Archive for the tag 'BILD'

Die letzte Instanz: Der BILD-Fotograf

Grade eben habe ich im Pressespiegel von Bayern2 erfahren, dass sich die Münchner Abendzeitung und die BILD auf ihren Titelseiten über den Stinkefinger der verurteilten U-Bahn-Schläger aufregen. “So sieht ihre Reue aus!” titelt die AZ.

Hmmm - wem mag der rüde Gruß der verurteilten Gewalttäter aus dem Fenster eines Gefangenen-Transports gegolten haben? Der Justiz? Dem Opfer? Bild.de weiß es: die Täter meinten die Fotografen, die sich - da habe ich fast keinen Zweifel - höchst korrekt verhielten und keinesfalls versuchten, die Täter zu provozieren, oder gar deren Familien abzulichten.

Was ich mich frage: seit wann sind Fotografen Teil der Justiz?

Der Kolumbus-Betrug!

Dass BILD-Werbung das Prädikat dumm-dreist verdient, wissen wir ja schon lange. Dieses Exemplar erscheint aber ungelenk:

“Das ist nicht Indien!” - Okay, das sind vier einfache Worte und dazu kommt ein Ausrufezeichen. Die Überschrift kommt zwar ideellen Analphabeten entgegen, aber als BILD-Schlagzeile ist sei dennoch nicht ganz glaubhaft. Wo bleiben Sex, Crime und Niedertracht? Ich schlage diese Alternativen vor, die es wirklich auf die BILD-Titelseite schaffen könnten:

Wie wäre es mit der ethnologischen Variante?

Nackte Brüste, wilde Tänze - So treibt es die Neue Welt!

Oder Verbraucheraufklärung? Die Exklusiv-Enthüllung!

Der Amerika-Betrug - Ist es doch nur Indien?

Gerne genommen: die menschliche Tragödie:

Die See ist seine Braut - Ehe-Aus für Kolumbus!

PS: Die Bebilderung ist bemerkenswert authentisch, sie passt zu den Standards des beworbenen Mediums: Denn das Bild wurde 400 Jahre nach dem Ereignis aufgenommen, ist romantische Fantasie und keine Dokumentation. Aber da niemand wirklich weiß, wie dieser Kolumbus eigentlich aussah, ist die nicht gekennzeichnete Verwendung eines Symbolfotos ja mehr als legitim.

Schmuddliger gehts immer

Dass die BILD und die Roche nicht das beste Verhältnis haben, ist wohl bekannt. Kurios mutet ein Artikel heute auf der Titelseite von Bild Online an. “Wie viel Porno steckt in Charlotte Roche?” fragt die Redaktion und untertit(t)elt: “Schmuddel-Buch in der Kritik”.

Das ganze Stück besteht aus scheinbar wahllos zusammengesuchten Kommentaren ungenannter Internet-Nutzer. Kein Neuigkeitswert - nichts. Weiter unten wird es kurios:

Bild.de über das Schmuddel-Buch

Ich kann mich nicht entscheiden. Will da jemand Charlotte Roche niederschreiben? Oder ist das Werbung - auf Porno steht die Bild.de-Kundschaft ja erwiesenermaßen. Oder soll der Button “Mehr Erotik” unten die Botschaft verbreiten: “Diese Roche mag noch so schmuddelig sein - wir können noch viel, viel schmuddliger“? Oder brauchte die Redaktion nur Platz, um die vertraglich zugesicherten Erotik-Anzeigen in der rechten Spalte günstig zu platzieren?

PS: Das Buch werde ich wohl nicht lesen.

Der Colbert-Pocher-Hitler-Skandal!

He BILD-Zeitung,

da habt ihr mal einen echten Skandal. Der US-Komiker Stephen Colbert hat den deutschen Was-auch-immer Oliver Pocher beleidigt. In Hitler-Pose! Seht es Euch an.

Stephen Colbert in Der Große Diktator-Pose

Und dann fallen da noch so Deutschen-feindliche Sätze wie:

Pocher claims to be a German comedian - but we know there is no such thing.

