Toxic MD

Ich habe erkältungsbedingt ein wenig mehr Zeit mit meinem neuen Fernseher verbracht. Dabei nutzte ich die Gelegenheit mit die Staffeln von Dr. House anzusehen, die mir in den vergangenen Jahren entgangen waren. Ein paar Gedanken dazu.

Zuförderst: House M.D. ist ein intelligent geschriebene Serie, ein zeitgemäße Adaption von Sherlock Holmes. Aus dieser Vorlage machen die Verantwortlichen kein Geheimnis.

House stammt aus der Periode unmittelbar vor dem „Golden Age of TV“. Es ist zudem eine Network-Serie. Das heißt: Zu viele Folgen, zu viele zu konventionell attraktive Menschen, zu kleine gemeinsame Nenner. Wer so etwas als Minus notieren will, tut der Serie unrecht.

Gleichwohl: House ist nicht sehr gut gealtert. Denn Gregory House ist eine Personifizierung dessen, was wir mittlerweile als „toxisch“ kennen. Ein Narzisst, oder ein Psychopath, der alle in seiner Umgebung manipulieren muss, um seinen Willen durchzusetzen. Während es sicher lohnt, das zu thematisieren, wird House laufend entschuldigt: Durch seine traumatische Verletzung, durch sein schmerzendes Bein, durch sein Genie, durch seine Brillanz, durch seine Umgebung. Und durch den Spaß, den es doch macht, ihm dabei zuzusehen, wie er Patienten und Kollegen demütigt.

Halt – stop! Nein, das macht mir als Zuschauer keinen Spaß mehr. Zwar ist es lustig, wenn sich House und Wilson mit Fangnetzen überlisten wollen. Wenn House jedoch Ärzte per Telefon feuert, nur um einen Punkt zu machen – what a dick! Und in der ständigen Wiederholung: laaaaaangweilig.

Die Gordon-Gecko-Falle

Doch die Inszenierung sagt: Das ist schon OK so. In Großaufnahme wird jede Gefühlsregung von House ins Astronomische aufgeblasen, der Rest des Ensembles muss sich mit Basis-Emotionen begnügen. Andere Personen interessieren nur, solange sie im unmittelbaren Kontakt zu House stehen. Wie irgendeiner seiner Patienten noch leben kann, nachdem er Blut erbrochen hat, nachdem ihm eine neue Leber implantiert wurde und ihm im Hirn rumgeschnibbelt wurde, interessiert in der ersten Staffel nicht.

Diese Mängel sind den Serienautoren auch aufgefallen. So führen sie zum Beispiel die Ex-Frau von House ein, deren neuer Ehemann für ein paar Folgen mit den Langzeitfolgen seiner Erkrankung kämpfen muss. Einmal pro Staffel muss House Wilson und Cuddy einen enormen Liebesdienst erweisen, der dem Publikum vermittelt, warum beide das Arschloch nicht längst in den Wind geschossen haben. Doch das ist zu wenig um aus den Beziehungen irgendeine Tiefe zu geben. Staffel 3 bis 5 wirken zuweilen wie Kammerspiele, die in einer metaphorischen Blase spielen. Jede Ähnlichkeit mit der Realität wird mit Verachtung gestraft. Teilweise sind die Reaktionen auf House so skurril, dass ich schon dachte, er halluziniert.

Hugh Laurie ist hier in die gleiche Zwickmühle geraten wie Michael Douglas in „Wall Street“. Beide spielen gestörte Asympathen mit solcher Bravado, dass sie vom Anti-Helden zum Helden werden. Statt ein abschreckendes Beispiel zu sehen, wird den Zuschauern vermittelt, dass es absolut OK ist, gegenüber seiner Chefin andauernd Sexpraktiken vorzuschlagen und seine Untergebenen zu auf jede erdenkliche Weise zu beleidigen – solange man halt vom Menschenschlag eines House ist und dabei absolut transparent. Es ist doch alles nur Spaß. Oder dient dem Besten. Oder es schadet nicht.

Doch die faule Ausrede, dass sich die Supermodel-Ärzte in diesem feindlichen Klima durch Witz und Toughness halten können, wäre heute kaum wohl noch als Entschuldigung zu gebrauchen. Dass die ständigen Beleidigungen zu einer kreativen Arbeitsathmosphäre gehören, schluckt heute hoffentlich niemand mehr.

Interessant finde ich es, wenn die Perspektive gewechselt wird. Eine Folge zeigt zum Beispiel einen Tag aus Sicht von Chi Park. Solche Folgen werden als Korrektur vorgeführt. So beobachtet Park zum Beispiel eine alberne Hühner-Wette von House und Wilson — und demonstriert damit, dass die Beziehung zwischen den beiden Kindsköpfen nicht so einseitig missbräuchlich ist, wie die anderen Episoden behaupteten. Aber solche Alibi-Folgen kommen nicht gegen den großen Trend an: Das Genie hat recht und wir haben uns danach zu richten.

Realitätsblindheit

Mutig finde ich die Entscheidung, House mit Konsequenzen zu konfrontieren. Dass er zuerst in einer psychiatrischen Anstalt und dann sogar im Knast landet, ist für eine Comedy erstaunlich konsequent. Doch Lehren werden daraus ja grade nicht gezogen. Nach ein paar Folgen ist House wieder er selbst. Und er lacht über jeden, der glaubt sich zum besseren ändern zu können.

Was mit dem Wissen von heute auch etwas enttäuscht, ist die Blindheit für die Zeitentwicklung: Die Hauptfigur ist abhängig von Pillen. Während im ganzen Land tausende Menschen an Opioiden sterben, ist House allenfalls mit spannenden Halluzinationen gestraft. Behandlungskosten sind noch weniger Thema als in „Scrubs“ — in den Jahren vor Obamacare eine merkwürdige Entscheidung. Auch die Tabuisierung von psychischen Erkrankungen ist zuweilen atemberaubend. In einer Folge entdeckt House, dass er mit Methadon ein zufriedenes, schmerzfreies Leben führen kann — aber da er damit seinen „Edge“ verliert, ist die Droge plötzlich kein Thema mehr. Während er am Anfang ein paar Mal als Narzisst gescholten wird, ist davon bald keine Rede mehr. House ist ein Held, aber kein psychisch kranker Loser.

