Ist es wirklich Internetsucht?

Das Wort geht wieder um. Internetsucht. Exzessive Mediennutzung. Spielsucht. Asiatische Heranwachsende zerstören sich am Bildschirm, Schlaf spielt in der Welt von Warcraft keine Rolle — bis zum Kollaps. Tote Kinder zerlegen die Psyche derer, die am Bildschirm deren Schicksal begaffen. Und sich daran aufgeilen.

Ich mag den Begriff „Internetsucht“ nicht. Als ich vor ein paar Monaten in irgend einem Fragebogen ankreuzen sollte, wie oft ich täglich im Internet bin, kreuzte ich mit gutem Gewissen an: Einmal. Vom Aufstehen bis zum Schlafengehen.

Habe ich deshalb ein Problem? Ja, klar. Wie unsere ganze Gesellschaft. Erinnern wir uns: Einst meinten Menschen, die Eisenbahn sei unnatürlich, weil die Menschen nicht darauf eingerichtet seien, auf Dauer Geschwindigkeiten über 30 Kilometer pro Stunde zu verarbeiten. (Eine Anekdote, zweifellos.) Nun fahre ich mit 250 Kilometer pro Stunde Richtung Frankfurt und lese dabei die neusten Nachrichten im Internet. Chatte gar. Gegen die Fahrtrichtung. Das menschliche Gehirn verträgt mehr als ein bisschen Beschleunigung. Warum sollte man ihm nicht einen Trichter einführen und oben das gesamte Wissen der Welt einfüllen? Und all die Lügen, all die Missgunst, all das Geschwafel dieser Welt hinzu?

Die Rede ist von Internetsucht. Sucht zerstört. Verdrängt die wichtigen Aspekte unseres Lebens. Die Realität. Nichts macht mehr Sinn, nur die Suche nach dem Stoff. I can take about an hour on the tower of power. As long as I gets a little golden shower. Der Kick. Der Kick. Und nochmal der Kick. Nichts spielt eine Rolle. Außer dem Kick.

Ist das Internet der Kick? Vielleicht ein wenig. So wie Geschwindigkeit manche Leute in seinen Bann zieht, ist auch das Internet eine existentielle Erfahrung. Ich habe nicht viel Erfahrung mit Egoshootern, aber was mich mit am meisten faszinierte: Ich kann mir Menschen spielen, die durch einen mächtigen Atlantik von mir getrennt ist. Und schon eine Zehntelsekunde reicht aus, um das Spiel zu zerstören. Der präzise platzierte Kopfschuss klappt nicht mehr, weil selbst Lichtgeschwindigkeit auf 8000 Kilometern hin und her, mit ein paar Routern dazwischen, das Ergebnis verfälscht. Ein gewaltiger Kick. Bin ich spielsüchtig? Nein. Mein letztes Spiel ist Monate her. Einen neuen Rechner, der die geilsten Spiele tatsächlich behrrscht, den kaufe ich nicht.

Ist es wirklich Onlinesucht, die ein Problem ist? Oder geht es um etwas anderes? Wenn ich mich mit jemanden streiten will, finde ich im Netz immer jemanden. Die Homophoben, die Politiker ohne Amt, die verlogenen Selbstvermarkter, die Schlangenöl-Verkäufer. Gegen all die hilft nur eins: Angewandte Ignoranz. Der Mensch kann nur so viele Kämpfe kämpfen. Er kann nur mit so viel Konflikt fertig werden. Und irgendwann muss man sagen: Schluss für heute. Nervt nicht. Fenster zu.

Und wo ist das so einfach wie im Internet? Den Tuba spielenden Nachbarn kann man nicht so einfach ausblenden, wie den Lügner, der im Netz verbreitet, man könne mit seinem Produkt zum Millionär werden, er habe die Schuldigen für unser aller Unglück gefunden, sie könne beweisen, dass zwei plus zwei
fünf ist. GNARGH! Spiel Tuba, aber bitte verbreite nicht so einen Unsinn. Spiel Xylophon in meinem Schlafzimmer. Das Best Of von Modern Talking und den Flippers. Die ganze Nacht. Ich werde ruhig schlafen, wenn Du nicht zur Tastatur greifst und diesen Mist verbreitest. Und sogar Leute findest, die Dir glauben.

