel auseinanderzusetzen. Alle Steuerungskonzepte sind bekannt und da die meisten Games auf wenigen Game-Engines basieren ist sogar die Optik sehr ähnlich. Wer kein Gamer ist, kann etwas Hilfe gebrauchen. Call Of Duty Mobile hat wie eigentlich alle Spiele der Kategorie die Möglichkeit, anderen Spielern beim Spielen zuzusehen — entweder weil man im Teammodus grade gestorben ist oder man sich mit anderen Spielern verknüpft hat. Das kann durchaus lehrreich sein. Welche der Waffen ist für welche Einsätze geeignet? Wo finde ich wohl die besten Extras, wenn ich an einer bestimmten Ecke der Map gelandet bin? Aber auch: Wie gut spielt man mit anderen Spielern zusammen? Wer keine Freunde in CoDM findet, kann sich auch einfach auf Twitch einen entsprechenden Kanal suchen.

3. Sucht Mitspieler

Was bei Call Of Duty Mobile klasse ist: Es gibt einen schier unerschöpflichen Vorrat an Mitspielern. Man kann sich zu jeder Tages- und Nachtzeit einloggen und innerhalb von einer Minute stehen 98 andere Spieler für eine Battle Royale-Runde zur Verfügung. Noch besser: Die meisten der Spieler sind nicht besonders gut, nicht konzentriert oder sogar gönnerhaft, so dass ein Anfänger immer die Gelegenheit hat, Siege zu erringen.

Die Schattenseite daran: Wer über die normale Team-Zuteilung spielt, hat immer auch Mitspieler, die nicht gut, nicht konzentriert sind oder den Gegnern mal eben eine Partie schenken. Es gibt zwar einen Sprachchat — aber es ist unwahrscheinlich, dass man die gleiche Sprache spricht. Die Single Serving Friends — man erinnert sich vielleicht an die Szene in Fight Club — sind bemerkenswert unzuverlässig. Viele steigen plötzlich mitten in der Partie aus oder haben eine so schlechte Internetverbindung, dass ihre Spielfigur plötzlich minutenlang einfriert. Neulich hat ein Mitspieler den Hubschrauber abgeschossen, in dem grade drei Teamkameraden saßen. Die Runde ging nicht gut für uns aus.

Man kann sich Facebook-Freunde einladen (was ich nie tun würde), man kann sich mit der rudimentären Clan-Funktion rumschlagen oder man kann sich Leute aus Zufallsspielen zusammensuchen. Besser ist es auf jeden Fall, wenn man ein paar Mitspieler hat, die einen nicht an jeder Ecke hängen lassen und bei denen man weiß, was die von einem erwarten.

4. Widersteht Free-to-Play

Call Of Duty Mobile ist eigentlich kostenfrei, aber an jeder Ecke versucht man euch etwas zu verkaufen. Wenn ihr damit nicht klarkommt, dann ist das Spiel nichts für Euch. Ihr müsst nicht nichts ausgeben. Aber wenn ihr 80 Euro in Digitalen Mist investiert habt, dann habt ihr sicher überbezahlt.

5. Respektiert den Flow

Call Of Duty ist bemerkenswert gut perfektioniert, um den Spieler zu binden. Eine Spielrunde dauert exakt so lange, wie man mal eben entbehren kann. Die Spülmaschine braucht noch 10 Minuten? Schnell eine Runde spielen. Der bohrende Nachbar hindert Euch am arbeiten? Schnell eine Runde spielen. Und wenn Ihr zu einer zweiten, dritten, vierten Runde eingeladen werdet — wer kann das schon ablehnen? Ihr könnt. Wenn ihr damit nicht klarkommt und ihr nicht abschalten könnt, ist das Spiel nicht für Euch. Und spielt nicht, wenn eine Kochplatte an ist. Denn ein Wohnungsbrand ist das letzte, was derzeit gebraucht wird.

6. Kommuniziert

Selbst wenn der Sprach-Chat nicht funktioniert, weil niemand in Eurem Team eine gleiche Sprache spricht — versucht zu kommunizieren. Etwa, wo man am besten beim Battle Royale abspringen könnte. wo ihr Feinde gesichtet habt. Oder wann es Zeit ist aufzubrechen, bevor Euch die Todeszone aufholt. Wenn ein Dialog in Gang kommt, haben es Eure Mitspieler schwerer, Euch einfach liegen zu lassen, wenn ihr verwundet seid. Und wenn teams zusammenhalten, landen sie fast immer auf den oberen Plätzen. Winner? Winner!

Der Coronische Imperativ

Der Ende der ersten Phase der Pandemie ist in Deutschland erreicht: Die Zahlen stagnieren zumindest für eine Weile, viele Beschränkungen werden wieder aufgehoben. Die schlechte Nachricht: Auch wenn wir das Virus nun halbwegs unter Kontrolle zu haben scheinen, ist es nicht verschwunden und wird sich auf Dauer bei uns halten. Phase 2 beginnt. Sie stellt keineswegs das Ende der Krise dar. Auch wenn nur von Lockerungen die Rede ist: Ein Bündel an Maßnahmen wird durch ein anderes Bündel an Maßnahmen ersetzt. Die zweite Phase wird nicht unbedingt leichter als die erste.

Es besteht kein Zweifel: Die neuen Maßnahmen sind den alten Verboten vorzuziehen. Menschen brauchen einander. Es ist wichtig für unsere physische und psychische Gesundheit, dass wir tatsächlich andere Menschen treffen können. Und damit weiter Gehälter ausgezahlt werden und Nahrung auf den Tisch kommt, brauchen wir wirtschaftliche Betätigung.

Das Virus ist nicht gerecht

Damit das auf lange Frist funktionieren kann, brauchen wir jedoch neue Maßnahmen, die oft genug ungerecht erscheinen mögen. Nicht jedes Restaurant hat eine riesige Terrasse, auf der Gäste mit gebotenem Abstand bedient werden können. Wer auf vollbepackte Clubs als Publikum angewiesen ist, wird dies auf absehbare Zeit nicht können. Die Kinderbetreuung stellt insbesondere die vor große Probleme, die ohnehin schon benachteiligt waren.