Schade drum. So viel verschenktes Potenzial.

Steltermania – Über Karneval und Humor

Wir sind nun am Tag vier des üblichen Pseudo-Skandals zum Kölner Karneval angekommen. Ganz Deutschland diskutiert über die Frage: Darf man Witze über Doppelnamen machen??? Und was denkt Bernd Stelter dazu, der Nicolás Maduro der deutschen Comedy?

Was mich etwas enttäuscht: Es wurde so viel drüber geschrieben, doch irgendwie fällt es niemandem auf: Da war überhaupt kein Witz. Bernd Stelter hat den Namen von Annegret Kramp-Karrenbauer einfach nur höhnisch ausgesprochen — und das war es auch schon. Keine Pointe, nichts. Nur ein paar Prämissen: Er baute darauf, dass das schon ausreicht. Niemand im Festsaal mag die Politiker da oben, niemand mag Emanzen — und niemand will eine sein.

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Das Haupt-Problem an der Kalkulation: Wir schreiben das Jahr 2019. Und tatsächlich stand eine Zuschauerin auf und geigte Stelter für ein paar Sekunden(!) die Meinung. Wir sind wirklich in einem Humor-Entwicklungsland, wenn es uns so bemerkenswert erscheint, dass ein Comedian angeschnauzt wird. Aber nein, es war nicht einfach ein Comedian. Die Frau hat ein ein Heiligtum, den Status Quo, den Karneval beleidigt. Oder in den Worten der Geheiligten Schrift des Express:

Hätte er Witze über Religionen, Minderheiten oder unter der Gürtellinie gemacht, könnte man das Verhalten der Dame noch im Ansatz verstehen. Doch es ging schlicht: um einen Doppelnamen. Unfassbar! Der Kölner Karneval ist weltoffen, das soll auch so bleiben. Aber eines muss klar sein: Egal ob Randalierer oder Sitzungsstörer – solche Typen haben hier im Kölner Karneval nichts zu suchen.

Die katholische Gürtellinie

Um Gottes Willen – Bernd Stelter soll Witze über Religion machen? Wo er doch beabsichtigt niemanden zu beleidigen? Was soll das für ein Witz sein? Kardinal Meisner war über Jahrzehnte ein Witz – und er konnte immer versichert sein, dass der Karneval auf seiner Seite ist. Im Großen und Ganzen. Leute wie Stelter suchen lediglich den kleinsten gemeinsamen Nenner für ein Saalprogramm, das sie wortgleich fünf bis zehn Mal am Tag heraustrompeten können. Eintrittspreis: 40 Euro. Kölsch geht extra. Und ihr braucht eine Menge Kölsch.

Ich fände es wirklich komisch – in beiden Sinnen des Wortes — wenn diese Episode einen positiven Effekt hätte. Die Lehre sollte aber nicht sein: Du darfst keine Witze über Doppelnamen machen. Sondern: Du sollst richtige Witze machen. Und das ist schwere Arbeit, für die es Profis braucht.

Comedy ist vergänglich. Wer meint, dass ein Witz, der vor 50 Jahren gut war, heute noch unverändert gut ist, sollte sich in eine Humorklinik begeben. Wer meint, dass die gleichen Doofwitze der immer gleichen Nasen das sind, was den Kölner Karneval groß macht — die Technik ist inzwischen soweit, dass man ein Hologramm von Dieter Hallervorden auf die Bühne stellen kann. Palimm-Palimm! Haben sie eine Flasche Pommes? Zeitlos! Gegen Aufpreis auch mit Kölschem Akzent. Gesprochen von einem Bläck Fööss. Oder einem Kasalla.

Wer Witze machen will, sollte neugierig sein. Die Lebenswirklichkeit einatmen und ständig reflektieren. Ich erwarte von Comedians keine perfekt ausgewogenen Berichte, die uns Journalisten Konkurrenz machen. (Meta-Pointe!) Aber Comedy sollte zumindest eine emotionale Wahrheit transportieren. Und Comedy sollte ein Dialog sein. Wer mit einer Nummer nicht ab und zu Schiffbruch erleidet, traut sich einfach nichts, sondern sucht lediglich den kleinsten gemeinsamen Nenner.

Heil Alaaf!

Im Zuge der Debatte wird immer wieder ein Karnevals-Redner zitiert. 1973 schaffte es Jonny Burchhardt, dass ihm ein kompletter Saal auf sein „Sieg“ von der Bühne mit einem spontanen „Heil“ antwortete.

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Er wechselte flugs zu einem Frisör-Witz, um sein Publikum nicht zu viel Zeit zu lassen. Die durften um Gottes Willen nicht darüber nachdenken, dass der Redner da vorne sie grade als Nazis vorgeführt hatte. Ich nehme an, das ist das letzte dokumentierte Beispiel von Humor im Kölner Karneval, bei dem das Publikum tatsächlich motiviert wurde, über sich und die eigenen Lebensumstände nachzudenken.

Um Kant zu zitieren: Comedy ist der Ausgang des Menschen aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit. Einst stand Karneval für das erste, nun ist er das zweite.

Ich liebe Comedy. Ich gucke viel zu viel Comedy. Ich gehe in Comedy-Clubs. Und ich warte eigentlich darauf, dass mich Leute beleidigen. Das passiert jedoch nie. Denn ich bin die Zielgruppe, die lachen soll, weil sie den Eintritt bezahlt. Neulich versuchte ein junger Comedian, der im Ausland geboren war, eine Ungeheuerlichkeit: Er nannte uns im Publikum — ungeheuerlich! — „Kartoffeln“. Weil: Deutsche. Ich wartete verzweifelt auf die Pointe, aber es kam keine. Doch da kamen allenfalls ein paar Schocklacher: Da auf der Bühne hat jemand ein Pipi-Wort gesagt!

Comedians: Wenn ich lachen soll, strengt euch an. Stellt die Glaubenssätze meiner Existenz in Frage. Verachtet meinen Musikgeschmack. Erzählt mir über meinen Job, aber gebt mir das Gefühl, dass ihr Ahnung habt, wovon ihr sprecht.