Vielleicht gibt es gar kein Internetsucht. Vielleicht müssen wir ein wenig hinter die Router gucken. Denn eins sehe ich ganz deutlich. Den Reiz an Konflikten. Und im Netz — zumindest in der Regel — haut niemand einem anderen die Zähne ein, weil er Blödsinn erzählt hat. Weil er hässliche Bemerkungen über Dein Wesen machte, Deine Freundin, Deine Werte. Das Netz ist eine Konfliktmaschine ohne Folgen. Kommt mit zur Facebookparty, wir sind Tausende. Und keiner wird uns persönlich beachten. Abstrafen. Lächerlich machen. Denn wir sind vielleicht wenige, aber dennoch mehr als einer.

Vielleicht sollten wir uns nicht mehr nach Online-Sucht umschauen. Denn Online ist nicht gleich „virtuell“. Ein furchbarschauriges Wort, weil es so oft verbogen und entkernt wurde. Online ist Realität. Und die Konflikte dort sind Konflikte. Onlinesucht? Konfliktsucht! Wir rennen gegen die virtuelle Mauer, weil es einfach geht. Niemand schlägt uns die Zähne ein, weil wir unter Fantasienamen die Sau rauslassen. Zumindest fast niemand.

Diese Sucht hat nichts mit dem Internet zu tun. Sicher: Das Internet lässt Konflikte so einfach erscheinen. Doch die Datenleitungen sind nur das Medium. Was sind wir für eine gesellschaft, die Konflikte nur lösen kann, wenn einder dem anderen die Zähne einschlagen kann. Selbst das hält viele nicht ab. Ich streite. Ich siege. Oder: ich verliere. Auf alle Fälle: Ich lebe.

Internetsucht? Konfliktsucht? Die Eisenbahn fährt mit 400 Kilometern pro Stunde und beschleunigt so langsam auf ein Drittel Lichtgeschwindigkeit. Unsere Hirne summen. Und wir brauchen einen Weg, damit fertig zu werden.

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21 Comments.

  1. Alexander Schestag

    Du zweifelst in diesem Artikel die Existenz von Internetsucht an und schreibst „Die Rede ist von Internetsucht. Sucht zerstört. Verdrängt die wichtigen Aspekte unseres Lebens. Die Realität. Nichts macht mehr Sinn, nur die Suche nach dem Stoff. I can take about an hour on the tower of power. As long as I gets a little golden shower. Der Kick. Der Kick. Und nochmal der Kick. Nichts spielt eine Rolle. Außer dem Kick.“

    Ja, und diese Menschen, bei denen das so ist, gibt es. Es handelt sich allerdings nur um sehr wenige Internetnutzer, die das Netz tatsächlich pathologisch nutzen. Mir sind Zahlen zwischen 0,7% und 4% der User in Deutschland bekannt.

    Klassisch unterscheidet man dabei zwischen Kommunikationssucht und Spielsucht im Netz. Eine Sucht nach Informationen und Informationssuche ist dagegen so gut wie nicht feststellbar.

    Die Betroffenen zeigen dabei alle Merkmale einer klassischen Sucht, wie man sie bei stoffgebundenen Süchten findet. Für sie ist das Internet tatsächlich der Kick. Das lässt sich sogar an physiologischen Parametern messen, unter anderem daran, dass sie Entzugssymptome wie bei stoffgebundenen Süchten bekommen, wenn man ihnen den Zugang zum Internet entzieht, und Kontrollverluste erleiden, wie sie zum Beispiel bei Alkoholabhängigen vorkommen. Auch andere Symptome treten in diesen Fällen exakt wie bei den stoffgebundenen Süchten auf. Wie du schreibst, die wichtigen Aspekte unseres Lebens werden dann zugunsten dieses einen Aspekts, des Suchtmittels, verdrängt. Betroffene isolieren sich, verlieren u. U. ihre Arbeit und geraten in schwere Konflikte mit ihrem sozialen Umfeld. Exakt dieselben Folgen finden wir bei stoffgebundenen Süchten. Lediglich die schweren gesundheitlichen Schäden, die bei den meisten stoffgebundenen Süchten auftreten, bleiben hier natürlich aus.