Für berechtigte Frustration sorgt, wenn Leute diese Maßnahmen auf keinen gemeinsamen Nenner bringen können, wenn sie wie Willkür erscheinen. Warum darf die Bundesliga Millionen verdienen, wenn ich um meine schiere Existenz bangen muss? Warum soll ein Möbelgeschäft eher eröffnen dürfen als ein dringend benötigter Kindergarten? Warum gab es die 800-Quadratmeter-Grenze für Geschäfte und warum wurde sie wieder abgeschafft? Sprich: Wenn wir unsere Lebensweise opfern, sollten die Maßnahmen konsistent und so gut begründet sein, wie es unter dem Umständen geht.

Die Maßnahmen der ersten Phase waren zweifellos Panikreaktionen des Staates. Niemand wusste genug über die Verbreitungsmethode der neuen Krankheit. Also zogen die staatlichen Behörden die Register, die sie bereits kannten: geschlossene Grenzen, Betriebsstilllegungen, geschlossene Schulen. Und einige neue Maßnahmen: Kontaktverbote, Maskenpflicht, Isolation von Pflegeheimen. Welche Maßnahme wie viel genau zur Verringerung der Fallzahlen beigetragen hat, lässt sich kaum auseinanderdividieren. Eine lebendige Gesellschaft ist kein Laborexperiment. Effekte zeigen sich manchmal mit deutlicher Verzögerung, manchmal gehen sie im Echo anderer Maßnahmen unter.

Noch immer wissen die Experten zu wenig darüber, wo und wie genau sich die aktuell Infizierten angesteckt haben. Statt klarer Anweisungen mit Erfolgsgarantie gibt es daher eher nur Richtlinien: Wo immer es geht, sollte man Abstand von anderen halten. Wenn es nötig ist, in den Ellenbogen husten. Und die Kontakte reduzieren, so weit es geht.

Immanuel Kant formulierte einst den Kategorischen Imperativ: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“ Der Satz geht davon aus, dass wir die gesellschaftlichen Folgen unseres Handelns so umfassend beobachten und begreifen können, dass wir eine informierte Entscheidung treffen können, was gut und was schlecht sein mag. In unserer kreuz und quer vernetzten Gesellschaft ist das schwieriger als je zuvor.

Einsicht benötigt Erklärungen

Deshalb sind die Regierungen gefordert, den Sinn der von ihnen verhängten Maßnahmen besser und dauerhafter zu erklären, so dass sie nicht vom nun erlaubten Verhalten ad absurdum geführt werden. Zum Beispiel: Ein zentraler Unterschied zwischen COVID-19 und einer Virusgrippe ist die lange symptomfreie Zeit, in dem Infizierte ansteckend sein können. Für jeden Einzelnen heißt das: Selbst wer sich absolut gesund fühlt, muss davon ausgehen, mit einer gewissen — zur Zeit kleinen – Wahrscheinlichkeit erkrankt zu sein. Und damit andere zu gefährden.

Die überall herumgereichten und analysierten Statistiken liefern hingegen nur eine binäre Sicht der Dinge. Ein einmal positiv getesteter Patient ist nach gewisser Zeit entweder tot oder wird in die Kategorie „Genesene“ einsortiert. Aber auch Menschen die nicht in der Intensivstation an Beamtmungsmaschinen landen, berichten von einer ernsthaften Erkrankung. Wie viele Langzeitschäden davontragen ist noch ungeklärt. Der Coronische Imperativ lautete daher in etwa so: „Handle immer so, als könntest Du durch Unachtsamkeit Deiner ganzen Familie und Deinen Freunden eine schwere Lungenentzündung verpassen.“

Die Strategie des Staates ist es, Infektionen möglichst schnell zu identifizieren und zu isolieren. Selbst wer mit keinem schweren Krankheitsverlauf rechnet, wird in den kommenden Monaten mit zunehmend scharfen Reaktionen der Gesundheitsämtern und anderer Behörden rechnen müssen. Vor wenigen Wochen konnten sie unmöglich jede Kontaktperson der Infizierten ausfindig machen. Tests und Quarantänen waren auf Eigeninitiative der Betroffenen angewiesen.

In Phase 2 werden Behörden hier jedoch die Handlungsmacht übernehmen. Auch wer schließlich nicht erkrankt, wird Folgen spüren: Zunehmend strenge Isolierungen, lästige bis schmerzhafte Tests und damit verbunden auch eine gesellschaftliche Ächtung. Zugleich hat eine enorme Datensammelei begonnen: Wer eine Kirche besuchen will oder in einem Restaurant eine Pizza essen will, soll Namen und Telefonnummern hinterlassen, um im Fall der Fälle erreichbar zu sein. Die viel diskutierte Tracing-App kann solche Maßnahmen nicht ersetzen.

Der Staat als Gemeinschaft

Wer tagtäglich Infektions- und Testzahlen studiert und die Berechnung der Reproduktionszahlen nachvollziehen will, sollte auch einen Blick auf einen ganz anderen Wert werfen: Wie weit ist der Ausbau der Gesundheitsämter, der neuen Infrastruktur zur Verfolgung und Isolierung von COVID 19 gediehen? Denn an diesem Ausbau hängt es, ob eine Handvoll „Superspreader“ die Bemühungen der vergangenen Wochen wieder zunichte machen kann. So hat ein einziger Erkrankter ausgereicht, um eine Infektionswelle in Südkorea in Gang zu setzen, die bis zu 2000 Menschen in Isolation schicken soll und die Lockerungsmaßnahmen wieder in Frage stellt.

Wer auf Einsicht des Einzelnen baut, ist auch gefordert, nachvollziehbare Erklärungen zu liefern. Es reicht nicht mehr aus, die abstrakte Reproduktionszahl R vorzurechnen und Deutschland gleichsam aus der Drohnenperspektive zu betrachten. Je konkreter Menschen staatliche Strukturen als Gemeinschaft begreifen, um so eher kann die Phase 2 gelingen.

Datenjournalismus braucht Kontext

Die neue Datenjournalismus-Website „The Markup“ ist nach langem Trommelwirbel und einigen Querelen endlich online. Die mit dem Geld von Craig Newmark finanzierte Website verspricht journalistische Hilfestellung dabei, Wahrheit von Meinung, Anekdote, Spin und richtiggehende Propaganda zu unterscheiden. Es ist Tag 2 und ich muss sagen: Nein, da stimmt etwas ganz gehörig nicht.

Heute bringt das Journalismus-Startup eine Geschichte, wie unterschiedlich Google die Kampagnen-E-Mails der unterschiedlichen Präsidentschaftsbewerber behandelt. Das ist eine legitime Fragestellung und eine systematische Untersuchung zum Thema ist sicher einen Blick wert. Auf Twitter zeigt The Markup, wie sexy die Statistik doch ist. Der Artikel wird mit der maximal tendenziösen Frage eingeleitet: „Google the Giant — Swinging the vote?“ – eine Verschwörungstheorie in Frageform.

