Ohhh man Justin singt nicht für uns!

Jugendliche sitzen nicht mehr nur vor dem Bildschirm und konsumieren passiv. Sie sind aktiv, nutzen das Internet um ihre Gedanken und Gefühle zu teilen. Sie wollen teilhaben, sich ausprobieren. Aktiv sein.

Und so sieht das aus. Nur wenige Minuten nachdem es bei der Sendung „Wetten dass…?“ zu einem schweren Unfall gekommen ist, postet „TheAfghangirl2“ dies auf YouTube:

Julia hingegen hat auf Twitlonger ihrer Chronistenpflicht genüge getan:

Lilly hingegen vertraut ihre Gedanken lieber der Facebook-Pinnwand von „Wetten dass…?“ an:

P.S. Mehrere Hundert Videos sind gestern bei YouTube hochgeladen worden, die im wesentlichen alle die selben Szenen zeigen, die gestern über den Bildschirm geflimmert sind. Die meisten haben zwei- bis dreistellige Zuschauerzahlen — eines hingegen sticht heraus:

Or is he…?

Gestern hatte ich mich darüber aufgeregt, dass alle Welt berichtete, Schauspieler Mark Ruffalo sei auf einer terror watch list gelandet. Das war falsch. Nun rollt die zweite Welle durch die Unterhaltungs-Redaktionen. In den Worten von E!Online:

So, are Ruffalo’s boyish good looks and effortless charm simply the world’s greatest terrorist cover-up? Is he really on a watch list? Brace yourselves for the inevitable pat-downs, this rumor is…

So false! If you believe The Man, that is.

Which clearly Ruffalo doesn’t. Either that, or nobody’s bothered to set him straight.

Ja, die Behauptung war Blödsinn. Bin ich durch die Kehrtwende in der Berichterstattung zufrieden? Nein.

Denn zum einen behaupten Redaktionen wie die des Guardian weiterhin dieses moderne Märchen, dass sie aus einem Interview-Fitzel der Zeitschrift GQ zusammengeklaubt haben.

Zum zweiten: auch die gegenteiligen Nachrichten sind weit entfernt von der Wahrheit. Denn Obwohl Mark Ruffalo auf keiner terror watch list und auch in keinem security bulletin verzeichnet ist, gab es in Pennsylvania einen echten politischen Skandal: Mit Staatsgeldern wurde eine Privatfirma beauftragt politische Aktivisten jeder Couleur auszuforschen und als Sicherheitsrisiko zu behandeln. Ein hochrangiger Beamter musste zurücktreten, der Gouverneur wurde gerade auch durch den Einsatz hartnäckiger Reporter in die Defensive gedrängt. Soweit ich es von hier beurteilen kann: eine hervorragende journalistische Arbeit.

Und was macht der Medienzirkus heute daraus? Statt diesen Skandal zumindest zu erwähnen transportieren sie nun einen Drei-Zeilen-Dementi aus dem Philadelphia Inquirer, dass an den Vorwürfen überhaupt nichts dran sei: Ruffalo steht nicht auf der Liste. Es gibt nicht Mal eine Liste. Wir haben keine Ahnung, wo das her kommt, sagt das Department of Homeland Security. Die ersten beiden Aussagen sind soweit korrekt, die dritte in meinen Augen dreist gelogen. Und trotzdem wird das Dementi als unreflektiert weiter verbreitet – zumindest von einem Teil der Medien.

Das Ergebnis: wer die amerikanische Regierung und die Homeland Security nicht leiden kann, kann weiterhin an die top-geheime Terror-Liste glauben, auf der Mark Ruffalo steht. Wer hingegen diese linken Hollywood-Typen nicht leiden kann, glaubt daran, dass Ruffalo sich etwas ausgedacht hat um seinen neuen Film zu bewerben. Die wirklichen Zusammenhänge aber — die mit viel Arbeit transparent gemacht wurden — scheinen hingegen niemanden zu interessieren.

Überfordert von Transparenz?

Angesichts der Medienberichterstattung zu Wikileaks frage ich mich: Ist das zu viel Transparenz für uns?

Jede Nachrichtensendung verbreitet die Banalitäten um Teflon-Merkel und dem überschäumenden Westerwelle. Doch es gibt in den 250000 Nachrichten ja genug anderes. So zum Beispiel die amerikanische Einflussnahme im Fall des von der CIA entführten Khaled El Masri – sie findet in deutschen Medien kaum Beachtung. Stattdessen gibt es eine nicht wirklich ernst gemeinte Treibjagd auf den FDP-Informanten, der Koalitionspapiere flugs in die US-Botschaft brachte.