    Du hast recht, das Phänomen, das du Konfliktsucht nennst, hat nichts mit dem Internet zu tun. Und ich sehe es auch so, dass der Begriff Internetsucht viel zu inflationär verwendet wird, vielleicht auch für die von dir beschriebene „Konfliktsucht“, die keine Sucht im pathologischen Sinne ist. Aber das ist ebe dann ein ganz anderes Phänomen. Nichtsdestotrotz gibt es die oben beschriebene kleine Gruppe Betroffener, für die das Internet das spezifische Suchtmittel ist und die alle Symptome einer Sucht bis hin zu Kontrollverlusten und Entzugserscheinungen aufweisen.

    Richtig ist auch, dass man diese Sucht nicht allein anhand der Zeit, die man im Netz verbringt, diagnostizieren kann. Insbesondere weil die Internetnutzung mittlerweile zum Alltag gehört, ist das gar kein Indikator mehr für Internetsucht, während es das früher noch war. Aber auch bei stoffgebundenen Süchten wie der Alkoholabhängigkeit ist die Trinkmenge allein kein Indikator für eine Sucht.

    Wenn aber die oben genannten Kriterien zumindest teilweise erfüllt sind, also Entzugserscheinungen bei Entzug des Zugangs zum Internet, Isolation und Vernachlässigung aller anderer Aspekte des Lebens zugunsten der Internetnutzung, berufliche und soziale Probleme, die durch die exzessive Internetnutzung ausgelöst werden, Kontrollverluste usw., dann kann man von einer spezifischen Sucht reden, die konkret an das Internet gebunden ist.

    Du sagst „Vielleicht gibt es gar keine Internetsucht“ und „Vielleicht sollten wir uns nicht mehr nach Online-Sucht umschauen.“. Das wäre fatal. Den es gibt die Internetsucht, wie ich sie oben beschrieben habe, mit dem Internet als spezifischem und konkretem Suchtmittel. Das ist belegt. Und wir tun den – zum Glück relativ wenigen – Betroffenen keinen Gefallen, wenn wir uns nicht mehr nach ihrer Sucht „umschauen“. Diese Menschen brauchen genauso eine professionelle Behandlung wie Menschen, die von Alkohol oder Heroin abhängig sind, und dabei muss natürlich auch auf das spezifische suchtauslösende Element eingegangen werden. Deine Argumentation wäre so, als würde man dafür plädieren, Therapieprogramme für Alkoholabhängige einzustampfen, weil diese ja auch von Heroin abhängig werden könnten.

    • Danke für den ausführlichen Input. Aber ich möchte da doch etwas mehr sehen. Die Forschung ist keineswegs am Ende, sondern an ihrem Anfang. Die „Konfliktsucht“ — so habe ich sie Mal laienhaft genannt — ist eben nur eine Ausprägung dessen, was in der öffentlichen Diskussion „Internetsucht“ genannt wird.

      Ich möchte keine Probleme negieren, aber das Medium Internet ist kein hinreichendes Kriterium.

      Zahlen „zwischen 0,7 Prozent und 4 Prozent“ sind so enorm abweichend, dass ich mich nicht danach richten kann – schließlich geht es hier um den Faktor 6. Haben wir eine oder sechs Millionen Arbeitslose? Keine Ahnung, irgendwas dazwischen…

      Es ist als ob wir von einer Automatensucht sprächen und dabei nicht hinguckten, ob es um Spielautomaten, Süßigkeitsautomaten oder die berühmten japanischen Automaten geht, die getragene Unterwäsche von Schulmädchen auswerfen.

      Die „Konfliktsucht“ (wie gesagt: laienhaft formuliert) sehe ich in vielen Bereichen, die sehr offline geprägt sind, beispielsweise Fußball-Ultras oder Nachbarschaftsstreite.

      Natürlich macht die Vernetzung etwas mit unserem Hirn, ich plädiere aber für eine differenzierte Herangehensweise. Denn man kann prima auf Alkohol, Zigaretten und Poker verzichten, auf „das Internet“ (TM) jedoch zunehmend nicht mehr.

