Dumpio Experts

Die Blog-Zähler von Wikio.com haben mir ein tolles Angebot unterbreitet. Sie haben eine Plattform namens „Wikio Experts“ und ich als Experte darf mich daran beteiligen. Yay!

Jeder veröffentlichte Beitrag wird von uns vergütet, entweder mit einem festen Betrag oder über Umsatzbeteiligung. In der Regel zahlen wir pro Artikel 5 bis 15 Euro, je nach Thema und Arbeitsaufwand. Die Beiträge sollen zwischen 300 und 400 Wörtern lang sein. In Frankreich, wo Wikio Experts schon seit 7 Monaten online ist, erhalten unsere Mitglieder oft rund 350 Euro pro Monat.

Liebe Wikio-Mitarbeiter,

natürlich werde ich gerne für 5 Euro 400 Wörter liefern. Schließlich texte ich ja gerne! Und dass ihr mir sogar etwas bezahlt, ist dann nur ein unverhoffter Bonus. Dafür bekommt ihr sogar alles exklusiv.

Aber Ihr macht doch auch sicher gerne ganz tolle Sachen. Zum Beispiel Heimwerken. Machen wir es doch so: Bevor ich Euch meinen Experten-Artikel liefere, streicht Ihr meine Wohnung komplett für 5 Euro. Die Farbe bringt ihr natürlich mit. Und Einkaufen macht auch Spaß! Also erlaube ich Euch, meine Wocheneinkäufe zu erledigen. Für einen Einkaufwagen voll hochwertiger Bio-Lebensmittel zahle ich Euch nochmal 5 Euro. Ach, was soll der Geiz: 10 Euro. Aber dann sollten schon ein paar gute Flaschen Wein dabei sein. Sonst macht das Einkaufen keinen Spaß, gell?

Wisst Ihr was noch Spaß macht? Schlecken und Körperhygiene. Wenn ihr beides verbinden wollt, könnt ihr mich gerne am Allerwertesten lecken. Das aber umsonst.

Medienethik zum Sonntag

Ein Promienter ist tot. Freitod. Selbstmord.

Verschweigt man den Menschen, was nicht zu leugnen ist?

Oder ignoriert man, dass nach prominenter Selbstmord-Berichterstattung die Zahl der Nachahmer sprunghaft ansteigt?

Es gibt natürlich auch Abstufungen: die taz klemmt die Todesart in den letzten Absatz des Artikels.

Bild.de hingegen:

Und Express.de:

A Punkt. Das ist keine medienethische Übersprungshandlung, um wenigstens ein Detail nicht auf die Titelseite zu setzen. Es ist ein Zitat aus dem Abschiedsbrief. Die Botschaft: wer Alzheimer hat, wer Worte verliert, sollte sein Gut bestellen, reinen Tisch machen, den Schlussstrich ziehen. Solange er noch kann.

Sprachverlust, diese Diagnose muss die Redakteure bei Express.de hart treffen. Denn unter dem Screenshot des Briefes lesen wir die Aufforderung: ZUM LESEN GROSS KLICKEN.

Keine Bange, es handelt sich nicht um Alzheimer. Diese Leute gehen mit der Sprache immer so um. Es ist kein Symptom, es ist ihr Broterwerb.

PS: Es geht immer etwas schlimmer.

Das ist wirklich unterhaltsam. Entertainment!

Club der toten BKA-Präsidenten

In den letzten Monaten sehe ich immer wieder grotesk wirkende Tickermeldungen, unter denen das Kürzel „dts Nachrichtenagentur“ steht. Laut Eigenwerbung ist der Vorteil dieser Nachrichtenquelle, dass sie besonders schnell ist und sich nicht mit unnötigen Dingen wie Korrespondentennnetzen oder Hintergrundberichten belastet.

