Ich will neue Narrative

Grade geht ja wieder eine Debatte darüber los, wie man mit der Berichterstattung um Serienmörder an Schulen umgehen soll.

Ich würde die Diskussion gerne etwas erweitern. Ich glaube ja, dass Fiktionen Realität auf verschiedene Weisen widerspiegeln und auch neue Realitäten formen. Wenn jeden Abend fünf CSI-Folgen mit jeweils mindestens einem grausamen Mord laufen, wenn Mankell seine schlechten, deprimierenden Bücher verkaufen konnte, weil er absurde Gewalttaten in ihren Mittelpunkt stellt, wenn auch die Kritikerlieblinge auf Netflix im Blut ersaufen — dann ist es kein Wunder, wenn die Mörder im realen Leben auch eine Obsession sind.

Es ist Zeit für neue Narrative. Ich wünsche mir zum Beispiel endlich mal wieder Krimiserien über Leute, die Sachen klauen. Eine provokative neue Serie aus Finnland, in der es um *trommelwirbel* die Steuerfahndung geht. Anstelle des üblichen Musters ein Mord pro Folge und ein Serienmord pro Staffel möchte ich Trickdiebe, Korruptionsermittler — vielleicht sogar eine neue Serie über Journalisten.

Conversation starter

Providerprobleme sind das Band, das uns alle verbindet. Wir sind mehr als enttäuschte Kunden, wir sind eine Bewegung, eine Generation.

Wer auf Parties landet, wo plötzlich über Heidi Klums Models geredet wird, muss nur das Thema anschneiden und wird sofort reichlich Zuspruch finden.

„Ja, ich war letzte Woche auch zwei Tage offline. Ein Albtraum“

„Nicht nur das Internet. Auch das Telefon und der Fernseher. Ich hab versucht Fußball auf dem iPhone zu gucken, aber das Datenlimit!“

„Unsere Kinder wollten gar nicht mehr aus der Schule nach Hause kommen.“

„Also ich finde, so ein gewisser Verzicht ist auch notwendig“ „Ja, die Wand anstarren, ist ja so alternativ!“ „Günter, werd jetzt nicht unhöflich!“ „Schon gut. Schon gut. Welche Schnepfe hat jetzt den Modelwettbewerb gewonnen?“ „Günter!“

Der Mensch und das Monster in ihm

Menschen wären nicht so wie sie sind, wenn sich in diesen Momenten nicht irgendwo im Netz ein Breivik-Fanclub treffen würde.

Nach zwei Bier sitzt er vor dem Computer und liest alles nach. Wie verlogen die Gesellschaft doch ist. Wie hinterhältig die Medien. Die Wahrheit, sie steht im Netz und wird nur flüsternd erzählt. Aber er kann es hören. Tag und Nacht. Er macht ein weiteres Bier auf.

Sie hat das Bild dieses starken jungen Mannes gesehen, gegen den alle sind. Sie haben ihm zum Monster abgestempelt. Es war schrecklich, was er getan hat, sicher. Aber die Toten sind tot. Ganz klar: Strafe gab es genug, seine Seele ist zersprungen. Jetzt brauch er Hilfe, der Mensch in dem Mörder.

Über 70 Tote. Eine Rohrbombe im Regierungsviertel. Wumm! Was für eine Leistung. Ein Mann allein gegen alle. Wie sie wohl gelaufen sind. Und der Staat, der rafft es nicht. Bamm. Bamm. Bamm. Und wieder drei Streber weniger. Er hat trainiert, wie Breivik. Mit dem iPod im Wald. Und kleine Sprengfallen gebaut. Wumm! Ein Baum ist umgefallen. Ein geiles Gefühl. Die YouTube-Videos hat er aber wieder gelöscht.

