Die Demontage von Trump – und warum das keine guten Nachrichten sind.

Aktuell gehen Gerüchte um, dass Trump den Special Counsel Robert Mueller feuern will, der ja im Auftrag von Trumps eigenem Justizministerium eine unabhängige Untersuchung wegen Russlandkontakten leiten sollte. Problem dabei: Formell müsste Trump dazu auch quasi die ganze Leitungsebene des Justizministeriums herauskegeln.

Dass das von Republikanern bestimmte Parlament jetzt eingreift, scheint angesichts des bisherigen Verhaltens von Paul Ryan naiv zu sein. Die gewählten Abgeordneten hatten viel vor und sie sind in Zeitverzug. Als nächstes wollen sie ein Gesundheitsgesetz durchbringen und das wird sich auf Dauer wohl nicht verhindern lassen. Am vom Trump vorgelegten Budget werden sie herumstreichen, aber wohl kein Impeachment beginnen. Tax cuts, tax cuts, tax cuts.

Für 2018 sieht es derzeit nicht besonders gut für die Republikaner aus. Die wähler‘ erwartet einen ständigen Strom von neuen Erfolgen wie einen neuen Verfassungsrichter, Abschaffung von Obama-Programmen oder neue Law&Order-Gesetze. Am besten jedoch: Arbeitsplätze. Diese Erfolge müssen wohl aus den ‚red states‘ selbst kommen, denn die US-Bundesregierung ist personell derzeit offensichtlich nicht in der Lage bundesweite Programme zu entwerfen und auch umzusetzen. Problem dabei: Einige dieser Staaten stehen seit der „Tea Party“-Bewegung unter streng ideologischer Kontrolle und sie können nicht liefern, was sie versprachen. Kansas zum Beispiel steckt wegen der ach so wachstumsfördernden Steuerpolitik in einer riesigen Budget-Krise.

Bullies sind keine tollen Verwalter

Viele munkeln, dass der US-Präsident eine Art Präsidialdiktatur aufbauen wolle. Falls er das vorhatte, hat er die Chance vertan. Dazu bräuchte er breite Unterstützung aus dem Parlament und aus allen Regierungsbehörden. Wir haben gesehen wie viele Leute Erdogan entfernen musste, selbst nachdem er Wahl um Wahl gewonnen hat, selbst nachdem es einen Putschversuch gegeben hat, der von der breiten Bevölkerung abgelehnt wurde. Es ist zu befürchten, dass Trump seine Rolle als Oberbefehlshaber der Streitkräfte nutzt, um die patriotische Stimmung zu Krisenzeiten zu heben. Doch das wird ihm meiner Meinung nach keine jubelnden Mehrheiten bescheren.

Mir scheint daher eine andere Variante wahrscheinlicher: Das Präsidialamt und die US-Bundesregierung wird Stück um Stück entmachtet. Wer freiwillig für nicht überaus großzügige Regierungsgehälter arbeiten will, wenn er weiß dass seine Bosse Bullies sind, ist wahrscheinlich selbst ein Bully. Insofern wird es in Washingtoner Regierungsapparat von Abzockern nur so wimmeln, die anderen Leuten das Leben schwer machen.

Wer irgendwas politisch durchsetzen will, wird sich andere Wege suchen müssen. Wer eine Schule bauen will oder eine Brücke reparieren, wer ein Investitionsprogramm in Gang setzen will, hat aus Washington keine Unterstützung zu erwarten. Wenn die Feds etwas tun, machen sie es wohl schlecht und verlangen dafür horrend hohe Gegenleistungen.

Red states and blue states

Im Gegenzug können lokale Staatsanwälte, die Jeff Sessions neuen War on Drugs für idiotisch halten, ihre Drogenfälle fern von der Bundeszuständigkeit halten. Im Bereich Legal Marihuana haben wir bereits einen absoluten Konflikt zwischen Staats- und Bundesgesetzen, den die Bundestaaten weitgehend gewinnen. Und um alle Staatsanwälte in allen Bundesstaaten an die Kandare zu nehmen, bräuchte Trump die unermüdliche Arbeit der Leute, die er über kurz oder lang wohl feuern wird. Die andere Seite der Medaille: Leute wie Sheriff David A. Clarke können ihre Machtfantasien wohl ohne große Hindernisse ausleben.

Gleichfalls gestärkt werden die ungekrönten Könige ihrer jeweiligen Regionen: Die Koch Brothers beispielsweise können tun, was sie wollen. Keine Umweltauflagen mehr, nicht mal Leute, die Umweltauflagen verfolgen. Oder Gesetze über poltische Geldspenden. Und das ist eigentlich das Ziel der vielen Kampagnen der Finanziers der Ultrarechten: Eine ohnmächtige Bundesregierung.

Über Sherlock

Grade wird dieser fast zweistündige Rant von dem YouTuber „hbomberguy“ eifrig geteilt, in der dieser all seinen Hass über Steven Moffats Serie „Sherlock“ ausgießt. Dabei hat er in vielen Punkten recht: Die Serie ist überproduziert, over-the-top, die Cliffhanger nerven und die Spionagegeschichten sind albern. Womit er absolut nicht recht hat: Dass diese Punkte irgendwie neu sind und Moffat eine überdurchschnittlich schlechte Sherlock-Adaption abgeliefert hätte.

Zunächst einmal: Ich fand Sherlock in der erste Staffel genial, aber die Begeisterung ist stark gesunken. Ich genieße es aber dennoch, die Neuinterpretation der alten Fälle zu betrachten. In der Folge, die gestern in der ARD lief, konnte ich zahlreiche Versatzstücke wiederfinden: Der verlassene Klient mit Mundgeruch war eine Adaption des feisten Kaufmanns aus der Red Headed League. Der Bluthund Toby: Sign of Four. Die Thatcher-Statuen: The Adventure of the Six Napoleons. Kurzum: Wenn man Moffat um drei Uhr morgens wecken würde, könnte der jedes obskure Detail aus einer Sherlock-Holme-Geschichte auswendig zitieren. Würde man dagegen hbomberguy auch nur nach den Baker Street Irregulars fragen, müsste der wohl im Videoarchiv nachgucken.

Spannend finde ich auch, dass Moffat durchaus die Fehler des Materials kennt. In der Episode von gestern fand ich den Dialog von Sherlock und Lestrade über Johns Blog besonders interessant. Das ist nämlich eine notorische Schwäche der Originalgeschichten: John Watson erzählt dauernd, wie oft sein Freund Holmes der Polizei die Lorbeeren überlässt – und publiziert dann das Gegenteil. Lesern vor mehr als 100 Jahren ist diese Inkonsistenz wohl nicht so aufgefallen — heute muss er ausgebessert oder zumindest adressiert werden.

Wenn man Moffat ernsthaft vorwirft, dass seine Fälle Logikfehler haben, dann muss man den Vorwurf leider auch Sir Arthur Conan Doyle machen. Denn keiner der bekannten Fälle ergibt bei näherer Betrachtung wirklich viel Sinn. Warum sich Homes im Hound of Baskerville auf dem Moor herumtreibt – es wird nie erklärt. Warum die Red Headed League plötzlich aufhört, einen Kaufmann aus seinem Haus zu lotsen, wenn dessen Abwesenheit und Arglosigleit eigentlich am gefragtesten wäre — nicht nachvollziehbar. Warum Irene Adler aus England flieht, obwohl sie Sherlock Holmes das Corpus delicti freiwillig übergeben hat — dafür gibt es nur romantische, aber keine logischen Gründe. Am schlimmsten: der ikonische und gänzlich sinnlose Tod am Reichenbach-Fall und die noch unglaubwürdigere Auferstehung.

