Verpasste Praxisübung im angewandten Journalismus

Stefan Niggemeier berichtet eine neue Episode aus dem Wirken des enfant terrible der deutschen Blogosphäre Don Alphono: Kurz zusammengefasst: Der Blogger und Journalist wird zu einem Vortrag in vor Leipziger Journalistikstudenten eingeladen, lästert dort kräftig über Journalisten. Als sich die Studenten jedoch ein Beispiel am Stil ihres Referenten nehmen und in ihren eigenen Weblogs über den Vortrag berichten, reagiert der unsouverän, droht sogar mit Klage.

Ich habe keine Zeit, die Episode ausführlich nachzurecherchieren – aber angesichts der bei Stefan Niggemeier zusammengetragenen Fakten würde ich schätzen: die Journalismus-Studentin hatte recht – zumindest hatte sie kaum justiziabel unrecht. Was hätte also näher gelegen, den Fall durchzufechten? Natürlich mit Unterstützung der Universität und deren angestellten Justiziaren. Die eigenen Beiträge auf Fehler überprüfen. Die Abmahnung oder die Gegendarstellung abwarten, anhand Presserecht analysieren und demnach handeln. Wo bleibt der Professor, der den Referenten geladen hat und sehr wohl gehört hat, was der den Studenten gesagt hat? Wie will eine Uni Journalisten ausbilden, wenn die Lehre darin besteht vor Drohungen einfach wegzulaufen, einzuknicken?

Eine verpasste Chance.

(Kleine Anmerkung. Zu meiner Zeit hätte man als Schüler der Journalistenschule nur mit Ausnahmegenehmigung der Schulleitung bloggen dürfen. Wenn es damals denn Blogs gegeben hätte.)

Kommerz gegen Authentizität?

Im krit-Interview erklärt der Spiegelfechter Jens Berger einen der großen Trends der Blogger-Szene.

Wir stehen an der Schwelle einer Aufteilung des Netzes in Kommerz und Authentizität – da machen auch die Blogs keine Ausnahme. Vom Nutzer wird in Zukunft noch mehr Medienkompetenz zu erwarten sein als jetzt. Blogger sind nicht per se bessere Menschen, sie sind ein Querschnitt durch die Gesellschaft.

Dem Schluss mag ich zustimmen – wie könnte ich auch nicht? Aber der Ausgangsthese möchte ich doch stark widersprechen. Warum sollen Authentizität und Kommerz ein Gegensatz sein?

Nehmen wir den Alltag des Journalismus: Gerade die dümmsten und manipulativsten Pressemitteilung empfinde ich als äußerst authentisch. Die Verfasser glauben den Stumpfsinn, den sie per HTML-Mails und Word-Dokumenten in meine Inbox gießen. Im Gegenzug sind die bestbezahlten Edelfedern des Journalismus ebenfalls höchst authentisch. Ihre Texte spiegeln ihre Person wieder – zumindest sollen sie den Anschein erwecken. Zahlreiche Kolumnen in Hochglanz-Zeitschriften spiegeln gleichzeitig Höhepunkte der Authentizität und der Kommerzialität dar. Der unauthentische Nachrichten-Stil hingegen ist für die Schreiber nicht sonderlich lukrativ.

Für mich als Blog-Leser sind weder Authentizität noch Kommerzialität ein Eigenwert. Ich lese Blogs, weil sie gut geschrieben sind, weil sie interessante Einblicke geben und Fakten gut aufbereiten. Natürlich werde ich immer im Kopf behalten, wenn eine Firma ein Weblog führt. Oder wenn ein Blogger von einer Firma engagiert wurde, ihre Produkte vorzustellen. Aber das ist Ausdruck der oben erwähnten Medienkompetenz. Ein Auswahlkriterium ist es aber nicht.

Wie steht es mit der Authentizität? Um es polemisch zu sagen: Welche Blogger war schon authentischer als Callboy Torsten? Wer authentisch ist, erzählt vielleicht seine Wahrheit – das ist aber noch lange nicht meine Wahrheit.

