Die Zukunft ist closed

Abobe vergießt im Firmenblog bittere Tränen darüber, dass Apples neuster Kreation Mal wieder etwas fehlt – etwas ganz substantielles:

And without Flash support, iPad users will not be able to access the full range of web content, including over 70% of games and 75% of video on the web. If I want to use the iPad to connect to Disney, Hulu, Miniclip, Farmville, ESPN, Kongregate, or JibJab — not to mention the millions of other sites on the web — I’ll be out of luck.

Nun – ich bin kein gewaltiger Fan von Flash. Zwar hat Adobe mit seinem Flash-Player Video im Web revolutioniert, Angebote wie YouTube erst möglich gemacht und dabei nicht einmal Linux-User ausgeschlossen. Aber in den letzten Jahren wurde Flash zunehmend lästig: immer neue Sicherheitslücken und immer neue Kopierschutzmechanismen zeigen die Nachteile einer proprietären, geschlossenen Technik. Stand vor Jahren noch das Bemühen an erster Stelle, Inhalte möglichst einfach abzurufen, ist Flash heute zum beliebten Mittel geworden, die neuen Möglichkeiten zu beschneiden. Ein Radiokonzert online mitschneiden, wie es im analogen Zeitalter Alltag war? Da sei Flash vor! Die lästigen Werbespots in der TV-Serie einfach überspielen wie am heimischen Videorekorder? Wiederum: nicht mit Flash.

Insofern wäre Apples Unterstützung für ein flash-ärmeres Web sicher unterstützenswert – alleine: hier wird der Teufel mit dem Beelzebub ausgetrieben. Selbst die Apple-Fanboys von TUAW haben es kapiert. Nicht etwa die mangelnde Performance von Flash unter MacOS (die kaum schlechter sein kann als die von iTunes-Umsetzung unter Windows) ist der erste Grund eine Flash-Adaptierung zu verhindern:

As for Hulu and a few of the other specific sites mentioned in Adobe’s rant, now that Apple is in the business of selling content, exactly how is it in the company’s best interest to provide access to that same content, through another company’s platform, for free?

Der Traum der Content-Industrie: ein Gerät, dass die lästige Konstenlos-Konkurrenz ausschließt. Das den Wettbewerb effektiv beschränkt. Und trotzdem millionenfach gekauft wird. Bei Flash-Streams konnten findige User immer noch den Output der Soundkarte und der Grafikkarte mitschneiden und über Tauschbörsen verbreiten. Bei iPad ist das nicht möglich – im App Store wird niemals eine Filesharing-Software erscheinen. Zudem ist das Gerät so verdongelt, dass Apple dem Gerät nicht mal einen HDMI-Anschluss spendiert hat. So viel Dreistigkeit kann doch keinen Erfolg haben, oder? Apple muss doch dem Freiheitswillen des Webs nachgeben? Auch sie können dem freien Internet auf Dauer keine Fesseln anlegen – egal wie schick sie nun aussehen mögen!

Oder vielleicht doch? Heute hat auch Amazon seine Quartalszahlen bekannt gegeben

“Millionen Menschen besitzen jetzt Kindles”, kommentierte aber Gründer und Unternehmenschef Jeff Bezos die Geschäftszahlen. “Und Kindle-Besitzer lesen viel.” Mittlerweile seien 410.000 (meist englischsprachige) Titel zu haben. Amazons Medien-Verkäufe insgesamt stiegen weltweit im abgelaufenen vierten Quartal um 29 Prozent auf 4,68 Milliarden US-Dollar.

Der Kindle ist das mit Abstand meist verdongelte Device, was derzeit zu haben ist. Zwar stellt sich die Unterstützung für Flash wegen der ungeeigneten Hardware gar nicht, aber dass E-Books anderer Anbieter auf dem Kindle gelesen werden, hat Amazon effektiv verhindert. Nicht mal ungeschützte ePub-Bücher lassen sich auf dem Gerät lesen. Und trotzdem verkauft es sich wie warme Semmeln.

Auch auf dem Buchmarkt mischen Apple und Adobe jetzt mit. So beschwert sich Adobe-Mitarbeiter Adrian Ludwig weiter:

Unlike many other ebook readers using the ePub file format, consumers will not be able to access ePub content with Apple’s DRM technology on devices made by other manufacturers.