Das hat mich an der Sherlock-Kritik in dem Video oben besonders gestört: Der Autor behauptet, dass Moffat das Original-Material misshandelt habe, hat aber keine Kenntnis eben dieses Original-Materials. Er behauptet zum Beispiel, Holmes habe in den Original-Geschichten die Leser immer an seinen Beobachtungen teilhaben lassen, damit diese mitraten könnten. Nichts könnte falscher sein: In den meisten Fällen erfährt der Leser erst hinterher, was Holmes getan hat und wie er auf seine tollen Ideen kam. Auch beschwert sich hmbimberguy minutenlang, dass Sherlock unnötigerweise Watson unter Drogen gesetzt habe. Dabei ist das der erste konkrete Charakterzug, den Conan-Doyle in der allerersten Holmes-Geschichte beschrieben hat: Holmes is a little too scientific for my tastes — it approaches to cold-bloodedness. I could imagine his giving a friend a little pinch of the latest vegetable alkaloid, not out of malevolence, you understand, but simply out of a spirit of inquiry in order to have an accurate idea of the effects.

Wer Sherlock Holmes neu inszeniert und adaptiert, hat eigentlich nur wenige Alternativen: Man wirft eigentlich alles weg bis auf ein paar Motive und Namen, wie es zum Beispiel bei Elementary geschieht. Die Serie erinnert deshalb über weiter Strecken mehr an Monk als an Sherlock Holmes. Oder man nimmt den Stoff, wie er ist und versucht ihn in die Gegenwart zu adaptieren. So erfand Anthony Horowitz hat in seinen Romanen neue Holmes-Fälle gebaut und darin exzessiv bekannte Fälle, Figuren und Methoden referenziert. Agatha Christie hingegen erfand mit Hercule Poirot einen Detektiv mit ganz eigenen Marotten und ließ ihn auf einige der selben Fälle los wie Sherlock Holmes. Die dritte Variante: Man nimmt die Widersprüchlichkeit des Charakters, überhöht sie noch ein wenig und hat damit selbst ein wenig Spaß — wie es zum Beispiel Billy Wilder getan hat. Und zum Teil halt auch Moffat. Wer mit keiner der Varianten leben kann, der mag halt Sherlock Holmes nicht wirklich.

Comedy in Zeiten von Trump

Did you hear this? I love this story. Oh my goodness.

Zum Osterfest im Weißen Haus kam ein Gast, der nur einmal pro Jahr kommt. Es war *trommelwirbel* Melania Trump!

Kein Witz: Diese Pointe habe ich diese Woche in gleich drei verschiedenen Comedy-Shows gehört. Dass Melania ihren Mann anstupsen musste, damit der zur Nationalhymne Haltung annahm — das kam in jeder Show. Und das zeigt uns: Comedy in Zeiten von Trump hat ein Problem.

Ich weiß: Ich schwimme hier gegen den Strom. Alle Welt verehrt grade die heilige Göttin Comedy, die uns die Trumpiaden erträglich macht. Und doch: Was da allabendlich über die Bildschirme flimmert, mag im Einzelnen furchtbar komisch sein – zusammengenommen ist es jedoch sehr deprimierend. Ich genieße zwar, wie Stephen, Seth, Trevor, Jimmy und Conan Tag für Tag, Samantha und John Woche für Woche Donald Trump durch den Kakao ziehen. Doch tolle Comedy ist es nicht. Und die Wahrheit(TM) erst recht nicht.

Comedians arbeiten sich an Widersprüchen und Stereotypen ab — und die Regierung Trump überschwemmt sie förmlich damit. Es ist wie eine DDOS-Attacke auf Comedy. Zu Beginn seiner aktuellen Staffel erklärte John Oliver noch optimistisch, dass sich nicht vorrangig mit Trump, sondern lieber mit den richtigen und wichtigen Themen beschäftigen wolle. Er hatte keine Chance. In den fast 100 Tagen seit Amtsübernahme haben wir nicht einen Tag erlebt, wo sich das Weiße Haus nicht lächerlicher machte, als es alle Comedians zusammen vermochten. Sean Spicer macht Hitler-Vergleiche, Donald Trump lässt seine Haltung zu China in zehn Minuten von Xi Jinping umdrehen. Und dann das Bild von Sarah Palin, Kid Rock und Ted Nugent im Oval Office. Wer sein Publikum amüsieren will, verbringt große Teile seiner Sendezeit damit, die Geschehnisse des Tages mit einem hämischen Tonfall nachzuerzählen statt sie zu reflektieren.

Der Spalter der Nation

Würde es Trump wirklich stören, dass die New Yorker Comedy-Shows über ihn lachen — er müsste sich komplett neu erfinden. Er tut es nicht, weil er das nicht wirklich kann. Aber dazu kommt: Das Gelächter ist eigentlich ganz in seinem politischen Interesse. Sein Erfolg beruht nämlich nicht darauf, dass er die Mehrheit der Bevölkerung überzeugen könnte. Sondern darauf, dass eine enorm große Minderheit im Lande die vermeintliche liberale Elite zum Kotzen findet. Und in dieses Narrativ passt es prima, wenn sich auch der letzte drittklassige Komiker einen Trump-Akzent aufsetzt und meint, sich aufs moralisch hohe Ross setzen zu können. Und wenn sich Komiker aufs hohe Ross setzen, sieht das in der Regel nicht wesentlich besser aus als Ted Nugent im Oval Office.

Zwar haben die Parodien in Sendungen wie Saturday Night Life sicher dazu beigetragen, dass das Gewinner-Image Trumps in breiten Bevölkerungsschichten angegriffen wurde. Doch Trevor Noah sagte kürzlich in einem Interview mit dem Magazin The New Yorker, dass Comedy in solchen Zeiten einen negativen, anti-aufklärerischen Aspekt haben könnte. Denn wenn die Leute ein Phänomen verlachen, dann ist die Motivation gering, dagegen auch etwas zu tun.

Die Nachrichten von vorgestern

Und dennoch arbeitet sich Trevor Noah Abend für Abend an genau den gleichen Lächerlichkeiten ab wie zuvor schon seine Kollegen. Seine Grafik-Abteilung packt dazu einige lustige Film-Plakate und dann kommt ein mehr oder weniger lächerliches Korrespondenten-Stück. Ein paar Minuten pro Woche wird ein ernstes Thema wie die Trinkwasser-Krise präsentiert. Aber wer die Medien auch nur flüchtig verfolgt, kennt die präsentierten Stories längst. Einen Impuls zum Aktivwerden bietet die Sendung allenfalls, wenn sie dem Publikum einen hämischen Hashtag vorschlägt.

Comedian Aparna Nancherla kritisierte noch vor der Amtsübernahme in der Village Voice:

The most cliché Trump jokes — his orange skin, emphatic hand gestures, and tween-like reflexes on social media — have been hashed and rehashed, hashtagged and retweeted. In fact, many Trump jokes just start with commenting on something he’s already tweeted. It’s an easy way to fulfill our quasi-contractual obligation as comedians to roast the powerful.