Wohin das führt zeigt zum Beispiel diese Meldung:

Während seiner Zeit als Präsident des Bundeskriminalamts von 1965 bis 1971 hat der Spitzenbeamte Paul D. offenbar Zahlungen vom US-amerikanischen Geheimdienst CIA erhalten. […] In den Akten findet sich etwa der Vermerk eines CIA-Mannes, der D. im Dezember 1968 in Wiesbaden traf. Bei dem rund einstündigen Treffen habe er D. auch „dessen Gehalt für den Monat Dezember“ und „sein Weihnachtsgeschenk“ übergeben. D. war während des Zweiten Weltkriegs SS-Untersturmführer und verstarb im Jahr 1973.

D Punkt? Warum haben die „Rechercheprofis“ den Namen abgekürzt? Weder der Deutschlandfunk, noch die taz hielten das für nötig. Auch die Vorabmeldung des Spiegel enthält den Namen Dickopfs. Hat die „Eilmeldungsagentur“ vielleicht solche Angst vor einem potenziellen Rechtsstreit, dass sogar Wikipedia-öffentliche Informationen einfach viel zu brisant sind?

Unternehmerjournalismus

Immer wieder höre ich Appelle, dass Journalisten sich doch immer mehr als Unternehmer begreifen sollten. Zum einen ist das eine Selbstverständlichkeit: weite Teile der Arbeit in Medien wird von „Freien“ gemacht, die sehen müssen, dass sie Aufträge bekommen und Themen besetzen. Also: ich bin schon Unternehmer. Was sollen also die nicht enden wollenden Appelle?

Mein Unbehagen an der Sache beschreibt Hans Leyendecker in einem Artikel über eine Studie, die sich mit der „Bild“ beschäftigt.

Was immer Bild treibe, schreiben Arlt und Storz, diene „primär der Selbstdarstellung des Blattes und nur als Nebenfolge der Informationsvermittlung“. Was an Bild Journalismus sei, habe „eine dienende Funktion, nicht für das Publikum, sondern für die Marke Bild“. Das Massenmedium tritt demnach hauptsächlich als Öffentlichkeitsarbeiter für seine eigene vermeintliche Wichtigkeit auf – um Geschäfte zu machen. An Bild gehe kein Weg vorbei, ist die gewünschte Botschaft. Auch für Unternehmen.
[…]
Nach den Feststellungen der Autoren „dramatisierte, moralisierte, emotionalisierte, personalisierte“ Bild nimmermüde das Thema. Rund zwanzig Sätze mit durchschnittlich 220 Worten habe ein durchschnittlicher Bild-Bericht, lernt der Leser der Studie. Na und? Weit interessanter als diese Zählerei ist die These von Arlt und Storz, die Griechenland-Kampagne sei weniger eine misslungene politische Mission gewesen als ein „Instrument des Reputations- und Markenmanagements“: Bild habe sich als Wächter der vermeintlichen Interessen des deutschen Steuerzahlers geriert. Ein politischer Erfolg der Griechenland-Kampagne sei aber von Anfang an zweitrangig gewesen.

„Bild“ ist ein erfolgreiches Unternehmen. Wenn ich also mehr Unternehmer sein soll, soll ich vielleicht mehr wie die Boulevardzeitung sein? Bedeutet mehr Unternehmer zu sein nicht auch, dass ich etwas weniger Journalist sein sollte? Recherchen kostenoptimieren. Skandale schüren, so lange sie Leser bringen? Provokante Thesen suchen — nicht weil ich an sie glaube, sondern weil sie meinen Namen nach oben bringen? Querfinanzierungen suchen, meine Expertise in Beraterverträge und Nebenjobs ummünzen?

Ja: Unternehmertum bedeutet auch Freiheit, Mut zur Kreativität, neue Wege ausprobieren. Geschichten schreiben, die in den alten Verlagsstrukturen keinen Platz hatten. Aber die Verlockungen sind groß, den falschen Weg zu nehmen.

Openleaks – der Flicken an der falschen Stelle?