Und Publikum: Wenn ihr 40, 60, 150 Euro für eine Eintrittskarte einer Sitzung bezahlt, dürft ihr Profis erwarten. Profis, die auch mal ein Publikum lesen und ihre Nummern anpassen können. Nicht um sie zu verschonen, sondern um den Punkt zu finden, wo es tatsächlich weh tut. Und das heißt nicht, dass das in eine Beleidigungsorgie ausarten soll. Man soll halt etwas spüren. Ein wirklicher Witz pro Stunde — ist das denn zu viel verlangt?

Falls ihr hingegen nur Blondinenwitze hören wollt, zahlt das Kölsch mit einem Aufpreis dafür, dass Ihr Euch für ein, zwei Stunden nicht mit Ehepartnern und Freunden unterhalten musstet. Und dann schwankt stillvergnügt — mit Betonung auf „still“ — nach Hause.

Private Life

Ich liebe diesen Film. Ich hatte ihn schon vor Monaten auf meine „List“ auf Netflix gesetzt, aber kam erst jetzt dazu ihn anzusehen. Und… einfach wow.

Die Geschichte ist schnell erzählt: Ein Paar in New York will ein Kind bekommen. Und es klappt einfach nicht. Bis dann die Nichte in ihr Leben schneit. Eine Romantic Comedy – ja. Aber eine, die so wenig jennifer-aniston-y ist, wie sie nur sein kann.

In kaum einer Stadt spielen so viele Filme, Serien, Romane. Und doch: Wirklich wenige zeigen mehr als eine Hochglanz-Version des Lebens in einer durchweg fiktiven Stadt, wo alle attraktiven Leute den Karrierepfad nach oben schießen, wo Geld keine wirkliche Rolle spielt, wenn man nur gut genug drauf ist.

Schon die ersten Einstellungen zeigen, dass „Private Life“ nicht in diese Schublade gehört. Ein Ehepaar auf ihrem Wohnbett — und er setzt ihr eine Fruchtbarkeits-Spritze. Die ganze Wohnung ist mit Büchern und Krimskrams vollgestopft, sogar die Fensternische hinter dem Bett ist ein Behelfs-Bücherregal. Diese Details zeigen, dass wir uns hier nicht in einer abgefeimten Fantasie bewegen wie zum Beispiel „Friends from College“, die genausogut in L.A. hätte gedreht werden können. Hier wird die Geschichte von echten Menschen erzählt, wie man sie tatsächlich in der Stadt treffen kann.

Richard ist 47 Jahre und hat eigentlich mit dem Literaten- und Theaterleben abgeschlossen. Sein Geld verdient er mit einer Firma – „The Pickle Guy“. Nichts besonderes, aber es finanziert die Miete und ein einigermaßen sicheres Leben. Rachel ist ein paar Jahre jünger als er und veröffentlicht nun endlich ihren Roman, der sie so viele Jahre gekostet hat.

An sich sind sie ein arriviertes, in gewisser Weise erfolgreiches Paar — und dennoch sitzen sie in ihrer engen Wohnung an der Avenue A, und müssen sich mit lärmenden Nachbarn herumplagen, mit vollen Wartezimmern, mit einem Leben, das durch und durch von Notwendigkeiten geprägt ist. Im Gegensatz dazu steht die Familie von Richards Bruder, die ein gutes Stück außerhalb wohnt, wo für Normalverdiener ganze Häuser zu haben sind — und wo man beim Trip nach Manhattan eben den besonderen Käse oder den Everything-Bagel mit nach Hause bringt.

Als ihre Nichte Sadie in die Stadt kommt und in ihr Leben tritt, bringt sie wieder einen neuen Blick auf diesen faszinierenden Moloch und lässt die beiden teilhaben. „Oh, ich dachte, hier ist inzwischen alles gentrifiziert“, sagt sie, als sie eintrifft. Und Richard entgegnet, dass diese Entwicklung ihre Nachbarschaft noch nicht eingeholt hat. Dass der Balkon aus einer Feuerleiter besteht, ist für Sadie kein Nachteil, sondern ein Teil des Abenteuers New York.

Man könnte nun meinen, dass die Stadt die Hauptrolle spielt – aber nein. Sie ist der Rahmen, der alles zusammenhält. Paul Giamatti und Kathryn Hahn zeigen existenzielle Verzweiflung, eine unendliche Müdigkeit, aber gleichzeitig Liebe, Humor und einen immer noch ungestillten Hunger aufs Leben. Und – das geschieht selten — in der allerletzten Einstellung hoffe ich richtig, dass sich die Tür öffnet. Ihr werdet sehen, was ich meine.

Den Trailer gibt es hier:

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Wer den Film mag, kann sich auch Tallulah mit Ellen Page und Allison Janney ansehen, die auf einigen der gleichen Saiten spielt. Die sehr männliche Variante mit Dustin Hoffman, einem überraschenden Adam Sandler und Ben Stiller heißt „The Meyerowitz Stories“ und erforscht ebenfalls das Getriebene im Leben der New Yorker. Kommerzieller und klamaukiger ist „Thanks for Sharing“ mit Mark Ruffalo, Tim Robbins, Gwyneth Paltrow. Wer eher das Melancholische mag, sollte einen Blick auf „The Visitor“ von 2007 werfen, in dem Richard Jenkins einen Professor spielt, der über einen jungen Immigranten wieder ein Leben entdeckt, in dem er noch zählt. Und wer auf Jennifer Aniston steht: In „The Switch“ wird auch sie in New York künstlich befruchtet. Aber der Streifen ist mehr ein Trinkspiel denn ein Film. Frohes Schauen.

Comedy is dead

Seit anderthalb Jahren erzählt man, wie wichtig Comedy in diesen Zeiten doch ist. Wie toll es ist, dass Colbert-Oliver-Trevor-Samantha uns ein wohlverdientes Gegengewicht zur Realität geben. Doch obwohl ich das Handwerk bestaune und genieße, macht es mich vor allem müde. Da treten allabendlich die bestbezahlten Komiker der Welt auf die Bühne… und sie lesen Tweets vor. Und sie wollen es einfach nicht mehr. Sie versuchen sich an Erklärstücken. Und ändern nichts. Stormy-Daniels-Witze steigern sogar die Umfragewerte der US-Regierung. Die Komiker stehen auf der Bühne und machen ihr Ding. Und sie sind sooo müde.