Behandelt man so seien transatlantischen Freunde? Ich verlange Satisfaktion. Auf der Titelseite! Und lasst Wagner einen Brief schicken! Dann sieht Colbert, dass wir Deutschen von Natur aus Komiker sind.

Und als kleinen Skandal-Booster: Colbert hat seine Gags nicht selbst geschrieben.

PS: Hier ein Beispiel der hohen Kunst des Oliver Pocher: Er verspottet Uri Geller mit einem Toaster! Und das war überhaupt keine Werbung für Geller!! Diese Höhepunkte der Comedy gibt es übrigens in Zukunft auch in Deutschlands führendem Volks-Portal.

PPS: Der andere Torsten hat es auch entdeckt.

Technischer K.O. für Fairpress.biz?

Ausgerechnet gegen falsche Berichterstattung und Verleumdungen wollte sich der ehemalige BILD-Chefredakteur Udo Röbel engagieren - und gründete vor gut zwei Jahren eine Online-Plattform für Juristen, Medien und ihre Opfer.

Besonders lang scheint das Engagement nicht gehalten zu haben - als ich letzte Woche mal auf die Webseite guckte, erhielt ich diese Meldung:

Technisches Aus für Fairpress

So sieht die Seite übrigens noch heute aus. Dass es nur um ein vorübergehend technisches Problem geht, ist eher unwahrscheinlich, wenn man sich die mangelnde Aktivität auf dem Portal bei archive.org ansieht.

Die Anti-Schwarzer?

Die BILD-Werbung mit Alice Schwarzer ist wieder aus den Straßen verschwunden. Stattdessen finden sich mehrere neue Motive zum Thema Kinder. Zum Beispiel dieses:

Anti-Schwarzer

Eine attraktive Dreißigerin(?) schaut ein wenig arrogant und amüsiert in die Kamera und hält die Botschaft hoch: “Ich habe die Pille mit Absicht vergessen.”

Überinterpretiere ich das oder ist das Motiv das genaue Gegenteil der Schwarzer-Werbung? Auf der einen Seite haben wir die legendäre Vorkämpferin für Frauenrechte, die ja so viel gutes erreicht hat. Und jetzt haben wir das manipulative Weib, das den Mann in eine Falle lockt, in eine Familie zwingt und Alimente abkassieren will.

Soll das die Machos mit der BILD versöhnen? Oder will BILD Schwarzer nur vor den Kopf stoßen? Oder führt die BILD der Frau eine neue Ratgeber-Rubrik ein?

Ade Bildblog

Tja, schon wieder werfe ich einen Feed aus meinem Feedreader. Diesmal das Bildblog. Den aktuellen Anlass bietet das Bildblog selbst: Brainpool dreht Werbefilme für Bildblog. Und wo soll der Spot gezeigt werden? Auf MTV, Viva und Comedy Central. Nun, für mich bedeutet das den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben.

Wie gesagt: das ist nur der aktuelle Anlass. Ich habe in letzter Zeit gemerkt, dass einfach zu viel des Boulevardmists - zwar anonymisiert und entschärft - durch das Bildblog in meinen Aufmerksamkeitsbereich tröpfelte. Für mich relevante Informationen hingegen konnte ich kaum noch finden. Nach 27 Monaten Bildblog-Lesen habe ich wohl auch die wesentlichen Messages der Bildblogger verstanden.

Also: macht’s gut und danke für den Fisch.

Auch ein PS: Es tut mir leid, den Griesgram zu spielen, aber ich finde den Spot einfach schrecklich.

Was ist die Botschaft? Irgendjemand zählt die Lügen von schlechtem Essen, billigem Klunker und unehelichen Kindern. Und wer macht das normalerweise? Nein, nicht das Bildblog. Das sind die Themen von BILD selbst. Dazu noch zwei Fernsehprominente und das Set ist komplett. Tauscht man das Logo am Ende aus, hat man einen Fersehspot für die BILD, keine Entlarvung oder gar Bloßstellung. Das wäre nach der Werbung mit Brandt und Ghandi auch kaum möglich.

