Private Life

Ich liebe diesen Film. Ich hatte ihn schon vor Monaten auf meine „List“ auf Netflix gesetzt, aber kam erst jetzt dazu ihn anzusehen. Und… einfach wow.

Die Geschichte ist schnell erzählt: Ein Paar in New York will ein Kind bekommen. Und es klappt einfach nicht. Bis dann die Nichte in ihr Leben schneit. Eine Romantic Comedy – ja. Aber eine, die so wenig jennifer-aniston-y ist, wie sie nur sein kann.

In kaum einer Stadt spielen so viele Filme, Serien, Romane. Und doch: Wirklich wenige zeigen mehr als eine Hochglanz-Version des Lebens in einer durchweg fiktiven Stadt, wo alle attraktiven Leute den Karrierepfad nach oben schießen, wo Geld keine wirkliche Rolle spielt, wenn man nur gut genug drauf ist.

Schon die ersten Einstellungen zeigen, dass „Private Life“ nicht in diese Schublade gehört. Ein Ehepaar auf ihrem Wohnbett — und er setzt ihr eine Fruchtbarkeits-Spritze. Die ganze Wohnung ist mit Büchern und Krimskrams vollgestopft, sogar die Fensternische hinter dem Bett ist ein Behelfs-Bücherregal. Diese Details zeigen, dass wir uns hier nicht in einer abgefeimten Fantasie bewegen wie zum Beispiel „Friends from College“, die genausogut in L.A. hätte gedreht werden können. Hier wird die Geschichte von echten Menschen erzählt, wie man sie tatsächlich in der Stadt treffen kann.

Richard ist 47 Jahre und hat eigentlich mit dem Literaten- und Theaterleben abgeschlossen. Sein Geld verdient er mit einer Firma – „The Pickle Guy“. Nichts besonderes, aber es finanziert die Miete und ein einigermaßen sicheres Leben. Rachel ist ein paar Jahre jünger als er und veröffentlicht nun endlich ihren Roman, der sie so viele Jahre gekostet hat.

An sich sind sie ein arriviertes, in gewisser Weise erfolgreiches Paar — und dennoch sitzen sie in ihrer engen Wohnung an der Avenue A, und müssen sich mit lärmenden Nachbarn herumplagen, mit vollen Wartezimmern, mit einem Leben, das durch und durch von Notwendigkeiten geprägt ist. Im Gegensatz dazu steht die Familie von Richards Bruder, die ein gutes Stück außerhalb wohnt, wo für Normalverdiener ganze Häuser zu haben sind — und wo man beim Trip nach Manhattan eben den besonderen Käse oder den Everything-Bagel mit nach Hause bringt.

Als ihre Nichte Sadie in die Stadt kommt und in ihr Leben tritt, bringt sie wieder einen neuen Blick auf diesen faszinierenden Moloch und lässt die beiden teilhaben. „Oh, ich dachte, hier ist inzwischen alles gentrifiziert“, sagt sie, als sie eintrifft. Und Richard entgegnet, dass diese Entwicklung ihre Nachbarschaft noch nicht eingeholt hat. Dass der Balkon aus einer Feuerleiter besteht, ist für Sadie kein Nachteil, sondern ein Teil des Abenteuers New York.

Man könnte nun meinen, dass die Stadt die Hauptrolle spielt – aber nein. Sie ist der Rahmen, der alles zusammenhält. Paul Giamatti und Kathryn Hahn zeigen existenzielle Verzweiflung, eine unendliche Müdigkeit, aber gleichzeitig Liebe, Humor und einen immer noch ungestillten Hunger aufs Leben. Und – das geschieht selten — in der allerletzten Einstellung hoffe ich richtig, dass sich die Tür öffnet. Ihr werdet sehen, was ich meine.

Den Trailer gibt es hier:

Hier klicken, um den Inhalt von YouTube anzuzeigen

Wer den Film mag, kann sich auch Tallulah mit Ellen Page und Allison Janney ansehen, die auf einigen der gleichen Saiten spielt. Die sehr männliche Variante mit Dustin Hoffman, einem überraschenden Adam Sandler und Ben Stiller heißt „The Meyerowitz Stories“ und erforscht ebenfalls das Getriebene im Leben der New Yorker. Kommerzieller und klamaukiger ist „Thanks for Sharing“ mit Mark Ruffalo, Tim Robbins, Gwyneth Paltrow. Wer eher das Melancholische mag, sollte einen Blick auf „The Visitor“ von 2007 werfen, in dem Richard Jenkins einen Professor spielt, der über einen jungen Immigranten wieder ein Leben entdeckt, in dem er noch zählt. Und wer auf Jennifer Aniston steht: In „The Switch“ wird auch sie in New York künstlich befruchtet. Aber der Streifen ist mehr ein Trinkspiel denn ein Film. Frohes Schauen.

Minority Report ist eine Fiktion

Ich weiß, es wird Euch schockieren. Aber die Dokumentation über den Polizisten Toto Harry Tom Cruise ist keine. Minority Report ist von vorne bis hinten erfunden. Doch andere scheinen daran zu glauben: Denn immer noch versprechen Überwacher, dass ihre Überwachung schon die Lösung der gesellschaftlichen Probleme sein soll. Natürlich bis auf das Problem der Überwachung. Aber ist das überhaupt ein Problem?

Es fing auch mit einer realen Fiktion an. In New York sorgte einst das allmächtige Computersystem, das Verbrechen katalogisierte bis es sie quasi vorhersagen konnte, für ein neues Zeitalter. Bürgermeister Rudolph Giuliani war für diese Neuentwicklung der Kriminalitätsbekämpfung medial verantwortlich und seine Erfolge mussten sich nicht hinter denen von Batman verstecken. Das Problem war: Es waren nicht seine Erfolge. Das meiste davon war schlichtweg Demographie. Er hätte Steuerbefreiungen für Zuhälter und Taschendiebe einführen können — den Rückgang der verzeichneten Kriminalität hätte er kaum aufhalten können.