      • Alexander Schestag

        Es wäre ganz gut, wenn wir mal von dem wegkämen, was du „Konfliktsucht“ nennst. Denn das hat mit dem, was Experten „Internetsucht“ nennen, nichts zu tun.

        Es hat niemand behauptet, das Internet bzw. seine Nutzung sei ein „hinreichendes Kriterium“ für Internetsucht. Dass jemand Alkohol trinkt, ist schließlich auch kein hinreichendes Kriterium, um sagen zu können, ob derjenige alkoholabhängig ist. Dennoch ist eine Alkoholsucht spezifisch an die Droge Alkohol gebunden, und genauso ist eine echte Internetsucht an die Internetnutzung gebunden. Ich möchte nochmal auf die Diagnosekriterien für Sucht eingehen, die Kris in seinem Kommentar genannt hat, um das zu verdeutlichen:

        – ein unbezwingbares Verlangen zur Einnahme und Beschaffung des Mittels,
        – eine Tendenz zur Dosissteigerung (Toleranzerhöhung),
        – die psychische und meist auch physische Abhängigkeit von der Wirkung der Droge
        – die Schädlichkeit für den einzelnen und/oder die Gesellschaft.

        Insbesondere Punkt eins verlangt die unbedingte Bindung an ein spezifisches Suchtmittel. Und wenn es ein „unbezwingbares Verlangen“ gibt, sich mit dem Internet zu verbinden, um dort zu chatten oder zu spielen, dann ist ganz klar das Internet das Suchtmittel.

        Aber ich denke, ich weiß nun, wo das Missverständnis in deiner Argumentatio liegt Du sagst, „Es geht nicht um Internetnutzung. Denn mittlerweile ist eine normale Autofahrt, ein Gespräch unter Kollegen, ein Einkaufszettel eine Internetnutzung.“. Das ist alles vollkommen richtig. All das von dir Genannte eine ist Internetnutzung. Und es geht bei der Diskussion um Internetsucht in der Tat nicht um Internetnutzung. Es geht um pathologische Internetnutzung, oder in Analogie zum Alkoholmissbrauch, um Internetmissbrauch. Dein Missverständnis bezüglich der Definition von Internetsucht besteht daher m. E. darin, dass du normalen Internetgebrauch mit Internetmissbrauch als Suchtmittel gleichsetzt. Aber das darf man nicht. Denn nur weil man das Internet sinnvoll gebrauchen kann, heißt das noch lange nicht, dass man es nicht auch als Suchtmittel missbrauchen kann.

        Um es mal an einem anderen Beispiel deutlicher zu machen: Deine Schlussfolgerung, ein Einkaufszettel, eine normale Autofahrt oder ein Gespräch unter Kollegen sei mittlerweile Internetnutzung, und deswegen könne das Internet bei der Internetsucht genannten Sucht nicht das Problem sein, ist vergleichbar mit der Argumentation, Cannabis könne bei einem Cannabisabhängigen nicht das Problem sein, weil auch Schmerztherapie Cannabisnutzung sei. Und das wird kaum jemand behaupten, weil ein Cannabisabhängiger Cannabis eben nicht zu diesem Zweck nutzt, sondern den Stoff missbraucht, um die Auswirkungen seines Abhängigkeitsleidens zu lindern. Und genauso benutzt ein Internetabhängiger das Internet eben nicht mehr normal, sondern missbraucht das Internet bzw. ganz spezifische Aspekte davon wie Chats o. ä., um die Auswirkungen seines Abhängigkeitsleidens zu lindern. Diese Menschen sind meist zu der von dir genannten normalen, kontrollierten, aufgabenbezogenen Nutzung des Internets gar nicht mehr in der Lage.

        Und daher wird sich auch Kris Fragenkatalog auch nicht in Nichts auflösen. Denn er fragt Internetmissbrauch ab, nicht normale Internetnutzung.

      • Wir können gerne weg von der „Konfliktsucht“, es war nur ein rhetorisches Hilfsgebilde.