But there were huge differences. Gmail sent 63 percent of  @PeteButtigieg 's campaign email to the primary inbox.   But it sent none of  @ewarren 's campaign email there. And only 2 percent of  @BernieSanders 's campaign email landed in the primary inbox.

Natürlich verbreitet sich die Story gleich enorm schnell. Google bevorzugt Buttigieg! Und Sanders wird fast komplett ausgefiltert!

Das Problem ist: Die Methodik der Untersuchung ist so fehlerbehaftet, dass jeder, der daraus eine Erkenntnis ziehen will, grob fehlgeleitet wird.

Für den Laien mag die Idee nachvollziehbar klingen: Man sammelt vier Monate lang alle Emails aller Kandidaten und gibt Google keinerlei Anlass E-Mails auszusortieren. Damit keine Daten das Experiment verseuchen könnten, loggt man sich per Tor Browser ein. Also müsste Google doch eigentlich alle eingehenden E-Mails gleich behandeln. Richtig?

Nein, das ist falsch. Denn das Grundkonzept von E-Mail-Filtern wie bei Gmail ist ein anderes. Ein Funktionsprinzip: Wenn 50000 User eine bestimmte E-Mail als Spam markieren, dann wird die Email beim Nutzer mit der Nummer 50001 die E-Mail automatisch in den Spam-Ordner vorsortiert. Man kann dies wie ich als Grund nehmen, Google Mail nicht zu benutzen. Es ist jedoch journalistisch nicht in Ordnung so zu tun, als habe man dieses einfache Prinzip nicht verstanden.

Zudem ignoriert der Text eine grundlegende Wahrheit. Tatsächlich ist politische Werbung per E-Mail spätestens seit dem Obama-Wahlkampf zu einem schieren Ärgernis für viele Nutzer geworden. Seien wir realistisch: Wenn Amy Klobuchar in nur vier Monaten 312 E-Mails verschickt — wer soll all das noch lesen? Und hier kommt dann der Google-Filter ins Spiel. Er sortiert nicht nur Spam aus, sondern sortiert auch „Promotions“ in einer Extra-Box um, die nicht so prominent angezeigt wird. Wenn nun Kampagnen-Emails in der Promotions-Sparte landen, kann man sagen: Der Filter funktioniert. Die befragten Vertreter der Sanders-Kampagne sehen deshalb auch kein Faulspiel von Google. So funktioniert E-Mail-Marketing nunmal.

Natürlich hat Google hier ein kritikwürdiges Eigeninteresse. Wenn nicht jeder gleichberechtigte Sichtbarkeit im Google-Postfach bekommt, dann kann Google Werbeanzeigen verkaufen. Wahr ist aber auch: Wenn jeder gleichberechtigt Sichtbarkeit im Google-Postfach bekommt, dann wird das Postfach für viele Nutzer nicht mehr nutzbar. Es werden viele Witze über Milennials gemacht, die ihre Mailbox nicht mehr abhören und damit wichtige Nachrichten verpassen. Das ist sicher eine Wahrheit. Aber eine andere Wahrheit ist: Im vergangenen Jahr wurden 58,5 Milliarden Robocalls in den USA getätigt. Wer da nicht mehr ans Telefon geht, hat sich schlicht an eine Realität angepasst.

Zurück zu Google: Es ist nicht verkehrt, die Google-Algorithmen unter die Lupe zu nehmen. Doch das wurde hier ja explizit nicht getan. Wenn Pete Buttigieg nicht in den Promotion-Filter abgeschoben wird, hängt das sicher auch damit zusammen, dass er weniger E-Mails als fast alle anderen Kampagnen versandt hat. Wenn die Post von Bernie Sanders komplett in dem Promotions-Ordner landet, hat es damit zu tun, dass er schon seit über fünf Jahren Wahlkampf macht und Google-Nutzer sehr viel Zeit hatten, seine Kampagnen-Emails als Promotion einzustufen. Ohne diese Kontexte sind die Daten ziemlich wertlos. Die Präsidentschafts-Kampagnen sind schließlich nicht vor vier Monaten vom Himmel gefallen.

Wenn man wirklich über den Einfluss von Google schreiben will, müsste man schon ein paar Gegentests einbauen: Zum Beispiel: Arbeiten Outlook, Yahoo und andere Webmail-Provider wirklich anders? Und: Warum sagt die Sanders-Kampagne, dass sie keinerlei Problem hat, wo doch alle E-Mails im Promotion-Tab landen? Man könnte sich auch ansehen: Nutzen politische Kampagnen das Angebot, einen ersten Platz in der Promotion-Inbox zu kaufen? Notwendig wäre es auch gewesen, mal in die E-Mails hineinzugucken, die im Spamfilter gelandet sind. Gab es dafür vielleicht offensichtliche Gründe, wie extensive Tracking-Techniken? Bei Kampagnen mit hohen Spam-Anteilen wäre auch zu fragen: Woher beziehen sie die E-Mail-Adressen der Empfänger? Nichts davon ist hier geschehen. Wenn man sich den Input nicht ansieht, kann man nicht entscheiden ob der Output eines Algorithmus korrekt oder inkorrekt ist.

Erst ganz zum Schluss des statistischen Addendums räumt The Markup dann schließlich ein, dass die Mühe, die sie sich gegeben haben, eigentlich zu nichts geführt hat:

We were unable to discern from the data we gathered why Gmail treated emails from different political entities differently.

Ich würde es sogar etwas härter formulieren: Die Untersuchung hat nicht mal ergeben, ob E-Mails der Kandidaten tatsächlich unterschiedlich behandelt werden. Das wird aber leider viele Fans von Kandidaten und Journalisten-Kollegen aber nicht davon abhalten, das absolute Gegenteil zu verbreiten.

Das Ende des Verkehrsfunks

Es ist die Medienstory des Tages. Der Deutschlandfunk sendet keine bundesweiten Verkehrsmeldungen mehr. Mit viel Tamtam und Videos wird dieses überalterte Sendeformat beerdigt.