Schon heute kann selbst die vermeintliche Oberschicht der Wissensgesellschaft kaum mit dem tagesaktuellen Wissen Schritt halten. So wurde letztens auf Twitter ein Link zu einem Artikel der Zeit von 2003 herumgereicht, der auf die erstaunliche Tatsache verwies, dass die Castoren in Gorleben oberirdisch gelagert werden. In aller Begeisterung für jede Sitzblockade, für jeden georeferenzierten Meter Bahnstrecke hatten die Oberinformierten vergessen sich ein Fundament an Informationen zu bauen. Dass das radioaktive Material eben noch nicht in den Salzstock gebracht wird, ist mithin einer der wichtigsten Fakten rund um den Atomstreit.

Für einigen Bohei sorgte auch die Nachricht, dass Schauspieler Mark Ruffalo wegen seiner Unterstützung für die kritische Dokumentation Gasland auf einer terror watch list gelandet sei. Die Nachricht wurde nicht nur auf Twitter und in Blogs herumgereicht. Quelle waren Entertainment-Blogs und Panorama-Redaktionen, die wiederum ein Interview in der Lifestyle-Zeitschrift GQ zitierten. Die Empörung über die USA war mal wieder groß bei allen, die sich sowieso schon über die USA empören.

Es kostet mich ganze anderthalb Minuten um den Ursprung der Geschichte zu finden: Der investigative Reporter-Thinktank Pro Publica hatte bereits im September über die Machenschaften der Homeland Security berichtet:

A confidential intelligence bulletin sent from the Pennsylvania Department of Homeland Security to law enforcement professionals in late August says drilling opponents have been targeting the energy industry with increasing frequency and that the severity of crimes has increased.

It warns of „the use of tactics to try to intimidate companies into making policy decisions deemed appropriate by extremists,“ and states that the FBI — the source of some of the language in the Pennsylvania bulletin — has „medium confidence“ in the assessment. A spokesman for the FBI did not immediately respond to a request for comment.

Sprich: die Homeland Security hat nach mehreren Akten von Vandalismus die Behörden auf mögliche Gesetzesbrüche in Zusammenhang rund um die Filmpremiere von Gasland aufmerksam gemacht. Doch nicht nur das, wenn man den Patriot News aus Pennsylvania glauben will:

Although many of the notices of rallies and protests in the intelligence bulletins could have been gleaned – as the governor said – from newspapers, the most recent bulletins make it clear that ITRR was specifically tracking anti-drilling groups to determine which local public meetings they planned to attend.

The Office of Homeland Security then distributed this information to drilling companies as well as law enforcement agencies.

Sprich: eine Behörde der USA hat Staatsgelder für einen Bespitzelungsauftrag gegen Umweltschützer ausgegeben und die Ergebnisse an die Gasindustrie weitergegeben. In Sicherheits-Warnungen für Polizeibehörden standen die beobachteten Gruppen neben verdächtigen Terroristen. Ein handfester Skandal, nach Aufdeckung musste die Behörde das Programm einstellen, ein hochrangiger Mitarbeiter trat sogar zurück.

Dass Ruffalo selbst jedoch auf einer terror watch list stand, die einem Schauspieler das Reisen und damit seine Arbeit unmöglich gemacht hätte — diesen Vorwurf erhebt keiner, der auch nur ansatzweise recherchiert hat. Ruffalos Name mag in dem Kalender der überwachten Veranstaltungen gestanden haben – aber das macht ihn eben nicht zum Ziel der Bespitzelung. Er ist lediglich ein Headliner, ein besorgter Bürger mit großem Namen, den er zu einem guten Zweck einsetzen wollte. Im Fokus der DHS-Spitzel oder gar auf einer terror watch list stand er deswegen noch lange nicht. Selbst ein Dementi bringt Time nicht dazu die völlig offen liegenden Fakten nachzuschlagen und wiederzugeben.

Was hingegen immer weiter verbreitet wird, ist ein missverstandener Schnippsel eines Interviews von GQ, obwohl die wahre Story nur ein paar Klicks und eine Minute ruhigen Nachdenkens entfernt liegt.

Wenn wir nicht Mal die Informationen ausschöpfen, die so offen liegen bei Themen die uns offenbar sehr interessieren — was bringt weitere Transparenz? Wo sind die Mechanismen, die echte Skandale von Banalitäten, die Hörensagen von Fakten und Recherche unterscheiden? Wo sind die Leser, die mehr lesen wollen als ihre eigene Meinung?