        Mein Punkt ist: „Das Internet“ existiert als Suchtmittel nicht mehr, da die Nutzungsarten zu differenziert, Online-Sein zu omnipräsent ist. „Internetsucht“ ist so spezifisch wie „Stoff in Atemwegen und Speiseröhren“-Sucht.

        Es ist hoch relevant, welche Nutzungsarten problematisch werden, welche Angebote genutzt werden und welche Reize getriggert werden. Letztes Jahr war ich in einem Kinderporno-Prozess als Zuschauer: Die Angeklagten waren zweifelsohne süchtig. Aber eben sehr spezifisch nach Kinderpornos, nicht nach einer vagen Form von Online-Sein.

      • Alexander Schestag

        Du sagst: „Mein Punkt ist: “Das Internet” existiert als Suchtmittel nicht mehr, da die Nutzungsarten zu differenziert, Online-Sein zu omnipräsent ist. “Internetsucht” ist so spezifisch wie “Stoff in Atemwegen und Speiseröhren”-Sucht.“

        Ich halte das für einen Fehlschluss aus einer richtigen Beobachtung. Das Internet ist omnipräsent, richtig. Dennoch lässt das nicht den Schluss zu, dass das Internet als Suchtmittel nicht mehr existiert. Natürlich kann man Internetsucht noch weiter aufdröseln, vor allem in Chat-Sucht und Online-Spiel-Sucht. Das wurde aber auch schon vor 15 Jahren gemacht. Das heißt, es gibt diese Spezifizierungen in der Fachliteratur längst. Dass die Presse diese Aufdröselung nicht vornimmt und hier pauschalisiert, berechtigt nicht zu dem Schluss, dass der Begriff Internetsucht fachlich falsch sei.

        All diesen Süchten, die man unter Internetsucht zusammenfasst, ist nämlich gemein, dass sie alle NUR im Zusammenhang mit Internetnutzung auftreten. Ein Teil der Betroffenen ist Internet-Chat-süchtig. Sie sind aber nicht süchtig nach Offline-Unterhaltungen. Und ein Teil dieser Leute ist Online-Spiel-süchtig. Sie sind aber zum Beispiel nicht süchtig nach Offline-Rollenspielen. Sie sind nicht mal süchtig nach Offline-Computerspielen.

        Sicherlich ist der Begriff Internetsucht sehr unspezifisch. Aber er ist deswegen noch lange nicht falsch, und es gibt Internetsucht. Auch das kann man mit stoffgebundenen Süchten vergleichen Man spricht bei stoffgebundenen Süchten ja auch von Drogensüchtigen. Das ist auch sehr unspezifisch. Das kann man aber auch hier noch spezifizieren, indem man die Droge nennt, etwa Alkohol, Heroin, Kokain usw. Genauso kann man Internetsucht spezifizieren indem man die konkrete Nutzungsform nennt, die das Suchtproblem hervorruft, etwa Chats, Online-Spiele usw.

        Mich hat an deinem Artikel einfach die Verharmlosung gestört, das Internet sei „nur das Medium“. So richtig das in vielen anderen Fällen ist, etwa bei Kinderpornographie, wo das Internet nur EIN Verbreitungsmedium ist und nicht das eigentliche Problem, so wenig stimmt es in diesem Falle. Die spezifischen Suchtformen Chat-Sucht, Online-Spiel-Sucht usw. treten eben NUR online auf, NICHT offline. Daher ist das Internet in dem Falle mehr als ein Medium. Es ist für die Internetsucht die Analogie zum Oberbegriff „Droge“ bei den stoffgebundenen Süchten.

      • Wir sind ja an sich sehr weit zusammen. ABER… :-)

        Die absolute Trennung zwischen Internet- und Nicht-Internetsüchten bestreite ich. Online-Rollenspiele mögen kein absolut stimmiges Offline-Äquivalent haben. (Obwohl man da anderer Auffassung sein kann, Selbstmorde wurden auch schon auf die Brettspiel-Varianten zurückgeführt.) Poker hingegen — absolut. Und was wir „Trolling“ nennen, ist ebenfalls online und offline. Online in die Ausprägung in vielen Bereichen heftiger, aber auch sichtbarer, da besser dokumentiert — aber es ist definitiv kein reines Online-Phänomen.