Grade eben habe ich von der desaströsen Verleihung der Shorty Awards gelesen. Ein Branchenpreis für irgendwas mit social media, who gives a damn? Und Adam Pally tritt auf die Bühne. Pally, den ich bisher nur als schwule Äquivalent von Joey in Happy Endings kenne, der aber grade auch an der President Show mitarbeitet. Und er lässt die Verzweiflung einfach raus. Nicht über Trump, nicht über Syrien, einfach darüber, das diese Welt für ihn keinen Sinn mehr ergibt. Dass er der lustige Clown sein soll für die Leute, die ohne Ironie mit einem Selfie-Stick auf die Bühne treten, und sich bei der Community bedanken, die sie bezahlt, gelockt, abkassiert haben. Dass er keine Lust darauf hat, auf dem Vulkan zu tanzen.

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Comedy is dead. Seien wir doch einfach ehrlich.

This Week in Comedy

Ich guck zu viele amerikanische Comedy-Videos. Wenn ihr jedoch auch mehr davon guckt, fällt es nicht mehr so auf.

Das heiße Thema diese Woche waren natürlich der Streit Donald Trumps mit protestierenden Athleten. Hier war der Late-Night-Außenseiter Jim Jeffries der etablierten Konkurrenz eine Knielänge voraus. That just does prove their point, doesn’t it?

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The Important

Angesichts der medialen Glaubwürdigkeitskrise haben es viele Comedians übernommen, lange Erklärstücke zu senden. Sehr schön diese Woche war zum Beispiel — wie so oft — John Oliver mit seinem Stück über Corporate Consolidation, indem der er sich auch sehr explizit über seine künftige Konzernmutter auslässt.

Mindestens ebenso wichtig und nicht mal halb so lange ist Samantha Bee mit ihrem Stück über die Federalist Society, die derzeit quasi ohne Mitwirkung des Weißen Hauses Bundesrichter in Amt und Würden bringt.

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Auch gut: Trevor Noah und Seth Meyers über Trumpismus ohne Trump.

The Silly

Manchmal mag man vergessen, dass Comedy ja in erster Linie zum Lachen da ist und nicht nur ein alternatives Nachrichtenformat. Welcher Komiker kann schon an einem solchen Satz vorbeigehen? „The president went to bed, embarrassed…. and pissed.“ Trevor Noah kann es nicht.

Noch alberner ist aber Conan O’Brien mit einem ganzen Feuerwerk an Masturbationswitzen. Und er erwähnt nicht mal Anthony Weiner.

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Tipp an Comedy-Zuschauer: Sitzt niemals in der ersten Reihe.

The New

Neuzugang diese Woche ist Jordan Klepper mit seiner eigenen Show: The Opposition. Darin macht er den Colbert und spielt einen Alt-Right-Blowhard, den er teilweise schon bei Jon Stewart zum Besten gegeben hatte. Noch ist das etwas holprig, aber er hat durchaus Potenzial. Während sich die Kollegen ganz auf den gescheiterten Obamacare-Repeal stürzen, spricht er über den Silent Repeal.

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Neu ist auch Jerry Seinfelds Netflix Special, indem er beweist, dass er ein verdammt privilegiertes, aber langweiliges Leben führt und sehr charmant darüber erzählen kann. A Show about nothing — und was ist daran schon so schlimm? Dämlich: Sein Witz „Jeder, der Präsident werden will, ist ein Psychopath“. Der ist nicht nur uralt, sondern geradewegs aus der Zeit gefallen und ein unnötiger Hinweis, dass Jerry um Gottes Willen nicht „politisch“ sein will. Als ob das zu vermeiden wäre.

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The Ugly

Wie schon im April befürchtet, tritt so langsam ein lähmender Effekt ein. Comedians aller Kategorien sprechen jede Woche über Trump und in gewisser Weise langweilt es sie zu Tode und zermürbt sie zugleich. Da ist es doch nur verständlich, wenn man mal einen Kontrapunkt machen will. So macht Trevor Noah einen Witz daraus, dass er Trump wegen der Hurrican-Hilfe in Puerto Rico verteidigt. Dabei schluckt er nur das Narrativ, dass posiitives Regierungshandeln ohne persönliche Intervention des Präsidenten gar nicht denkbar ist.

Richtig negativ sind mir derzeit die Häufung von Witzen aufgefallen, die Hillary Clinton als Alkoholikerin porträtieren. Die Überlegung mag sein: Wenn man das Publikum aufstehen lässt, um Trump auszubuhen, muss es doch auch erlaubt sein, die Konkurrenz auch ab und zu mal abzuwatschen. Sicher ist es das — aber muss man dafür ein Alt-Right-Meme einsetzen? Und by the way: Die Tiffany-Witze sind mittlerweile auch alle mehr als abgestanden.

https://youtu.be/WoJYSX0TIWU?t=1m26s


The Meta

PS: Sehr sehenswert: Jerry Seinfeld und Stephen Colbert sprechen über Bill Cosby, der mit seinem Vorbild so viele Comedians inspiriert hatte, sich wegen aber des reihenhaften Missbrauchs von Frauen zum Pariah wurde. Kann man nun noch über seine alten Witze lachen, so wie man es damals tat? Jeder US-Comedian musste die Debatte in den vergangenen drei Jahren mit sich führen. Seinfeld meint erst, man könne beide Seiten von Cosby trennen, entscheidet sich dann aber um.

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Comedy in Zeiten von Trump

Did you hear this? I love this story. Oh my goodness.

Zum Osterfest im Weißen Haus kam ein Gast, der nur einmal pro Jahr kommt. Es war *trommelwirbel* Melania Trump!

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Kein Witz: Diese Pointe habe ich diese Woche in gleich drei verschiedenen Comedy-Shows gehört. Dass Melania ihren Mann anstupsen musste, damit der zur Nationalhymne Haltung annahm — das kam in jeder Show. Und das zeigt uns: Comedy in Zeiten von Trump hat ein Problem.

Ich weiß: Ich schwimme hier gegen den Strom. Alle Welt verehrt grade die heilige Göttin Comedy, die uns die Trumpiaden erträglich macht. Und doch: Was da allabendlich über die Bildschirme flimmert, mag im Einzelnen furchtbar komisch sein – zusammengenommen ist es jedoch sehr deprimierend. Ich genieße zwar, wie Stephen, Seth, Trevor, Jimmy und Conan Tag für Tag, Samantha und John Woche für Woche Donald Trump durch den Kakao ziehen. Doch tolle Comedy ist es nicht. Und die Wahrheit(TM) erst recht nicht.