Würde der Sketch in einer Redaktion spielen, in der sich Redakteure mit Lügen überbieten (“Ist das ein Seil?” - “Nein, ein Schlagstock!” - “Ein Monsterlaser!!” - “Eine Atombombe!!!”), wäre die Botschaft klar.

Symbolfotos: WinXP Tschetschenische Version

Subtile Bildkunst: der russische Kommersant bebildert einen Artikel zu den vermeintlichen terroristischen Gefahren des Internets mit einem Fake-Produktbild einer tschetschenischen WinXP-Version.

winxp - cecen edition

Abbildung von Valery Melnikov

Interview mit einem Mecker-Blogger

Kleinz: Hallo, mein Name ist Kleinz. Ich bin freier Journalist und recherchiere zu “Mecker-Bloggern”. Haben Sie einige Minuten Zeit?”

Torsten: Interessantes Thema. Wie kann ich weiterhelfen? Soll ich Ihnen ein paar Mecker-Blogger aufzählen?

Kleinz: Eigentlich wollte ich eher Sie befragen…

Torsten: Mich? Als Mecker-Blogger? Wie kommen Sie denn darauf?

Kleinz: Nun, in den vergangenen Wochen haben Sie zum Beispiel in Ihrem Blog nahegelegt, dass Leute mit großen Autos ein kleines Hirn haben.

Torsten: Nun, diese Idioten wollten eine illegale Rallye auf nicht-abgesperrten Straßen fahren.

Kleinz: Zugegeben. Aber auch sonst scheinen Sie ja kein besonders positiver Charakter zu sein, wenn man ihr Blog als Maßstab nimmt. Ein Kollege schreibt einen wichtigen Artikel, der die Leser über Online-Durchsuchungen aufklärt, und Sie mäkeln an Details herum. Für die vielbeachtete Aktion der Gruppe Geld oder Leben haben Sie nur Häme und Polemik übrig. Fernseher bezeichnen Sie als Mülltonnen. Und das VIVA-Programm sogar als Berufsberatung für den Kinderstrich. Und das sind nur die Einträge aus den letzten Tagen.

Torsten: Ich sage nur meine Meinung. Wollen Sie mir das Recht dazu absprechen?

Kleinz: Nichts liegt mir ferner. Ich frage nur, wie diese negative Tendenz zu Stande kommt.

Torsten: Gut. Fragen Sie.

Kleinz: Sind Blogger prädestiniert dazu, alles und jeden zu kritisieren?

Torsten: Das kann ich nicht wirklich beantworten. Ich verfolge so ein, zwei Dutzend Blogs mehr oder weniger regelmäßig. Je nach Zählung gibt es aber Zigtausende oder Millionen Blogs, die ich niemals zu Gesicht bekomme.

Kleinz: Sie bloggen nun immerhin fast vier Jahre und gehen auch zu Blogger-Treffen wie re:publica. Irgend eine Ahnung müssen Sie doch haben.

Torsten: Nun, bei den so genannten “A-Bloggern” kann man wohl eine Tendenz zu eher negativen Postings feststellen. Das ist jetzt nur meine subjektive Sicht. Und es ist ja kaum erstaunlich: Firmen decken Internetseiten mit Abmahnungen ein, die Gesetzgebung macht Online-Publizieren zum Minenfeld und viele Web 2.0-Firmen machen wirklich dumme Anfängerfehler.

Kleinz: Trotzdem gibt es doch sicher genug Positives zu berichten. Die Sonne scheint, fast stündlich werden spannende neue Projekte geboren, Menschen rücken aufeinander zu. Warum schreibt niemand darüber?

Torsten: Das stimmt nicht. Viele Leute schreiben Positives. Zum Beispiel hat Udo Vetter erst gestern ein Posting über Schokolade verfasst. Und Robert Basic findet ganz viele Sachen toll.

Kleinz: Aber als er sich vor kurzem über zickige Journalisten-Blogger echauffierte, bekam er mehr Feedback als bei den meisten seiner positiven Berichte.

