Crowd-Verkehrsservice

Die Online-Redaktion des Kölner Stadtanzeigers hatte vor ein paar Monaten eine pfiffige Idee: Sie führte auf Twitter das Hashtag #koelnverkehr ein und postete immer mal wieder einige Verkehrsmeldungen. Eigentlich eine tolle Idee: die Verkehrsmeldungen im Radio sind schlichtweg nervig. Das Echtzeitmedium Twitter doch viel besser geeignet relevante Informationen zu mir zu transportieren.

Doch das Ergebnis ist bisher nicht sehr ermutigend.

Sicher: über die üblichen Informationswege, hätte ich nicht von der Fahrkartenkontrolle erfahren. Aber ich war nicht dort unterwegs und wäre auch nicht ohne Fahrschein angetroffen worden.

Aber viel wichtiger: Der Zündfunke reicht nicht aus. Einfach einmal täglich ein paar Warnmeldungen zu schicken, reicht nicht aus eine kritische Masse von Nachahmern zu gewinnen. Und ich als Leser will auch nicht unbedingt alle Verkehrsmeldungen rund um Köln in Echtzeit mitgeteilt bekommen, während ich hinter meinem Schreibtisch sitze.

Blick von jenseits des Tellerrands

Im September hat sich ein Michael Bernstein vom US-amerikansischen National Public Radio auf den Weg gemacht, um den Berichten über die Proteste gegen Google und Facebook in Deutschland nachzugehen, das Verhältnis der Deutschen zu ihrer Privatsphäre zu ergründen. Ich war einer derjenigen, die von Bernstein befragt wurden und ich weiß nicht, ob ich mehr zur Verwirrung oder zur Aufklärung der Situation beigetragen habe.

Jetzt ist das Ergebnis dieser Reportagereise online: herausgekommen ein interessanter Mix aus den verschiedenen Sichtweisen auf das Thema.

In a country where hanging out in the park naked is a weekend pastime, Germany has recently made international headlines for its virtual prudishness. American tech companies are under close scrutiny. Facebook was threatened with fines if it didn’t tighten its privacy controls. Apple’s iPhone 4 raised concerns over collection of user data. And then, of course, there was that enormous brouhaha over Google Street View.

Der Englische Garten hat offenbar großen Eindruck in den USA gemacht. So sind wir wohl jenseits der Atlantik als FKK-Volk bekannt. Aber wenn Bernstein historische Zusammenhänge bemüht, wird es noch interessanter: denn nicht nur der säbelschwingende Adel, sondern auch die Nazis haben uns ihren Stempel aufgedrückt.

Yale Law School Professor James Whitman says this idea has roots in Europe’s legacy of dueling. When private details went public in the past, nobles challenged the leaker to a duel with a sword or pistol. An invasion of privacy, after all, was an attack on one’s honor.
Today in Germany, weapons have been replaced by strict privacy laws. And while many Germans may think the laws were made in reaction to their totalitarian past, in fact, Whitman says, quite the contrary.

JAMES WHITMAN: The Nazis insisted on the right of every ordinary German to protection of personal dignity and personal honor. Privacy in the German sense – every member of the national community had a right to dignity, including members of the lowest social status.

The fact the fascists made this promise belonged to their competition with Communist movements. What the Nazis were saying was that where they would not redistribute wealth, they would nevertheless redistribute honor.

Eins ist mir klar geworden: Das Thema Datenschutz ist noch komplexer als ich es bisher annahm. Es fällt mir sehr schwer jemandem aus einem anderen Kulturkreis wie den USA mein Verständnis über Datenschutz und Privatsphäre zu erklären – nahezu unmöglich ist es hingegen, eine konsistente Erklärung zu finden, wie es denn dazu kam.

Aprospos:

Seit der WLAN-Affäre im Mai sind in Deutschland keine Autos mehr unterwegs. […] Nun muss sich Google in Italien einen höheren Auflage stellen. Auf der Webseite muss Google nun drei Tage im Voraus ankündigen, wo Aufnahmen geplant sind. Dies ist wesentlich genauer als in Deutschland, wo nur der Zeitraum für zwei Monate genannt wurde.

Das entspricht ja ungefähr dem, was ich im August vorgeschlagen hatte.

RTL2 muss nicht sein, Arroganz aber auch nicht

Spannende Idee: Ein Fernseh-Programm ohne RTL2, dafür mit einem Radio-Programm. Bei den Verlagen sind die Macher abgeblitzt, nun suchen sie im Internet Abonennten.

Prinzipiell würde ich zum sehr interessierten Kreis gehören. Aber warum kann man die wenigen Muster-Seiten nicht lesen? Gerade die Programmauswahl ist angesichts immer neuer Digitalkanäle die Quadratur des Kreises. Wenn die Programm-Macher nicht mal verraten, welche dieser Kanäle sie denn bemerkenswert finden oder dem künftigen Leser die redaktionelle Aufarbeitung des Programms eines beliebigen Tages zeigen können, sollen wir wohl die Katze im Sack kaufen. Oder erwarten sie, dass wir uns ins Layout verlieben?

Zudem scheint mir das Konzept überladen und ein wenig etepetete. Autoren-Texte von Charlotte Roche über Simone de Beauvoi interessieren mich nicht. Die sonstigen Themen: Dschungelcamp und Radio-Tatort. Nicht vielversprechend.

Und ist es nicht arrogant, wenn die Jungverleger zwar im Internet um Abonnenten werben, im Heft-Konzept die „neuen Medien“ aber komplett ignorieren? Stattdessen wird ein bundesweiter Theater-Kalender auf zwei Seiten gedruckt. Wohl für Leute, die auf dem Weg nach Bayreuth mal eben die Medienentwicklung verschlafen.