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Comedians arbeiten sich an Widersprüchen und Stereotypen ab — und die Regierung Trump überschwemmt sie förmlich damit. Es ist wie eine DDOS-Attacke auf Comedy. Zu Beginn seiner aktuellen Staffel erklärte John Oliver noch optimistisch, dass sich nicht vorrangig mit Trump, sondern lieber mit den richtigen und wichtigen Themen beschäftigen wolle. Er hatte keine Chance. In den fast 100 Tagen seit Amtsübernahme haben wir nicht einen Tag erlebt, wo sich das Weiße Haus nicht lächerlicher machte, als es alle Comedians zusammen vermochten. Sean Spicer macht Hitler-Vergleiche, Donald Trump lässt seine Haltung zu China in zehn Minuten von Xi Jinping umdrehen. Und dann das Bild von Sarah Palin, Kid Rock und Ted Nugent im Oval Office. Wer sein Publikum amüsieren will, verbringt große Teile seiner Sendezeit damit, die Geschehnisse des Tages mit einem hämischen Tonfall nachzuerzählen statt sie zu reflektieren.

Der Spalter der Nation

Würde es Trump wirklich stören, dass die New Yorker Comedy-Shows über ihn lachen — er müsste sich komplett neu erfinden. Er tut es nicht, weil er das nicht wirklich kann. Aber dazu kommt: Das Gelächter ist eigentlich ganz in seinem politischen Interesse. Sein Erfolg beruht nämlich nicht darauf, dass er die Mehrheit der Bevölkerung überzeugen könnte. Sondern darauf, dass eine enorm große Minderheit im Lande die vermeintliche liberale Elite zum Kotzen findet. Und in dieses Narrativ passt es prima, wenn sich auch der letzte drittklassige Komiker einen Trump-Akzent aufsetzt und meint, sich aufs moralisch hohe Ross setzen zu können. Und wenn sich Komiker aufs hohe Ross setzen, sieht das in der Regel nicht wesentlich besser aus als Ted Nugent im Oval Office.

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Zwar haben die Parodien in Sendungen wie Saturday Night Life sicher dazu beigetragen, dass das Gewinner-Image Trumps in breiten Bevölkerungsschichten angegriffen wurde. Doch Trevor Noah sagte kürzlich in einem Interview mit dem Magazin The New Yorker, dass Comedy in solchen Zeiten einen negativen, anti-aufklärerischen Aspekt haben könnte. Denn wenn die Leute ein Phänomen verlachen, dann ist die Motivation gering, dagegen auch etwas zu tun.

Die Nachrichten von vorgestern

Und dennoch arbeitet sich Trevor Noah Abend für Abend an genau den gleichen Lächerlichkeiten ab wie zuvor schon seine Kollegen. Seine Grafik-Abteilung packt dazu einige lustige Film-Plakate und dann kommt ein mehr oder weniger lächerliches Korrespondenten-Stück. Ein paar Minuten pro Woche wird ein ernstes Thema wie die Trinkwasser-Krise präsentiert. Aber wer die Medien auch nur flüchtig verfolgt, kennt die präsentierten Stories längst. Einen Impuls zum Aktivwerden bietet die Sendung allenfalls, wenn sie dem Publikum einen hämischen Hashtag vorschlägt.

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Comedian Aparna Nancherla kritisierte noch vor der Amtsübernahme in der Village Voice:

The most cliché Trump jokes — his orange skin, emphatic hand gestures, and tween-like reflexes on social media — have been hashed and rehashed, hashtagged and retweeted. In fact, many Trump jokes just start with commenting on something he’s already tweeted. It’s an easy way to fulfill our quasi-contractual obligation as comedians to roast the powerful.

Folge dieser Klischeeparade sei eine Normalisierung. Und das ist der Stand der Comedy heute. Einige der Klischees, die immer wieder auftreten:

  • Trumps Haar- und Hautfarbe
  • Putin persönlich hat die Wahl gehackt.
  • Donald Trump will Sex mit seiner Tochter haben.
  • Die Trump-Söhne sind dämlich, seine Tochter Tiffany ein Versager.
  • Grab them by the pussy
  • Melania ist ein Trophy Wife
  • President Steve Bannon
  • Donald Trump liest nicht.
  • Donald Trump hat keine Ahnung.
  • Donald Trump spielt viel, viel Golf.
  • ….

Gerade die Witz über Melania schlagen mir inzwischen übel auf. Die nicht so subtilen Andeutungen, dass die Frau des Präsidenten eigentlich eine Prostituierte ist, haben längst auch die super-sympathischen Comedians wie Seth Meyers und Jimmy Fallon in ihrem Repertoire. Abwechselnd wird sie als geldgeiles Trophy Wive oder als Geisel eines Psychopathen karikiert, dazu als strunzdämliche Frau, die so ziemlich das Gegenteil von Michelle Obama verkörpert. Der letzte Punkt mag stimmen, aber in der Masse sind die Witze bei einem Maß angelangt, das wir bei einer uns sympathischeren Frau als untolerierbar, gar als menschenverachtend empfinden würden.

Comedy als Schlammcatchen

Was hier geschieht, kann man als „mudding the water“ bezeichnen. Dieses Schlagwort wird in Zusammenhang mit Trump immer wieder gebraucht. Es bedeutet, dass Trump weite Teile der Bevölkerung nicht überzeugt, dass er die Wahrheit sagt. Er überzeugt sie aber damit, dass auch alle andere Politiker lügen. Dies macht es Leuten, die tatsächlich die Wahrheit sagen wollen, unheimlich schwer gehört zu werden. Zum einen ist die Wahrheit selten so sexy wie eine gerissene Lüge. Zum anderen: Warum sollte man ihm oder ihr glauben? In einer gesellschaftlichen Debatte, die im Wesentlichen nur noch die Lager „Pro Trump“ und „Anti Trump“ kennt, kann man den vermeintlichen Gegner schnell ablehnen, bevor er auch nur ein Wort von Belang gesagt hat.

