Warum „The Big Bang Theory“ sterben sollte

Als „The Big Bang Theory“ ins Fernsehen kam, war ich sehr angetan. Endlich (mal wieder) eine Serie, die intelligente Plotlines mit Nerd-Memes verbinden konnte und dabei sowohl das „eingeweihte“ Publikum als auch den Mainstream ansprach. Die übergreifende Story ist zwar nicht besonders anspruchsvoll und großteils konventionell, die Autoren konnten aber durch das Spiel mit den Charakteren und popkulturellen Zitaten immer wieder neue Geschichten erzählen.

In diesem lesenswerten Aufsatz geht ein selbst identifizierter Nerd mit der Serie hart ins Gericht. Statt mit den Charaktern zu lachen, sind die Serienschöpfer — insbesondere Chuck Lorre — Bullies, die den Nerds in der Serie die Hosen runterziehen und sie der Lächerlichkeit preisgeben.

And here’s my issue, here’s why The Big Bang Theory makes me feel uncomfortable. We aren’t laughing with Leonard, Sheldon, Raj and Howard. We’re laughing at them. Chuck Lorre has given us four exceptionally intelligent, nerdy main characters and he’s positioned us as an audience against them.

Ich teile diese Diagnose nicht ganz — zumindest nicht für die ersten Staffeln der Serie. Es stimmt: Das lachende Publikum führt einen in die Richtung, auch dass der Produzent auch die Sexwitz-Ansammlung „Two and a half men“ verantwortet, stimmt nicht optimistisch. Dennoch konnte man sich in den ersten Staffeln eben nicht nur mit Penny identifizieren. Der eigentliche Held der Show war in meinen Augen Leonard, der in einer Welt voller Konsum und des medialen Statusvergleichs seinen Weg sucht, während er ständig mit seinen Unzulänglichkeiten konfrontiert wird. Selbst Sheldon hatte seine Momente, indem er schlichtweg den Elefanten im Raum identifiziert und benannte oder in seinen Grenzen großzügig sein konnte. Die Serienmacher achteten darauf, dass sie — wie einst die Simpsons — zwei Ebenen bedienten: Konventionelle Sitcom-Comedy für den Mainstream und Insider-Humor für Leute, die Internetkultur und Comics nicht nur aus zweiter Hand kennen.

Das ist jedoch lange vorbei. Die Witze wurden immer schaler, das Ensemble immer größer. Mittlerweile sind es nicht mehr vier (Raj war anfangs ein Anhängsel), sondern sieben Charaktere, die in jeder einzelnen Folge Plotlines bekommen müssen. Plus Gaststars, die dann mal eben die kompletten Handlung kidnappen. Da die Sendezeit nicht erhöht wurde, lässt dies schlichtweg keine Zeit mehr dazu, Geschichten zu erzählen. Die Folgen sind nur noch aufeinanderfolgende Witze, die Charaktere sind zu reinen Lieferanten von Pointen verkommen.

Wer heute eine Folge isoliert betrachtet, sieht keinerlei Wärme mehr. Jeder einzelne Charakter ist kindisch, absolut selbstbezogen und keineswegs liebenswert. Howard liefert die Juden- und Ehemänner-Witze, Raj darf den Rassismus und homophobe Klischees ausleben, der Comicbuchladenbesitzer ist die Figur, mit der man sich ungestraft über arme Menschen lustig macht. Er kann sich kein Essen oder eine Kinokarte leisten. Hahaha! Besonders peinlich: Amy Farrah Fowler, die von der asexuellen Wissenschaftlerin zur Möchtegernlesbe umfunktioniert wurde.

Einst war der Lachtrack nur eine Erzählebene. Jetzt ist er die ganze Geschichte. Lasst TBBT endlich sterben. Meinetwegen mit einem Bang.

DVD-Paradoxon

Die dritte Staffel von Breaking Bad läuft grade auf arte, ist sogar auf deren Website kostenlos ansehbar. Zudem ist die Serie so beliebt, dass man sie ohne Probleme an zahlreichen Stellen im Netz sehen kann. Warum habe ich hab mir heute trotzdem die DVD bestellt?

