Legegebühr

Aus purer Neugier habe ich mir mal angesehen, wie günstig man doch im Vergleich zur Bahn fliegen kann. Auf der Übersichtsseite herrschen geradezu paradiesische Zustände: Flüge für unter einem Euro, für meinen gewünschten Reisetermin gab es noch jeweils einen Flug für unter 10 Euro.

Tja, denkste.

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Passagierbezogene Gebühren? Steuern? Treibstoffzuschlag? Würden die bei jedem anderen Geschäft nicht in den ganz normalen Preis eingerechnet? Für was werden denn die Preise in der Übersicht berechnet? Für die Polsterabnutzung? Warum nicht gleich alle Flüge umsonst und alles als Zuschlag deklarieren?

Aber wozu schimpfen? Ich finde, man sollte das Modell ausweiten. Im Supermarkt gibts die Eier für 0,2 Cent – an der Kasse werden dann noch 48 Cent Steuern, Dreikornzuschlag und Legegebühren aufgeschlagen. Der Döner umsonst, aber vorher musst Du drei Ayran zum Preis von je zwei Euro die Kehle hinunterkippen. Die Pizza gibt es nur mit Schutzgeldzuschlag und die Bank benötigt dringend einen Überfall-Ausgleich für das kostenlose Konto.

Bundestrojaner-FUD

Der Bundestrojaner ist FUD in Reinkultur. Niemand scheint so genau zu wissen, was denn die Geheimdienste oder das BKA in Richtung Onnlinedurchsuchungen vorhaben. Doch immer wieder werden Artikel veröffentlicht, wie das denn technisch vonstatten gehen soll. Den meisten Artikeln ist leider gemein, dass es sich um pure Spekulationen handelt. Man berichtet darüber, was technisch so möglich ist und schließt daraus, dass die vermeintlichen Terroristenjäger genau das vorhaben.

So auch im Telepolis-Artikel Der Staat als Einbrecher: Heimliche Online-Durchsuchungen sind möglich. Volker Birk, auch bekannt von dingens.org, erklärt darin seine persönliche Sicht der Onlinedurchsuchungen. Er schlägt dabei die oft kolportierte These vom Trojaner per Mail in den Wind und skizziert eine staatliche Überwachung von Providerseite aus:

Technisch ist ein Trojaner zum heimlichen Ausspähen ohne große Probleme umsetzbar. Auch wenn die damit befassten staatlichen Stellen wenig auskunftsfreudig sind, so ist eines klar: die Verbreitung als „Trojanisches Pferd“, also über einen Social-Engineering-Angriff, hat der Bundestrojaner nicht nötig. Er wird nicht darauf angewiesen sein, dass ein Benutzer mehr oder minder „freiwillig“ seinen Schadcode auf den eigenen Computer installiert, wie das beispielsweise bei den so genannten Mailwürmern der Fall ist. Denn der Staat hat bereits eine vollständige Infrastruktur für Man-In-The-Middle-Angriffe auf jegliche elektronische Telekommunikation: die SINA-Boxen bzw. IMS (Interception Management Systems).

Das ist – zum Glück – heute noch falsch. Zwar gibt es die SINA-Boxen, aber sie können eben nicht so einfach als ultimatives Manipulationsinstrument eingesetzt werden. Sie dienen eher dazu, den Strafverfolgern nach einem komplizierten Verfahren unter Mitwirkung des Providers Zugriff auf Daten zu ermöglichen. Die SINA-Boxen sind nicht dazu gebaut, den kompletten Datenverkehr der Provider umzukrempeln.

In der Newsgroup de.org.ccc erklärt Volker Birk dazu:

Die Provider haben die Überwachungseinrichtungen nicht freiwillig. Sie werden ihnen per TKÜV auferlegt. Mit einer analogen Verordnung für den Bundestrojaner könnte ihnen bei entsprechender Gesetzeslage genauso auferlegt werden, die für die MITM-Angriffe notwendige Infrastruktur zu kaufen und vorzuhalten, genau wie sie es auch mit den IMS und SINA-Boxen tun müssen.