PS: Ich hab mir jetzt einen digitalen Videorekorder bestellt. Wozu brauche ich überhaupt noch Tageslistings?

Liberal media bias für Fortgeschrittene

Für Leute, denen Jon Steward zu repetitiv und Stephen Colbert zu nervtötend ist, habe ich einen Tipp. Die Sendung This American Life.

Die Sendung ist der feuchte Traum eines pundits: eine von Ostküsten-Intellektuellen produzierte Show über abartiges Verhalten, garniert mit verblendeter Regierungskritik. Die Autoren sind Juden, Kanadier, schwul oder gar Frauen. Damn liberal media bias!

Nein, im Ernst: die Sendung präsentiert für mich das Ideal eines Feuilletons. Im Radio. In literarischen Reportagen werden Lebensläufe, Kuriositäten und Skizzen aus dem amerikanischen Leben präsentiert. Jeweils eine Stunde lang, jeweils zu einem bestimmten Thema. Ich hab in den letzten Wochen immer wieder mal reingehört und habe viele sehr interessante Geschichten gehört.

So zum Beispiel die über die Sub-prime-Krise, die das Phänomen besser zusammenfasste als alles, was ich bisher gehört habe. Eine Preisverleihung für absurde Finanzprodukte. Barkeeper, die plötzlich miese Hypotheken handeln und haufenweise Geld verdienen. Nachdenklicher ist die Episode Mistakes were made, in denen ein Pionier der cryonics vorgestellt wird, der in aufopfernder Weise die Idee umsetzte, Menschen einzufrieren, um sie in Zukunft wieder zu beleben. Doch dann nimmt die Geschichte eine überraschende Wende. Grade erst zur Hälfte gehört habe ich die Folge über den amerikanischen Hausmeister. Darin wird unter anderem die Geschichte von Bob erzählt, der Gebäude in NYC verwaltete, auf die Glühbirnen achtete und jedem erzählte, dass er in Brasilien Immunität besitze und sogar den Präsidenten töten könne ohne bestraft zu werden. Und wie sich heruasstellte, dass das keine Erfindung war. Einen ganz anderen Blick auf den Irak-Krieg liefert die Folge Big Wide World, in der ein Diplomatensohn erzählt, wie er erst für Saddams Regime, dann für die US-Armee und die Medien arbeitete, um schließlich in die USA auszureisen.

Panik um 8:55

Das Geräusch ist schrecklich. In Sekundenbruchteilen ruft mein Kleinhirn: „Alarm“. Mit großen Schritten hechte ich durch meine Wohnung, suche die Quelle des Übels. Blitzschnell kalkuliere ich meine besten Erfolgsaussichten: Stromzufuhr kappen? Sinnlos, wegen der Akkus. Den Regler betätigen? Dauert zu lange. Wie von selbst findet meine Hand den Hammer, den ich schon vor Wochen wegräumen wollte. Noch einen Schritt, kräftig ausholen – Gefahr gebannt.

Wie viele Radios hat Xavier Naidoo eigentlich auf dem Gewissen?

Cross-Marketing bei der Netzeitung

Ich schätze ja die Rubrik „Altpapier“ im Medien-Teil der Netzeitung. Doch heute stutze ich, als ich auf den Artikel unter der Überschrift Motor FM jagt die großen Radiosender stieß:

Internet- und Analog-Radio – für den Berliner Sender 100.6 Motor FM hat das von Anfang zusammen gehört. Das zukunftsorientierte Denken hat sich bereits ausgezahlt.

Gerade einmal ein Jahr ist der Radiosender Motor FM in Berlin und Brandenburg auf der Frequenz 100,6 zu hören – und schon kennt ihn jedes Kind. Aus der jüngsten Analyse der TNS Emnid über die Marktanteile im Radiosektor geht Motor FM als Senkrechtstarter hervor. In der Zielgruppe der unter 30-Jährigen erzielte der Sender aus dem Stand Marktanteile, die einem Viertel derer der Marktführer Energy, Fritz oder Kiss entsprechen.

Wie kommt so eine Null-News im reißerischen PR-Stil in den redaktionellen Teil der Netzeitung? Nun, ein Blick in das Impressum von Motor FM legt einen bösen Verdacht nahe:

100,6 Motor FM ist ein Gemeinschaftsprojekt des Plattenlabels „Motor“ und der NETZEITUNG.

1. VERANSTALTER und WORTREDAKTION:

NZ Netzeitung Hörfunk GmbH
Albrechtstraße 10
10117 Berlin

Zwar wurde diese GmbH im Zuge des Verkaufs der Netzeitung ausgegliedert, nach wie vor kooperiert die Netzeitung aber mit Motor FM. Das sind keine guten Aussichten für die Zukunft der Netzeitung.

PS: Andere Medien wie Horizont oder der Tagesspiegel schaffen es über die Reichweiten gleich mehrere Sender zu berichten – ohne werbliche Anpreisung. Aber vielleicht hat Motor FM die Begeisterung der redaktionellen Schwester auch nötiger: Die Medienanstalt Berlin-Brandenburg hat nämlich die Frequenz neu ausgeschrieben.

Live im Internet

Eben auf WDR 2:

„Das Spiel übertragen wir live im Internet, im Digitalradio und auf unseren Mittelwellefrequenzen.“

Seit wann das denn? Darf der WDR jetzt einfach weltweit Spielberichte versenden? Und seit wann rangieren Interent und Digitalradio vor der guten alten Mittelwelle (die das Recht auf Rausch für jeden vorbildlich erfüllt).