Archive for the tag 'Süddeutsche'

Nach Kommentarschluss

Es haben sich ja schon viele Blogger über die Artikel in der Süddeutschen über ihr Lieblingshobby echauffiert. Hier eine kleine Verschwörungstheorie:

Abends und am Wochenende kann man auf sueddeutsche.de nicht kommentieren. Unter den Artikeln steht dieser Hinweis:

Wir wollen die Qualität der Nutzerdiskussionen stärker moderieren. Bitte haben Sie deshalb Verständnis, dass wir die Kommentare ab 19 Uhr bis 8 Uhr des Folgetages einfrieren. In dieser Zeit können keine Kommentare geschrieben werden. Dieser “Freeze” gilt auch für Wochenenden (Freitag 19 Uhr bis Montag 8 Uhr) und für Feiertage.

So weit, so gut. Aber wann werden die Artikel publiziert, die Blogger und meinungsstarke Kommentatoren besonders interessieren?

Den Bürger über’s Knie gelegt

Ein sehr lesenswertes Interview Ex-Verfassungsrichter Wolfgang Hoffmann-Riem über Medien, Internet und die innere Sicherheit:

Hoffmann-Riem: Da habe ich überhaupt nicht den Eindruck, dass der Staat stärker geworden ist. Stärke heißt für mich, dass er in der Lage ist, die Probleme mit geringst möglichen Nachteilen zu bewältigen. Er hat viele neue Instrumente, aber noch nicht gelernt, sie so einzusetzen, dass mit geringster Beeinträchtigung der Bürger ein größtmöglicher Erfolg eintritt. Wenn ein Vater seinen Sohn schlägt oder ein Staat seine Bürger übermäßig beeinträchtigt, ist das für mich Machtausübung und keine Stärke.

Verkürzte Überschriften

Wenn man politiche Aussagen in knackige Überschriften pressen will, kommt es zu gewissen Verkürzungen. Schönes Beispiel bei der Süddeutschen heute: Ein Schäuble-Interview trug zunächst den etwas missverständlichen Titel: “Wir machen den Hasspredigern Konkurrenz”. In der Langfassung liest sich das natürlich weniger doppeldeutig:

sueddeutsche.de: Was wird aus den Hasspredigern in den Moscheen?

Schäuble: Wir gehen gegen Hassprediger mit allen Mitteln vor. Mit islamischem Religionsunterricht machen wir ihnen sozusagen Konkurrenz. Denn, wenn wir die Kinder zum Religionsunterricht an staatlichen Schulen schicken, führt das zu einer Veränderung der Religionsausübung in den Moscheen. Wir haben jetzt schon erreicht, dass die Imame, die uns die Türkei schickt, vorher ausgebildet werden und einen Sprachkurs gemacht haben.

den Unterschied sah wohl auch die Online-Redaktion und berichtigte die Überschrift. Sie lautet nun: “Selbst im Vatikan schauen sie auf uns”

Probleme für Joost - nur welche?

Die Süddeutsche Zeitung hat einen kritischen Artikel zu Joost veröffentlicht, in dem der Autor Burkhard Reitz das schwierige Marktumfeld des Internet-TV portraitiert. Viele Kollegen haben diesen Punkt in ihrer Berichterstattung über den Joost-Hype vergessen. Leider geht Reitz meiner Meinung nach etwas weit in seinen Schlussfolgerungen.

Aber: Kein gut geführter Sender würde die Vermarktung seiner Inhalte langfristig mit einem Plattformbetreiber teilen oder komplett abtreten.

Hier rächt sich, dass der Artikel nicht ein einziges Mal den Unterschied zwischen Joost und den anderen zahlreichen Internet-Fernseh-Angeboten erwähnt: Joost ist eine Peer-to-Peer-Technologie. Sprich: das Verbreiten der Inhalte soll über Joost sehr viel billiger werden als bei den anderen Plattformen. Und auf einen solchen Deal würden sich wohl viele Inhalteanbieter einlassen - besonders wenn die heute bereits unüberschaubare Vielzahl von Video-Angeboten im Netz die Investitionen in eigene Produkte immer schwerer werden lässt. Skype war auch nur eines von vielen, vielen Internet-Telefonie-Angeboten - und auch hier haben die vielen Provider und Telefongesellschaften lieber ihre eigenen Plattformen aufgebaut.