  • Meine DVR-Festplatte wäre mit der ganzen Staffel sehr ausgelastet.
  • Ich will die DVD-Kommentare haben. Denn die sind wirklich erhellend im Gegensatz zu vielen anderen DVDs. Vince Gilligan und Bryan Cranston sind intelligente Kreative, denen ich gerne zuhöre.
  • 21,99 Euro sind ein akzeptabler Preis.
  • Ich mag die Stimme von Walter White in der deutschen Synchronisation nicht. Ich glaube es ist die gleiche wie die von John Ritter.

IFA-Fazit

Wenn der Fernseher „smart“ ist, muss es der Zuschauer nicht sein. Vom Programm reden wir lieber erst gar nicht.

Non-reality

Erst wenn die der letzte Mietpreller entmietet, das letzte Wut-Kind befriedet, der letzte Event-Manager gekocht ist, werdet Ihr merken, dass Reality-TV auch ohne Realität auskommt.

Zwei Missverständnisse zur Anonymität

Ich habe grade Mal „Anne Will“ eingeschaltet und erinnere mich lebhaft, warum ich das sonst nicht tue. Gerade beim Thema Anonymität verschanzen sich beide Seiten hinter Scheinargumenten.

Die eine Seite argumentiert, dass im Internet alle Hemmungen fallen und dass durch die Anonymität des Internets der Schmutz nach oben gespült wird, dass der Mob die Unschuldsvermutung ignoriert und sich selbst zum Ankläger und Richter erhebt. Verletzende Zitate finden sich zu Hauf.

Das sind Scheinargumente. Denn die Unschuldsvermutung bindet natürlich in erster Linie Institutionen. Der Bürger selbst kann jeden schuldig halten, den er will und darf dies — in Grenzen — natürlich auch ausdrücken. Das ist Meinungsfreiheit. Dass im Internet so einfach die übelsten Beschimpfungen zu finden sind, liegt zu einem großen Teil an einem einfachen Umstand: Außerhalb des Internets wird nicht immer jede Äußerung mitgeschrieben und ist nicht googlebar. Wenn in Kneipen, im Sportverein auf Kinderspielplätzen diskutiert wird, trägt niemand ein Gesetzbuch unterm Arm. Und wenn Missstände beobachtet werden, darf natürlich nicht alleine der Staatsanwalt Akten lautlos hin- und herschieben, bis der Richter sein Urteil gesprochen hat. Wenn mir jemand die Vorfahrt nimmt, wenn vor meinem Fenster ein Auto ein anderes rammt, gibt es kein Verbot darüber zu sprechen, was ich gesehen habe.

Die andere Seite erhebt die Anonymität zur wesentlichen Voraussetzung der Kontrolle von unten. Das ist bei Whistlerblowern, die Skandale im eigenen Haus aufdecken, selbstverständlich so. Für einen engagierten Plagiatsjäger, der in keiner direkten Beziehung zu dem vermeintlichen Plagiatoren steht, jedoch eher nicht. Eine Berichterstattung über die Plagiate wäre durch nicht-anonyme Plagiatsjäger nicht eingeschränkt oder verhindert worden. Journalisten lieben es, wenn sie jemanden anrufen können, wenn sie Nachfragen stellen können und etwas erklärt bekommen. Natürlich sind wir Journalisten gerade in solch gehypten Themen lästig, wir rufen an, wir stellen haufenweise Fragen, verstehen etwas falsch, zerren Personen an die Öffentlichkeit, die lieber für sich geblieben wären. (In meinem Eckchen des Journalismus bleibt mir das zum Glück weitgehend erspart.) Aber die Berichterstattung wäre nicht verhindert worden. So hätte ein kundiger Vroniplagger die Behauptungen des Herrn Chatzimarkakis on the fly korrigieren und in Kontext stellen können. Ich persönlich hätte aber auch keine Lust auf die Live-Konfrontation vor Millionenpublikum.