        Zudem gibt es Kombinationen von Süchten. Im Bereich Kinderporno ist ein guter Teil der Täter rettungslos besoffen vor dem Rechner. Für die Ermittler ist das sehr praktisch, denn die Selbstüberschätzung dank Alkohol führt zu absurden Fehlern.

        Aber eins wollte ich nicht: verharmlosen. Ich habe in dem Beitrag versucht, auch meine eigene Trigger darzustellen, die es mir schwer machen abzuschalten. Ich will den Alarmismus problematisieren, damit ich in den besonders kritischen Bereichen noch Alarm schlagen kann und der Selbstmordgefährdete nicht in einem Meer von WoW spielenden Teenagern untergeht.

      • Alexander Schestag

        „Die absolute Trennung zwischen Internet- und Nicht-Internetsüchten bestreite ich.“

        Dann schauen wir uns das mal an.

        „Online-Rollenspiele mögen kein absolut stimmiges Offline-Äquivalent haben. (Obwohl man da anderer Auffassung sein kann, Selbstmorde wurden auch schon auf die Brettspiel-Varianten zurückgeführt.).“

        Suizide haben aber primär nichts mit Sucht zu tun. Auch ein eventueller „Realitätsverlust“ bei irgendwelchen Offline-Spielen ist kein Suchtverhalten. Wir kommen hier wieder völlig vom Thema ab.

        „Poker hingegen — absolut.“

        Mir ist nicht bekannt, dass es eine signifikante Zahl von Menschen gibt, die nach Offline-Poker süchtig sind. Spielsucht im Offline-Bereich beschränkt sich meist auf den Automatenbereich.

        „Und was wir “Trolling” nennen, ist ebenfalls online und offline.“

        Und was hat „Trolling“ mit Suchtverhalten zu tun? Du bist dir schon sicher zu wissen, wie „Sucht“ definiert ist? Nicht jedes Fehlverhalten ist Suchtverhalten. Eine Sucht ist über die Kriterien definiert, die Kris in seinem Posting genannt hat. Nur das ist Sucht. Und da ist eine klare Trennung zwischen Online- und Offline-Süchten schon möglich.

      • Natürlich meine ich nicht, dass Selbstmorde alleine eine Sucht belegen. Als es zu einem Selbstmord kam, gab es in den USA die Debatte, ob Dungeons and Dragons (IIRC) süchtig macht, inklusive der von Kris genannten Kriterien.

        Und dass es in deutschen Studien keine relevante Anzahl von Offline-Pokersüchtigen gibt, lag auch an der Rechtslage. In den USA wirst Du bei Gamers Anonymous auch viele Pokersüchtige finden.

        Und ja: Bei Trollen kann man nach dem oben angegebenen Kriterienkatalog Suchtverhalten feststellen. Hier ist die Debatte in UK grade interessant, wo Trollen als gesellschaftliches Problem erkannt wird.

  2. Ich denke, dass man spätestens dann von Sucht sprechen kann, wenn die klassischen vier Sucht-Kriterien der WHO (1957) erfüllt sind:
    – ein unbezwingbares Verlangen zur Einnahme und Beschaffung des Mittels,
    – eine Tendenz zur Dosissteigerung (Toleranzerhöhung),
    – die psychische und meist auch physische Abhängigkeit von der Wirkung der Droge
    – die Schädlichkeit für den einzelnen und/oder die Gesellschaft.

    Wenn auch ein Leidensdruck seitens des Betroffenen hinzukommt besteht wohl kein Zweifel mehr. Selbsthilfeforen gibt es ja schon.

