Russian Doll

Ihr habt es wahrscheinlich schon überall gelesen. „Russian Doll“ ist die Netflix-Serie der Stunde. Natürlich neben „Sex Education“. Fast überall, wo ihr etwas über die Serie lest, heißt es: Natasha Lyonne ist toll, genial, fantastisch und die Story ist ein bisschen wie Groundhog Day,…. blah, blah, blah…, aber wir wollen Euch nicht zuviel verraten. Wegen Spoilern. Dazu sage ich nur: Fuck that.

Let’s sit crooked and talk straight.

Russian Doll ist tatsächlich wie der Film Groundhog Day, der auf vier Stunden ausgewalzt wurde. Und das ist ein sicheres Rezept für ein Desaster. Wer kann schon mit Bill Murray konkurrieren? Und wird aus der Prämisse nicht ein Hindernis, wenn man sich allzu lange mit ihr beschäftigt? Braucht man nicht irgendwann einen Gott oder eine Wunderdroge, die diese merkwürdige Zeitschleife erklärt? Stellt sich heraus, die Antworten sind: Natasha kann. Und: Ja, aber nein. Aber ich komme gleich dazu.

Fangen wir mit einer Handlung an: Die Hauptfigur heißt Nadia, und sie lebt das New Yorker leben. Sie trinkt wie ein Loch, sie raucht wie zwei und ihre Unabhängigkeit geht ihr über alles. Ihre Katze teilt sie mit dem Diner nebenan, ihr Ex-Freund durfte ihr nicht mal seine Tochter vorstellen und selbst beste Freundinnen müssen sich auf Kommando auf Armlänge distanzieren.

Wir schreiben Nadias 36. Geburtstag und sie ist in das Loft einer Freundin zu ihrer eigenen Geburtstagsparty eingeladen. Es ist eine wilde Szenerie, über 50 Leute drängen, tratschen und tanzen sich durch die Wohnung, die früher eine jüdische Schule war. Nadia angelt sich einen Mann, nimmt ihn mit nach Hause und auf dem weiteren Weg durch die Nacht wird sie von einem Taxi überfahren. Schnitt. Nadia steht wieder in dem abgefahrenen Badezimmer und weiß nicht, was mit ihr geschieht.

Ich mag es, wie Nadia mit der Situation umgeht. Erst freakt sie aus, dann versucht sie zielstrebig sich in der neuen Situation zurechtzufinden. Es muss eine neue Partydroge sein. Doch nein, im Joint ist nur Ketamin. Dann ist es vielleicht ein religiöser Fluch. Wir sind schließlich in einer alten jüdischen Religionsschule. Wieder eine Sackgasse. Also versucht Nadia – wie einst Phil der Wettermann – die Situation zu genießen. Doch es ist schwer. Denn die Früchte verfaulen.

Nothing in the world is easy. Except pissing in the shower.

Ich mag die Szenerie. Wie fast jede gute New Yorker Fiktion spielt die Serie nicht in einem vagen New-York-Verschnitt, der irgendwo zwischen Brooklyn und Wall Street mäandert. Russian Doll ist nachbarschafts-spezifisch. Nadia lebt im East Village – nur ein paar Block entfernt von Richard und Rachel. Wenn ihr Euch in Google Streetview durch Avenue A und Avenue B klickt, werdet ihr viele der Drehorte finden.

Auch die Menschen sind stilecht, wenn auch idealisiert: Eine party hard crowd, die sich am morgen in einen fuck pile verwandelt hat, Künstler, Coder, Literaten, Immobilienmakler. Der ständige Zustrom neuer Neu-New Yorker sorgt dafür, dass hier jeder mit jedem schlafen kann – die meisten sind nach zwei, drei, fünf oder zehn Jahren eh nicht mehr da. Aber: Nadia ist noch da. Und deshalb lieben wir sie.

Nadia ist zum Teil wie Phil, sie hat etwas von jedem Raubein, das in Romantic Comedies immerzu gezähmt wird. Wie einst Schimansky frühstückt sie mal eben ein rohes Ei aus dem Glas, weil es halt weniger Arbeit macht und Nadia meint, dass sich Leute generell nicht so viel Mühe um sie geben sollten. Denn sie wird sie sonst enttäuschen.

Ich mag es, wie die Autorinnen das Konzept der Loop weiterentwickelt haben. Anders als in Groundhog Day reden die Figuren nicht jedes Mal exakt dasselbe. Das wäre auf die Dauer wirklich nervig. Es ist zwar dieselbe Nacht, aber mit Unterschieden. Der Gasofen wird nicht jedes Mal explodieren. Stattdessen lernen wir eine Figur nach der anderen endlich besser kennen. So den Obdachlosen im Park, der ein anderes Leben als kompetenter Friseur hatte. Oder den sexsüchtigen College-Professor. John, der sich so rettungslos in Nadia verliebt hat. Und Alan. Alan ist anders.

Mit der vierten Folge kippt die Serie. Plötzlich ist da ein zweiter Charakter, der ebenfalls in der Loop ist. Alan ist das Gegenteil von Nadia: ordnungsorientiert, in einer langjährigen Beziehung und vor allem: diagnostiziert. Sobald Alan auftritt merken wir: Russian Doll ist nicht einfach die Erzählung, wie ein oder zwei Asympathen plötzlich das Bessere in sich entdecken und den perfekten Tag plötzlich zum perfekten Leben umgestalten. Es geht um Geisteskrankheit, Traumata und Selbstzerstörung. Die Botschaft ist so einfach wie intensiv: Lass Dir helfen.