Viel realer sind jedoch andere Probleme, die dafür sprechen, anonym zu bleiben. Wer Geld hat, hat Anwälte — Abmahnungen sind schnell geschrieben und schwer wieder abgewehrt. Chefs und Kollegen haben politische Meinungen und Wikis können offenbaren, wer in der Kernarbeitszeit etwas machte, was mit seinem Haupt-Job nichts zu tun hatte (auch wenn derjenige die Zeit selbstverständlich durch Überstunden mehr als aufholt).

Nachtrag: Der britische „Guardian“ hat soeben auch einen interessanten Artikel bezüglich des Aspekts der medialen Vorverurteilung, oder im Polittalk-Jargon: des Scherbengerichts, des Prangers veröffentlicht. Leserredakteur Chris Elliott beleuchtet die Reaktionen auf die Crowdsourcing-Bemühungen aus den im Juni freigegebenen 13000 E-Mails aus der Gouverneurs-Zeit von Sarah Palin Berichtenswertes zu generieren. Um die Freigabe der E-Mails war ein gewaltiger Hype entstanden, der allerdings nichts zu Tage förderte.

Elliot schreibt:

There is plenty of journalistic digging that goes on that doesn’t reap a reward. […] The journalists involved still believe it was a worthwhile exercise. One said: „The aim of the original FoI [requests] was to get information to provide a portrait of a politician who at the time might have been vice-president or even president, and may yet be one of the contenders for the Republican nomination to take on Barack Obama next year. „

Ganz klar: natürlich müssen Medien solche Quellen durchforsten, wenn sie ihrer Wächterfunktion nachkommen wollen. Aber müssen sie so einen Bohei darum machen? Für Elliot ist das ein Teil des Medienwandels:

Fair enough, but the „ball-by-ball“ nature of our coverage, a growing and often successful method of real-time coverage on the web, meant we sounded way more excited about the emails than their substance warranted. Aspects of Sarah Palin’s life such as her religious zeal – especially when related to discussion of her son who has Down’s syndrome – and her language misfired for many readers.

Web techniques such as live blogging and crowdsourcing expose the process of a story in a way that has hitherto been largely hidden to readers, which is a good thing. But in future we should be much warier of the glee quota until we know what we have got.

Fassen wir die Lektion in seinem Satz zusammen: Wenn Recherche in der Öffentlichkeit stattfindet, dann verändert sie die öffentliche Wahrnehmung.

Audacity of Streaming

Die GVU wedelt mit einem Damoklesschwert über den Köpfen der Nutzer von Kino.to und anderen Streamingseiten.

Beim Streaming werden in der Regel Zwischenspeicherungen auf dem eigenen Rechner durchgeführt, um den Film störungsfrei wiedergeben zu können. Das ist rechtlich eine Kopie. Eine Kopie von einer illegalen Vorlage – worum es sich bei den Filmen über kino.to regelmäßig gehandelt hat – ist selbst auch immer illegal. Die Nutzung von illegalen Streams über illegale Portale wie kino.to ist somit selbst illegal.

Die Diskussion, ob Kopien im Flash-Zwischenspeicher illegal sind, ist sicher juristisch hoch spannend. Aber ich glaube nicht, dass die GVU oder die Filmindustrie mittelfristig zu dem Mittel greifen, die Nutzer von Streaming-Portalen wie kino.to zu belangen. Ein Grund: der Schaden ist viel zu gering. Bei der Nutzung von Tauschbörsen lädt der Nutzer die Dateien, die er herunterlädt gleichzeitig wieder ins Internet hoch. So konnten die Rechteverfolger absurd anmutende Schadenssummen konstruieren, die als Abschreckung fungieren sollten und gleichzeitig die Unterstützung der Justiz sicherte.