Eben das ist der Knackpunkt: Nach der jetzigen Gesetzeslage und mit der jetzt vorhandenen Infrastruktur ist eine solch umfangreiche Manipulation wie im Telepolis-Artikel beschrieben nicht möglich. Trotzdem hat sich das BKA schon um einige Onlinedurchsuchungen bemüht und der Verfassungsschutz NRW versicherte mit auf Anfrage, dazu in der Lage zu sein. Ergo: Was Volker Birk in Telepolis beschreibt ist Zukunftsmusik und hat nichts mit den jetzigen Bundestrojanern zu tun – so es sie denn schon gibt. Wenn man dazu beachtet, wie lange an den SINA-Boxen gefeilt wurde, die eine wesentlich einfachere Aufgabe zu bewältigen haben, dürften einige Jahre ins Land gehen, bis das BKA die beschriebenen Fähigkeit hätte. Und das ganz sicher nicht „ohne große Probleme“.

Interviews, die man nicht erfinden kann

Es gibt Interviews, die entwickeln sich kurios. Wie zum Beispiel dieses Exemplar in der Netzeitung. Halt! Noch nicht auf den Link klicken. Überprüft erst einmal Eure dreckige Fantasie. Die Frage der Netzeitung fängt so an:

Angenommen, ein Deutscher und ein Inder haben in einer virtuellen Sphäre gemeinsam verbotenen Sex, der Server steht auf den Philippinen und die Betreiber-Firma ist in den USA zugelassen…

Wie geht die Frage wohl weiter?

  • …wer hat den längeren?
  • …welches Recht greift dann?
  • …von wo würden sie sich einwählen, um mitzumachen?
  • …gelten die Vorschriften der StVO oder des Kamasutra?

Ach ja: Ich glaube dem Interviewpartner sind ein paar grobe Fehleinschätzungen unterlaufen, denn sonst hätte sich die Netzeitung mit dem Screenshot schon strafbar gemacht. Trotzdem rate ich dazu, keine virtuellen Mäuse zu vögeln!

Unabhängig im Nachrichtenkonzern? – Should Wired sue Techcrunch?

Kann man gegenüber der Muttergesellschaft wirklich neutral sein? Oder werden Redaktionen nur zum Ausleger der wirtschaftlichen Interessen der großen Medienkonzernen?

Das populäre Blog Techcrunch fordert: Digg Should Sue Wired. Hintergrund: Wired hat wiederholt negativ über Digg berichtet und als letztes eine Geschichte gebracht, wie man gezielt Digg manipulieren kann – so die Darstellung von Techcrunch-Blogger Michael Arrington. Der angebliche Hintergrund: der Muttergesellschaft von Wired News gehört ein Digg-Konkurrent.

Hat also CondéNet die Wired-Redaktion ausgesandt, den mißliebigen Konkurrenten Digg in Grund und Boden zu schreiben? Der Eintrag von Michael Arrington ist reine Interpretation, er hat keine Recherche durchgeführt, die den verdacht stützen könnte. Der Blogger hat schlicht einige Fakten zusammengetragen und sie so interpretiert, dass Wired beziehungsweise CondéNet unfair spielt.

Doch als ich die Wired-Story selbst gelesen habe, habe ich einen anderen Eindruck gewonnen. Anders als Arrington behauptet, hat Wired keine Story erfunden, sondern schlichtweg einen Service getestet, der die Manipulation von Digg-Abstimmungen anbietet. Diesen Service gab es auch ohne Wired und er wurde auch vor dem Bericht genutzt. Wired hat sogar die Schwächen des Service gezeigt: So garantiert der Anbieter nicht für eine Platzierung und die Nutzer des Services sind relativ simpel zu ermitteln. Und er benannt konkret, welcher Digg-Mechanismus das Kaufen von Stimmen ermöglicht.