Aus meiner Sicht ist diese Episode ein plastischer Beleg dafür warum DAB+ keine Chance hatte. Wenn man schon den Rundfunk digitalisiert, dann hätten die Verkehrsnachrichten an erste Stelle gehört. Statt alle Verkehrsnachrichten für alle auszustrahlen, könnte man ein Opt-In realisieren. Technisch ist das ohne weiteres möglich – man hat es halt nicht getan.

Heute ginge es sogar besser: Autofahrer könnten auch wählen, ob sie nur die Nachrichten auf seiner Strecke hören will. Stattdessen wird ein enzyklopädisches Wissen aller Autobahn-Ausfahrten vorausgesetzt. Man stelle sich vor: Bahnpendler könnten auch auf Knopfdruck Informationen bekommen, wie es auf den Bahnstrecken aussieht.

Verpasste Chance. DABplus darf nicht mehr sein als ein UKW plus Faxabruf. Stattdessen mixt nun Spotify Nachrichten mit Musik individuell zusammen.

Medien, seid wie Spiegel Online – transkribiert!

Spiegel Online ist nun zu „Der Spiegel“ verschmolzen und hat einen ausgiebigen Relaunch verpasst bekommen. Ein Feature bekam aber wenig Ausmerksamkeit: Videos werden nun transkribiert. So sieht das aus:

Noch muss man das Transkript per Klick ausklappen. Und noch sind nicht alle Videos transkribiert. Aber es ist ein Schritt in die richtige Richtung. Und zwar aus drei Gründen:

  • Der unwichtigste: Ich mag es viel lieber Texte in meinem eigenen Tempo zu lesen und sie nach wichtigen Informationen abzuscannen. Es ist für Berufsinformationsverarbeiter wesentlich effizienter.
  • Wichtiger: Es gibt viele Menschen, die nicht jede Darreichungsform von Medien mit Gewinn konsumieren können. Sei es dass sie nicht sehen oder hören können, oder dass Technik oder Datentarif nicht mitspielen. Eine textliche Umsetzung macht die Inhalte viel zugänglicher.
  • Transkripte machen Videos vom flüchtigen Medium zum Wissensspeicher. Zwar mögen die Videodateien in großen Mediatheken liegen. Jedoch einen Beitrag wiederzufinden oder nach bisher unbekannten Beiträgen zu suchen, ist oft ein Glücksspiel. Wurde der Beitrag richtig verschlagwortet? Wurden alle wichtigen Zitate von Spitzenpolitikern und Entscheidungsträgern erkannt und in den begleitenden Beiträgen korrekt aufgeführt? Erst mit dem Volltext ist diese Transparenz sichergestellt und Videos gehören endlich zum journalistischen und gesellschaftlichen Langzeitgedächtnis.

Kurzum: Ich liebe Transkripte. Bitte mehr davon.

Ein Missverständnis über Comedy

Die Debatte um das Umweltsau-Liedchen ist unsäglich, also lasst uns darüber schweigen. Treten wir einen, zwei oder gar drei Schritte zurück, und fragen uns: Was ist Satire eigentlich? Was ist Comedy, was ist ein Witz? Und hier ist mir etwas ausgefallen: Leute scheinen immer mehr der Meinung zu sein, dass Satire und Humor grundsätzlich auf jemandes Kosten geht. Und das ist falsch.

Satire, Comedy, das ganze Humorhandwerk — richtet sich nicht primär gegen eine Gruppe. Man spielt mit Wahrnehmungen, überzeichnet, setzt neue Kontexte oder Perspektiven. Es ist eine Suche nach Identitäten und den Kratzern darin. Man schnappt sich einen Geigenbogen und versucht, ob man damit einen Mülltonnendeckel zum Singen bringen kann.

Comedians betrachten die Welt und versucht sie anhand des Witzes zu verstehen. Zuweilen haben sie keine Ahnung, warum ein bestimmter Witz funktioniert und warum ein anderer Witz nicht funktioniert. Es ist ein lebenslanges Lernen, aber mit genug Jahren kann man Witze schreiben, die mit hoher Wahrscheinlichkeit auch für andere lustig sind.

Aber ich verliere mich in Allgemeinplätzen. Versuchen wir es mit einem Beispiel. Von 2012 bis 2015 lief auf Comedy Central die Sketch-Comedy-Show: Zutiefst albern, laut, schreckliche Perücken und Akzente. Und eine der Nummern von Key und Peele war Luther, der „Anger translator“. Peele spielte Obama mit seiner fast stoischen Redeweise und den komischen Pausen. Ihm zur Seite stand Key als „Anger translator“, der die distinguierte Rede des Präsidenten in eine schrille Wut-Tirade umsetzte. Seht es Euch an.

Szene aus dem Sketch

Also: Das ist ganz klar ein Witz auf Kosten von Obama, weil er so einen Stock im Arsch hat.

Oder etwa nicht…?

Geht es vielleicht nicht um Obama, sondern um die Hysterie, die auf diesen überdisziplinierten Middle-of-the-road Präsidenten tagtäglich einprasselt? Oder war es etwa ein Spaß darauf, dass der erste schwarze Präsident mit seiner Ivy-League-Ausbildung so gar nicht zu der Community passte, für die er angeblich stand? Egal, das Publikum lachte.

Und dann passierte das: Zur alljährlichen Ansprache beim White House Correspondents‘ Dinner lud Obama den Anger Translator als Co-Redner ein. Und er brachte eine Comedy-Routine zu Stande, die bis heute Legende ist. Gutes Timing, ein gutes Skript, ein perfektes Zusammenspiel zwischen den beiden Charakteren. Guckt es Euch an. Und dann: Guckt es Euch nochmal an.

Screenshot Rede CSPAN

Lange Rede, kurzer Sinn: Humor muss nicht um sich treten, um witzig zu sein — weder nach oben, noch nach unten. Es ist natürlich, dass sich ab und an Menschen verletzt fühlen. Das Parkett ist voll und Comedians tanzen aussschweifend, zuweilen auch mit geschlossenen Augen. Weil sie wissen wollen, was passiert. Weil sie wissen müssen, was passiert. Und wenn sie Leuten absichtlich auf die Zehen treten wollen, dann sitzt schon der erste Tritt.

FAQ You, Bonpflicht!

Seit dem neuen Jahr wird mein Erklärartikel zu den Kassenbons in sozialen Medien eifrig geteilt. Dabei sind viele Fragen aufgetreten, die ich hier mal zusammenfasse.

Es gibt doch sichere Kassen, warum also noch Bons?

