Toxic MD

Ich habe erkältungsbedingt ein wenig mehr Zeit mit meinem neuen Fernseher verbracht. Dabei nutzte ich die Gelegenheit mit die Staffeln von Dr. House anzusehen, die mir in den vergangenen Jahren entgangen waren. Ein paar Gedanken dazu.

Zuförderst: House M.D. ist ein intelligent geschriebene Serie, ein zeitgemäße Adaption von Sherlock Holmes. Aus dieser Vorlage machen die Verantwortlichen kein Geheimnis.

House stammt aus der Periode unmittelbar vor dem „Golden Age of TV“. Es ist zudem eine Network-Serie. Das heißt: Zu viele Folgen, zu viele zu konventionell attraktive Menschen, zu kleine gemeinsame Nenner. Wer so etwas als Minus notieren will, tut der Serie unrecht.

Gleichwohl: House ist nicht sehr gut gealtert. Denn Gregory House ist eine Personifizierung dessen, was wir mittlerweile als „toxisch“ kennen. Ein Narzisst, oder ein Psychopath, der alle in seiner Umgebung manipulieren muss, um seinen Willen durchzusetzen. Während es sicher lohnt, das zu thematisieren, wird House laufend entschuldigt: Durch seine traumatische Verletzung, durch sein schmerzendes Bein, durch sein Genie, durch seine Brillanz, durch seine Umgebung. Und durch den Spaß, den es doch macht, ihm dabei zuzusehen, wie er Patienten und Kollegen demütigt.

Halt – stop! Nein, das macht mir als Zuschauer keinen Spaß mehr. Zwar ist es lustig, wenn sich House und Wilson mit Fangnetzen überlisten wollen. Wenn House jedoch Ärzte per Telefon feuert, nur um einen Punkt zu machen – what a dick! Und in der ständigen Wiederholung: laaaaaangweilig.

Die Gordon-Gecko-Falle

Doch die Inszenierung sagt: Das ist schon OK so. In Großaufnahme wird jede Gefühlsregung von House ins Astronomische aufgeblasen, der Rest des Ensembles muss sich mit Basis-Emotionen begnügen. Andere Personen interessieren nur, solange sie im unmittelbaren Kontakt zu House stehen. Wie irgendeiner seiner Patienten noch leben kann, nachdem er Blut erbrochen hat, nachdem ihm eine neue Leber implantiert wurde und ihm im Hirn rumgeschnibbelt wurde, interessiert in der ersten Staffel nicht.

Diese Mängel sind den Serienautoren auch aufgefallen. So führen sie zum Beispiel die Ex-Frau von House ein, deren neuer Ehemann für ein paar Folgen mit den Langzeitfolgen seiner Erkrankung kämpfen muss. Einmal pro Staffel muss House Wilson und Cuddy einen enormen Liebesdienst erweisen, der dem Publikum vermittelt, warum beide das Arschloch nicht längst in den Wind geschossen haben. Doch das ist zu wenig um aus den Beziehungen irgendeine Tiefe zu geben. Staffel 3 bis 5 wirken zuweilen wie Kammerspiele, die in einer metaphorischen Blase spielen. Jede Ähnlichkeit mit der Realität wird mit Verachtung gestraft. Teilweise sind die Reaktionen auf House so skurril, dass ich schon dachte, er halluziniert.

Hugh Laurie ist hier in die gleiche Zwickmühle geraten wie Michael Douglas in „Wall Street“. Beide spielen gestörte Asympathen mit solcher Bravado, dass sie vom Anti-Helden zum Helden werden. Statt ein abschreckendes Beispiel zu sehen, wird den Zuschauern vermittelt, dass es absolut OK ist, gegenüber seiner Chefin andauernd Sexpraktiken vorzuschlagen und seine Untergebenen zu auf jede erdenkliche Weise zu beleidigen – solange man halt vom Menschenschlag eines House ist und dabei absolut transparent. Es ist doch alles nur Spaß. Oder dient dem Besten. Oder es schadet nicht.

Doch die faule Ausrede, dass sich die Supermodel-Ärzte in diesem feindlichen Klima durch Witz und Toughness halten können, wäre heute kaum wohl noch als Entschuldigung zu gebrauchen. Dass die ständigen Beleidigungen zu einer kreativen Arbeitsathmosphäre gehören, schluckt heute hoffentlich niemand mehr.

Interessant finde ich es, wenn die Perspektive gewechselt wird. Eine Folge zeigt zum Beispiel einen Tag aus Sicht von Chi Park. Solche Folgen werden als Korrektur vorgeführt. So beobachtet Park zum Beispiel eine alberne Hühner-Wette von House und Wilson — und demonstriert damit, dass die Beziehung zwischen den beiden Kindsköpfen nicht so einseitig missbräuchlich ist, wie die anderen Episoden behaupteten. Aber solche Alibi-Folgen kommen nicht gegen den großen Trend an: Das Genie hat recht und wir haben uns danach zu richten.