Derzeit tobt ja der Kampf Openleaks versus Wikileaks, Daniel versus Julian durch alle Gassen. Dabei gehen nicht nur die Inhalte der berüchtigten „cables“ in Vergessenheit, sondern auch das Leaken selbst, das Veröffentlichen von Geheimnissen, die Kontrolle der Macht ist aus dem Blickfeld geraten.

Constanze Kurz hat es bei einer Veranstaltung der Böll-Stiftung richtig gesagt: Ohne eine Organisation wie Wikileaks wären die Depeschen der US-Diplomaten wohl nie so groß veröffentlicht worden. Die meisten NGOs und Zeitungen wären vor dieser gewaltigen Aufgabe zurückgeschreckt. Oder kurzscher ausgedrückt: „Also den Arsch in der Hose muss man erst mal haben.“

Für fast alle anderen Leaks gilt aber: dazu hat es Wikileaks nicht gebraucht. Zumindest im Prinzip nicht. Denn wir feiern Jahrestag um Jahrestag wieder die Erfindung einer Technik, mit der quasi jeder Dokumente weltweit veröffentlichen kann: das Internet. Das World-Wide-Web war nicht als Lesemedium gedacht, sondern sollte vor allem das Publizieren vereinfachen. Wenn Dokumente tatsächlich so brisant sind, dass sie sich selbst verbreiten reicht es aus, die Dokumente einem einigermaßen bekannten Blogger in die Hand zu drücken, auf Google zu stellen oder sogar – wenn es die Kürze erlaubt — in Webcomics einzuschmuggeln.

De facto hat Wikileaks schon vor über einem Jahr das Publizieren eingestellt — und trotzdem ging das Leaken weiter. ACTA-Dokumente, Bankenskandale Geheimberichte der Bundeswehr fanden ihren Weg an die Öffentlichkeit. Für 99,9 Prozent der Fälle gilt: ohne Wikileaks geht es ohne Probleme weiter wie bisher. Wikileaks war nicht die Kommunikationsrevolution, sondern nur das Symptom, eine Entwicklung die eigentlich unvermeidbar war. Halbe Bibliotheken passen auf Daumennagelgröße, das IT-Sicherheitsverständnis der Mächtigen ist unterentwickelt und die Skandalmaschinerie der Medien verlangt nach ständig neuer Nahrung.

Nur um nicht missverstanden zu werden. Leaken ist für Informanten nach wie vor mit hohen Risiken verbunden — ich möchte das nicht klein reden. Aber das Risiko ist zu managen. Beziehungsweise: der Leaker macht sich nicht nur durch die simplen Fehler bei der Datenübermittlung angreifbar. Insofern ist es zwar ganz interessant und ehrenvoll, dass Daniel Domscheit-Berg mit OpenLeaks einen Kommunikationskanal plant, der Informanten unterstützen will, indem er anonyme Kommunikation absichert und Metadaten entfernt.

Aber das deckt eben nur einen sehr kleinen Teil des Leakens ab. Die mutmaßliche Quelle von Wikileaks wurde verhaftet, weil er sich auf anderen Kanälen bemerkbar machte. Ein Whistlerblower, der allein in seinem Kämmerlein sitzt, Dokumente in einen toten Briefkasten wirft und keinerlei Rückmeldung erhält, tendiert dazu sich auf andere Weise sichtbar zu machen.

Zudem: nur in seltenen Fällen ist eine Akte ohne Kontext oder andere begleitende Dokumente schon ausreichend, einen Skandal aufzudecken. Selbst wenn man als Bestandteil eines Systems Informationen zuordnen kann – außerhalb der Organisation sind im Zweifel nur wenige Menschen fähig, die richtigen Zusammenhänge zu sehen. Oder gar die Irrtümer eines Whistleblowers fachgerecht zu sehen. Wikileaks selbst hat es demonstriert: die Redakteure des Collateral Murder“-Videos haben geflissentlich die Waffen der angeblichen Zivilisten am Boden übersehen, haben ignoriert, dass es bereits ein Buch gab, dass die Geschehnisse an diesem Tag in Baghdad beschrieben hatte. Die Bilder waren stark und emotional, der Kontext komplett falsch. Auch so kann man die öffentliche Meinung beeinflussen und sogar Geschichte schreiben.