Nein, es gibt keine sicheren Kassen in Deutschland — zumindest nicht aus Sicht des Finanzamts. Es gibt in Deutschland mehrere Hundert verschiedene Kassenhersteller. Auf denen kann eine Vielzahl von Software installiert sein – mitunter sogar ein völlig veraltetes Windows. Und deshalb kann man auch verschiedene Programme ausführen oder die offiziellen Kassenprogramme mitunter sehr einfach umschreiben. Es wird sicher viele Abzeichen und Siegel geben, dass eine Kasse einen Funktionstest bestanden hat. Das hat aber wenig mit Sicherheit vor gezielter Manipulation zu tun.

Aber die neuen Gesetze schreiben doch sichere Kassen vor?

Jein, mit Betonung auf Nein. Vorgeschrieben ist ab 2020 ein so genanntes TSE — eine Technische Sicherheitseinrichtung — wenn man denn eine Registerkasse hat. Das TSE ist ein Speicher mit einem zusätzlichen Sicherheitselement. Im Prinzip ein USB-Stick oder eine SD-Karte mit einem Extra-Chip, die in die altbekannten Kassen eingesetzt werden. Was darauf einmal gespeichert ist, kann der Kassenbesitzer nicht mehr einfach herunterlöschen. Der bis dahin übliche Trick, einfach am Abend Buchungen aus dem elektronischen Kassenbuch zu löschen ist damit nicht mehr möglich. Stornos gehen immer noch — aber die müssen transparent gespeichert werden.

Also ist alles gut. Weshalb die Bons?

Kryptografie kann nicht zaubern. Selbst wenn man die besten Algorithmen verwendet und die sichersten Schlüssel — sie können nicht für sich selbst stehen. Mit installiertem TSE hat der Steuerfahnder eine Buchführung und eine Garantie vorliegen, dass diese tatsächlich so eingegeben wurde. Doch wer sagt ihm, dass die Eingabe stimmt? Hierzu sind die Bons gut, denn darauf ist eine Art digitalen Stempel enthalten.

Warum kann nicht nur dann ein Bon gedruckt werden, wenn ein Kunde das will?

Zunächst einmal: Gedruckt werden muss gar kein Bon — sie können auch elektronisch übermittelt werden. Bis auf den E-Bon von Rewe für Payback-Kunden ist mir aber keine massenfähige Lösung bekannt, die schon im breiten Einsatz wäre. Es gibt viele Ideen und Startups, aber noch wenig Umsetzungen. Ein Hersteller hat mir im Dezember eine begeisterte Pressemitteilung geschickt. Auf meine zweimalige Nachfrage, wo das tolle neue System denn im Einsatz sei, habe ich bis heute keine Antwort.

Zurück zum Thema: Warum soll denn ein Bon ausgedruckt werden, wenn der Kunde das gar nicht will?

Kernproblem ist: Der Staat will sicherstellen, dass ein Gewerbetreibender nicht einfach jeden Kauf löscht, der nicht mit einem Bon verbunden ist. Trotz der TSE wäre das weiterhin möglich. Denn wenn die Kasse keine Buchung schreibt, kann das TSE keine Manipulation verzeichnen. Und wie gesagt: Nichts hält den Kassenbesitzer wirklich davon ab, die Software zu manipulieren. Der Fantasie sind kaum Grenzen gesetzt. Alle Buchungen ohne Bon könnten ins Nichts geschrieben werden. Oder ein verkauftes Motorrad könnte als Weizenbrötchen im Speicher landen. Die Bundesregierung hat auch von der Einführung einer ähnlichen Sicherheitseinrichtung in Österreich gelernt, wo diese Lücke nicht ganz geschlossen wurde. Die Lösung ist: Ein Kassenbesitzer darf vorher nicht wissen ob ein Kunde einen Bon/E-Bon verlangen wird.

Der Bon sagt das doch auch nicht?

Nun: Der Bon erschwert den Betrug doch ganz erheblich. Zum einen sieht jeder Kunde, ob ein Bon aus der Kasse kommt. Der Steuerhinterzieher hat also plötzlich eine Vielzahl von Mitwissern. Und wenn das Finanzamt zur unangemeldeten Kassennachschau anrückt — diese Befugnisse des Finanzamts wurden auch grade sehr erweitert — können die auch mal eben ein Brötchen, eine Pizza oder eine Bohrmaschine kaufen und sehen, was die Kassierer machen.

Ist in den Kassen wirklich eine Blockchain?

Nein, nicht wirklich. Aber etwas verwandtes. Auf jedem Bon muss nicht nur die Seriennummer des TSE vermerkt sein, sondern auch eine kryptografische Signatur. Darin ist nicht nur festgehalten, was auf dem Bon steht — sondern auch eine Art kryptografischer Fingerabdruck des ganzen Kassenbuchs. Wenn das Finanzamt dann diese Signatur mit den elektronischen Aufzeichnungen vergleicht, muss jede Manipulation auffallen.

Auf meinen Bons ist aber keine tolle Signatur zu sehen. Wieso?

Auf meinen Bons leider auch noch nicht. Grundproblem: Die TSEs wurden grade erst vor Kurzem vom BSI zertifiziert und werden nun produziert. Erst wenn die neuen Speicher montiert sind, werden nach und nach die Signaturen auf den Kassenzetteln zu sehen sein. Die Bonpflicht gilt dennoch bereits. Die Finanzämter verfolgen es lediglich bis September nicht, wenn die TSEs und damit die Signaturen fehlen.

Aber das System ist doch ganz leicht zu umgehen!?

Nein.

Muss ein Kunde den Bon mitnehmen wie in Italien?

Nein. Dank der Signatur ist es unnötig, viele Belege von Kunden einzusammeln, wenn eine Kassenprüfung ansteht.

Aber ich hab eine ganz tolle Idee! Was wäre, wenn…?

Ich habe mir in den letzten Wochen bestimmt 50 solcher Ideen angehört. Keine hatte auch nur ansatzweise mit den Sicherheitsmechanismen auseinandergesetzt. Wer sie nachlesen will, kann sich zum Beispiel durch diese 111 Seiten vom Bundeszentralamt für Steuern wühlen. Das ist nur eins von vier wesentlichen Dokumenten, aber es hat einen unbestreitbaren Vorteil: Der untere Teil des Bons wird hierin tatsächlich „Bonpo“ genannt.

Aber es soll doch nicht mal Bußgelder geben, wenn man keine Bons ausgibt. Warum sollte ich überhaupt mitmachen?