P.S.: Die Pennsylvania Emergency Management Agency hat die „Intelligence Bulletins“ online gestellt — übrigens nicht freiwillig.

In den Berichten 128 und 125 sind Veranstaltungen genannt, an denen Ruffalo teilnahm. Sein Name wird jedoch nicht erwähnt:

27 August 2010: An outdoor screening of the controversial “Gasland” movie is scheduled for Clark Park in West Philadelphia. Another screening is scheduled for the same day in Frick Park, Pittsburgh.

An additional screening is slated for 3 September 2010 at the Piazza in Northern Liberties (near the Delaware River) in Philadelphia.

27 August-4 October 2010: The following meetings have been singled out for attendance by anti-natural gas drilling activists:

27 August – a Marcellus Shale Panel Discussion in the Oakland section of Pittsburgh (G23 Parran Hall, 130 DeSoto St.)

2 September – a hearing on a proposed Marcellus Shale gas drilling ordinance in Cranberry Township (Butler County)

13 September – a hearing on Marcellus Shale drilling in the Pittsburgh City Council chambers (414 Grant St.)

4 October – a hearing on a proposed amendment to the township zoning ordinance to regulate oil and gas drilling operations in Upper St. Clair Township (Allegheny County)

Es stimmt übrigens, dass in dem Dokument vermeintlich gefährliche Gruppierungen aufgelistet werden, die man gemeinhin als Terrorismus-verdächtig bezeichnen kann. Direkt neben den Gasland-Aufführungen ist jedoch eine andere aufrührerische Veranstaltung genannt:

27 August 2010: Former Governor and conservative political leader Sarah Palin (R-AK) is the featured speaker at the Pennsylvania Family Institute’s banquet at the Hershey Lodge in Derry Township (Dauphin County). The Pennsylvania organization is active in opposing abortion and same-sex marriage, as well as promoting other socially conservative political positions.

Bundespräsidiale Medienkompetenz

Prüfen, abwägen, auch mal etwas weglassen, weil sich die gute Story am Ende doch als lahme Ente erwiesen hat – das sollte selbstverständlich sein, nicht nur für Nachrichtenagenturen. Früher hatte man noch Zeit bis in den Abend, heute hat man nicht mal mehr Sekunden. Das stellt besondere Anforderungen an den bezahlten Journalismus, der eine Zukunft braucht, weil wir uns auf ihn besonders verlassen müssen.

Denn gerade in Zeiten der Nachrichtenflut brauchen wir Profis, die das Wichtige vom Unwichtigen trennen und das Richtige vom Falschen. Wer überprüft, verliert Zeit, aber die Häufung von Fehlern und Dementis untergräbt Vertrauen und macht den Profijournalismus dem Laienjournalismus dann doch zu ähnlich. Damit gefährdet man die eigene Existenz.

Wir brauchen Orientierung im immer dichteren Gestrüpp von Meldungen, Mutmaßungen und Meinungen. Wir brauchen Journalisten, die Verantwortungsbewusstsein zeigen, denen wir vertrauen können, die verlässlich und glaubwürdig sind. Wir brauchen Kontroversen, Konflikte und Kritik. Aber keine Verletzungen, Verspottung, Verachtung. Wir brauchen Medien, die zuspitzen. Aber nicht, um damit jemanden zu erstechen.

Adam Soboczynski hat scharfsinnig zur Entgegensetzung von Moral und Politik formuliert unter der Überschrift "Die Medien unterstellen der Politik notorisch Verlogenheit. Damit werden sie mitschuldig an deren Niedergang". Wir brauchen Medien, die Vorgänge und Zusammenhänge deutlich machen, die aufklären, welche Einflüsse und Kräfte in der Gesellschaft wirken, damit alle auf der Basis verlässlicher Informationen diese Gesellschaft mitgestalten können.

Diese Verantwortung ist heute, gerade mit Blick auf die Komplexität von politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen und mit dem Druck, unter dem viele Entscheider heute stehen, größer als jemals zuvor. Deswegen brauchen wir Medien, die neue Formen der Qualitätssicherung – quasi eine ISO-Norm – entwickeln, um auch für sich die Zukunft zu sichern und wir brauchen eine intensive Debatte darüber, wie man es schafft unter dem Druck, dem Sie ausgesetzt sind, den nach wie vor gültigen Qualitätskriterien Rechnung zu tragen.

Bundespräsident Christian Wulff bei der Eröffnung der neuen dpa-Zentralredaktion.