Das gleiche geschieht in der Comedy: Autoren und Publikum werden gerade auf die Flachwitze festgelegt. Wer nicht annähernd so lächerlich wie Donald Trump ist, bekommt auch nicht annähernd so viel Sendezeit. Und die Wahl von 2016 hat eins gezeigt: Sendezeit entscheidet Wahlen.

Falls sich das Niveau der Debatte wieder heben sollte, bleiben die Comedy-Shows erst einmal außen vor. Denn sobald sich ein Herausforderer positionieren sollte, werden die ersten Fragen sein: Sieht seine oder ihre Frisur nicht irgendwie lächerlich aus? Hat der Ehepartner etwas Dämliches gesagt? Findet sich im großen Interviewarchiv aus den letzten 20 Jahren nicht der eine Satz, der einen Kandidaten vom Start an lächerlich machen und damit disqualifizieren kann? Comedy kann Leute aus der Schockstarre befreien. Sie kann jedoch auch Veränderung unsagbar schwer machen.

Der heilige Jon

Die Vorstellung, dass Comedy als alternatives, womöglich sogar besseres Mittel zur Nachrichtenvermittlung dienen könnte, verdanken wir wohl John Stewart. Der hatte die „Daily Show“ von einer lächerlichen Newsparodie in der Amtszeit von George W. Bush zu einem Medium gemacht, das an der politischen Agenda mitschrieb. Was Stewart in seiner Sendung durch den Kakao zog, war am Tag darauf Gesprächsthema. Selbst wenn die Show auch zu besten Zeiten nur wenige Millionen Zuschauer hatte, die Meinungsmacher hörten alle zu.

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Doch Stewart hatte komplett andere Rahmenbedingungen. Er war quasi der einzige auf weiter Flur, der noch Witze über Politik machte und dabei sein eigenes Wertesystem auf die Comedy übertrug. Der sich über Politiker mokierte, aber die Politik nicht aufgab. Er lud Autoren und Politiker in seine Sendung, die erzählen konnten, wie es besser geht. Und er lud konservative Autoren in seine Sendung ein, um sie herauszufordern. Diesen Luxus haben heutige Comedians nicht mehr. Statt dicker Bücher zählen erst Mal nur die 140-Zeichen-Rants von Trump. Und es wird viel Arbeit kosten, das wieder zu ändern.

Ich bewundere insbesondere die Bemühungen von Samantha Bee und John Oliver, in ihrer Comedy mehr als nur den schnellen Witz zu ergründen, auch Stephen Colbert und Seth Meyers tun, was sie können. Im derzeitigen politischen und gesellschaftlichen Klima, sind sie jedoch Getriebene. Aber auch sie stellen sie nicht so sehr den Status in Frage, als dass sie die Welt sehr bestimmt in Gut und Böse aufteilen. Statt eine gesellschaftliche Debatte anzutreiben, wird das Ergebnis gleich als absolut vorausgesetzt.

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tl;dr: Comedy über Trump ist zwar lustig, aber im Endeffekt eher lähmend. Wer das Niveau der Debatte steigern will, muss auch das Niveau der Comedy wieder anheben.

Die Kunst Jan Böhmermann zu gucken ohne durchzudrehen

Zunächst Mal: Ich bin kein großer Fan von Jan Böhmermann. Ab und zu werden mir seine Videos in die Streams gespült, und dann finde ich sie oft gut. Richtig gut. Aber seine Sendung ist nicht so wirklich mein Ding, weil ich viele seiner popkulturellen Referenzen nicht (er-)kenne und er für meinen Geschmack etwas zu krawallig ist. Zudem hatte ich keine Ahnung wer Dendemann ist. Kurzum: Ich finde Böhmermann gut, schalte ihn aber eher selten ein.

Ein schönes Beispiel ist das aktuelle Video „Be deutsch“, das ich so gut fand, dass ich es auch teilte. Am Tag darauf stellte ich erstaunt fest, dass viele Leute das Video offenbar als kraftvolle und gänzlich unironische Gegenhyme zu Pegida und Co verstanden. Das führte dann zu Gegenstimmen wie die von Sascha Lobo und Anke Groener, die darauf aufmerksam machten, dass Böhmermann da mit deutschtümelnden Klischees gespielt hatte, die uns aus gutem Grund Unwohlsein verursachen sollten. „Wir sind die Deutschen, nicht ihr!“ brüllt der bunte, tolerante Mob den Klischee-Pegidisten am Schluss zu. Aber Moment mal, wie passt ein solcher Spruch mit dem Angedenken an die Nazizeit zusammen, das am Anfang beschworen wurde als Schöpfungsmypthos des toleranten, vermeintlich besseren Deutschen?

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Einerseits: Gar nicht. Es ist ein direkter Widerspruch. Wer Gruppen gewaltsam ausschließen will und in Form eines Mobs angreift, wie es in dem Video geschieht, hat die Lektionen aus dem Holocaust nun wirklich nicht tief verinnerlicht. Andererseits: Es passt perfekt. Denn viele übersehen eine Prämisse. Jan Böhmermann ist nicht der Bundespräsident, sondern Comedian. Und zwar einer, der sein Handwerk versteht.

Und er verlangt etwas Aufmerksamkeit von seinem Publikum. Grade das „Remember, remember“ am Anfang war für mich ein klares Zeichen. Es ist der Erkennungs-Slogan des Films „V as Vendetta“, der einen geheimen Rächer zur Ikone erhebt. Der Film wird oft missverstanden, da er ein reines Schwarz-Weiß-Bild des Guten und Bösen darstellt. Der Comic von Alan Moore bietet ein paar mehr Nuancen, aber es reicht auch ein Blick in die Wikipedia: Das historische Vorbild Guy Fawkes taugt nicht wirklich als Held. Und so geht es mir mit Böhmermanns Video. Der vermeintlich geläuterte Klischee-Deutsche ist ein Zerrbild, das eigentlich für jeden erkennbar sein sollte.

Ich hab „Be deutsch“ daher primär als Parodie auf mein Millieu gesehen. Fast alle meiner Freunde haben studiert, Geburtstags-Buffets sind großteils vegan und ich hab mir grade einen neuen Fahrradhelm gekauft. Ein offen Strapse tragender Pfarrer gehört aber dennoch nicht zu meinem erlebten Deutschlandbild, ebensowenig umarmen sich in meiner Nachbarschaft Juden und Araber. Wir können zwar alle einen bis zwei Sätze Kant zitieren, aber richtig gelesen haben wir ihn nicht.