Moslems. Da waren schon wieder drei in der U-Bahn. Lange Bärte. Und geguckt haben sie als ob Ihnen das Land gehört. Aber das ist unser Land! Ihre Freundinnen tun so betroffen über die Toten auf der Insel. Aber nachts alleine rauszugehen trauen sie sich nicht. Weil sie Angst vor den Moslems haben. Erst schlagen sie ihre Frauen und dann sind sie hinter uns her. Aber sie ist stark. Sie denkt nicht dran, klein beizugeben.

Er hat das Internet ausgelesen. YouTube? 60 Stunden werden pro Sekunde hochgeladen und 20 direkt wieder gelöscht. Der Rest? Blah! Pornos? Immer das gleiche. Aber die Wahrheit. Die geht immer runter wie Öl. Habt ihr das Manifest überhaupt gelesen? Sicher: da waren ein paar Schwachpunkte. Aber ich habe die richtigen Links gefunden. Wikileaks, sag ich nur. Und lamestream media. Anonymous. Der Mossad. We didn’t start the fire. George Bush. Dabbelyou. 9/11 was an inside job. It was always burning since the world’s been turning.

Der Breivik ist ein Freak. Geil! Sie dreht die Musik lauter, bis sie nicht mehr hören kann, was sie denkt.

Frau Piepenbröck ist tot (BDK-Fassung)

Palimm-Palimm
„Hallo?“
„Ja, hallo. Mein Name ist Bömmerlunder von der SpuSi. Wir müssten Mal in Ihre Wohnung.“
„SpuSi?“
„Ja, Spurensicherung.“
„Spurensicherung?“
„Sprech ich chinesisch? Ja, Spurensicherung. Machen Sie auf!“
„Warum?“
„Weil ich Spuren sichern muss. Jungejunge, sind Sie schwer von Begriff…“
„Welche Spuren?“
„Na, das Übliche. Fingerabdrücke, DNA, Fasern“
„Und weshalb?“
„Haben Sie es noch nicht gehört? Frau Piepenbröck ist tot.“
„Das tut mir leid. Wer ist Frau Piepenbrück“
„Gerda Piepenbrück. Wohnt nur zwei Straßen von hier. Das heißt: wohnte.“
„Nie von ihr gehört. Was hab ich damit zu tun?“
„Sagte ich doch. Sie wohnte nur zwei Straßen von hier.“
„Aha. Dann gehen Sie die beiden Straßen zurück zur Wohnung von Frau Piepenbröck und tun sie dort ihren Job.“
„Jetzt werden Sie nicht unverschämt. Wir können nämlich auch das alte Pulver zum Fingerabdrucksichern nehmen. Das bekommen Sie nie wieder aus dem Teppich!“
„Jetzt Mal langsam…“
„Okayokay, ich sag dem Kommissar Bescheid.“
„Warten Sie…“
„Ja?“
„Könnten Sie mir denn bitte erklären, warum Sie meine Wohnung durchsuchen wollen?“
„Na, das machen wir immer so. Wenn ein Gewaltverbrechen nicht ausgeschlossen werden kann, sichern wir alle Spuren in einem Kilometer Umkreis vom Tatort. Sie sind wohl neu? In den meisten Wohnungen war ich schon vier oder fünf Mal…“
„Sie gehen einfach so in alle Wohnungen? Ohne Verdacht?“
„Wir haben einen Verdacht. Frau Piepenbrock ist tot!“
„Piepenbröck dachte ich.“
„Meinetwegen auch die. Warten Sie, ich hab mir für solche Fälle etwas aufgeschrieben“
„Was?“
„Hier steht’s, hören Sie genau zu! Wenn genügend Personal vorhanden ist um Fingerabdruckspuren im Umfeld des Tatortes massenhaft aufzunehmen und auszuwerten, müssen wir das tun und anschließend den Täter herauszufiltern. Wenn auch nicht immer von Erfolg gekrönt, bleibt es jedoch ein Werkzeug im Kampf gegen das Verbrechen.
„Hä?“
Es geht noch weiter: Wir sind nach dem Gesetz verpflichtet Straftaten zu verfolgen. Der Bürger erwartet das zu Recht, die Politik fordert das nachdrücklich, der Gesetzgeber hat uns das Handwerkszeug dazu gegeben und die Richter achten darauf, dass wir es richtig anwenden
„Hmmm.“
„Na, was sagen Sie nun?“
„Ja, das klingt absolut logisch“
„Na, dann lassen Sie mich schon rein.“
„Nehmen Sie aber auch das neue Fingerabdruckpulver? Wenn die Teppiche ruiniert sind, bringt mich meine Frau um.“
„Keine Bange, wenn das passiert, sind wir von der SpuSi schon zur Stelle. Ihre Frau wird ihrer Strafe nicht entgehen.“
„…“
„Kleiner Scherz“
„OK, kommen Sie rein.“

