Archive for the 'gelesen' Category

Der Wiki-Kandidat

Noam Cohen schreibt über Barack Obama:

But at the same time, Mr. Obama’s notion of persistent improvement, both of himself and of his country, reflects something newer — the collaborative, decentralized principles behind Net projects like Wikipedia and the “free and open-source software” movement. The qualities he cited to Time to describe his campaign — “openness and transparency and participation” — were ones he said “merged perfectly” with the Internet. And they may well be the qualities that make him the first real “wiki-candidate.”

Mail von VistaPrint

Mein Vater hatte vor etwas über einem Jahr Gratis-Visitenkarten bei VistaPrint bestellt. Und bekam seitdem fast täglich eine neue Mail mit tollen Produkthinweisen, Sonderangeboten, Gewinnspielen. Dass das viel zu viel ist, weiß VistaPrint offenbar selbst. Wer sich abmelden will, bekommt folgenden Kompromiss angeboten:

Wir sind dem Link “Abmelden” gefolgt, haben eine kleine Umfrage zu den Gründen beantwortet und konnten dem Lockangebot eines pauschalen 25-Prozent-Rabatts auf VistaPrint-Produkte widerstehen. Und was bekommt mein Vater am nächsten Tag? Eine weitere Mail von VistaPrint:

Wir möchten uns für Ihr Vertrauen in VistaPrint bedanken! Da wir großen Wert auf Ihre Meinung legen und stets darum bemüht sind unser Service für Sie zu verbessern, bitten wir Sie um Ihr Feedback und laden Sie dazu ein an unserer Umfrage teilzunehmen.

Um an unserer Umfrage teilzunehmen klicken Sie bitte hier.

Als Dankeschön für Ihr Vertrauen und Ihre Zeit möchten wir Ihnen, einige unserer beliebtesten Produkte zu einem großartigen Preis anbieten.

Offenbar haben wir meinen Vater nur von der Mailingliste für Sonderangebote und Sonderverkäufe abgemeldet, nicht aber von dem Verteiler für Vertrauensdank und Umfragen in Verbindung mit großartigen Preisen.

Ob diese merkbefreite Kamikazekommunikation auch patentiert ist?

Warte, warte nur ein Weilchen

Burkhard Strassmann zweifelt bei Zeit Online an der Notwendigkeit der IT-Sicherheit und sieht besonders beim Datenschutz ein Vermittlungsproblem.

Dass die Sicherheitsbranche wenigstens einen Mann präsentieren kann, der ihre Existenzberechtigung belegt, ist einiges wert. Ansonsten geraten die meisten befragten Aussteller ins Stocken oder ins Geschwafel, wenn man sie konkret nach “dem Bösen” fragt, das bekämpft werden muss. Das gilt besonders für Datenschützer. Regelmäßig fällt ihnen auf die Frage nach einem Beispiel für Datenmissbrauch nur eine Antwort ein: Es gebe doch das Datenschutzgesetz. Und deshalb den Datenschutz!

Nun - die behördlichen Datenschützer mögen noch nicht ganz im Zeitalter von sozialen Netzwerken angekommen zu sein und sicher sind viele Produkte eher kreativ als nützlich - dennoch sollte man Realist bleiben. Glaubt man den Zahlen in der Wikipedia hat es über 10 Jahre gedauert, bis Spammer die Vorteile des Mailversands erkannten und nutzten. StudiVZ gibt es gut zwei Jahre und schon hat die Bild den Nutzen entdeckt.

Jugendschutz andersherum

In der taz gibt es einen sehr lesenswerten Artikel über die Kleinstadt Dissen. Dort war man auf die Idee gekommen, Jugendliche mit einem Störton-Generator. von einem Spielplatz zu vertreiben.

Markus Achermann ist Vertriebsleiter bei Arcawa, der Schweizer Firma, die Mosquito in Österreich, der Schweiz und seit diesem Jahr in Deutschland vertreibt. Er ist nett am Telefon, und wenn man ihm glauben darf, verbringen seine Mitarbeiter viel Zeit damit, Privatleute davon zu überzeugen, dass es keine gute Idee ist, Kinder vom Nachbarspielplatz mit Mosquito in die Flucht zu schlagen. “Und wenn sie hören, dass das Gerät 750 Euro kostet und man einen Installateur braucht, bricht die Nachfrage schnell zusammen.” Dann muss Markus Achermann nicht mal darauf hinweisen, dass man nur sein eigenes Grundstück beschallen darf. Die Leute rufen immer dann an, wenn etwas in den Zeitungen über den Mosquito steht, es spielt dabei keine Rolle, ob es ein Artikel ist, der nahe legt, dass der Mosquito keine gute Lösung ist.