Und was mach ich nun mit dieser Erkenntnis? Welche Botschaft hat das Video nun? Meine Antwort: Es ist Comedy.

Ein Comedian geht dahin, wo es die Leute kitzelt, oder wo es ihnen sogar weh tut. Und das tut Böhmermann auf intelligente Art. Wer meint, er habe die eigene Position uneingeschränkt unterstützt, muss oft feststellen, dass er eigentlich das Ziel des Spottes war. So war es beim Varoufakis-Finger, so ist es beim rassistischen Erdogan-Gedicht. Böhmermann operiert auf einer Meta-Ebene. Oft ist der Witz nicht in der Mediathek zu sehen, die eigentlich Pointe ist die Reaktion des Publikums, der Medien, des Senders.

Zudem hat Böhmermann ein vermeintlich revolutionäres Konzept ins Fernsehen gebracht. Ein Witz ist ein Witz, weil er witzig ist. Dieses eher US-Amerikanische Verständnis von Comedy fehlt uns in Deutschland bisher. Zwischen den verkopften Comedians, die immer auf der vermeintlich richtigen Seite sein wollen und den Mario Barths und Oliver Pochers, die sich schon präventiv auf die moralisch falsche Seite stellen, gibt es kaum bekannte Namen. In den USA hingegen drängen sich in dieser Nische haufenweise Comedians. So finde ich viele Nummern von Louis CK genial. Der Streitfrage, ob man Witze über Vergewaltigung machen darf, setzt er sogar Witze über Kindesmissbrauch entgegen — aber eben auf intelligente Weise.

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Was machen wir nun mit der Erkenntnis? Entzieht sich Comedy jeder Bewertung, weil ja alles nur ein Witz ist? Natürlich nicht. Kann auch schlechte Comedy die gesellschaftliche Diskussion eröffnen und die Welt zum Besseren ändern? Möglicherweise ja. Möglicherweise auch das Gegenteil. So habe ich neulich das Interview einer Frauenrechtsaktivistin gehört, die über den desaströsen Effekt eines Sketches von Saturday Night Life von 1993 die Vorstellung von „date rape“ lächerlich machte und die öffentliche Diskussion zum Thema eher abwürgte. Auch in den Folgejahren wurde SNL in diesem Punkt nicht wirklich zum Vorkämpfer im bereich Frauenrechte – trotz starker Frauen wie Amy Poehler und Tina Fey.

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Also: Schaut Comedy. Denken müsst ihr aber weiterhin selbst.

Marc Maron hat einen Buchvertrag

Ja, die Meldung ist unglaublich, oder etwa nicht? Marc hat es mir eben selbst gesagt. Mir und ein paar Tausend Fans überall in der Welt in der neusten Episode seines Podcasts. Bevor Ihr mich fragt: Wer ist Marc Maron und wieso sollte es mich kümmern? Marc ist der Podcaster, von dem ich wirklich jede Folge höre. (Sorry Tim, sorry Philip.)

Der Reihe nach: Marc ist ein Komiker der C-Klasse in den USA und ein Prominenter der Klasse F. Das heißt: Viele Leute drüben meinen ihn Mal gehört oder gesehen zu haben. Das ist durchaus wahr: er tingelte durch Comedy-Clubs im ganzen Land, hatte sogar Mal eine TV-Show, moderierte Radiosendungen. Aber wenn man weiter fragt, kennt ihn keiner so richtig. Er ein Nobody. Noch dazu ein Nobody mit erheblichen Drogenproblemen und zwei gescheiterten Ehen. Aber ein Nobody im Showbusiness.

In über 20 Jahren Comedy, ungezählten Auftritten, Streitigkeiten und persönlichen Verwicklungen jeder Art ist er integraler Bestandteil der Szene geworden, die erstaunlich klein ist. Kaum jemand von Rang und Namen, mit dem er nicht schon getrunken und gekifft hätte, den er nicht Backstage getroffen oder mit dem er eine jahrelange Fehde ausgetragen hätte. Er war ein Comedy-Urgestein. Alleine: selbst nach 20 Jahren im Geschäft fehlte ihm die Nische, die sein Talent zur Geltung brachte. Die ihm wirklich den Erfolg brachte, den Amerika jedem überragenden Talent verspricht.

Das änderte sich in den letzten zwei Jahren erheblich. An einem persönlichen Tiefpunkt angelangt — Marc kann viel über Entziehungskuren erzählen — griff er zum Mikrofon und fing an sich mit seinen Kollegen zu unterhalten. Das Ganze nannte er „What the fuck“ und stellte es ins Internet.

In seiner unverblümten Art bietet Marc etwas, was Hollywood und die TMZ-Perez-Hilton-Berichterstattung geistig schon lange nicht mehr bewältigen konnten: Er zeigte seine Kollegen als Menschen. Manchmal auf sehr krude Art, in dem er sich über Masturbationsgewohnheiten austauscht oder Frauen fragt, ob sie witziger werden wollten, indem sie mit Komikern schliefen. Unter Komikern findet er jede Menge Gesprächsstoff, wenn sich über seine Drogenerfahrungen austauschen will: welche Psychosen löst Koks aus, welche Auswirkungen hat eine Vicodin-Überdosierung auf den Verdauungstrakt? Und dennoch strömen die Stars zu Marc Maron in die Garage: Ben Stiller, Patton Oswalt und Conan O‘ Brien waren schon zu Gast in der „cat ranch“, wie Marc sein Studio in der heimischen Garage nennt. Und nun hat er einen Buch-Deal. Mehr noch: er hat eine Comedy-Serie über sein Leben konzipiert und schon eine Pilotfolge abgedreht.