Und hier sehe ich auch eher die kommende Aufteilung des Netzes. Das Netz wird nicht in authentisch und kommerziell unterteilt, sondern in Weltbilder. Der islamfeindliche Kommerzblogger wird vom islamfeindlichen Privatblogger zitiert, der höchst authentisch seinen eigenen kleinen Geist dazu addiert. Der leidenschaftliche Filmsauger wird nur Blogs lesen, die auch schön kräftig gegen die Film-Mafia wettern – auch wenn die Seite mit Provider-Werbung vollgekleistert ist. Dank der Vielzahl der Blogs, Communities, Foren und social-media-Diensten kann man viel einfacher unpassenden Fakten oder Gegenargumenten aus dem Weg gehen und hat trotzdem den Eindruck gut informiert zu sein.

Journalismus im Irak

Bei Zeit Online habe ich einen sehr bemerkenswerten Artikel eines Briten gefunden, der im Irak journalistisch arbeiten wollte und stattdessen zum Werkzeug der Fehlinformation wurde:

Neben Adrenalin und Angst stieg nun auch eine tiefe Abscheu in mir hoch. Ich war eine dieser Filmfiguren geworden, die ich kategorisch verachtete. Ich hasste Waffen und Gewalt, war gegen die Anwesenheit der Amerikaner im Irak und sympathisierte mit fast allen Irakern, denen ich im Sommer begegnet war. Der Pistolenlauf zeigte direkt auf Faruk, um Himmels willen! John Simpson mag solche Verhöre vielleicht miterlebt haben, selbst durchgeführt hat er sie bestimmt nie. Und all das tat ich, um ein paar tausend entwendete Dollar einer Firma wiederzufinden, die an dem amerikanischen Krieg im Irak Millionen verdienen würde.

[…]

Sie boten mir 70000 Dollar, wenn ich weitere zehn Monate für sie in Bagdad arbeitete. Doch ich hatte genug. Ich war, wie ich mir eingestehen musste, das genaue Gegenteil eines Journalisten geworden. Und wenn ich damit weitermachte, irakische Reporter mit dem Geld der US-Armee zu bestechen, würde ich sicher selber nie als Reporter arbeiten können.

Würde das Buch Unter Druck neu aufgelegt, müssten darin wohl mehrere solcher Artikel enthalten sein.

Filmtipp für Posener & Diekmann

Wie man sich in Verlagen schlägt und wieder verträgt zeigt ein Klassiker, der grade auf RBB läuft. Die Frau von der man spricht – auch bekannt als „Woman of the Year“.

Der Anfang des Films verläuft so: Die berühmte Politik-Redakteurin Tess Harding (Katherine Hepburn) fordert im Radio zum Unwillen des Sport-Redakteurs Sam Craig (Spencer Tracy) den Baseball abzuschaffen um die Kriegsbemühungen zu unterstützen (wir schreiben das Jahr 1942). Sam bedankt sich in seiner täglichen Sport-Kolumne, in der er seine Kollegin vom anderen Ressort „Vorzeigefrau aller Snobs“ nennt. Tess bedankt sich auf ähnliche Weise in ihrer eigenen Kolumne. Beide werden zum Chefredakteur bestellt, sie schließen Frieden – ein wenig Streit ist gut, aber man will ja das eigene Nest nicht beschmutzen. Keiner droht damit die Kolumnen der bewährten Textarbeiter nur noch auf auf Bewährung zuzulassen. Vorbildlich, nicht?

Ach ja: die beiden heiraten wenig später. Im aktuellen Streitfall wäre das aber wohl zuviel verlangt.

Botschafter der Demokratie

Man soll ja Leserkommentare nicht lesen. Das sorgt nur für Depressionen und Kulturpessimismus. Doch was da ein angeblicher Bundeswehr-Soldat unter einem Artikel über Geiselvideos im Internet auf der Internetseite der Süddeutschen ablässt, ist schon bemerkenswert.

Guten Tag,

also zum ersten muss ich sagen, dass ich selbst als Soldat im Afghanistan war, und vor der Bevölkerung nie Angst hatte. Denn diese kam auf ISAF Soldaten immer mit offenen Armen zu.

