Gefühle zwischen Livetickern

Ich hab gestern wenige journalistische Fehlleistungen gesehen, weil ich schlicht nicht danach gesucht habe. Ich war natürlich seit der ersten einzeiligen DPA-Meldung von dem Ereignis informiert. Sobald es eine neue Entwicklung gab, hab ich es über Twitter oder meinen normalen Nachrichtenkonsum mitbekommen. Mehr belastbare Fakten als zwei bis drei Artikel liefern können, gab es einfach nicht.

Trotzdem verstehe ich es, wenn Leute an Livetickern hängen und Sondersendungen gucken. In gewisser Weise verstehe ich es auch, wie sie offenbar wutschnaubend jede Äußerung eines Politikers als verlogen, unehrlich und charakterlos brandmarken wollen. Und auch Journalisten. Viele auf Twitter gierten geradezu auf das erste Bild der Angehörigen, auf den Johannes B. Kerner, der einem 12jährigen Mitschüler ein Mikrofon ins Gesicht hält.

Stattdessen gab ein Bilder des Bürgermeisters des kleinen Städtchens in Nordrhein-Westfalen, der sichtlich um Fassung rang. Seine Job-Beschreibung sieht solche Auftritte nicht vor. Und er wurde zum emotionalen Anker für viele, die nicht wissen, wohin mit den Gefühlen.

Viele von uns sind schon mit solchen Flügen geflogen. Wir fühlten uns sicher, haben über die Sicherheitsanweisungen lustig gemacht, trockene Toastbrote gegessen und uns auf den wohlverdienten Urlaub gefreut. Dass wir ebenso gut an einem Berg zerschellen konnten, das darf nicht sein. Egal, wie sicher Fliegen statistisch ist und wie real Autounfälle. Das darf nicht sein. Wer ist schuld? Ein Jahr wollen wir nicht warten. Wir wollen keine technischen Details, nicht wissen welches Rohr verstopft gewesen sein mag. Wer ist schuld? Nun wir wissen es halt auch nicht. Gibt es Helden? Nicht so wirklich, nur Verwundete. Wer ist schuld?

Warum wir aus #varoufake nichts lernen werden

Die Schmach von Jan Böhmermann mit Ansage veräppelt worden zu sein, ist am Publikum vorbeigegangen. Stefan Niggemeier sagt, er lernt aus der Episode. Viele sagen das. Aber wir als Ganzes — als Individuen, die sich zu Timelines organisieren — wir werden nichts lernen.

Ein simples Beispiel: Zur Sonnenfinsternis hatte ich tatsächlich ein Fake-Bild retweetet, ein dämlicher Impuls. Selbst ein flüchtiger Blick hätte mir sagen müssen, dass es eigentlich nicht so sein konnte, wie das Bild zeigte. Kein Beinbruch: Sofort sagte mir jemand Bescheid, ich entfernte den Retweet und postete stattdessen den Link auf die Erklärung, was es mit dem Bild auf sich hatte.

Doch ich handelte in der Logik der Retweets und Social-Media-Rankings absolut irrational. Ich hätte beide Versionen verbreiten sollen. Guckt mal, so sieht die Sonnenfinsternis im Weltall aus. Und dann hätte ich mich darüber profilieren sollen, dass ich den Fake enttarne.

Wie es zum Beispiel Martin Oswald tat, der das Bild nicht einfach retweetete, sondern ohne Quelle mit seiner eigenen Beschreibung verbreitete. Oswalt weist sich in seiner Twitter-Biographie als Journalist, Community Manager, Dozent für New Media und obendrein als Leiter der Online bei den Schweizer Sendern SRF1 und SRF3 aus.

https://twitter.com/oswaldmartin/status/578846689500536832

Wie ich wurde Oswald sofort auf den Fehler aufmerksam gemacht. Und er wurde gebeten das Bild doch zu löschen. Seine Antwort hat mich ehrlich gesagt etwas schockiert.

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Selbst als er auf Twitter schließlich zustimmt, dass diese Ausrede falsch sei, gibt er sich nur einsichtig — löscht aber den Tweet nicht. Es ist schließlich schön und populär. Warum sollte sich ein Journalist also drum kümmern sein Publikum richtig zu informieren? Er hätte auf die ganzen Retweets und „Favs“ verzichten müssen, die ihn als Influencer kennzeichnen. Und der Influencer-Status ist im Was-mit-Medien-Geschäft bares Geld wert. Wenn ich kein Influencer bin, interessiert es ja keinen, wenn ich mal die Wahrheit sage.