Doch was soll man für jemanden berechnen, der sich eine Folge von The Big Bang Theory angesehen hat? 2,49 € kostet die Folge im iTunes Store, aber das ist kein guter Vergleichspreis. Denn die iTunes-Datei steht mir zum beliebigen Ansehen bereit, dank iCloud sogar auf unterschiedlichen Geräten, auf dem HD-Fernseher genauso wie auf dem iPad. Was also kostet das einmalige Ansehen der einen Folge im Browser? 99 Cent? Nein, das ist der Preis für das Streamen eines ganzen Films bei iTunes. Also 30 Cent? Das klingt realistisch. Wenn Richter für diese Schadenssummer des eindeutig privaten nicht-gewerblichen Gebrauchs eines Trivialprodukts die IP-Adressen von Nutzern herausrücken, dann können wir das Telekommunikationsgeheimnis ganz abschaffen.

Wichtiger aber ist: Woher weiß der Nutzer heute noch, was denn ein illegaler Stream ist? Ich hab kurz vor der Abschaltung nur einmal auf kino.to geguckt. Die direkt aufpoppende Sexcam-Werbung war sicher ein Indiz für ein unseriöses Angebot. Aber seien wir ehrlich: das Nachtprogramm der völlig legalen Privatsender sieht nicht besser aus.

Argumentieren wir mit dem gesunden Menschenverstand: Ein Stream einer TV-Sendung völlig umsonst, das kann doch nicht legal sein? Oder um es mit dem §53 des Urheberrechts zu sagen:

Zulässig sind einzelne Vervielfältigungen eines Werkes durch eine natürliche Person zum privaten Gebrauch auf beliebigen Trägern, sofern sie weder unmittelbar noch mittelbar Erwerbszwecken dienen, soweit nicht zur Vervielfältigung eine offensichtlich rechtswidrig hergestellte oder öffentlich zugänglich gemachte Vorlage verwendet wird.

Doch was ist offensichtlich illegal? Muss der Nutzer annehmen, dass das, was in den USA auf Hulu.com legal ist, hierzulande offensichtlich illegal ist? Hier in Deutschland darf man US-Serien nur sehen, wenn man Apple dafür bezahlt. Oder Amazon. Punkt.

The Daily Show With Jon Stewart Mon – Thurs 11p / 10c
C#@k-Blocked Roundup – Yemen
www.thedailyshow.com
Daily Show Full Episodes Political Humor & Satire Blog The Daily Show on Facebook

Hoppla, wie konnte ich also wagen, diese aktuelle Folge von „The Daily Show with Jon Stewart“ hier in mein Blog zu packen? Ganz einfach: Es ist legal. Und wenn man hier klickt, bekommt man alle Southpark-Folgen umsonst auf den Rechner gestreamt. Warum ist das so? Weil die Sendungen von Comedy Central stammen, die offenbar ein Geschäftsmodell um die freie Verfügbarkeit der Streams gestrickt haben. Muss der Nutzer also immer ein Verzeichnis der Sender parat haben, die ihre Sendungen nicht streamen? Die auch nicht Mal eben bei Amazon ein paar Folgen kostenlos veröffentlichen, um die DVD-Verkäufe anzukurbeln?

Nun – hier könnte man wiederum argumentieren: Kino.to war offensichtlich nicht Southpark.de. Einige Portale machen sicher kein Geheimnis draus, wie illegal sie doch sind. Was ist jedoch, wenn die Streamportale es nicht so offensichtlich machen, wie die Betreiber von Kino.to, die — so denn die Vorwürfe stimmen — vor allem mit dreistem Userbetrug Geld verdient haben. (Geile Girls in meiner Umgebung warten auf mich? Come on, ich wurde schon besser verarscht.)