Natürlich kann man weiterhin einfach in die offene Kassenlade Geld einnehmen und nichts in die Kasse eintippen. Die Entdeckungswahrscheinlichkeit ist halt sehr viel höher. Ob die neue Gesetzeslage erfolgreich sein wird, hängt auch wesentlich davon ab, wie effektiv die Steuerfahndung kontrolliert. Hier haben die Landesregierungen die Zügel in der Hand. Ich vermute, dass die Gesetzgebung in den kommenden Jahren nachgebessert wird. Etwa wäre eine Erleichterung denkbar, dass Mini-Beträge nicht mehr in jedem Fall gebont werden müssen. Oder auch eine Bußgeldvorschrift, um die Bonpflicht durchzusetzen.

Warum werden die Kleinen kontrolliert und nicht die Cum-Ex-Betrüger, die so viel mehr Schaden verursachen?

Nun, das wissen wir nicht, es ist aber sehr unwahrscheinlich. Zur neuen Gesetzgebung wurden Schätzungen angeführt, die alleine durch Registrierkassenbetrug von einem jährlichen Schaden von fünf bis zehn Milliarden Euro ausgehen. Es gibt auch wesentlich höhere Schätzungen. Vor kurzem haben Richter in Osnabrück errechnet, das ein Betrüger-Duo ohne technische Ausbildung oder die Unterstützung einer kriminellen Organisation alleine einen Schaden von einer Milliarde Euro angerichtet hat. Und das war bei weitem kein Einzelfall. Die meisten Betrüger von damals dürften aber nicht erwischt werden, da die Kassen bisher viel zu einfach zu manipulieren waren.

Warum zwingt der Staat Gewerbetreibenden so viel Thermopapier auf? Das ist Sondermüll!

Nun: Soweit ich weiß, gibt es keinerlei Verpflichtung, Thermopapier zu verwenden. Realistisch betrachtet wird der Thermopapier-Verbrauch aber zunehmen. Immerhin: Ab diesem Jahr gelten auch neue Umweltvorschriften, so dass das Thermopapier zumindest deutlich weniger schädlich sein soll. Wer will, kann sich auch bei Spezialhändlern mit „Ökobons“ eindecken. Wenn ihr jedoch wütende Protestplakate beim Bäcker seht: Fragt doch mal, warum sie überhaupt eine Registrierkasse da stehen haben. Denn bis heute besteht in Deutschland keine allgemeine Pflicht, eine solche Computerkasse zu haben. Und ohne Computerkasse gibt es auch keine Bonpflicht. Man muss dann halt ein altmodisches Kassenbuch führen, das weder an die Warenwirtschaft angeschlossen ist, noch verhindert, dass sich ein Kassierer heimlich an den Firmenumsätzen bedient.

Die Bons und die Blockchain

Über Jahre habe ich mich lustig gemacht, dass es keine wirklich praktischen Anwendungen für die Blockchain-Technik gebe. Nun gibt es doch einen Use Case — und alle anderen machen sich drüber lustig.

Ihr habt sicher einige der Berichte gesehen. Ab 2020 sollen so ziemlich alle Geschäfte verpflichtend Kassenzettel ausdrucken. Auf Papier! Sogar beim Bäcker!! Wie zurückgeblieben!!! Und dann gab es noch dieses Facebook-Posting der Bäckerei, die mal eben alle Kassenzettel von zwei Tagen aus den Boden ausgeschüttet hat. Da wiehert der Amtsschimmel und der Laie wundert sich.

Bäckerei mit Bons auf dem Fußboden

Was aus unerfindlichen Gründen in all den Berichten nie erwähnt wird: Diese Bons sind nicht einfach nur Kassenzettel. Sie sind die absolut nachvollziehbare Anwendung der Blockchain-Technologie. In etwa wie Bitcoins — nur ausnahmsweise mal sinnvoll angewendet.

Eine Kasse ist ein Computer

Worum geht es? Nun, ich erinnere mich noch an meinen ersten Urlaub in Italien, eine Klassenfahrt. Dort gab es einen winzigen Laden in der Nähe des Strandes, bei dem etwas ganz merkwürdig war. Der Besitzer hatte eine große Registrierkasse neben sich stehen. Wenn wir dort aber ein Brot oder ein Eis kauften, tippte er die Beträge lediglich in einen großen Taschenrechner ein und kassierte den Betrag von uns. Erst Jahre später verstand ich: Das war praktizierte Steuerhinterziehung. Der Ladenbesitzer bezahlte nur Steuern auf die Beträge, die er in die Kasse tippte. Die Einnahmen, die nur im Taschenrechner landeten, waren steuerfrei.

Nun könnte man sich auf den stolz-teutonischen Standpunkt stellen: Ja, so ist das halt im Süden. Bei uns ist das doch etwas ganz anderes. Unsere Ladenbesitzer sind stolz auf ihre Registrierkassen und zahlen absolut korrekt ihre Steuern. Denn die Maschinen sind geeicht — und was gedruckt wird, lässt sich nicht so einfach wieder ausradieren.

Problem daran: Diese Vorstellung wurde zwar auch gerne von der Politik gepflegt, sie entsprach aber absolut nicht der Realität. Gerade im vergangenen Jahrzehnt wurde es immer offensichtlicher: Statt plump an der Registrierkasse vorbei Beträge zu kassieren, gab es einen schwunghaften Handel mit manipulierten oder manipulierbaren Registrierkassen. Auch wenn die Angestellten im Laden den ganzen Tag korrekt und richtige Beiträge eingaben, konnte der Besitzer am Abend mal eben die Kasse umprogrammieren und nach Belieben Buchungen wieder löschen. Folge: Der Umsatz schwindet, der Gewinn noch mehr und damit auch die Steuerlast.

Wirkliche Sorgen mussten sich die Schummler nicht machen. Denn die Methoden wurden immer raffinierter. So wurde etwa 2017 ein professionelles Betrugsnetzwerk abgeurteilt:

Der Saarländer soll die Kassen nebst Software dann 2006 an die Wirte im Saarland geliefert haben. Laut Aussage der Beteiligten lief der Steuerbetrug dann regelmäßig nach dem gleichen Muster ab. Zunächst wurde regulär abgerechnet und gebucht. Anschließend wurde ein Teil des Umsatzes aus der Kasse entnommen und in einen speziellen Tresor gebracht. Einmal im Monat kam dann einer der verantwortlichen Wirte mit dem USB-Stick und rechnete den Umsatz neu aus. Nach Erkenntnis der Ermittler soll der jeweilige Umsatz so in einer Größenordnung von bis zu 15, vielleicht sogar 20 Prozent nach unten korrigiert worden sein.

