Archive for the tag 'Verschwörungstheorie'

Die Legende von der Mailpolizei

Derzeit schwappt Empörung durch die Blogosphäre. Und der Sachverhalt ist auch ungeheuerlich: jeder kleine Polizist kann wegen Bagatellen in unsere Email-Inboxen gucken.

Gucken wir uns doch Mal die Quelle des Gerüchts an: Es handelt sich um dieses Posting in einem wohl extra zu dem Zweck eröffneten Blog. Der Sachverhalt: der anonyme Autor befindet sich aus ungeklärter Ursache in einer unbekannten Dienststelle der Bundespolizei. Dort wird er Zeuge der Vernehmung eines mutmaßlichen Schwarzfahrers, dessen Anschrift festgestellt werden soll. Der Schwarzfahrer nennt seine Mail-Adresse, weil in dem Postfach eine Mail mit der Adresse befinden soll, was seine Identität bestätigen würde. Daraufhin greift der Beamte in seinen Computer und blättert - ohne nach dem Passwort zu fragen - in dem Postfach des Deliquenten.

Ich sage Mal: bullshit.

Erster Punkt: Wer immer dieses Gerücht in die Welt gesetzt hat - er tut alles, um eine Überprüfung zu vermeiden. Wo und wann das Ganze stattgefunden hat möchte er nicht verraten. Er selbst steht nicht für Nachfragen zur Verfügung. Das Meatspace-Äquivalent des Ganzen: Jemand hat in der Kneipe ein paar Bierchen getrunken und erzählt lautstark den neusten Skandal. Als man ihm zuhört, erinnert er sich dann auch plötzlich an neue Details - nur keine überprüfbaren.

Zweiter Punkt: Ein Beamter muss schon sehr dämlich sein, wenn er vor unbeteiligten Zuhörern mal eben gegen das Gesetz verstößt und top-geheime Fahndungsmethoden vor dem lauschenden Publikum ausbreitet. Dass es gegen das Gesetz verstößt - daran besteht kein Zweifel. Zwar haben die Strafverfolger in den letzten Jahren ziemlich weitgehende Möglichkeiten bekommen auf Emails zuzugreifen - aber eben erst nach richterlichem Beschluss und einem komplexen Verfahren. Und die Vorratsdatenspeicherung ist zwar schon Gesetz, aber eben noch nicht in Betrieb.

Dritter Punkt: Dieses Verfahren ist an gewisse technische Vorgaben gebunden. Zwar existiert, die “Standleitung”, die der empörte Anonyme anspricht im Prinzip. Doch dafür braucht die Polizeidienststelle eine teure SINA-Box. Das ist nichts, was mal eben unter dem Schreibtisch am Kundenempfang steht. Selbst wenn die SINA-Box dort stünde: der Provider müsste den Zugang zu dem Postfach bereits freigeschaltet haben. Würde die Polizei darüber hinaus routinemäßig auf Email-Postfächer zugreifen, wäre das vielen, vielen Leuten bekannt: den Polizisten, den Verhörten, den Providern, den Verteidigern, etc pp…. Zudem ergibt sich aus der Schilderung (”Ich mach sie einfach mal auf”), dass sich der Polizist auf einer Webmail-Oberfläche bewegt.

Vierter Punkt: Der Gesetzesverstoß und der Einsatz nicht vorhandener Hardware explizit gegen die Gesetzesgrundlage wäre ganz und gar unnötig. Der Delinquent will seine Identität beweisen, weil er nämlich sonst mit einem Aufenthalt in der Zelle rechnen muss. Auch der Polizist hat kein Interesse an dem beschrieben Vorgang: Er muss schließlich in sein Protokoll schreiben, wie er denn die Identität des Betreffenden bestätigt hat. Und die Provider haben noch weniger Interesse daran.

Fünfter Punkt: Selbst bei den wenigen genannten Details widerspricht sich der Anonyme. Erst fragt der Polizist explizit nach Hotmail, dann kann er nicht auf einen ausländischen Mailprovider zugreifen. Der Beschuldigte ist obdachlos und offenbar ohne eigenen Computer, trotzdem hat er gleich zwei verschiedene Mailadressen. Und in beiden Inboxen wartet die rettende Anschrift der Notunterkunft.

Einfache Erklärung: Da hat jemand nur mit halben Ohr zugehört - schließlich hatte er ja selbst seine Angelegenheiten auf der Polizei zu regeln. Das erzeugt Streß, zudem redet dauernd jemand dazwischen. Aus dem lückenhaften Eindruck der Vernehmung hat er sich dann eine Geschichte zusammengereimt. Dass sie so nicht stimmt, weiß er eigentlich selbst. Aber er hat da was gelesen und das passte so gut zu dem, was in Deutschland so los ist: Überwachungen, Kompetenzüberschreitungen, Armut.

Was bleibt zu sagen? Die Geschichte des anonymen Bloggers könnte in ein paar Jahren durchaus Realität werden. Dass solche Methoden angewandt werden, zeigt zum Beispiel der Prozess des EFF gegen die Praxis der US-Grenzbehörde, wahllos Computer zu filzen und zu beschlagnahmen. Und die Vorratsdatenspeicherung ist auf dem Weg. Wie schnell unsere Gesetzgeber nach Verschärfungen und Ausweitungen rufen, sehen wir immer wieder.

Aber wie steht über dem Blog so schön “es gibt kein richtiges leben im falschen.” Bevor man solche Gerüchte weiterträgt, sollte man mal kurz einen kleinen Realitätscheck machen.