Torsten: Das ist richtig. Es ist wohl so, dass man über negative Berichterstattung viel mehr unmittelbare Aufmerksamkeit bekommt. Besonders schön sieht man das an der altehrwürdigen Seite Amiga News. Hunderte von Meldungen über neue Projekte, Software oder Mitmach-Gelegenheiten verschwinden eher unbeachtet in der Versenkung, bei Klagen oder Verleumdungen will dann jeder etwas sagen.

Kleinz: Sind Blog-Leser also sensationsheischende Kampfhähne?

Torsten: Nicht mehr als andere Menschen auch. Die BILD-Zeitung macht ja auch nicht mit der Schlagzeile auf “Tausende Demonstranten friedlich”. Vielleicht liegt es in der menschlichen Natur, dass wir Positives einfach hinnehmen und Negatives hingegen mit höchstem Interesse betrachten. Ich könnte mit im Fall von Blogs auch einen technischen Grund vorstellen: Viele Leute preisen tolle Webseiten oder Angebote nicht mehr in einem separaten Eintrag, sondern werfen ihn nur in einen Social-Bookmarking-Dienst, der dann alle paar Tage eine Liste der empfehlenswerten Links ins Blog ausscheidet.

Kleinz: Fassen wir zusammen: Blogger sind gar nicht so negativ, es erscheint nur so?

Torsten: Möglicherweise. Vielleicht geht es sogar etwas weiter: Eventuell müssten Blogger noch viel negativer werden. So sagte Mercedes Bunz vor kurzem in einem Blogkommentar: “Es braucht wieder mehr negative Kritiken. Mit Begründung natürlich. Vor allem im Feuilleton.”

Kleinz: An der Begründung mangelt es bei einigen Bloggern aber.

Torsten: Das liegt auch etwas an der sozialen Dynamik. Manchmal habe ich den Eindruck, dass vor einigen Jahren mehr nachrecherchiert wurde: Der eine Blogger spann die Recherche des anderen Bloggers weiter, brachte sogar Fakten ein, die der Ausgangsthese widersprachen. Heute sehe ich viel öfter eine Empörungsspirale, bei der Vorurteile innerhalb bestimmter Cliquen verstärkt werden. Auch ich kann mich von dieser Optik nicht frei machen.

Kleinz: Es gibt also keine Blogosphäre, sondern nur noch Cliquen?

Torsten: Ob es “die Blogosphäre” je gab, kann ich nicht sagen. Auf alle Fälle hat sie sich in Deutschland in den letzten Jahren immer weiter ausdifferenziert. Aber dazu kann ich nicht wirklich mehr erzählen. Vielleicht sollte man mal eine Studie machen.

Kleinz: Ich bedanke mich für das Gespräch.

Word!

Ich bin ja kein Fan davon, anderer Leute Gedanken einfach so weiterzutragen. Immer krittle ich hier, schleife da, streiche dies und ergänze das. Lassen wir das Mal weg.

Gross in Mode scheinen Krawall-Blogs und Google Keyword-Spammer zu sein. Krawall-Blogs pusten mit ordentlich Schmackes banale Inhalts-Mücken zu einer Elefanten-Stampede auf, ein äquivalent zu dem was die Bild-Zeitung jeden Tag so treibt, nur ohne Titten-Bilder. Bei den Google Keyword-Spammern geht es nur vordergründig um Inhalte. Man findet sie häufig bei den SEO-Social Media Diensten, die ja so ganz anders sind wie das Vorbild in Amerika. Sie stellen dort meist wohlgeformte, gutleserliche Texte ein, die aber letztlich vor Allgemeinplätzen, Annahmen und Banalitäten nur so strotzen. Ihre wirkliche Aufgabe ist aber nicht den Leser zu gefallen, sondern einen gewichteten Mix aus Google Keywörtern aufzunehmen, damit sie gut gefunden werden und den Traffic hochtreiben. Mit Bloggen hat das imho wenig zu tun.

Weiter hier.

Nächste Seite »