Ein Beispiel für ein besser gemachtes Portal ist Sidereel:

Professionelle Aufmachung, Präsenz bei Twitter und Facebook, Links zu Amazon, iTunes, CBS — wie soll der Nutzer erkennen, ob das Portal illegal ist? Oder halblegal? Die Betreiber haben sogar Geld investiert, um den Nutzern Mehrwert zu bieten, statt sie wie bei kino.to zu verarschen. Jede Woche berichten Sidereel-Kommentatoren, was denn die Stars einer Serie aktuell so tun, welche Gerüchte diskutiert werden und welche Quoten die Serie eingespielt hat. Das ist ein Service, den deutsche Privatsender schon lange nicht mehr leisten. Ist einmal eine Serie gekauft, läuft sie halt in der Endlosschleife bis niemand mehr zusieht. Die redaktionelle Begleitung reicht offenbar schon lange nicht mehr, auch nur korrekte oder gar ansprechende Beschreibungen der Serien in das EPG oder in den Videotext zu packen. Sidereel wirkt da seriöser als Pro7. Woher soll der Nutzer also wissen, ob die Links auf Sidereel nach GVU-Interpretation legal oder illegal sind?

Kurz zusammengefasst: die Bekämpfung der Nachfolger von Kino.to kann ein in die Länge gezogener Kampf werden, der aussichtsloser ist als der Krieg gegen Marihuana. Oder man schafft Konkurrenzangebote zu Hulu, die auch hierzulande abrufbar sind.

Warum warten, Frau Piel?

Frau Monika Piel macht als turnusgemäße ARD-Intendantin Furore. Sie erklärt zum Beispiel gegenüber der Frankfurter Rundschau:

Man ist offensichtlich von Seiten der Verlage auf dem Holzweg, wenn man journalistische Inhalte kostenlos anbietet. Diese Kostenloskultur kann nicht Ziel führend sein. Das kann für die Verlage nur heißen, man muss dahin kommen, die journalistischen Inhalte zu verkaufen. Da sind kostenpflichtige Apps der richtige Anfang. Bei diesen fühlen sich die Verleger jedoch im Markt behindert. Wenn der Verlegerverband die Apps kostenpflichtig macht, dann werde ich mich auch vehement dafür einsetzten, dass unsere öffentlich-rechtlichen Apps kostenpflichtig sind.

Man muss sich da schon fragen: wo war Frau Piel in den letzten fünf bis zehn Jahren? Denn so lange versuchen schon Medienkonzerne das Modell Free-TV – sagen wir es Mal so – um eine weitere Bezahl-Komponente zu ergänzen. Ob Grundverschlüsselung bei Kabel Deutschland oder bei Astra – der Zuschauer soll zukünftig einen monatlichen Obulus zahlen. Das erste Jahr gibt es gratis, danach kostet „HD Plus“ 50 Euro pro Jahr — ein Fakt, den Pro7 in seinen „Jetzt sind wir viel schärfer“-Werbespots verschweigt.

Ein Bollwerk gegen solche Versuche war bisher ARD und ZDF. Sie sagt seit Jahren: Verschlüsselung gibt es mit uns nicht, unsere Signale sollen frei empfangbar bleiben. Oder in ihren eigenen Worten:

„Das Fernsehen droht, seine publizistische Seele zu verlieren“, zeigte sich ZDF-Intendant Markus Schächter in Berlin besorgt. „Es verlässt seinen gesellschaftlichen Auftrag und hat nicht mehr das Ziel, das Gespräch der Gesellschaft anzustacheln.“ ARD-Generalsekretärin Verena Wiedemann fürchtete gar, dass sich „unsere Demokratie grundsätzlich verändern wird“.

Der Widerstand hatte Erfolg. Wer auf Konservenregale wie „Kabel1 Classic“ oder andere noch unterentwickelte HD-Programme verzichten kann, erhält so mit seinem einfachen Receiver ohne weitere Kosten die zahlreichen ARD-Programme empfangen – egal ob Zimmerantenne, satellit oder Kabel, egal ob analog oder Digital, HD oder Standard-Auflösung. Das öffentlich-rechtliche Programm mag gerade über Weihnachten eine Qual gewesen sein, aber gewöhnlich ist es mehr als ausreichend.