Markus Achermann will keine genauen Verkaufszahlen nennen. Die Herstellerfirma hat diverse Expertisen eingeholt, die die gesundheitliche Unbedenklichkeit bestätigen sollen. Sie hat sogar bei einem Rechtsanwaltsbüro in Cambridge prüfen lassen, ob die Grundrechte dadurch eingeschränkt würden. Die Anwälte kamen zu dem Schluss, dass das Recht auf Versammlungsfreiheit nicht “das Recht von Teenagern einschließt, sich ohne bestimmtes Ziel zu versammeln.

Mit Technik soziale Probleme lösen? Nicht so einfach.

Zeitlos verloren

Wann komme ich nur endlich dazu, den (zumindest am Anfang) sehr lesenswerten Artikel Auf der Suche nach der verlorenen Zeit im Angebot von Zeit Online fertig zu lesen?

Damals, vor Web 2.0

Viel gelobt wird gerade ein Beitrag von Sascha Lobo im Zeitschriftenblog. Die Geschichte lässt sich schnell zusammenfassen: Lobo soll eine iX-Sonderausgabe zum Thema Web 2.0 rezensieren. Der Slogan von iX ist aber “Versteht nicht jeder. Ist auch besser so!” Lobo versteht nicht und so macht er das, was er am besten kann: er räsonniert ganz allgemein über Web 2.0.

Das ist zwar sehr nett geschrieben, aber irgendwie… naja. Nehmen wir ein Beispiel:

Früher entdeckte ein Einzelner, dass Kraftwerksabwässer in den Bach geleitet werden, er schrie herum und irgendwann kam eine Kuh und pupste und das war’s. Heute schreit er digital herum, mit den Mitteln des Web 2.0 – schreibt, fotografiert, filmt und verlinkt und es besteht eine gute Chance, dass irgendwann eine sehr große Kuh namens Spiegel Online ankommt und einen Pups macht, der bis in die Schaltzentrale des Kraftwerks stinkt. Und allein die Angst davor, dass es passieren könnte, verbessert die Welt.

Hallo? Wie alt ist Sascha Lobo? Lebte er im 20. Jahrhundert schon?

Damals - die elektrische Energie war übrigens grad erfunden worden - gab es so unbedeutende Kühe namens Spiegel. Das war im Prinzip wie Spiegel Online, nur etwas mehr Text, viel weniger abgeschrieben und auf einem altertümlichen Medium namens “Papier” verbreitet. Wenn damals jemand eine Kraftwerksabwasserumleitung bemerkte, konnte er zu einem so genannten “Telefon” greifen - das ist im Prinzip wie Skype, hatte aber Tasten. Oder gar eine Wählscheibe. (Wenns die Oma nicht mehr weiß, in der Wikipedia steht es noch.) Und mit diesem Gerät konnte er den Spiegel anrufen. Und wenn der dann pupste, dann roch man das nicht nur in der Schaltzentrale des Kraftwerks.

Das Telefon konnte man übrigens auch benutzen, um andere Leute anzurufen als den Spiegel. Damals waren diese Geräte nämlich fast so weit verbreitet wie der Acrobat Reader oder Flash 8 heute. So hätte der Kraftwerksabwasserumleitungsauffinder zum Beispiel auch die Redaktion des Fernsehmagazins Monitor (so etwas wie eine frühe Alpha von Youtube) anrufen können. Oder gar Greenpeace. Oder seinen Landrat. Oder das Umweltministerium. Oder gar die Lokalredaktion einer Zeitung. Allesamt wahre Meister im Pupsen.

Ja, damals lebte man durchaus schon als Individuum. Ohne Ajax, ohne Weblogs und ohne Handykameras. Aber irgendwie hat es doch geklappt.

Pornical

Die taz ist die ideale Zeitung zum Bloggen. Ich lese sie auf Papier und kann die Artikel anschließend im Volltext verlinken.