Mir geben solche Meldungen nun mal doch ein sehr Fragwürdiges Gefühl. Denn auf der einen Seite bekämpfen wir den Terror von Fanatsichen Isalmisten, und auf der adneren Seite streiten sich Stadt und Bundesland wegen dem einer Moschee. Ich frage mich immer was ein Islamistischer Staat sagen würde, wenn ein christ auf die Idee käme, dort eine Kirche zu errichten. Man könnte das ganze jetzt bis hin zum Kruzifix in den Schulen treiben, aber das ginge zu weit. Also entweder man greift durch und gibt sochen Vereinigungen keine Anlaufpunkte, was nicht das ich jeden Moslem verurteile, was ja mit meinem ersten Satz deutlich geworden sein dürfte.

Ich möchte nur eines mal loswerden. Wenn ich Gast in einem Land oder einem Haus bin, dann habe mich nach den Sitten des Gastgebers zu richten, und wenn mir das nicht gefällt, dann darf ich halt nicht zu gast sein.

Wenn Angehörige von Friedenstruppen Gotteshäuser lediglich als Brutstätte des Terrorismus sehen, hat die Staatsbürgerkunde ja voll angeschlagen.

IT-Sicherheit in der Russendisko

Wer Spammer, Botnetze oder ähnliche illegale Aktivitäten zurückverfolgen will, landet früher oder später in Russland. Für den Rechercheur ist das manchmal ganz praktisch. Der Satz „Die Spur verliert sich in Russland“ signalisiert dem westeuropäischen Leser sofort: Wir haben das uns bekannte Universum verlassen und es geht irgendwo weiter im Reich der Russen-Mafia, der Öl-Oligarchen und des Wodkas. So ganz genau wollen wir es dann gar nicht mehr wissen – das wohlige Gruseln reicht.

Insofern fand ich die Überschrift „Internet-Sicherheit in der Russendisko“ im CeBIT-Themenservice sehr interessant. Dahinter verbirgt sich aber nicht die dunkle Bedrohung aus dem Osten, sondern schlichtweg der Softwareproduzent Kapersky:

IT-Sicherheit in der „Russendisko“

Im Einsatz gegen Internet-Kriminalität: Was können Unternehmen gegen Cyberspace-Bedrohungen der Zukunft tun? Welche Möglichkeiten haben sie im Kampf gegen Internetkriminalität und Virenangriffe? Informationen darüber gibt es auf dem Stand eines russischen Softwareherstellers der CeBIT 2007.

Ganz besonders heiß wird es auf dem Stand der Sicherheitsexperten am Donnerstag, 15. März, ab 18 Uhr, wenn der Autor und DJ Wladimir Kaminer zusammen mit DJ Yuriy Gurzhi in der „Russendisko“ osteuropäische Musik zwischen Zigeuner-Punk, Balalaika-Rock‘-n‘-Roll und Klezmer-Ska auflegt.

Auf dann.

“Kann ich den Artikel vorher lesen?”

Eine der üblichen Horror-Fragen für Journalisten ist „Kann ich den Artikel vorher lesen?“ Die kurze Antwort ist schlicht „Nein, das ist leider nicht möglich“. Ich versuche hier mal eine längere Antwort zu formulieren.

Nein, leider kann ich Ihnen den Artikel nicht vorher zum Gegenlesen geben. Schon aus rein organisatorischen Gründen funktioniert das einfach nicht. Für einen einfachen Zeitungsartikel muss ich mit vier, fünf, manchmal sogar einem Dutzend Leuten sprechen: Pressesprecher, Fachleute, Behördenvertreter. Wenn ich von jedem das Einverständnis für das Endprodukt einholen müsste, könnte ich keinen Abgabetermin einhalten. Zudem ist es immer noch möglich, dass der Artikel nochmal kurz vor Redaktionsschluss geändert wird, weil sich eine unvorhergesehene Änderung im Layout ergeben hat.