Allerdings sehe ich nicht den prinzipiellen Unterschied zwischen Bezahl-Apps und Grundverschlüsselung. Wenn Frau Piel das eine will, kann sie doch nicht mehr wirklich gegen das andere sein. Wenn also die Verleger mit ihren iPad-Träumen auf dem Markt sind, auf den die ARD so unbedingt angewiesen ist, dann sind es die Privat-Sender erst recht. Ein voll verdongeltes Medien-Vertriebssystem mit Zahlkomponente gibt es nicht nur bei Apple und Google. Wenn also die Bezahl-Apps der Verlage die ARD zu Bezahl-Apps treiben können, dann ist wohl auch die Opposition gegen Grundverschlüsselung hinfällig.

Bisher zahle ich meine GEZ-Gebühr pünktlich und ohne jeden Groll. Sollte die ARD kann mit Kabel-Betreibern, Providern und Satelliten-Services ins Bett steigen, um uns ein zweites Mal abzukassieren, würde ich mir überlegen den TV-Empfänger komplett abzuschaffen. Aber welchen Unterschied würde das machen – ab 2012 ist ja die Haushalts-Gebühr fällig.

Beckmann: Fiktion und Realität

Gestern abend war Talkmaster Reinhold Beckmann im Tatort zu sehen. Er spielte den Talkmaster Reinhold Beckmann, der eine der Verdächtigen interviewt: die Leiterin einer Familien-Molkerei. Ein Junge war ums Leben gekommen, als er einen Energy-Drink der Firma getrunken hatte, Kommissar Borowski ermittelt.

Beckmann: Frau Kallberg, ziehen sie gar keine Konsequenzen jetzt?
Liane Kallberg: Doch… Doch, natürlich ziehe ich Konsequenzen… Die Entscheidung ist mir auch nicht leicht gefallen, aber ich muss sagen dass… mit einem…großen internationalen Unternehmen als Partner es für eine Firma wie Kallberg natürlich sehr viel einfacher ist, umfassende und sichere Qualitätskontrollen zu liefern.
Beckmann: Was heißt das jetzt konkret? Was wollen sie da machen?
Kallberg: Konkret heißt das, dass ich unsere Familienfirma verkauft habe.
Beckmann: Was ist der Grund dafür?
Kallberg. Ich… um ehrlich zu sein, muss ich gestehen, dass ich als Person diesem Druck der letzten Tage …. auf Dauer gar nicht standhalten würde… Und diese Hetzkampagne war für mich…
Beckmann: Aber sie haben doch die Medien instrumentalisiert? Schauen sie sich das Foto an!
Kallberg: Entschuldigen Sie.. aber… weil ich bei der Beerdigung war?
Beckmann: Unter anderem. Sie haben sich fotografieren lassen auf der Beerdigung.
Kallberg: Nun, aber… ich meine: hätte ich nicht auf diese Beerdigung gehen sollen? Für mich war es… also ich hielt.. ich halte es einfach…
[Dialog vor dem Bildschirm]
Beckmann: Viele Halten es für eine komplette Inszenierung, was Sie gemacht haben.

Am vergangenen Montag hatte Reinhold Beckmann in der Realität Roland Koch und Thomas Gottschalk zu Gast. Thema war unter anderem der vorzeitige Rücktritt von Koch. Beckmann spielt einen Ausschnitt einer Sendung von 2008 ein, in dem er Koch ein Statement abgerungen hatte, dass er für fünf Jahre antreten möchte.