Die Betrüger hatten eins erkannt: Eine Registrierkasse ist an sich nichts weiter als ein Computer in einer merkwürdigen Bauform. Und wie jeden Computer kann man sie umprogrammieren. Waren die Beträge einmal gelöscht, dann konnte man dem Besitzer in der Praxis fast immer nichts nachweisen. So konnten Steuerfahnder nicht mal die Registrierkassen auf Manipulationen überprüfen — die falsche Software war auf einem externen USB-Stick gespeichert und hinterließ keine Spuren. Der geschätzte Schaden: Zwischen fünf und zehn Milliarden Euro jedes Jahr.

Eine der wenigen Möglichkeiten, den alltäglich gewordenen Betrug zu bekämpfen: Ein Finanzbeamter konnte in den Laden gehen und etwas kaufen. Löschte der Besitzer dann ausgerechnet diese Buchung, war er geliefert. Seine komplette Buchhaltung war als Betrug entlarvt.Erhärtete sich der Verdacht konnte dann das Finanzamt frei schätzen, wie viel Steuern der Geschäftsinhaber wirklich zu zahlen hat. Dann wurde es richtig, richtig teuer. Aber das passierte richtig, richtig selten.

Die Lösung: Stempeln gehen

Was ändert sich also mit der neuen Bon-Pflicht? Schließlich ist es immer noch sehr unwahrscheinlich, dass der Steuerfahnder genau einen Gegenstand kauft, der dann aus der Buchführung verschwindet. Nun: Hier ist der Clou: Die Bons enthalten eine — ich behandele den Begriff hier etwas frei — Blockchain-Signatur! Und damit quasi technologische Zauberkraft!

Aber nein, wie ich bereits einmal dargelegt habe, ist das Grundprinzip der Blockchain eine Art Stempel. Ein Stempel mit einem Kniff. Statt nur eine Quittung einzeln abzustempeln, ist in der Blockchain-Signatur ein kleines Stück von allen vorhergehenden Quittungen enthalten. Sprich: Mit einer Quittung kann man nachweisen, dass die gesamte Buchführung bis dahin in Ordnung war.

Nun — fragen mich so manche — Nun, Torsten, wenn wir eine Blockchain haben, wozu brauchen wir dann noch die Bons? Die Antwort in meiner Metapher ist: Die Blockchain-Technik ist ja nur der Stempel. Wir brauchen immer noch etwas, was wir abstempeln können. Oder eine etwas technisch korrektere Analogie: Bei dem Bon handelt es sich sozusagen um den zweiten Faktor einer Zwei-Faktor-Authentifizierung.

Die Sache funktioniert so: Auch mit Blockchain-Technik könnte ein Besitzer seine Registrierkasse nehmen und sie umprogrammieren. Würde er ein paar Buchungen löschen, ändert sich die Blockchain-Signatur sofort komplett. Das könnte ihm aber egal sein: Das Finanzamt kennt ja nicht die korrekte Signatur. Und da kommen die Bons ins Spiel. Nur wenn jeder Kunde tatsächlich einen Kassenzettel angeboten bekommt, kann der Besitzer seine Buchführung nicht mehr nachträglich ändern. Würde man Bons nur auf Verlangen ausdrucken, hätte es der Ladenbesitzer einfach. Da kaum ein Kunde Bons haben will, bleibt die Buchung so lange korrekt, bis niemand mehr einen Bon haben will. Der Rest ist frei zur Manipulation. Denn die Registrierkasse ist ein Computer und macht, was ihr Besitzer will. So ist es bei Spielekonsolen, so ist es bei Wahlcomputern. Computer sind Computer — auch wenn sie merkwürdig aussehen.

Gibt es denn wirklich keinen anderen Weg als Milliarden Bons auszudrucken? Natürlich gäbe es die. Aber auch die haben ihren Preis. So könnte das Finanzamt fordern, dass alle Buchungen in Echtzeit an den Staat übermittelt werden. Was gar nicht gut für den Datenschutz von uns allen wäre. Eine andere Möglichkeit ist schon im Gesetz vorgesehen: Bons müssen nicht in Papierform übermittelt werden. Stattdessen könnte man sie dem Kunden per E-Mail schicken, etwa auf sein PayBack-Konto buchen oder parallel zu ApplePay und GooglePay direkt ans Handy übermitteln. Dem Bäcker würde das wohl nicht so viel helfen, aber würden zum Beispiel die Supermärkte in die Gänge kommen, wären die Mehr-Bons ganz schnell eingespart. Und wenn wenigstens vier Milliarden pro Jahr dabei rausspringen, ist es für den Steuerzahler ein sehr gutes Geschäft. Danke, Merkle Tree.

PS: Hier noch ein paar Antworten auf noch offene Fragen.

Der Clou am Targeting

Alle paar Tage sehe ich eine neue Studie zu Social Bots und Microtargeting aufpoppen. Und sie haben im wesentlichen eine gemeinsame Botschaft: Auch wenn es diese Phänomene gibt, so ist ihre Wirkung höchst zweifelhaft. So zum Beispiel in diesem Beitrag von Keno C. Potthast über „Political Microtargeting“ – kurz:PMT.

Ganz grundsätzlich stellt sich aber bereits die Frage, ob und wie PMT überhaupt wirkt. Lassen sich Wähler*innen durch eine bloße Anzeige im Netz tatsächlich beeinflussen oder werden sie dadurch vielleicht sogar zur Partizipation und der Teilnahme am öffentlichen Diskurs animiert? Gleichermaßen ist auch hier zu konstatieren: Die Wissenschaft hat noch keine Antworten auf diese Fragen. Ob PMT eine Chance oder Risiko darstellt und wie gefährlich es tatsächlich ist, lässt sich noch nicht abschließend klären.

Kann eine einzige Anzeige einen Menschen umpolen? Wie wahnsinnig überzeugend müsste eine Anzeige sein, dass jemand vom SPD- zum AfD-Wähler wird — oder umgekehrt? Selbst wenn man lügen darf, würde wohl kaum jemand behaupten, dass er eine tolle Idee hat, wie man dies erreichen soll. Und dazu das Problem: Wird das Ziel der Kampagne diese einzelne Anzeige überhaupt sehen? Die meisten Werbebanner werden ja unbeachtet weggescrollt.