Auch aus anderen Gründen verbietet es sich im unabhängigen Journalismus, Artikel vorher von anderen gegenlesen zu lassen. Denn der Inhalt der Artikel wird von der Redaktion bestimmt. Wenn Firmen genau wissen wollen, was am nächsten Tag in der Zeitung steht, müssen sie schon eine Anzeige schalten. Dann ist die Werbung schön deutlich gekennzeichnet als solche erkennbar. Der Leser weiß, wenn er eine Firmenverlautbarung liest. Für den restlichen Teil der Zeitung verlässt sich der Leser darauf, dass die Berichterstattung weitgehend unabhängig ist. Wo der Vorteil für Sie liegt? Nun: Nehmen Sie sich mal ihre eigene Firmenzeitung oder Unternehmensnewsletter vor und vergleichen Sie sie mal mit ihrer Lieblings-Zeitung. Wenn Sie zufällig nicht in der Firma arbeiten würden, welches Medium würden Sie vorziehen?

Ich recherchiere mit offenem Visier. Ich bin kein Paparazzo, ich arbeite weder für Boulevardzeitungen, noch für Anzeigenblätter. Wenn ich im Artikel Kritik an Ihnen oder ihrem Produkt aufnehmen will, dann sage ich Ihnen das am Telefon. Ich gebe Ihnen Gelegenheit, überlegt auf Kritikpunkte zu antworten, zu argumentieren. Dabei frage ich auch gerne nach, um auf den eigentlichen Punkt zu kommen. Mir liegt nichts daran, das eine schnelle Zitat von Ihnen zu erbeuten und es aus dem Zusammenhang zu reißen. Sie können meinen Namen googlen und werden einige Beispiele meiner Arbeit finden. Machen Sie sich ein Bild davon.

Haussuchung beim Spiegel?

Das Strafgesetzbuch: § 202a Ausspähen von Daten

(1) Wer unbefugt Daten, die nicht für ihn bestimmt und die gegen unberechtigten Zugang besonders gesichert sind, sich oder einem anderen verschafft, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.

(2) Daten im Sinne des Absatzes 1 sind nur solche, die elektronisch, magnetisch oder sonst nicht unmittelbar wahrnehmbar gespeichert sind oder übermittelt werden.

Spiegel: Hacken für jedermann

Nach einer halben Stunde hat das Programm zwischen 30 und 50 Computer gefunden, die ohne Firewall und andere Vorsichtsmaßnahmen online im Netz stehen. Nun zeigt es in einem Fenster erste Details: Welche Bezeichnung der Besitzer seinem Rechner gegeben hat (Erstaunlich, wie viele PC „Wohnzimmer“ heißen und wie viele Laptops „Läppi“). Es zeigt an, welche Teile der Festplatte und welche Ordner einsehbar sind (oft die Festplatte D, auf der die meisten Windows-Nutzer ihre Daten aufbewahren, häufiger noch den Ordner „Eigene Dateien“). Die fremden Rechner lassen sich bequem durchforsten, so als säße man vor dem eigenen.

Ahja. Journalisten schnüffeln in fremden Daten herum. Nur mal um zu sehen. Ein Experiment. Muss sich der Spiegel also mal wieder auf eine Redaktionsdurchsuchung gefasst machen? Wohl nicht, denn der Spiegel-Redakteur hat eine kleine juristische Firewall in den Artikel eingebaut:

Der Versuchsaufbau, vorgeführt von einem PC-Experten […]

Und damit ist der Urheber der beschriebenen Straftat unbekannt und der Redakteur kann das Zeugnis verweigern. Oder hat eigenes Rumstöbern in Lebensläufen und Briefen an den Scheidungsanwalt weitgehendere strafrechtliche Konsequenzen? Wir dürfen gespannt sein.

Kleine Bosheiten

Redaktionen können in den Texten selbst über die Maßen objektiv und neutral sein, das Layout bietet immer noch allerhand Möglichkeiten kleine Akzente zu setzen. Sicher kann es reiner Zufall sein, wenn Kokain-Statistiken ausgerechnet unterhalb der Meldung platziert werden, dass der 1. FC Köln den Trainer Christoph Daum verpflichtet.

Und ich will auch Golem nichts unterstellen, aber…

Vista und Zeta

…aber unter eine Windows-Vista-Meldung direkt die Verspätung des Mini-Betriebssystems Zeta als Top-Meldung zu setzen, lässt Interpretationen viel Raum.