Koch: Ja, das ist ein schönes Beispiel für das, was Medien veranstalten. Weil Sie sind klug zu wissen, wie blödsinnig die Frage ist. Und.. Sie stellen sie trotzdem mit dieser Impertinenz und der Politiker sozusagen versucht sozusagen irgendwie damit umzugehen. Natürlich ist wie beim Fußballtrainer…
Beckmann [unterbricht]: Herr Koch, der Wähler hat eine klare Antwort verdient!
Koch: Ja, der darf. Aber Sie wissen…
Beckmann: Aber Sie treten an.
Koch: Lassen wir den Wähler einen Augenblick in Ruhe. Aber Sie der Fragende, sind ja nicht sozusagen jemand, der sozusagen uninformiert ist. Sie sind informiert. Sie wissen – so wie ich – dass natürlich solche Entscheidungen nur spontan vernünftig sind. Also: die kann man nicht ankündigen, man kann nicht sagen, man macht das für zwei Jahre. Es ist grob unvernünftig, bis zum Ende einer Wahlperiode zu sein und dann einen neuen …
[alle reden durcheinander] Beckmann: der Wähler..
Koch: Und Sie fragen es wieder und sie fragen es wieder. Sagt man dann an der Stelle, man hört auf und insofern nehme ich das dann auch…
Beckmann: Hatten Sie es damals schon im Kopfe? Sie können es jetzt ja beantworten. Wir können ja jetzt darüber reden. Hatten Sie damals schon im Kopfe, frühzeitig aufzuhören.
Koch: Ich wusste das damals nicht, wann ich aufhöre. Ich habe im Kopf gehabt: nicht bis zum Ende meines Lebens Politik zu machen. Aber ich wusste im Jahr 2008 so vieles nicht, wie das weiter geht. Ich wusste im Jahr 2008 nur, dass die Landtagswahl gezeigt hat: „Junge sei vorsichtig, wenn Du glaubst Du kannst das ewig machen.
Beckmann: Nach dem Verlust von 12 Prozent.
Koch: Nach dem Verlust von 12 Prozent.
Beckmann: Andere Politiker mit etwas Anstand hätten gesagt: Es reicht, ich hab einen Fehler gemacht, ich gehe. Warum sind Sie damals geblieben.
Koch: Naja, da gibt es wieder zwei Argumente. Das eine: ich konnte gar nicht gehen, weil: ich war geschäftsführender Ministerpräsident. Also ich hätte sozusagen eine ganz ungewisse Situation schaffen müssen an dieser Stelle. Zum zweiten: man muss das Ergebnis ja auch einordnen. Ich habe 48 Prozent in Hessen bekommen, als die CDU in Deutschland 49 hatte und ich hab 37 bekommen, als die CDU in Deutschland 35 hatte. Also dieses Ergebnis war eines, das ärgerlich war, sehr ägerlich war, für die CDU in Deutschland und mich persönlich. Aber es war kein Ergebnis wo jetzt man sagen kann: Du kannst Deine Partei nun im Stich lassen, wenn es klüger und interessanter für die Partei ist es gemeinsam zu machen. Und ich glaube, das die hessische CDU heute noch in der Regierungsverantworung hat, liegt auch daran, dass ich damals geblieben bin.
Beckmann: Hmm. [wendet sich an Gottschalk] Das unkorrekte, das Böse, das Zugespitzte – Thomas. Hier ist jemand, der viel provoziert hat. Fehlt das in der Politik?

Breaking Bad

Walter White ist eine jämmerliche Gestalt. In Unterhosen und einem schrecklich grünen Hemd steht er neben einem abgewrackten Wohnmobil und nimmt seine vermeintlich letzten Worte auf. „Skyler – Du warst die Liebe meines Lebens. Ich hoffe, Du weisst das“, spricht er in den Camcorder. Und man glaubt ihm: wie sollte der Mann mit dem lächerlichen Schnurrbart, mit den Krähenfüßen und der hässlichen Brille schon sicher sein, dass ihn seine Frau wirklich liebt?

© Sony 2007 CPT Holdings Foto: ARTE France

Deutsche Fernseh-Zuschauer kennen Walter, beziehungsweise den Schauspieler Bryan Cranston schon einige Jahre. In „How I met your mother“ war er der psychopathische Chef, in „King Of Queens“ der nervende Nachbar, in „Malcolm in the Middle“ der aufgekratzte Vater mit immer neuen Launen und Vorstadt-Abenteuern. Cranston ist ein Clown. Er übersteigert das Absurde – er tanzt, schneidet Grimassen, wirft sich in jedes lächerliche Kostüm. Er ist albern und verlässlich.