Neu ist mir dieser Vergleich aus dem Artikel Unvermitteltes Poppen von Manuela Kay:

Gerne wird Porno ja auch mit dem Genre Musical verglichen. Im Musical setzt unvermittelt Musik ein und die Darsteller beginnen plötzlich - oftmals in völlig unpassender Umgebung wie Straßen oder öffentlichen Verkehrsmitteln - zu tanzen und zu singen. Ähnlich verhält es sich mit dem Geschlechtsverkehr im Porno, der oft ansatzlos und in unvermuteter Umgebung stattfindet.

Diesen Satz will ich jedoch nicht zuende denken:

Porno ist so männlich wie Politik

Netzwerken und Erniedrigung

Die taz hat einen schönen Artikel über das Netzwerken: Raus aus der Smalltalk-Falle. Darin beschreibt Kirsten Reinhardt das Unverbindlich-in-Kontakt-bleiben um irgendwann einen Auftrag zu bekommen.

Zwanglose Kommunikation. So eine Zwanglosigkeit vorzutäuschen ist eine schwierige Angelegenheit. Man möchte es dabei schließlich nicht so aussehen lassen, als wolle oder, noch schlimmer, als brauche man etwas. Einen Job, einen Auftrag … bitte, bitte … die Rechnungen stapeln sich schon zu Hause auf dem Küchentisch. Nein, das will man nicht. Obwohl es so ist. Also tarnt man das Netzwerken unverkrampft-geschickt in einer netten E-Mail, einem Geplauder über die herrliche Herbstsonne und den tollen Film, der gerade im Kino läuft - um sich schließlich so ganz nebenbei zu erkundigen, ob die Schwangerschaftsvertretung noch frei ist.

Die Peitschen-Borchert

Kompliment an die taz für ein lesenwertes Lyssa-Portrait: Die Peitschen-Borchert.

Instant Messaging - was ist das?

Ein US-Abgeordneter wurde überführt sexuelle Botschaften an Teenager geschickt zu haben. Ein politischer Skandal und sicher nicht das, was eine Partei im Midterm-Wahlkampf braucht.

Doch wie hat er diese Nachrichten übermittelt?

Focus zum Beispiel schreibt:

Am Freitag war Mark Foley zurückgetreten, nachdem der Sender ABC berichtet hatte, der 52-Jährige aus Florida habe E-Mails und SMS mit Anspielungen auf Geschlechtsorgane

Auch Reuters Deutschland schreibt es:

In seiner ersten Reaktion auf die Affäre äußerte sich Bush am Dienstag schockiert über die SMS und E-Mails mit sexuellen Inhalten, die der Republikaner Mark Foley an Praktikanten des Kongress gesendet habe.

Der Stern bringt den Reuters-Bericht und macht es anschaulicher: Mit einem Agenturbild eines Handies über einem Laptop.

Stern Handy Symbolfoto

Der Schweizer Tagesanzeiger hat eine neue Variante:

Das inzwischen zurück getretene Mitglied des Repräsentantenhauses soll über Jahre hinweg sexuell anzügliche Botschaften per Internet und SMS an minderjährige Pagen des Kongresses in Washington geschickt haben.

Der US-Fernsehsender ABC, der die Affäre aufgedeckt hat, hat jedoch eine andere Version:

ABC News reported Friday that Foley also engaged in a series of sexually explicit instant messages with current and former pages, all male. In one message, ABC said, Foley wrote to one page, “Do I make you a little horny?”

Sprich: Der Abgeordnete Foley hat keine SMS, sondern Instant Messages verschickt. Aber die kennt ja keiner in Deutschland. Deswegen muss man das dringend umschreiben…

PS: die Redaktion von Spiegel Online hat einen Kollegen in New York die Meldung schreiben lassen - der bringt die Nachricht in diesem Punkt korrekt über den Atlantik und versorgt uns sogar mit der Abkürzung IM’s.

Tags darauf legte ABC News nach und veröffentlichte Instant Messages (IM’s), die dem Sender von “früheren Boten” zugespielt worden seien. Foley habe dabei seine private AOL-Adresse “Maf54″ benutzt (Initialen plus Geburtsjahr). Foleys Anwalt David Roth hat die Authenzität dieser IM’s inzwischen bestätigt.