Ein banales, alltägliches Beispiel. Aber es zeigt sehr schön, wie wir in Mechanismen gefangen sind, die Fakten als unwichtig einstufen. Sie dienen oft nur noch als Inspiration dafür, wie man Leute polarisieren, aufbringen oder begeistern kann. Was auch wieder eine polarisierende Formulierung ist — denn frei nach der Brechtschen Radio-Theorie polarisieren wir uns mittlerweile selbst.

Zurück zu #varoufake: Auch mehrere Tage nach dem Ereignis schwirrt immer nur dieser Finger durch meine Timelines. Obwohl sich alle einig sind, dass der Finger ein Nicht-Thema ist, scheint die Debatte nur noch um ihn zu kreisen. Die griechische Regierung hat die Troika aus dem Land gewiesen. Nun beginnt endlich die schmerzhafte Auseinandersetzung, wie Varoufakis ein Steuersystem schaffen will, das den Abzockern keine freie Hand mehr gibt. Auf Plattformen wie rivva.de habe ich dazu keinerlei Debatte gesehen.

Stattdessen finde ich hier grade eine ganze Reihe von Artikeln, die sich mit dem aktuellen Spiegel-Cover beschäftigen. Und obwohl wir wissen, dass das Diskussionen sind, die nur ablenken, obwohl Günther Jauch mit viel Kopfnicken als Symbol der Überforderung identifiziert wird, werden auch heute abend viele einschalten, um sich polarisieren zu lassen.

Salute to Sam

Automatisch schnellt die Hand von Hauptmann Mumm Sir Samuel Vimes zur unteren Schublade, umschließt den Hals einer Flasche. Ohne sein Großhirn zu bemühen entkorkt Vimes die Flasche, seine Nase kostet den verführerischen Hauch von Jimkin Bearhugger’s Whiskey und in einer fließenden Bewegung wirft sein Arm die Flasche an die Wand. Morgen wird er das Büro nicht betreten können, weil der Geruch des Fusels unerträglich sein wird. Unerträglich zu ertragen und gleichzeitig unerträglich zu widerstehen. Aber Vimes wird sowieso nicht hier sein. Denn er hat einen Termin auf dem Friedhof der Geringen Götter.

Ich weiß nicht mehr genau, wann ich zum ersten Mal zu einem Buch von Terry Pratchett gegriffen habe. Es war „Das Licht der Fantasie“, die deutsche Version. Und als alter H2G2-Fan fühlte ich mich sofort zu Hause. Ich fand jemand, der die alten, überkommenen Fantasy-Schinken auf die Schippe nahm, der sich nicht zu schade war, auch mal offen albern zu sein. Und ein erstaunliches Talent hatte, nicht auf seinen Witzen auszurutschen.

Fasziniert verfolgte ich, wie da ein Polizeireporter aus England sich anschickte eine Welt zu bauen. Sein Fundament war eine Schildkröte, sein Baumaterial waren Stein und Gold und Klischees. Mit seinem analytischen Verstand hat Pratchett ständig versucht die Welt zu verstehen. Und scheiterte an den Menschen. Kurzerhand griff er sich die Klischees und warf sie an die Wand. Und erkannte verzückt, dass sich da ein Gemälde bildete.

Manche Bücher mochte ich mehr, manche mochte ich weniger. Hohe Literatur war sicher keins von ihnen, aber Pratchett schaffte es seinen Figuren eine Menschlichkeit zu geben, die viele vermeintlich ernsthaftere Autoren vermissen lassen. So wie der scheinbar simple Carrot Ironfoundersson in jedem Band unvermutete Tiefen zeigt, bekommen alle Charaktere immer mal wieder neue Seiten. Mit kleinen Ausnahmen. Colon ist immer fett und langsam, der Butler Willikins wird zwischenzeitlich durch einen geläuterten Psychopathen ausgetauscht. Aber insgesamt bewahrte Pratchett eine erstaunliche Konsistenz für diese Welt im Turbo-Durchgang. In einem Band wird die Presse erfunden, im nächsten eine Proto-Version des Internets. Samt seiner Nerds.

So wie Terry Pratchett seine Fantasiewelt erschaffen hatte, hat er auch sein eigenes Leben kontrolliert. Wut war seine innere Triebfeder, aber auch Neugierde, Verständnis und ein gutes Stück Albernheit. Er ließ sich ein Oberservatorium auf sein Grundstück bauen und trug zu PR-Terminen schwarze Kleidung und alberne Hüte. Ridcullyous. Seine Tiefen wollte er uns nicht zeigen. Als sich die Nicht-Scheibenwelt unerträglich aufdrängte, ging er in die Offensive und ließ uns teilhaben an seiner Krankheit.