Folge dieser Klischeeparade sei eine Normalisierung. Und das ist der Stand der Comedy heute. Einige der Klischees, die immer wieder auftreten:

  • Trumps Haar- und Hautfarbe
  • Putin persönlich hat die Wahl gehackt.
  • Donald Trump will Sex mit seiner Tochter haben.
  • Die Trump-Söhne sind dämlich, seine Tochter Tiffany ein Versager.
  • Grab them by the pussy
  • Melania ist ein Trophy Wife
  • President Steve Bannon
  • Donald Trump liest nicht.
  • Donald Trump hat keine Ahnung.
  • Donald Trump spielt viel, viel Golf.
  • ….

Gerade die Witz über Melania schlagen mir inzwischen übel auf. Die nicht so subtilen Andeutungen, dass die Frau des Präsidenten eigentlich eine Prostituierte ist, haben längst auch die super-sympathischen Comedians wie Seth Meyers und Jimmy Fallon in ihrem Repertoire. Abwechselnd wird sie als geldgeiles Trophy Wive oder als Geisel eines Psychopathen karikiert, dazu als strunzdämliche Frau, die so ziemlich das Gegenteil von Michelle Obama verkörpert. Der letzte Punkt mag stimmen, aber in der Masse sind die Witze bei einem Maß angelangt, das wir bei einer uns sympathischeren Frau als untolerierbar, gar als menschenverachtend empfinden würden.

Comedy als Schlammcatchen

Was hier geschieht, kann man als „mudding the water“ bezeichnen. Dieses Schlagwort wird in Zusammenhang mit Trump immer wieder gebraucht. Es bedeutet, dass Trump weite Teile der Bevölkerung nicht überzeugt, dass er die Wahrheit sagt. Er überzeugt sie aber damit, dass auch alle andere Politiker lügen. Dies macht es Leuten, die tatsächlich die Wahrheit sagen wollen, unheimlich schwer gehört zu werden. Zum einen ist die Wahrheit selten so sexy wie eine gerissene Lüge. Zum anderen: Warum sollte man ihm oder ihr glauben? In einer gesellschaftlichen Debatte, die im Wesentlichen nur noch die Lager „Pro Trump“ und „Anti Trump“ kennt, kann man den vermeintlichen Gegner schnell ablehnen, bevor er auch nur ein Wort von Belang gesagt hat.

Das gleiche geschieht in der Comedy: Autoren und Publikum werden gerade auf die Flachwitze festgelegt. Wer nicht annähernd so lächerlich wie Donald Trump ist, bekommt auch nicht annähernd so viel Sendezeit. Und die Wahl von 2016 hat eins gezeigt: Sendezeit entscheidet Wahlen.

Falls sich das Niveau der Debatte wieder heben sollte, bleiben die Comedy-Shows erst einmal außen vor. Denn sobald sich ein Herausforderer positionieren sollte, werden die ersten Fragen sein: Sieht seine oder ihre Frisur nicht irgendwie lächerlich aus? Hat der Ehepartner etwas Dämliches gesagt? Findet sich im großen Interviewarchiv aus den letzten 20 Jahren nicht der eine Satz, der einen Kandidaten vom Start an lächerlich machen und damit disqualifizieren kann? Comedy kann Leute aus der Schockstarre befreien. Sie kann jedoch auch Veränderung unsagbar schwer machen.

Der heilige Jon

Die Vorstellung, dass Comedy als alternatives, womöglich sogar besseres Mittel zur Nachrichtenvermittlung dienen könnte, verdanken wir wohl John Stewart. Der hatte die „Daily Show“ von einer lächerlichen Newsparodie in der Amtszeit von George W. Bush zu einem Medium gemacht, das an der politischen Agenda mitschrieb. Was Stewart in seiner Sendung durch den Kakao zog, war am Tag darauf Gesprächsthema. Selbst wenn die Show auch zu besten Zeiten nur wenige Millionen Zuschauer hatte, die Meinungsmacher hörten alle zu.

Doch Stewart hatte komplett andere Rahmenbedingungen. Er war quasi der einzige auf weiter Flur, der noch Witze über Politik machte und dabei sein eigenes Wertesystem auf die Comedy übertrug. Der sich über Politiker mokierte, aber die Politik nicht aufgab. Er lud Autoren und Politiker in seine Sendung, die erzählen konnten, wie es besser geht. Und er lud konservative Autoren in seine Sendung ein, um sie herauszufordern. Diesen Luxus haben heutige Comedians nicht mehr. Statt dicker Bücher zählen erst Mal nur die 140-Zeichen-Rants von Trump. Und es wird viel Arbeit kosten, das wieder zu ändern.

Ich bewundere insbesondere die Bemühungen von Samantha Bee und John Oliver, in ihrer Comedy mehr als nur den schnellen Witz zu ergründen, auch Stephen Colbert und Seth Meyers tun, was sie können. Im derzeitigen politischen und gesellschaftlichen Klima, sind sie jedoch Getriebene. Aber auch sie stellen sie nicht so sehr den Status in Frage, als dass sie die Welt sehr bestimmt in Gut und Böse aufteilen. Statt eine gesellschaftliche Debatte anzutreiben, wird das Ergebnis gleich als absolut vorausgesetzt.

tl;dr: Comedy über Trump ist zwar lustig, aber im Endeffekt eher lähmend. Wer das Niveau der Debatte steigern will, muss auch das Niveau der Comedy wieder anheben.

Unbezahlte Spammer

Eine gern verbreitete Geschichte ist: Promi/Firma/Partei X hat Tausende Fake-Follower auf Facebook/Twitter/Instagram. Also hat er/sie wohl dafür bezahlt.

Ich hatte zu meinen Bildblog-Zeiten mal den Hinweis bekommen, dass verdächtig viele Fake-Profile die Hamburger Regional-Ausgabe der „Bild“ liketen. Als ich mir die Profile jedoch ansah, stellte ich fest, dass sie auch viele andere Hamburg-Seiten mit Likes beglückten – auch solche, bei denen man sich eine Kauf-Aktion nicht vorstellen kann. Es stellt sich heraus: Fake-Accounts liken auch Seiten, die sie nicht bezahlen. So versuchen sie reale Aktivität vorzutäuschen. Accounts, die ausschließlich Fake-Viagra-Seiten toll finden, wären auch allzu einfach auszusortieren.

Dies hat zum Beispiel Facebook grade wieder bei einer großen Lösch-Aktion festgestellt.

The accounts had been created not en masse, but through “more sophisticated means” in an attempt to disguise the link between them. Proxies were used to disguise their true location. “The apparent intent of the campaign was to deceptively gain new friend connections by liking and interacting primarily with popular publisher pages on our platform, after which point they would send spam.”

Wenn ihr also wieder die Geschichte seht, in der die schiere Existenz von Spamaccounts als Beweis für bezahlte Manipulationen verkauft wird, schenkt ihr nicht allzu viel Glauben.

Ground rules

Ich weiß, es ist nicht leicht. Aber lasst uns ein paar Grundregeln festlegen. OK?

Wir retweeten Donald Trump nicht. Wir sagen nicht „Sad!“ oder „Yuge“. Wir lassen die Trophy Wife-Witze in den 80ern zurück, wo sie hingehören.