In der Bibliothek 2015

„Guten Tag.“
„Guten Tag.“
„Entschuldigen Sie bitte, ich bin zum ersten Mal in einer Bibliothek.“
„Kein Problem. Die Bücher sind dort, den Katalog finden Sie dort drüben. Wenn Sie Fragen haben, kommen sie einfach zu mir.“
„Ja, eine hätte ich direkt.“
„Fragen Sie nur.“
„Sind die Bücher denn auch alle in meinem Land erhältlich?“
„Wie gesagt: die Bücher stehen dort drüben.“
„Prima….“
„Ja?“
„…aber sind die auch alle kompatibel? Wissen Sie, ich wollte meinem Neffen diesen Batman-Klassiker schenken. Aber dann war der nur für das iPad geeignet und der Junge hat doch nur Nintendo“
„Es sind Bücher. Wir haben zwar auch einige E-Books im Angebot, aber damit kennt sich nur der Kollege aus. Aber die normalen Bücher sind für jeden lesbar“
„Aber das sind sie auch?“
„Was?“
„Na, lesbar. Ich hatte da letzte Woche so eine Datei bekommen, aber die war nur mit diesem komischen Adobe-Dings lesbar“
„Es sind Bücher. Sie können doch lesen?“
„Ja, sicher.“
„Dann mach ich einen Vorschlag: Leihen Sie sich ein Buch aus, gehen nach Hause und probieren es mal aus.“
„Ich kann das Buch einfach so nach Hause nehmen?“
„Klar.“
„Umsonst?“
„Nun, pro Jahr erheben wir natürlich eine Gebühr von 30 Euro.“
„Ha! Fast hätten Sie mich reingelegt. Ich geb Ihnen meine Kontodaten und nachher werden Hunderte Euro abgebucht.“
„Sie können auch bar zahlen.“
„Nee, so kriegen Sie mich nicht! Ich lese Zeitung. Wenn das Angebot nämlich verdächtig billig ist, dann darf man nicht zugreifen! Sonst wird man abgemahnt und das kostet Tausende! So kriegen Sie mich nicht! Eine Schande ist das!“
(Kunde ab)
„Mist, beinahe hätte es geklappt.“

Pax Romana und Vergeltung

Ich möchte ja zu allerlei politischen Anlässen aus „The West Wing“ zitieren. Gerade Angesichts der gezielten Tötung von Osama Bin Laden in Pakistan fällt mir ein Zitat des ganz und gar fiktionalen Präsidenten Bartlett ein:

Did you know that two thousand years ago a Roman citizen could walk across the face of the known world free of the fear of molestation? He could walk across the Earth unharmed, cloaked only in the protection of the words civis Romanus — I am a Roman citizen. So great was the retribution of Rome, universally certain, should any harm befall even one of its citizens. Where was Morris’s protection, or anybody else on that airplane? Where was the retribution for the families, and where is the warning to the rest of the world that Americans shall walk this Earth unharmed, lest the clenched fist of the most mighty military force in the history of mankind comes crashing down on your house?!

Ein paar Folgen später ließ Präsident Bartlett einen Terror-Führer ermorden. US-Soldaten fingen das Flugzeug eines arabischen Politikers ab, erschossen ihn und vernichteten alle Beweise.