Auf Deutsch: die Kopierverhinderer von Adobe kabbeln sich mit den Kopierverhinderern von Apple und mit denen von Amazon. Dass der harte Wettbewerb zu einem echten Standard führt, der den Kunden wieder eine echte Wahl zwischen Geräten, Verkäufern und Titeln lässt, ist nicht zu erwarten. Und offenbar von den Kunden auch nicht gewünscht. Nein, es wird nur einer gewinnen und der darf dann schließlich auch Harry Potter als E-Book verkaufen. Und schon schießen die Verkaufszahlen wieder in die Höhe.

Der Computer als Universalmaschine? Nicht mehr lange.

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7 Comments.

  1. passt perfekt in mein Bild bis zur letzten Frage. Die verstehe ich nicht.

  2. Wenn Hulu seine Streams als h.264 liefern würde könnten sie problemlos auf dem iPad oder iPhone abgespielt werden.

  3. Stephen Fry beschreibt es gut http://www.stephenfry.com/2010/01/28/ipad-about/

    mir selbst missfällt diese geschlossene Welt auch, für meine Mutter oder gar Oma ist sie aber genau was sie brauchen: einfach, dau-tauglichen Zugang zum internet

  4. Die Diskussion wird meistens auf “kein Flash auf Apple Geräten verengt”. In Nerdkreisen bei denen Flash oft kein hohes Ansehen genießt (BTW: wie wollt Ihr sowas wie das Hobnox Audiotool eigentlich in Javascript realisieren? Bin gespannt *ggg*) kommt dann sehr schnell feixende Zustimmung hoch. Lassen wir mal die Antipathien gegen Flash beiseite, so stellen wir fest: Apple läßt *Überhaupt keine* Plugins zu. Kein Unity, kein Silverlight kein pdf-Reader, nada.

    Und da hört es nicht auf: Wenn ich keinen Bock auf den Safari-Browser habe, sondern lieber mit Fox oder Chrome surfe brauch ich mir das Ding garnicht erst anzuschaffen. Bevor eine Firefox App es in den Appstore schafft wird der Papst Moslem.

    Von daher wäre es sinnvoll sich von der Denke zu verabschieden, dass es sich um einen Computer handelt. Es ist ein in Hardware gegossener Webbrowser. Und ich muss mich von dem Gedanken verabschieden, dass ich selbst entscheiden kann auf welche Inhalte ich auf einem derartigen Gerät zugreifen kann, denn Inhalte die hinter eine “Plugin-Wall” versteckt sind sind trotz allem Inhalte.

    Und die können lästig sein: hochqualitative Flashgames im Web gibts zu 100ten für umme. wer würde sich das Zeug dann noch im Appstore kaufen?

    Ich bin im Zweifel, ob dieses Gerät ein solcher Knaller sein wird, wie die gleichgeschaltete Presse im Moment annimmt.

  5. Jörg: Der Computer wurde zuerst als Universalmaschine erdacht, die quasi alle anderen Maschinen simulieren können sollte. Es scheint aber lukrativer zu sein, ein paar Möglichkeiten wegzulassen.

    Tralafiti: So schön Stephen Fry schreibt, so wenig schlau wird man aus dem Text. Das Ding hat ihm im abgedunkelten Vorführraum toll gefallen. Wenn ich danach gehe, wimmelt es auf der CeBit vor Gamechangern. Besonders lustig finde ich die Behauptung, dass das iPhone auch ohne kommerziellen Erfolg der Gamechanger geworden wäre.

    dirk: So gleichgeschaltet ist die Presse gar nicht. Es wimmelt nur so vor Gegen-den-Strom-Schwimmern, die das iPad wenig substantiell verreißen, weil sie den Hype nervtötend fanden.

  6. By restricting the web platform on the iPhone and iPad to open, patent-free, technologies, Apple has created a highly desirable market for pure-HTML5 apps. This is, frankly, a win for supporters of open technologies.

    The Irony of the iPad: A GREAT Day for Open Technologies

  7. Ja, dass Apple bei HTML5 hinter Chrome und Firefox hinterherdackelt, macht total vergessen, dass kein einziger patentfreier Musik- oder Audiocodec auf dem iPod läuft oder nachzuinstallieren ist. Und dass die HTML5-Implementation von Apple keine Ogg-Videos abspielt, sondern alleine das very, very non patent-free H 264. Strong commitment :-)

    Meiner Meinung nach steckt hinter der leichten Lockerung der Restriktionen für die mobile Version des Safari alleine der Versuch, Flash abzuhängen. Auf dem Mini-Bildschirm des iPod war die Abwesenheit einfacher zu verschmerzen, da man hier sowieso keine ausgewachsenen Webseiten zur Gänze nutzen konnte.

    http://theflashblog.com/?p=1703

    http://al3x.net/2010/01/28/ipad.html