Heute hab ich auf Facebook ein Video gesehen, indem jemand ernsthaft die These vertrat, dass Donald Trump nicht lesen kann. Drei Millionen Views! Die Beweisführung: In einer Deposition hat Trump sich lange darum herumgedrückt, einen Text vorzulesen. Ein Darsteller bei Saturday Night Life sagte „He cannot read“. Und… eigentlich war es das auch schon.

Wir wissen, dass Donald Trump lesen kann. Er hat nicht nur eine Elite-Ausbildung, er ist nicht nur ein Geschäftsmann, er ist nicht nur fanatischer Fan der New York Post. Wir haben Briefe von ihm. Er hat Wahlkampfreden vom Teleprompter gehalten. Er hinterlässt handschriftliche Notizen auf Zeitungsartikeln, die er gelesen hat.

Ja, Trump liest keine Bücher. Ja, es spricht viel dafür, dass er die Executive Orders nicht wirklich in ihrem vollen Umfang verstanden hat. Er verachtet Intellektuelle, er verleugnet die Realität, er ist ein Affront für Stil und Geschmack. Aber….

Aber wir sinken nicht auf dieses Niveau. Wir retweeten nicht alles, was uns passt. Wir überlegen vor einem Klick, vor einem Share — wenn auch nur für 10 Sekunden.

Vieles an der Trump-Ära ist absurd. Es schon die „Trump-Ära“ zu nennen, jagt uns mit Recht kalte Schauer den Rücken herunter. Er stellt die Dinge auf den Kopf. Wir haben uns dran gewöhnt, dass der Himmel oben und die Hölle unten ist. Vieles davon ist Glauben, einiges Physik – und nichts davon scheint mehr zu gelten.

Viele argumentieren, dass dies nur ein temporärer Schwebezustand ist. Die Realität, Washington D.C., die grauen Beamten aus dem Finanzamt und der Central Intelligence Agency werden ihn schon niederringen. Nun — zumindest ausbremsen.

Ich bin da nicht so optimistisch. Der Widerstand des Parlaments scheint mir doch sehr verhalten. Und die Tea Party hat uns gelehrt, wie verwundbar Parlamentarier mit Gewissen oder Prinzipien doch sind. Wenn ein gewählter Volksvertreter Trumps Plänen ernsthaften Widerstand entgegensetzt, kann der Präsident seine Unterstützung entziehen. Und er kann einen Ersatz-Kandidaten bestimmen, der dann mit Geld und medialer Aufmerksamkeit überschüttet wird. Wer will nicht gerne beim Spatenstich anwesend sein, der ein paar Tausend Wählern Lohn und Brot verschafft? Und dank des langfristigen konservativen Projekts, die Wahlbezirke umzugestalten, wird Trumps Favorit gewinnen. Zumindest wahrscheinlich.

Es ist völlig OK über Trump zu lachen. Er hat die Haare. Er hat das Ego. Das Guggenheim Museum hat eine goldene Toilette angeschafft. Stellt ihn Euch darauf vor. Und dann steht er auf, zieht sich seinen Morgenmantel über und plötzlich sitzt ihr auf dem Goldenen Pott. Ihr braucht keine VR-Brille. Stellt es Euch einfach vor.

Zurück zu dem Video. Wenn ein Darsteller von Saturday Night Life sagt „He can’t read“, heißt das wahrscheinlich, dass Trump beim Table Read versagt hat. Das heißt: Er konnte das Skript lesen, er hat schlicht die Pointe vermasselt. Das ist nichts besonderes. Kristen Stewart hatte ein ähnliches Problem – und deshalb hat man ihr zwei Cast Member zur Seite gestellt, um sie über den Monolog zu retten.

Wir werden immer wieder davor gewarnt Trump zu normalisieren. Das ist richtig. Aber das heißt im Umkehrschluss auch: Wir müssen aufhören, die Normalität zu trumpisieren.

Wenn Martin Schulz „Make America Great Again“ in „Make Europa great again“ verwandelt, könnt ihr ruhig lachen oder Euch begeistern. Aber vergesst nicht, dass das eine Pose ist, die wir eigentlich verachten.

Wir streben nicht nach der Vergangenheit. Wir wollen nicht die Sicherheit, die daraus resultiert, dass wir uns nicht kümmern, dass Mitmenschen tatsächlich Mitmenschen sind. Wir wollen nicht nur das Gestern auslachen. Wir wollen auch ein Morgen.

Citation needed

Die erste Woche Trump war in einem Aspekt besonders erfolgreich: Er hat das Niveau der Debatte gesenkt. Habe ich früher vielleicht einmal pro Woche einen Hoax aus meinen Timelines getilgt, musste ich es in der vergangenen Woche gleich mehrfach täglich tun. Wurde das Visa Waiver-Programm für Deutsche aufgehoben? Nein. Hat Mike Pence behauptet, Frauen würden sich vergewaltigen lassen, wenn man ihnen dann Abtreibungen gewährt? Nein. Hat Trump in einem offiziellen Foto seine Hände vergrößern lassen? Wohl nicht, es spricht nichts dafür. Menschen die ich schätze, haben all das in sozialen Netzwerken verbreitet – und noch viel mehr.

Die meisten meiner Leser kennen wahrscheinlich den XKCD-Comic von dem „Wikipedian Protester“, der dem mächtigen Mann auf der fahnenstrotzenden Bühne ein simples Schild entgegenhält: [Citation needed]. Diese Warnung wurde in Wikipedia-Artikeln angebracht, wenn Behauptungen nicht belegt waren und dringend eine glaubwürdige, überprüfbare Quelle brauchten. Wurde die nicht in angemessener Zeit nachgeliefert, wurden die entsprechenden Abschnitte aus dem Wikipedia-Artikel entfernt. Die utopische Vorstellung, man könnte an die hohe Politik ähnliche Ansprüche stellen, ist mir höchst sympathisch.

SEMI-PROTECT THE CONSTITUTION

Es ist wichtig, den Mächtigen dieses Schild entgegenzuhalten. Wenn Donald Trump erst behauptet von einem — überhaupt nicht wahlberechtigten — Profi-Golfer von Wahlbetrug erfahren zu haben und sich anschließend einen Verschwörungstheoretiker als Quelle aussucht, dann müssen Journalisten festhalten, dass dies Lügen sind. Und sie müssen die Abgeordneten verantwortlich machen, die über die Gesetze abstimmen. Und die Leute, die für sie stimmen.

Das mit der Verantwortung ist aber keine Einbahnstraße. Wir dürfen uns nicht ausschließlich darauf verlassen, dass Snopes, die Washington Post oder Correctiv die Wahrheit schon zu Tage fördern wird. Denn in einem Umfeld, in dem Bullshit dominiert, ist es einfacher, weiteren Bullshit anzuhäufen. Trump mag keine Fakten auf seiner Seite haben. Die Unterstützung der meisten seiner Wähler ist ihm für Maßnahmen wie dem nun vollzogenen Einreiseverbot sicher. Zwar liefert der Präsident seinen Wählern keine unmittelbare Verbesserungen ihres Lebens, er liefert ihnen aber etwas fast Gleichwertiges: Die Leute, die systematisch als Feindbild aufgebaut wurden, regen sich furchtbar auf. Wenn „die Medien“ Trump beschimpfen, muss der ja irgendetwas richtig machen. Wenn Clinton gegen ihn ist, muss er ja etwas gegen die Korruption in Washington tun.

But she is Madonna!