Der Haken dabei: Joost hat das Kunststück noch nicht geschafft, den besagten billigen Vertriebskanal zu schaffen. Ob Internet-TV auf P2P-Basis überhaupt technisch funktioniert, muss sich erst noch zeigen. Im derzeitigen Zustand ist Joost schlichtweg noch nicht reif genug, die Betreiber müssen einen Weg finden die geringen Upload-Bandbreiten der Massenkundschaft auszugleichen und dennoch ein ansprechendes Fernseh-Erlebnis zu schaffen. Content-Partnerschaften sind sicher auch wichtig, aber erst der zweite Schritt.

Was Rasterfahndung bedeutet

Die Süddeutsche Tod interviewt Friederike Hausmann, die zur Ikone wurde, als sie bei den Studentendemos vor 40 Jahren dem sterbenden Benno Ohnesorg beistand.

Ein sehr interessantes Interview - es erinnert daran, dass die heutigen Entwicklungen nicht so furchtbar neu sind. Am interessantesten fand ich folgende Textstelle:

SZ: Nach Ihrem Studium wurden Sie als Lehrerin nicht eingestellt - wegen Ihrer “Liga gegen den Imperialismus”-Mitgliedschaft und weil das Nummernschild Ihres Autos nahe verbotenen Demonstrationen notiert worden war.

Hausmann: Ich wollte Referendarin in Stuttgart werden, durfte aber nicht. In Hessen ging das, die Computer waren noch nicht gut genug vernetzt. Vor dem Zweiten Staatsexamen wurde mir aber gesagt: “Angestellt werden Sie sicher nicht.”

BTW: der Wikipedia-Artikel über Benno Ohnesorg braucht noch ein paar Quellenangaben.

Eine Webseite oder doch die Konkurrenz?

Eine manchmal diffizile Angelegenheit im Journalismus ist der Verweis auf die Konkurrenz. Erwähnt man sie, kritisiert man sie, gibt man sie gar als Quelle an? So stolperte ich heute auf sueddeutsche.de über einen Kommentar von Jörg Donner über vermeintliche NSA-Verstrickungen bei Windows Vista.

“US-Geheimdienst kontrolliert Windows Vista” hieß es am Mittwoch auf einer Webseite oder “Windows Vista - powered by NSA?”. Die Schlagzeilen sind griffig, der Aufschrei in der Bevölkerung absehbar.

Auf einer Webseite steht so etwas? Ach nein. Auf Webseiten steht auch, dass man sich mit Aluminiumhüten gegen Gedankenlesen schützen kann. Also was hat es mit diesen Webseiten auf sich, dass man einen Kommentar dazu verfassen muss? Google offenbart auf welchen Webseiten diese griffigen Schlagzeilen standen. Das erste stammt von den Kollegen von der Welt und Berliner Morgenpost, das zweite von Spiegel Online.

Freilich: in allen Artikeln steht im Prinzip das selbe: die Gerüchte, die bekannten und vermuteten Kooperationen und die Richtigstellungen von Microsoft/NSA.

Nicht die Wikipedianer ärgern

Die Süddeutsche Zeitung hat siebzehn relativ belanglose Fälschungen in der Wikipedia untergebracht und dokumentiert wie schnell sie entfernt wurden.

In meinen Augen sind solche Tests eher albern, sie waren vielleicht vor zwei Jahren gerechtfertigt. Wer sich heute mit der Wikipedia beschäftigt hat, weiß ohnehin was bei solchen Tests herauskommt. Und wer sich in einem Fachgebiet auskennt, findet genug Fehler ohne sie selbst einzuschmuggeln.

Die Wikipedianer reagierten übrigens nicht amüsiert und sperrten die für die Fälschungen verwendete IP erst für einen, dann für drei Monate.