    Auch wenn solche Fragen (sind aus der aktuellen Studie) durchgehend entsprechend beantwortet werden, dürfte das zumindest ein sehr deutlicher Hinweis sein:

    Wie häufig finden Sie es schwierig, mit dem Internetgebrauch aufzuhören, wenn Sie online sind?
    Wie häufig setzen Sie Ihren Internetgebrauch fort, obwohl Sie eigentlich aufhören wollten?
    Wie häufig denken Sie an das Internet, auch wenn Sie gerade nicht online sind?
    Wie häufig haben Sie erfolglos versucht, weniger Zeit im Internet zu verbringen?
    Wie häufig vernachlässigen Sie Ihre Alltagsverpflichtungen (Arbeit, Schule, Familienleben), weil Sie lieber ins Internet gehen?
    Wie häufig fühlen Sie sich unruhig, frustriert oder gereizt, wenn Sie das Internet nicht nutzen können?

    Natürlich müssen auch Gebiete abgegrenzt werden. Mit „online sein“ kann man ja vollkommen unterschiedliche Aktivitäten bezeichnen. Zum Beispiel ist es wahrscheinlich jeweils etwas völlig anderes, nach einem MMOG, Pornos, oder Social Networking Sites süchtig zu sein. Zeit an sich als Faktor einzubeziehen (z.B. mehr als 5 Stunden pro Tag) ist sicherlich auch fragwürdig, weil man ja die verschiedensten Dinge im Zwecke im Netz verfolgen kann, die nichts mit einer Sucht zu tun haben müssen.

    • Kris: Dein Fragenkatalog wird sich im Nichts auflösen. Es geht nicht um Internetnutzung. Denn mittlerweile ist eine normale Autofahrt, ein Gespräch unter Kollegen, ein Einkaufszettel eine Internetnutzung.

  3. Schall-, nicht Lichtgeschwindigkeit. ;)

  4. Da spiegelt sich klassisches „Offliner-Denken“. Da bei vielen mittlerweile alles über „dieses Internet“ läuft – Information, Kommunikation, Unterhaltung, Fernsehen, Arbeit, Recherche, Nachrichten, Spielen, was auch immer – ist ein längerer Konsum völlig normal.
    Stehe ich morgens auf, trinke einen Kaffee und lese das lokale, gedruckte Käseblatt, bewege mich dann in die Bibliothek und arbeite dort mit Büchern, komme dann abends nach Hause und schaue den Tatort, dann ist das in dieser Denke normal. Stehe ich morgens auf, trinke einen Kaffee und lese Spiegel Online, bewege mich dann in die Bibliothek und arbeite mit Online-Datenbanken, komme dann abends nach Hause und streame mir einen Film, dann ist das Onlinesucht und zu hoher Internetkonsum. Verstehe das, wer will.

    • Sind wir darüber nicht langsam hinaus? Wird tatsächlich noch alleine aus der schieren Dauer der Internetnutzung noch ein Problem diagnostiziert? Beobachtest Du das im Alltag?

      • Alexander Schestag

        Das wurde in der psychologischen Forschung schon vor 17 Jahren verneint, als ich mich, damals noch als Psychologie-Student, erstmals mit dem Thema auseinandergesetzt hab und als das Internet wirklich noch nicht zum Alltag gehörte. Schon damals war man sich unter Fachleuten einig, dass die reine Nutzungsdauer allein kein hinreichendes Diagnosekriterium für Online-Sucht sein kann. Das war also nie so und ist somit ein Scheinargument.

      • Ja, es geht aber nicht nur um wissenschaftliche Erkenntnisse, es geht um eine gesellschaftliche Debatte. Eltern, Chefs, Politiker richten sich eben nicht nach dem, was Psychologen vor 17 Jahren bereits differenzierter gesehen haben. Deshalb frag ich ja nach dem Kontext.

  5. Salve, werte Suchtmuffel(chen)!

    Hihi…das Nerdsystem hatte ich bereits 1997 beschrieben (als es noch DFÜ hieß) wie folgt:

    Frank im Alterswohnheim für DFÜ-Abhängige

    Frank Weimar ist 99 Jahre alt, 1,32 m groß, wiegt 120 kg und wohnt gemeinsam mit seinen Urgroßeltern in einem Alterswohnheim für DFÜ-Abhängige.