Lange Rede, kurzer Sinn: ich glaube nicht, dass es derzeit einen Mangel an Publikationsmöglichkeiten gibt. Was fehlt: Organisationen, die Kontexte herstellen können, die es sich erlauben auch Mal 15000 Seiten Aktenmaterial durchzuarbeiten ohne einen Skandal zu finden oder daraus zu konstruieren. OpenLeaks will dies nicht sein. Zusammengesparte Redaktionen haben es schwer, und die öffentliche Aufmerksamkeit ist durch die fortwährende Skandal-Kanonade schon fast taub geworden.

Was benötigt wird ist: guter Journalismus.

Lamestream Media

In diesen Tagen ist es so einfach zum Medienkritiker zu werden: jeder Fernsehsender, der nicht 24 Stunden am Tag vom Gemetzel in Kairo berichtet, ist ein Relikt vergangener Tage, versündigt sich am Erbe der friedlichen Revolution in der DDR, die wir nun am Bildschirm nochmal nacherleben wollen. Live. Jeder Kommentar, jede Überschrift muss die unverbrüchliche Treue mit den Regimegegnern ausdrücken — wer immer sie sein mögen — und den Westen für seine Unterstützung Mubaraks verdammen.

Ich muss übertreiben – sicherlich. Oder etwa nicht? Zum Beispiel hat der allzeit streitsame Jens Best bei tagesschau.de einen Propaganda-Stoßtrupp des ägyptischen Regimes geortet:

Gemeint war dieser Beitrag, in dem der Autor zum Beispiel dies schreibt:

In Kairo, Suez und Alexandria gilt eine verlängerte Ausgangssperre, die um 15.00 Uhr nun eine Stunde früher beginnt und bis morgens 8.00 Uhr andauert. Diese Maßnahme wird von Beobachtern als Bestätigung für den Verdacht gewertet, dass die Plünderungen und das Chaos der vergangenen zwei Tage vom Regime bewusst verursacht worden waren, um die Demonstranten zu schwächen.

Jens Best und viele andere Twitterer haben das wohl nicht gelesen – sie nahmen die Überschrift, ergänzten sie durch ein paar Worte aus ihrer Fantasie und erregten sich. Aber gut, was will man von dem 140-Zeichen-Schnell-Schnell erwarten?

Wenden wir uns also der FAZ zu, in der Jochen Hieber den öffentlich-rechtlichen Sendern ein miserables Zeugnis ausstellt.

Nein, genau das hatten wir eben nicht – knapp elf Minuten hatte Mubaraks Rede gedauert, sie war für den Moment das Ereignis schlechthin und fand just während der Sendezeit des „Journals“ statt. Wir aber sind, Goethe abzuwandeln, eben nicht dabei gewesen, nicht in der ersten, der zweiten oder wenigstens der letzten Reihe. Dass auch die „Tagesthemen“ der ARD, die am Dienstag um 22.30 Uhr begannen, nicht in der Lage waren, die Rede ausführlich (am besten: ganz) zu dokumentieren und deren Wortlaut einer ersten Interpretation zu unterziehen, macht die Sache vollends zum Trauerspiel. Wovon erzählt es?

Nun — es erzählt davon, dass Herr Hilber seine Fernbedienung verlegt hat oder sie nicht bedienen kann. Ich wunderte mich nämlich wie er über den Mini-Ausschnitt der Mubarak-Rede im heute-journal – war aber nicht wirklich erstaunt oder sauer. Stattdessen schaltete ich auf Phoenix um, wo ich mit einigen Minuten Verzögerung die Ansprache in voller Länge sah. Ich kam zum Schluss, dass „das Ereignis schlechthin“ eine Ansammlung von Phrasen war, die nur eine wesentliche Information enthielt: Mubarak will bis September an der Macht festhalten.