Sein Kapital: Marc ist authentisch. Und er kann etwas erzählen. Sein Gegenüber hat es schwer mitzuhalten, wenn Marc mit seinen persönlichen Enthüllungen anfängt: sein bipolarer Vater, seine Introspektion als nichtreligiöser Jude, der aber immer mit dem „jewy thing“ zu kämpfen hatte, seine Abstürze. Aber wer eine Komiker-Karriere eingeschlagen hat, hat zwangsläufig auch etwas zu erzählen. Zum Beispiel der Komiker, der beim Drehen eines Sketches für Mad-TV vor Live-Publikum die Kontrolle über seine Ausscheidungsorgane verlor. Oder der Produzent, der eine US-Comedy-Show nach Russland bringen sollte. Oder der Komiker, der im Mafia-Millieu aufgewachsen war, und der einen professionellen Killer abhalten musste, seine Karriere auf Don-Corleone-Art zu fördern. Die Prominenten und Semi-Prominenten erzählen auf offene Art — oder lügen, was das Zeug hält, wie Carlos Mencia, der eine Comedy-Todsünde begangen hat: er klaute regelmäßig die Witze anderer Comedians. Und Marc überführte ihn — nicht mit Videoaufnahmen oder investigativer Recherche, sondern anhand der Rückmeldungen, die er von anderen Kollegen bekam. Die Comedy-Szene als eingeschworene Community. Wer hätte es vermutet?

Was ich faszinierend finde: in seiner planlos wirkenden, manchmal verquatschten Art schafft es Marc, mir als westdeutschem Landgewächs eine neue Welt zu eröffnen, Einblick in die wirklich innersten Zusammenhänge einer Szene zu geben, die nur für maximal 90 Minuten am Stück öffentlich ist. Was zum Beispiel bedeutet YouTube für Komiker, die von Westküste zu Ostküste tingeln und immer nur die selben Nummern präsentieren? Wer schreibt Comedy Shows und was bedeutet es einen weltbekannten Talkmaster jeden Tag mit neuen Gags zu versorgen. Wie überleben Frauen in diesem testosterongetränkten Gewerbe? Wie funktioniert Comedy und woran scheitert sie? Wie geht man mit einem erbosten Zuschauer um, der einen auf offener Bühne niederschlagen will?

Da heutzutage jede einmalige Story ein Trend ist — siehe Amanda Hocking — leite ich aus meiner Fan-Eigenschaft einige Trends ab, die die Medienwelt der nächsten Jahrhunderte bestimmen werden:

  • Ein long tail verlangt einen hohen Arsch. Marc Maron profitiert von der Fernsehprominenz seiner Gäste. Würde er nur einen Kollegenkreis aus dem Hinterhof interviewen, wäre er nicht selbst zur Halb-Prominenz geworden. Er hätte kein Portrait in der New York Times bekommen, er würde nicht ständig berühmtere Kollegen vor das Mikrofon bekommen.
  • Authenzität muss man spielen können. Marc tut zwar so, als ob er unkontrolliert vor sich hin quasselt, man glaubt, dass er sein Leben mit den Hörern teilt. Und dennoch hat er die Dreharbeiten zu einer Serie zu seinem Leben, die ja einen beträchtlichen Teil seiner Arbeitszeit in Anspruch genommen haben, über Monate vorenthalten. Und als er von Everybody-loves-Raymond-Star Ray Romano gesponsort wurde, rief er jedes Mal bei ihm an und tat so als sei er kurz davor, den Plot von dessen neuen Serie zu verraten. Es war ein Sketch, eine Werbeannonce – und zwar eine schlechte.
  • Prominenz ist Arbeit, und zwar eine andere. Verabschieden wir uns von dem Prominentenbild, was wir zum Beispiel aus „Notting Hill“ kennen. Der Superstar von morgen muss sich immer mehr mit seinen Fans auseinandersetzen, nicht mehr nur mit Paparazzi und Promi-Reportern. Aber keine Bange: auch hier hat die Entertainment-Industrie schon die Rationalisierung eingeführt. Authenzität per Twitter lässt sich auch kaufen. So wurde Marc zur Vorbereitung der desaströsen Charlie-Sheen-Show eingeladen — und trommelte brav für dessen absurdes Comeback.
  • Deutsche Podcaster werden es auch weiterhin schwer haben. Um sein Podcast zu finanzieren, wirbt Marc auf geradezu unverschämte Weise für seine Sponsoren. Der Blumen-Service zu Valentinstag ist super, der Schick-mir-Dein-Foto-und-wir-schicken-ein-Ölgemälde ebenso und sie Sexspielzeuge von Adam & Eve sind super. Was wir hierzulande Schleichwerbung nennen, ist in den USA das Öl, das das Getriebe am Laufen hält. Wir können nur versuchen, das mit GEZ-Gebühren aufzufüllen.

Die Zeit schreit nach Satire

Grade lese ich bei der Netzeitung, dass Dieter Hildebrandt der Sendung Scheibenwischer die Namensrechte entzogen hat.

Der Sprecher des Bayerischen Rundfunks, Rudi Küffner, sagte: «Wir akzeptieren das, wenn Herr Hildebrandt das nicht mehr möchte.» Dies geschehe «schon alleine aus Respekt vor diesem großen Mann». Es gebe keinerlei Verstimmung, wenn Hildebrandt diesen Wunsch habe, sei er ihm zugestanden, betonte Küffner. Man sei derzeit ohnehin dabei, die Sendung neu zu konzipieren. Deswegen tue es nicht so weh, auch einen neuen Namen zu suchen.

Hildebrandt entzieht den Namen, aber es gibt keine Verstimmung. Soll das Satire sein?

Wenigstens sehen sie es jetzt ein. Bruno Jonas war ohne Hildebrandt nicht erträglich. Richling war es noch nie. Wer seine Nummern hauptsächlich mit lächerlichen Kostümen und vermeintlichen Sprachfehlern von Politikern bestreitet, macht noch lange kein politisches Kabarett.

Comedy bestätigt Vorurteile und Klischees, gutes Kabarett hingegen spielt mit ihnen und sollte den Zuschauer dazu bringen, ab und an mal nachzudenken – sich selbst in Frage zu stellen. Das wird beim Satire-Gipfel so wenig passieren wie auf einem Kölner Rosenmontags-Zug.

PS: Aprospos „keine Verstimmung“ – Richling schießt per Interviews in Focus und Spiegel zurück:

Auch ein einzelner Papst kann nicht dogmatisch festlegen, was Kabarett zu sein hat, und abweichende Vorstellungen der Exkommunikation unterwerfen.

Wenn man allerdings Richlings Kollegen-Verschleiß betrachtet, ist aus dem einzelnen Papst inzwischen ein ganzes Konzil geworden.