Here it comes, a cure for the night

Es ist kein wirklicher Spoiler, wenn ich sage: Beide finden aus der Todesschleife heraus, beide finden plötzlich Trost in ihrem Leben. Macht Euch nicht allzu viele Gedanken drüber: Einen Sinn wird die Story nie ergeben. Aber wir fiebern mit Nadia und Alan, dass sie endlich an den Punkt kommen, an dem sie erkennen, wo der offene Bruch in ihrem Leben liegt.

Und man kann ihnen das Happy End vergeben, nachdem wir so viele dunkle Seiten gesehen haben. Horse ist nicht nur ein wundervoller Obdachloser, er hat auch keinerlei Hemmungen einen Betrunkenen auszurauben. Ruth ist nicht nur die sassy, sie ist auch gebrechlich, hilfsbedürftig und verängstigt. Wie wir alle irgendwie. Und alle um uns herum.

Kurzum: Daumen hoch. Anschauen.

Private Life

Ich liebe diesen Film. Ich hatte ihn schon vor Monaten auf meine „List“ auf Netflix gesetzt, aber kam erst jetzt dazu ihn anzusehen. Und… einfach wow.

Die Geschichte ist schnell erzählt: Ein Paar in New York will ein Kind bekommen. Und es klappt einfach nicht. Bis dann die Nichte in ihr Leben schneit. Eine Romantic Comedy – ja. Aber eine, die so wenig jennifer-aniston-y ist, wie sie nur sein kann.

In kaum einer Stadt spielen so viele Filme, Serien, Romane. Und doch: Wirklich wenige zeigen mehr als eine Hochglanz-Version des Lebens in einer durchweg fiktiven Stadt, wo alle attraktiven Leute den Karrierepfad nach oben schießen, wo Geld keine wirkliche Rolle spielt, wenn man nur gut genug drauf ist.

Schon die ersten Einstellungen zeigen, dass „Private Life“ nicht in diese Schublade gehört. Ein Ehepaar auf ihrem Wohnbett — und er setzt ihr eine Fruchtbarkeits-Spritze. Die ganze Wohnung ist mit Büchern und Krimskrams vollgestopft, sogar die Fensternische hinter dem Bett ist ein Behelfs-Bücherregal. Diese Details zeigen, dass wir uns hier nicht in einer abgefeimten Fantasie bewegen wie zum Beispiel „Friends from College“, die genausogut in L.A. hätte gedreht werden können. Hier wird die Geschichte von echten Menschen erzählt, wie man sie tatsächlich in der Stadt treffen kann.

Richard ist 47 Jahre und hat eigentlich mit dem Literaten- und Theaterleben abgeschlossen. Sein Geld verdient er mit einer Firma – „The Pickle Guy“. Nichts besonderes, aber es finanziert die Miete und ein einigermaßen sicheres Leben. Rachel ist ein paar Jahre jünger als er und veröffentlicht nun endlich ihren Roman, der sie so viele Jahre gekostet hat.

An sich sind sie ein arriviertes, in gewisser Weise erfolgreiches Paar — und dennoch sitzen sie in ihrer engen Wohnung an der Avenue A, und müssen sich mit lärmenden Nachbarn herumplagen, mit vollen Wartezimmern, mit einem Leben, das durch und durch von Notwendigkeiten geprägt ist. Im Gegensatz dazu steht die Familie von Richards Bruder, die ein gutes Stück außerhalb wohnt, wo für Normalverdiener ganze Häuser zu haben sind — und wo man beim Trip nach Manhattan eben den besonderen Käse oder den Everything-Bagel mit nach Hause bringt.

Als ihre Nichte Sadie in die Stadt kommt und in ihr Leben tritt, bringt sie wieder einen neuen Blick auf diesen faszinierenden Moloch und lässt die beiden teilhaben. „Oh, ich dachte, hier ist inzwischen alles gentrifiziert“, sagt sie, als sie eintrifft. Und Richard entgegnet, dass diese Entwicklung ihre Nachbarschaft noch nicht eingeholt hat. Dass der Balkon aus einer Feuerleiter besteht, ist für Sadie kein Nachteil, sondern ein Teil des Abenteuers New York.

Man könnte nun meinen, dass die Stadt die Hauptrolle spielt – aber nein. Sie ist der Rahmen, der alles zusammenhält. Paul Giamatti und Kathryn Hahn zeigen existenzielle Verzweiflung, eine unendliche Müdigkeit, aber gleichzeitig Liebe, Humor und einen immer noch ungestillten Hunger aufs Leben. Und – das geschieht selten — in der allerletzten Einstellung hoffe ich richtig, dass sich die Tür öffnet. Ihr werdet sehen, was ich meine.

Den Trailer gibt es hier:

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Wer den Film mag, kann sich auch Tallulah mit Ellen Page und Allison Janney ansehen, die auf einigen der gleichen Saiten spielt. Die sehr männliche Variante mit Dustin Hoffman, einem überraschenden Adam Sandler und Ben Stiller heißt „The Meyerowitz Stories“ und erforscht ebenfalls das Getriebene im Leben der New Yorker. Kommerzieller und klamaukiger ist „Thanks for Sharing“ mit Mark Ruffalo, Tim Robbins, Gwyneth Paltrow. Wer eher das Melancholische mag, sollte einen Blick auf „The Visitor“ von 2007 werfen, in dem Richard Jenkins einen Professor spielt, der über einen jungen Immigranten wieder ein Leben entdeckt, in dem er noch zählt. Und wer auf Jennifer Aniston steht: In „The Switch“ wird auch sie in New York künstlich befruchtet. Aber der Streifen ist mehr ein Trinkspiel denn ein Film. Frohes Schauen.