Solche Fragestellungen und Betrachtungen verkennen jedoch die grundsätzliche Funktionsweise des Werbemarktes. Es geht nicht um eine einzige Anzeige. Jeder kann sich mal überlegen, wie oft wir in den letzten Tage allesamt die aktuelle MediaMarkt-Kampagne mit Barbara Schöneberger gesehen haben. Auf Plakaten, im Fernsehen, auf YouTube, auf Bannern, im U-Bahn-TV, auf Instagram, und, und, und… Werbung ist ein Spiel auf Masse.

Der Clou am Targeting: Es ist ein konstanter Prozess. Tag für Tag. Hunderte und Tausende von Anzeigen. Nicht nur von einer Kampagne, sondern von Hunderten. Der Black Friday ist vielleicht das ideale Beispiel. Denn bei jedem einzelnen User scrollen einige Anzeigen für die Sonderangebote vorbei. Wer jedoch auf Facebook oder Google eine solche Anzeige anklickt und vielleicht sogar direkt etwas bestellt, wird sofort als als ideales Ziel für Black Friday-Kampagnen markiert. Dank eines lebhaften Adtech-Marktes und einem ständigen Geiz der Auftraggeber wandert die frohe Kunde von Datendienstleister zu Datendienstleister, von Werbenetzwerk zu Werbenetzwerk, von Facebook zu Twitter, von dem Nachrichtenportal zur Porno-Website. Denn all die Werbeanzeigen werden über die Rechner von Datenbrokern umgeleitet, die ständig versuchen, das letzte bisschen an Information auszuquetschen und zu vermarkten.

Wer einen Einblick bekommen will, kann etwa sein Twitter-Werbeprofil ansehen. Hunderte vermeintliche Interessen werden mit den Interessen aus anderen Datenbanken zusammengeführt und ab und zu bindet ein besonders eifriger Werbekunde noch eine Schleife darum und bindet ein Profil an eine „maßgeschneiderte Zielgruppe“. Das ist nur die alleroberste Schicht des Targetings. Wo diese Daten überall eingesetzt werden, weiß vermutlich nicht mal Twitter. Screenshot Twitter-Werbeprofil

Zweiter entscheidender Schritt: Das Micro-Targeting beruht auf einem Auktionssystem. Das mag bestimmte Anzeigenplätze zuweilen sehr teuer machen — aber durch die Bank wird Werbung sehr, sehr billig. Ich hatte vor Jahren mal das Anzeigen-Tool von Facebook erprobt und mit einem Gesamtbudget von unter 25 Euro konnte ich gezielte Anzeigen an meinen Redakteur schicken. Wer tatächlich länger im Markt ist und sich nicht davor scheut, in zwielichtigen Kontexten aufzutauchen, kann den gleichen Effekt mit Ausgaben von einigen Cent erreichen. Mit Microtargeting wird es weitgehend irrelevant, auf welcher Website, neben welchem Inhalt man wirbt. Und wer keine ethischen Maßstäbe hat, der kann sich heute an dem reichhaltigen Buffet bedienen, das als nicht „brand safe“ gilt und die Anzeigenplätze bekommen, wo Coca-Cola, MacDonalds und Nivea keine Werbung machen wollen. Zum Spottpreis.

Was haben wir nun? Eine fast unendliche Vielfalt von Werbeplätzen, die für unglaublich billige Preise und ohne Transparenz anzusteuern sind. Nun kommt noch das Profiling. Wenn man einmal als Black-Friday-Fan markiert ist, wird man mitunter einen schlagenden Effekt bemerken. Plötzlich handeln alle Anzeigen nur noch von diesem geheiligten Tag des Konsums. Keine Werbung für Autoversicherungen, keine Werbung für Blockchain-Anlegerverladen, und erheblich weniger Werbung, um in nur acht Tagen sieben Sprachen zu lernen! Stattdessen: Black Friday en masse. Und dann Cyber Monday.

Ähnlich kann dies auch in einem Wahlkampf passieren. Der Clou — insbesondere im US-Wahlkampf: Verschiedene Kampagnen können aufeinander aufbauen. Wer beispielsweise einmal auf eine Anzeige mit einer Fake-News geklickt hat, kann plötzlich zum Ziel legitimerer Werbung eines Super-PACs werden. Oder eines Kandidaten selbst. Oder der Firmen in Mazedonien, die keinerlei Interesse an einer politischen Kampagne haben, aber entdeckt haben, dass sie nur ein paar Fake-News-Websites aufbauen müssen, um all ihre Werbeplätze automatisch zu verkaufen.

Ein AI-gestütztes Marketing-Tool kann zum Beispiel die Kategorie „Judenhasser“ schaffen. Es ist niemand nötig, der diesen Effekt durchplant. Wahrscheinlich verpufft die Fake-News-Kampagne bei den allermeisten Nutzern. Bei einigen erreichen sie jedoch wahrscheinlich eine lawinenartige Masse und Geschwindigkeit und schlägt mit voller Wucht zu. Vielleicht reicht es aus, um die gesamte Facebook-Timeline umzuprogrammieren. Vielleicht reicht es aus, einen Menschen in einen Dauer-Aktivisten zu verwandeln, der 14 Stunden am Tag bei Twitter und Facebook postet und von einem Social Bot nicht mehr zu unterscheiden ist. Denn für soziale Netzwerke ist das Werbeprofil das entscheidende Profil. Und danach werden die Beiträge sortiert, die wir tagtäglich als erstes sehen. Vielleicht geht es sogar soweit, dass „Asylkritiker“ auf Porno-Seiten maßgeschneiderte Inhalte sehen, die sie in ihren ärgsten Ängsten bestätigen.

Lange Rede, kurzer Sinn: Die wissenschaftliche Beschäftigung mit Fake-News und Social-Bots basiert weitgehend auf einem Werbesystem, das längst durch eine viel komplexere Version ersetzt wurde. Es ist nicht mehr notwendig, dass irgendjemand die Beeinflussung von Wählern zentral durchplant. Das dominierende Werbesystem hat viele verstärkende Effekte eingeführt, die so manche Kampagne unvermutet nach oben schwimmen lässt, so dass sie schließlich die komplette Online-Wahrnehmung eines Menschen prägen kann. Wer wirklich ergründen will, welchen Einfluss Micro-Targeting, Social Bots und Fake-News haben, muss daher den Werbemarkt mitanalysieren.