In „Breaking Bad“ hat Cranston den Befreiungsschlag geschafft. Vince Gilligan hat ihm eine Rolle auf den Leib geschrieben, die ihn von der Karikatur zum Charakter macht. Hier darf sich Cranston endlich vom Verlierer zum Macher entwickeln. Allein die Szene, in der Walter von seiner Krebserkrankung erfährt, in der er eine, zwei Minuten in die Kamera starrt, zeigt mehr schauspielerisches Talent als zwanzig Jahre Sitcom-Rollen.

Die Geschichte der Serie ist an sich simpel. Walter ist ein Verlierer: ein schlecht bezahlter Lehrer, der im Nebenjob die Autos seiner Schüler waschen muss. Eines Tages erfährt er, dass er Lungenkrebs hat. Inoperabel. Fortan beherrscht ihn nur noch ein Gedanke: Er möchte seiner Familie, seinem behinderten Sohn, seiner schwangeren Frau genug Geld hinterlassen, damit sie nicht in Armut leben müssen. Um das zu erreichen, ersinnt der Chemielehrer einen absurden Plan: Mit Hilfe seines ehemaligen Schülers Jesse Pinkman wird er zum Drogenproduzenten, kocht in einem Wohnmobil in der Wüste CrystalMeth – eine Droge, die zum übelsten gehört, was die Drogenmafia Amerikas hervorgebracht hat.

Mit jedem Schritt wird der Walter weiter in das Drogengeschäft hineingezogen. Der Familienvater muss sich um den Vertrieb der Drogen kümmern. Er trifft auf Dealer, die so gar nichts mit seiner Vorstadt-Welt zu tun haben. Als sie ihn ermorden wollen, muss Walter zu drastischen Mitteln greifen – und wird selbst zum Mörder. Doch das ist erst der Anfang des Aufstiegs und Abstiegs von Walter White.

Um die Geschichte zu erzählen, hat Produzent Gilligan die Schauspieler von Los Angeles nach Albuquerque geschafft. Ein Geniestreich: Das Lokalkolorit verleiht der Serie besondere Authenzität, die Schauspieler scheinen fern von Hollywood besonders engagiert. Die meisten Szenen sind an Original-Schauplätzen aufgenommen: das Hauptquartier der Drogen-Ermittler ist in einem alten FBI-Büro aufgeschlagen worden, Walters Haus ist in einer ruhigen Vorort-Straße von Albuquerque. Dazu Bilder der Wüste von New Mexico. Und ein Soundtrack, der Mut zeigt. Um die Geschichte zu erzählen, wird sogar eine „Narco Band“ eingespannt, die sonst den Alltag der gesetzlosen Gesellschaft der Drogenmafiosi in Mexiko besingt.

„Breaking Bad“ ist mehr als nur eine Charakter-Geschichte. Von der ersten Folge an zieht die Serie den Zuschauer in eine Sittengemälde der Vereinigten Staaten im Angesicht der Krise. Menschen, die verzweifelt sind, die vom Schicksal herumgeschubst werden, die eine Krebs-Diagnose unweigerlich in den finanziellen Ruin treibt. Die perverse Logik von Angebot und Nachfrage, die das Geschäft mit der Sucht zur legitimen Verwirklichung des amerikanischen Traums macht. Und natürlich der Drogenkrieg an der Grenze von Mexiko, der in der Realität so viele Tote fordert, dass er mittlerweile auch in deutsche Zeitungen
immer wieder zum Thema wird.

Die Serie verlangt von ihren Zuschauern viel ab. Der ständige Wechsel von subtilem Humor zu unglaublich brutalen Szenen, die ständige Interaktion und Fortentwicklung der Haupt-Charaktere, die Rückblenden, die immer ausgefeilteren Lügengeschichten, mit denen Walter sein Doppelleben verbirgt. Und wer dabei bleibt, wird in einen immer währenden Albtraum hineingezogen, der jede Verheißung mit immer neuen menschlichen Abgründen bestraft. Und dennoch wird die Geschichte mit so viel Menschlichkeit, mit so viel Detailtreue erzählt, dass einem nichts weiter übrig bleibt, als weiter zuzuschauen.

„Breaking Bad“ läuft ab 9. Oktober jeden Samstag um 22 Uhr auf arte.