    Dort haben sie zur Zeit nur zwei Leitungen zur Verfügung und streiten sich auch noch ständig um diese. Im Sommer regelt die Familie das Problem recht human: Uropa nimmt sich dann das Schlepptop und stellt sich in die nächste Telefonzelle mit einem Uralt-Akustikkoppler, den sie auf ISDN-nahe Geschwindigkeit getunt haben. Es gibt zwar häufig Ärger, wenn dann eine lange Schlange wartender Telefonsüchtiger vor der Telefonzelle steht, aber Uropa trägt gut sichtbar die goldene DFÜ-Schleife, die ihn als Abhängigen ausweist….

    Um den richtig echten Datenrausch zu erfahren schreibt er nur online und flitzt mit 128.000 per Duplex durch die Foren…

    Häufig sucht er dort online nach einer Hilfestellung und Therapie für seine Sucht.

    Seine Urgroßeltern und er haben mannigfaltige Probleme, z.B. mit der Telekom wegen der enormen Rechnungen, die ihnen per UPS zugestellt werden, da die Post nur Pakete bis 20 kg versendet.

    Die Familie streitet sich ständig um die 2 freien Leitungen und gerne würden sie High-Speed-DSL beantragen, jedoch werden meist die gesam(mel)ten Renten für Uropas Telefonkarten verbraten und reichen dann nicht für eine DSL-Anschaffung.

    Uropa ist der von der Sucht am schlimmsten Betroffene. Er leidet vor allem im Winter heftig unter seiner Sucht, da er dann – mit Uralt-Laptop und Akustikkoppler bewaffnet – die Telefonzellen stürmt. Oft hinterlässt er einen Haufen Grippeerreger in den Telefonzellen, seine Gichtgriffel leiden zudem mit unter der (eiskalten) Sucht…

    Gerne nähme die Familie Spenden zur Behebung des Lasters an, wahlweise einen Sekretär oder eine Sekretärin, die Ihnen das Tippen abnimmt, da die Reflexe nicht mehr die besten sind…

    Da die gesamte Familie nun auch langsam sehr gichtige Griffel bekommt, wäre sie auch dankbar über Spenden in Form eines Voice-Wandlers o.ä., gerne auch eine (bitte junge) Sekretärin… ein kompetenter Sekretär darf es auch sein, er sollte aber auch den Wuffi ausführen, Uropa schafft es im Sommer mit Wuffi immer nur bis zur Telefonzelle..

    Die Familie wandte sich zwecks Subvention bereits an größere Universitätskliniken und schlug vor, die in ihrem gehobenen Greisenalter ungewöhnlichen Tätigkeiten im Web der geriatrischen Forschung zur Verfügung zu stellen (quasi als “Gegenleistung” freies Surfen), insbesondere an den Bundesminister für Suchtprävention. Vorgenannter Entscheider über Leben und Tod im Netz verfluchte sie in die Äonen des Webs mit ihrer Sucht (so unfein drückte er sich allerdings keineswegs aus), aber die Telefonrechung, die den Umfang eines postzustellbaren Paketes mit 20 kg ja immer übersteigt, interessierte ihn genauso wenig wie der Vorschlag, der Forschung zu dienen, sondern er druckste herum und schüttete derweil neben dem Telefon befindliche Kaltgetränke wohl versehentlich in den Hörer, so dass seine letzten von ihm vernommenen Worte SCHEISSE waren… ))

    Konstruktive Problemlösungsansätze nimmt die Familie dankend an und wägt ab, ob ein erneuter Versuch der Diskussionsaufnahme mit dem Bundesministerium erfolgversprechend ist…

    Ein an diese Institution gerichteter Bestechungsversuch seitens der Urgroßmutter, vor den gardinenfreien Fenstern des Wohnheimes die Aufmerksamkeit interessierter Passanten und Minister durch Stripeinlagen auf sich zu ziehen, schlug fehl… vielleicht spendiert Uroma jemand eine Faltencreme?

    Geriatrische Internetsucht

  6. Witzig. Du bist nicht der Erste, der über verschiedene Realitäten sinniert. Sascha Lobo hat dies kürzlich getan: http://www.spiegel.de/netzwelt/web/sascha-lobos-kolumne-welt-am-geraet-a-860250.html und ich habe meinen Senf dazu gegeben: http://www.rorkvell.de/news/2012/Nur_das_Echte_Wahre.html.de