Trotz allem wird die Legende vom computergestützten Vorahnungs-Polizisten weiter verbreitet. Wenn wir nur die Muster der Kriminalität erkennen, wenn wir nur genug Überwachungskameras und Sensoren verteilen, dann nimmt die Kriminalität ab. Nein. Sicher kann die Kriminalitätsbekämpfung von modernen Technologien profitieren. Aber nur in Maßen, wenn man nicht alle Leute ihrer Freiheit berauben oder massenhaft Unschuldige oder Kaum-Kriminelle verurteilen will.

Menschen passen sich an. Sie klauen vom Schreibtisch aus Milliarden, sie meiden die Kameras, sie nutzen das Desinteresse derer, die damit umgehen wollen. Und Daten lügen. Viele Daten bedeuten viele Lügen. Wer meine Bewegungsmuster durch die Stadt verfolgt, wird mich beim Auskundschaften von vielen Wohnungen erwischen. Es sei denn, er weiß: Ich spiele ab und an Ingress. Vielleicht bin ich aber auch ein Ingress-Spieler, der Wohnungen auskundschaftet? Big Data bedeutet große Lügen. Denn es ist das Versprechen, dass die Daten mein Wesen erkennen, dass sie objektiv sind und die Antworten auf die Daten rational.

Auch Polizisten sind Menschen. In New York erfanden sie eine Lösung für die Statistik-Gläubigkeit der Politik. Einfache lösbare Straftaten wurden erfunden, schwere Straftaten nicht in das System eingegeben. Folge: Die Erfolgsbilanz stieg, die Krimkinalitätsrate sank überdurchschnittlich. Das ging über Jahre so. Und als der Whistleblower Adrian Schoolcraft sich dem System widersetzte, packten sie ihn und verschleppten ihn in eine geschlossene psychiatrische Station. Als er entkam, wurde er sogar angeklagt. Pech: Schoolcraft hat Beweise. Und am Rande des Prozesses kommt heraus: Auch Vater und Schwester des Whistleblowers wurden durch das scheinbar allmächtige Datensystem überprüft.

In New York musste die Polizei die Taktik aufgeben schlichtweg jedermann anhalten und durchsuchen zu können. Eine formelle Schranke wurde errichtet — aber erst nachdem die Praxis von einer Richterin als verfassungswidrig eingestuft wurde. Die Stadt will das Urteil bekämpfen. Und führt eine Statistik als Begründung an.

LinkedIn – das Out-Of-Business-Netzwerk

Gestern habe ich im ARD-Weltspiegel einen interessanten Bericht zu den konkreten Auswirkungen der Finanzkrise auf das Leben in New York gesehen. Ein Effekt: Karriereberater boomen, die ehemaligen Börsenstars suchen neue Karrieren. Und die Scheidungsanwälte im Finanzviertel haben einen Boom.

Heute erreicht mich eine Pressemitteilung des Business-Netzwerks LinkedIn:

Die internationale Finanzkrise spitzt sich immer weiter zu und sorgt weltweit für Verunsicherung. Viele Finanzberater und Banker nehmen in dieser wirtschaftlich schwierigen Zeit ihre berufliche Zukunft selbst in die Hand und setzen dabei verstärkt auf die Potenziale des Online-Networking.

[…]

Demnach verdoppelte sich die Zahl der LinkedIn Mitglieder aus der Finanzbranche in den letzten sieben Wochen. Auch die Networking-Aktivitäten der Finanz-Entscheider haben sich auf LinkedIn in den letzten 14 Tagen rasant gesteigert und wuchsen um 50 Prozent.

[…]

Das belegen auch die allgemeinen Wachstumszahlen von LinkedIn in den letzten zwei Wochen. So stieg die Nutzung der persönlichen Empfehlungsfunktion bei LinkedIn um 14 Prozent, die Zahl der verschickten Einladungen wuchs um 10 Prozent und Neuanmeldungen verzeichneten eine Steigerung um 17 Prozent. Zudem stieg die Zahl der Verbindungen unter den LinkedIn Mitgliedern um 21 Prozent.

Auf gut deutsch: Wer gut im Sattel sitzt und Erfolg im Job hat, sieht offenbar weniger Bedarf für Karrierenetzwerke als Arbeitslose in spe.

Gute Begründungen

Normalerweise werden Überwachungsmaßnahmen ja mit Kinderpornos und lauernden Terroristen begründet. In New York hat man laut Telepolis eine originellere Begründung gefunden.

Die New York Taxi Workers Alliance (NYTWA) kündigte an, im September zu streiken, um ein GPS-System zu verhindern, das ab Oktober für alle New Yorker Taxis verpflichtend sein soll. Von Seiten der Taxi and Limousine Commission (TLC) wird die Einführung des Systems vor allem damit begründet, dass Fahrgäste vergessene Gegenstände auf diese Weise leichter wiederbekommen könnten, wenn die Behörde jederzeit nachsehen kann, welches Taxi wann wo war.

Liebe TLC, das könnt ihr doch besser. Baut doch zusätzlich in jedes Taxi einen Temperatursensor ein und behauptet, dass ihr das Mikro-Klima im Big Apple erforscht. Oder sponsort eine Folge von „24“, in der ein Terrorist online im Taxi verfolgt wird. Besser: 300 Terroristen in 500 Taxis.

PS: Telepolis schafft es sogar das verwendete Taxi-Bild von Wikimedia Commons korrekt mit Quelle, Lizenz und Autorenangabe zu versehen. Das habe ich so noch nicht in freier Wildbahn gesehen.