Medienkompetenz, Lektion 2

Erstaunlich wenige Menschen wollen Dich tatsächlich anlügen. Das bedeutet aber nicht, dass sie die Wahrheit sagen.

Sie werten anders, sie priorisieren Informationen, die aus ihren Augen zu kurz kommen, sie schwimmen gegen den Strom. Und die Wahrheit – das ist ja schließlich mehr als die Summe der Fakten, oder? Aus der Wahrheit wird die einzige Wahrheit(TM).

In den allermeisten Fällen irren sich die Menschen aber auch schlicht.

Gar nicht mal ignorieren?

Christian Heller hat drüben bei Carta einen lesenswerten Text mit vielen Denkanstößen geschrieben, der sich mit Trollen und der Ignoranz als Komponente der Medienkompetenz auseinandersetzt.

In gewissem Maß ist das Ignorieren eine Medienkompetenz, die man lernen und lehren kann. So lange die Bibliothek von Babel in all ihren Besonderheiten wächst, wird das Bedürfnis nach dem Erlernen dieser Medienkompetenz steigen. Gleichzeitig aber ist die Freiheit, zu ignorieren, ungleich und oft unzureichend verteilt: Den Stärkeren scheint sie eher zur Verfügung zu stehen als den Schwächeren. Dieses Ungleichgewicht ist eine ungelöste Aufgabe und wird es wohl noch lange bleiben. Aber wir können wohl festhalten: Wenn wir Ignoranz als eine Ressource betrachten und fördern, dann wird es auch solidarisch wünschenswert, für ihre gleichmäßige Verteilung zu sorgen.

Sehr interessant, dennoch halte ich die Prämissen und die Schlussfolgerungen für falsch.

  • Ignorieren ist nicht gleich Ignoranz. Nur wer das bewertet, was er ignorieren will, kann rational entscheiden. Ignoranz hingegen ist unreflektiertes Unwissen.
  • Trolle zu ignorieren mag ein guter erster Rat sein. Gleichzeitig muss man aber im Auge behalten, wo dieses Ignorieren endet. Morddrohungen sind keine intellektuelle Spielerei. Und nicht jeder, der etwas Empörendes sagt, ist ein Troll.
  • Heller entpersonalisiert die Erzeugung von Texten. Foren wie Krautchan haben sicher interessante Mechanismen, wenn man das Zusammenspiel der Menschen jedoch als simples Produkt einer komplexen Maschine begreift, tut er sowohl den Mitgliedern als auch den Provozierten unrecht. Die Metapher der Bibliothek mit allen möglichen Büchern ist ja nicht so weit entfernt, ein gehackter Kindle könnte das ohne weiteres. Würde man ihn deshalb verbrennen? Nein. Niemand würde in ihm lesen.
  • Die Legende vom Ende der Gatekeeper ist der Heiliger Gral der Netzbegeisterten. Doch wer mit offenen Augen das Netz betrachtet, sieht ständig neue Gatekeeper – ob sie nun Google, Carta, Michael Arrington oder Stefan Raab heißen. Aufmerksamkeitsströme können gelenkt werden – wer dabei den besseren Job macht, bleibt abzuwarten.

Narrative gesucht

Kirgistan, Kirgisistan, Kirgisien – eine Meldung jagt die andere. Schüsse in die Menge. 75 Tote. Neue Regierung. Bürgerkrieg? Fortsetzung folgt…

Doch eins fehlt: Wer ist der Schurke? Wer hat den Osama im Gepäck? Gibt es Folterkeller, Milliarden im Ausland? Und warum sind die, die in die Menge schossen plötzlich auf der Seite der Opposition? Und war die Opposition nicht mal in der Regierung, und wurde per Revolution aus dem Amt gejagt? Nicht mal Russland und USA schlagen sich deutlich auf die eine oder die andere Seite.

Was soll ich denken? Ich weiß es nicht. Sagt es mir. Nein: kaut es mir vor!

Unbiased

Newsmax ist laut Sarah Palin eine „sehr wertvolle , sehr hilfreiche“ Nachrichtenquelle. Wie hilfreich, kann man derzeit im Google Reader betrachten, wo diese Anzeigen an scheinbar jeder Ecke auftauchen:

Um einen uralten Wired-Artikel zu zitieren:

On a shoestring budget compared to other media sites, Newsmax has attracted a loyal audience of a few hundred thousand visitors a month, many of whom swear that it offers the only unbiased news available in the United States.

Leider sind diese Leute nicht die einzigen, die eine Berichterstattung nach Ihrem Geschmack nicht von einer neutralen Berichterstattung unterscheiden können. Oder wollen.