Fakten zu delegitimisieren ist relativ einfach. Millionen Menschen beteiligen sich am Women’s March? Eine dumme Rede von Madonna reicht für viele vermeintlich Konservative aus, um dieses Ereignis als irrelevant, gar als Bestätigung von Trumps Politik zu betrachten. Zeigt man ihnen unwiderstreitbar, dass eine ihrer Überzeugungen falsch ist, zucken sie mit den Achseln und verweisen auf zehn andere Fake-Stories, die die „liberals“ erfunden haben. Ab einem gewissen Punkt kann man diese Leute nicht mehr erreichen. Aber die Leute, die noch nicht so abgestumpft sind, kann man nicht erreichen, wenn man mit schlechtem Beispiel vorangeht.

Statt nur von den Mächtigen Quellen und Glaubwürdigkeit zu verlangen, müssen wir uns auch mehr auf unsere eigene Glaubwürdigkeit Gedanken machen. Gerade das mediale Stille-Post-Spiel kostet unendlich viele Ressourcen und führt die Debatte immer wieder auf Abwege. Gerade bei Journalisten sehe ich immer mehr die Unart, dass Textausschnitte getwittert werden, die irgendein skandalöses Zitat oder eine Schlussfolgerung enthalten – der Kontext oder die Quelle fehlen jedoch. Zwar mag das Zitat am Tag des Tweets noch einfach auffindbar sein, verschwindet es mit immer größerer Wahrscheinlichkeit schon bald hinter einer Paywall. Die GIF-Sucht hat auch andere Folgen. Mehrfach habe ich in den vergangenen Tagen gesehen, dass jemand einen falschen Tweet korrigiert und das falsche Original sogar gelöscht hat – doch jemand anders hatte das GIF mit der Falschbehauptung schon kopiert und unter eigenem Namen weiter verbreitet.

Stille Post mit Photoshop

Unsere Erinnerung macht Nichtigkeiten groß. In einem Jahr werden sich noch viele Leute an die Geschichte erinnern, wie Trump seine Hände vergrößern ließ — sie ist einfach zu sexy. Gerade dieses Beispiel zeigt auch, wie wichtig Quellenkritik geworden ist. Mit viel Energie hatten Trump-Gegner Fotos verglichen und kleine sogar Animationen daraus gebaut, um die empörende und absolut sinnlose Manipulation zu beweisen. Die Washington Post ist der Sache nachgegangen, und hat festgestellt dass das Bild, das auf Twitter so viel Verbreitung fand, gar nicht aus dem Weißen Haus selbst stammte. Wer die Quelle mit Verstand und Hintergrundwissen betrachtete, musste das bemerken. Wer nur retweetet, sieht hingegen nur die Story, die so sexy erscheint.

Lange Rede, kurzer Sinn:

Retweetet nicht alles, was Euch grade am Empörendsten vorkommt. In den meisten Fällen reicht eine Minute, um einen Gegenbeleg zu finden.

Wenn ihr Zitate als Grafik teilt, gebt bitte auch eine Quelle an. Retweetet keine Zitate ohne Quelle.

Wenn ihr einen Fehler macht — und das ist in dem Klima nur allzu verständlich — dann korrigiert den transparent. Es reicht nicht aus, einen Tweet oder ein Posting hinterherzuschicken. Löscht Eure Falschbehauptungen unmissverständlich. Und informiert Eure Quellen. Wenn die darauf bestehen ihren Irrtum online zu lassen, sind sie es nicht wert, dass man sie weiter anhört.

Tolle Zeiten für schlechten Journalismus

Ich habe mehrfach gelesen, dass mit Trump tolle Zeiten für guten Journalismus anbrechen. Journalisten haben nun eine Chance sich an einem Gegner abzuarbeiten, der gewohnheitsmäßig lügt. Medien können die Macht der Fakten neu ergründen. Das mag stimmen, die Abozahlen von Trump-kritischen Medien mögen in die Höhe schnellen. Doch es sind ebenso tolle Zeiten für den schlechtesten Journalismus von allen.

Gestern habe ich zum Beispiel dieses Video gefunden und es macht mir wirklich Angst um den Journalismus. Es stammt von dem TV-Journalisten Ben Swann, der seit Jahren mit Verschwörungstheorien auf sich aufmerksam macht und bei einem nun kleinen Lokalsender in Atlanta arbeitet. Hier bekommt er eine Plattform für seine „Reality checks“, die unter der Marke CBS46 verbreitet werden.

Ben Swann möchte sich so weit wie möglich von dem „Mainstream“ der Medien entfernen, ihre Lügen bloßstellen. In dem aktuellen Video geht es zum Beispiel um „Pizzagate“, eine der berüchtigsten Verschwörungstheorien und Fake-News. Kurz zusammengefasst: Da in den von Wikileaks veröffentlichten Podesta-Emails öfters von einem bestimmten Pizzaladen die Rede war, vermuteten Gegner der demokratischen Partei dort irgendwelche dunklen Machenschaften. Aus mir unerfindlichen Gründen kamen sie auf die Idee, dass in dem Keller ein Kinder der Pizzeria vergewaltigt werden. Schon vor geraumer Zeit wurde die Pizzeria aus den Podesta-Emails von jedem Verdacht befreit.

Die Schlussfolgerung für einen normalen Manschen wäre: An den Gerüchten war nichts dran. Die ganze Idee war absurd. Aber es gibt tatsächlich Leute im Internet, die von Pizzagate nicht lassen können. Sie haben kurzerhand einen anderen Laden in Washington D.C. zur Kindermissbrauchs-Zentrale ernannt, weil dessen altes Logo vage an ein Pädophilen-Geheimsymbol erinnert hat. Zudem trat in dem Etablissement eine Band namens „Sex Stains“ auf. Und der Eigentümer hat Verbindungen zu Leuten, die in der Politik arbeiten. Und, und, und…

Trivialitäten werden zum Skandal umgedeutet

Diese Trivialitäten listet Ben Swann in routinierter Journalisten-Pose auf und präsentiert sie als Hinweise auf ein Verbrechen, auf eine gewaltige Verschwörung. Für seine Recherche hat er offensichtlich mit niemandem gesprochen, sondern nur in Verschwörungs-Foren durchforstet. Würde er vor Ort mal nachfragen wüsste er, dass jeder Restauranteigner in dem Umkreis Beziehungen zu Politikern hat, da das Veranstalten von politischen Events eine Haupt-Einnahmequelle von Restaurants in D.C ist. Er würde Hunderte von Logos finden, die an Geheimsymbole erinnern, er würde von Polizisten hören, was ein Tatverdacht ist und was nicht.

Swann interessiert nichts davon. Kurioserweise fehlt bei den „Reality checks“ eben das: Der Abgleich mit der Realität. Seine Schlussfolgerung ist daher: Die Polizei müsste diesen Hinweisen nachgehen. Gleichzeitig sagt er sagt mehrfach, dass es keine Beweis gebe. Würde die Polizei den vagen Verdächtigungen nachgehen, wäre Swann allerdings auch nicht zufrieden. Seine Fans schreiben unter den Videos Dutzende weiterer angeblicher Hinweise auf immer neue Beteiligte der Verschwörung. Wenn man einmal die Prämisse akzeptiert, dass Pizza ein Geheimsymbol für Vergewaltigung von Kindern ist, sieht man überall Hinweise für absolut Böses. Und wenn der eine Pizzaladen keine Kinder vergewaltigt, dann ganz gewiss der nächste. Oder der übernächste. Man müsste also wohl jedes Haus in Washington durchsuchen, um Pizzagate zu widerlegen. Und in der Zwischenzeit hat er Swann 15 neue Verschwörungstheorien publiziert.