Realitätsblindheit

Mutig finde ich die Entscheidung, House mit Konsequenzen zu konfrontieren. Dass er zuerst in einer psychiatrischen Anstalt und dann sogar im Knast landet, ist für eine Comedy erstaunlich konsequent. Doch Lehren werden daraus ja grade nicht gezogen. Nach ein paar Folgen ist House wieder er selbst. Und er lacht über jeden, der glaubt sich zum besseren ändern zu können.

Was mit dem Wissen von heute auch etwas enttäuscht, ist die Blindheit für die Zeitentwicklung: Die Hauptfigur ist abhängig von Pillen. Während im ganzen Land tausende Menschen an Opioiden sterben, ist House allenfalls mit spannenden Halluzinationen gestraft. Behandlungskosten sind noch weniger Thema als in „Scrubs“ — in den Jahren vor Obamacare eine merkwürdige Entscheidung. Auch die Tabuisierung von psychischen Erkrankungen ist zuweilen atemberaubend. In einer Folge entdeckt House, dass er mit Methadon ein zufriedenes, schmerzfreies Leben führen kann — aber da er damit seinen „Edge“ verliert, ist die Droge plötzlich kein Thema mehr. Während er am Anfang ein paar Mal als Narzisst gescholten wird, ist davon bald keine Rede mehr. House ist ein Held, aber kein psychisch kranker Loser.

Schade drum. So viel verschenktes Potenzial.

HIMYM – Kthxbye!

Wie ich eben sehe, ist die Mutter in „How I met your Mother“ endlich gefunden. Damit ist der Serie endlich der Todesstoß versetzt – auch wenn die Produzenten wahrscheinlich nicht nur eine halbe, sondern anderthalb Staffeln mit der letzten Romanze des Ted Mosby füllen werden. Schließlich hat man das Gesicht der Frau ja noch nicht gezeigt, und ihren Namen krampfhaft verschwiegen. Ein erbärmlicher Schachzug, um das unvermeidliche Ende hinauszuzögern. Aber wenigstens ist jetzt klar – wie ein Satellit außerhalb seines Orbits rast die Serie auf ihr Ende zu.

Dabei hatte die Serie so gute Ansätze. Das übliche Setting „schöne Menschen in Manhattan“ bot einen vertrauten Rahmen, in dem die Autoren ein paar schöne Konstellationen ausprobieren konnten. Der Testosteron-Grenzfall Barney hat mit seinen Männer-Philosophien die Aufmerksamkeit auf sich gezogen – aber besser geschnitten als seine Anzüge waren die Plots. Ein gut abgestimmtes Hin- und Her aus Alltagsgeschichten und den unvermeidlichen Liebeswirren, aus gezielt überspielten Wortwitzen und überdrehten Klischees. Banalitäten? Sicher – aber wenigstens gut erzählt und mit immer wieder guten Ideen. Let’s go to the mall kann ich mir immer wieder ansehen – gerade weil Cobie Smulders so einen wirklich lausigen Job macht. Slap bet? Toller Cliffhanger!

Aber das ist lange Vergangenheit – nach zwei Staffeln habe ich die Serie beerdigt. Sie war ja von Anfang an auf drei Staffeln ausgelegt. Zu mehr taugte das Konzept einfach nicht, wenn man nicht einfach jede Folge von „Friends“ und „Sex in the City“ neu interpretieren wollte. Aber wenn eine Serie Geld einspielt, kann man sie ja nicht einfach sterben lassen. Selbst wenn die Hauptdarsteller vor laufender Kamera jeglichen Appeal verlieren, wenn sie lustlos Pointen runternudeln, die sie nicht mehr leben, nicht mehr verstehen können. Wie viel Witz steckt in einer Gruppe von Menschen ohne echte Probleme, die die ganze Zeit krampfhaft grinsen? Denen ihre Millionengage im Gesicht geschrieben steht? Und die laufend als Kulisse für Britney Spears und Konsorten herhalten müssen?

Aber wie gesagt: HIMYM hatte tolle Momente, einige inspirierte Ideen, teilweise tolle Schreiber und einen auswechselbaren Cast. Wenn die Produzenten in drei bis fünf Jahren ein paar neue Ideen haben, freue ich mich auf ihr nächstes tolles Projekt.

Nachtrag, Juni 2011: Leider hatte ich unrecht: HIMYM geht weiter und weiter, häuft Gaststar auf Gaststar, während die Serienidee und damit jede Originalität eingefroren wurde. Selbst ein toller Cast könnte da nur wenig reißen. Sogar in der Tony-Verleihung sah NPH besser aus.