Comedy is dead

Seit anderthalb Jahren erzählt man, wie wichtig Comedy in diesen Zeiten doch ist. Wie toll es ist, dass Colbert-Oliver-Trevor-Samantha uns ein wohlverdientes Gegengewicht zur Realität geben. Doch obwohl ich das Handwerk bestaune und genieße, macht es mich vor allem müde. Da treten allabendlich die bestbezahlten Komiker der Welt auf die Bühne… und sie lesen Tweets vor. Und sie wollen es einfach nicht mehr. Sie versuchen sich an Erklärstücken. Und ändern nichts. Stormy-Daniels-Witze steigern sogar die Umfragewerte der US-Regierung. Die Komiker stehen auf der Bühne und machen ihr Ding. Und sie sind sooo müde.

Grade eben habe ich von der desaströsen Verleihung der Shorty Awards gelesen. Ein Branchenpreis für irgendwas mit social media, who gives a damn? Und Adam Pally tritt auf die Bühne. Pally, den ich bisher nur als schwule Äquivalent von Joey in Happy Endings kenne, der aber grade auch an der President Show mitarbeitet. Und er lässt die Verzweiflung einfach raus. Nicht über Trump, nicht über Syrien, einfach darüber, das diese Welt für ihn keinen Sinn mehr ergibt. Dass er der lustige Clown sein soll für die Leute, die ohne Ironie mit einem Selfie-Stick auf die Bühne treten, und sich bei der Community bedanken, die sie bezahlt, gelockt, abkassiert haben. Dass er keine Lust darauf hat, auf dem Vulkan zu tanzen.

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Comedy is dead. Seien wir doch einfach ehrlich.

Bescheiden peinlich

Was macht eine Zeitung wenn die Mutter des Verlegers einen Orden bekommt? Natürlich berichten:

„Mir sind Orden eigentlich eher peinlich“, gestand die Geehrte, die 1998 bereits das „Verdienstkreuz am Bande“ und 2006 das „Große Verdienstkreuz“ des Verdienstordens der Bundesrepublik erhalten hatte. Aber sie freute sich dennoch – für die Sache, für die sie seit mehr als 20 Jahren kämpft. Zu ihrer Ehrung gratulierten als erste ihr Sohn Konstantin Neven DuMont (Vorstand der Mediengruppe DuMont) und Rösraths Bürgermeister Marcus Mombauer.

Too much information

Ich habe die erste Pressemitteilung der Piratenpartei erhalten. Yay!

Berlin, 2.7.2009 – Der Landesverband Berlin der Piratenpartei traf sich gestern zu einem außerordentlichen Parteitag in der Karaokebar „Monster Ronson’s“ in Berlin-Friedrichshain.

Ahhhhja…. ist die Karaoke-Bar wirklich so wichtig?

Um die personell schnell anwachsende Partei intern zu strukturieren und zugleich ihre Unkonventionalität und Offenheit zu erhalten, bilden Piraten anstelle klassischer Bezirksverbände in Crews lokal gebundene, dynamische Einheiten. Medienpirat Aaron Koenig stellte das von den Aachener PIRATEN übernommene und leicht modifizierte Crew-Konzept vor, bei dem sich Piraten unter einem Schiffsnamen wie „die Flying Dutchmen“ oder „die Konrad Zuse“ unter einem Käpt´n und Navigator zusammenfinden.

OK. Karaoke-Bars und Promotion a la Jägermeister sind wohl doch eine wesentliches Element der Parteiarbei.

Hauptstadt des Atheismus

Die Leute von „Pro Reli“ lecken sich die Wunden. In der Tagesschau konnte ich eben einen Sprecher hören, der ernüchtertfreut verkündete, dass die Berliner wegen des gescheiterten Volksbegehrens immerhin intensiv über Religion diskutiert haben. Ein Erfolg – schließlich sei Berlin ja als „Hauptstadt des Atheismus“ bekannt.

Spannend. Diese Bezeichnung habe ich noch nie gehört. Und auch Google kann mir da nicht weiterhelfen, wenn ich die Berichte über „Pro Reli“ und ein paar Irrläufer ignoriere. Kann es sein, dass alleine „Pro Reli“ Berlin diesen wenig schmeichelhaften Titel an Berlin verliehen hat?