Wer einmal eine gewisse Grenze überschritten hat, sieht man sogar satanische Botschaften auf Energydrinks.

Für Trump gelten andere Maßstäbe

Übrigens sieht Swann die Sache ganz anders, wenn Trump auf der Empfängerseite der Gerüchte ist. Auch ich habe die Veröffentlichung des Russland-Dossiers durch Buzzfeed verurteilt. Swann tut das in einem Video auch. Dabei behauptet er aber, kein einziger Satz in den Dossiers sei belegt – das ist falsch. Es sind viele Sätze unbelegt, nicht alle. Sonst sagt Swann viel, was auch die Kritiker in dem von ihm verhassten Mainstream schrieben: Dass die Veröffentlichung von unbelegten Gerüchten kein Journalismus sei und vieles weitere mehr.

Um das Dossier von unbelegten Behauptungen zur Fake-News zu befördern, flicht Swann ein, dass im berüchtigten Forum 4Chan jemand behauptet hat, der Urheber der Behauptungen in dem Dossiers zu sein, die er an dann an die Medien gegeben habe, um sie als Lügner zu entlarven. Was Swann nicht erwähnt: 4Chan hat immer wieder behauptet Gerüchte in die Welt gesetzt zu haben, mit denen sie nichts zu tun hatten. (Man erinnere sich an Böhmermanns Mittelfinger-Video. Diesen Effekt versucht 4Chan immer wieder zu produzieren.) Was der selbst ernannte „Truth lover“ zudem verschweigt: Der Mann, dem der anonyme 4chan-Nutzer die Story geleakt haben will, hat dies längst dementiert. Was Swann Buzzfeed völlig zu Recht vorwirft, macht er gleich darauf selbst.

Das Beunruhigende: Der Mann hat einen Job als Journalist, er kann seine Arbeit zusammen mit der anerkannten Marke CBS präsentieren. Im CBS Hauptprogramm laufen Trump-kritische Programme wie Full Frontal with Samatha Bee oder die Late Show mit Stephen Colbert, zudem hat die CBS Newshour einen guten als unparteiische Nachrichtensendung. Swann imitiert die Äußerlichkeiten dieser Sendungen. Mit Erfolg: Seine Zuschauer verwechseln das bloße Wiederholen von Gerüchten mit Recherche, mit Journalismus, mit der Wahrheit.

Das Problem ist nicht Swann

Das wirklich Beunruhigende ist: Niemand scheint daran Anstoß zu nehmen. In seiner eigenen Blase wird Swann hochgelobt, außerhalb wird er ignoriert. Beunruhigend auch: Seine Methoden werden hoffähiger. Man kann keinen klaren Trennstrich ziehen, wo Fake-News anfangen. Der aufs Astronomische beschleunigte Veröffentlichungszyklus haben auch dem etablierten Journalismus das Endgültige entzogen. Wichtige Fakten werden per Updates nachgeliefert, Überschriften laufend angepasst. Unnötige Falschmeldungen werden in Windeseile verbreitet.

Gleichzeitig stehen Journalisten unter riesigem Druck, die Publikumserwartungen zu erfüllen. Auch die Buzzfeed-Veröffentlichung wurde mit Journalismus und Recherche verwechselt – aber wohl vorrangig von Leuten, die Trump nicht gut finden. Auch wenn Buzzfeed von vielen Journalisten beschimpft wurde, hat das Medium von dem gewaltigen Klickerfolg profitiert. Die Versuchung ist groß, diesem Sog zu erliegen. Und der ökonomische Druck ist es ebenso. Meine Hoffnung ist, dass die Trump-Ära hervorragenden Journalismus zu Tage fördert. Meine Gewissheit ist, dass furchtbarer Journalismus auch proftieren wird.

PS: The Daily Beast hat sich auch mit dem Video auseinandergesetzt – und fand bei den Sendeverantwortlichen nur demonstratives Desinteresse:

The Daily Beast repeatedly tried to reach executives at CBS 46 and CBS News for comment on Wednesday. After several emails, CBS 46 News Director Frank Volpicella answered a phone call at 6 p.m., saying he didn’t have time to comment because his newscast was about to go on the air.
“I will say Ben was meticulous with his fact-finding and sourcing on his Reality Check segment,” Volpicella said.
When pressed about the lack of any reporting in the piece, Volpicella doubled down.
“Ben was meticulous,” he said. “I have to go,” telling The Daily Beast to call back immediately after the show ended. But Volpicella and station staffers then ignored or turned away a half-dozen phone calls requesting further comment.

Von der Website des Senders ist das Video verschwunden, auf YouTube und Facebook kann Swann ungestört weiter senden.

Über Backdoors

Grade ist ein erbitterter Streit zur Frage ausgebrochen: Gibt es in WhatsApp eine Sicherheitslücke, die es dem Facebook-Tochterunternehmen ermöglicht, Nachrichten mitzulesen?

Ausgelöst hat den Streit ein Artikel des Guardian, der in einem Artikel sehr alarmistisch auf diese vermeintliche „Backdoor“ aufmerksam macht.

Jeder Leser wird bei dieser Überschrift denken, es gehe um einen der Vorfälle, wie wir sie in der jüngsten Vergangenheit immer wieder gesehen haben: Geheimdienste und/oder Verbrecher haben eine Sicherheitslücke entdeckt und können massenhaft auf Botschaften zugreifen. WhatsApp hatte da bekanntermaßen eine unrühmliche Vergangenheit.

Doch im Artikel selbst sind die Vorwürfe deutlich schwächer.

However, WhatsApp has the ability to force the generation of new encryption keys for offline users, unbeknown to the sender and recipient of the messages, and to make the sender re-encrypt messages with new keys and send them again for any messages that have not been marked as delivered. The recipient is not made aware of this change in encryption, while the sender is only notified if they have opted-in to encryption warnings in settings, and only after the messages have been re-sent. This re-encryption and rebroadcasting effectively allows WhatsApp to intercept and read users’ messages.

Versandte Nachrichten nicht betroffen

Sprich: Es geht erstens um eine theoretische Lücke, die nach bisherigen Informationen nicht in der Praxis ausgenutzt wurde. Es geht zweitens nur um das Abfangen nicht-versandter Nachrichten — sind die Nachrichten einmal beim Empfänger eingetroffen, würde WhatsApp auch weiterhin in die Röhre schauen. Und drittens: Der skizzierte Angriff verläuft nicht unbemerkt.

Die vermeintliche Lücke ist auch alles andere als neu. Es handelt sich um ein Verhalten der App, das seit Beginn der End-zu-End-Verschlüsselung bei WhatsApp besteht und seit damals auch öffentlich dokumentiert ist. Ich hatte mich im vergangenen Jahr für die Website mobilsicher.de mit der WhatsApp-Verschlüsselung auseinandergesetzt und wusste daher von dem vermeintlichen Problem. Ich wäre jedoch nie auf die Idee gekommen, dies eine „Backdoor“ zu nennen.