Steuerschätzung

Man kann viele Worte über die ach so überraschende Steuerschätzung und ihre Auswirkungen auf die politische Gemütslage verlieren. Aber wozu? Ich schnappe mir lieber eine kurze Szene aus The West Wing, Staffel 2, Folge 20:

JANE: The CBO’s gonna issue a new estimate of the surplus.

SAM: They’re projecting it down?

JANE: Yeah.

SAM: We don’t have as much money as we thought?

JANE: No.

SAM: That’s great news.

RICHARD: Yeah.

SAM: It’s not great news that we have less money. I’m saying…

RICHARD: Yeah.

SAM: ’Cause the floor fight’s gonna be easier.

Fantasie von morgen nachmittag

Datendiebstahl bei VO-Plus
Millionen Verkehrssündern droht Strafe

Mit gestohlenen GPS-Daten versuchten Kriminelle Tausende von Autofahrer zu erpressen. Nun meldet die Bundesregierung Interesse an den Daten an. Zehntausenden Autofahrer könnte der Führerschein entzogen werden, Millionen drohen Bußgelder.

[…]

Offensichtlich hatten sich die Kriminellen ins Netz des Mobilfunkanbieters VO-Plus eingeschlichen und über mehrere Wochen sämtliche Bewegungsdaten der mittlerweile 23 Millionen GPS-Handys im Netz erfasst und gespeichert. Diese Daten werden normalerweise anonymisiert erhoben, um aktuelle Daten zum Verkehrsgeschehen zu erheben. Die Hacker umgingen diese Vorsichtsmaßnahmen und schafften es sogar, Telefonnummern und Identität der VO-Plus-Kunden zu ermitteln.

[…]

„Auf den Ankauf dieser Daten zu verzichten wäre zumindest heuchlerisch“, sagte Bundesverkehrsministerin Tiffy von Boedefeld (CSD). So habe das Bundesfinanzministerium schon mehrfach illegal erworbene Daten von Steuerhinterziehern angekauft, für notorische Verkehrsgefährder müssten die gleichen Regeln gelten. „Schließlich steht besonders das Leben von Kindern auf dem Spiel, wenn rücksichtslose Raser unsere Straßen tagtäglich mit Blut überziehen.“

[…]

Auch der Bund Deutscher Uniformträger (BDU) zeigt großes Interesse an den Daten: „Viele Täter, die bisher ungeschoren davon gekommen sind, könnten so endlich ihrer gerechten Strafe zugeführt werden“, sagt BDU-Sprecher Pavel Uun. Zwar werteten die Polizei schon routinemäßig Handy-Positionsdaten aus. Die GPS-Daten seien aber wesentlich genauer. „Damit können wir Steinewerfer identifizieren, wenn sie sich inmitten einer maskierten Menge bewegen“, erklärte Uun.

Der Beamte regt an, den Datentransfer in Zukunft zu legalisieren. „Die Verkehrspolizei wurde viel zu lange als Profit-Center der Länder und Gemeinden eingesetzt. Die Wut der Autofahrer bekommt ja der Kollege mit der Kelle ab.“ Würde die Verfolgung von Temposündern automatisiert ablaufen, wären Blitzer und Starenkästen in Zukunft unnötig. „Das ramponierte Ansehen des Polizisten in der Gesellschaft könnte endlich wieder steigen – und wir könnten uns auf die Verfolgung von Schwerkriminellen konzentrieren“, sagte Uun.

Pygmalion 2.0

Ein Drama des 21. Jahrhunderts:

Ein Grenzbeamter – grenzkorrekt, grenzfleißig, grenzeinsam. Er ist desillusioniert von der Gesellschaft und den Frauen, wendet er sich der Arbeit zu und lernt in Fingerabdrücken zu lesen wie in einem Buch. Es kommt, wie es kommen muss: er verliebt sich in den perfekten Fingerabdruck. Er schließt einen Pakt mit dem Datenbank-Admin und findet die perfekte Frau, die zu diesem makellosen Fingerabdruck gehören muss. Doch kann die Realität der Datenbank entsprechen?