Die “Falle” von Marions Kochbuch

Einen sehr merkwürdigen Beitrag hat das ARD-Magazin plusminus zum Thema Marions Kochbuch abgeliefert. Grundthese: Der Fotograf lockt ahnungslose Internetnutzer in eine Urheberrechts-Falle. Dabei arbeitet er mit solch diabolischen Tricks:

Trick Nr. 1
Das Kochbuch enthält im Anhang eine Art Lexikon. Lexika wertet Google besonders hoch. Darin aufgeführt sind Zutaten in alphabetischer Reihenfolge – seitenweise. Bei Marions Kochbuch erfährt man z.B. über Lauch, er sei reich an Eisen. Das ist Quatsch, führt aber dennoch zum Erfolg, wie Timo Strohm weiß: „Das Programm kann nicht feststellen, ob man es hier mit echter Wissenschaft zu tun hat oder mit Seiten, die nur so aussehen sollen, als wäre hier ein wissenschaftliches Fachlexikon.“

Dass Google Lexika besonders hoch wertet, ist eine steile These, die schon eine Begründung verdient hätte. Massive interne Verlinkung ist schon hilfreich, aber eben kein Allheilmittel. Und wenn Kategorie-Links von “Google ausdrücklich unerwünscht sind”, warum sind die Bilder immer noch ganz oben gelistet? Google ist nicht besonders zimperlich, wenn es um unerwünschte Verlinkungen geht.

Selbst wenn die Webseite sich mit “Tricks” darum bemüht bei Google möglichst hoch gelistet zu werden - wäre das ein Freibrief zum Kopieren der Bilder? Nein, natürlich nicht. Wer auf den Link bei der Bildersuche klickt, bekommt von Google sogar eine Warnung:

Das Bild ist möglicherweise verkleinert dargestellt und urheberrechtlich geschützt.

Und so hat die Redaktion die Chance verschenkt, einige wichtige Fragen zu stellen. Zum Beispiel: Warum wird ein Forums-Webmaster für die Urheberrechtsverletzung eines Nutzers verantwortlich gemacht? Wieso kann ein Fotograf 700 Euro für eine Veröffentlichung verlangen, die regulär nur einige Cents bringen würde? Und wo sind die Tipps für die Verbraucher? Bilderrechte im Netz sind keine Hexerei. Legale und kostenlose Alternativen gibt es zu Hauf.

Sorry plusminus - das war nichts. Statt einer Verschwörungstheorie solltet ihr vielleicht etwas Service liefern.

(via Lawblog)

Conspiracy Pokemons

Gestern erwähnte ich den Film Fletchers Visionen, aka Conspiracy theory. Als der Film vor 10 Jahren in die Kinos kam, hatte er sogar eine offizielle Webseite bei Warner Brothers.

Doch wohin gelangt man, wenn man die URL http://conspiracytheory.warnerbros.com/ heute in seinen Browser eingibt? Auf die offizielle Webseite von Pokémon 3 - the Movie.

Was macht ein geübter Verschwörungstheoretiker aus dieser Tatsache?

Dreck werfen

Chris von Fixmbr versucht mich grade mit Kübelchen voller Dreck zu bewerfen. Dabei ist er aber nicht so erfolgreich wie man von einem geübten Google-Benutzer zu erwarten wäre. Denn ich schreibe zum Beispiel nicht nur für Focus Online, sondern auch für die Frankfurter Rundschau. Dort arbeitet Monika Porrmann, Macherin des IMHO genialen Projekts Nach 100 Jahren. Und die ist - wie jetzt rauskam - ebenfalls Preisträgerin.

Aber das ist nur der Anfang: So habe ich seit der ersten Verleihung mehrmals über den Grimme Online Awards berichtet. Und ich arbeite für viele Medien, die schon mit dem Preisen bedacht oder dafür nominiert wurden. So zum Beispiel Telepolis und die Süddeutsche Zeitung, ebenso für Zeit.de und das Handelsblatt. Auch mit den Wikipedia-Machern arbeite ich oft, saß zum Beispiel mit einem auf dem Re-Publica-Podium. Stefan Niggemeier hat dieses Blog mehrfach visitstark verlinkt.

Das kann man nun als Ausgangspunkt einer Verschwörungstheorie nehmen oder die Erklärung akzeptieren: Ich bin freier Journalist und schreibe viel zu IT und Internetkultur. Außerdem blogge ich seit fast vier Jahren. Mit Grimme habe ich nichts weiter zu tun - niemand fragt mich, wer Preise bekommen soll, ich mache keine PR für Grimme noch für Mario Sixtus.

Das mit der Anonymität muss ich tatsächlich noch lernen. Ich muss aufhören in diesen Diskussionen meinen vollen Namen zu nennen oder meine URL zu setzen oder explizit auf Verbindungen mit Beteiligten hinzuweisen - man fliegt viel zu leicht auf. Normalerweise praktiziere ich Datensparsamkeit. Privat kommentiere ich normalerweise unter meinem Vornamen und ist keine Mailadresse erforderlich, dann verzichte ich sogar auf die. Wenn sie aber notwendig ist, gebe ich eine korrekte Mailadresse an. Bei den Grimme-Diskussionen habe ich aber immer klar gemacht, wer ich bin.

Tatsächlich ist mein Verhältnis zu Fixmbr gestört. Allerdings nicht wegen Grimme, sondern einigen Vorfällen vorher. Das äußert sich dann durchaus darin, dass ich den Pingback einer meiner Meinung nach schlechten Kopie eines meiner Blogbeiträge lösche. Oder dass ich in Blogs anderer Leute meine Meinung sage - und das in einer Form, die ich jedem ins Gesicht sagen kann.