Es gibt nämlich zwei ungleich größere Probleme mit dem Sicherheitsversprechen von WhatsApp. Das erste und wichtigste: Die Software ist closed-source und daher nicht unabhängig überprüfbar. Das zweite: Bei der Ende-zu-Ende-Verschlüsselung hat WhatsApp eine wichtige Warnmeldung in der Voreinstellung deaktiviert. Wenn ein Nutzer seinen privaten Schlüssel ändert, wird der Nutzer nur informiert, wenn er diese Warnmeldung einschaltet.

Verschlüsselung ist unbequem, closed source ist unsicher

Um etwas Kontext zur Bewertung der vermeintlichen Lücke zu geben, muss man sich in Erinnerung rufen, was Ende-zu-Ende-Verschlüsselung überhaupt bedeutet: Beide Seiten der Kommunikation haben private und öffentliche Schlüssel. Die privaten Schlüssel werden auf dem Smartphone erzeugt und bleiben auch dort. Die öffentlichen Schlüssel werden von WhatsApp an die Kommunikationspartner verteilt. Diese Konstruktion ist an sich ziemlich sicher, hat aber auch viele praktische Nachteile. So kann man sich nicht einfach mit einem neuen Handy einloggen und auf alle seine bisherigen Nachrichten zugreifen — dazu muss man schon das alte Nachrichtenarchiv auf dem alten Gerät exportieren und auf dem neuen Gerät importieren. Man kann auch nicht mal eben den gleichen Messenger auf Tablet und Smartphone gleichzeitig benutzen. Um WhatsApp auf dem Desktop zu nutzen, wird der Browser mit dem Handy verbunden, das die Ver- und Entschlüsselung der Nachrichten übernimmt.

Die WhatsApp-Entwickler musste sich auch einem speziellen Problem widmen: Was passiert, wenn ein Kommunikationspartner sein Handy verliert oder es plötzlich defekt ist? Typischerweise dauert die Beschaffung eines Ersatzgeräts einige Zeit. Es gibt nun zwei Alternativen: Entweder werden alle Nachrichten, die an das alte Gerät geschickt werden, für immer unlesbar gemacht. Die zweite Alternative: WhatsApp speichert Nachrichten auf dem Handy des Senders, bis sie tatsächlich vom Empfänger auf seinem neuen Gerät empfangen werden können. Signal entschied sich für die erste Variante, das mehr auf Usability getrimmte WhatsApp jedoch für die zweite Alternative.

Dutzende Angriffs-Möglichkeiten

Nun könnte WhatsApp tatsächlich auf die Idee kommen, den Key eines Gesprächspartners heimlich auszutauschen und so die unversandte Nachrichten an ihn abzufangen. Für jede Nachricht müsste WhatsApp einen neuen Schlüssel ausstellen und damit rechnen, dass dies auf dem Smartphone des Senders angezeigt wird. Wahrscheinlich würde die Kommunikation nach kurzer Zeit zusammenbrechen, da die Kommunikation bei WhatsApp durch eine ganze Reihe Keys abgesichert ist und das resultierende Chaos durch ständigen Austausch das Protokoll überfordern würde. Wenn sich WhatsApp zu einem solchen Schritt entschlösse, wäre diese Methode unnötig kompliziert und bemerkenswert ineffektiv. WhatsApp verwaltet schließlich das Adressbuch seiner Nutzer. So könnte das Gespräch auf einen alten Blackberry umgeleitet werden, dessen WhatsApp-Client noch keine Ende-zu-Ende-Verschlüsselung unterstützt. Natürlich würde auch hier der Alarm ausgelöst, aber das würde die vom Guardian beschriebene Attacke ja auch.

WhatsApp könnte in seine Clients auch eine echte Backdoor einbauen — es ist schließlich Closed Source. Die Facebook-Tochter könnte überhaupt das ganze Adressbuch eines Nutzers durch NSA-Kontakte ersetzen, worauf sich die NSA-Agenten als die echten Gesprächspartner ausgeben. Für staatliche Angreifer gar bieten sich noch mehr Optionen. Von der simplen Malware, die Screenshots von jeder Kommunikation macht, bis zur gefälschten SIM-Karte, die dem Attackierten seine Telefonnummer entzieht.

Kurzum: Man mag das Verhalten von WhatsApp eine „Sicherheitslücke“ nennen, wenn man möchte. Es ist aber die geringste Stufe von Sicherheitslücke, die man sich in der Praxis vorstellen kann. Eine Backdoor ist es nicht.

FAQ Trump!

Die Debatte zur Trump-Präsidentschaft ist wichtig, aber oftmals erstaunlich flach. Ein Versuch einer FAQ.

Wird der Recount das Wahlergebnis ändern?

Wahrscheinlich nein. Kein öffentlich bekannter Fakt spricht dafür. Die vermeintlichen Unregelmäßigkeiten sind ohne Sabotage zu erklären.

Werden die Deligierten im Electoral College Trump verhindern?

Das ist ebenso unwahrscheinlich.

Bricht Clinton nicht das Versprechen, das Wahlergebnis anzuerkennen?

Who cares?

Wie konnte Trump fast 62 Millionen US-Bürger Wähler überzeugen?

Romney hatte nur eine Million Stimmen weniger. Und meist waren es die gleichen Leute.

Ist Hillary schuld am Sieg von Trump?

Ja.

Ist die republikanische Partei schuld am Sieg von Trump?

Klar.

Ist Gary Johnson schuld?

Unbedingt.

Ist Bernie Sanders schuld?

Ja-ha! Sind Sie schwer von Begriff?

Hey, ich stelle hier die Fragen. Und es gibt keinen Grund beleidigend zu werden.

Um es in den Worten von Bernie zu sagen: Let me just say this… Die Wahl ging in einigen Swing-States so knapp aus, dass man quasi jedem die Schuld daran geben kann. Hätte Obama einen anderen FBI-Chef ernannt, hätte Hillary Clinton keinen eigenen E-Mail-Server genutzt, hätte Jeb Bush sich für einen geeigneteren Kandidaten eingesetzt, statt für eine Bush-Dynastie, hätte Jon Stewart sich nicht auf seine Farm zurückgezogen… Hätte, hätte, Fahrradkette.

Haben „wir“ Liberalen Trump zum Präsidenten gemacht, weil wir einfach zu politisch korrekt sind?

Get over yourself. Die Trump-Wähler haben großteils nie etwas von den Debatten von „uns“ jenseits des Atlantiks gehört, die wenigsten betreiben vergleichende Textanalyse mit der New York Times. Wenn alle brav und geradezu lächerlich respektvoll sind, kommt bestimmt ein Bill Maher daher und beleidigt Rednecks, Religiöse und Radikale gleich kiloweise. Und wenn nicht der, dann 100 andere.


Aber diese Beleidigungsarien stehen doch nur in der zweiten bis fünften Reihe, wenn es um Fragen geht: Wollen wir mehr Staat oder weniger? Sind Abtreibungen erlaubt oder sollte man zumindest einen Spießrutenlauf dran knüpfen? Habe ich Angst davor, dass man — irgendwer, alle, die Gesellschaft — mir antut, was man früher Minderheiten antat? Die Crack-Epidemie heißt nun Heroin und Percocet.

Haben die Medien versagt?

100 Zeitungen sagten, ihren Lesern, dass Clinton bei weitem die bessere Wahl ist und die Wähler haben nicht auf sie gehört.

Aber die Medien haben mehr falsch gemacht, ohne Sie wäre der Schlamassel doch gar nicht denkbar gewesen?