Diese Staatspropaganda in voller Länge vorzuspielen gehört in meinen Augen nicht zu den vorrangigen Zielen im Programmauftrag der GEZ-finanzierten Sender, wenn mit eben diesen Gebühren bundesweit ein Nachrichtenangebot finanziert wird, das mit einem Druck auf die Fernbedienung zu erreichen ist. Mit der gleichen Berechtigung könnte man kritisieren, dass der FAZ-Artikel nicht das Nachtprogramm abdeckt. Redaktionsschluss oder Schlaf sind in diesen Zeiten der Moment-Ereignisse doch irrelevant geworden.

Die Ereignisse in Ägypten zeigen, wie viel Macht Informationen und damit auch „die Medien“ haben. Diese Macht verlangt nach Kontrolle und Kritik. Haben die Medien im Verbund mit den westlichen Regierungen ein Unrechtsregime gestützt? Sind die Journalisten so gefangen im Schema von „Die Regierung hat gesagt, die Opposition erwiderte“, dass sie vergessen, dass sie über echte Menschen, über fundamentale Umstürze berichten? Wie kann die ARD sein Korrespondentennetz effektiv nutzen, wenn das Publikum bei Revolutionen 24/7-Berichterstattung fordert, aber beim Weltspiegel oder den Hintergrundberichten von Deutschlandradio gelangweilt wegschaltet?

All dies sind legitime Fragen. Um sie zu beantworten, muss man jedoch hinsehen, hinhören und nachdenken.

P.S. Bei mir zu Hause liegt die ARD auf Programmplatz 1, arte auf der 2 und Phoenix auf der 3. Medienkompetenz fängt zu Hause an.

P.P.S.: Nach einem weiteren FAZ-Angriff schlägt ARD-Aktuell-Chefredakteur Kai Gniffke zurück:

Wir hätten die Rede von Hosni Mubarak am Dienstag live übertragen sollen, heißt es da. Meint der Autor das ernst? Das wäre so als wenn wir jetzt jede Rede von Fidel Castro live zeigen würden. Es könnte ja die letzte sein. Was würden wir den machen, wenn Husni zwei Stunden lang Parolen absondert – draufbleiben, weil’s so toll ist? Unser Job als Journalisten ist es, zu bewerten, zu gewichten, auszuwählen und nicht einfach laufen zu lassen.

The Daily – Keine Zeitung für mich

Heute wurde mit viel Pomp die neue Super-Duper-Zeitung für das iPad vorgestellt: „The Daily“. Nach der Vorführung glaube ich nicht, dass dieses Medium die Antwort auf irgendeine Frage ist, die jemand zur Zukunft des Publizierens gestellt hat.

Zunächst einmal präsentierten Murdoch & Mitarbeiter, zwei ach so tolle Features: schwenkbare Panorama-Aufnahmen und Sportlerköpfe, die sich plötzlich von unten in das Layout schieben. Das fand ich schon schlimm, als sich Netscape an DHTML versuchte. Erinnert sich noch jemand an die Schmetterlinge, die plötzlich über jede zweite Webseite flogen? Es war schrecklich. Die 3D-Ansichten kamen ein paar Jahre später, verlangten die Installation irgendeines Plugins. Das lag dann bis zur Neuinstallation auf der Festplatte lag ohne je wieder genutzt zu werden.

Die Redaktion von „The Daily“ hat zwei Alternativen: Entweder baut sie Geschichten um dieses tolle Rundumblick-Feature herum. Das erfordert einiges an Personalaufwand: Mindestens zwei Leute müssen um die Welt reisen, um wirklich spektakulären Bilder zu bauen und dazu eine spannende Geschichte zu erzählen. Wahrscheinlicher ist die Lösung: Murdochs Mannen bedienen sich bei irgendeinem Katalogs fertiger Panoramen und bringen die unter wo es grade rein passt. Oder auch nicht. Wer das Wort „Symbolfoto“ hört, weiß welches Ungemach solche fest installierte Features haben – wenn man nichts findet, was in den redaktionellen Kontext passt, nimmt man halt irgendwas.