Was bleibt? Nein, seine Scheibenwelt wird nicht sterben — auch wenn ich wohl keines der Nachfolger-Bücher anfassen werde. Was bleibt, ist es einen Meister des Klischees zu ehren.

„KNOCK KNOCK!“
„Who’s there?“
„DEATH!“
„Death who?“
„DEATH YOU, TERRY!“

Rest in peace. Or don’t. If you like.

Wie ich mich mit De-Mail anfreunden kann

1. Macht es kompatibel.

Ich verstehe: De-Mail kann nicht voll kompatibel zur E-Mail sein. Sonst könnte das System seine Vorteile nicht ausspielen und müsste mit allen Nachteilen der E-Mail leben. Aber es gibt meines Erachtens keinen Grund, warum mein E-Mail-Programm keine De-Mails lesen können soll. Authentifizierungen oder Lesebenachrichtigungen können hier ohne große Probleme nachgerüstet werden. Und wenn mein Desktop-Client De-Mail kann, brauche ich zum Beispiel auch keine Browser-Plugins für PGP.

2. Macht es grenzübergreifend

Ich kommuniziere nicht allzu viel mit Menschen aus den Nachbarländern, aber ab und zu schon. Was spricht dagegen, dass neben De-Mail ein FR-Mail, ein Be-Mail und ein UK-Mail aufmacht, die alle miteinander reden können? Wenn so gar kein anderes Land mit einsteigt, ist die Idee wohl noch schlechter als die Beibehaltung der Sommerzeit. Bei den Chips auf dem E-Perso wurde schließlich auch Kompatibilität vorausgesetzt. Ein durchgehender Open-Source-Ansatz ist hier natürlich Voraussetzung.

3. Seid Dienstleister für den Empfänger

Bisher sehe ich De-Mail nur als Dienstleitung für den zahlenden Kunden: Die Versicherer und Behörden, die Millionen von Briefen versenden müssen in der vagen Hoffnung, dass sie im richtigen Briefkasten landen. Für sie ist De-Mail ein doppelter Gewinn: Sie sparen Kosten und die Schreiben gelten darüberhinaus als rechtssicher zugestellt.

Für mich als Empfänger jedoch bietet De-Mail nichts. Ich bin dafür verantwortlich, mich regelmäßig einzuloggen und nicke alles ab, was ich übersehe. Um mich zu überzeugen: Wie wären ein paar gute Filtermechanismen? Automatische Abmeldeknöpfe in Newslettern und flexible Benachrichtigungsoptionen. Schafft die Zustellungsfiktion ab, wenn ihr ganz genau wisst, dass ich eine Mail nicht gelesen habe. Wer hingegen kommerziell De-Mails versenden will, muss auch Vertragskündigungen über De-Mail annehmen.

4. Verabschiedet Euch von der Insel

Statt einen Dienst zu schaffen, der verschiedenste Systeme verbindet, ist De-Mail als Insel konzipiert. Mein Finanzamt beispielsweise — eine der wenigen Behörden mit denen ich tatsächlich regelmäßig korrespondiere, hat keine De-Mail-Adresse, sondern ein separates sicheres E-Mail-System.

Das liegt nicht nur an der mangelnden Adaption von DeMail und der Inkompatibilität mit allen anderen Systemen — auch dem Finanzbeamten bringt De-Mail nichts. Er muss sich im Zweifel immer noch durch einen Wust von Zahlen wühlen. Stattdessen könnte De-Mail auch neue, maschinenlesbare Formate zum Einsatz bringen. Alle Rechnungen die ich zur Einkommenssteuererklärung einreiche, könnten mit der passenden Kategorienbezeichnung, Steuersätzen und Absetzbarkeitsbestimmungen direkt in meinem Auftrag ans Finanzamt geschickt werden. Eigentlich bräuchte ich gar keine Steuererklärung mehr zu machen — nur in absoluten Ausnahmefällen mal einen Papierbeleg einscannen und hinterher schicken. Stattdessen sammle ich nun Belege im echten und im digitalen Schuhkarton.

5. Nehmt das Verzeichnis ernst

Einer der großen Vorteile von De-Mail ist ein Nutzerverzeichnis, ein Telefonbuch für gültige Adressen. Doch bisher macht ihr nichts damit. Ich kann keine Opt-Ins im Adressbuch hinterlegen, ich kann nicht festlegen, dass ich nicht ohne ausdrückliche Anforderung keine Werbebotschaften will. Ich kann auch nicht meine Schlüssel-IDs hinterlegen, sodass mir tatsächlich jemand gesicherte Botschaften zukommen lassen kann. Was für ein enormes Potenzial liegt hier brach.