PS: Die Antwort auf die letzte Frage lautet: nein. Der Begriff wurde zwar nicht gerade oft verwendet, existierte aber schon lange vor „Pro Reli“. So schrieb die Berliner Morgenpost am 7. Februar 2000:

Ein gutes Omen dafür, dass es mit der Kirche in der „Hauptstadt des Atheismus“ (Landesbischof Wolfgang Huber) wieder bergauf geht, wird sie begleiten: Jahrzehntelang wurden von der Georgenkirchstraße Missionare ausgesandt, um Menschen in Afrika und Asien zum Glauben zu bekehren.

Wolfgang Huber widerum ist einer der eifrigsten Aktivisten in Sachen Pro Reli. Es bleibt also in der Familie.

Es mag makaber klingen…

Der baden-württembergische Ministerpräsident äußert sich zu geplanten Waffengesetzänderungen.

Auch nach dem Vierfachmord von Eislingen will Oettinger die Beratungen nicht beschleunigen. „Es mag makaber klingen, aber ein Schnellschuss wäre dem Thema nicht angemessen.“

Ja, es ist makaber. Warum es also überhaupt sagen? Könnte man als professioneller Kommunikator statt „Schnellschuss“ nicht „übereiltes Gesetz“ sagen? Wäre ein Statement wie „Wir müssen sorgfältig arbeiten, um Tragödien in Zukunft zu vermeiden“ so unzitabel?

Wie viele Phantome gibt es noch?

Das blame game zu den DNA-Wattestäbchen hat begonnen – Hersteller und Behörden schieben sich gegenseiti. die Schuld zu. Dabei gäbe es viel wichtigere Fragen. So meldet der SWR:

Erst am Freitag hatte der Hersteller bei einer Pressekonferenz gesagt, dass seine Wattestäbchen nicht für polizeiliche Ermittlungen geeignet seien. Dies sei auch in der Gebrauchsanweisung eindeutig so beschrieben. Ein Kriminaltechniker des Landeskriminalamtes in Stuttgart hatte erklärt, es sei noch nicht klar, ob es überhaupt DNA-freie Wattestäbchen auf dem Markt gebe.

Wenn es keine DNA-freien Stäbchen gibt und die Behörden sich offensichtlich nicht genügend abgesichert haben – dann ist das Phantom von Heilbronn wohl nur die Spitze des Eisbergs. Wie viele Kriminalfälle hängen an DNA-Beweisen? Wie oft passte der DNA-Beweis nicht wirklich zum Tatablauf – und wem glauben Ermittler, Staatsanwälte und Richter dann?

Bye Giga

Giga wird abgeschaltet. Und Giga-Chef Stephan Borg blickt zurück:

Hier ging es nicht um langweilige Web 2.0 Anwendungen, sondern darum gemeinsam eine Idee zu leben.

Oh, ich erinnere mich da an das Hauptstadtstudio direkt am Brandenburger Tor. Das war echt nicht langweilig, aber der cringe-Faktor war verdammt hoch. Diese besondere Idee lebt freilich weiter als „RTL2-News“.

Beifallheischend

Die Netzeitung hat etwas an der „beifallheischenden“ Häme von Letterman einzuwenden:

Anstatt seinen Gast aber vor sich selbst zu schützen, führt der TV-Moderator seinen Gesprächspartner in den knapp sieben Minuten, die auch im Internet zu sehen sind, komplett vor. Nach einigen Witzen über den Vollbart «Juckt es?», auf die Phoenix gar nicht oder nur peinlich berührt reagiert, lockt ihn der Talkmaster in eine Art Falle: «Toller Film, den Du da gemacht hast, mit, na, wie heißt sie noch?», so Letterman scheinheilig. Und tatsächlich, Phoenix schien sich nicht an den Namen seiner Film-Partnerin Gwyneth Paltrow zu erinnern, Letterman muss ihm unter lautem Lachen des Publikums helfen.

Ekelhaft, was? Und deshalb muss der Auftritt nicht nur ausführlich geschildert, sondern auch als YouTube-Video eingebunden werden. So kann das hämische Netzeitungs-Publikum hämisch johlen und die ehemaligen Altpapier-Leser der redaktionellen Distanzierung ihren Beifall zollen.