Dass diese Wired-Geschichte in eine ganze Reihe von negativen Berichten über Digg fällt, kann kaum überraschen. Wenn eine Redaktion mal an einem Thema dran ist, erwarten nicht zuletzt die Leser auch eine weitere Berichterstattung. Und der Wired-Autor greift explizit vorherige Recherche-Ergebnisse auf.

Noch ein anderer Aspekt: Dass die Wired-Redaktion vom Mutterkonzern Weisung bekommen hat, gegen Digg zu schießen ist möglich. Hier hat Wired jedoch Mechanismen enthüllt, die letztlich auch dem eigenen Service schaden könnten. Und lässt man das gesamte Geschäftsmodell auffliegen, nur um dem Konkurrenten zu schaden? Andere Frage: Sollte Wired auf Berichte über jede Firma verzichten, die mit dem Mutterkonzern auf irgendeine Weise in Konkurrenz steht?

Fazit: Arrington spricht einen Verdacht aus, für den es keinerlei Grundlage gibt – und das weiß er auch selbst. Alleine aufgrund der wirtschaftlichen Verflechtungen unterstellt er der Wired-Redaktion einen journalistischen Sündenfall. Was die Frage aufwirft: Ist Arrington nicht selbst ein Wired-Konkurrent? Überschreitet er nicht selbst die Grenze journalistischer Unabhängigkeit, wenn er einem Konkurrenten ohne jeden Beweis Unehrlichkeit unterstellt?

Das verlorene Jahr

Nach einjähriger Recherche gelang es einem Fernseh-Team des Hessischen Rundfunks, Angreifer, Ermittler und Opfer von Internetangriffen vor die Kamera zu bekommen. Sie malen ein erschreckendes Bild von der Bedrohung aus dem Internet.

Und wann wird das gesendet? Um 23:45 Uhr.

Nachhilfe in PR

Wenn man die Öffentlichkeit vom friedlichen und harmlosen Zocker-Leben überzeugen will, sollte man in der Gegendarstellung möglichst nicht von einer „most hated-Liste“ fabulieren. Auch sollte man seine Wortwahl nicht künstlich militärisch gestalten, in dem man „Bericht erstatten“ mit „berichten“ verwechselt. Auch der Satz „Das Spiel verfolgt im allgemeinen nicht das Ziel, grundsätzlich extreme Straftaten zu begehen“ ist ein denkbar schwaches Dementi. Man stelle sich vor, ein Hundebesitzer antwortet auf die Frage „Beißt der?“ mit einem verschmitzten „Im Allgemeinen nicht…

Ach ja: Man sollte das Ganze von irgendwem gegenlesen lassen, der jemanden kennt, der schon Mal einen Duden gesehen hat.

Konservative und liberale Nachrichten

Nach einer Woche habe ich mal einen Blick in Jimmy Wales fabelhafte Welt der kollaborativen Politikberichterstattung. Nichts überraschendes: Es geht auf der Titelseite ausschließlich um US-Politik, es geht mehr um Kommentare als um Berichterstattung.

Ins Auge fiel mir der Artikel: Possible proof that Digg.com is biased against Conservatives

Daraus habe ich folgendes gelernt:

  • Bei Digg geht es nicht um Nachrichten für die Leser, sondern um ein paar Tausend Klicks für den verlinkten Blogger
  • Es gibt nicht einfach Nachrichten, es gibt liberale und es gibt konservative Nachrichten.
  • Wer beim kollaborativen Voten unterliegt, wurde sabotiert.
  • Das Wort „Proof“ bedeutet im Englischen nichts. Es dient als Ausrufezeichen-Ersatz.
  • Wer auf der einen kollaborativen Plattform scheitert, zieht zur nächsten weiter.

On further news: Kuro5hin hat ein länglicheres Essay Why Digg Failed.