Postpiracy?

Eben hab ich mir eine Folge „Castle“ auf DVD angesehen. Ich musste nicht Mal auf einen Grauimport zurückgreifen um die Staffel 3 zu kaufen, während gerade Mal die Staffel 4 grade in den USA läuft. Früher musste man jahrelang warten und bekam dafür nicht einmal einen ordentlichen Audio-Kommentar.

Auf meinem Handy habe ich Simfy installiert und zwei Radio-Apps. Der Podcast-Client schaufelt mir jede Woche zwei Folgen des WTFPods, eine von The Moth, eine von This American Life und unzählige von Dradio auf das Handy.

Mein DVD-Festplattenrekorder hat mit Basis-DVB-T-Empfang so viele Sendungen abgespeichert, dass ich eine Woche Urlaub bräuchte, um alles Sehenswerte tatsächlich anzusehen. Vier Mal pro Woche kann ich kostenlos die aktuellen Folgen von Stephen Colbert und Jon Stewart online ansehen, heute show und extra drei sowieso — falls ich dazu noch die Zeit finden sollte.

Es hat sich einiges getan in den letzten Jahren. Wenn ich Mal auf Thepiratebay gucke, dann nicht um etwas herunterzuladen, sondern um nachzusehen wie populär gewisse Dateien sind. Oder ob es blockiert ist. Vergangene Woche habe ich sogar dort nachgesehen, wie lange wohl die Spielzeit eines Hörbuchs ist, weil Amazon in seiner unerfindlichen Weisheit diese Information Käufern vorenthält. Heruntergeladen habe ich es mir nicht. Mein Bittorrent-Client hat mir zuletzt 20 Vorträge von Chaos Communication Congress heruntergeladen. Und die neue Version von OpenSuSE.

Aber ob die Medienindustrie sich ohne „Piraten“ so schnell verwandelt hätte? Garantiert nicht. Ich persönlich brauche ihre Dienste nicht. Aber dennoch sind sie nicht obsolet. Die Geräte in unseren Händen verwandeln sich in Medien-Eunuchen: glitzernd, glatt und unfähig über die Monopolgrenzen hinwegzusehen. Statt die Kostenlos-Konkurrenz von Piraten zu entledigen, wollen sich die Medienkonzerne gleichzeitig auch der legalen Konkurrenz entledigen.

Ist das Postpiracy-Zeitalter angebrochen? Noch nicht.