Die Fixierung auf das Interface scheint einem der Präsentatoren direkt aufs Hirn geschlagen zu sein, indem er die unglaublich guten Bilder aus Ägypten lobt, ohne mit einem Wort auf den Inhalt einzugehen – eine Revolution als herrliche Staffage für das neue Medium. Brilliante Bilder sind wichtig, ein twitternder Reporter unverzichtbar, Journalismus jedoch spielt nur eine Nebenrolle. Jonathan Price lässt grüßen.

Der Preis ist mit 99 Cent pro Woche sehr, sehr günstig. Oder soll ich schreiben: zu günstig? Die exklusiv zusammengekaufte Redaktion muss über Werbung finanziert werden, die man möglichst nicht überblättern kann und gegen die auch kein Adblocker hilft. Ein großer Teil der Einnahmen wird — wenn man sich an Projekten wie der Second-Life-Zeitung Avastar orientieren kann – mittelfristig von App-Entwicklern kommen, die bei „The Daily“ werben, beziehungsweise, die von „The Daily“ direkt verlinkt werden. Wie in New York betont wurde, wird die iPad-Zeitung bei Apps einen publizistischen Schwerpunkt setzen – mit Direktanbindung an Apples App Store. Provisionseinnahmen treffen auf journalistische Unabhängigkeit.

Ich will nicht ausschließen, dass „The Daily“ DAS Medium für tolle Reportagen sein wird, die angeblich Mal vor 20 Jahren im Playboy gestanden haben mögen. Zum Produktstart haben die Verantwortlichen aber nichts gezeigt, was diese Hoffnung nähren würde.

Irrsation

Genie und Wahnsinn liegen nah, genau wie Sensation und Irrsinn. Besonders auf Bild.de.

Auf der einen Seite die Aussage eines sachverständigen Zeugen, auf der anderen Seite total inaktuelle Erkenntnisse über eine ganz und gar fiktionale Theorie. Links: Irrsinn. Rechts: Sensation.

Ferndiagnose einer Ferndiagnose

Es wird ja viel Mist zu Wikileaks geschrieben. Es ist deprimierend mit anzusehen, wie eine so komplexe Story in Banalitäten und Info-Schnippsel zerteilt und über 24-Stunden-Infotainment-Kanäle in die Bevölkerung gepumpt wird. Man kann die größten Skandale offenbaren – und trotzdem ändert sich nichts an dieser korrupten Welt.

Das hat auch Arno Frank mitbekommen und schildert uns die vielen Unzulänglichkeiten der Berichterstattung – angefangen von dem peinlichen Interview bei CNN bis hin einem bitter-bitter-bösen Artikel der New York Times, über den sich Julian Assange medienwirksam mokiert hat.

Er lebt, wenn er nicht in wechselnden Wohnungen auf einem Sofa übernachtet, in einer einsamen Hütte in Nordschweden. Er war Hacker. Er ist ein egomanischer Tyrann. Er wechselt seine Mobiltelefone wie andere Männer ihre Hemden. Er bezahlt nie mit Kreditkarte, sondern immer nur bar, und das Geld leiht er sich von Freunden.

[…]

Genau so las man’s in der New York Times, die ihrer Berichterstattung zu den Enthüllungen von Wikileaks ein Fernpsychogramm von Julian Assange beistellte. Um zu ihrem Fazit zu kommen, dass der Typ ein gefährlicher Irrer ist, mussten Journalisten nicht einmal bei einem Psychiater einbrechen. Wikileaks tut, was eigentlich Aufgabe des Journalismus wäre. Darauf reagiert der Journalismus gereizt und gekränkt.