Niemand kann ernsthaft die Entscheidung von CNN verteidigen, den Pressesprecher von Trump zu engagieren, als er noch unter Vertrag war und sichtlich keinerlei Interesse hatte irgendeine Analyse zu betreiben. Oder ein Krawall-Panel nach dem anderen zu veranstalten. Außer natürlich die Leute, die massenhaft einschalteten. Und die Eigentümer, die 100 Millionen Dollar zusätzlich verdienten.

Aber es war doch nicht nur CNN, sondern alle Mainstream Medien?

Wie viele Wählergruppen, werden „die Medien“ fälschlicherweise als Block gesehen. Wie falsch das ist merkt man schon an dem Begriff „Mainstream Media“. Fox News ist seit vielen Jahren der quotenstärkste Nachrichtensender. Wenn es einen Mainstream gibt, dann ist es Fox News. Sogar der Drudge Report ist mittlerweile sicher Mainstream. Breitbart ist es seit ein paar Jahren. Wenn man die Präsidentschaftswahl gewonnen hat, ist man nicht mehr die unterdrückte Minderheit. Und schon vorher waren sie es nicht.

Lenken Sie nicht ab. Was ist mit den liberal media? Die sind doch gleichgeschaltet?

Nein. „Gleichschaltung“ heißt, dass allen Medien vorgegeben wird, was sie zu berichten haben. Dass so viele Medien scheinbar das selbe berichten liegt auch an ein paar nicht unwichtigen Faktoren:

1. Medien, und gerade nationale Medien arbeiten mit dem gleichen Material. Die gleichen Pressekonferenzen, die gleichen Pressemeldungen, die gleichen Autoren, die Interviews geben wollen, um ihre Bücher zu bewerben.
2. Und wenn sie nicht mit dem gleichen Material arbeiten, ist es auch weitgehend egal. Was die Washington Post exklusiv recherchiert hat, steht ein paar Minuten später bei Huffington Post, ein paar Stunden später in der New York Times.
3. Journalisten lesen den ganzen Tag Nachrichten. Während andere Leute Donuts verkaufen oder Häuser planen, lesen Journalisten Nachrichten, Berichte und Reportagen. Und ihre Arbeitgeber lesen über Auflagenzahlen, Klicks und Einschaltquoten. Alles was funktioniert, wird kopiert.
4. Es ist oft viel effektiver ein System aus ökonomischen Anreizen zu schaffen, als Leuten Anweisungen zu geben. Niemand hat die Finanzkrise von 2008 geplant. Es war halt im Interesse aller Beteiligten, so lange wie möglich wegzusehen. Und so wie es sich lohnte, schlechte Hypotheken zu verkaufen, lohnt sich schlechter Journalismus. Mehr als guter. 

Aber die Journalisten haben das „Heartland“ ignoriert, haben arrogante Witze gemacht über die „Flyover states“. Das ist doch ihre Verantwortung?

Diese Ignoranz ist auch darauf zurückzuführen, dass es kaum noch Journalisten im Heartland gibt. Zeitungen haben massenhaft geschlossen. Wer seinen Lebensunterhalt mit Journalismus bestreiten will, muss wahrscheinlich an die Ost- oder die Westküste ziehen.

Die Wähler hatten also keine Chance?

Wer lesen und klicken kann, wer ein Radio hat, wer seine Fernbedienung beherrscht, hatte eine Chance. Aber in der Masse heißt das: Den meisten gelang es nicht oder sie haben nie den Versuch unternommen.

Stammen alle Fake-News aus Russland?

Nein.

Aber viele?

Ja.

Die Wahrheit und die Algorithmen

Tim O’Reilly erklärt warum Facebook schuld an der Desinformation und Google so viel besser ist.

For the better part of two decades, Google has worked tirelessly to thread the needle between curating an algorithmic feed of a firehose of content that can be created by anyone and simply picking winners and losers. And here’s the key point: they do this without actually making judgments about the actual content of the page. The “truth signal” is in the metadata, not the data.

Die in dem Artikel zitierte Kritik an Facebook ist in meinen Augen valide. Und es ist sicher wahr: Und Google war im US-Wahlkampf eine weniger toxische Umgebung für Informationen als viele andere Plattformen. Das liegt allerdings zum guten Teil daran, dass Google nicht das primäre Ziel der Bullshit-Artisten war. Man kann über Monate versuchen auf Platz 1 der Suchergebnisse zu kommen. Man kann aber auch in Minuten eine möglichst irreführende Meldung posten und sie per Facebook, Reddit oder Twitter verbreiten lassen. Manche machten daraus sogar ein Geschäft daraus vermeintlichen Idioten immer neue Idiotien aufzutischen.

Google News hat seine Quellen handverlesen und dennoch rutscht in meinem Suchalltag eine Menge schlichter Falschinformationen durch, — sei es von reputablen Quellen oder sei es von Quellen, die Desinformation aus politischen oder kommerziellen Gründen zum Alltag machen. Clickbait und gezielte Desinformation haben oft ähnliche Effekte.

trumpprotesters

Zwar kennzeichnet Google manche Quellen nun als „Opinion“ oder gar als „fact check“. Wer aber zur rechten Zeit sucht, findet auch hier Quellen dafür, dass zum Beispiel die Anti-Trump-Demonstranten bezahlt sind — ein Missverständnis, das sehr schnell zur orchestrierten Lüge wurde. Und wenn der Präsident diese Lüge verbreitet, müssen sich alle Medien mit dem thema befassen. In den Reigen der etablierten Medien aufgenommen zu werden, ist auch gar nicht so kompliziert. Es reicht, ab und an eine Newsagentur-Meldung zu posten, um von den Google-Algorithmen als einigermaßen vertrauenwürdige Quelle angesehen zu werden. Denn schließlich steht dort, was auch die bekannten reputablen Quellen schreiben.

Richtig übel fand ich meine YouTube-Timeline während des Wahlkampfes. Insbesondere CNN-Videos wurden mir haufenweise empfohlen, wo es niemals um Information ging, sondern immer nur darum, wer wen am angeschrien, wer das dümmste Argument vor laufenden Kameras verbreitet hat. Google+ ist ebenfalls zum Austauschplatz für jede Art von Bullshit geworden — von den Reichsbürgern bis zu den Impfgegnern findet sich hier alles. Ich habe die „recommended“-Funktion hier schon lange deaktiviert.

Algorithmen können helfen den übelsten Informationsabfall zum Beispiel von der New York Times zu trennen und sie in ein Ranking einzuordnen. Allerdings kann schon Personalisierung diese Bemühungen Effekt komplett aufheben. Was wirklich die „Truth“ ist, weiß Google nicht. Wenn nun der Präsident selbst im Mediengeschäft mitmischt, werden die Metadaten zunehmend machtlos. Wenn Informationen über die offizielle Regierungspolitik an eine bestimmte Auswahl von Medien gegeben werden, werden die im Google-Ranking aufsteigen. Wenn die New York Times nur oft genug schreibt „Wie Breitbart berichtet“ – welche Schlussfolgerung über die Glaubwürdigkeit von Breitbart sollen die Algorithmen da schon ziehen? Es bräuchte schon einen Menschen, der diese Einschätzung wieder korrigiert.

Lange Rede, kurzer Sinn: Algorithmen können einiges. Sie können aber keine Wahrheit erkennen. Und sie sind von ihrer Umgebung, sehr menschlichen Entscheidungen und ihrem Rohmaterial abhängig.