Irgendwie habe ich den Eindruck, dass Frank den New York Times-Artikel ebenfalls nur ganz aus der Ferne gelesen hat. Denn von einer Ferndiagnose kann absolut keine Rede sein: Reporter der Zeitung haben Assange – zumindest kurz – in London begleitet, sie haben viele Menschen aus dem Umfeld von Wikileaks interviewt, sie haben ihre Büros in Kabul und in Washington zu Rate gezogen. Das ist es, was Journalismus, was Recherche ausmacht. Welche Arbeit hat sich Frank gemacht? Nun, er hat den New York-Times-Artikel angesehen und möglichst irreführend wiedergegeben.

Zum Beispiel: was schreibt die New York Times über die Ermittlungen in Schweden gegen Julian Assange? Bei Frank liest sich das so.

Er hat zwei Frauen vergewaltigt. Okay, sexuell belästigt. Na gut, dann eben nur belästigt. Oder auch nicht.

Die New York Times hat Assange also unbelegte Vorwürfe gemacht und sich dabei aber in Widersprüche verstrickt. Wirklich?

He is also being investigated in connection with accusations of rape and molestation involving two Swedish women. Mr. Assange has denied the allegations, saying the relations were consensual. But prosecutors in Sweden have yet to formally approve charges or dismiss the case eight weeks after the complaints against Mr. Assange were filed, damaging his quest for a secure base for himself and WikiLeaks. Though he characterizes the claims as “a smear campaign,” the scandal has compounded the pressures of his cloaked life.
[…]
Within days, his liaisons with two Swedish women led to an arrest warrant on charges of rape and molestation. Karin Rosander, a spokesperson for the prosecutor, said last week that the police were continuing to investigate.

Man kann dies als nüchterne Zusammenfassung der Ereignisse lesen. Man kann aber auch nach Reizwörtern suchen und daraus einen Angriff auf Assange stricken. Ich weiß schon, welche Alternative ich als „tabloid“-Journalismus bezeichnen würde.

PS: Wer den kritischen Journalisten in sich entdecken will und die Rolle der Medien analysieren will, kann zum Beispiel den Schwerpunkt der Berichterstattung in verschiedenen Medien vergleichen. Als am Freitagabend die Sperrfrist von Wikileaks zu den Irak-Akten endete, kamen zum Beispiel Al Jazeera und CNN zeitgleich mit Sonderberichten heraus. Während sich der arabische Sender in seinem englischsprachigen Programm vor allem Einzelschicksalen widmete, die durch die US-Militärakten enthüllt wurden, brachte CNN eigentlich nur Berichte über die Berichterstattung. Was sagt das Pentagon? Was sagt der Mann auf der Straße – und das zu einem Zeitpunkt, wo niemand Gelegenheit hatte in das Material zu schauen. CNN selbst hätte die Gelegenheit gehabt – und hat die Inhalte zu Gunsten einer Sprechblasen-Berichterstattung ignoriert.

Weitere spannende Frage: Führt die Publikation zu einer Stärkung der Anti-Irakkriegs-Bewegung oder sind sie eher Antrieb für diejenigen, die einen Krieg gegen den Iran fordern. Denn sobald die Rechtsausleger an der Wikileaks-Bedrohung abgearbeitet haben, dann werden sie in den 400000 Akten viel Material finden, was sie in ihrer Überzeugung bestärken wird, dass der Iran eine unmittelbare Bedrohung sei.

PS 2: Den Cameo-Auftritt von Assange bei dem Comedy-Format Rap News finde ich lustig – er ist aber absolut unvereinbar mit seinen Beschwerden über die Personalisierung der Wikileaks-Berichterstattung und dem „tabloid journalismus“. Natürlich wird der Kampf um Wikileaks in den Medien geführt und natürlich bedient sich die US-Regierung der US-Medien, um die Glaubwürdigkeit von Wikileaks anzugreifen. Journalisten, die sich so instrumentalisieren lassen, betreiben schlechten Journalismus. Für Assange aber gibt es wohl nur ein Kriterium für guten Journalismus: er muss schreiben, was Assange will. Und alleine das.